" /> Metalust & Subdiskurse: Oktober 2006 Archive

« September 2006 | Hauptseite | November 2006 »

31.10.06

Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiih! Dann doch lieber Bobby Womack und so ...

Wenn einem sonst nix einfällt, dann kann man sich ja wenigstens außerordentlich verläßlich über DIE WELT aufregen.

Absurd nur, daß parallel zu meinem Geschreibe hier gerade ein Mix mit wundervollen Tracks aus der frühen Disco-Ära läuft. Aktuell gerade Lonnie List. Und jetzt startet Barry White - ja, Barry White. Ein Traum. Und daß in Poschardts DJ-Culture die Passagen über die frühe Disco-Ära, eben über die schwarze Gay-Culture in New York, zu den stärksten gehören. Passagen über jene, die eben sonst nix haben als ihren Körper und darum diesen zelebrieren. Weil er da bis zum Sozialen vordringt. Das läßt er jetzt lieber bleiben,der Herr Poschardt. Jetzt gibt er die Riefenstahl:

"In "Devil wears Prada" ist kaum Platz für Rührung. Deshalb ist die Zeitschrift ein Erfolg. Keine scheindemokratisch legitimierte Institution der Mittelmäßigkeit verhindert Grandiosität und Glamour. Nach einem Jahr aus Fördern und Fordern - auf die denkbar härteste und kompromissloseste Art - ist die Assistentin ein neuer Mensch. 70-Stunden-Wochen haben sie reifer gemacht: Sie sieht besser aus, weiß mehr, ist schneller und konzentrierter, sexyer und mutiger. Ihr Marktwert hat sich vervielfacht. Deshalb lässt sie ihre Chefin im Stich. Das großartige an dem Film ist, dass die Chefin dies vermeintlich kühl registriert, um sich abseits aller Blicke sehr darüber zu freuen. Jemand ist ihr über den Kopf gewachsen. Dies ist das größte Kompliment für eine liberale Perfektionistin."

Ist das jetzt eine neue Form von Comedy, oder meint der das ernst?

Klar wird immerhin, und dafür gebührt dem Herrn ein Dankeschön: Dieses ganze poschardteske FDP-light-Denken speist sich zu weiten Teilen gar nicht aus einer Diagnostik der Ökonomie. Das ist, ganz schlicht, eine Ästhetisierung von Gesellschaft.

Nein, ich schreibe jetzt nicht über die "American Psycho"-Verfilmung und die Ausführungen des Anti-Helden über Huey Lewis oder Genesis. Obwohl diese Passagen - nicht das Szenische, nicht das Morden, sondern der derweil stattfindende Diskurstypus - das Denken eines Porschardt ganz gut karrikieren. Höre stattdessen lieber die sehnsüchtigen, alten Disco-Schmachtfetzen und fühl mich einfach gut. Bobby Womack und so. Toll.

Weil der Porschardt, der Bolz - und wie sie alle heißen - mich nie gekriegt haben. Da bin ich schon stolz drauf. Hätte ja passieren können.

28.10.06

Der Einzige und sein Eigentum,

Hieß das so, das Stirner-Buch, das Marx dann kritisierte? Eine ganz spannende, rechtsphilosophische Analyse eines Teil-Aspektes des anvisierten, neuen Urheberrechts von Ottfried Höffe ist heute in der FR zu lesen:

"Der neue Paragraph 52 b des Urheberrechtsgesetzes soll öffentlichen Bibliotheken, Museen und Archiven erlauben, urheberrechtlich geschützte wissenschaftliche Literatur zu digitalisieren und an beliebig vielen elektronischen Arbeitsplätzen auf Bildschirmen zugänglich zu machen. (...) Der Verdacht ist nicht unberechtigt, dass die Kreativen "geschröpft" werden sollen, um anderen, beispielsweise der Computerindustrie, ihre Interessenverfolgung zu erleichtern. (...) Dieses Vorhaben widerspricht dem wohletablierten Grundprinzip des Urheberrechts, dass ein Werkautor ein umfassendes Bestimmungsrecht darüber hat, auf welche Art sein Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. (...) Es liegt auf der Hand, dass die Verbreitung durch die Bibliotheken mittels Bildschirmen die Verkäufe der entsprechenden Bücher und Zeitschriften erheblich einschränken wird. Sinken auf diese Weise die Druck- und Verkaufsauflagen, so gerät ihre Finanzierung in Gefahr, mit der voraussehbaren Folge, dass auch solche Bücher und Zeitschriften nicht mehr erscheinen."
Um nur ein paar Highlights zu zitieren, sonst würde ich mich ja genau dessen schuldig machen, was Ottfried Höffe da analysiert.

Auch der DJV macht seit geraumer Zeit Front gegen die Novelle. Interessant ist daran ja nicht nur das, was meine liberale Diskussionsfreunde erfreuen wird, daß nämlich hier de facto der Staat indirekt enteignet, indem er Eigentumsschutz auflöst.

Die Frage ist ja eher, welche Interessen und Argumente diese Novellierung stützen. Ich weiß das tatsächlich nicht, kann mich da jemand aufklären?

Sind es die Nutznießer der Computertechnologie? Gerade Youtube ...

... ist ja ein Beispiel für einen sehr eigenen Umgang mit dem Urheberrecht, und angesichts der Milliarden, die da wuchern, könnte es ja auch von einem behaupteten, volkswirtschaftlichen Interesse zehren, dieses Gesetz. Was nur ein weiteres Beispiel für die nicht-intendierten Handlungsfolgen von materialen, volkswirtschaftlichen Diagnosen wäre, wenn's denn so ist. Die nicht-intendierten Folgen des Theorems der nicht-intendierten Folgen würde mich ja eh mal interessieren.

Ebenso könnte man es ja als öffentliches Gut behaupten, dieses dann öffentlich zugängliche Wissen, und warum soll z.B. Herr Höffe eigentlich doppelt entlohnt werden - einerseits als Professor, und dann auch noch als Autor von Büchern, die er im Rahmen seiner Tätigkeit erstellt? Das wäre so eine Art sozialistischer Argumentation, vermute ich. Zudem ja Bücher eh immer schon auch in Bibliotheken rumstehen; ob man die nun da liest oder kopiert, ist so erheblich ja vielleicht auch nicht.

Umgekehrt ist ein analoges Vorgehen im Falle von Autos nicht üblich. Die sind zwar nicht so leicht zu kopieren, aber den Aufschrei möchte ich mal hören, wenn man die sozialisieren würde. Obwohl ich das im Falle von Autos plausibler fände als im Falle von Büchern. Worin besteht denn da eigentlich der Unterschied?

Obwohl ja im Falle des Kopierens von Markenprodukten in China die Debatte auch geführt wird. Im Falle von Musik sowieso schon lange. Und auch da passierte rein gar nix, wenn die Musiker alleine sich beklagten, bei den paar GEMA-Kröten, die ihnen bleiben. Da muß erst eine Industrie sich in Gefahr wähnen, damit Politik aktiv wird.

Den armen Poeten oder den freien Journalisten zu schützen, das scheint ihr Anliegen aktuell nicht zu sein. Hier ist meines Wissens z.B. anvisiert, daß diese die Rechte für alle potenziell zukünftig technischen Nutzungen mit abtreten sollen bei Vertragsabschluß. Das ist ja z.B. eines der Probleme seit Aufkommen des Internets - Videoclips, für die Regisseure 1984 für den Fall der TV-Austrahlung und des VHS-Vertriebes entlohnt wurden, dann auch in's Netz zu stellen, das ist ja rechtlich problematisch für jene, die weiterverwerten wollen.

De facto läuft diese Novelle auf die Schwächung der Position des Einzelnen zugunsten von Organisationen und Institutionen hinaus, und da scheint es mir zunehmend schnurz zu sein, ob diese nun staatlich oder privatwirtschaftlich organisiert sind: Die Individuen unterwerfen sie sowieso, und das meistens in trauter Gemeinschaftslichkeit.

Deshalb brauchen sich die liberalen Diskussionsfreunde auch gar nicht zu freuen: Durch die ständige Behauptung, maßgeblich sei einzig die Vertragsfreiheit in der freien Wirtschaft und sonst nix, verschleiern sie nur das eigentliche Problem. Auch dank der permanenten Nicht-Unterscheidung zwischen normativer Forderung und Beschreibung real-kapitalistischer Vorgänge wird nur getarnt, was der Fall ist: Daß Politik dem folgt, was Wirtschaftsverbände - und Wirtschaftswissenschaftler ihnen als richtig vorschreiben. Es sei denn, es betrifft die Organisation des eigenen Apparates.

Wenn denn das der Hintergrund der Novelle ist, man kläre mich auf. Im Falle eines Minimalstaates wäre das auch nicht anders. Wer weiter Jobs haben will, der spurt. Fast immer.

Auf der Strecke bleiben immer die Kleinen (Autoren und Kleinverlage) zugunsten der Großen (Bertelsmann und Google). Die Autorenschaft wird der Produktionsfima geopfert, deren Rechteinhaberschaft dem Fernsehsender undsoweiter. Das ist so wahr, wie's billig zu haben ist als These.

Wahrscheinlich wäre ein wichtiger Schritt, die ganze liberale Staatskritik mal auf die Wirtschaft selbst anzuwenden. Weil dann die Politik vielleicht wieder besser würde.

"Mönchen Glad-Pauli"

Gladbach-Choreoweb.jpg

Foto: Ultra' Sankt Pauli

Dann schreibe ich doch lieber erst mal über die Gladbach-Fans als über das Spiel. Da waren so um die hundert angereist, und das ist ja an sich schon bemerkenswert - bei Leverkusens Zweiter stehen da vielleicht 3 Leute rum und schweigen. Gute Unterstützung für eine Zweite, die auch noch Tabellenletzter ist.

Die Gladbacher stimmten wirklich schöne Chöre an: "Mönchen Glad-Pauli" als Dauergesang, das ist ja schon fast eine Liebeserklärung an uns. Sehr nett. Dazu eine Polonaise, mit Oberkörper frei und bar jeder Nüchternheit wohl auch - sehr sympathisch. Und dann hielten sie auch noch ein Transparent hoch: "Pauli gehört in Liga 2!" Auf das Spiel unserer Mannschaft kann das nicht bezogen ...

... gewesen sein. Da war einer, Charles Takyi, der gehört in Liga 1, und der Rest, na ja. Und auch wenn das Sankt uns ja heilig ist, weil Pauli eben der Maulwurf aus Fix und Foxi ist, wie man inmitten Hamburgs zu sagen pflegt: Das war schon außerordentlich freundlich, diese Transparent zu malen und hochzuhalten. Danke!

Überhaupt, die Transparente! Auch auf unserer Gegengeraden wirklich top. Jene zum Einlaufen der Mannschaft kann man oben bewundern. Dem schließe ich mich aber sowas von an. Und in der Halbzeit dann "Wir lassen uns das Dagegensein nicht verbieten!", und von Fäusten zertrümmerte, in Papierkörbe fliegende und durchgestrichene Hakenkreuze. Richtig so!!!

Ach, und das Spiel. Charles Takyi ist eine halbe Mannschaft. Der ist Mittelfeld, Sturm und Abwehr in einer Person. Die erste Halbzeit hatte man das Gefühl, nur er spielte. Ein völlig absurdes Kullertor hat er auch geschossen. Der holte unermüdlich die Bälle und war entsprechend in der zweiten Halbzeit etwas schlapp. Ein Held. Der wird uns nicht lange erhalten bleiben ...

Ansonsten haben wir mindestens 5 hundertprozentige Großchancen vergeben. Aber die einzigartige Qualität von Felix Luz, Bälle über das Tor zu köpfen, erwies sich doch noch als brauchbar: Er rettete uns vor dem Ausgleich mit eben dieser Methode - auf der eigenen Tor- Linie.

Unsere Abwehr war ansonsten phasenweise ein Desaster, diese kleinen, flinken Jungs aus Gladbach waren streckenweise auch wirklich ganz gut. Aber immerhin 1:0, und all die Leute danach hinter der Haupttribüne, die fast schon begeistert in ihr Handy gröhlten, sie hätten gerade das schlechteste Fußballspiel ihres Lebens gesehen, haben in letzter Zeit wohl einige verpaßt. Nach vorne war's, vom Abschluß abgesehen, sogar ziemlich gut.

Inka Müller als Linienrichterin wurde auch mit großem Applaus begrüßt, und um mich rum gab's keine blöden Sprüche in ihre Richtung. Dafür hätte ich gerne auf das unaufhörliche Gebrabbel dieses Menschen hinter mir verzichtet, der unter anderem zu berichten wußte, daß er der erste Flitzer am Millerntor gewesen sei. Und sich das bildlich vorzustellen, das ist ungefähr so angenehm wie das Imaginieren von Herrn Markwort und Frau Riekel beim Sex. Wobei auch denen beiden jeder Spaß gegönnt sei, keine Frage.

So schlurft man dann angetrunken nach Hause und fühlt sich irgendwie verbraucht. Vom Leben, der Liebe und dem Spiel der Mannschaft des FC St. Pauli. Aber zum Glück waren ja die Fans aus Gladbach da... und 3 Punkte gab's auch.

25.10.06

Nur Finanzamtsnummern?

Vielleicht liegt's ja daran. Daß sie keine Finanzamtsnummer hatten, die Schädel da in Afghanistan.

Schon ein schwerer Schlag für jene, die pauschal Muslimen nekrophile Neigungen in allerlei Blogeinträgen bescheinigen wollen, daß nun die Kämpfer für das Wahre, Gute und Schöne des Westens im nahen und nicht mehr ganz so nahen Osten das Spiel mit dem Schädel so anregend finden.

Als St. Paulianer hat man ja eh ein besonderes Verhältnis zu ehemaligen Köpfen. Manchmal schaut man ja wirklich außerordentlich irritiert auf das, was ...

... da auf das Sweat-Shirt gedruckt wurde. Geht auch nur, weil's eben nicht für ein Individuum steht. Wäre das der konkrete Kopf von irgendjemandem, der eine ganz reale Geschichte hat - glaube nicht, daß es sich dieses Maskottchen durchgesetzt hätte. Na, im Falle Störtebekers vielleicht schon. Dem wurde ja anhand des Knochens auch das Gesicht wieder gegeben.

Noch in unserer letzten Erstliga-Saison wollten die Bayern-Münchener unsere Fahnen und T-Shirts nicht in ihrem Stadion haben. Obgleich doch in manchen Regionen eben jenes Bundeslandes meines Wissens die Gebeine auch in Felshöhlen bunt verziert und gestapelt sich finden, zur Besichtigung ausgestellt? Man kläre mich auf.

Das wirft ja alles miteinander ganz andere Fragen auf als nur jene nach dem Image einer Armee. Eher jene nach dem Verhältnis, das hierzulande zu einem unwiderruflichen Faktum wie dem Tod besteht.

Nicht umsonst kamen mir, als ich eben im Radio von den Vorgängen in Afghanistan hörte, als erstes Zombie-Filme in den Sinn. Ich denke schon, daß im Horror-Film und zum Teil auch im Krimi das bewältigt wird, was in anderen Kulturen der Ahnenkult, die Religion und die Jenseitsvorstellung vollbringt.

Habe in irgendeiner Dokumentation mal die Propaganda-Filme der Islamisten ausschnittsweise gesehen. Da wurden selige Märtyrer-Gesichter gezeigt, mit stillem, glücklichen Lächeln auf den Lippen. Scheußlich, Leichen zu mißbrauchen, um Haß aufzustacheln und Morde zu motivieren.

