" /> Metalust & Subdiskurse: September 2006 Archive

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29.09.06

Vorläufige Diagnostik, noch etwas wirr

Na, da stimmt man der Jungle World ja mal von ganzem Herzen zu, zumindest passagenweise, zum Beispiel dem hier:


"Angesichts der Krise der Weltwarengesellschaft fliehen die modernen Weltbürger in kulturalistisch definierte Gemeinschaftlichkeit und suchen Halt in der Pseudoeindeutigkeit von Freund-Feind-Verhältnissen, indem sie ethnische und religiöse Differenzen zu Wesensgegensätzen überhöhen. Diese Flucht droht zu einem sich selbst verstärkenden Prozess zu geraten, der die weitere Krisenentwicklung entscheidend prägen dürfte."

Ja, es geht - um den Luhmann mal wieder zu reanimieren - um Komplexitätsreduktion mit fatalen Folgen. Diese ganze Gerede vom Kampf "des Westens" gegen "den Islam" halte ich ja sowieso für falsch - ebenso wie alle Versuche (auch die von Jörg Lau), eine universalistische, im Rationalismus gründende Moral zur Leitkultur zu verklären.

Identitätsmodelle gehören in den kulturellen Kanon, eine Moral wechselseitiger Anerkennung innerhalb der berühmten Grenzsetzung Kants ist nicht selbst Kultur, sondern ein Rahmen, innerhalb dessen sich Individuen unterschiedlichster Selbstverständnisse dann tummeln können. Kann man jetzt als Begriffswichserei empfinden, ist es aber dann nicht, wenn man Begriffe nicht neu definieren will, sondern stattdessen mit vorhandenen Begriffen und deren Grammatik erst mal arbeiten möchte.

Ich stimme jedoch auch MartinMs Diagnose keineswegs zu, über den ich auf den Jungle-World-Text stieß:


"Im "Kulturkampf" unterscheide ich eine Richtung (zu der ich mich ohne Einschränkung zähle), die ich rational-humanistisch nennen, zu der ich übrigens (mit Einschränkungen) sogar Papst Benedikt zähle. Kennzeichnend für diese Richtung ist die Auffassung, dass "Vernunft" und "Glauben" kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören und das Religion, Wissenschaft, Metaphysik, Politik usw. letzten Endes für den Menschen da sind, und nicht der Mensch für die Religion, Wissenschaft usw. usw..
Auf der anderen Seite, der des "Fundamentalismus" verorte ich Menschen, die genau der gegenteiligen Ansicht sind: "Göttliche Offenbarung" hat gegenüber menschlicher Vernunft stets den Vorrang, und der Mensch ist für die Religion da. Wobei es durchaus auch "weltliche" Fundamentalisten gibt, für die sekuläre Ideologien an Stelle der "göttlichen Offenbarung" treten - was einen ideologischen Materialismus oder eine ideologische "Wissenschaftsgläubigkeit" einschließt."

Sorry für das lange Zitat, aber da lohnt ja die Auseinandersetzung. Ich plädiere eher für die Reformulierung systemtheoretischer Einsichten in einem Konzept der Diskurstypen und sehe ...

... die Kulturkämpfe immer dann entflammen, wenn ein Kurzschluß zwischen zwei Typen Funken schlägt oder einer den anderen die Inhalte vorgeben will. Stattdessen bedarf es einer Hierarchisierung derer mit guten Gründen.

Selbst Komplexität reduzierend, kann man guten Gewissens behaupten, daß die verschiedenen Diskurstypen verschiedene Perspektiven auf Welt darstellen und sowohl einen verständigungsorientierten, argumentativen Gehalt wie auch einen funktionalen Sinn haben. Als Basis-Diskurse würde ich mal vorrübergehend und provisorisch Religion, Politik, Ästhetik, Wissenschaft, Ökonomie und Moral behaupten. Das ist, weil's eben provisorisch ist, ein Mix aus den Kantischen Rationalitätstypen und den gesellschaftlichen Subsystemen Luhmanns.

Innerhalb dieser Diskurstypen lassen sich je unterschiedliche Logiken konstatieren: Politik kann beispielsweise als Kunst des Regierens oder Beschreibung der Funktionsweise der Prozesse des Entstehens eines gemeinschaftlichen Willens verstanden werden (um nur zwei Logiken zu bestimmen). Ökonomie kann entweder als Nutzenkalkül oder als Versorgungsmodus von Menschen behandelt werden. Religion kann als Spiritualität z.B. in der Meditation oder in der Naturmystik verstanden werden oder als Regulierung von Lebensformen.

Diese Diskurstypen können je unterschiedlich aufeinander bezogen sein. Als aktuelle Frontstellung im Rahmen dessen, was Huntington sinnvoll meinen könnten, prallen vor allem ein Kurzschluß zwischen Ökonomie und Politik auf der einen Seite, Religion und Politik auf der anderen Seite aufeinander.

In dieser extremistischen Reinform läßt sich das lebensweltlich wohl eher in den Randsphären der jeweiligen Gesellschaften auffinden; global ist diese Auseinandersetzung wohl aktuell die dennoch dominante.

Was jedoch dabei nicht ignoriert werden darf, ist, daß innerhalb der Gesellschaften selbst diese Kämpfe ja auch toben. Diese diskursive Gleichschaltung ganzer Gesellschaften ist ja deskriptiv unsinnig. Was Martin oben beschreibt, läßt sich in einem solchen, diagnostischen Rahmen wohl besser fassen - was der Papst betreibt, ist ja nur deshalb rationalistisch-humanistisch, weil er die Leitwährung aller Diskurstypen, Rationalität in verschiedenen Modi, einfach exklusiv an die Religion koppeln will und damit Islamisten näher steht, als er zugibt.

Ich plädiere stattdessen dafür, argumentativ auszuweisen, daß die besten Gründe in dem ganzen Gerangel aus dem Politischen auf der Basis einer universalistischen Moral zu gewinnen sind. Weil Moral den Rahmen eines gelingenden Miteinanders darstellt, nicht kulturelle Identität, die in der Regel eine spezifische Form der Ästhetik ist. Und weil Politik, nicht als Regierungskunst, sondern als die Beantwortung der Frage, wie wir zusammen leben wollen, den Inhalt dieses Rahmens formuliert.

Noch nicht geschrieben habe ich über das Recht. Ich glaube, daß dieses die eigentliche Folgediskussion ist: Traditionell hat Recht eher Formen der Besitzstandswahrung formuliert, ich vermute, weiß es aber nicht, daß das auch für das islamische Recht gilt.

Stattdessen hat es eher an den politischen Diskurstypus gekoppelt zu werden, und ob das z.B. in der deutschen Rechtspraxis wirklich der Fall ist, müßte man erst mal untersuchen - und zwar Politik im argumentativen Sinne, nicht im Sinne der Interessenpolitik. Das ist kein Plädoyer gegen Gewaltenteilung, ganz im Gegenteil - dadurch, daß Moral den Rahmen vorgibt, formuliert in den Grund- und Menschenrechten, ist jener Filter eingebaut, daß eine Justiz, die den für Moral konstitutiven Standpunkt der Unparteilichkeit verkörpern sollte, nicht politisch-parteilichen Interessen folgen darf.

Wie gesagt: Alles rein vorläufig. Klar ist in diesem Habermas-Light-Modell, daß das, was wir Fundamentalismen nennen, entweder die Reduktion auf einen Diskurstypus ist oder aber der Kurzschluß zwischen zweien. Letzteres gilt auch für den Ökonomismus.

Dem gegenüber kann in Moral fußende Politik deshalb Vorrang beanspruchen, weil sie die Regeln formuliert, daß wirklich alle gleichermaßen zum Zuge kommen in der Frage, wie wir denn miteinander leben wollen - und welche Lebensbereiche ein solche Diskussion überhaupt betrifft. Andere Diskurstypen entscheiden das über die Köpfe der Menschen hinweg. Moral respektiert jeden gleichermaßen, und Politik in ihrer demokratischen Form fragt einen jeden, wie er sich's vorstellt.

Daß zum Bereich des Politischen dann nicht Fragen der Wohnzimmereinrichtung gehören, darauf kann man sich im Rahmen dessen dann wohl auch schnell verständigen ...

28.09.06

Der eindimensionale Mensch oder: Was angemessen ist, läßt sich nicht vermessen - Gadamer lesen!

So wacht man morgens auf und denkt an Hans-Georg Gadamer. Habe den nie selbst gelesen. Wird wohl langsam Zeit. Er war aber in meinem Studium immer einer der großen Namen, der ehrfurchtsvoll auch von jenen behandelt wurde, die ihn kritisierten und als einen der Ahnherren der Vernunftkritik behandelten. Wobei auch jene Gadamer zugestanden haben, einen erweiterten Begriff des Vernünftigen entwickelt haben zu wollen, keinen methodischen Irrationalismus beschworen zu haben und auch kein Stehenbleiben bei Hermenuetik, um problemorientiertem Denken das Wasser abzugraben.

Wenn ich hier viel mit von den Wirtschaftswissenschaften beeinflußten oder diese praktizierende Bloggern diskutiere (was für mich durchgängig sehr anregend und bereichernd ist!!!), bin ich immer vor allem über eines erstaunt: Deren überhaupt nicht vorhandene Skepsis gegenüber den eigenen Methoden und Menschenbildern, gegenüber zentralen Axiomen und zentralen Begriffen der je eigenen Theorie.

Gerade als überzeugtem Rationalisten verblüfft mich das - ich war es aus dem Studium noch gewöhnt, gegen die Adorno-, Derrida oder gar Feyerabend-Inspirierten das Kantische Banner zu schwenken. Nunmehr trifft man auf jenes Denken, das diese eigentlich kritisierten - das aber in studentischen Diskussionen lieber gegen Habermas oder die analytische Philosophie außerordentlich aufgeregt in's Feld geführt wurde.

Wichtig jedoch an allen Positionen von Benjamin bis Apel, von Wittgenstein bis Tugendhat ist, von Merleau-Ponty bis Foucault ist, daß alle samt und sonders in unterschiedlichsten Varianten die Kantische Figur der Selbstkritik der Vernunft nicht aufgeben wollten. Noch für Popper ...

... gilt das. Nun stehe ich vor dem Rätsel, daß diese Figur ganz offensichtlich in manchen Wissenschaftszweigen gar keine Rolle spielt.

Ich bekomme dann immer Durst. Nach Dichtung, nach Adornos Negativer Dialektik, ja, selbst nach "Sein und Zeit" oder Nietzsche, den ich sonst gar nicht mag.

Ich glaube, man muß gerade aktuell die Reformulierung der Stoßrichtung der Kritik, wie Marcuse sie im "Eindimensionalen Menschen" formuliert, reformulieren, will man nicht irgendwann in Sozialtechnologien ersticken ...

Und ich vermute, daß Gadamer da einfach mit dabei sein muß. Trotz der wohl zweifelhaften Rolle im 3. Reich. Trotz des Konservatismus-Verdachtes... zum Einstieg in meine persönliche Wiederentdeckung hier mal 'n Zitat aus der taz:

"Gadamer geht es jedoch gerade nicht um deren erkenntnistheoretische Legitimation, sondern um das, was über den Kontrollbereich der Methode hinausführt. Er glaubt nicht, dass es jemals möglich sein wird, den Geisteswissenschaften das Ideal eines strikten Methodenwissens aufzuzwingen.

Nicht dass Gadamer die Relevanz der neuzeitlichen Methoden in den Natur- und Geisteswissenschaften bestreiten würde. Auch für ihn steht außer Zweifel, dass methodische Sauberkeit eine unerlässliche Bedingung jeder wissenschaftlichen Arbeit ist. Gadamer wendet sich aber gegen die Hypostasierung des "erkenntnistheoretischen Methodologismus", weil er meint, dass durch diesen Methodenstreit etwas verdeckt und verkannt wird, "etwas, was die moderne Wissenschaft nicht so sehr begrenzt oder einschränkt, als vielmehr ihr vorausliegt und sie zu ihrem Teile möglich macht". Was den modernen Wissenschaften und ihren Methoden vorausliegt, ist die menschliche Lebenswelt, die die Gadamersche Hermeneutik im Anschluss an Heidegger in ihrer philosophischen Relevanz entdeckte. Gadamers Hermeneutik bezieht auf das Ganze unserer Welterfahrung, von dem die Wissenschaften und die Philosophie eben nur Teile sind."

27.09.06

Preisbildung

Ein erhellendes Interview zur ganz realen Funktionsweise von Märkten war gestern in der FR zu lesen. Konkret: Zum Medikamentenmarkt. Professor Peter Schönhöfer, Mitherausgeber des "arznei-telegramms", ehemals Abteilungsleiter im Bundesgesundsheitsamt wie auch Leiter des Institus für Pharmakologie in Bremen, nimmt die Preisdiktatur der Produzenten unter die Lupe:


"Arzneimittelpreise fußen nicht auf Kostenberechnungen. Man sieht sich an, was der Konkurrent nimmt. Wenn man meint, ein besseres Mittel zu haben, wird der Preis erhöht. Um wieviel hängt davon ab, was der Markt hergibt. Es werden Phantasiepreise aufgerufen."

Eines der Modelle, die man aus dem Werk von Amartya Sen herauslesen kann, ist, daß bestimmte Aufgaben staatliche bleiben sollte. Den Rest könne man Märkten getrost überlassen. Zentral ist bei ihm immer die Rolle von Bildung und Gesundheit, und daß diese staatliche zu bleiben haben, hat sehr viel mit der Menschrechtsproblematik zu tun. Die komplexe Begründung dessen kann ich hier nur andeuten, kurzgefaßt ist zu sagen, daß Menschen ja nicht Träger natürlicher Rechte sind, sondern sich diese bestenfalls begründet wechselseitig zugestehen. Eine Rechtsordnung ist dann dazu da, diese zu gewähren und zu schützen.

Es gibt Begründungstypen der Menschenrechte, die nicht bei dem reinen Recht auf körperliche Unversehrtheit stehen bleiben, sondern Gesundheit als Vorraussetzung von Freiheit (mit Wundbrand im Bein bin ich ja auch nicht frei) je nach medizinischem Stand der Dinge als jedem zu gewähren begreifen - im Rahmen der jeweiligen Rechtsordnung. Ich teile diese Position. Ob das nun Pflichten gegen sich selbst impliziert, z.B. nicht zu rauchen oder Motorrad zu fahren, ist dann ein Folgeproblem. Viel wichtiger jedoch ist es, daß es meiner Ansicht nach nicht möglich ist, Freiheitsrechte und das Recht auf medizinische Versorgung gegeneinander auszuspielen, weil beides zusammenhängt. Und wer das macht, ist entweder ein bißchen dumm oder hat einfach nicht genug nachgedacht - weil Gesundheit eben ein Menschenrecht in diesem Sinne ist.

Die Briten sehen das ähnlich, ...

... und Herr Schönhöfer macht deutlich, welche Konsequenzen das für Preisbildungsprozesse hat:


"Deutschland ist eins der wenigen Länder, in denen sich der Staat nicht in die Preisgestaltung für Arzneimittel einmischt. Unsere Politik orientiert sich ausgerechnet bei dieser wichtigen Gesundheitsfrage nicht an der bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung, sondern nur an der maximalen Förderung der Wirtschaft. In England etwa müssen Hersteller den Behörden ihre Kalkulationen offen legen und sich den Preis genehmigen lassen.

FR: Was brächte das hierzulande?

