Eigentlich erstaunlich, daß mir das von Statler in der Diskussion hier eingeführte Arrows-Paradoxon tatsächlich erstmals über den Weg gelaufen ist.
Wobei ich damit auch zugebe, in der Lektüre von Armatya Sens "Ökonomie für den Menschen" noch nicht bis zum 11. Kapitel vorgedrungen zu sein, was ja ein Skandal ist angesichts dessen, worüber ich hier so zu diskutieren pflege. Aber unsereins wird ja auch nicht für's Lesen bezahlt. Leider.
Beschwörend raunen sich dann die WiWi-Geschulten dieses magische Wort "Arrows-Paradoxon" zu - ganz so, wie unsereins mit "Panoptismus" Insider-Wissen demonstriert; ich muß mir das erst mal erarbeiten, aber Blogs sind ja auch dazu da, daß man mal eben raushaut, was einem einfällt, wenn man über dieses Paradoxon erstmals liest. Auch, um ggf. widerlegt zu werden. Auch deshalb bloggt man ja.
Wenn man zum Beispiel den Satz hier liest (Quelle: Wiwi-Treff)
"Herrscht Einigkeit, können Entscheidung von der Gesellschaft problemlos getroffen werden. Differieren die Meinungen jedoch und betreffen die Entscheidungen jeden einzelnen, ist es schwierig Methoden zu finden, die die unterschiedlichen Meinungen zusammenführen. Die Social-Choice-Theorie beschäftigt sich mit eben dieser Vereinbarkeit kollektiver Entscheidungen und individueller Werte in einer Gesellschaft. Grundlegende Fragen sind, ob - und, wenn ja, in welcher Weise - Präferenzen für die Gesellschaft als Gesamtheit aus den Präferenzen seiner Mitglieder abgeleitet werden können."
Da fällt mir ja gleich als erstes schon wieder dieser Sprach-Kladderadatsch auf, der manchmal, aber nur manchmal für Wirtschaftswissenschaftler und deren diskursives Umfeld mir typisch erscheint, pardonnez-moi, hier Mitlesende natürlich ausgenommen.
"Meinungen, Entscheidungen, Werte, Präferenzen": Das wird da alles mal so aneinander gereiht, als sei es dasselbe.
Was eine "kollektive Entscheidung" sein soll, ist mir ebenfalls schleierhaft, mir schwant, muß aber nicht so sein, kann's ja falsch verstanden haben, daß da schon in der Fragestellung ein Kategorienfehler sich einschleicht. Indem so getan wird, als müsse bei der Verallgemeinerung individueller Präferenzen dann ein Kollektivsubjekt mit identischen Präferenzen hinten rauskommen, was ja Blödsinn ist. Und wenn das nicht passiert, dann sei das paradox. Das gibt's aber gar nicht, das Kollektivsubjekt. Das kann auch keine Präferenzen haben.
Seltsam erscheint mir auch - das hat mich schon gewundert, als Statler es anführte-, daß bei Einführung dieses Paradoxons in die Debatte über Demokratie das Ergebnis demokratischer Entscheidungen dann so etwas sein soll wie ...
... das Konstatieren der durchschnittlichen Beurteilung von Miniröcken durch die Bevölkerung Neuköllns. So etwas wie eine statistische Erhebung zur Tatsachenfeststellung also.
Darum geht es doch aber bei demokratischen Prozessen gar nicht, da geht es um die Formulierung von Zielen und die Beurteilung von Wegen dorthin, zu denen man dann wahlweise ja oder nein sagen kann. Nicht um die Feststellung von Tatsachen. Und idealerweise sollten jene, die man wählt, eben diese Ziele klar formulieren und den Weg dorthin zumindest zu skizzieren in der Lage sein.
Kurz gesagt: Der Satz "ich will x" ist von ganz anderer Art als der Satz "es ist der Fall, daß p". Natürlich kann ich auch sagen "Es ist der Fall, daß (Person) X p will", aber dann sage ich etwas anderes als "ich will x" (oder auch "ich will X", obwohl X Y will und nicht mich"). Das ist der uralte Unterschied zwischen theoretischer und praktischer Vernunft (wobei beide Satz-Typen auch unvernünftig oder irrational auftreten können, klar). Und dann kommt da noch so etwas wie Ausdrucksgeschehen mit hinein.