Aber da mag man noch so sehr über die Jungfrauen im Paradiese witzeln, die vielleicht nur Trauben sind, wie manche Forscher ja behaupten, reiner Übersetzungsfehler, sagen die: Angenehmer als Zombie-Filme oder pure Materie, die man auf Motorhauben abstellt, ist die ja schon, die Vorstellung mit den Jungfrauen. Jetzt nicht gerade indiviuell für mich, aber ganz allgemein gesprochen.

Als nächstes befiel mich wieder dieses Erstaunen, das mich packt, wenn die Kriegsbefürworter und Anti-Appeaser so tun, als ginge es beim Einzug in die Schlacht nicht auch um's Schlachten. Da werden hehre, moralische Pflichten beschworen, für man stramm zu stehen habe, will man kein Gutmensch sein - aber Leichen, nö. Die diskutiert kein Schwein. Es sei denn, sie wurden gesteinigt. Erschossen scheint okay zu sein.

Im Irak bringen die Iraker sich ja neuerdings auch nur noch gegenseitig um. Was ja alles andere als falsch ist - so ganz ohne Tote kam aber auch der erste Golfkrieg mit US-Beteiligung nicht aus. Aber da zeigte man nur diese grünlichen Bilder aus den Fluzeugen. Der zweite ebenso wenig.

Und dann kommen die Soldaten da unweit von Kabul und halten einfach 'nen Schädel in die Kamera! Sogar von Erektionen beim Posieren ist die Rede. Ich halte ja nicht allzu viel von Freud und Jung, aber daß das Verdrängte dazu neigt, an anderer Stelle hervorzukriechen und sich verzerrt zu zeigen, das macht als Gedanke schon Sinn.

Als nächstes dachte ich an einen Eintrag von Alan Posener, der mich sehr berührt hat. Über eine Freundin von ihm, die bei einem Unfall um's Leben kam. Diese komplett desensibilierte Kommentatorenmeute da drüben beim APO, die hat mich richtig fertig gemacht. Dabei fallen da ungemein ehrliche Sätze von jemandem, der trauert und dabei dieses denkt:

"Deshalb haben wir beide die letzten Nächte so schlecht geschlafen, sagte ich zu Maria. A. will doch noch zu uns.

Blödsinn natürlich. Aber so entsteht der Glaube an eine Nachwelt. Aus schlechtem Gewissen.

Mir käme ein solcher Glaube geradezu wie ein Betrug vor. Selbstbetrug und Betrug an der Erinnerung, als seien Versäumnisse der Liebe nicht endgültig. "Mitten im Leben seid ihr im Tod" heißt es irgendwo in der Bibel, und die Lehre daraus ist: verschiebe in der Liebe und der Freundschaft nichts auf morgen."

Die gehen schon unter die Haut, diese Worte. Hatte selbst einst das Gefühl, daß jemand, der mir nahe stand und sich das Leben nahm, danach noch mal bei mir vorbeigeschaut hätte. Will jetzt hier nicht behaupten, daß dem wirklich so war. Aber schon dafür plädieren, nicht nur bei der puren Materie, die dann bleibt, stehen zu bleiben.

Alle Diesseitsgewandheit, alle Plädoyers für's Hier und Jetzt sind jederzeit zu befürworten - und dennoch, wäre dem wirklich so, daß nix bleibt als das schlechte Gewissen der Lebenden, dann wären diese Fotos aus Afghanistan ja auch nix Skandalöses. Oder das unmittelbar Empörende wäre nur das schlechte Gewissen angesichts des Tötens da in Afghanistan. Was ja als Aussage schergewichtig genug wäre.

Ich glaube, es geht dennoch um mehr. Glaube, daß was fehlt in dieser Kultur. Etwas fehlt im Umgang mit dem Tod, der unsichtbar wurde und nur als Zombie-Film uns noch etwas zu erzählen hat ... oder als schlechtes Gewissen.

24.10.06

Was man meinen kann, wenn man "Heimat" sagt ...

Wedemark.gif

Foto: Heino Strunk

Manchmal rieche ich ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, Grünkohl und deftige Erbensensuppe, spüre feuchte Luft und fühl mich ganz, ganz tief im Innern einfach nur Zuhause. Habe dieses wohlige Gefühl im Magen, das man hat, wenn man nach dem Waldspaziergang etwas Warmes ißt. Und das alles nur, weil Rayson was über Niedersachsen schreibt ...

Habe nie die Leute verstanden, die gegen einen Begriff von "Heimat" polemisierten. Dumm nur, daß hierzulande zumeist die Ekligen ihn sich anheften. Und Revanchisten damit ihre eigenen Sehnsüchte boykottierten. Dabei ist das doch eigentlich nur ein Gefühl des Hingehörens, wo man ist. Des gerne dort seins. Oder auch des gerne wieder dort sein Wollens.

Ist bei mir jetzt Hamburg, dieses gerne dort sein. Aber noch nicht mal das ganze Hamburg. Hamm oder Barmbek oder gar Wellingsbüttel, selbst Eppendorf, das ist schon was immer auch Fremdes. Othmarschen nicht, weil's an der Elbe liegt. Heimat ist schon was Eigenes, nicht eine Tracht. Ist eine Perspektive. Und erlebte Zeit.

Wenn ich so per Zug oder ...

... Autobahn gen Süden reise, dann packt mich ab der Aller-Überquerung ein seltsames Gefühl. Das ist ein: "So bin ich!"-Gefühl! Eben das Gefühl, das ich auch habe, wenn ich aus Paris wieder in Hamburg lande und mit dem Taxi dann die Alsterkrugchaussee langfahre. Oder wenn ich mit dem Zug aus Köln komme und Bremen hinter mir lasse: Dann ist der Himmel anders. Klarer. Weiter. Das Licht ist nicht mehr so milchig, und ich witter Morast und Heidegrün- und violett. Dieses zugleich Feuchte und Triste und Wunderschöne, diese Wärme in den schlichten, roten Ziegelhäusern in den Dörfern und dieses wohlige Gefühl vom Wind im Gesicht. Eben der Norden.

Wenn man von Hamburg gen Hannover fährt, kommt man an so illustren Städten und Dörfern wie Lindwedel, Gailhof und Resse vorbei. Oder auch Mellendorf. Da waren wir immer Schlittschuhlaufen, da in Mellendorf. Mit Nahverkehrszügen, auf roten Plastiksitzen sitzend fuhren wir dorthin. Die Heizung in diesen Zügen, die roch immer so einzigartig trocken staubig und, ich weiß auch nicht warum, ein wenig nach Benzin. Sie gab uns dicke, warme Luft, die man fast anfassen konnte. Das erste Mal auf der Eisbahn, da mußte ich mir Schlittschuh leihen, und bekam nur Eishockey-Schuhe. Die hatten keinen Stopper. Lustig war das nicht.

Von Mellendorf aus konnte man an Äckern vorbei nach Gailhof laufen. Blick auf Wäldchen und Baumgruppen und Hecken: Ich liebe diese Physiognomie der Landschaft nördlich von Hannover. Diese schlichte Felder-Wiesen-Hecken-Wälder-aber-platt-Landschaft, die im Sonnenschein fast lieblich wirken kann, ohne jemals im Kitsch-Morast zu versinken, wie diese ganzen süddeutschen Holzbalkone und Verzierungen das tuen. Deren Weindorf-Seligkeit, nee, mir erscheint das immer wie Lüge. Mißtraue der Idylle. Norddeutsche Landschaften erscheinen mir immer ehrlicher, wahrhaftiger. Da verniedlicht man nix. Da weiß man um kalte, triste Winter und den Wind, vor allem den Wind. Diese tiefe Röte der Gesichter alternder Bauern, die so vortrefflich zum Blaumann paßt, diese "ein Leben auf dem Trecker"-Gesichter, die mit der Landschaft verwachsen scheinen, die sind so viel schöner als Schwarzwaldmädel-Trachten. Schlicht gelebt und deshalb echt.

In Gailhof lebten Eltern, die mich immer "Hasi" nannten. Weil sie Angst um ihren Sohn hatten. Leider hatten sie dazu nicht wirklich Grund: Da war nix zu machen. Finde ich bis heute schade. Den habe ich schon wirklich geliebt.

Ich als Vorstädter, aufgewachsen inmitten von Neue Heimat-Siedlungen, war immer ein wenig neidisch auf meine Freunde, die da auf den Dörfern lebten. Ich konnte zwar zu Fuß zur Schule gehen und mal eben mit der Straßenbahn nach Hannover rein. Aber deren Leben, das hatte immer was von Janis Joplins "Me and Bobby McGee". Die trampten durch ihr Dasein. Von der Schule nach Hause, zu Rieke nach Resse oder auch am Freitag in's Franco, die obligatorische Kiffer-Disco. Deren Freundschaften waren enger als bei uns in der Vorstadt. Die fühlten sich aufeinander angewiesen - andere nennen sowas Liebe.

Später, als sie dann auch Berlin und so ausprobierten, da kam einer von ihnen damit so gar nicht klar. Der mußte dann zum Therapeuten und in Kliniken. Weil seine Kumpel- und Tramper-Welt da in und zwischen den Dörfern nicht mehr funktionierte. Ich habe das immer verstanden. Die Kumpel-Welt war wohlig und vertraut. Und dann dieses graue, Berliner Chaos - nee. Dann lieber auf's Kananoher Moor starren und ganz man selbst sein.

Wenn ich an Harmen mit seiner zerfetzten Jogging-Hose zu knallgelben Turnschuhen, diesem lila Sweat-Shirt und den quietschrot gefärbten Pumuckl-Haaren denke, süßer Dorfpunk, wie er mit geringeltem Stoffwurm über der Schulter die Bundesstraßen-Autos da auf dem Dorfe anhalten wollte, um zum Zigaretten-Automaten zu gelangen, dann wird mir eh ganz warm um's Herz.

Der wohnte später in einer ausgebauten Schäferhütte - habe glatt vergessen, wie das da hieß. Da, wo es rechts ab nach Bissendorf ging. Da war einmal im Jahr dann Sonnenwendenfeier, kurz vor Weihnachten. Da wurde sogar eine Hexenpuppe verbrannt. Und man steckte Kartoffeln in's Lagerfeuer, trank Lindener Bier und traf sie alle wieder. Mußte sich immer die Nase putzen, weil so viel Ruß darin sich fing. Das war immer schön. Das ist leider eingeschlafen, dieses Ritual.

Daran denke ich trotzdem immer, wenn ich von Norden über die Aller fahre. Sehe dann den Mond hinter Wolkenfetzen vor mir und die Menschen, die ich liebte. Rieche die Landluft und verstehe, was man meinen kann, wenn man "Heimat" sagt ...

22.10.06

Richtig toll ist ja nur, wenn man dabei ist ...

Jubelinkiel.jpg

Foto: FC42

Na, abgesehen davon, daß die Jungs von der Müllverbrennungsanlage heute bedauerlicherweise mal wieder gewonnen haben, zum Glück nur gegen Leverkusen, war das ja mal wieder ein richtig feines Fußball-Wochenende!

Wenn man "Und ihr wollt deutscher Meister sein" trällernd Bier kaufen spaziert, dann kommen nicht nur tolle Erinnerungen hoch, dann haben auch die Bayern gegen Werder verloren, schön - noch schöner freilich das Gelingen unseres ersten Auswärtssieges dieser Saison!

Und das auch noch bei den Kielern, wo zu Beginn er Hinrunde noch jeder gedacht hätte, ...

... die seien Aufstiegskonkurrent. Jetzt dümpeln sie ja nicht minder als wir, und wir jetzt halt ein klein wenig weniger ...

Ich beichte: Zum "Derby" gegen die Zweite der Stellinger bin ich nicht hingegangen. Trotz Dauerkarte und ca. 1500 m Luftlinie zum Stadion. War so eine Mischung aus "erst mal keine Spiele mehr schauen, die weh tun könnten" und, ja, sogar einer gewissen Gleichgültigkeit. Schlimm eigentlich. Aber dieses leidenschaftslose Gekicke, nee, das geht gar nicht. Wollte hier auch schon gar nicht mehr drüber schreiben.

Weil man ja weiß, daß sie's könnten. Wie sie gestern in Kiel gezeigt haben.

So'n Gurkenkader darf auch schlecht spielen. Hauptsache, er strengt sich an. Diese Truppe darf das nicht. Eigentlich haben wir einen Super-Kader voller Klasse-Jungs. Den Takyi solltet ihr mal ohne Trikot sehen. Das Foto drüben beim FC 42 war mir schon zu aufregend für mein langweiliges Blog. Und jetzt hat er das 1:0 geschossen, weil er genau richtig stand ... eh ein Super-Spieler, nicht nur wegen Sixpack. Hat offensichtlich geklappt, weil sie mal wieder auf den Platz brachten, was diesen Verein ausmacht: Pure Emotion.

Mein Hund hat gestern nachmittag schon gedacht, sie hätte was ganz Tolles gemacht angesichts meiner Freudensprünge hier vorm Live-Ticker. Vielleicht ist sie aber auch schon richtige St. Paulianerin, immerhin mußte die Kleine schon als Welpe beim Spazierengehen auf dem Heiligengeistfeld fortwährend anhören, daß das da das heilige Millerntor sei. Zumindest sprang sie so auch völlig begeistert an mir hoch und kippte fast um vor Schwanzgewackel - bei beiden Toren und beim Jubilieren nach dem Schluß-Gezitter.

Na, dann kann man ja wieder energiegeladener am Freitag in's Stadion flanieren, wenn's gegen die Zweite von Gladbach geht. Dann werden die Spielberichte vielleicht auch wieder interessanter.

Weil: Richtig toll ist ja nur, wenn man dabei ist. Beim nächsten Sieg.

21.10.06

"Morgencreme, wie konnte das passieren."

Die Blogger-Typologie vom Dreibein ist wirklich lustig (via Augenzuppler). Am besten gefällt mir das hier:

"Morgencreme, wie konnte das passieren. Lag es an der Dusche oder an Elvira? Sie war der Guß auf meinem Haupt und die Sonne schien doch lange in der kalten Hand. Wahrheit liegt auf einem anderen Planeten, dort aber an der Rückseite des irrealen Seins!”

Mutiere hier schließlich gerade von einer Mischung aus Politblogger und Betroffenem zum Verquasten, da sind solche Passagen für mich geradezu vorbildlich. Aber natürlich noch lange unerreicht. Muß ich mir jetzt deshalb zur Optimierung eine Elvira suchen? Nee, lieber nicht ...

20.10.06

Versuch der Einfühlung (wahrscheinlich scheiternd)

Sie haben mich zum Verbrecher gemacht! Zum schändlichen Verbrecher!

Ja, ich weiß, 17 Jahre ist das jetzt her. Da war ich gerade mal 18. Da haben sie es mir eingepflanzt, dieses ganze, falsche Bewußtsein. Schande: Die Jugendweihe fand ich sogar schön. Ich schäme mich so. Bin aber oller Pathos mitspaziert und habe "Wir sind das Volk" gerufen. Na, erst kurz vor Schluß. Als man es sich trauen konnte. Und auch "Wir sind ein Volk" habe ich dann gegröhlt. Das war lustig, so mit all den anderen. Und endlich mal ohne blaues Hemd mit den anderen was singen ...

Habe wie alle dann die Sex-Shops besucht. Und wußte endlich, was es hieß, wenn da so viele Joghurt-Sorten im Regal stehen. Hatte Muttern erzählt, von den Joghurtsorten, die durfte kurz vor Schluß immer mal rüber, West-Verwandschaft besuchen.