Nehmen wir ein Beispiel. Eine günstige Monatsbehandlung für die Senkung des Cholesterinspiegels kostet bei uns zwischen 22 und 25 Euro. In England sind es fünf. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Apotheker dort Teil des nationalen Gesundheitssystems sind und ihr Gehalt nicht aus Festzuschlägen auf die Preise beziehen."


Na, so kann in bestimmten Bereichen staatlicher Interventionismus dann doch Sinn machen. Ein anderer Punkt in dem Interview ist interessant, weil er Ansätze für den Zusammenhang zwischen Makro- und Mikro-Ebene in der Wirtschaftstheorie (und -praxis) liefert: Die Produktentwicklung.

Eine meiner Lieblingsthesen ist ja, daß im Zeitalter übersteigerter Gewinnerwartungen firmenimmanent oft zu wenig in die Entwicklung neuer Produkte investiert wird. Da läßt es sich leicht sparen, und diese Arbeitsbereiche refinanzieren sich nicht unmittelbar, lassen sich in einer betriebswirtschaftlichen Projektlogik nicht leicht so in den Begriff bekommen. Offenkundig ist dies in den Pharmakonzernen ähnlich:

"Die Industrie hat ihre eigene Grundlagenforschung abgeschafft. Das ist Ergebnis weltweiter Rationalisierungsprozesse, die in den 60er Jahren begannen und bis in die 90er dauerten. Heute hat die Industrie keine eigene intellektuelle Kapazität mehr, Innovationen zu entwickeln oder wenigstens zu beurteilen. Es gibt fast nur noch Scheininnovationen, die auf der minimalen Veränderung bekannter Wirkprinzipien beruhen. Es gibt kaum mehr das, was man als Entwicklung neuer Therapiestrategien bezeichnen könnte, die neue Behandlungsformen eröffnen."

Das ist schon der Hammer. Nun würden viele wahrscheinlich damit argumentieren, daß die Zulassungshürden neuer Medikamente doch gerade hierzulande viel zu hoch seien, und wenn Generationen von Gutmenschen gegen Tierversuche agitierten, dann könne da ja nix Gutes bei rauskommen.

Okay, das kann man diskutieren, aber dann sagt man wenigstens zwischendurch mal was. Weil a.) Fragen der mangelnden Investition in die Produktentwicklung aufgrund betriebswirtschaftlicher Ideologien auf die Makro-Ebene ausstrahlen und b.) an einem konkreten Beispiel die Relation Staat/Wirtschaft mal diskutierbar wird. Und das ist doch mal was.

Weil eben zudem die Frage ist, wer die Grundlagenforschung eigentlich leistet ... ist's der Staat? Wenn ja, ich weiß es nicht, wäre nur einmal mehr deutlich, wer von der Staatsquote profitiert - was ja im konkreten Fall auch ganz in Ordung sein kann.

26.09.06

"Lay all your love on me"

BoMarley.jpg

Komisches Gefühl, wenn des morgens von Mini-Disc "Get up, stand up" von Bob Marley aus den Boxen dringt.

Der erste Song aus dem Radio heute morgen war "Lay all your love on me" von ABBA, auch nicht schlecht - da habe ich sofort wieder das Gefühl kalter Herbstage und die Kompensation derer gespürt. Damals, '89. Diesen Blick auf den Schlachthof aus einer trashigen Altbauwohnung mit knatterndem und staubig stinkendem Heizlüfter habe ich vor meinem geistigen Auge gesehen und und mit meiner geistigen Nase gerochen. Da, wo neurotische Perser-Katzen schnurrten wie Staubsauger und ihre Köpfe gegen meine Waden rammten wie Stiere beim Stierkampf. All das in der WG, wo Matthias gar nicht wohnen wollte, aber als arbeitsloser Altenpfleger konnte er sich nix anderes leisten. Außerdem herrschte akute Wohnungsnot, die Kämpfe um die Hafenstraße waren gerade erst abgeebbt. Trotz des - wie viel war das damals noch, was man zum Arbeitslosengeld dazuverdienen durfte, 1989? 400 Mark? - konnte er sich keine eigene Wohnung leisten. Sein 400-Mark-Job, das war eine Sterbebegleitung des Arbeiter-Samariter-Bundes in einer Wohnung direkt an S-Bahn-Gleisen ... Nachtschichten.

Auch dieses Jahrhundertgewitter auf Mallorca fällt mir bei ABBA ein. Da hörte ich die ollen Schweden im Walkman, damals, als ich vor dem 3.Oktober 1990 in den Urlaub flüchtete ... da wollte ich nicht in Deutschland sein. "Lay all your love on me" und "Happy new year" inmitten eines Gewitters lauschen, das im Norden der Insel zu Evakuierung von Hotels führte, das hatte schon was.

Bob Marley hören im Jahre 2006, das ist irgendwie anders, weil man aktuell komplett den Überblick verloren hat, wer eigentlich für welches Recht gerade aufsteht. Bob Marleys musikalische Erben wollen Schwule umbringen, in Ungarn tummeln sich Bürgerliche und Rechtsradikale fröhlich vereint und berufen sich auf den Aufstand 1956 im Protest gegen eine sozialistische Regierung, die offen die Lüge erklärt. Na, und wer aktuell noch so alles Massendemonstrationen ...

..., z.B. gegen beleidigte Gefühle, veranstaltet, ist mir auch nicht unbedingt sympathisch. Daß sich eine soziale Bewegung nun unbedingt übersteigert religiös aufladen muß, das ist ja auch nicht gerade im Sinne eines wohlverstandenen Materialismus.

Dann spaziert man des morgens mit dem Hund durch den Park und wundert sich, wer da so alles genächtigt hat. Einige von denen waschen sich morgens in den künstlich angelegten Gewässern der Wallanlagen. Wenn ich dann die Scheiße meines Hundes mit Tütchen aufsammel und diese in Papierkörbe schmeiße, bekomme ich trotz, guter rücksichtsvoller Tat, doch ein schlechtes Gewissen: Muß ich doch an den Mittfünfziger oder so denken, der Sonntag morgens um halb 8 die Papierkörbe in meiner Straße durchsuchte. Und der sich wegen Leuten wir mir und meinem wohlgenährten Hund selbst 'nen Plastiktütchen über die Hand streifen muß auf der Suche nach Eß- und Verwertbarem ...

Ach ja, die Alimentierten. "'Cause a hungry man is an angry man", auch eine Bob-Marley-Zeile. Das schlimme ist, daß der noch nicht mal ärgerlich wirkte. Der schämte sich. Der war extra früh aufgestanden, damit niemand sieht, wie er die Papierkörbe durchsucht.

Jetzt singt gerade Elvis "Gentle on my mind". Wundervoll. Aber das bringt uns aktuell auch nicht weiter ...

25.09.06

Flaneur sein: Das ökonomische Ballett

"Marx stellt den Kausalzusammenhang zwischen Wirtschaft und Kultur dar. Hier kommt es auf den Ausdruckszusammenhang an. Nicht die wirtschaftliche Entstehung der Kultur, sondern der Ausdruck der Wirtschaft in ihrer Kultur ist darzustellen."

Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Bd. I, Frankfurt/M. 1983, S. 573-574

Das hätte ja mal was. Bei der Skyline von Frankfurt ist dies eine leichte Übung, ebenso beim Foyer von Bayer oder der Autostadt in Wolfsburg.

Schwieriger schon die GMX-Rechnung als Lektüre: Diese unpersönliche Botschaft in ihrer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit per e-mail, da könnte man schon länger drüber grübeln. Beim Karosserie-Design den Statusbericht herauszulesen, das ist unkompliziert - aber eine Reisekostenrichtlinie, folgt sie eher der machtvollen Ästhetik wilhelminischer Bürokratie oder doch den Schaltplänen des Stromkreislaufes eines Mehrfamilienhauses? Auch ...

... Einführungen in die Volkswirtschaftslehre: Wie würde man sie lesen, läse man sie nacheinander erst wie einen Beckett, dann wie einen Irving, dann wie eine Rosamunde Pilcher? Das Layout des Quartalsberichtes einer AG - kann man sich das so anschauen wie einen Warhol, einen Mondrian oder einen Edward Munch? Die Gebrauchsanleitung einer Kaffeemaschine so genüßlich einatmen wie ein Else-Lasker-Schüler-Gedicht, die schrub "Deine Schlankheit fließt wie sanftes Geschmeide"?

Wäre das dann das gleiche wie Warhols Suppendosen oder das berühmte Urinal, oder nicht doch etwas völlig anderes? Ich tippe ja auf letzteres - die mythische Dimension des ganz normalen Ökonomie-Alltags käme ebenso zum Vorschein wie sein cooles Understatement, sein barocker Protz ebenso wie der Tanzschul-Charakter, den all die dressierten Leiber fortwährend produzieren- ein Ballett, eine Choreographie, gegen die ein Fußballspiel dann volle Leidenschaft entfaltete. Oder gerade nicht? Flaneur sein ...

24.09.06

"Wenn immer nur über Fluzeugabstürze berichtet wird, entsteht Flugangst"

Brauche wahrscheinlich nur den Namen zu nennen, und die Diskreditierung wird starten: Peter Bofinger. Na, dann mal los...

Da wird wahrscheinlich in bewährter, wirtschaftliberaler Alchemie mal nicht Blei in Gold gewandelt, sondern der Anti-Keynes beschworen. Da zischelt's im Erlenmeier-Kolben. Und die Person angegriffen - wahrscheinlich als eine, die in den USA sowieso niemand zitiert.

Bofinger ist der Opponent, der Dissident im magischen Zirkel der Wirtschaftsweisen (hier eine Kritik eines seiner Bücher in Die Zeit). In der aktuellen Süddeutschen - leider nicht online - findet sich ein ziemlich großartiges Interview mit ihm. In diesem geht's eher um Psychologie denn um Ökonomie, wobei niemand bestreiten wird, daß beides zusammenhängt. Wundervolle Pointen auf einer Seite verteilt, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll mit dem Zitieren. Vielleicht hiermit?


"Wenn ich meinen Mitarbeitern immer nur erzähle, dass ihre Arbeit zu einem Zehntel des Lohns in Indien gemacht werden könnte, dann macht das Angst und demotiviert ohne Ende."

Peter Bofinger über Angst, in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 23./24.9. 2006, S. VIII

Ja, das kenne ich aus dem eigenen Arbeitsleben. Einige verdammt gute Mitarbeiter sind so abhanden gekommen. Dabei gilt doch:

"(...) zusammen mit meinen Kollegen im Sachverständigenrat haben wir zum Beispiel in unserem Jahresgutachten 2004 dargestellt, wie gut die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist. Das wurde aber kaum wahrgenommen. Wenn ich bei Vorträgen erzählt habe, wie gut Deutschland international dasteht, sahen mich die Leute mißtrauisch an. Wenn dagegen Professor Sinn von der Basarökonomie redete, wurde das begierig aufgegriffen. Dabei impliziert dieser Ausdruck ja, daß nur noch Ramsch und Tand und Trödel produziert und gehandelt wird. Das Gegenteil ist der Fall: Wir produzieren wie kaum ein anderes Land High-Tech-Produkte, die uns überall aus den Händen gerissen wird."
Ebd.

Was in einem Begriff wie Basar-Ökonomie noch so alles drinsteckt, auch in der Beschreibung von Herrn Bofinger, das lasse ich mal lieber unkommentiert. Trotzdem kann ja gelegentlich daran erinnert werden, daß eine Subvention wie der Marshall-Plan unter unbestritten außergewöhnlichen Bedingungen ja auch nicht gerade der Todesstoß für die deutsche Volkswirtschaft war. Daß der rheinische Kapitalismus ...

... unter Einbeziehung der Gewerkschaften und all diesem kollektivistischem Gutmenschen-Gedöhns
nun auch nicht nur eine Verfallsgeschichte schrub. Hätten die neoliberalen Doktrinen recht, würden wir ja leben wie in Burundi oder so. Insbesondere hat er funktioniert, der rheinische Kapitalismus, weil er weitestgehend akzeptiert wurde. Als legitim empfunden wurde - nicht unbedingt in jeder Hinsicht von mir, aber ansonsten. Das Überzeugtsein jedoch erodiert ... auch wegen all der Einflüsterungen Sinnscher Prägung. Bofinger stellt da andere Fragen, die eventuell überzeugen könnten:

"Wenn die Deutschen so große Angst vor Arbeitslosigkeit haben, ist es da wirklich sinnvoll, die Leistungen zur Arbeitslosenversicherung zu senken, selbst wenn dies zu geringeren Beiträgen führt? Würden sich viele Leute nicht besser fühlen, wenn sie mehr einzahlen und dafür auch mehr oder länger Geld bekommen, wenn sie arbeitslos werden?"

Ebd.

Sicherheitsdenken als Mentalität hierzulande wirkt eben, so seine These. Da kann noch so sehr der Flexibel-Frei-Heroisch-Diskurs den neuen Menschen erschaffen wollen: Bofinger plädiert eher für Realismus als für Volkserziehung durch Wirtschaftspolitik.

"Der Slogan der letzten Jahre bei uns hieß Eigenverantwortung. Wenn die kollektive Sicherung aber wegfällt, muss sich jeder individuell absichern. Dann legen Menschen ihr Geld auf die hohe Kante, sie kaufen kein Auto auf Kredit, keine Wohnung, die sie abbezahlen müssen, und sie denken auch darüber nach, ob sie unter diesen Umständen Kinder in die Welt setzen. Die Politik der letzen Jahre hat ein ein risikoscheues Verhalten geschürt, und nun fragen sich Politiker und Unternehmen, wo das Vertrauen der Menschen geblieben ist."

Ebd.

Tja, dann wählt euch doch neue ... aktuell wird nur über vermeindliche Notwendigkeiten diskutiert. Dabei geht es doch darum, mal wieder zu fragen, was die Leute wollen und wie sie leben wollen. Sonst kann man Demokratie auch gleich abschaffen - im Namen der Globalisierung. Als Modell, das angesichts dieser doch versagen müsse ...

PS: Die Lektüre des ganzen Interviews lohnt wirklich!

23.09.06

Freedom's just another word for nothing left to loose

Damals.jpg

Foto: www.beverlyhills90210.de

Seltsam, was so alles in einem hochkommt, wenn man berufsbedingt sich alte "Beverly Hills 90210"-Ausschnitte anschaut. Switch - und plötzlich hängt man wieder in den Emotionen von '92/'93 und wundert sich darüber, wie man wurde, was man ist.

Nicht nur, weil's damals Thomas gab in meinem Leben, der aussah wie Luke Perry, so sehr wie Luke Perry aussah, daß sogar wildfremde Kids in Zügen ihn auf Autogramme ansprachen, der einfach toll war - nee, weil's eben der der Zeitpunkt des Einstieges war in die durchmachtete, politics-gesteuerte und wahllos ausbeutende Welt des ganz normalen Kapitalismus, die einen ganz allmählich auffrißt...

Nachholende Pubertät + Behindertenarbeit + die Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen im Studium der Philosophie und Sozialwissenschaften, das war zwar mit weniger Status verbunden als das, was ich heute tue. Aber es war wenigstens LEBEN. Nicht nur dieses der Willkür irgendwelcher Irren Ausgesetzt-Sein. War mehr als nur die permanente Vermittlung von Institutioneninteressen auf Produktebene...

So Leute wie ich aus linksintellektuellen Elternhäusern mit einem ...