Man sollte sich schon über den Tatsachen-Rahmen im Klaren sein, wenn man "ich will x" sagt, der Unterschied besteht dennoch zwischen konstatierenden und praktischen Sätzen.
Und dann führt der da oben im Zitat noch Meinungen, Präferenzen, Werte, Entscheidungen an. Evaluative Sätze haben die Form "es ist gut, daß p" oder "ich finde p gut". Präferenzen haben heißt "Ich mag x (ggf. lieber als y)". Entscheidungen sind noch am ehesten an "ich will x" zu koppeln, sind damit aber nicht identisch, und können ihrerseits in Präferenzen oder evaluativen Sätzen gründen. Genauso gut kann ich aber sagen "Ich esse heute Salat, obwohl ich Lust auf Pommes habe."
Entscheidungen bewegen sich zumeist in einem situativen Rahmen, so daß z.B. der Satz "ich will X, weil ich Y sowieso nicht bekomme" nicht unwahrscheinlich ist; damit ist auch ein weiteres Element eingeführt, das in der Problemstellung oben gar nicht auftaucht: Gründe haben und Gründe anführen können.
Ist jetzt alles nur angedeutet, für'n Blog reicht das (was es nun mit Meinungen auf sich hat, das zu diskutieren überfordert so einen Blog-Eintrag tatsächlich, obgleich es politisch fundamental wichtig ist): Die paar rein analytischen Spielchen werden bei der Fragestellung, zumindest wie sie im zitierten Aufsatz auftauchen, noch nicht einmal durchgeführt.
Ein weiterer Satz-Typus taucht noch nicht mal auf: Das moralische Sollen, "Du sollst nicht töten", z.B.. Ich vermute jetzt einfach mal volldreist und lasse mich jederzeit gerne widerlegen, daß schon an diesen ganzen Nicht-Differenzierungen und zudem an der Ignoranz der fundamentalen Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft und somit der Differenz zwischen der 1. und 3. Person dieses Theorem scheitert.
Egal, de facto geht ja Herr Arrow dazu über, verschiedene, in sich vernünftige Verfahren zur "kollektiven Entscheidungsfindung" durchzuspielen, und zwar jene, die die soziale Wohlfahrt oder Verteilungsgerechtigkeit zum Thema haben. Die alle in sich logisch seien, aber einander widersprächen, wenn man sie kombinierte (gebe ich das richtig wieder? Ansonsten bitte korrigieren):
"Anfang der fünfziger Jahren beschäftigte sich der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Kenneth Arrow (1972) mit dem Problem der kollektiven Entscheidung und prüfte mögliche Regeln für die Zusammenführung einzelner Präferenzen (Werte, Stimmen), von denen die Mehrheitsentscheidung nur eine von vielen war. Sein überraschendes aber grundlegendes Resultat war, dass keine Aggregationsregel (bzw. Entscheidungsregel) existiert, die fünf Bedingungen (Axiome) erfüllt, von denen jede für sich betrachtet sehr vernünftig erscheint."
Welche das sind, kann man hier nachlesen (Danke, David).
Wenn ich's richtig verstehe, dann geht es in allen Verfahren um das Generalsieren von Präferenzen, aber nicht Präferenzen im oben genannten genannten Sinne, sondern dem, was man in einer bestimmten Entscheidungssituation wählen würde (social choice), weil ich z.B, bestimmte Präferenzen habe.
Aber geht's denn so einfach nur um dieses bei demokratischen Verfahren? Auch dann noch, wenn Gründe in's Spiel kommen? Man führt alltäglich allerlei Gründe an, die mit je eigenen Präferenzen oder Kriterien, diese oder jene mich selbst betreffende Entscheidung treffen zu wollen, gar nix zu tun haben. Ich will ja nicht politisch entscheiden lassen wollen, ob ich heute griechisch oder italienisch essen gehe.