Und von diesen höhnischen Sprüchen dieser ganzen linken Drecksbande da drüben hat sie berichtet, Sprüche wie "Denkste, der normale Wilhelmsburger kann da beim Einkaufen jeden Tag aus den Vollem schöpfen und sich erst mal 'ne Pallette Luxus-Joghurt nach Hause liefern lassen?" Zynische Drecksäcke. So'n Student war das. So einer, der auf Staatskosten nur Phrasen drischt und sich seine Ideologie-Produktion auch noch von ehrlichen Arbeitern finanzieren ließ.

Morgens, wenn ich aufwache, habe ich immer Schulgefühle. Daß es mir überhaupt weh tat, als Walter, mein Vater, mit abgewickelt wurde. Der Versager. Dabei hatte er mindestens 3 Kredite laufen - für's Auto, die Einbauküche und ...

... die Waschmaschine.

Na, mit Joghurt war dann erst mal Schluß. Lehrstelle war auch nicht. Erntehelfer, das habe ich dann mitgemacht. Bis der Rücken nicht mehr mitmachte. Als ich mich daraufhin in der Bank beworben habe, da haben sie nur auf meine Hände gestarrt. Na ja, wurde auch nix. Für Bewerbungen im Westen war halt auch kein Geld mehr da.

Ach, was fasel ich hier überhaupt für einen Sozialkitsch. Das liest sich ja wie "Die Weber" oder sowas. Dabei hatten die doch wenigstens einen Job, die ollen Schlesier. Und dann so ein Aufstand. Verbrecher waren das, diese Leinenweber. Aller Propaganda zum Trotz: Verbrecher!

Seitdem ich in der FDP bin, läuft es etwas besser. Bei uns ins Sachsen haben die ja sowas wie eine Infrastruktur. Der eine hat mich sogar eine zeitlang als Chauffeur beschäftigt, so auf Zuruf, und Botendienste für die Apotheke durfte ich auch mal machen. Aber nix dauerhaftes. Und auch nur schwarz. Sowas kann sich ja sonst auch keiner leisten. Und dann sitze ich doch wieder nur da mit Papa und spiele Karten.

Der hat sich verändert, seitdem er im Knast war. Der wollte einfach keine Insolvenz anmelden und dann alimentiert werden wie all die anderen Gangster. Sein Pizza-Service endete zwar im Desaster. Hatte niemand so Recht Geld für die Pizza, da bei uns auf dem Dorf. Aber was sollte er tun. Selbst ist der Mann, hat er sich gesagt. Und diese Geldbotenjobs für die Russen-Mafia, die waren doch auch nur ein Job. Die wurden gut bezahlt. "Ist doch auch nur ein Wirtschaftsunternehmen", hat er gesagt.

Nee, Verbrecher wollten wir nicht sein. Dann lieber rechtschaffende Botendienste.

Aber jetzt haben wir auch noch die Prozeßkosten auf der Uhr. Super. Scheiß-Bürokratie. Jetzt konnten wir nicht mehr anders. Jetzt mußten wir zum Amt. Unmoralisch sind wir jetzt. Jetzt hat uns dieses Drecks-System zu Verbrechern gemacht.

Da kam sie dann wieder hoch, diese ganze Scheiße, die das System damals in uns angerichtet hat. Nein, wir kämpfen dagegen an, gegen diese Gefühl, man habe Anspruch auf irgendetwas. Daß Rechte sowieso nix zählen, das haben wir ja auch damals schon unter Erich gelernt. Immerhin etwas.

Zu richtigen Verbrechern hat uns das gemacht. Dazu, jetzt auch zu den Alimentierten zu gehören und andere damit nur zu beklauen. Die Schuldgefühle sitzen bohrend da in der Magengegend rum und stochern. Richtig weh tut das. Bei der katholischen Kirche, da kann man wenigstens beichten ...

Aber daür habe ich ja zum Glück jetzt die FDP-Ortsvereinssitzung. Immerhin. Da haben sie mich gelehrt, ich hätte sowieso zu viel von der Demokratie erwartet, damals, als ich "Wir sind das Volk" rief. Recht haben sie. Wozu brauchen wir die eigentlich?

Da ist mir auch dieser Graf oder sowas über den Weg gelaufen. Eine richtige Respektsperson. Sogar irgendwelche Preise hat der gewonnen. Wahrscheinlich so eine Art Schumi unter den Wirtschaftsdenkern. Der würde diesen ganzen Nazi-Parteien von grün bis rot, diesem Waschlappenhaufen, bestimmt ordentlich den Marsch blasen. War ja nicht ganz falsch, daß die Grafen einst das Sagen hatten. Da hatten die Leute wenigstens noch 'nen Job.

Der Herr von Hayek, den habe ich bei der FDP kennengelernt, der hatte doch Recht:

"Der Sozialismus hat vielen Menschen beigebracht, sie besäßen Ansprüche, ungeachtet ihrer Leistung, ungeachtet ihrer Mitwirkung. Urteilen wir nach den Moralvorstellungen, die die erweiterte Ordnung der Zivilisation entstehen ließen, so stiften die Sozialisten die Menschen zum Rechtsbruch an."

Eben!

19.10.06

Lauschen ...

"Der Opener "Paperback Bible" veranschaulicht das Arrangement des kompletten Albums. Eine dissonant wirkende Soundcollage leitet den Song ein, steigert sich und wird dann abgelöst von einem dezent gezupften Gitarrenlauf, zu dem sich schließlich die sonore, zerbrechliche Stimme des Sängers gesellt. Ganz unaufdringlich setzen die Streicher ein und sanft ertönt ein Piano. Alles ergänzt sich und steht gleichberechtigt nebeneinander. Wagner erzählt Geschichten, die ohne wirkliche Refrains – die die monotonen Harmonien der Songstrukturen gefährden könnten – auskommen."

Quelle: Laut.de

Wer hat hier mal in die Kommentare geschrieben, über Musik schreiben sei so, als würde man Architektur tanzen? Wenn ich das da oben lese, habe ich dafür volles Verständnis.

Höre hier gerade zum dritten Mal "Damaged", das aktuelle Album von Lambchop. Ich sehe dabei Landschaften und schwebe sanft durch Emotionen, nehme aber weiß Gott kein gleichberechtigt Nebeneinanderstehen von Instrumenten wahr. Fuck the Songstruktur - wie dieser Mann singt! Gott, ist das wunderschön. Musik hören ist Kontemplation. Sich ihr hingeben. Und ihr folgen ...

Überhaupt: Ein Lob des Lauschens ist an der Zeit und deshalb der Zeit gemäß. Nicht des Lauschens an der Wand, ist klar. Nee, ich meine das akustische Äquivalent zum Wittern beim Hund. Manchmal sitzt meine kleine, heißgeliebte Wuschelette einfach so da und schnüffelt in die Landschaft. Sowas meine ich. Aber zweckfrei. Offen. Nicht, um dann irgendein Karnickel zu jagen. Sondern, um danach anders zu sein als voher. Ein kleines Stück Erlösung zu spüren ... aus Nashville, nicht aus Panama.

Lambchop zu lauschen ist wie eine Reise. Sowas wie die Unendliche Geschichte: Man legt die CD ein und ist daraufhin in einer anderen Welt. Der stützt nicht die Gefühle, die man eh schon hat, der Herr Wagner, der entführt. Und von dieser Stimme und diesen Harmonien will man sich entführen lassen, ganz egal wohin ...

Ich achte da nicht auf den Text. Keine Ahnung, wovon der singt. Ich lausche ja. Das ist ...

... mitten in der Stadt gar nicht so einfach, das mit dem Lauschen.

Gerade will ich mit diesem Eintrag loslegen, da geht vor dem Fenster eine Auto-Alarmanlage los. Weil irgendjemandem sein Eigentumsschutz wichtiger, als daß ich in Ruhe lauschen kann. Akustische Belästigung.

Als ästhetische Belästigung erlebe ich in der Stadt ja eh nur Windsor-Knoten. Typen in Anzügen, die wahrscheinlich noch beim Lambchop-Hören ihre Synapsen nach dem Muster von Konto-Auszügen organisieren würden. Solche, die sogar Musik noch nach Status-Kriterien auswählen.

Der ungewaschene Typ mit den demolierten Händen und dem kaputten Auge, dem ich heute 'ne Zigarette gegeben habe, der vor dem Bankautomaten am Schulterblatt schnorrte, den mochte ich. Der war nett.

Früher hatte ich ja meinen Stamm-Schnorrer, den mit der erfrorenen Nase, auf dem Weg zur U-Bahn. Ein älterer Typ, der mit einem ungeheuer warmen Blick in's Leere starrte. Seitdem wir in dem neuen Büro sitzen, muß ich gar nicht mehr zur U-Bahn. Da habe ich mich noch nicht wieder für einen entschieden. Aber Zigaretten gebe ich prinzipiell immer. Schon aus Rauchersolidarität.

Schade finde ich ja, daß die Zeit der kurzärmeligen Hemden langsam vorbei geht. So Unterarme können ja ganz schön sexy sein. So ein behaarter Armrücken, an dem man zupfen kann - hmmmmm. Auch denen muß man sich manchmal kontemplativ hingeben, den Unterarmen. Und dieser Bizeps-Ansatz, der noch aus dem Hemd rauslukt, der kann ganz ganze Welten eröffnen. Wenn man ihm visuell lauscht. Sich den Sinnen hingibt. Ihnen folgt.

Ansonsten ist Lauschen in der Stadt gar nicht so einfach. Kein Muhen von Kühen, kein Uhu,. der ruft. Nur Sonntag morgens, da geht das. Das stehe ich oft extra früh auf, um lauschen zu können. Dann ist Lauschen wie tief Durchtamen. Da hört man auf einmal dieses seltsame Geräusch, dieses Kieksen, das die Eichhörnchen ausstoßen. Kann ich gar nicht in Lautschrift fassen. Das ist ja das Schöne am Lauschen. Man kann gar nicht beschreiben, was man hört. Man hört sie dann richtig, die Möwe, am Sonntag morgen. Ihr Apell an die Weite und die Sehnsucht und das Meer ...

Bei Lambchop riecht man Wälder. Auch sowas: Das Riechen. Am Millerntor zum Beispiel, da weht so ein ganz besonderer Geruch über die Haupttribüne. Ja, jetzt lacht ihr, weil ihr an etwas ganz anderes denkt, als ich meine. Ich meine was Kühles, Frisches. Nein auch kein Astra. Irgendetwas Wortloses, Schönes ...

Ansonsten riecht man in der Stadt eigentlich nur Abgase, Parfum und Reinigungsmittel. Und Schweiß. Gelegentlich Exkremente. Aber all diese Nuancen, die den Süden so sinnlich machen, Rosmarin, Lavendel, all das, ist hier in der Stadt von Windsor-Knoten abgeschnürt. Und von der Parfümerie Douglas und Budnikowsky und wie sie alle heißen erstickt. Oder auch von Pommesfett.

Aber in Hamburg, da riecht man wenigstens noch in den dunkelsten Wohnungen und U-Bahn-Tunneln, in den miesesten Pinten das Meer. Aktuell würde ich gerne ein Schiff besteigen und nach Nashville schippern. Mit Dolly Parton einen saufen und mit Kurt Wagner zum Fischen gehen. Oder sowas. Hauptsache an einen See im Wald.

Denn wenn man Lambchop lauscht, dann siegt die Sehnsucht, die Melancholie, die einen ganz erfüllt, ganz wohlig erfüllt. Dann, wenn man das Lauschen noch nicht verlernt hat ...

Mutationen schweben sommerblau dort am Himmel unseres Lebens und man weiß nicht genau ...

Na, das hier verlinke ich doch gerne! Und zwar nicht, weil ich Gentechnik-Experte wäre oder das Dargestellte en detail beurteilen könnte - sämtliche Tatsachenbehauptungen, die sich dort finden, könnte ich gar nicht aufstellen, weil ich da zu wenig Ahnung von habe.

Es gibt aber dieses gut begründbare Theorem, daß man nur in einem Rahmen handeln solle, innerhalb dessen die Handlungsfolgen revidierbar und kontrollierbar bleiben. Hätten sich die Atomspalter mal daran gehalten, dann hätte man heute auch nicht die gleichen Probleme mit den Irren in Teheran und Nordkorea. Ich meine die Präidenten oder wie auch immer sich deren politische Ämter nun genau nennen, nicht die Bevölkerung. Und ein paar Kids und anderen rund um Tschernobyl ginge es deutlich besser ...

Wenn also völlig unklar ist, wohin dieses ganze Gott-Gespiele führt, sollte man es doch lieber bleiben lassen.Da man die moralische Verantwortung für zukünftige Generationen auch nicht dadurch los wird, daß man sich auf den Markt beruft ...

PS: Jetzt witzelt bestimmt gleich irgendeiner in den Kommentaren über die Linken und die Risikogesellschaft ...

18.10.06

Eine kurze Geschichte der Zeit

Manchmal warte ich auf Kassiopeia, die Schildkröte. Wenn ich die Zeit dazu habe, auf irgendetwas zu warten. So wie jetzt,da ich für viereinhalb Tage den Anachromismus lebe und mich als Volkswirtschaftsschädling gebährde.Ganz der Amoral mich hingebe und in Unfreiheit das Arbeitnehmerrecht zum Urlaub wahrnehme.

So richtig Urlaub war bisher nicht drin in diesem Jahr. Projekt folgt auf Projekt, die Stundenblumen welken - da kommt schon Freude auf, wenn viereinhalb Tage mal das schnöde Nichtstun, zumindest das Nix-Verwertbares tun, sich zwischendrängelt zwischen's Rumgehechel.

Und dann sitze ich da, wenn ich ...

... ich gerade nicht blogge, und hoffe, daß die Schildkröte mit dem "Folge mir" auf dem Rückenpanzer an mir vorbeispaziert. Frage mich, wohin die mich wohl mitnehmen würde...

In die Vergangenheit? Vielleicht in's Studium zurück, als ich noch die Chance hatte, Voraussetzungen für Prouktivität schaffen? Ha, da sind sie, die grauen Männer. Schleichen sich ein in die Begrifflichkeiten und beißen sich fest wie Blutegel. Jene grauen Männer, über die manch Berliner gelegentlich zu höhnen pflegt. Weil er unbedingt so werden will wie die.

Manchmal muß ich nach Moabit. Nein, nicht den Knast, den Stadtteil. Da habe ich dann nicht das Gefühl, daß die Zeitdiebe umherschleichen. Wenn, dann wohl primär in Form dieser Sozial-Ingenieure und Schnüffelgangs, die mit Formularen Menschen bekämpfen ...

Das ist ja das Schöne, wenn man an die Welt der Kinderbücher denkt: Man traut sich wieder was. Man ist im Geiste im Zirkus Roncalli unterwegs, freut sich über den Stoffbären, den man zu Weihnachten geschenkt bekam. Ich habe mich vor dem Einschlafen immer in "Gedankensprache" mit all den Stofftieren in meinem Bett unterhalten. Wüßte gerne noch, worüber wir da eigentlich geredet haben.

Habe auch Gummi-Figuren geliebt: Schlümpfe, Walt-Disney-Figuren und so. Da gab es eine Firma namens "Bully", die haben immer neue Serien herausgebracht. Da gab es Gespenster, und auch die Snigs. Das waren rote Außerirdische mit gelben Haaren, kurzen Antennen auf dem Kopf und auch gelben Klamotten. Die waren lustig.

Und Muppet-Figuren hatte ich auch. Das Tier. Gonzo. Kermit war doof. Da wußten sie wohl nicht, wie man diese schlaksigen Beine in Gummi reproduzieren soll und haben den auf eine Truhe gesetzt. Da ließ sich schlecht mit spielen. Miß Piggy hatte ich natürlich auch - ich kann mich noch gut an die Muppets Show mit Rudolf Nurejew als Gaststar erinnern. An den schmiß Miß Piggy sich in einer Sauna ran, und ich weiß noch gut, wie interessiert ich mir dessen Körper betrachtete.