... Watzlawick-zitierenden ("... Du weißt doch, jede Kommunikation besteht aus Inhalts- und Beziehungsaspekt, und die Beziehungsebene bestimmt den Inhalt, und deshalb ist das, was Du gerade gesagt hast ...") Umfeld pubertieren ja nicht richtig. Sie sind stattdessen vernünftig und kommen beim ganz normalen Sex'n'Drugs'n'Rock'n'Roll der Adoleszenz gar nicht an. Die ganzen armen Sozialpädgogen - und Therapeuten-Kinder da rund um mich herum, sie hatten alle die gleichen Probleme: Sich auf Erfahrungen nicht einlassen können, weil immer schon eine reflexive Ebene, eine permanente Hermeneutik des Selbst wie automatisch am Wirken war und sich dazwischen schob: Zwischen das Selbst und das Leben. Und sie alle hatten irgendwann die Phase, wo sie's dann doch noch mal erleben wollten ...

Ach, es war einfach wundervoll, mit Mitte 20 jeden Donnerstag - eingeschoben zwischen Kant, Foucault und Habermas - die BRAVO zu kaufen und für Take That und Richard Grieco zu schwärmen! Noch mal so richtig in's Mode-Leben einzusteigen und auf Trends zu surfen, mit Freunden durch die Nacht zu schwärmen und immer mal jemanden mitzunehmen, der sich gut anfühlte, gut schmeckte und auch sonst aufregend war.

Ganz wichtig, ja, ein Ritual, war "Beverly Hills 90210". Ich weiß gar nicht mehr so genau, wieso eigentlich - wahrscheinlich habe ich mich mit Andrea identifiziert. Diese reichen Kids in ihrer versnobten Highschool waren so dermaßen weit weg von meinem eigenen Leben: Wahrscheinlich war's das. Die Entfernung. Und das Andere.

In einer Folge drehte ein Darsteller ein Abschiedsvideo für eine der Hauptfiguren, die die Serie verlassen sollte - die ganze Sendung bestand eigentlich nur aus Abschiedsgrüßen der guten Bekannten, die man mochte und jede Woche zur gleichen Zeit traf, in eine Videokamera gequatscht. Später habe ich mit meiner Schwester über diese Folge telefoniert - wir haben beide beim Zusehen unabhängig voneinander nonstop geheult wie die Schlosshunde, als wir sie sahen, und das tat soooo gut.

Aber dann zeichnete jenseits des Bildschirms, im wahren Leben, sich langsam ab, was folgen sollte - die für mich so heile Uni-Fassade mit den bewunderten Professoren bröckelte. Unaufgefordert erzählte mir ein Sozial- und Wirtschaftsgeschichtsprofessor von wüsten Kämpfen in Institutsratssitzungen bis in's Persönliche hinein, die meinen Lieblings-Lehrenden dann nach Berlin vertrieben haben. Mein erster bewußter Einblick in "Politics".

Es muß die Zeit gewesen sein, als ich aus der Behindertenarbeit in ein Praktikum wechselte. Unser Wohnhaus für Rollstuhlfahrer, das war eine verhältnismäßig heile Welt mit flacher Hierarchie und mütterlicher Chefin - sehr familiär. Der Wechsel in ein Arbeitsleben mit Hire & Fire, mit zwei Patriarchen und knallhart agierenden Kunden, das war schon ein Schock.

Diese Middle-Management-Vertreter mit Augenringen und schlaflosen Nächten, die der Dauerdruck in hektischer Aktivität durch's Leben trieb und aus denen cholerische Anfälle nach Wochen voller 14-16-Stunden-Arbeitstage und ohne Wochenenden regelmäßig hervorbrachen, sowas kannte ich vorher nicht.

Auch dieses Prinzip des Rundmachens, nur um das Gegenüber klein zu halten, das war mir neu, das hatte ich noch nicht mal in der Schule erlebt. "Bild Dir bloß nix ein!" und "Niemals anerkennen, was jemand anders tut" als Macht-Maximen Nr. 1 und 2, ich fand das unmoralisch. Aber es gab in der eigentlichen Arbeit so viel Neues und Spannendes, das ich hängen geblieben bin ... bis heute.

Vor allem Macht mußte man lernen. Als ich Chef wurde, war oberste Maxime: Nee, nur nicht wie diese Honks über und neben mir werden. Hatte fürchterliche Angst vor dem Machtgebrauch, habe sie bis heute, aber ohne geht ja nicht. Nur daß das, was beim Sex Spaß machen kann, Machtspiele eben, in anderen Lebensbereichen verdammt anstrengend ist und einen Schritt für Schritt verändert.

Man tariert nur noch aus. Antizipiert Gegenreaktionen, plant so, daß bestimmte Einwände einfach nicht formuliert werden können, versucht, sich unangreifbar zu machen - und hat immer die mögliche Attacke im Hinterkopf, den einen Fehler, den der Andere gemacht hat, um den Rechtfertigungsdruck ggf. umkehren zu können. Glaube, es ist mir gelungen, diese Kriegsführungs-Mentalität nur den jeweils Mächtigeren gegenüber an den Tag zu legen; bei denen, für die ich verantwortlich bin, lege ich mehr Wert darauf, die eigenen Fehler zu betonen. Versuche dies zumindest. Spaß macht das trotzem nicht. Klar, es gibt auch jede Menge Verständigung, Freundschaftliches und wechselseitig Unterstützendes, gerade bei meinen Kunden, die sind zum Teil super. In Macht-Netze sind die aber jeweils selbst eingewoben ... temporär mummifiziert, sozusagen, wie wir alle in der Branche.

Und dann guckt man diese Beverly Hills 90210-Bilder, und die Sehnsucht schlägt zu. Nach der Naivität, den Träumen, den Hoffnungen von einst. Und es wird einfach bitter klar, daß es mal wieder an der Zeit ist, 'ne nachholende Pubertät zu leben ... Freedom's just another word for nothing left to loose. Aber jetzt erst mal wieder den Rest des Wochenendes durcharbeiten ...

21.09.06

Päpstliches, noch mal

Na, dann hat's ja doch noch jemand anders gemerkt, was in dieser Papst-Rede neben einem außerordentlich seltsamen Einweben der Zitate von Leuten, die von anderen Bloggern als "Türkenschlächter" bezeichnet werden (womit Che wohl Recht hat, ich weiß nix über diesen Kaiser), so alles drinnen steckt. Die Jungle World weiß zu vermelden:

"Die religionspolitischen Aufgeregtheiten haben es verhindert, die geistesgeschichtliche Sensation dieser Vorlesung überhaupt wahrzunehmen. Mit dem Logos als Vermittlungsbegriff fordert Benedikt einen Begriff von Vernunft, wie er in der deutschen Philosophie zuletzt von Horkheimer und Adorno, von Marcuse und dem jungen Habermas vertreten wurde. Habermas klagte im deutschen Positivismusstreit über einen »positivistisch halbierten Rationalismus«. Diese damals »linke«, »emanzipatorische« Position ist nun die des Papstes: »In diesem Sinn gehört Theologie (…) als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein. Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen"."
Was die Jungle World freilich ignoriert, ist, wie Benedikt über die Kritik an einer positivistisch halbierten Vernunft (die übrigens nicht nur den frühen Habermas, sondern dessen ganzes Werk prägt) sofort zu einer Rationalisierung des Glaubens und einer Spiritualisierung der Vernunft übergeht.

Das kommt dann raus, wenn man die sprachanalytisch-sprachpragmatische Entwicklung der Kritik der instrumentellen Vernunft nicht mehr rezipieren mag - trotz der ausdrücklichen Betonung des biblischen "Am Anfang war das Wort", auf das Benedikt sich beruft.

Das zeigt einfach nur, daß Benedikt sich mental immer noch in den 60er Jahren aufhält, denn die von ihm formulierten Problemstellungen sind im Grunde genommen Teile dessen, was im Umfeld der oft gescholtenen '68er diskutiert wurde oder auf sie geantwortet wurde: Die Relation Subjekt und Gesellschaft, die Verortung des Guten in konkreten Lebenformen, die ihrerseits normative Kraft entfalteten, sowie die Attacken auf eine liberale Ideologie, die im Egoismus sich erschöpfen würde. Er ...

... gibt freilich konträre Antworten zu jenen der '68er: Plädierten die noch dafür, das Private als politisch zu begreifen, indem z.B. beim Geschlechtsverkehr der Sex befreit und somit die Natur des Menschen von ihrer kapitalistischen Deformierung gereinigt zu werden habe, zieht der Papst daraus wohl gegenteilige Schlüsse. Verortet stattdesse die Natur des Menschen in einem Kurzschschluß zwischen dem "Ich glaube" einerseits, dem "Ich habe gute Gründe, x zu behaupten oder x zu tun" oder auch "Ich weiß, das x" oder auch "die folgenden, begründbaren Kriterien lege ich an, wenn ich Sachverhalt x beurteile" zum Zweiten und dem "Welche Lebensform finde ich gut?" zum Dritten.

Das ist auf gleich mehreren Ebenen brisant: Erstens ist's nur ein weiterer Beleg daür, wie viele gewichtige Stimmen bis heute an '68 kleben, als sei seitdem nix passiert. Benedikt ist da nur ein Symptom. Bildet sich ja auch bestens in Blogs ab: Notfalls sind die '68er schuld und haben alles zerstört. Zweitens ebnet er meiner Ansicht nach entscheidende Differenzen zwischen verschiedenen Diskurstypen ein. Gut, das habe ich hier schon geschrieben, man kann es aber nicht oft genug betonen. Noch gruseliger das Folgende:

"Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive "Gewissen" ird zur letzlich einzigen, ethischen Instanz. So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft."

Zitiert nach der FR. Ist ja das Wort Gottes, da braucht man wohl keine dem Zitatrecht gemäße Quellen-Angabe.

Dieses Zitat ist schon der Hammer. Klar muß man als Papst auch die eigene Machtfülle und Dogmen-Richtlinienkompetenz irgendwie rechtfertigen. Aber wie er hier mal eben so den Protestantismus (ich lese selbst die Bibel, und Gott liest mit und leitet meine Lektüre), die gesamte modernen Tradition von Descartes bis Sartre wie auch die kantisch-universalistische Moraltradition und somit auch das, was am Liberalismus haltbar erscheint, vom Tisch fegt und nicht etwa zu Unglauben, sondern zur Pathologie verklärt - das ist schon der Hammer. Das ist ein Plädoyer gegen säkulare Menschenrechtsbegründung. Aber immerhin 'ne große, rhetorische Geste, sowas mag ich ja, auch wenn man als Protestant dann doch eher zur Demut angesichts des Göttlichen neigt und die eigene Vernunft nicht überhöhen mag.

Das bewegt sich deshalb noch im '68er-Paradigma, weil das Gemeinschaftsstiftende im konkreten Fall in einem päpstlich verordneten Ethos, nicht in einem wechselseitigen, symetrischen Anerkennungsverhältnis gründet. Päpstlicher Neo-Aristotelismus, sozusagen.

Bei den '68er war der Ethos stattdessen die freudomarxistische These, daß die bürgerliche Kleinfamilie als konkrete Lebensform nix anderes sei als institutionalisierte Triebunterdrückung und die Internalisierung kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse zudem, die durch eine Aufhebung der Entgegensetzung von privat und politisch dann aufzuheben sei. Dieses Motiv schreibt sich im Vulgär-Prowestlichen fort dann, wenn die "westliche Kultur" als spezifische Lebensform begriffen wird.

Da haben Habermas und andere längst schon weiter gedacht, indem sie mit Kant zwischen dem ethischen und moralischen Gebrauch der Vernunft unterscheiden - also zwischen der Frage: "Wie will ich leben, welche Lebensform finde ich gut?" und der "wie sollen wir zusammen leben?".

Recht hat der Papst, daß diese Fragen nicht im Rahmen des instrumentellen Gebrauchs der Vernunft beantwortet werden kann. Ansonsten formuliert er die krasse Gegenthese zu Habermas: Unrecht hat er insofern, daß die Frage nach dem guten Leben auf der Grundlage päpstlich-katholischer Gebote zu beantworten sei und die moralische Frage ersetzen könne, damit Gemeinschaftlichkeit uns nicht um die Ohren fliegt.

Das ist selbst knallhart instrumentell agitiert, was er da treibt, weil er natürlich um die Folgeprobleme eines totalitisierten Individualismus weiß und ebenso, daß als Folgeerscheinung auf die Globalisierung eine Rückbesinnung auf's Tradierte, eine Art kulturelle Selbstvergewisserung notwendig folgt. Und er reagiert darauf de facto mit "Ich bin die Antwort!". Da kann man nur hoffen, daß das nicht gehört wird, abgesehen natürlich von seinem Plädoyer für Gewalt-Verzeicht - angesichts mancher Entwicklungen in Osteuropa scheint die Hoffnung unerfüllt zu bleiben... nein, ich meine nicht Ungarn aktuell.

PS: Ein verantwortlicher Redakteur hat mir gestern die Formulierung "Porno-Papst Russ Meyer" aus einem Text redigiert. Benedikt wirkt.

20.09.06

Schafft Hungersnöte!

Wie man bei wortreichem Gequassel möglichst nix sagt, falsche Fragen stellt und ansonsten durch außerordentlich schlicht geklöppelte Meinungsgirlanden für den eigenen Seelenfrieden die Sicht auf Probleme versperrt, das demonstriert eindrucksvoll Roger Köppel in die Welt (via Antibürokratieteam):

"Die Antennen sind in den Industriestandorten des Westens nach innen, aufs "Soziale" gerichtet, man versammelt sich um ein verglimmendes Lagerfeuer, das man durch Abschottung vor äußeren Einflüssen schützen will. Die Rechnung wird nicht aufgehen, und das ist die gute Nachricht. Die aufstrebenden Wirtschaftssupermächte in Asien werden den Reformdruck erzeugen, den die europäisch-westlichen Industrienationen und ihre konservativen Führer nicht aufbringen."

Führer! Da haben wir's wieder. Das gilt wohl insbesondere für den wachsenden Erfolg maoistischer Parteien in Indien und das so glorreiche politische System in China, was er da über Asien köppelt ... wie war noch diese gut belegte These von Armartya Sen, daß Hungersnöte nie in Demokratien ausgebrochen seien, weil Regierende eben wiedergewählt werden wollen? Mit dieser These im Kopf sollte man den Artikel mal durchlesen und vor dem geistigen Auge die Selbstmorde überschuldeter Bauern in Indien aufscheinen lassen ... was Herrn Köppel in seiner Staats-Mystik wahrscheinlich einen Scheißdreck interessiert. Die werden uns schon dazu zwingen, daß Bauern das hier auch bald tun, und er findet das augenscheinlich richtig. Liest sich zumindest so.

Diese Denke eines Herrn Köppel ist so erschütternd, weil sie jenseits einer Staat-Nicht-Staat-Entgegensetzung überhaupt nix zu sagen hat und um diese kreist wie Fichte um seine Ich versus Nicht-Ich Relation. "Staat" und "Abgabenquote" sagen schlicht nix aus, wenn nicht spezifiert wird, wie und wo eigentlich was staatlich organisiert ist.

Liest man sich z.B. diesen Text durch, kann man anfangen, sinnvoll zu diskutieren: Da wird die Wirkung einer Rechts-Institution beschrieben, aber so, wenn ich's richtig verstehe, daß von freischaffenden Inividuen ausgegangen wird, denen man dann schleunigst ihre Urheberrechte limitieren sollte. Ich will ausdrücklich nicht gegen den Text polemisieren, weil hier ein Beispiel genannt wird, ...