Und funktioniert das auch dann noch, wenn das moralische Sollen in's Spiel kommt? Mir scheint bei dem Paradoxon ein Kurzschluß zwischen Präferenzen und Werten im oben genannten Sinne einerseits und den Grundlagen von Entscheidungen andererseits vorzuliegen. Politische Entscheidungen sind doch ein viel weiteres Feld als "Ich will x, weil ich x mag". Das ist so eine seltsame Konsumentenlogik. Ich will gar nicht abstreiten, daß es die gibt, aber die ist dann das Problem und ihrerseits nicht generalisierbar als eine Art "Wesen des Politischen", will man nicht unzulässig die vielfältigen Möglichkeiten praktischer Vernunft schon deskriptiv unzulässig beschneiden.
Sen kritisiert ein wenig ähnlich: Zunächst stellt er die These auf, daß im Falle einer erweiterten Informationsbasis, also Informationen, die über die je-eigene-aus-dem-Bauch-heraus-Vorliebe hinausweisen, z.B. das konkrete Elend von Personengruppen, die von Arrows konstatierten Probleme von Mehrheitsentscheidungen keine Rolle mehr spielen würden.
Und macht dann einen Schritt hinein in eine Darstellung sozialer Prozesse, die mir viel plausibler erscheint als die Hin- und Herschwenken von Individuellem und Allgemeinen in der Menge der Präferenzen (diese Vermittlung von Allgemeinem und Besonderen hat doch schon Kant in seinem Kategorischen Imperativ zwar nicht vollends überzeugend, aber ungleich eleganter hinbekommen, das am Rande):
"Zu beachten ist noch ein anderer Punkt, der sich aus einem verwandten Thema ergibt, nämlich daß eine auf sozialen Konsens setzende Politik nicht nur danach verlangt, auf der Grundlage vorgegebener individueller Präferenzen zu handeln, sie hat auch die Empfänglichkeit sozialer Entscheidungen für eine Entwicklung individueller Präferenzen und Normen in Anschlag zu bringen. Genau aus diesem Grund kommt der öffentlichen Diskussion und dem gesellschaftlichen Austausch für die Entstehung gemeinsamer Werte und Verpflichtungen ein so hoher Stellenwert zu. Unsere Ideen über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit reagieren vermutlich auf öffentlich vorgebrachte Argumente (...)."
Amartya Sen, Ökonomie für den Menschen, München 2002, 3. Auflage, S. 302
So, da kann man meiner Ansicht nach überhaupt erst anfangen, sinnvoll zu diskutieren. Werte hatte ich ja oben schon, Verpflichtungen sind Thema des moralischen Sollens, Gerechtigkeit kann Thema sowohl der Moral oder auch Politik sein sowie auch des Rechtes. Ist alles mehr als Präferenz in beiden skizzierten Verwendungsweisen.
Und all diese Werte und Gerechtigkeitsvorstellungen sind einem nicht eingeboren, die verdanken sich selbst Interaktionsprozessen innerhalb von Gesellschaften.
Und dann gibt es noch Gründe. All diese Formen von Sprache und Vernunft bringen je unterschiedliche Arten von Gründen im Kontext von Argumentationen in verschiedenen gesellschaftlichen Sphären hervor. Das Anführen des Arrows-Paradoxons ist ein solches Argument, aber keine Beschreibung realer Prozesse.
Ich vermute, daß der, der es anführt in Diskussionen um Demokratie, sich schon klar darüber ist, daß er selbst durch das Einführen dieses Arguments zur Herausbildung bestimmter Präferenzmuster beiträgt, die eher dem Konsumieren von Politik (oder ggf. Ausstieg aus dieser) entsprechen, und politische Prozesse nicht etwa einfach nur beschreibt - und nur auf der Basis dieser Prämisse dann anderen den Vorwurf machen kann, sie würden unerfüllbare Wünsche erzeugen und dadurch am Niedergang der Bürokratie schuld sein.
Erwähnen wollte ich trotzdem, daß dem so ist. Reine Deskription ohne Machtwirkung gibt es ja nicht.