Ironischerweise hatte ich auch Waldorf und Statler. Habe ich heute noch - meine Gummitiere wollte ich meinen Nichten und Neffen nicht vermachen. Obwohl mein Bruder darüber richtig sauer war.

Später, es war ein Urlaub ausgerechnet am Wolfgangsee, haben wir Parlament mit den Viechern gespielt. Weil mein Vater Politiker war, lag das nahe. Miraculix wurde immer zum Präsidenten gewählt, weil der so weise wirkte. Und der dicke Pichelsteiner mit dem gelben Fellgewand gab den Verteidigungsminister, wegen der Keule in seiner Hand. Der Inspektor aus dem rosaroten Panther füllte mit rhetorischer Schärfe die Rolle des SPD-Generalsekretärs aus. Solche Worte hatte ich drauf als Kind, "Generalsekretär".Habe schließlich auch Plakate gegen Herrn Hasselmann gemalt, auch wenn heute keiner mehr weiß, wer das war. Der Inspektor war SPD-Generalsekretär, weil ich fand, er sähe aus wie Egon Bahr ...

Statler war immer der Vorsitzende der CDU, nix für ungut - weil er so ein grantelnder, alter Knacker war. Und mein Bruder spielte einfach nur konsequent die Opposition - mit 7 Wums, die er auf dem Rummelplatz geschossen hatte.

Welche Funktion Professor Hastig innehatte, das weiß ich nicht mehr. Aber sein Nomen ist wohl Omen für jene, die heute studieren.

Eine von meinen Kolleginnen erzählte neulich des Mittags vom Germanistik-Studium nach der Reform der Hamburger Uni. Daß es jetzt nur noch um Klausuren ginge und darum, möglichst schnell fertig zu werden zu werden. Studium als reine Anpassungsleistung, als Nachgeplapper vorgefertigter Häppchen - das kann nur ein weiterer Sargnagel für die Volkswirtschaft sein. Das sind ja die grauen Männer selbst, die diese zerstören.

Alles, was mir beruflich klappte, verdankte sich der Möglichkeit, auch neben dem Studium zu jobben. Behindertenarbeit. Das war wichtig. Da lernte man Verantwortung. Und auch, sich selbst zurückzunehmen. Das ginge heute nicht mehr mit dem Jobben, sagte meine Kollegin. Nur in den Semesterferien. Da war sie ja auch bei uns.

Wichtig war auch zu lernen, mir im Dschungel der Regellosigkleit selbst Strukturen zu schaffen. Mich in Denker wirklich einarbeiten zu können. Selber zu wählen, zu entscheiden, welches Thema relevant sei. Einser-Philosoph wurde ich, weil ich die verschiedenen Fächer zu vernetzen wußte, ohne daß man sie mir vorschrieb. Man ließ mich in Ruhe meinen Weg suchen und finden.

All die Millionen Umsatz, die ich mittlerweile im Laufe der Jahre an Land gezogen habe, verdanken sich einzig dem Faktum, daß man die Zeit mir ließ, damals, in glücklichen Studientagen. Daß ich mich in Themen, in Foucault, in Adorno, in Tugendhat versenken durfte. Ganz so wie zuvor beim zeitlosen Spiel mit den Gummitieren ...

Von den Multiple-Choice-Klausuren zu den Methoden der empirischen Sozialforschung ist mir einzig der Begriff "Eindimensionale Skalierung" verblieben - wie ein Fleck an der Wand meines Wissens. Die Hausarbeiten, die ich schreiben durfte - von denen zehre ich bis heute bei der Aquise neuer Aufträge.

Trotzdem, gerade jetzt an diesen wenigen Urlaubstagen, wünschte ich mir trotzdem eine Kassiopeia. Die den nächsten Weg mir weist. Eine, die mich weg lockt von den grauen Männern, den Zeitdieben. Hin zu mehr Kreativität - im Umgang mit Welt, mit Anderen und mit mir selbst. Dazu braucht man Zeit. Denn die macht produktiv ...

17.10.06

Metapher und buchstäbliche Rede

Na, diese drittklassige Think-Thank-Vorstufe da in Berlin erzeugt zumindest mächtig Traffic. Daß dann einer der Kommentatoren nicht umhin kann, gleich im vierten Kommentar antisemitische Intentionen meinerseits anzudeuten, mag noch als Zwangsneurose durchgehen. Daß Rayson sich nicht entblödet, bei aller freundschaftlichen Verteidigung irgendwas vom Mossad daherzuquatschen, tut schon weh, der müßte es eigentlich besser wissen.

Aber all das sei diesen geistigen Pitbulls und allenfalls Dreier-Philosophen mal zugestanden. Die haben ja offensichtlich sonst nix.Falls die sich tatsächlich noch nicht mal bezahlen lassen für das, was sie schreiben und auf Veranstaltungen verkündigen ( das kenne ich allerdings zugegebenermaßen nur aus Mitschriften), macht das die Sache ja noch nicht mal besser. Wer tritt denn bitte konsequent für die ökonomischen Interessen weniger Menschenverächter in derart agitatorischer Intensität ein, ohne davon auch noch finanziell zu profitieren? Überzeugtsein kann man von sowas doch gar nicht.

Aber lassen wir die L-Gruppen irgendwo kurz vor rechts liegen, bleiben beim Pitbull und zitieren lieber richtige Philosophen. Hat mich das "?" hier in den Kommentaren darauf gebracht, mal über den Gebrauch von Metaphern rumzugrübeln.

Gerade in den politischen Diskussionen der Blogosphäre ist das ja in der Tat ein Problem, auch meins - z.B. "Markt" wird von Verächtern und Liebhabern gleichermaßen mindestens ebenso oft im metaphorischen Sinne gebraucht wie im buchstäblichen; und einiges an Verwirrung ließe sich wohl vermeiden, hielte man beides auseinander. Gegen Metaphorik spricht das nicht: Um Bestehendes zu transzendieren, statt wie ein Kaugummi am Bürgersteig zu kleben, ist's wohl ein guter, erster Schritt, in Metaphern neue Perspektiven und Sichtweisen zu entwickeln.

Nichtdestotrotz ...

... tobt seit spätestens seit den 80ern ein Streit (eigentlich seit Platon und den Sophisten, klar) in der Sprachphilosophie über das Verhältnis von metaphorischer zu buchstäblicher Rede. Und das macht ja Sinn, dieses Verhältnis genauer zu bestimmen. In der Tat reicht es nicht aus, so habe ich beispielsweise Habermas verstanden, die Metapher in's Reich der Literatur als nicht so wichtig zu verweisen: Zu oft scheint in argumentativer Rede sie auf, und zu stark ist ihre gesellschaftliche Wirksamkeit. Hier ein Vorschlag von Martin Seel zum Verständnis metaphorischer Rede:

"Was eine metaphorische Behauptung allererst behauptet, ist dies: die Angemessenheit des Zusammenhangs, in dem sie ihren Gegenstand vorstellt. (...) Der Anspruch des metaphorischen Bildes ist zunächst und vor allem, daß die von ihm entworfene Szene gut gebaut ist. (...) Die Geltung oder Gelungenheit einer Metapher bemißt sich an beidem: an der gelingenden Artikulation eines akzeptierbaren Zugangs zur angesprochenen Sache."
Martin Seel, Sich bestimmen lassen, Frankfurt/M. 2002, S. 23

Diskussion eröffnet. Von mir aus an den Beispielen "Pit Bull" und "kurz vor rechts".

16.10.06

In the early morning rain

Manche Lieder begleiten mich. Wie gute Freunde begleiten sie. Jahrelang. Sind Heimat. Sind Vertrautes. Drängen sich nicht auf, sind einfach da, wenn ich sie brauche. Sind da. Und ich liebe sie. Liebe sie sehr. Sind Lieder, die mich morgens in den Arm nehmen und die tastende Bewegung in den Tag hinein erleichtern. Ihm einen Rhythmus geben. Gerade, wenn es Herbst wird.

Elvis' "Early morning rain" ist so ein guter Freund. Keine Ahnung, wie man diese Youtube-Dinger auf der Seite installiert. Ein Song, der frisch, feucht und grün riecht und dabei sanft in leiser Traurigkeit umschmeichelt. Das ist der Genuß des Stapfens durch Herbstlaub. Der legt mir immer vertraut ...

... den Arm um die Schulter und taucht die Welt in die goldigen Farben des Indian Summer. Der läßt mich an der Melancholie nippen wie an einem guten Brandy, einem spanischen möglichst. Denn er nimmt auch die Erinnerung an die Sommerhitze in sich auf und dieses Gefühl, daß es immer wieder schön ist, wenn die vorbei ist. Der Song ist dieses Gefühl, das mich durchdringt, wenn ich auf die letzten Rosenblüten im Oktober blicke - wenn zwischen Mehltau und zu langen Trieben sich doch die letzten Blüten noch dem Licht entgegenrecken und trotzig ihre Schönheit präsentieren.

Habe seltsamerweise in all den Jahren nie auf den Text geachtet. Dieses Lied ist halt Gefühl. Da könnte ich schon naß bis auf die Haut sein, wenn ich es höre, und würde doch einfach nur mitfließen wollen. Sanft, gemächlich Gräser und Wurzeln an mir vorbeiziehen sehen, die Blätter treiben auf mir, ich spiel mit ihnen und lösche jenen, die mich brauchen, ihren Durst.

Da fühlte ich mich wie im I Ging-Hexagramm 29. Das heißt zwar auch "Das Abgründige, die Gefahr"; aber auch "Das Geheimnisvolle". Und mahnt, im Abgrund nicht zu Brackwasser zu werden:

"Abgrund über Abgrund, so die Bedeutung des Doppelzeichens Wasser, das sich auf die Schluchten bezieht, durch die sich der Wildbach, von oben genährt, dem Meer entgegen bewegt. Dabei überwindet er jedes Hindernis durch Überfließen und strebt in dauernder Beständigkeit seinem großen Ziel entgegen."

René van Osten, I Ging - Das Buch vom Leben, Aitrang 2000, S. 278

Würde gern Elvis hörend Schlucht für Schlucht hinter mir lassen und Steine schleifen und ganz Leben sein, ganz Leben ...

PS: Ihr Drecksäcke, macht euch ruhig lustig über die "Das weiche Wasser bricht den Stein"-Metaphorik und erstellt stattdessen Bilanzen! Los, behauptet es doch, daß man heute aus der Wasser-Metaphorik mehr rausholen müsse! Aber dann schafft auch eure guten, alten Freunde ab und verzichtet darauf, daß euch jemand den Arm um die Schulter legt - originell oder gar zeitgemäß ist das beides ja auch nicht...

15.10.06

Als der Rockpalast mit Johnny Winter in der Glotze lief ...

Es gibt Orte, die kennt man. Obwohl man nie da war. Diese American Diner mit der langen Theke sind solche Orte. Mit den Herdplatten, auf denen Spiegeleier zischeln. Wo's bestimmt nach dünnem Kaffee riecht und, je tiefer in der Provinz sie herumstehen und öde in die Weite glotzen, desto mehr wird es wohl nach Schweiß riechen. Vielleicht heißen die auch gar nicht American Diner. Was ja egal wäre. Sie sehen sowieso so aus, als hießen sie so.

Manchmal sieht man übernächtigte Komissare in ihnen sitzen. Manchmal Trucker. Manchmal Teenies in Horror-Filmen, die noch nicht wissen, daß sie kurz darauf auf der Flucht vor irgendeinem Fleischerhaken sein werden - das müssen zentrale, wichtige, entscheidende Orte sein da drüben, diese langen Theken und diese Sitz-Nischen, in denen man sich zu viert gegenübersitzen könnte und doch zu zweit meistens nur sitzt. Dialogisch.

Und egal, in welchem Film, immer wirken sie so, als würden in ihnen Sätze fallen wie:

"Maggie Miller stammte nicht von hier. Und sie hat alles gevögelt, was sich bewegt hat."

Sätze, die man mitschreibt, während man fern schaut. Dieser stammt aus "Mord ist ihr Hobby" und wurde in einer Galerie gesprochen, inmitten von Kunst. Wahrscheinlich ein gut getarnter, Brechtscher Verfremdungseffekt, weil der Satz doch eigentlich in ...

... einem American Diner geäußert werden müßte.

Da, wo dann dicke Typen um die 50 reinspaziert kommen. Typen mit Schweißrändern am beigen Sacco und am Kragen des karierten Hemdes. Solche, die ihren Cowboy-Hut aus dem Gesicht schieben. Solche, die beim Reingehen in's Diner nach dem Aussteigen aus irgendeinem amerikanischen Auto, so einem breiten Schlitten mit doller Federung und braunen Kunstledersitzen, erst mal die Hose hochziehen müssen, mit beiden Händen sie hochziehen müssen. Und die doch diese einzigartige Selbstgerechtigkeit ausstrahlen. Die so einen "Mein Schwanz stinkt, mein Bauch ist fett, aber ich bin die geilste Sau in der Stadt, denn ich habe Macht"-Blick haben. Die mit der Bibel in der Hand um des Guten willen ihre Kinder schlagen. Das gab's sogar in Schwarmstedt, unweit dessen, wo ich herkomme: Die Pastorenfamilie, wo die Schläge fest definiert waren, die's pro Vergehen gab. Biblisch begründet.

Hinter der Bar des American Diner steht dann entweder eine hagere, Frustrierte. Oder eine Dicke, die immer lacht. Oder ein junges Teenie-Mädel aus der Wohnmobil-Siedlung, das da jobbt. Eines, das etwas billig und ordinär wirkt, aber ganz aufrecht ist und dem Dicken mit dem stinkenden Schwanz vor Begierde die Augen hervorquellen ließe. Oder eine Schwarze, die entweder vor allem schwarz und nicht viel mehr ist - oder aber verlebt attraktiv aussieht, so einen Hauch von Tina Turner ausstrahlt, eben so, als würde ihr Mann sie verprügeln. Wahrscheinlich mit rötlich getöntem Haar.

Bestimmt läuft da entweder Country-Musik, oder der Fernseher. Vielleicht gucken sie ja das Rockpalast-Mobil. Irgendwo mitten in Iowa oder so, wo hübsche Jungs auf offener Straße manchmal Anfälle von Narklolepsie haben, gibt es dieses eine American Diner, wo sie einen Rockpalast-Fanclub gegründet haben. Einfach, weil sie sonst nix haben. Und weil irgendeiner von ihnen in seiner Jugend in Deutschland stationiert war und mit ein paar Kumpels immer die Rocknächte geguckt hat. Wahrscheinlich war das der Dicke mit dem stinkenden Schwanz, der saß einst irgendwo bei Heidelberg und guckte die . Little Steven z.B., oder The Who haben sie geguckt, damals, als er noch schlank war. Den Rockpalast mit Police, wo Sting mit freiem Oberkörper "So loneley" in's Mikrophon quetschte, den mochte er nicht so. Das war aber auch keine Rocknacht.

Danach, nach diesem Police-Rockpalast, da traute er sich nicht mehr, ganze 3 Wochen lang nicht mehr, mit seinen Kumpels ein Bier trinken zu gehen. Weil er sie sich immer ohne T-Shirt oder ohne Uniform vorstellte. Dabei fand er sie mit Uniform auch schon sexy genug, verdammt, das war hart.