... wie staatliche Faktoren ganze Märkte ermöglichen, nicht etwa einschränken. Die Deutsche Wochenschau, die Warhol-Foundation, Elvis-Enterprises: Rechte-Handel, ein florierendes Geschäft, von dem viele Menschen leben. Es stimmt, daß der eigentlich Urheber da in der Regel das kleinste Stück vom Kuchen abbekommt.Der Markt ist über Instituionen definiert, und je mehr ökonomische Power die haben, desto besser können sie sich schützen (Anwälte sich leisten, Prozesse durchstehen). Nichtsdestotrotz zahlen viele Leute ihre Miete von der Kohle, die dabei hinten rauskommt.

In Großbritannien wurde meines Wissens kürzlich ein Gesetz eingeführt, daß die Rechte an TV-Sendungen beim Produzenten bleiben und nicht, wie hier zumeist, beim Sender landen. Das macht ökonomisch Sinn, weil die Produzenten als kleinere Einheiten da viel mehr Power und auch Interesse daran haben, die eigenen Werke weiterzumarkten. Sind alles Urheberrechtsfragen, die sich sogar noch im klassisch-liberalen Paradigma des Eigentumsschutzes diskutieren lassen. Diskutiert aber keiner dieser feuilletonistischen Wirtschaftsweisen vom Schlage eine Herrn Köppel. Nö, möglichst generalisieren! Dabei kann man anhand eines solchen Beispiels mal wirklich sinnvoll fragen, wie Märkte tatsächlich strukturiert sind und welche Rolle Staat dabei spielt.

Ich frage mich, ob auch nur irgendeiner - außer Rayson - dieser ganzen schwadronierenden Anti-Etatisten in der Lage wäre, Funktionsweisen von Staatlichkeit in ihrer ganz realen Vielfältigkeit überhaupt zu beschreiben. Daß sie aktuell zu vielfältig ist, ist offenkundig, z.B. im Steuerrecht, wobei die meisten Klauseln da wohl eher Zahnärzten und Unternehmen, die in hochsubventionierte Berliner Bürobauten einziehen, zugute kommen, und nicht irgendwelchen Hartz IV-Empfängern.

Interessiert Herrn Köppel aber nicht, der flankiert lieber Hetze gegen die, die eh schon die Arschkarte gezogen haben und gibt sich weltweise. Mal Max Weber gelesen, Herr Köppel? "Sozial" wird da ungefähr so definiert: Seinem intendierten Sinn nach auf Andere bezogenes Verhalten. Herr Klöppel verbleibt lieber bei selbstreferentiellen Fortschreibungen der Dialektik des Deutschen Idealismus: Staat-versus-Nicht-Staat. Ein Wunder, daß er dafür auch noch Geld bekommt, sowas zu schreiben ...

18.09.06

Gründet Genossenschaften!

Wer NPD wählt, ist ein Nazi. So einfach ist das. Selbst wenn man Gründe und Ursachen findet, warum es Nazis gibt - im Falle des NPD-Wählens muß das Prinzip des Wählerbeschimpfens gelten. Natürlich hat Feynsinn mit der Nennung möglicher Ursachen Recht, das liest sich aber ein wenig, nur ein ganz klein wenig, wirklich nur ein ganz klein wenig wie ein heroisierender Opferdiskurs. Hier gilt das gleiche wie auch bei den Pariser Riots: Die Erklärung von etwas ist keine Rechtfertigung von etwas. Aber so sieht Feynsinn das wahrscheinlich auch.

Natürlich hat man die Lebenssituation von Menschen zu beschreiben, die's zum NPD-Kreuz an die Urne treibt und die etablierten Parteien für den langen Abschied vom Politischen zu kritisieren. Aber "Protestwahl" oder Arbeitslosigkeit als Schein-Legimation vorzuschieben, oder wie Ringstdorff oder wie der sich schreibt Verführungshypothesen zu formulieren: Nee, is' nicht. Die wissen schon ziemlich genau, was sie tun, die Leute in Mecklenburg-Vorpommern.

Erstaunlich, wie wenig mich das gestern berührt hat, dieses Wahlergebnis. Schäme mich dafür. Schlimm, daß da ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Schlimm auch, daß man mit keiner Partei mehr mitfiebert und stattdessen über FDP-NPD-Korrelationen sinniert: Je mehr FDP-Wirtschafts-Politik, desto mehr Nazis, sozusagen. Daß erstere dann ebenfalls zulegen, das ist somit auch kein Zufall. Wobei mir jetzt irgendjemand empört erläutern wird, daß doch gerade im Falle einer rot-roten Regierung die FDP zu attackieren völliger Blödsinn sei. Und vielleicht stimmt das sogar. Irgendwie aber nur.

Daß dieses sozialtechnokratische Gewurschtel von SPD und PDS auch keine Antwort sein kann und durch Protektionismen und Autoritarismen auf allen Mentalitätsebenen auch nur NPD hinten rauskommt, das erschöpft bei mir alle politischen Energien. Daß aber, wofür die CDU denn nun eigentlich steht, ich mittlerweile auch nicht mehr beantworten könnte in Zeiten, da alle den gleichen Wirtschaftsweisen nur noch in Varianten nachplappern und Politik als Steuerung der Bevölkerung durch "Anreize" begreifen, all das ist doch nur noch tragisch. Was haben wir einst gejubelt, damals, in den frühen 80ern, als die Grünen in die Parlamente einzogen. Nach 7 Jahren rot-grün fragte man sich dann: Warum eigentlich? Und findet keine Antworten mehr ...

17.09.06

"Versteher": Freiheit, das heißt auch Sich-Einfühlen und Hingabe. Eine kleine Geschichte gesellschaftlicher Evolution.

Weicheier, alle miteinander. Sich-Einfühlen gilt ja neuerdings als Symptom der Unfreiheit.

Da ist auch was dran: Natürlich bestimmt das Mich-Einfühlen oder zumindest der Versuch dessen mich in meinen Handlungen, meinem Denken und meinen Gefühlen (Martin Seel). Das fängt schon bei der Erkenntnis von etwas an: Der Gegenstand einer Aussage bestimmt deren Form und Gehalt. Ich kann einen Baum nicht so beschreiben wie einen Stein, wenn ich etwas wahres sagen oder schreiben will.

Früher nannte man sowas Subjekt-Objekt-Relation, Heidegger führte die Figur des In-der-Welt-Seins in die Philosophie ein: Immer schon finde ich mich in allerlei Relationen verwoben, die mich bestimmen. Kann man nix gegen machen. Relationen zu Subjekten, Personen, Individuen einerseits - und zu Dingen andererseits. Diese Differenz ist konstitutiv für alles Handeln, bei Sartre tritt sie auf in Hegelschen Termini als Für-Sich-Sein und An-Sich-Sein, und das Für-Andere-Sein gibt's bei ihm auch.

Die Haltung zu Dingen, Menschen und zu sich selbst - die ist konstitutiv für unser jeweiliges Weltverständnis und Gegenstand der Tugendlehren. Das Verhältnis zu Tieren wird in unserer Kultur bis ...

... in das Juristische und somit Gesellschaftliche hinein als Verhältnis zu Dingen verstanden. Kann aber auch analog zum Verhältnis zu Personen gelebt werden, wie jeder Hunde- oder Katzenbesitzer weiß. Und jede heilige Kuh belegt noch andere Weisen des Tier-Verständnisses.

Warum das alles wichtig ist? Deshalb. MartinM hat völlig Recht mit dem folgenden Absatz:

"Der Trend dazu, Menschen zu "verdinglichen" setzt sich im beginnenden 21. Jahrhundert fort. Er ist der menschenverachtende gemeinsame Nenner zwischen den Ideologien der "Staatsgläubigkeit" und denen der "Marktgläubigkeit" - wobei es ja durchaus Ideologen gibt, die zugleich an den "starken Staat" und den "freien Markt" glauben - dazu muß man nicht mal nach China sehen. Das Schlimmste dabei ist, dass sich mehr und mehr Menschen mehr und mehr selbst als "Material" wahrnehmen! - "freiwillig" - etwa der als Lebenssinn erlebten Karriere, aus Spießigkeit oder Sozialängsten heraus - "was sollen denn die Leute von mir denken?" - "die Leute" sind dabei nicht etwa konkrete Menschen, sondern die Personifizierung der Angst vor dem Prestigeverlust - oder unter massivem Druck - wie im Falle der Langszeitarbeitslosen, die sich wie abgeschriebene Maschinen auf ihre "Buchwert" (einen Euro) und ihren "Restnutzen" reduziert sehen (was zu der Bürokratien immanenten Neigung, Menschen auf ihre Akteneinträge zu reduzieren, noch hinzu kommt)."
Alle möglichen Relationen kurzgeschlossen zu einer einzigen Art des Verhältnisses zur Welt, zu Anderen und zu mir selbst: Jenem des intrumentellen Verfügens über Objekte. Die Kriitik hieran ist das zentrale Thema der älteren Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers wie auch der Jüngeren Kritischen Theorie von Jürgen Habermas.

In der hochumstrittenen Papst-Rede meint der Benedikt auch eine solche Stoßrichtung der Kritik, wahrscheinlich sogar durch Habermas inspiriert: Die Totalisierung instrumenteller Vernunft engt Formen der Vernünftigkeit unzulässig und unwahr ein, und das ist ein handestes Problem für Kulturen und Gesellschaften. Da hat er Recht.

Man muß nun nicht päpstlich gleich die Rationalität der Religionen in's Feld führen, um die erweiterte Vernunft wieder in ihr Recht zu setzen. Manchmal tut's auch die Auseinandersetzung mit, man höre und staune, einem Philosophen, der bisher ausgerechnet durch umstrittene Äußerungen zur - schreckliches Wort - "Bioethik" aufgefallen war. Keine Ahnung, welche das waren, muß gleich arbeiten und habe jetzt auch keine Zeit zu recherchieren, ob ich mich hier auf jemand ganz Üblen berufe.

In der aktuellen DIE ZEIT - leider noch nicht online - formuliert Philip Kitcher eine Moral der Erfahrung, die sich in evolutionären Prozessen herausgebildet habe. Aber er argumentiert gerade nicht in kruden Biologismen, wie Soziobiologen sie formulieren, sondern in - kurz und ausnahmsweise mal darwinistisch - Anpassungsprozessen an neue, menschliche und somit soziale Lebensbedingungen, die jeweils neue Selbst-, Welt - und Zu-Anderen-Verhältnisse erforderten und erfordern. Das ist schon außerordentlich spannend.

"Wie Primatenforscher herausgefunden haben, können Schimpansen die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Artgenossen erkennen und solidarisch reagieren. Manchmal helfen sie benachteiligten Verwandten, ohne selbst etwas davon zu haben, oder tun für andere Dinge, an denen diese sich erfolglos versucht haben.Solche altruistischen Impulse ermöglichen ein soziales Miteinander."

Philip Kitcher, Ethik ohne Gott, in: Die Zeit, 14.9. 2006, S. 43

Das ist die glatte Gegenthese zum generalisierten Eingennutz der Soziobiologen und enstpricht auch der Ethik des Adam Smith. In deren Zentrum stehen unter anderem Praktiken des Sich-Einfühlens, moralische Gefühle. Kitcher arbeitet dieses aus als Voraussetzung evolutionärer Prozesse.

Attraktiv am evolutionären Modell Kitchers ist, daß dieser gerade nicht an biologistischen Determinismen ansetzt, sondern am Lernen aus Erfahrung. Also auch nicht die Perspektive der 1. Person aus der Perspektive der 3. Person erklärt, sondern die Perspektive der 1. Person selbst zu erhellen versucht. Neue Erfahrungen, neue Moral, so liest sich das kurzgefaßt - aber eben nicht im Sinne des Eigennutzes, sondern im Sinne eines nicht-instrumentellen Für-Andere-Seins, das in gesellschaftlichen Regeln sich niederschlägt.

"Menschlich im eigentlichen Sinne wurden wir erst, als wir Wege fanden, sozial unverträgliches Verhalten zu verhindern und und altruistische Fähigkeiten zu verstärken."

Der Übergang vom Clan, von der Sippe zur Gesellschaft, in der bestimmte Verhaltensregeln internalisiert werden, das ist dann auch der Übergang vom Schimpansen zum Menschen.

"So bildeten sich Ge- und Verbote heraus, die noch heute in in zeitgenössischen Gesellschaften von Jägern und Sammlern zu beobachten sind, Regeln, die sich auf Fragen von Loyalität in Konfliktällen und auf die Partnerwahl beziehen."

Na, diese Loyalitätsfrage stellen ja auch fortwährend jene, die als Vulgär-Pro-Westler im Netze streiten und Gewalt z.B. an US-Regierungen deligieren wollen - wie auch jene, die glauben, so etwas wie die "islamische Welt" sei pauschal ein mögliches Objekt von Beileidigungen. Und die dann zum Teil gleich selbst gewalttätig werden.

Daß diese Konflikte sich auch, nicht nur, einem Unwillen, sich in die oder den Anderen einzufühlen, verdanken - das ist zumindest Teilen der Vulgär-Pro-Westler wenigstens bewußt: Sie fordern - durchaus aus Erfahrung - ein Nicht-Einfühlen und geißeln jeden, der's zu tun versucht, als eine Variante eines "XY-Verstehers". Eine neue, evolutionäre Stufe oder ein Rückfall in's unmittelbare Post-Schimpansentum?

Kitcher würde wohl letzteres behaupten. Und erklärt auch Religion als Stufe dieses evolutionären Prozesses:

"Man sieht eine unsystematische Übernahme von Regeln, die aufgestellt wurden für noch nicht dagewesene Situationen und die an Gesellschaften mit völlig anderen religiösen Orientierungen weitergeben wurden. Es ist also nicht so, daß die gleichen Vorschriften von unterschiedlichen Gottheiten verkündet wurden, sondern eher, daß diese Regeln zunächst als praktische Lösungen für soziale Probleme entwickelt und erst dann in einen religiösen Zusammenhang gestellt wurden."

Na, Herr Kitcher, man muß nicht überpointieren. Man kann nicht erst Altruismus verkünden, um dann zum Funktionalismus überzugehen und die Dimension des "Ich glaube!" somit einzuebnen. Klar ist, daß funktional betrachtet Religionen wie Moral eine Regelungsweise des sozialen Miteinanders darstellen. Dennoch gehört zur kulturellen Evolution auch das Enstehen eigenständiger Rationalitätstypen, die aus der Perspektive der 1. Person jeweils andere Einstellungen zum Ausdruck bringen: Ästhetische, ethische, moralische, instrumentelle, erkennen-wollende usw. Und die dann material instituionalisiert wurden, dies ist der Übergang von der Kultur zu Gesellschaft. Zu diskutieren wäre dann, ob das "Ich glaube" ein Rationalitätstyp ist oder aber nicht. Ich glaube nicht ;-) ... Benedikt schon.

Man kann aber auf keinen Fall der Dimension spiritueller Erfahrung gerecht werden, wenn man sie auf einen solchen funktionalen Prozesse reduziert. Spirituallität ist Hingabe an das Göttliche, das Sein des Seienden (Heidegger ist ja in mancherlei Hinsicht Theologie) und eben eine mögliche Einstellung neben anderen zur Welt und zu Anderen.

