Vorläufige Diagnostik, noch etwas wirr
Na, da stimmt man der Jungle World ja mal von ganzem Herzen zu, zumindest passagenweise, zum Beispiel dem hier:
"Angesichts der Krise der Weltwarengesellschaft fliehen die modernen Weltbürger in kulturalistisch definierte Gemeinschaftlichkeit und suchen Halt in der Pseudoeindeutigkeit von Freund-Feind-Verhältnissen, indem sie ethnische und religiöse Differenzen zu Wesensgegensätzen überhöhen. Diese Flucht droht zu einem sich selbst verstärkenden Prozess zu geraten, der die weitere Krisenentwicklung entscheidend prägen dürfte."
Ja, es geht - um den Luhmann mal wieder zu reanimieren - um Komplexitätsreduktion mit fatalen Folgen. Diese ganze Gerede vom Kampf "des Westens" gegen "den Islam" halte ich ja sowieso für falsch - ebenso wie alle Versuche (auch die von Jörg Lau), eine universalistische, im Rationalismus gründende Moral zur Leitkultur zu verklären.
Identitätsmodelle gehören in den kulturellen Kanon, eine Moral wechselseitiger Anerkennung innerhalb der berühmten Grenzsetzung Kants ist nicht selbst Kultur, sondern ein Rahmen, innerhalb dessen sich Individuen unterschiedlichster Selbstverständnisse dann tummeln können. Kann man jetzt als Begriffswichserei empfinden, ist es aber dann nicht, wenn man Begriffe nicht neu definieren will, sondern stattdessen mit vorhandenen Begriffen und deren Grammatik erst mal arbeiten möchte.
Ich stimme jedoch auch MartinMs Diagnose keineswegs zu, über den ich auf den Jungle-World-Text stieß:
"Im "Kulturkampf" unterscheide ich eine Richtung (zu der ich mich ohne Einschränkung zähle), die ich rational-humanistisch nennen, zu der ich übrigens (mit Einschränkungen) sogar Papst Benedikt zähle. Kennzeichnend für diese Richtung ist die Auffassung, dass "Vernunft" und "Glauben" kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören und das Religion, Wissenschaft, Metaphysik, Politik usw. letzten Endes für den Menschen da sind, und nicht der Mensch für die Religion, Wissenschaft usw. usw..
Auf der anderen Seite, der des "Fundamentalismus" verorte ich Menschen, die genau der gegenteiligen Ansicht sind: "Göttliche Offenbarung" hat gegenüber menschlicher Vernunft stets den Vorrang, und der Mensch ist für die Religion da. Wobei es durchaus auch "weltliche" Fundamentalisten gibt, für die sekuläre Ideologien an Stelle der "göttlichen Offenbarung" treten - was einen ideologischen Materialismus oder eine ideologische "Wissenschaftsgläubigkeit" einschließt."
Sorry für das lange Zitat, aber da lohnt ja die Auseinandersetzung. Ich plädiere eher für die Reformulierung systemtheoretischer Einsichten in einem Konzept der Diskurstypen und sehe ...
... die Kulturkämpfe immer dann entflammen, wenn ein Kurzschluß zwischen zwei Typen Funken schlägt oder einer den anderen die Inhalte vorgeben will. Stattdessen bedarf es einer Hierarchisierung derer mit guten Gründen.
Selbst Komplexität reduzierend, kann man guten Gewissens behaupten, daß die verschiedenen Diskurstypen verschiedene Perspektiven auf Welt darstellen und sowohl einen verständigungsorientierten, argumentativen Gehalt wie auch einen funktionalen Sinn haben. Als Basis-Diskurse würde ich mal vorrübergehend und provisorisch Religion, Politik, Ästhetik, Wissenschaft, Ökonomie und Moral behaupten. Das ist, weil's eben provisorisch ist, ein Mix aus den Kantischen Rationalitätstypen und den gesellschaftlichen Subsystemen Luhmanns.