Der war dann für ihn so etwas wie ein religiöses Erweckungserlebnis, dieser Police-Rockpalast: Da wollte er ganz schnell nach Hause zurück, auf die Farm seiner Eltern, und einfach nur heiraten. Egal welche. Irgendeine findet sich schon. Hat auch geklappt: Maggie Miller hieß sie.

Er hat dann eine American-Diner-Kette gegründet. Die größte in Iowa. Und sich die Lust auf die Weiber hinter der Bar richtig antrainieren müssen. Das war harte Arbeit. Aber er hat es geschafft. So, wie er's immer geschafft hat, wenn er irgendetwas wirklich wollte.

Dieser Aufenthalt in Deutschland, der ist nur noch ein Acessoire im Smalltalk. Eine dunkle Erinnerung an Fachwerk-Altstädte. Die gibt ihm eine gewisse Weltläufigkeit. Deshalb pflegt er die Rockpalast-Kultnächte da in der Keimzelle seines Imperiums, dem Diner in seiner Heimatstadt.

Wobei in letzter Zeit die anderen aus dem Fanclub wegbleiben. Einige sind weggezogen: Das Farm-Sterben halt. Andere haben einfach kein Geld mehr. Dabei gibt er doch auch gerne mal einen aus. Manche sind auch schon gestorben. Das Herz ... da kann's einen schon früh erwischen. Oder sie sind einfach daheim bei ihren Familien. Auch das das gibt's.

Aber er hält das Ritual ein. Sogar das Rockpalast-Mobil sieht er sich an. Wo ein Moderator mit Baseballkappe mit Stars in einem Wohnmobil durch die Gegend fährt und quasselt. Dann werden kurze Schnipsel eingespielt von alten Rockpalast-Auftritten, die der Star sich gewünscht hat.

Dabei sitzt er jetzt manchmal auch ganz alleine da, allein mit der Dicken hinter dem Tresen, die immer viel lacht und ihm die Burger auf den großen Herdplatten brutzelt. Sitzt da und sieht fern. Das braucht er. Es bestätigt ihn immer, daß er's geschafft hat, wenn er der Dicken auf den Arsch glotzt, während das mit Graffitis versehene Rockpalast-Mobil über den Bildschirm fährt.

Gestern war da Joy Denalane. Nettes Mädel. Hat sich Bob Marley gewünscht: "No woman, no cry". Da kann er immer nicht anders, als sich vorzustellen, wie es wohl ist, wenn man da liegt und jemand beugt sich über einen, der so Würste als Haare hat. Wie die sich wohl anfühlen würden auf der Haut.

Zum Glück war der Ausschnitt nur ganz kurz, und dann fuhr der Mann mit der Basballkappe, der Moderator, dahin, wohin man mit "Farbigen" (hat er so gesagt, in irgendeinem Zusammenhang, der Mann mit der Baseballkappe, "farbige Künstlerinnen") halt so fährt: Zu einem Hafen. Bremerhaven, genauer, also da, wo Elvis einst ankam. Auf dessen Spuren der Dicke mit dem stinkenden Schwanz biographisch ja sozusagen wandelte. Der Elvis kam an, und Farbige werden da halt verschifft in Häfen. Na, heutzutage macht man das mit Flugzeugen, egal. "Übersee" sagt der Moderator auch in irgendeinem Zusammenhang, die Assoziationen sind schon stimmig.

Nur Frau Denalane zerstört die ganze wohlige Atmosphäre und will ein Käsebrötchen. Aber auch Pommes. Ihre große Schwäche, sagt sie. Da klopft sich der Dicke auf den Bauch und lacht. Sein Lachen hallt durch's leere Diner, nur der Burger brutzelt. Un die Dicke hinterm Tresen lacht mit.

Den Dicken packt Sehnsucht. Er greift zum Kaffee, den die Alte hinter der Bar gerade nachgeschenkt hat. Nimmt einen Schluck und schüttelt sich. Kein Wunder, daß die Gäste ausbleiben. Er schaltet den Fernseher aus. Fragt sie, ob sie mit ihm tanzen will. Sie kichert. Nur ein kleines Tänzchen, bitte. Könnte sie vielleicht Hank Williams einlegen, "I'm so lonesome I could cry"?

Ob ihm das denn nicht zu traurig sei. Nö, genau richtig jetzt. Aber sie habe es nur in der Version von Elvis. Auf der "Aloha from Hawaii"-CD. "Um so besser", sagt er. Sie legt die CD ein und kommt, nervös, aber durchaus auch aufgeregt hinter ihrem Tresen hervorgetänzelt. Wie Elli Pirelli tänzelt sie.

Er umklammert ihren gewaltigen Körper und tanzt einen "Blues", so wie Teenies das tun. So, wie er es damals immer in der Kaserne getan. Wie er ihn gar nicht mehr loslassen wollte, als der Rockpalast mit Johnny Winter in der Glotze lief ...

14.10.06

Hannah Arendt und die "soziale Frage"

Noch ein Nachschlag zum Eintrag von heute morgen: In der FR findet sich heute anläßlich des hundertsten Geburtstags eine sehr klare und pointierte Analyse zu Hannah Arendts Begriff des Politischen. Außerordentlich lesenswert.

"Es ist eine kurze Bemerkung Arendts über Marx, aus der sich diese Deutungsalternative ergibt. Seine Analyse der Ausbeutung nämlich ist es, die es laut Arendt ermöglicht habe, Armut nicht mehr als unentrinnbares Resultat eines quasi natürlichen Mangels zu verstehen, sondern als politisches Phänomen. Was er damit geleistet habe, nennt Arendt eine "Transformation der sozialen Frage in einen politischen Faktor". Dann aber ist - auch für Hannah Arendt - das Soziale nicht per se unpolitisch, sondern politisierbar."
Und:
"Politisch werden soziale Fragen offensichtlich nach Arendts Auffassung dann, wenn sie als von Menschen gemachte dechiffriert werden können. Aus einem Naturereignis wird gesellschaftlich hergestelltes, von Menschen verschuldetes Unrecht. Die Einsicht in den hergestellten Charakter der Not verweist dabei auf die Existenz eines Freiheits- und Handlungsspielraums. Was von Menschen gemacht ist, muss nicht so sein, wie es ist; es kann von Menschen - handelnd - verändert werden. Aus der Erfahrung der thematisierten Verhältnisse als Unrecht schließlich folgt, dass hier Ansprüche auf Verallgemeinerung im Spiel sind, so dass es um mehr als um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht."
Eben.

Die Urteilskraft des Pariah

Das ist schon seltsam, wenn sowohl diese Propaganda-Klitsche (wer finanziert die eigentlich?) als auch der Che sich auf dieselbe Denkerin berufen ...

Che, kann wirklich nur empfehlen, in Hannah Arendt tiefer einzusteigen, die birgt unendlich viel kritisches Potenzial. Einfach, weil sie so so konsequent quer zu allen Fronten gedacht hat. Die watscht wirklich alle ab, auch die Kritik der politischen Ökonomie. Wie man unabhängig denkt, das kann man bei Hannah Arendt wahrlich lernen, und so vieles andere mehr auch noch. Meiner Hausarbeit damals zu glücklichen Studententagen zum Leben und Werk Hannah Arendts gab ich den Titel "Die Urteilskraft des Pariah", und ich glaube bis heute, daß das Sinn machte, sie so heißen zu lassen.

Die Passagen zu den "Aporien der Menschenrechte" in "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" gehören zum eindrucksvollsten, was ich je gelesen habe, und sind erschütternd, wirklich im Wortsinne erschütternd, aktuell. Nicht nur an den Stränden von Teneriffa ...

Habe mir gestern auch noch mal die gekürzte Version des legendären Interviews Günther Gauss' mit Hannah Arendt angeschaut, im Rahmen eines Themenabends auf ARTE (wieder so ein Beispiel, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen so unverzichtbar ist. Auf RTL gäb's sowas nicht zu sehen).

Da beeindruckte auch die wirklich imposante Formulierungskunst und Komplexität der Fragen des Interviewers - der würde heute beim Fernsehen gar keinen Job mehr bekommen. Auch diese konzentrierte Energie, diese messerscharfe Aufwallen der Worte und des Denkens Hannah Arendts (völlig krudes Bild, messerscharfes Aufwallen, trifft aber das, was ich empfand): Was eine Frau!!!

Das ist auch gerade als DVD erschienen, dieses Interview, ich hab's mir jetzt ...

... zum dritten Mal angeschaut und bin immer wieder auf's Neue fasziniert.

Vorher lief auch eine Dokumentation über Leben und Werk der Denkerin, die nicht als Philosophin, sondern als Politische Theoretikerin verstanden werden wollte.

Was mich immer wieder irritiert, ist, daß gerade die beiden jüdischen Dichterinnen und Denkerinnen, die mich am nachhaltigsten beeindruckt haben, Else-Lasker Schüler und Hannah Arendt, daß ausgerechnet diese beiden tief ergreifende Affären mit den beiden Interims-Nazis hatten, die mich ebenfalls sprachlich und gedanklich prägten: Gottfried Benn und Martin Heidegger.

Tragische Liebe in beiden Fällen und doch in dieser Tragik so unendlich produktiv - als ich gestern in der Doku diese so durchdringend schön formulierten Liebesbriefe Heideggers an Hannah Arendt hörte, hätte ich fast geweint. Der Skihütten-Hirt des Seins als überragender Stilist des Emotionalen - wirklich eindrucksvoll.

Sowas wie eine Liebesbrief-Kultur, blödes Wort, ist die im Zeitalter von SMS und e-mail eigentlich ausgestorben? Auch der Gedicht-Wechsel zwischen Benn und Lasker-Schüler, das sind ja Worte von einer Intensität, die jener der Callas gleichen, wenn sie Puccini singt.

Deshalb, um die Ecke gedacht und vielleicht unpassend, für mich aber auf den Punkt, ein Lasker-Schüler-Gedicht an Gottfried Benn zu Hannah Arendts Hunderstem Geburtstag. Weil diese Härte, die Hannah Arendt im gezeigten Interview ausstrahlt, diese herzlich zupackende Härte, zu 95% der zeithistorischen Erfahrung des unvergleich Schrecklichen sich verdankt - des Schrecklichen, das dann auch in der Banalität des Bösen gründete.

Aber, wenn meine Einfühlung nicht trügt: Die restlichen 5%, sie könnten sich dem Wehren gegen das Gefühl verdanken, das aus den Worten, den so einzigartig gesetzten und durchfühlten Worten der Else-Lasker Schüler spricht:

HINTER BÄUMEN BERG ICH MICH

Bis meine Augen ausgeregnet haben,

Und halte sie tief verschlossen,
Daß niemand dein Bild schaut.

Ich schlang meine Arme um dich
Wie Gerank.

Bin doch mit dir verwachsen,
Warum reißt du mich von dir?

Ich schenkte dir die Blüte
Meines Leibes.

All meine Schmetterlinge
Scheuchte ich in Deinen Garten.

Immer ging ich durch Granaten,
Sah durch dein Blut

Die Welt überall brennen
Vor Liebe.

Nun aber schlage ich mit meiner Stirn
Meine Tempelwände düster.

O du falscher Gaukler
Du spanntest ein loses Seil.

Wie kalt mir alle Grüße sind,
Mein Herz liegt bloß,

Mein rot Fahrzeug
Pocht grausig.

Bin immer auf See
Und lande nicht mehr.

Else Lasker Schüler, Hinter Bäumen berg ich mich, in dies.: Sämtliche Gedichte, München 1984, 3. Auflage, S. 125

13.10.06

The closest thing to crazy und mein Hund

Glaube muß sowas wie Musik sein. "He touched me" singen die ja immer, in Gospelkirchen. Oder auch einfach nur so. Um sexuelle Belästigung geht es dann ja gerade nicht. Auch nicht um dieses elektrisierende Gefühl, das die Berührungen von diesem oder jenem so anders macht als kumpelige Umarmungen. Trotzdem kann einen "etwas berühren", ohne daß einen jemand anfaßt. Na gut, angefaßt fühlen kann man sich auch. Aber darum geht es gerade nicht.

Berühren tut's einen, wenn man z.B. wie ausgekotzt vom freien Wirtschaftsleben morgens in der Küche sitzt, formlos, haltlos, ratlos, und wie jeden neuen Tag erst mal Nachrichten hören will. Und die Wettervorhersage. Um zu wissen, was man heute anziehen soll. Der erste Schritt des Tages ist schließlich der zu überlegen, wie man sich gegen diesen Tag nun wieder wappnen soll.

Und dann singt eine wundervolle Frauen-Stimme aus dem Radio "The closest thing to crazy". Sie geht unter der Haut spazieren, die Stimme. Kitzelt, streichelt, drückt auf's Tränenzentrum, wühlt genüßlich in Ereinnerungen, kneift und ergreift. Ja, ergreift.

Keine Ahnung, ob die credible ist oder sonstwas. Ob man bei gewichtigem Smalltalk mit Kunden sie anführen dürfte. Oder ob man das Statement, daß man diesen Song mag, gleich als Provokation verpacken müßte. So wie bei der Beichte, daß man manchmal heimlich Enrique Iglesias hört, die alte Schmachtbacke, und dann sehnt. Dann ist man für andere ja schlagartig der dicke, kleine Junge auf dem Schulhof mit der Brille, der gehänselt werden darf, wenn man sowas zugibt. Dann haben sie die Lizenz zur Überheblichkeit und zu ungezügeltem Sadismus. Wenn man sowas gesteht, muß man schon den Gegenschlag auf das folgende Gelächter vorbereiten, will man nicht untergehen ...

Aber der Song ist traumhaft, dieses "Closest Thing to Crazy". Satzfetzen vom Glück, das falsch sich anfühlt und die Nähe zu Irresein - da denkt man doch gleich an gestern abend. An die fahlen ...

... Gesichter. Daran, daß selbst das irre Gelächter von R., das ihn durch's Leben spült, R., der irrlichternd lachend, ganze Tonleitern lachend, laut, Hauptsache laut, immer ins Absurde flüchten muß, um Arbeitsalltag und 36-Stunden-Schichten psychisch zu überleben - daß selbst dieses irre Gelächter mittlerweile erloschen ist. Die Augen von R. wirken seltsamerweise größer durch die Augenringe darunter. Und M., sie schleicht nur noch fahl zwischen den Beckstrinkern hindurch, ihr rotgefärbtes Haar betont noch die total gewordene Farb- und Konturenlosigleit eines Gesichts, das sonst mit der Dietrich konkurrieren könnte.

Gut, das, worum's ging, das, was die Gesichter in die Karrikatur ihrer selbst verwandelte wie auf einem expressionistischen Gemälde, das ist ein voller Erfolg. Ein Produkt, auf das man stolz sein kann. Wird gemocht, und der Kunde ist hoch zufrieden.

Der Dienstleister, wo wir es produzierten, der auch. All die Nachtschichten, die werfen schon was ab. So gab's gestern Bier-Empfang und Finger-Food - lecker! - von ihm, eine nette Einladung, eine schöne Geste inmitten der schönsten Stadt der Welt.

Trotzdem ist es surreal, wenn dann mein stets freundlicher Hund schwanzwackelnd und entfesselt begeistert all die Leute begrüßt: Pure Emotion in Kuschelfell verpackt. Begrüßen ist für sie das Größte. Das findet sie überragend lustvoll. Da bekommt sie sich gar nicht mehr ein.

Und so steht man mitten in Menschen, die man mag, die man zwecks bestmöglichem Produkt einmal durch die Hölle schicken mußte, bis sie nur noch japsen, nach Luft schnappen, sieht diesen Hund inmitten derer rumwuseln in seinem einfach so Kontakt- und Liebe-Wollen, und das mit dem closest thing to crazy bekommt auf einmal einen ganzen anderen Sinn ...