Die moralische Einstellung jedoch - eben jene zum konkreten Anderen - läßt sich im Funktionalen nicht aufheben, sie ist schlicht eine eigene Erfahrungsdimension, die immer auch eine prinzipielle Offenheit für den Anderen darstellt. Ggf. auch Hingabe an diese oder diesen. Letzere ist übrigens die Erfahrungsdimension, die das liberal-männliche Selbst zu negieren sucht in der alten, patriarchalischen Tradition, daß das Männliche das aktive Prinzip sei. Nur so erklärt sich die Totalisierung der negativen Freiheit: Gib Dich nicht hin!

Eine weitere Stufe der evolutionären Entwicklung ist für Kitcher der "Kampf um Anerkennung" (Hegel/Honneth). Für alle aktuellen Debatten, gerade auch jene rund um Hartz IV, ein entscheidender Prozeß:


"In der fünftausendjähirgen Geschichte schriftlich fixierter Gebote hat es große Umbrüche gegeben. Das Recht auch fremdartig aussehender Menschen wurde anerkannt, die Sklaverei abgelehnt, und die Gleichberechtigung der Frauen (zumindest in einigen Gesellschaften) akzeptiert. Doch der Motor dieser Entwicklung war gewiß nicht das Verständnis der Menschen für das ethische Projekt. Ausschlaggebend war eher der Widerstand der Leidenden. Der Fortschritt hat sich als blind erwiesen, als Ergebnis von Zwängen, nicht von Erkenntnis."

Nun könnte man viel Zeit darauf verwenden, die Widersprüche des von Kitcher Geschriebenen auseinanderzunehmen, die sind offenkundig.

Viel interessanter ist der grundsätzliche Ansatz: Es gibt verschiedene Einstellungen zur Welt, zu Anderen und zu sich selbst, die sich im Zuge gesellschaftlicher Evolution durch Lernen aus Erfahrung gebildet haben. So, wie auch Städte gewachsen sind - und auch deshalb, weil diese als neue, komplexe Weisen des Miteinanders entstanden.

Die moralische Einstellung kann funktional als Regulierung eines Miteinanders verstanden werden, die moralische Einstellung selbst jedoch ist eine prinzipielle Offenheit für den Anderen und eine des Sich-Einfühlens.

Liebe als Hingabe an den Anderen ohne Selbstverlust ist selbst moralisch, Liebe als Hingabe an das Göttliche inklusive Selbstverlust als Selbst-Findung, das ist Religion (meine These, der Kitcher nicht zustimmen würde). Erstere folgt der Grammatik des Du, des Bezugs auf den Anderen; Religion folgt der Grammatik des "Ich glaube!". Im Zuge der gesellschaftlichen Evolution kommt es zu Phasen des Kampfes um Anerkennung jener, die aus der moralischen Einstellung ausgeschlossen sich sehen oder faktisch ausgeschlossen sind. Eine Totalisierung instrumenteller Vernunft ist unmoralisch, verhindert somit ein gelingendes Miteinander und wird zudem dem Kriterium eines Lernens aus Erfahrung nicht gerecht. Zumindest dann, wenn man bereit ist, aus einem in sich teils widersprüchlichen Text wie jenem Kitchers etwas lernen zu wollen.

Ich behaupte jetzt einfach mal, mit diesem Thesenbündel Ansätze einer Zugangsweise zu einigen globalen Problemen formuliert zu haben, mitnichten jedoch Lösungsansätze - und zur von Martin formulierten Problematik ebenso ...


16.09.06

Unmotiviert? 2 Halbzeiten und wie das Leben so spielt ...

Unmotiviert.jpg

Foto: Kiezkicker

So weit isses mal wieder: Vor lauter mittelalten Performances in Bürogebäuden in Münchener Vororten (der Konfi: Weiß und rein funktional im 70er-Jahre Bau) und unweit der Frankfurter Innenstadt (wo Taxifahrer-Stadtführungen sich ungefähr so anhören: "Das ist das Commerzbank-Gebäude, das ist Deutsche Bank, das die Dresdener und das die alte Oper" - der Konfi in Frankfurt: Holzgetäfelt und wahrscheinlich aus den Fünfzigern) kommt man noch nicht mal mehr zum Bloggen. Oder zu irgendwas anderem. Löst sich auf im Dschungel der Funktionen und Kommunikationen. Ist gar nicht mehr wirklich. Vielleicht ja, weil das Sein west. Keine Ahnung.

Antwortet dann Freitags, am frühen Abend, auf jede Frage, wie man die bis nächste Woche Mittwoch noch zu bewältigenden Aufgaben ...

.. überhaupt hinbekommen soll, mit "Ich will in's Stadion." "Wolllen wir nicht noch x,y oder z machen? Aber wie sollen wir das schaffen?" "Ich will jetzt in's Stadion."

Warum eigentlich? Nach dem Pokalspiel, dem letzten Eintrag, kam ja noch Wilhelmshaven. Zur Halbzeit lagen wir 2:0 hinten, schlimm muß es gewesen sein. Bekamen doch noch die Kurve, lagen in der zweiten Halbzeit dann 3 zu 2 vorne - um durch, so wurde berichtet, reinen Unwillen, noch zum Ball zu gehen, den Ausgleich einzufangen. Dabei kann die Mannschaft nach dem Bayern-Spiel sich nun wirklich nicht mehr auf eigene Unfähigkeit berufen. Großer Frust allerseits als Antwort und per Boulevard-Blatt verkündete Wutreden des Managements. Um Scampis ging es nicht.

Trotzdem der Drang, im reinen Selbstverlust der Projektgeschäfte schwimmend unbedingt wieder das Holz der Haupttribünen-Bänke unter dem Arsch fühlen zu wollen. 'Nen kühles Astra zu schlürfen. Auf das ganze Machtgerangel scheißend, das ich letzte Woche unter Aufbietung meiner letzten, psychischen Reserven noch irgendwie ins Konstruktive wenden konnte ... Eigenlob stinkt zwar, aber war so.

Danach weiß man dann aber tatsächlich nicht mehr, wer man ist. Weil man in den Interessen der Anderen sich aufhält. Ist's da nicht vielleicht doch besser, sich lieber gleich Allah zu unterwerfen, weil der wenigstens wirklich groß ist im Gegensatz zu diesen ganzen Managern? Diese Typen mit ihrer geliehenen Macht, die sich einzig aus der ökonomischen Stärke der Institution, in der sie agieren, speist? Hatte richtig Sehnsucht nach Morgengebeten, mich einfach nur in den Staub werfen und innig und ganz und gar etwas zu lieben, das wirklich so unermeßlich viel größer ist als ich selbst und dem ich danken darf, daß es mich gibt ...

Zum Glück habe ich stattdessen den FC St. Pauli, uff, gerade noch mal davongekommen. Irgendwie, aber ganz anders, ist der ja auch größer als ich selbst. Allein schon von der Mitgliederzahl her - ich habe da nur mich. Die Transparente beim Einlaufen der Mannschaft verkündeten mögliche Größe: "Kein TV - keine Leistung?!" stand da. Und, in Anspielung auf den meistzitierten Satz des letzten Austiegsjahres in Liga 1: "Wir waren Aufsteiger Nr. 1" - damals hieß es stattdessen "Absteiger".

Nach 5 Minuten ein widerliches, rotwürdiges Foul unseres Ian Joy. Gab nur gelb. Nach 12 Minuten ein Traumkopfballtor durch Felix Luz, im Gegenzug ein Wembley-Tor von Ulf Kirstens Leverkusen II, das nicht gegeben wurde. Danach irres Rumgelaufe von Männern in schwarzen und in himmelblauen Trikots. Irgendwo auf dem Platz war auch immer mal einer am Ball...

Es erschloß sich nicht wirklich, warum welcher Spieler wann in welche Richtung lief oder etwas anderes tat, ja, was er jeweils tat, muß eher eine Art künstlerischer Performance zum Thema "Unnatürliche Beschränkungen der Möglichkeiten menschlicher Bewegungsabläufe!" gewesen sein. Stimmung kam nur auf bei Paraden unseres Patrik Borger, in den ich jetzt unsterblich verliebt bin - der wurde bei jeder Ballberührung gefeiert, völlig zu Recht.

Ein seltsames Gewusel, "Das hat mit Fuß, das hat mit Ball, das hat mit Fußball nix zu tun" haben wir neulich bei Hertha II gesungen, hätte auch gestern gepaßt. Stattdessen setzten andere Chöre ein. "Gyros, Suflaki und Salat" oder so ähnlich, alter Veteranenchor von den Amateurspielen. Ein bitterböses "O, wie ist das schön, o, wie ist das schön" wurde angestimmt, während sich unsere Spieler wechselseitig im Weg standen und Fehlpässe trainierten. Einen Versuch, die Kreuzberger Nächte der Gebrüder Blattschuß umzutexten wegen dieses herrlichen "... erst fang se ganz langsam an, aber dann, aber dann ..." habe ich nur halb verstanden. Reichte aber. Irgendwann einigte sich das halbe Stadion auf "Und so spielt ein Aufsteiger, und so spielt ein Aufsteiger", als die Körperbeherrschung und das Mannschaftsgefüge unseres Teams endgültig zur Variante eines dissonanten Ausdruckstanzgeschehens sich wandelte. Praktizierter Surrealismus, sozusagen, ich sah schon vor dem geistigen Auge Nashörner aus dem Rasen hervorbrechen. Als dann "Pokalfinale, Pokalfinale, wir fahren jedes Jahr zum Pokalfinale" gesungen wurde, scheint das die Spieler ernsthaft getroffen zu haben - für ca. 3 Minuten ähnelte sich das Verhalten der Mannen wieder einem Fußballspiel an. Und dann endlich Halbzeit und noch nicht mal mehr Pfiffe ...

Immerhin erkannte nun auch unser Trainer ausnahmsweise mal eines der zentralen Probleme unseres Teams und nahm Thomas Meggle raus. Unser Interims-Messias ist Gift für diese Mannschaft. Ein Klasse-Typ, an guten Tagen ein toller Spieler, aber immer, wenn der auf dem Platz steht, läuft nix - außer in Pokalspielen. Als er nicht mehr mitgurkte, kamen die Leverkusener kaum noch vor unser Tor.

Witze auf Herrentoiletten in Stadien sind ja Rituale für sich, diesmal war's "Mensch, das ist ja manchmal besser als Geschlechtsverkehr, wenn der Druck nachläßt" , harhar. Als Ü-40 Vertreter stimmt man sich dann innerlich schon mal auf die kommenden Prostata-Beschwerden ein. So erlebte ich, mit neuem Mantra versehen ("Prostata, Prostata, Prostata" - da kann selbst die heilge Silbe "om" nicht gegen anstinken) das 2:0 am Bierstand mit wildfremden Leuten. Auch sonst wurden die Gesänge in der zweiten Halbzeit wieder normales Angefeuer, das "You'll never walk alone" fand ich trotzdem übertrieben. Das Spiel nun für Regional-Liga-Verhältnisse ganz gut.

So taumelt man dann nach Hause im Bewußtsein, daß nach einem Abend am Millerntor das ganz normale Leben am nächsten Tag einfach so weitergeht. Einfach so. Und weiß nicht, ob das wirklich gut so ist ...

10.09.06

"Und IHR wollt deutscher Meister sein, und IHR wollt deutscher Meister sein ..."

Gut, gesungen kommt das besser, was da in der Überschrift steht. Gesungen kommt das sogar verdammmt gut. So richtig gut.

Nach dem Spiel, nach der Ehrenrunde unserer Mannschaft, unserer göttlichen, unser mitreißenden, unserer überragenden Mannschaft, da wollten wir nur noch eines: Dem Bayern-Bus vor dem Clubheim dieses Lied hinterher schmettern. Einfach, weil's sich so gut singt. Und weil das kein verdienter Sieg für die war ...

Die Mannschaft da im Bayern-Bus guckte auch extrem betreten, zu Recht: Gestern waren wir schon eindeutig Sieger. Nicht das Ergebnis betreffend, aber sonst schon. Das wußten die auch. Das war kein Sieges-Jubel, als dieses Häufchen Millionäre ihre uninspirierte Fan-Ecke abklatschte. Da haben sich die Stars schon ganz schön geschämt.

Wobei: Jetzt gar nix gegen die Bayern-Fans. Die waren schon ganz nett im Smalltalk nach dem Spiel. "Beim Weltpokalsiegerbesieger-Spiel war ich auch hier" sprach der Schnurrbart und lachte bei der Nachfrage, wo er denn das T-Shirt habe. Und daß Uli Hoeness uns dieses Mal nicht aus dem Bus zuprostete, das hatte schon seinen Grund ...

Und was sagt Paddy Borger zum Spiel?

"Das ist die größte Scheiße, die ich je erlebt habe, das wird mich bis an mein Lebensende verfolgen. Ich sollte besser keine Kinder haben, das werden die denen noch in zehn Jahren auf dem Schulhof nachtragen."

So steht's bei SpOn. Ach, Junge, Du warst überragend. Trotz dieses punktuellen Total-Ausfalls, der zum Bayern-Sieg führte. Du hast Dir ein Denkmal gesetzt. Du bist St. Pauli. Vielleicht sogar wegen dieser Groteske. Endlich wieder 'n sexy Torwart, und wie Du zuvor den Poldi immer wieder neu ausgebremst hast, das war Weltklasse. Du warst nur Oberliga-Torwart bisher, Mönsch! Auf so'n Daddy wären Kids verdammt stolz.

Den "Ihr seid nur Gammelfleisch ..."-Chor habe ich leider nicht mitbekommen. Macht nix. Das ...

... "und ihr wollt deutscher Meister sein" hat sich auch schön gesungen, schöner allemal als das immer wieder, aber nur kurz aufbrandende "Scheiß St. Pauli!" der Bayern-Fans. Na ja, 'ne Region, aus der der Papst kommt, hat halt nicht wirklich Spaß und denkt nicht selbst. Wir schon. Hatten wir einen Spaß gestern!

Zur Halbzeit schon waren wir einfach nur völlig fertig mit den Nerven. Im positiven Sinne. Nach 10 Minuten schon das Gefühl, es sei bereits 'ne ganze Halbzeit um. Der Satz "... und wenn mir jetzt der Herzinfarkt passiert, dann wär's ein schöner Tod!", der war ganz ernst gemeint. Das Millerntor lebte, und wie es lebte!!!

Es gibt ja die Legende vom Millerntor-Roar, der durch's Stadion rollt und den Gegner erstarren läßt. Gestern war so ein Abend. Völlig von der Rolle in der ersten Halbzeit, die Bayern. Was haben unsere Jungs grandios gespielt!

Timo Schultz, Fußballgott - was für ein geiles Tor! So einen Torjubel auf den Rängen habe ich selbst bei uns selten erlebt, auch wenn da inmitten St. Paulis trotz aller Tristesse ja regelmäßig ziemlich wild gejubelt wird. Die ganze, erste Halbzeit regierte eine "positive Aggression" unser heiliges Millerntor, der die Bayern nicht standhalten konnten. Das geht auch nicht, wenn das Millerntor so richtig lebt. Da war eine Intensität, da ballte sich die Energie und übertrug sich auf Fußballerbeine - auf jene der Götter in schwarz. Und umgekehrt.

Wir waren völlig erschöpft zur Halbzeit, erschöpft, als hätten wir am Hanse-Triathlon teilgenommen. Vor Begeisterung. Die emotionale Fieberkurve sprengte glatt jedes emotionale Thermometer, dagegen ist Frischverliebtsein ein laues Lüftchen.