Innerhalb dieser Diskurstypen lassen sich je unterschiedliche Logiken konstatieren: Politik kann beispielsweise als Kunst des Regierens oder Beschreibung der Funktionsweise der Prozesse des Entstehens eines gemeinschaftlichen Willens verstanden werden (um nur zwei Logiken zu bestimmen). Ökonomie kann entweder als Nutzenkalkül oder als Versorgungsmodus von Menschen behandelt werden. Religion kann als Spiritualität z.B. in der Meditation oder in der Naturmystik verstanden werden oder als Regulierung von Lebensformen.
Diese Diskurstypen können je unterschiedlich aufeinander bezogen sein. Als aktuelle Frontstellung im Rahmen dessen, was Huntington sinnvoll meinen könnten, prallen vor allem ein Kurzschluß zwischen Ökonomie und Politik auf der einen Seite, Religion und Politik auf der anderen Seite aufeinander.
In dieser extremistischen Reinform läßt sich das lebensweltlich wohl eher in den Randsphären der jeweiligen Gesellschaften auffinden; global ist diese Auseinandersetzung wohl aktuell die dennoch dominante.
Was jedoch dabei nicht ignoriert werden darf, ist, daß innerhalb der Gesellschaften selbst diese Kämpfe ja auch toben. Diese diskursive Gleichschaltung ganzer Gesellschaften ist ja deskriptiv unsinnig. Was Martin oben beschreibt, läßt sich in einem solchen, diagnostischen Rahmen wohl besser fassen - was der Papst betreibt, ist ja nur deshalb rationalistisch-humanistisch, weil er die Leitwährung aller Diskurstypen, Rationalität in verschiedenen Modi, einfach exklusiv an die Religion koppeln will und damit Islamisten näher steht, als er zugibt.
Ich plädiere stattdessen dafür, argumentativ auszuweisen, daß die besten Gründe in dem ganzen Gerangel aus dem Politischen auf der Basis einer universalistischen Moral zu gewinnen sind. Weil Moral den Rahmen eines gelingenden Miteinanders darstellt, nicht kulturelle Identität, die in der Regel eine spezifische Form der Ästhetik ist. Und weil Politik, nicht als Regierungskunst, sondern als die Beantwortung der Frage, wie wir zusammen leben wollen, den Inhalt dieses Rahmens formuliert.
Noch nicht geschrieben habe ich über das Recht. Ich glaube, daß dieses die eigentliche Folgediskussion ist: Traditionell hat Recht eher Formen der Besitzstandswahrung formuliert, ich vermute, weiß es aber nicht, daß das auch für das islamische Recht gilt.
Stattdessen hat es eher an den politischen Diskurstypus gekoppelt zu werden, und ob das z.B. in der deutschen Rechtspraxis wirklich der Fall ist, müßte man erst mal untersuchen - und zwar Politik im argumentativen Sinne, nicht im Sinne der Interessenpolitik. Das ist kein Plädoyer gegen Gewaltenteilung, ganz im Gegenteil - dadurch, daß Moral den Rahmen vorgibt, formuliert in den Grund- und Menschenrechten, ist jener Filter eingebaut, daß eine Justiz, die den für Moral konstitutiven Standpunkt der Unparteilichkeit verkörpern sollte, nicht politisch-parteilichen Interessen folgen darf.
Wie gesagt: Alles rein vorläufig. Klar ist in diesem Habermas-Light-Modell, daß das, was wir Fundamentalismen nennen, entweder die Reduktion auf einen Diskurstypus ist oder aber der Kurzschluß zwischen zweien. Letzteres gilt auch für den Ökonomismus.
Dem gegenüber kann in Moral fußende Politik deshalb Vorrang beanspruchen, weil sie die Regeln formuliert, daß wirklich alle gleichermaßen zum Zuge kommen in der Frage, wie wir denn miteinander leben wollen - und welche Lebensbereiche ein solche Diskussion überhaupt betrifft. Andere Diskurstypen entscheiden das über die Köpfe der Menschen hinweg. Moral respektiert jeden gleichermaßen, und Politik in ihrer demokratischen Form fragt einen jeden, wie er sich's vorstellt.
Daß zum Bereich des Politischen dann nicht Fragen der Wohnzimmereinrichtung gehören, darauf kann man sich im Rahmen dessen dann wohl auch schnell verständigen ...