12.10.06

Dann kam der Blues und ich fühlte mich kurz besser - aber nur kurz ...

Er schwingt mir noch im Ohr, der Sound von Sonny Boy Williams. Höre schon das Knarzen und Ächzen der Veranda unter mir und sehe vor mir das Missispi-Delta ausgebreitet liegen - grün und weit. Der Hund liegt zu meinen Füßen, seufzt und schnarcht genüßlich. Ich nippe am Jack Daniels oder sowas und atme die Leere. Aus der Ferne dringt eine Mundharmonika an mein Ohr, so eine wie die von Guy Forsyth.

Obwohl ich außer ein paar Fernsehbildern gar nicht weiß, wie's da aussieht im Missisipi-Delta. Oder wie's da riecht. Und auch nicht, ob Sonny Boy Williams da her kommt. Aber da ist bestimmt viel Platz, viel Weite, und Holzhäuser mit Veranda gibt es da sicherlich auch, da im Missisipi-Delta.

Blicke mit dem geistigen Auge über die Landschaft und träume von Müssiggang (ja, Hank Chinasky, Du hast mich aufrichtig tief beeindruckt, eine so dermaßen gute Schreibe ist mir bisher in der Blogosphäre noch nicht über den Weg gelaufen - großartige Texte). Endlich Müssiggang!

Da reißt mich die slowakische Nationalhymne aus den Abendträumen, und Ivan Rebroff kriecht wie ein dicker, fetter Mistkäfer mit Fellmütze aus den Untiefen meiner Erinnerung. Die hört sich auch so kosakenchorig an, die slowakische Nationalhymne. Nix gegen Ivan Rebroff, mit Mistkäfern hat der auch eigentlich rein gar nix zu tun, aber mit der Troika durch's Missipi-Delta? Nee. Nee, nee, nee.

War's nicht ...

... der slowakische Präsident, Ministerpräsident, Regierungschef, wasauchimmer, der nach dem Fußballendspiel sagte, da habe nicht Italien gegen Frankreich, sondern Europa gegen Afrika gespielt?

Als "Du bist Dritter"-Co-Autor Saniti einst im Missisipi Delta recherchierte, was es mit den P.I.M.P.s von 50 Cent und anderen realhistorisch auf sich hat, da gerieten seine schwarzen Interviewpartner völlig aus der Fassung. Die waren einfach nicht gewöhnt, darüber zu reden. Da steckte so viel so tief in denen drin, so vieles, das so weht tat, daß sie es gar nicht äußern mochten. Weil so laut keiner schreien kann. Sexualität und Schwarze in den USA - nicht nur die Lust, auch diesen tiefen Schmerz hört man im Blues wie auch im näselnden Rap eines Snoop.

Das hat viel mit dem Statement des Regierenden in der Slowakei zu tun. Auch Elvis, der den Blues und den Country und den Gospel infantil und juvenil aufgesogen hat, erschaffte zu Lastwagenfahrer-Zeiten sich sein Image, indem er die Anzüge der schwarzen Zuhälter zitierte und so über die Beale-Street flanierte. Zu einer Zeit, da schwarze Jungs im Süden noch kastriert und aufgeknüpft wurden, wähnte jemand, sie könnten eine weiße Frau begehrt haben. Umgekehrt freilich gab es wenig Sanktionen.

Aus der Sklaverei entlassen und weiter der Rassentrennung ausgeliefert - juchhu, da lockte die Schwarzen auf ihren Parzellen der freie Markt mit seinem Glücksversprechen. Gerade noch, ein paar Generationen zuvor, wurden sie als eine Art Rohstoff auf dem Markte feilgeboten, nun durften sie selbst sich feilbieten. Aktiv! Selbstverantwortlich! So schickten sie ihre Frauen auf den Strich. Böse das bittere Gelächter der schwarzen Interviewpartner bei genau dieser Story - fast ein wenig irre wirkte es, wegen der Auswegslosigkeit von einst. Aber der Markt war ja da ... und Blues und Soul und Hip Hop haben wenigstens ein um's andere gute Stück zur Rettung beigetragen.

Jetzt hängen sie sich auf Hip-Hop Bühnen selbst die Ketten um den Hals, aber dieses Mal goldene. Und die Zähne, die einst der Käufer prüfte, wenn all die mythischen Bilder denn wahr sind, werden mit diamantbesetzten Spangen geschmückt. Habe die gestern erstmals gesehen, diese mit Brillianten gespickten Dinger, die man über die Zahnreihen schiebt.

Und dann schießt Podolski ein Tor, das 1:0. Wenn ich mich recht entsinne, ein ganz ähnliches wie das 1 zu 1 vor kurzem am Millerntor. Da war ich schon so betrunken. Weil die erste Halbzeit so aufregend war. Mit Astra statt Spätburgunder. Und die St. Pauli-Fans gegen Rechts-Aufkleber, die überall in der Republik geklebt sich fanden, die wären heute verboten ...

10.10.06

Wer die Rose ehrt ...

F%C3%BCr%20Klaus%20Renft.jpg

Foto: David Austin-Roses

Wer die Rose ehrt, wer die Rose ehrt Der ehrt heutzutage auch den Dorn Der zur Rose noch dazu gehört Noch so lang, so lang man sie bedroht

Um den trauer ich wirklich: Klaus Renft. Für den pflanze ich zum Abschied virtuell eine Rose hier in's Blog.

Den durfte ich sogar mal treffen, zu Recherche-Zwecken mit ihm einen Kaffee trinken inmitten Berlins. Habe kaum etwas verstanden, weil er so stark sächselte. War dennoch ein Einblick in ein zugleich ungeheuer imposantes ...

... und tragisches Leben.

Drei mal verboten wurden seine Bands - erstmals, als er als Teenie noch den Rock'n'Roll in den Clara-Zetkin-Park in Leipzig brachte. Dann pflegte er mit einer Band die Beat-Musik, die die SED arg bekämpfte - und in den frühen 70ern, als kurz Aufbruchsstimmung nach dem gewaltlosen Machtwechsel zu Honecker aufkam, rund um die Weltjugendfestspiele oder wie die hießen war das, war wüster Art-Rock angesagt. Renft spielten den vom Abstrusesten, Großartigsten, Tollsten, träumten Apfelträume und ehrten Rosen. Musikalisch ist das neben Citys "Am Fenster" schon das dollste, was die DDR so hervorgebracht hat in Sachen Rockmusik, zumindest in den 70ern.

Im Gegensatz zu anderen, die noch schwanenkönigsgleich Staatspreise sich überreichen ließen oder heute als Monsterrocker Ostalgie verbreiten (wobei "Alt wie ein Baum" schon auch klasse ist, und man auch die Puhdys respektieren muß), mußte Klaus Renft in den Westen rübermachen und geriet dem Auto erst mal in die RAF-Rasterfahnung. Willkommen!

Und gehört auch heute geehrt. Da ist wirklich ein Riese gestorben.

09.10.06

Jenseits von Arrows steht Sen, verbeugt sich vor Arrows und hat trotzdem Recht

Eigentlich erstaunlich, daß mir das von Statler in der Diskussion hier eingeführte Arrows-Paradoxon tatsächlich erstmals über den Weg gelaufen ist.

Wobei ich damit auch zugebe, in der Lektüre von Armatya Sens "Ökonomie für den Menschen" noch nicht bis zum 11. Kapitel vorgedrungen zu sein, was ja ein Skandal ist angesichts dessen, worüber ich hier so zu diskutieren pflege. Aber unsereins wird ja auch nicht für's Lesen bezahlt. Leider.

Beschwörend raunen sich dann die WiWi-Geschulten dieses magische Wort "Arrows-Paradoxon" zu - ganz so, wie unsereins mit "Panoptismus" Insider-Wissen demonstriert; ich muß mir das erst mal erarbeiten, aber Blogs sind ja auch dazu da, daß man mal eben raushaut, was einem einfällt, wenn man über dieses Paradoxon erstmals liest. Auch, um ggf. widerlegt zu werden. Auch deshalb bloggt man ja.

Wenn man zum Beispiel den Satz hier liest (Quelle: Wiwi-Treff)

"Herrscht Einigkeit, können Entscheidung von der Gesellschaft problemlos getroffen werden. Differieren die Meinungen jedoch und betreffen die Entscheidungen jeden einzelnen, ist es schwierig Methoden zu finden, die die unterschiedlichen Meinungen zusammenführen. Die Social-Choice-Theorie beschäftigt sich mit eben dieser Vereinbarkeit kollektiver Entscheidungen und individueller Werte in einer Gesellschaft. Grundlegende Fragen sind, ob - und, wenn ja, in welcher Weise - Präferenzen für die Gesellschaft als Gesamtheit aus den Präferenzen seiner Mitglieder abgeleitet werden können."
Da fällt mir ja gleich als erstes schon wieder dieser Sprach-Kladderadatsch auf, der manchmal, aber nur manchmal für Wirtschaftswissenschaftler und deren diskursives Umfeld mir typisch erscheint, pardonnez-moi, hier Mitlesende natürlich ausgenommen.

"Meinungen, Entscheidungen, Werte, Präferenzen": Das wird da alles mal so aneinander gereiht, als sei es dasselbe.

Was eine "kollektive Entscheidung" sein soll, ist mir ebenfalls schleierhaft, mir schwant, muß aber nicht so sein, kann's ja falsch verstanden haben, daß da schon in der Fragestellung ein Kategorienfehler sich einschleicht. Indem so getan wird, als müsse bei der Verallgemeinerung individueller Präferenzen dann ein Kollektivsubjekt mit identischen Präferenzen hinten rauskommen, was ja Blödsinn ist. Und wenn das nicht passiert, dann sei das paradox. Das gibt's aber gar nicht, das Kollektivsubjekt. Das kann auch keine Präferenzen haben.

Seltsam erscheint mir auch - das hat mich schon gewundert, als Statler es anführte-, daß bei Einführung dieses Paradoxons in die Debatte über Demokratie das Ergebnis demokratischer Entscheidungen dann so etwas sein soll wie ...

... das Konstatieren der durchschnittlichen Beurteilung von Miniröcken durch die Bevölkerung Neuköllns. So etwas wie eine statistische Erhebung zur Tatsachenfeststellung also.

Darum geht es doch aber bei demokratischen Prozessen gar nicht, da geht es um die Formulierung von Zielen und die Beurteilung von Wegen dorthin, zu denen man dann wahlweise ja oder nein sagen kann. Nicht um die Feststellung von Tatsachen. Und idealerweise sollten jene, die man wählt, eben diese Ziele klar formulieren und den Weg dorthin zumindest zu skizzieren in der Lage sein.

Kurz gesagt: Der Satz "ich will x" ist von ganz anderer Art als der Satz "es ist der Fall, daß p". Natürlich kann ich auch sagen "Es ist der Fall, daß (Person) X p will", aber dann sage ich etwas anderes als "ich will x" (oder auch "ich will X", obwohl X Y will und nicht mich"). Das ist der uralte Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft (wobei beide Satz-Typen auch unvernünftig oder irrational auftreten können, klar). Und dann kommt da noch so etwas wie Ausdrucksgeschehen mit hinein.

Man sollte sich schon über den Tatsachen-Rahmen im Klaren sein, wenn man "ich will x" sagt, der Unterschied besteht dennoch zwischen konstatierenden und praktischen Sätzen.

Und dann führt der da oben im Zitat noch Meinungen, Präferenzen, Werte, Entscheidungen an. Evaluative Sätze haben die Form "es ist gut, daß p" oder "ich finde p gut". Präferenzen haben heißt "Ich mag x (ggf. lieber als y)". Entscheidungen sind noch am ehesten an "ich will x" zu koppeln, sind damit aber nicht identisch, und können ihrerseits in Präferenzen oder evaluativen Sätzen gründen. Genauso gut kann ich aber sagen "Ich esse heute Salat, obwohl ich Lust auf Pommes habe."

Entscheidungen bewegen sich zumeist in einem situativen Rahmen, so daß z.B. der Satz "ich will X, weil ich Y sowieso nicht bekomme" nicht unwahrscheinlich ist; damit ist auch ein weiteres Element eingeführt, das in der Problemstellung oben gar nicht auftaucht: Gründe haben und Gründe anführen können.

Ist jetzt alles nur angedeutet, für'n Blog reicht das (was es nun mit Meinungen auf sich hat, das zu diskutieren überfordert so einen Blog-Eintrag tatsächlich, obgleich es politisch fundamental wichtig ist): Die paar rein analytischen Spielchen werden bei der Fragestellung, zumindest wie sie im zitierten Aufsatz auftauchen, noch nicht einmal durchgeführt.

Ein weiterer Satz-Typus taucht noch nicht mal auf: Das moralische Sollen, "Du sollst nicht töten", z.B.. Ich vermute jetzt einfach mal volldreist und lasse mich jederzeit gerne widerlegen, daß schon an diesen ganzen Nicht-Differenzierungen und zudem an der Ignoranz der fundamentalen Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft und somit der Differenz zwischen der 1. und 3. Person dieses Theorem scheitert.

Egal, de facto geht ja Herr Arrow dazu über, verschiedene, in sich vernünftige Verfahren zur "kollektiven Entscheidungsfindung" durchzuspielen, und zwar jene, die die soziale Wohlfahrt oder Verteilungsgerechtigkeit zum Thema haben. Die alle in sich logisch seien, aber einander widersprächen, wenn man sie kombinierte (gebe ich das richtig wieder? Ansonsten bitte korrigieren):


"Anfang der fünfziger Jahren beschäftigte sich der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Arrow (1972) mit dem Problem der kollektiven Entscheidung und prüfte mögliche Regeln für die Zusammenführung einzelner Präferenzen (Werte, Stimmen), von denen die Mehrheitsentscheidung nur eine von vielen war. Sein überraschendes aber grundlegendes Resultat war, dass keine Aggregationsregel (bzw. Entscheidungsregel) existiert, die fünf Bedingungen (Axiome) erfüllt, von denen jede für sich betrachtet sehr vernünftig erscheint."

Welche das sind, kann man hier nachlesen (Danke, David).

Wenn ich's richtig verstehe, dann geht es in allen Verfahren um das Generalsieren von Präferenzen, aber nicht Präferenzen im oben genannten genannten Sinne, sondern dem, was man in einer bestimmten Entscheidungssituation wählen würde (social choice), weil ich z.B, bestimmte Präferenzen habe.

Aber geht's denn so einfach nur um dieses bei demokratischen Verfahren? Auch dann noch, wenn Gründe in's Spiel kommen? Man führt alltäglich allerlei Gründe an, die mit je eigenen Präferenzen oder Kriterien, diese oder jene mich selbst betreffende Entscheidung treffen zu wollen, gar nix zu tun haben. Ich will ja nicht politisch entscheiden lassen wollen, ob ich heute griechisch oder italienisch essen gehe.

Und funktioniert das auch dann noch, wenn das moralische Sollen in's Spiel kommt? Mir scheint bei dem Paradoxon ein Kurzschluß zwischen Präferenzen und Werten im oben genannten Sinne einerseits und den Grundlagen von Entscheidungen andererseits vorzuliegen. Politische Entscheidungen sind doch ein viel weiteres Feld als "Ich will x, weil ich x mag". Das ist so eine seltsame Konsumentenlogik. Ich will gar nicht abstreiten, daß es die gibt, aber die ist dann das Problem und ihrerseits nicht generalisierbar als eine Art "Wesen des Politischen", will man nicht unzulässig die vielfältigen Möglichkeiten praktischer Vernunft schon deskriptiv unzulässig beschneiden.