Obwohl's ja was Ähnliches war: Mochte hier schon gar nicht mehr schreiben über diesen Saufhaufen von Mannschaft. Und dann sowas. Der Sauhaufen mutiert in umgekehrter Odyssee, in Circe-Inversion zum Götterboten-Reigen. Unsere Jungs haben die Bayern auseinandergenommen! Zumindest eine Halbzeit lang. Und der Rest war auch super. Hat da jemand 'nen Klassen-Unterschied gesehen? Wir sind Regional-Ligist! Nicht nur in der ersten Halbzeit, 119 Minuten haben unsere Jungs gezeigt, was St. Pauli eigentlich bedeutet. Bis auf diese eine Minute, als sich Borger das Ding selbst hinterrücks in die Maschen schaufelte ...

Egal. Wirklich. Wenn der mir in der City oder auf der Schanze über den Weg läuft, gehe ich trotzdem auf die Knie und bete ihn an. Womit eigentlich alles gesagt wäre - denn daß man 'nem Poldi noch euphorisiert zujubeln möchte, wenn er gegen einen selbst 'nen Tor schießt, das versteht sich ja von selbst. Daß, wenn ein Scholl zur Ecke antritt, man Ehrfurcht atmet und nie, nie, nie zum Pfeiffen oder Ausgebuhe in der Lage wäre, ebenso. Daß van Buyten in real ebenso unangenehm auffällt wie im TV oder in Zeitungsbildern, auch das wenig überraschend, spätestens Zwischenstationen beim HSV machen aus jedem was Ekliges, nur aus Takyi nicht - den Chor "Mark van Bommel, Pornostar" habe ich zwar nicht verstanden, aber lustig war der schon.

Nach dem Spiel war selbst mein türkischer Lieblings-Kiosk-Verkäufer volltrunken, ich bin's immer noch. 2 Aspirin schon und trotzdem Glücksgefühle. Prompt nach dem Aufwachen im Bett stehen und heiser, aber sowas von heiser ein "Und IHR wollt deutscher Meister sein ..." anstimmen, das hat ja was. Sowas wie Leben lohnt sich schon. Zweifelsohne.

Daß diese, unsere Mannschaft sich selbst noch so überragen würde, wir haben's nach den Grusel-Kicks in der Liga alle nicht mehr geglaubt. Jetzt möchte man ihnen Gebetsschreine errichten und sie heilig sprechen, allesamt. Und das "You'll never walk alone" stimmt wieder. Im reinen Wortsinne stimmt es. Es ist trotz allem einfach schön und manchmal fast unerträglich großartig, St. Paulianer zu sein ...

09.09.06

Hu, Hu!

Der HSV ist raus, die Bremer sind raus, dann sind die Bayern heute abend auch fällig.

Stammleser bitte ich, zu Hause vorm Fernseher "You'll never walk alone" kraftvoll mitzusingen und bei jedem unserer Tore zum "Song 2" aufzuspringen und in's "Hu, Hu!" mit einzustimmen. Selbst dann, wenn sie Hertha BSC-Fans sind. Also, ab unter die Dusche und dann in's Stadion ... "Hu, Hu"! (... auch Damon hätte das mit "u" geschrieben ...)

08.09.06

Mythos und Todessehnsucht

Die Freiheitsfabrik mag ich ja. Die suhlen sich zwar vorzugsweise in unterkomplexen, libertären Schweinereien, aber das wenigstens lustig. Lustig geschrieben, meine ich. Weil's so scheiß-arrogant daherkommt.

Die Identifikation mit dem Skelett aus einem Witz ist kein Zufall, wenn es um die Auseinandersetzung mit Formen des Sozialen geht; ersetzt bei solchen Leuten doch der MARKT die GESCHICHTE bei Marx oder das LEBEN im antidemokratischen Denken der Weimarer Republik, dessen Nacholger dann auch das Libertäre ist. Dieser metaphysische Vitalismus hat bekanntlich viel Unheil geboren, und eine Formulierung wie die folgende ist nix als ein Symptom:

".. zumal sorglich die Frage ausgeblendet wird, wer an solchem arbeitsrechtlichen Herumgeeiere die Schuld trägt; wer dafür sorgt, dass ein zu Tode strangulierter Arbeits’markt’ seine Funktion nicht mehr wahrnehmen kann."

Markt als revolutionäres Subjekt, als handlungsfähiges Wesen, das stranguliert werden könnte bis zum Tode - das ist noch nicht mal mehr Literatur. Da können nur noch Psychoanalytiker helfen. Vielleicht ist's aber auch ein Herzfehler ...

Aus gegebenem Anlaß

"Eine überaus wichtige Stelle zum Begriff des "Schöpferischen" ist eine Bemerkung von Marx zum Anfang des ersten Satzes des Gothaer Programms: "Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur": "Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn gerade aus der Naturbedingheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein anderes Eingentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben." Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei ed Korsch Berlin Leipzig 1922 p 22"

Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Frankfurt/M. 1982, S. 808

07.09.06

Lego-Steine oder: "Originalität kann einem ganz schön auf den Geist gehen"

Wer langweilige Fragen stellt, bekommt auch langweilige Antworten. Na ja, zum Teil wenigstens. Aber Sich-Einlassen ist für viele ja auch schon Freiheitsverlust im Zeitalter des Schizoiden.

Ein guter Titel ist, was man auf ein T-Shirt drucken kann, keine Frage - "Faust" ist so einer, "Gottes Werk und Teufels Beitrag" auch, oder "Modern Life is rubbish". "Sex'n'Pop" oder "Wirres Net" auch. Aber nicht alles, was gut ist, läßt sich auch auf T-Shirts drucken, die sonst niemand trägt.

Wer zudem nur noch in vermeindlichen Epochenschwellen denkt - "'68", "Punk" - und in Motti - "Jeder ist ein Künstler", "3 Akkorde und dann geht's los", "mit Formen und Normen brechen", der sollte auch keine Interviews führen. Der denkt wie ein Acessoire und merkt gar nicht, wie er auf Marketing-Schleimspuren ausrutscht. Es tut ihm nicht mal mehr weh.

Diedrich Diedrichsen scheint müde geworden zu sein. Wahrscheinlich wurde er während der öden Fragerei immer müder. Einen Köder nach dem anderen wirft er aus, und kein einziges Mal haken Maik Söhler und Michael Angele nach. Wahrscheinlich sind's Berliner.

Eher lakonisch der Rest-Groll Diedrichsens, den er bei den 39 Fragen der Netzeitung ausstößt. Die Interviewer nudeln nur ihr minderbemitteltetes Programm herunter. Deren Worte setzen sich zusammen wie Lego-Steine. Die verweisen auf nix. Stehen nur bunt rum. Dennoch und trotz alledem, Punk hatten wir ja hier (und nicht nur hier) gestern schon mal:

"Wer lief denn mit dem Wort Norm im Kopf rum? Man lief rum mit dem Bild von einem konkreten Arschloch im Kopf, dem man eins auswischen will. Nein, anarchisch trifft es nicht. Es gab einen guten Ton der Respektlosigkeit, man ließ sich nichts sagen und reagierte grundsätzlich aggressiv auf Autoritätspersonen, so was halt."

Grass! Chomsky! Beck! Kofi Annan! Punk war halt Pubertät, mit anderen Worten. Damals, mit 17, wollte ich Dichter werden und habe irgendwann geschrieben "Ich hoff ich pubertiere nicht mein ganzes Leben lang. Doch wenn ich manchen Alten seh, dann wir mir Angst und Bang." Das würde ich heute nicht mehr unterschreiben. Diedrichsen wohl auch nicht, die nächste Antwort ist im derzeitigen Zeitgeist schon im außerordentlich positiven Sinne pubertär:


"Für mich war die Punkzeit das letzte Mal, dass im großen Stil Klassengrenzen im Nachtleben abgeschafft waren. Das war interessant, intensiv, euphorisierend, bla!"

Dann kam die V.I.P.-Lounge aus dem Geiste des Punk, und Schluß war's mit der klassenlosen Gesellschaft. Ein Trauerspiel. Wie hieß noch diese italienische Kunstform mit dem konstanten Figuren-Repertoire, ...

... Comedia del Arte? Egal, ansonsten kennt man das ja aus dem Kasperle-Theater, mit dem Krokodil und dem Kasper und dem Seppel und dem Polizisten. Ähnlich fungieren ja Begriffe wie "Originalität", "Individualität", "Freiheit" im aktuellen Diskurskosmos. Oder auch "Kollektiv", "Faschismus", "Kultur". Begriffe wie Lego-Steine. Diedrichsen wittert die in der Blogosphäre:


"An Blogs stört mich aber auch diese Personenbezogenheit, dieser Individualismus.Das gilt auch für die Antworten in Blogs. Da kommunizieren lauter Monaden miteinander, die Kommunikationsgrundlage für das eigene Sprechen ist Originalität. Individualität, Lakonie, Schlagfertigkeit, Witz. Ich finde das langweilig, vermisse die Suche nach Verbindlichkeiten, gemeinsame Formen."

Sich selbst ausstellen wie in einem Schaufenster und bunt dekorieren. Nicht der Satz, die Sache, der Satzverhalt zählt und bietet Orientierung im Miteinander - nö, die Person wird umzingelt und umzingelt sich selbst, auf ewig festgenagelt auf eine Aussage, eine Tat, ein Tun: Das ist die Identitätslogik des Authentischen.

Diedrichsen zeigt wohl Reue, daß er zu jenen gehörte, die den Pop viel größer aufgeblasen haben, als er wirklich ist. Jetzt ist er geplatzt wie eine Hubba Bubba-Blase und klebt überall rum.

Klar, Diedrichsen hat ihn immer anders behandelt als Norbert Bolz oder all die anderen Hipster. Wirkungsgeschichtlich hat dennoch auch die Spex genau dieses Unheil hervorgebracht - Pop nicht als Nicht-Kunst-, sondern als Lebens-Form zu begreifen.

Ein wenig wirkt der Rest-Trotz des Denkers so, als würde er sich schämen, zum Denken dieser Interviewer beigetragen zu. Und es stimmt ja, daß der Spirit des gemeinschaftlichen Häuser-Besetzens und der Traum von neuen Lebens-Formen etwas Anderes, Verbindlicheres war als dieses sich witzig, schlagfertig und orginell Positionieren im auch weiterhin zugepoppten Selbstinszenierungsrahmen der Eigeninitiative.

Kooperation ohne die Romantik, ohne die unversehrte Lebenswelt oder gar Volk und Kultur zu denken, somit ohne Entfremdungslogik, das ist ja auch weiterhin die große Herausforderung, Adorno nannte das "Versöhnung". Alle aktuellen Formen der Gouvernementalität sind samt und sonders genau dagegen gerichtet. Sich identifizierbar machen als Weg in die Knechtschaft, dieses Motiv einte Foucault und Adorno, und Diedrichsen läßt genau dieses auf den sanften Wellen der Melancholie treiben, wenn ich's richtig verstehe.

"Die Qualität dieser Art von Pop ist verloren gegangen, weil sie keinen Platz mehr in der Welt hat, nichts Interessantes mehr produziert. Lakonie, Witz, Tempo usw. sind heute überall zu finden und gelten in der Unterhaltung als die Kriterien schlechthin. Dagegen nehme ich mir heraus, langsam und zäh zu sein. Ich ziehe die langen Texte vor. 30000 bis 60000 Zeichen über psychedelische Literatur oder die Gruppe SPUR oder queeres Theater."

Und, was macht der Interviewer? "Apropos Psychedelic!" ruft er aus und fragt nach '68. Anstatt nachzuhaken. Lego-Menschen.

Irgendjemand hat mir hier neulich in die Kommentare geschrieben, ich hätte die "15-Worte-Regel" verletzt. Ja, eben. Diedrichsen würde nur in der Gruppe bloggen wollen, sagt er. Manch Shizoider entwickelte da prompt Nähe-Ängste, aber Riemanns "Grundformen der Angst" waren ja auch nur Lego-Steine.

Die Broken Social Scene heißt nicht zufällig so. Ich plädiere erneut für ein Emerson, Lake & Palmer-Revival - in der Hoffnung, daß das niemand originell findet ...


06.09.06

Ein bißchen Pophistorie

spandauorange.jpg

Na gut, Typen, die so rumliefen wie die da oben, die waren schon außerordentlich Scheiße. Damals, in den Eighties. Trotzdem haben Briten wie Spandau Ballet es immer wieder geschafft, "Pop" die positive Konnotaion zu bewahren. Und dieses ganze Album, auf dem auch "Gold" drauf ist, ist einfach nur sensationeller Pop. Wunderschön, Musik zum Träumen - gut ist Pop immer dann, wenn er das Understatement der eigenen emotionalen Feigheit durchbricht und in diesem Durchbrechen neues Understatement findet, das Raum für Gefühle schafft. "Here comes the rain again" von den Eurythmics ist auch so ein Ding, oder "Stripped" von Depeche Mode.

Was z.B. die Amis - Ausnahmen wie Prince, Michael Jackson oder Madonna bestätigen die Regel - selten nur drauf hatten. Die sind dann gut, wenn sie Country, Soul und Folk ernst nehmen und deshalb umdeuten. Die Briten hingegen brechen durch die Ironie des Zitats und finden genau in diesem Bruch das Nicht-Authentische, das einzig Fühlen, Schmelzen, Euphorie und Leid und Leidenschaften ermöglicht durch gleichzeitige Distanznahme. Nur, daß Madonna dies bei "Like a virgin" und selbst dem zunächst so gar nicht diesem Motto nach-scheinenden "Ray of Light" auch schaffte, macht sie zur Pop-Göttin. In der E-Rotica-Phase war sie nicht verspielt genug, um Pop zu sein.

Was in Deutschland alles bis heute kaum jemand begriffen hat - außer vielleicht Hildegard Knef einst und Element of Crime und trotz allem auch Rammstein. Hierzulande glaubt man an Tiefsinn, wenn Kettcar uneindeutig rumschwurbeln (klar, ich liebe die auch heiß und innig, aber mit Pop haben die nix zu tun, eher mit Birkenstock auf Festivals in den frühen 80ern, wo Spliff dann als Headliner den Schlamm in Wallung brachten. Kettcar tarnen das lediglich ganz gut und sind genau deshalb super).

Das eigentliche pophistorische Desaster war ja House. Das hat Disco depotenziert und im Techno dann endgültig den Sinn von Rebellion geschluckt. Gut, es gab später Massive Attack oder Portishead und so, die wieder neuen Sinn ihm einhauchten, ansonsten blieb von Wundervollem wie Donna Summers "On the Radio" oder Boney M.'s "Sunny" oder Amit Stewarts "Knock on Wood" oder Curtis Mayfield und wie sie alle hießen, von jenen also, die die Sehnsucht von Underdogs ...


... nach Körperlichkeit und dem Sich-Transzenieren durch den Rausch des Gefühls in Tonfolgen brachten, dem P1 zum Trotze, nur noch reine Funktionsmusik.

Punk war notwendig, war richtig und war gut in der Zeit des Bombast- und sogenannten Art-Rocks und der Verhunzung von Disco durch "Hooray, Hooray, it's a Holi-Holi-day"; wie schnell er sich erschöpfte, zeigten die Entwicklungen von The Clash und ihr Weg in den Reggae und dessen ästhetisches Umfeld einerseits, der Weg der Neubauten in einen neuen Expressionismus mit Mitteln des Zerfalls der Industriegesellschaft andererseits. Ansonsten blieb auch The Cure nur der Ausweg in wirklich guten Pop, der Weinerlichkeit ironisierte, in den Fun-Punk der frühen Goldenen Zitronen oder die derben Scherze der Violent Femmes. Na, und Depeche Mode arbeiteten nicht zufällig mit Original-Neubauten-Samples, um ihre brünftige Welt aus schwarzem Leder zu erzeugen ...

Ansonsten war schon das Ramones-Konzert, '87 oder '88 in der Großen Freiheit habe ich die gesehen, die mindestens dritte Welle der Musealisierung. Auch wenn das Bonmot sich bestätigte: "Ein Ramones-Konzert ist, wie von einem D-Zug überrollt zu werden, es dauert nur länger", war der Zug da eigentlich schon abgefahren.

Wirklich progressives Potenzial schlummerte dann eher bei den Pet Shop Boys, "What have I done to deserve this" - ich habe die immer als Abwehrschlacht gegen das Ordinäre in House und Techno durch Vereinnahmung derer Mittel gehört. Oder, später dann, im Weg von Blur: Die Pop-Alben der mittleren Phase von "Parklife" und "This ist the end" waren schon doll in Sachen Pop, und diesen dann auf dem "13-Album" mit Mitteln der Neubauten dahingehend zu übersteigen, daß die ganzen Café del Mar-Welten sich in Gitarrensounds und Trash-Samples auf einmal wieder mit Magengrubenwühlen statt reiner Oberfläche füllten, das war schon groß. Der "Song2" bestätigte das alles nur ...

Weil guter Pop immer schon das Gegenteil des Spex-Lesers war. Um mal wieder das neue Subtext-Motto dieses Blogs zu rezitieren: "Hitler war authentisch" (Diedrich Diedrichsen).

Und jetzt, 2006, muß man entweder die pure Teenage-Sauce anrühren, wie Mando Diao oder Dasboard Confessional das tun, Folk wiederholen oder zum Art- und Bombast-Rock der 70er zurückkehren, ohne freilich Zappa zu ignorieren. Wenn man will, kann man die Broken Social Scene so hören, Rufus Wainwright macht das mit Mitteln der Oper, der Klassik und der Operettte. Zumindest, wenn man wie ich von Hip Hop keine Ahnung hat, kann man all das behaupten ...

05.09.06

Analytisch impotent oder: Rastlose Landschaften und die Freiheit

Ja, die Überschrift ist doof. Aber eine der Linien, an denen entlang man in ästhetischen wie auch erkenntnistheoretischen Fragen balancieren kann, besagt: Die Darstellung hat sich ihrem Gegenstand anzuähneln. Außerdem habe ich gestern eine Deutschlandradio-Kritik zu "Die vierte Hand" von John Irving gelesen, und da war jedes fünfte Wort "Ständer". Das hat mich phallisiert, ich hoffe, das wird verziehen.

Als ein solches Stilmittel des Sich-Anähnelns an den Gegenstand sei auch das Zuspätkommen dieses Eintrages verstanden, reagiert er doch auf zwei bereits Sonntag in der Wams erschienene Artikel.

Wie so oft in dieser Zeitung werden längst versunkene Städte neu aufgebaut, und wackelig stehen die dann in einer rastlosen Medienlandschaft herum und gucken trotzig. Rastlose Landschaften sind solche, wo rumgehühnert und rumgewieselt wird und schnell wieder versiegende Sturzbäche und Wirbelstürmchen in der grünen Heide wuchern, und diese Wüstenpflanzen, die man noch auch alten Western kennt, wehen da auch durch leere, staubige Straßen.

Auch der Kommentarchef der Wams ist in seiner gedanklichen Experimentierfreude - die ich sehr schätze - zu immer neuem Extremwuchs fähig. Extremwuchs ist in rastlosen Landschaften ein plötzliches Aufsprießen efeuartiger Ranken vor den je eigenen Füßen, die sich bedrohlich vor dem Wanderer aufbauen und imponieren wollen. In rastlosen Landschaften herrscht das männliche Prinzip vor dem Weiblichen, da gilt Status, nicht Beziehung, deshalb stirbt auch immer schnell alles wieder ab.

Extremwuchs entsteht zumeist in modernden Palisaden. Also da, wo versucht wurde, von Menschenhand den ...

... Wirbelstürmchen und all den anderen Wirrungen und Verirrungen der rastlosen Landschaft etwas entgegenzusetzen. Da ballen sich im verrottenden Holz dann Nährstoffe, die plötzlichem, schlagartigem Wachstum Nahrung geben, wie potenzierter Dünger.

Bemerkenswert ist, daß er grundsätzlich nur zwei Äste bildet, der Extremwuchs: Einer blüht, und der andere ist böse. Den Blüten haftet immer etwas Unfertiges an, schön sind sie selten. Unausgewogen, mit viel zu großen Stempeln oder mit Dornen statt Blütenblättern präsentieren sie sich dem geneigten Betrachter, und ihre zentrale Eigenschaft ist das ebenso plötzliche Verblühen bei genauerem Hinsehen. Das ist ihr Überlebensprinzip - alles besser, als gefressen zu werden.

So sehen sie aus
:

"Zu diesen Tabus gehören der jüdische Selbsthass ebenso wie der Antisemitismus der Linken - zwei Topoi, die in der Gestalt eines Karl Marx, des für die Weltgeschichte bedeutendsten deutschen Juden, untrennbar verwoben sind. Alle Vorurteile seiner Zeit gegen die Juden - die er teilte - bündelte er zur Abstraktion des "Kapitals", dem sein unbedingter Vernichtungswille galt."

Nun sei unbestritten, daß es auch auf der Linken Antisemitismus gab und Marx in seiner "Judenfrage" da ganz besonders heftig hinlangte. Bei dieser Art der Geschichtsschreibung gibt es nur gar keine Rechten mehr. Wieso wollen sich selbst "liberal" nennende diese eigentlich auf Teufel komm raus ständig tarnen?

Auch sonst ist an diesem Zitat entlarvend, wie tief in einer bestimmten Variante des "pro-kapitalistischen" Liberalismus strukturell der Antisemitismus selbst steckt. Statt jüdischer Weltverschwörung dann halt die linke, antisemitische Weltverschwörung. Daß antijüdische Elemente grausiger Teil der Geschichte des christlichen Abendlandes sind, sei unbestritten und ist bestens belegt und so unermeßlich leidvoll von Juden erfahren; daß aktuell nicht nur im christlichen Abendlande eine äußerst gewaltttätige, antizionistische "Bewegung" unter anderem rastlose Landschaften einebnen will, ebenso.

Aber nun in den Marxschen Analysen des "Kapitals" nichts anderes als die Abstraktion der Vorurteile über Juden zu sehen, reduziert nicht nur das vielfältige Werk des Philosophen auf einen Gedanken. Das erklärt die kommunistische Ära mit all ihrem Grauen auf ein einziges, antisemitisches Fanal, und das scheint mir doch, gelinde gesagt, ein wenig unterkomplex. Zudem es auch noch die Realgeschichte hinter den antisemitischen Stereotypen vom "Wucher-" und vom "Börsenjuden" nivelliert und diese Stereotype selbst reproduziert. Was da über "Rasse" steht in dem Artikel, das wage ich noch nicht mal zu kommentieren. Da ist Alan Poseners Geist wohl 'ne Nummer zu groß für mich.

Ähnlich fromm vor sich hin projizierend der Artikel, über den ich eigentlich schreiben wollte: Auch so ein Extremwuchs. Herr Keese schreibt Wurst, könnte man kommentieren, wenn man auf Kalauer steht. Dabei fängt der zweifelsohne ganz zutreffend an:

"Längst sind die Anzeichen dafür unübersehbar: In Umfragen bezeichnen sich drei Viertel der Deutschen als kapitalismuskritisch. Beide Volksparteien führen leidenschaftliche Debatten über Marktwirtschaft, bei denen Liberale einen schweren Stand haben. Die SPD facht den Traum vom Sozialstaat als Beschützer vor den Gefahren der Globalisierung neu an, und die CDU, angeführt von Jürgen Rüttgers, streitet über die vermeintlichen Lebenslügen der freien Marktordnung."

Aber dann geht's los:

"Inzwischen ist die Union auf Ebene der Ortsverbände nach Einschätzung ihrer Parteispitze vielfach außerstande, das Prinzip der Freiheit argumentativ zu verteidigen."

Was meint der damit? Was ist in seinen Augen "das Prinzip der Freiheit"?

"Es ist die Freiheit selbst, die stört."

Da ist schon diese Nominalisierung typisch deutsch. Bei Heidegger weste ja auch das Sein. Das liest sich, als würde die Freiheit irgendwo rumstehen können. Und wie kommt der auf diese Aussage? Das ist wieder so ein Text, wie sie im liberalen Spektrum üblich sind: Frei ist, wer mir bedingungslos zustimmt! Insofern projiziert er den eigenen, autoritären Gestus dann auch in den Gegenstand der Analyse hinein:

"Eine Mehrheit sehnt sich nach einer starken Autorität, die bei Arbeitslosigkeit, ungerechten Entlassungen, wirtschaftlicher Not, heftiger Konkurrenz oder nagenden Selbstzweifeln Rettung bietet."

Na, Herr Keese, wäre das'n Job für Sie? Wie kommt der eigentlich auf die Sache mit der Autorität? Nix gegen Spekulation, aber solche sollte man doch auch als eine solche ausweisen. Die Angst vor der Sehnsucht nach dem starken Mann treibt auch mich an, daß in der bundesdeutschen Historie immer jene diesen spielten (oder spielen wollten), die am lautesten: "Freiheit!" geschrien haben, ist Herrn Keese offensichtlich nicht aufgefallen.

Nun sind Arbeitslosigkeit, ungerechte Entlassungen und wirtschaftliche Not ja auch objektiv nix Schönes. Konkurriert wird sowieso nur an der Peripherie - ja, ich spekuliere, bisher hat mir aber auch noch niemand das Gegenteil schlüssig aufzeigen können, und zumeist reicht "Eon!" da als Antwort. Und Selbstzweifel produzieren vor allem Leute wie Herr Keese, was ihnen ja auch unbenommen bleiben soll, eine freie Gesellschaft muß das aushalten.

Ob der Herr Keese eine solche aushält, das ist die relevantere Frage, wieso braucht der sonst solche Unterstellungen? Könnte ja auch sein, daß die Mehrheit ganz demokratisch einfach was anderes will als der Herr Keese, aber Demokratie widerspricht offenkundig in seinem "Prinzip der Freiheit". Oder irre ich?

Insofern scheint uneingestanden die Sehnsucht nach dem starken Mann, der den reinen Kapitalismus durchsetzt, um die Freiheit zu wahren, da im Texte zu spuken, gegen diese dummen Wünsche der Menschen. Freiheit statt Demokratie suppt da als Subtext durch die Zeilen, die Sehnsucht nach dem starken Mann zumindest braucht der Herr nur, um die Schlüssigkeit seiner negativ-dialektischen Konstruktion der Weltkonstellation "Freiheit oder Diktatur" zu suggeriern.

Dialektik, Dualismen - Posener zufolge ist das dann Antisemitismus, ist das Medium des Marxschen Denkens doch die materialistisch gewendete Dialektik Hegels, und lebt diese doch von Entgegensetzungen, also Dualismen. Aber weiter mit Keese. Der projiziert dann weiter seine eigene Diagnostik in den Wählerwillen hinein:


"Man könnte auch sagen: Die Mehrheit sehnt sich nach einer Vaterfigur.Tragischerweise werden die Institutionen der Gesellschaft dieser Sehnsucht nicht mehr gerecht. Der Staat ist so bankrott, zerstritten, überbürokratisiert und durch den Föderalismus gelähmt, dass er aus Sicht der meisten Menschen keinen wirksamen Schutz vor sozialem Abstieg mehr bietet. Die Unternehmen, so scheint es, flüchten massenhaft ins Ausland und entlassen ihre Mitarbeiter im Inland. Strenge, aber gerechte Patriarchen, wie man sie aus der Nachkriegszeit kannte, sind renditeorientierten, austauschbaren Managern gewichen. Hinter dem Unbehagen im Kapitalismus steht die Angst vor Unvermögen und Machtverlust der Institutionen.

Noch gesteigert wird diese Angst durch den Blick auf die internationale Konkurrenz. Viele der schärfsten Wettbewerber besitzen in den Augen des Publikums genau das, was sie zu Hause vermissen: mächtige Instanzen, die Ungerechtigkeiten und Missstände mit einem Federstrich beseitigen. Man darf die Auswirkungen dieses Gefühls nicht unterschätzen, auch wenn es auf falscher Beurteilung der Lage beruht."

"Wir wollen Putin!"-Demos oder auch nur zart gehauchte Forderungen diesbezüglich sind mir bisher noch nicht über den Weg gelaufen, und maoistisch agitieren auch nur all die Ex-Maoisten unter den Liberalen mit ihrer Sehnsucht nach dem Tribunal, auf dessen Bühne man notfalls ganze Demokratien hieft, wenn gerade kein Grass zur Verfügung steht. Der Mann schreibt, offenkundig intendiert, über die viel naheliegendere Pointe hinweg: Laßt uns den Staat renovieren - im demokratischen Sinne! Und den Kapitalismus gleich mit!

Diese Sehnsucht nach der Vaterfigur erfindet der Mann einfach. Das Unvermögen und der Machtverlust der Institutionen hingegen ist offenkundig ein Problem, ebenso die Überbürokratisierung, ebenso das Agieren eines bestimmten Managertypus.

Um zu verhindern, daß das eintritt, was Konservative immer schon insgeheim wünschten, nämlich eine "Führung", die vor allem Sicherheit schafft und christlich flankiert, ist ein Überarbeiten des Demokratie-Gedankens fällig, statt sinnentlehrt "Freiheit" zu schreien und niemand mehr plausibel machen zu können, was damit überhaupt gemeint ist - dazu braucht es neue Formen des Wirtschaftens statt Besitzwahrung derer, die eh schon genug haben. Also: Bei denen nicht mehr kaufen. Bei Springer zum Beispiel. Denn denen bedingslos zuzustimmen, also das, was Herr Keese als Freiheit begreift ... das hat mit Demokratie als Organ der Freiheit rein gar nix zu tun.

04.09.06

Pro-Kopf-Einkommen und Notstand in Washington

"Unter Gouvernementalität verstehe ich die Gesamtheit, gebildet aus den aus den Institutionen, den Verfahren und Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken, die es gestatten, diese recht spezifische und doch komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptzielscheibe ie Bevölkerung, als Hauptwissensform die politische Ökonomie und als wesentliches, technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat." Michel Foucault, Die Gouvernemenatlität, in ders.: Analytik der Macht, Frankfurt/M. 2005, S,. 171

Ergänzend empfehle ich das hier: Ausnahmezustand in Washington.