Sen kritisiert ein wenig ähnlich: Zunächst stellt er die These auf, daß im Falle einer erweiterten Informationsbasis, also Informationen, die über die je-eigene-aus-dem-Bauch-heraus-Vorliebe hinausweisen, z.B. das konkrete Elend von Personengruppen, die von Arrows konstatierten Probleme von Mehrheitsentscheidungen keine Rolle mehr spielen würden.

Und macht dann einen Schritt hinein in eine Darstellung sozialer Prozesse, die mir viel plausibler erscheint als die Hin- und Herschwenken von Individuellem und Allgemeinen in der Menge der Präferenzen (diese Vermittlung von Allgemeinem und Besonderen hat doch schon Kant in seinem Kategorischen Imperativ zwar nicht vollends überzeugend, aber ungleich eleganter hinbekommen, das am Rande):


"Zu beachten ist noch ein anderer Punkt, der sich aus einem verwandten Thema ergibt, nämlich daß eine auf sozialen Konsens setzende Politik nicht nur danach verlangt, auf der Grundlage vorgegebener individueller Präferenzen zu handeln, sie hat auch die Empfänglichkeit sozialer Entscheidungen für eine Entwicklung individueller Präferenzen und Normen in Anschlag zu bringen. Genau aus diesem Grund kommt der öffentlichen Diskussion und dem gesellschaftlichen Austausch für die Entstehung gemeinsamer Werte und Verpflichtungen ein so hoher Stellenwert zu. Unsere Ideen über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit reagieren vermutlich auf öffentlich vorgebrachte Argumente (...)."

Amartya Sen, Ökonomie für den Menschen, München 2002, 3. Auflage, S. 302

So, da kann man meiner Ansicht nach überhaupt erst anfangen, sinnvoll zu diskutieren. Werte hatte ich ja oben schon, Verpflichtungen sind Thema des moralischen Sollens, Gerechtigkeit kann Thema sowohl der Moral oder auch Politik sein sowie auch des Rechtes. Ist alles mehr als Präferenz in beiden skizzierten Verwendungsweisen.

Und all diese Werte und Gerechtigkeitsvorstellungen sind einem nicht eingeboren, die verdanken sich selbst Interaktionsprozessen innerhalb von Gesellschaften.

Und dann gibt es noch Gründe. All diese Formen von Sprache und Vernunft bringen je unterschiedliche Arten von Gründen im Kontext von Argumentationen in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären hervor. Das Anführen des Arrows-Paradoxons ist ein solches Argument, aber keine Beschreibung realer Prozesse.

Ich vermute, daß der, der es anführt in Diskussionen um Demokratie, sich schon klar darüber ist, daß er selbst durch das Einführen dieses Arguments zur Herausbildung bestimmter Präferenzmuster beiträgt, die eher dem Konsumieren von Politik (oder ggf. Ausstieg aus dieser) entsprechen, und politische Prozesse nicht etwa einfach nur beschreibt - und nur auf der Basis dieser Prämisse dann anderen den Vorwurf machen kann, sie würden unerfüllbare Wünsche erzeugen und dadurch am Niedergang der Bürokratie schuld sein.

Erwähnen wollte ich trotzdem, daß dem so ist. Reine Deskription ohne Machtwirkung gibt es ja nicht.

08.10.06

Der Geist von Noske

toller.jpg

"Wer keine Kraft zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Leben". Hat Ernst Toller gesagt. Der große, expressionistische Dramatiker aus der Weimarer Republik. Der Sozialist. 1939 war die Quelle seiner eigenen Träume versiegt. Da hat er sich umgebracht. In New York. Nachdem er lange als Vertreter des "anderen Deutschland" von außen einwirken wollte.

Er hatte es noch in's Exil geschafft. Erich Mühsam nicht. Wenn ich mich recht entsinne, hatte Else Lasker-Schüler ...

... zur selben Zeit Probleme mit den Schweizer Ausländerbehörden. Ginge ihr ja heute auch wieder so. Jene größte, deutsche Dichterin, die auch über Ernst Toller tolle Zeilen schrieb.

Ernst Toller war auch bei der Münchener Räterepublik dabei. Jener der Literaten. Es gab, wenn ich mich recht entsinne, dann noch eine zweite, damals, am Ende des 1. Weltkrieges. Die war von der KPD-dominiert. Die mochte ich nie leiden. Die Literaten fand ich hingegen super.

Ich recherchiere jetzt extra nicht rum im Netz und suche nach historischer Wahrheit: Wichtig ist mir gerade die Darstellung meiner politischen Sozialisation. Vielleicht steckt ja irgendetwas in dieser drin, was tagespolitisch wichtig sein könnte. Und sei's auch nur die Seinsform des Auslaufmodells.

Die Münchener Räterepublik, die war schon wichtig in dieser Hinsicht. Ein Häufchen undogmatischer Literaten, viele Anarchisten, Gustav Landauer z.B., ziehen Schlüsse aus der Aufrüstungs- und Kriegspolitik des Kaiserreiches, aus dem imperialen Nationalismus, begehren auf gegen den Autoritarismus. Wollen selbst was auf die Beine stellen.

Und dann schicken SPD-Ebert und ein Herr Noske, ich weiß dessen Funktion gar nicht mehr so ganz genau, ihre Söldner-Truppen los und lassen diese rauben, brandschatzen und das kurze Aufbegehren basisdemokratischer Literaten brutalstmöglich niederschlagen. So hab ich's Erinnerung, und die Erinnerung an Geschichte ist ja das, was politisch wirkt. Auch wenn sie jetzt schief sein sollte, die Erinnerung.

Toller landete dann in Festungshaft. Schrieb das "Schwalbenbuch" - Gedichte über die Freiheit.Und Industrie und ostelbische Junker hatten einmal mehr gesiegt. Die ganze Nomenclatura des Kaiserreiches blieb sitzen auf den Sesseln in Bürokratie und Armee und Chefetagen und pfurzte fröhlich weiter "Heil Dir, o Siegerkranz" oder so ähnlich. Den Parlatmentarismus fanden auch die meisten doof. Sie haben's dann ja auch geschafft, ihn wieder abzuschaffen.

Wichtig ist, wieso mir das als 16-jährigem wichtig war. Es war die Zeit der Anti-AKW-Bewegung, der Friedensbewegung, der Hausbesetzerszene - und des Entsetzens über Reagan und Haig und Thatcher und irgendwann auch den Falkland-Krieg.

Und dann kam Kohl, wurde tatsächlich gewählt, es sollte wohl wieder Ruhe im Land herrschen, die Raketen wurden stationiert. Ein Kabinett, das später im Sumpf der Flick-Affäre versank, plapperte irgendetwas von "geistig-moralischer Wende".

Man hatte sich engagiert. War massenhaft, so massenhaft wie nie zuvor auf die Straße gegangen. Die paar Zehntausend '68er, dieses jämmerlich kleine Häuflein, an dem die Republik sich bis heute abarbeitet, war ein Witz gegen das, was in den frühen 80ern auf den Straßen war. Für nix und wieder nix auf den Straßen war.

Es war wohl die politisch aktivste Phase in der Geschichte der Bundesrepublik. So politisiert war die Jugend nie wieder. Sie wollte gestalten. Aber der Geist von Noske hatte gesiegt ...und man las dann die Tempo und fand Öko vorsichtshalber doof. Gut, Wackersdorf und die Hafenstraße gab es auch noch. Kleine Erfolge, wenigstens das.

Es gab auch noch ein kurzes Aufbranden nach der Wiedervereinigung. Man hoffte, daß die DDR-Bürgerrechtsbewegung ein neues Politikverständnis in's Land bringen könnte. Nix da: Die Banken, ganz im Sinne Noskes, kauften den Osten. Das, was nicht bankrott war: Die Menschen. Alles, was erreicht wurde, war ein Beitritt und ein Abwickeln von Biographien. Feeling B. sangen "Ich such die DDR und weiß nicht, wo sie ist" und gründeten später als Rache am Kapitalismus Rammstein. Die bringen den auch ganz gut auf den Punkt. Und immer noch blieb dieser Kohl.

Dann noch ein kurzes Erwachen, als rot-grün an's Ruder kam. Schnell wurde es doch ein Alptraum, und Schröder hat mit seinem impliziten Credo "Politik wird in der Wirtschaft gemacht" dann engültig den letzten Rest von Glaube beerdigt.

Und als Widerständler und Retter der Demokratie begreifen sich jetzt - bei aller Sympathie - Leute, die sowas schreiben:

"Spätestens, seit Heiner Geißler die “Neue Soziale Frage” erfand, überboten sich die beiden dominierenden Parteien der alten Bundesrepublik in der Abschöpfung privaten Wohlstands zur Begünstigung der eigenen Klientel. Die Rhetorik war sozialistisch vs. konservativ, die Methodik durchgängig sozialdemokratisch."

Es ist genau diese "Nimm mir bloß nix weg"-Rhetorik, die das Problem ist, auf allen Ebenen. Dieser Glaube, daß Staat nur zum Eigentumsschutz da, nicht auch eine Solidargemeinschaft sei. Da ist eine bestimmte Spielart des Liberalismus einfach nur eine weitere Variante des Jägerzauns vor dem Reihenhaus und der Dackel, der hinter diesem kläfftt. Das sei als Bild, nicht als Beleidigung verstanden.

Klar gilt auch seit Schröder wieder "Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten." Auch dieses intransparente Geklüngel zwischen Verbänden und Lobbys und Parteien und was es sonst noch so alles gibt an Organisationen, das ist in der Tat das Problem, da hat Rayson schon Recht. Hat Habermas ja dicke Bücher drüber geschrieben. Und in der Tat haben deutsche Parteien den Paternalismus in unangenehmster Weise aufgesogen, der in DIE WIRTSCHAFT sowieso gilt. Um so mehr sie sich ihren Bildern dieser Wirtschaft und deren Effizienzvorstellungen verschrieben hat, um so paternalistischer wird sie, die real-existierende Politik.

Raysons Punkte 1 und 2 sind zustimmungsfähig, auch jene der abschließenden Forderungen. Mehrheitswahlrecht hingegen ist schon wieder dieser Leninismus, der schon den guten, alten Marx sabottierte und verunglimpfte und der den pro-kapitalistischen immer passiert. Das ist der Geist von Noske.

Was bleibt, ist dennoch die Erfahrung, daß jeder mir bekannte Versuch, gemeinsam etwas zu gestalten, im Geiste Noskes bisher niedergemäht wurde - weil immer Besitz-Interessen dagegen standen.

Wenn Politik und Demokratie irgendetwas sinnvoll bedeuten können, dann ja das gemeinschaftliche Gestalten. Nicht umsonst war Hannah Arendt Fan des Räte-Modells.

You may say, that I'm a dreamer. But I'm not the only one... das haben wir damals auch gerne gesungen, in den frühen 80ern.

04.10.06

Happy Birthday, Richard Rorty!

Auch so einer, den ich - Schande über mich - nie gelesen habe, obgleich sein philosophisches Gewicht in allen mir bekannten, philosophischen Debatten der 80er und 90er Jahre wahrhaft die Balken bog! Er war der Antipode in mancherlei Hinsicht jener Denkschulen, denen ich mich verbunden fühlte. Macht ja nix, die großen Antipoden muß man einfach immer um so mehr bewundern, das ist das moralische Gebot des wechselseitigen Respekts - gerade dann, wenn deren Intention doch eigentlich der eigenen gleicht und man an absichtslose Automatismen nicht glauben mag.

Zeitweise wäre ich glatt in der Lage gewesen, die zentralen Positionen des Denkers, die zur Diskussion standen, beim Nachmittagskaffee mal eben nebenbei in's Brandy-Glas zu rezitieren. Aber mit zunehmender, berufsbedingter Demenz und Umstrukturierung der Gehirnwindungen durch die unaufhörliche Atemlosigkeit des Projektgeschäftes - speichern, löschen, speichern, löschen - würde ich das nicht mehr hinbekommen.

Egal, in der heutigen Ausgabe er FR findet sich ein lesenswerter Geburtstagsgruß zum 75., bei dem ich nur die Überschrift nicht mag - zwei Passagen seien zitiert als Beleg für den einzigartigen Flow des Denkens des Richard Rorty:


Gerade was ihren emanzipatorischen Gehalt angeht, das Freiheitsversprechen, sind Demokratien nicht auf die "Verwirklichung einer allgemeinen, ahistorischen Ordnung" ausgerichtet, sondern als "Experimente der Zusammenarbeit" zu verstehen, als offene Such- und Lernprozesse mit korrigierbaren Ergebnissen."

Und:

"Als Literaturwissenschaftler verdanken wir ihm die Einsicht, dass Europa versagt habe, "indem es die europäischste aller Künste, den Roman, nie verstanden hat, weder seinen Geist noch seine gewaltigen Erkenntnisse und Entdeckungen noch die Autonomie seiner Geschichte". Was Rorty sich von der Literatur und nicht etwa von der Philosophie erhofft, ist vor allem die Schaffung eines Vokabulars, das jenseits dogmatischer und metaphysischer Festlegungen neue Wirklichkeiten erschließt und politisch-soziale Veränderungen ermöglicht. Vor allem der Roman vermag uns "das konkrete Leid" anderer nahe zu bringen, und damit jene "schwache Form des Universalismus" zu befördern, die Rorty als Eröffnung und Ausweitung der Solidarität durch das Mitleid verstanden wissen will, die philosophisch zwar unbegründbar, doch moralisch allemal wünschenswert ist."

Ja. Un trotzdem, als Ergänzung und Widerrede zur Überschrift des Geburtsagsgrußes, die letzten Worte der Rezension des Wortmann-Filmes über Poldi und die Anderen, ebenfalls in der FR. Irgendwie paßt das - zumindest, wenn man zum Cluster bereit ist:

"Denn die Nostalgie, die dieser leichte Film schon jetzt verbreitet, gilt nicht dem Patriotismus. Sie verweist allein auf diesen herrlichen, unvergesslichen, verschwenderischen Sommer, der sich gerade mit seinen letzten Sonnenstrahlen von uns verabschiedet."

Eben. Schön. Eben schön ...

Seufz!

Da robbt man des morgens aus dem Bett nach dem Feiertage und dem Wochenende davor und träumt von der Marxschen Utopie und somit der Freiheit ... ächz, stöhn, Sisyphos ... der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht ...

"Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden."

Die deutsche Ideologie. Marx/Engels, MEW 3, S. 33, 1846/1932

03.10.06

Cluster Dir einen!

Brunella Brunnen.jpg

Foto: Oeko-Energie

Diese Gehirnhälften-Theorien finde ich ja blöd. Jene, die behaupten, die eine Hälfte sei für das Analytisch-Begriffliche, die andere für das Bildhaft-Assoziative zuständig. Dennoch hat sie allerlei Leute dazu animiert, durchaus genußvolle Methoden zu entwickeln, wie man jenseits des Analytisch-Begrifflichen zu anderen Formen der Wahrnehmung durchdringt, die man normalerweise gar nicht nutzt.

So auch Frau Dr. Gabriele Rico, die eben solche bezüglich des literarischen Schreibens entwickelt hat. Habe ich mir gestern zugelegt, ihr Werk, auch wenn der doofe Titel "Garantiert schreiben lernen!" mit Sicherheit nicht anhand der im Buch beschriebenen Techniken gefunden wurde.

Kann gerade Blogger durchaus bereichern, die Aufgaben in dem Buch mal durchzuspielen. Lustige Übungen finden sich darin, und bei denen kommen dann ...