02.09.06

Freund und Feind

Im Blog von DIE ZEIT-Redakteur Jörg Lau (wußte gar nicht, daß der jetzt auch bloggt, ausnahmsweise mal was Gutes über die FDOG vermittelt) findet sich Gruseliges über die an sich erfreuliche Freilassung des kanadisch/iranischen Philosophen Jahanbegloo aus dem Knast in Teheran. Jahanbegloo hatte ich ja hier schon thematisiert. Dieser sei zu einem "Geständnis" genötigt worden, in dem er die Kooperation mit Feinden des Iran und "Geheimdienstleuten" zugab. Lau interpretiert schlüssig:

"Das Ganze ist auch eine wirksame Botschaft an eben jene westlichen Medien und Austausch-Organisationen. Wenn Ihr Leute wie ihn einladet, und mag der Anlaß auch noch so unverfänglich sein, dann gefährdet Ihr deren Leben. Also laßt es lieber. Rasool Nafisi sieht in diesem Fall eine neue Taktik des Regimes gegen unabhängige, freie Denker - und zwar "eine, die wesentlich subtiler ist als Folter und Morde auf offener Straße. Neben den üblichen Methoden, iranische Intellektuelle zu diskreditieren, ruhig zu stellen oder außer Landes zu treiben, beinhaltet die Taktik eine Kombination von willkürlicher Verhaftung und finanziellem Druck. Es drohen schmerzhafte wirtschaftliche Folgen, wenn der Entlassene den Anordnungen der Behörden zuwider handelt.""

Schlimm. Liest man ergänzend die Analyse Laus zur "Untoten Bush-Doktrin?" (direkt verlinken kriege ich irgendwie nicht hin), wird einem ganz schwummerig vor Ratlosigkeit ...

Geh doch nach drüben!

Den hier muß ich einfach aus den Kommentaren hervorholen, der ist symptomatisch - ein gewisser "S1IG" lebt sich in den Untiefen dieses Blogs folgendermaßen aus:

""Na, Deine Zeit verschwendest Du hier schon freiwillig - " Das ist mir klar kleiner Schlauberger - dennoch hast Du immer noch nicht sagen koennen, was Dein Schwafelei in den Schachteleien bedeutet! Jetzt verstanden?

" und relativieren will ich gar nix,"
Du merkst es bloss nicht - lese mal Deinen Beitrag durch. Im Iran oder China ist Verfolgung Andersdenkender gesetzlich gesichert. Da duerfen Schwule am Kran hochgezogen werden. In der westlichen Welt werden Uebergriffe gegen Andersdenkende gesetzlich verfolgt und sind strafbar. Hast Du das vergessen?

" ich will nur, daß auch Selbstkritik möglich bleibt. "
Klar indem man erst mal ganze Gruppen von Menschen in Generalverdacht nimmt. Wir kennen das schon: Schuld sind die Skifahrer!

"Ich halte auch nicht alle Brandenburger für Rassisten, völliger Blödsinn, da gibt es aber schon einige ..."
Jetzt hast Du es nicht mehr so schlimm gemeint - das kann dann jeder sagen... Das zieht sich doch bei Dir wie ein roter Faden durch das aktuelle Posting und Deine Kommentare. Mit Fakten konfrontiert, ruderst Du zurueck.
BTW: Aber das hattest Du ja nicht so gemeint - glaube mir, auch die Beamten am Flughafen haben die gleiche Ausrede. Daran muessen Dein Kumpel und ich mich jetzt gewoehnen.

"Und dieses Schöngerede der je eigenen Kultur nervt halt, "
Wer tut das? Du uebertreibst... Oder ist Dir Deine Kultur und Herkunft nicht genehm?

"Damit meine ich, daß diese ganze "Dhimmi"- und "Terroristen-Versteher"-Rhetorik völlig daneben ist."
Rethorik mit Bible-Belt/Wedding/Brandenburg/bayr. Doerfer ist ok? Bei Dir ist doch jeder glaeubige Christ aus dem Bible-Belt ein Homo-hassender Neger-Killer - Du bist voller Vorurteile! Deswegen ziehen alle Deine Argumente nicht und Dein Ranting ueber den "Kulturkapitalismus" ist deswegen auch nicht glaubhaft.

genug Zeit verschwendet...""

Stammt aus der der Diskussion hier. Kann mich gar nicht daran erinnern, den Begriff "Kulturkapitalimsus" verwendet zu haben, läßt sich aber drüber nachdenken.

Wieso nur durchzuckte es mich neulich, als ich in einem Rainer Barzel-Nachruf über das "Komitee Rettet die Freiheit" las, das er in den 50ern mit Franz-Josef Strauß gründete? Aber wenigstens gibt's noch Tom Waits-CDs aus längst vergangenen Zeiten, 1978, auf denen er "Somewhere" aus der Westside-Story singt ... "There's a place for us ... somewhere" ... auch für S1IG, keine Frage!

01.09.06

Talk To God On The Telephone

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Sie werden verrissen werden. Vermute ich. Daß man sie schlachten wird wie Hausschweine auf den Altaren der "Popkritik", für dieses, ihr neues Album "Ode to Ochresy": Mando Diao.

Weil's ja stimmt, daß das ab Song 9 streckenweise wegsuppt, in's Alberne abdriftet, vor allem bei diesem Song 12, der ein wenig an "Komm wieder, wenn Du frei bist" von Tanja Berg erinnert. "Leilalei". Wobei Song 10 mit seinen überbordenden Streichern schon wieder herrlich schnulzig ist und Song 11 da weitermacht, wo das Album angefangen hat: Grandios. Aber auch da, am Anfang, liefert das Album wenig Neues.

Und genau das ist das so unendlich Großartige an Mando Diao - die haben begriffen, was an Songs wie Elvis' "Teddybear", an Eric Burdon seinen Aninmals und seinen War zusammen und an "Bat out of hell 1" gleichermaßen sensationell war und ist. Was diese 3 1/2-5 verbindet, was auch die Ramones atmen, ist das, worauf auch Maximo Park nicht verzichten wollten. Und das ist verdammt gut. Da gilt bis heute das Immergleiche, und daß das so ist, das unterscheidet Pop von Kunst. Ohne Elvis bist Du nix (Madonna).

Sophisticated im Rock'n'Roll ist Scheiße, man muß ...

... nachts um 4 volltrunken in miesen Spelunken entweder darauf abgehen oder in Tränen zusammenbrechen. Man muß sich wieder fühlen wie ein Teenie, der rot wird, weil er fühlt, und den's trotzem überwältigt - dann ist es guter Rock'n'Roll. Statt einfach Grütze für Leute, die sich nicht mehr trauen, politisch zu sein, sich so auf's ästhetische Abgrenzungsbedürfnis reduzieren und nach dem Authentischen fahnden (dieser Diedrichsen-Schlachtruf "Authentisch war Hitler" ist irgendwie zum Subtext dieses Blogs geworden). Mando Diao haben das begriffen und legen einfach los. Bis Song 9 jedenfalls. Wow!

Guter Rock'n'Roll ist wie die Euphorie nach einem heroisch gewonnenen Fußballspiel, darauf werden wir St. Paulianer jetzt wahrscheinlich erst mal 'ne Weile warten müssen, also erst mal Mando Diao hören. Alle Einwände, alles Geläster in dieser ganz lustigen Diskussion spricht einfach für die Jungs von Mndo Diao und ihre Fähigkeit zur Sehnsucht, und Sehnsucht ist halt Utopie und nicht authentisch. Ganz simpel. Leute wie Thomas Gross von Die Zeit begreifen sowas nicht und üben sich in üblen Adaptionen der Literaturkritik von einst. Kostprobe:


"Im Abschreiten der Stationen einer untergehenden Welt allerdings erweist er Columbia Recording Artist sich als souveräner Meister, dem kein Johnny Cash mit Highway-Schlagern aus der Mottenkiste das Wasser reichen kann."

Steht in der aktuellen Die Zeit über das neue Dylan-Album. Schreite Du mal weiter an einer untergehenden Welt entlang, Herr Gross, Mando Diao würden im Vorbeigehen kurz auf Deinen Artikel kotzen und dann irgendeine Kurzberockte knutschen, denn das ist Rock'n'Roll. Zum Fick auf dem Rücksitz oder woauchimmer, an irgendeinem dieser mythischen Pop-Orte, dann Johnny Cashs American Recordings V einlegen, um bei der anschließenden Zigarette gnickernd die Vergänglichkeit als solche zu feiern, zu zelebrieren, zu genießen.


"But for a short brief Moment
I thought she was the one
and she and I were fighting
about Sex, love and TV
that's why I had to get down and talk
to God on the telephone.
But I really can't tell you what he told me
But it was a lie.
No I really can't tell you what
He told me but it was a lie."

(Mando Diao, Amsterdam)

Mit Verlaub - wer braucht denn da noch Dylan? Na gut, den aus Beverly Hills 9010 vielleicht doch noch ...


PS: Das Album von "Black Holes & Revelations" von Muse ist im in diesem Eintrag genannten Sinne Kunst, nicht Rock'n'Roll ...

Männerfantasien oder: Hans-Herrmann Hoppe, die Hedwig Courths-Maler des Libertären

saphir.jpg

Was eine Bildunterschrift!

"Der Saphir-Anhänger den die Kronprinzessin auf dem László-Gemälde trägt ist ein Geschenk des Kronprinzen an seine Gemahlin. Es hat die Präziose beim Hofjuwelier Gebr. Friedländer in Berlin anfertigen lassen und ihr im Jahre 1906 überreicht."

Das ist halt selektive Wahrnehmung - das Bild als solches ist zwar zum Zeitpunkt seines Entstehens schon außerordentlich altmodisch gemalt, aber zugleich sehr schön gestaltet, finde ich. Wenn auch etwas zu klassisch komponiert: Wie Hut, Schleier, Hintergründe das Gesicht umwehen, das hat schon was. Wobei's eigenwillig ist, wie die Gute dem Auge des Betrachters den Saphir entgegenstreckt und so das weiche, warme, erdige des Gemäldes konterkarriert. Fast, als sei eine Kritik am starren Materialismus intendiert ... egal, eigentlich sollte dieser Eintrag starten mit einer ganz anderen Frage: Wozu braucht's Soziobiologen, wenn's doch die 2006/2007-Ausgabe von GQ-Style gibt?

Da finden sich schon dolle Sachen und dolle Sätze drin. Leute wie mich verfolgt ja dieser Hans-Herrmann Hoppe als einer der Neugeister des Bösen. Obwohl ich viel zu wenig über den weiß. Ich muß bei dem immer daran denken, daß es tatsächlich Menschen gibt, die den Absolutismus vor der Französischen Revolution für so etwas wie eine natürliche Ordnung halten, wenn man den Staat nur wegdächte. Keine Ahnung, ob der das ...

... wirklich so behauptet, der Herr Hoppe, aber das bleibt immer bei mir hängen. Schwaches Textverständnis halt.

Insofern mußte ich bei der Fotostrecke mit Jung-Adeligen als Models in der GQ-Style sofort an ihn denken. Inmitten dieser Strecke räkelt sich außerordentlich appetilich Franz-Albrecht Oettingen-Spielberg (ja, deshalb der Bild-Fund oben), dieser präsentiert sich irklich mit Abstand am appetitlichsten;Felix Adelmann von Adelmannsfelden, der aussieht wie eine Mischung aus Kiefer Sutherland und Ewan Gregor, steht stattdesse steif und guckt entschlossen. Dominic von Werthern, der in die Kamera grinst, als wolle er einem Aktien schwungvoll eigenverantwortlich verkaufen und auf Teufel komm raus beweisen, daß deren Kauf Spaß und Lust bereitet, der sitzt im Laub und schiebt sich neckisch die Mütze aus dem Gesicht. So vermengt sich diese Bildfolge in meiner unangemessen frei flottierenden Assoziationsfreude mit bisher Gelesenem zum Eindruck: "Hans-Herrmann Hoppe, die Hedwig Courths-Maler des Libertären!" Geht natürlich gar nicht ... wenn der das liest ...

Lustig ist trotz alledem auch Freiherr Christoph von Plotho, der in stilisierter schwarzer Armeejacke seinen nackten Oberköprer präsentiert, mit schwarzem Hut behütet in anthrazit-farbener 2/3-Hose posiert er, und auf die Frage "Ihre Stildevise?" ist die Antwort: "Viel Farbe!".

Auch sonst: Die Stildevisen der blaublütigen Jungmänner - eine Fundgrube für den verordneteten Individualismus der Oberfläche! "Laß Dich nicht verbiegen!", "Entspannt mit einer Prise Exzentrik!", "Stil hat man (oder nicht)", "Braucht man sowas?", und, ganz gefährlich der Herr Franziskus von Boch-Galhau: "Unterschätze nie die Macht der dunklen Seite!"

Das dachten sich auch die armen Schweine, die jene Passagen in der GQ-Style texten mußten, in denen verschiedene Mega-Trends der Top-Designer vorzustellen sind. Da kommen schon tolle Sätze bei raus.

"Wie wir seit der Evolutionstheorie wissen, steckt in jedem von uns ein Jäger, der raus möchte."

Konnte man ganz gut in der Diskussion hier verfolgen ...

"Gott sei Dank bieten die neuen Kollektionen jede Menge Gelegenheit, fette Beute zu machen."

Na, dann ran an den Hirsch. Weitere Aphorismen zur Lebensweisheit:

"Schaut man diese Saison der Mode mal nicht ins Gesicht, sondern auf den Hals, dann fällt auf: Bescheidenheit ist falsch. (...) Wer brüllt, hat bekanntlich nicht viel zu sagen. (...) Hinter Gittern hat man meistens nicht viel zu lachen. Diese Herren schon, denn sie führen die kleinen und großen Checks vor. (...) Das Hosenbein wird immer kürzer - und das im Winter. Kein Grund, kalte Füße zu bekommen!"

Dann sitzt der arme Mensch noch abends spät in irgendwelchen Verlagsgebäuden, riecht verstaubten Teppichboden, die Putzfrau wischt widerwillig um ihn herum, ihr Sauggerät tönt grauslich, und er soll Text-IDEEN entwickeln, dafür wird er schließlich bezahlt - er sehnt sich nach frischer Waldluft und dem warmen Kaffee nach dem "Walking" zu Zimtgebäck, auf 'nem Sofa sich räkelnd, und dann kommt sowas dabei raus:


"Spaziergänge im Park, unter windgebeugten Bäumen und dahinjagenden Wolkenfetzen, inmitten tanzender Blätter und rund um gekräuselte Seen, dann braucht ein Mann vor allem eines: sophisticated Sportswear."

Auch bei der aktuellen Generalmobilmachung will die GQ nicht hinten anstehen, unter der Überschrift "Aye, Aye, Sir!" liest mein stahlharter Blick:

"Seit jeher geht die Mode auf Beutezug im Militärischen, denn hier findet sie eine Ästhetik, die Funktionalität und Statussymbolik vereint."

Genau das habe ich auch gedacht, als ich die Bilder von Soldaten zwischen zerbombten Häsuern in Israel und im Libanon gesehen habe! Auch unsere Wehrmacht ... aber lassen wir das und lauschen weiter den Worten der Mode-Propheten:

"Die Zeit scheint reif für eine neue Herrlichkeit im Ursinn des Wortes!"

Ja!


"Der Dresscode lautet: Volle Hütte!"

Ja! Ja! Donatella Versace hebt das Niveau dann noch mal ins Unerträgliche mit dem Satz:

"Kreativität entsteht aus dem Konflikt verschiedener Ideen."

Das hätte Hegel nicht schöner sagen können, doch der Schlußsatz gebührt Modezar Thomas Maier: Maier oder "Der Sinn im Ding"":

"Ich hasse Dinge, die keinen Sinn machen!"

Eben.

PS: Alle Zitate aus "GQ Style Herbst/Winter 2006/2007", Condé Nast Verlag, München 2006

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