..., nimmt man z.B. ein Sprichwort als Ausgangspunkt eines sogenannten "Clusters", Texte wie der unten stehende dabei raus. "Cluster" heißt einfach, einen Begriff, einen Satz, ein Zitat in die Mitte eines leeren Blattes zu schreiben, einen Kreis darum zu machen und dann frei assoziierend lauter weitere Worte, die einem dazu einfallen, drum herum aufzuschreiben und ebenfalls zu umkringeln. Und dann einen Text daraus machen.

Keine Ahnung, ob's Spaß macht, den Text dann zu lesen oder ob der nicht einfach nur doof-trivial ist. Wenn ja, macht's auch nix - das Schreiben hat Spaß gemacht. Weil das Schöne an diesen Methoden ist, die auf der Gehirnhälften-Theorie basieren, daß es sich immer auch um kreative Selbsttechniken handelt. Man fühlt sich einfach gut danach! Kann ich nur empfehlen.


ZU LANG BIN ICH GETRAGEN WORDEN

Zu lang bin ich getragen worden, hin und her, hin und her: Ich kann’s kaum noch aushalten. Und doch ist meine größte, meine allergrößte Angst, dass es aufhören könnte. So, wie der Dicke aus der Großstadt es mir prophezeite …

Bin reduziert auf’s Nahrung bergen. Für Andere, die mich dann leeren. Deren Leben ich im Fluss gehalten habe. Deren Durst ich stillte, ganz gleich, wie trocken ich danach in der Gegend herumstand. Haben die eigentlich je darüber nachgedacht, was es heißt, mit diesem Blähbauch voll des kühlen Nasses durch’s Dasein geschleppt zu werden, um kurz danach erschöpft, im buchstäblichen Sinne erschöpft, in irgendeiner Ecke zu stehen und Staub anzusetzen?

Wie oft habe ich mich danach gesehnt, meine Form zu verlieren! Nicht steif und immergleich meine Öffnung abwechselnd dem Wasser und den Dürstenden entgegenzustrecken, sondern noch einmal selbst so zu fließen wie das Wasser in mir – wie damals, als ich noch Ton war! Nicht in dieser seltsamen Bauchigkeit mit Henkel, ach, noch nicht mal selbst durch das Leben laufen zu können, sondern mal von diesem, mal von jenem getragen zu werden – und immer wieder neu in dieses unendliche, nasse Dunkel getaucht zu werden?

Beim ersten Mal eintauchen dachte ich: Das war’s! Jetzt wirst Du ewig fallen, hinein in dieses dunkle Wasser, der Boden muß so unergründlich fern sein … wirst nicht wie all die Anderen in Anstand im Museum enden oder noch den Enkeln als Teil des Starter-Pakets in der ersten Wohnung zur Verfügung stehen, angefüllt mit Erinnerung an deren Großeltern. Nein, stattdessen wirst Du, ausgerechnet Du, im ewigen Fallen, in der Unendlichkeit des Fallens den Rest Deiner jämmerlichen, dinglichen Existenz verbringen. Und keine Luft bekommen - aber seit wann brauchen solche wie ich denn auch Luft?

Aber was ich so alles gerne brauchen würde, obwohl nie, nie, nie es im Radius meiner möglichen Erfahrungen auftauchen wird, das interessiert ja auch kein Schwein von jenen, die mich da alltäglich zum Brunnen schleppen. Als deren Sklave, ja, dies harte Wort muss auch einem tönernen Gebrauchsgegenstand zugestanden werden, einfach nur missbraucht zu werden für die Bedürfnisse Anderer.

Ich weiß noch, wie einst dieser Philosoph zwei, drei Wochen – was weiß denn ich? Glauben Sie, solche wie ich würden einen Kalender kennen? – die Hütte hier bewohnte. Der rezitierte immer allerlei Unsinn vor sich hin, vom wesenden Sein oder der Identität von Identität und Nicht-Identität und so ein Zeug, ein wenig irre war der, Sie glauben gar nicht, was für Ängste ich ausgestanden habe, als dieser Hans-Guck-in-die Luft da mit mir rumhantierte! Und dann sprach er eines Morgens sinnierend vor sich hin von Menschen, die als Zweck an sich behandelt zu werden hätten und nicht als Mittel zu etwas zu gebrauchen seien. Oder so. Was ein Hohn, mir das in meinen Schlund zu flüstern! Ausgerechnet mir!

Damals, beim Töpfer, da hatte ich richtig Hoffnung. Da dachte ich, in irgendeiner netten Familienküche zu landen, mit fröhlichen Biergläsern und schnippischen Eierbechern. Vielleicht auf einem Regal zu stehen. Am besten mit Blick auf eine rege Kreuzung oder so, wo’s etwas zu gucken geben könnte.

Aber in diesem blöden Schuppen hier, wo nur ich, der Brunnen und diese strunzdumme, verrottende Apfelkiste herumstehen, die manchmal besoffen rumlallt, weil die Äpfel so gären - nee, das ist nix für mich.

Gut, wenigstens gibt es hier auch keine dämlichen Kinder, die mit mir Fangen spielen wollen. Und der Hund von dieser Frau, die immer hier sauber macht, wenn gerade keine Gäste da sind, den mag ich. Der schlabbert allenfalls mal was aus mir, was ein erstaunliches Kitzeln in mir wachruft, wenn er mich mit der Zunge streift, dann kribbelt’s in mir und so ein lustvolles Kichern dringt stumm durch die Poren meines Tonkörpers.

Aber wenn der treulose Köter wieder weg ist und die Hütte gerade nicht vermietet ist, dann liege ich oft nur wochenlang in der Ecke, setze Staub an, und die ganzen Verkalkungen auf meiner hübsch glasierten Oberfläche, die interessieren auch niemanden.

So starre ich auf’s Stroh und bin eigentlich nur über eines glücklich: Dass er noch nicht wahr wurde, dieser fürchterliche Satz. Bisher nicht. Lachend hat er ihn ausgestoßen, dieser Fettsack aus der Großstadt, der meinte, in Regionen wie dieser müsse man mit einer Lederhose auftrumpfen. Dabei stand die ihm gar nicht. Machte ihn noch unförmiger.

Aber dann sagte er dieses – dieses Mentekel, diese so grausame Prophezeiung, die mich seitdem gar nicht mehr loslässt. Die mich wie ein Schreck durchfährt, jedes Mal, wenn jemand nach meinem Henkel greift, um mich wieder in das düstere Brunnenwasser hinabzulassen. „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“, hat er gesagt.

02.10.06

Komm, sag es allen weiter ...

Katholiken aus Norddeutschland raus!

Sie haben es so gewollt, daß man solche Sprüche schreibt. Ich nicht, sondern der hier. So einer wie der Herr Jaschke paßt hier auch nicht her, nicht nach Hamburg, nicht nach Hannover. Wie der sich schon anzieht. Das sollte ich mir mal erlauben, mit so einem Purpur-Käppi zur Arbeit zu gehen. Da passen Somalis, Litauer und Türken einfach besser in einen profane, vor Ole von Beust einst noch weltoffene Hafenstadt als diese Provinzler mit ihrem barocken Tand. Religion ist eben immer auch eine Frage der Ästhetik, und wer da konservieren will, den bestraft das Leben.

Wie es so um den aktuellen Stand des Protestantismus hierzulande bestellt ist, zumindest in Hamburg-Hamm, das hat mich gestern auch nicht gerade beglückt. Der Erwachsenen-Taufe eines guten Freundes durfte ich zuschauen in einem gelben Backsteinbau - gut, Hamm gehört meines Wissens zu jenen Regionen der Stadt, in der die Feuerstürme am heftigsten wüteten, da stehen dann halt keine historischen Bauten. Ein Stadtteil, der komplett neu aufgebaut wurden. Aber diese doch außerordentlich hohe, gelbe Backsteinmauer, auf die man da starrte ... nee, meditativ fand ich das nicht.

Dachte sehnsüchtig an das Kirchenschiff aus dem 17. Jahrhundert in meiner Heimatgemeinde zurück - das war eine Zeit lang schon so etwas wie ein Zuhause. Der Kirchturm war das älteste Gebäude der Stadt, aus unerfindlichen Gründen ist bei mir hängen geblieben, daß er aus "Raseneisenstein" bestand, so die Grundschullehrerin. Aus dem 12. oder 13. Jahrhundert war der.

Auch diese Geschichte, daß die Kirchturmuhr die einzige Uhr in der Stadt gewesen sei, so hätten die Bauern beim Geläut gewußt, wann es Zeit ist, das Feld zu verlassen, hat mich kleinen Pöks mit der frisch erhaltenen Digitaluhr am Handgelenk nachhaltig beeindruckt. Allein die schlichte Tatsache, daß die Bauern keine Armbanduhren gehabt hätten.

Der Weihnachts-Vorabend, an dem ich sie geschenkt bekam, die Digitaluhr - ich glaube, da schaute noch der Diakon bei meinem Vater vorbei auf ein Glas Wein. Dieser Gemeinde-Gedanke, den fand ich ja immer super. So eine Art Ur-Solidarität. Fand es sehr beruhigend, daß der selbe Pastor, der mich konfirmiert hatte, auch meinen Vater unter die Erde brachte. Über den Gemeindegedanken redet allerdings kein Schwein, wenn's aktuell um das "christliche Menschenbild" geht, was immer das sein soll - jenes der Erbsünde? Ich lese viel zu solchen Themen, spezifiziert habe ich es nirgends gefunden, das christliche Menschenbild. Das wird leidglich beschworen, ganz besonders die Rolle der Frau - und über die Rippe redet dann keiner außer diesem einem Kolumnisten am rechten Rand der Blogosphäre.

Und nun bin ich also mal wieder in der Kirche gewesen. Daß mir der christliche Glaube durchaus viel bedeutet, das habe ich ja hier schon häufiger geschrieben. Nach dem Gottesdienst frage ich mich, ob's wirklich der christliche ist.

In einer Kirche drinnen, bei einem Gottesdienst, war ich tatsächlich seit 1992 nicht. Da war die Beerdigung meines Großvaters. Und so findet man sich in einer schwul-hetero gemischten Gruppe von Menschen zwischen 25 und 45 wieder in einer Wohnung in Hamm, um zur Taufe zu gehen, und alle, die man anspricht, waren das letzte Mal bei einer Beerdigung in der Kirche. Einer ist dabei, der sogar Theologie studiert hat, ähnlich wie ich in der Friedensbewegung der frühen 80er kirchlich sozialisiert. Der ist dann mitten im Examen abgebogen in ein anderes Leben, weil er als Homo Berufsverbot als Pastor erhalten hätte. Keine Ahnung, wie das heute so ist bei uns Evangelen, aber damals gab es einige, solche Fälle. Und so spazieren wir in die Backsteinkirche und schauen dem Erntedankgottesdienst mit integrierter Taufe und integriertem Abendmahl zu ...

Irgendwie hat mich der Gottesdienst seltsam berührt - gerade in der Hinsicht, die ich damals in frühen 80ern als Teenie so toll fand. Der Pastor gab sich betont locker, das ging auf Kosten des Feierlichen. In seine Predigt zur Dankbarkeit angesichts des Reichtums der Schöpfung stieg er ein, indem er über Klimawandel und Umweltzerstörung referierte. Paßt ja, inhaltlich; die Forderung nach einem spirituellen Umgang mit dem Kreatürlichen, den er durchaus beschwor, ...

... und doch ging dieser Gehalt für mich dann unter im Tagespolitischen. Ich war auch erschrocken, daß ich das Glaubensbekenntnis nicht mehr auswendig konnte - da ist bei mir, Schande über mich, tatsächlich nur die erste Strophe von "Lobe den Herren" (das ich sehr liebe) und das Vaterunser hängen geblieben.

Aber auch sonst irritieren mich diese diese Konkretismen, die das real verkündete Christentum durchziehen. Daß der Sohn neben dem Vater irgendwo im Himmel sitzt, hat ja auch der Herr Kaufmann neulich noch mal süffisant bemerkt, die Dreifaltigkeitslehre ist ja auch von islamischer Seite immer wieder hart attackiert worden als dem Monotheismus widersprüchlich.

Dann kommt jedoch in einem der "Aufsager" die Passage mit der Einheit des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, und dazu hätte mich eine Predigt doch ungleich mehr interessiert als zur Erderwärmung. Nö. Auch das Abendmahl - irgendwo hatte ich mal gelesen, daß wenn jemand, der noch nie was vom Christentum gehört hätte, eine Kirche beträte, dieser einen Schock bekommen müsse. Ein Gefolterter hängt da überall rum, und dann wird auch noch in kannibalistischen Riten dessen Blut getrunken und dessen Fleisch verspeist.

Das tut auch mir weh, das so zu schreiben, aber mir schien's, als säßen auch deshalb nur alte Leute um uns herum in dieser Kirche, weil ein Ritual wie das Abendmahl einfach so stattfindet, niemand den Rahmen und die Symbolik als Symbolik erläutert. Weil zwar in Sachen tagespolitischer Intervention und sozialpolitischem Engagement die evanglische Kirche recht weit vorn ist, aber die eigentlichen, spirituellen Riten einfach nie mit zeitgemäßem Inhalt versehen hat.

Das war zwar toll, im Kindergarten die Moses-Story zu hören, so wie ein Märchen, und vielleicht war dieses Geschichtenhafte auch das Richtige zu jener Zeit, als dieser Kirchturm aus Raseneisenstein gebaut wurde. Aber so entscheidende Rituale wie Taufe und Abendmahl einfach so formelhaft daherzusagen, daß buchstäblich sie wirken, sorry, da mochte ich am Abendmahl nicht mal mehr teilnehmen. Da verflüchtigt sich jeglicher Gehalt, den ich spüre und erlebe, wenn ich die H-Moll-Messe von Bach lausche oder Giotto-Bilder anschaue oder Elvis "How great thou art" singen höre. Oder das, was ich empfunden habe, wenn wir bei irgendwelchen Jugendfreizeiten auf Spiekeroog "Herr, Deine Liebe" gesungen haben, das wir zwar ironisch nur noch "HDL" nannten, aber das deshalb trotzdem mehr war als auf meinen zu taufenden Kumpel loszustürzen als Pastor und ihm ein "Auch Du gehörst Jesus Christus" fast entgegenzuschnauzen, als sei das jetzt ein Schritt in die Sklaverei. Dabei ist doch das Gegenteil der Fall.

Nee, Herr Jaschke, es geht nicht darum, ob Glockengeläut nach Saudi-Arabien "paßt". Natürlich "paßt" ein Muezzin an die Alster, genau wie natürlich auch Katholiken oder Taoisten da hinpassen. Das Problem ist doch, daß im Gerangel um politische Deutungshoheiten das völlig verloren geht, worum es Voodoo-Priestern, Hindus und eigentlich auch Evangelen gleichermaßen geht: Das Göttliche, die Hingabe an dieses.

Und das geht nur in der Transzendenz des Alltäglichen, nicht in ritueller Formelhaftigkeit. Wenn Pastoren wie der gestern nicht immer weiter ihre Kirchenbänke leeren wollen, während der Rest ihrer Gemeinde dahinstirbt, dann müssen sie doch in der Dreifaltigkeitslehre, im Abendmahl, in der Taufe wieder das Heilige jenseits des Profanen zu vermitteln in der Lage sein, anstatt es "durchzuziehen" und es wie wörtlich zu deuten wirken zu lassen. Ich habe so das Gefühl, daß genau das der aktuelle Islam - nicht der Islamismus - dem Christentum voraus hat. Und dann hat letzteres da einiges zu tun - und es ist nicht die Vernunft, die da fehlt. Es ist der Glaube.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de