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Die Urteilskraft des Pariah

Das ist schon seltsam, wenn sowohl diese Propaganda-Klitsche (wer finanziert die eigentlich?) als auch der Che sich auf dieselbe Denkerin berufen ...

Che, kann wirklich nur empfehlen, in Hannah Arendt tiefer einzusteigen, die birgt unendlich viel kritisches Potenzial. Einfach, weil sie so so konsequent quer zu allen Fronten gedacht hat. Die watscht wirklich alle ab, auch die Kritik der politischen Ökonomie. Wie man unabhängig denkt, das kann man bei Hannah Arendt wahrlich lernen, und so vieles andere mehr auch noch. Meiner Hausarbeit damals zu glücklichen Studententagen zum Leben und Werk Hannah Arendts gab ich den Titel "Die Urteilskraft des Pariah", und ich glaube bis heute, daß das Sinn machte, sie so heißen zu lassen.

Die Passagen zu den "Aporien der Menschenrechte" in "Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft" gehören zum eindrucksvollsten, was ich je gelesen habe, und sind erschütternd, wirklich im Wortsinne erschütternd, aktuell. Nicht nur an den Stränden von Teneriffa ...

Habe mir gestern auch noch mal die gekürzte Version des legendären Interviews Günther Gauss' mit Hannah Arendt angeschaut, im Rahmen eines Themenabends auf ARTE (wieder so ein Beispiel, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen so unverzichtbar ist. Auf RTL gäb's sowas nicht zu sehen).

Da beeindruckte auch die wirklich imposante Formulierungskunst und Komplexität der Fragen des Interviewers - der würde heute beim Fernsehen gar keinen Job mehr bekommen. Auch diese konzentrierte Energie, diese messerscharfe Aufwallen der Worte und des Denkens Hannah Arendts (völlig krudes Bild, messerscharfes Aufwallen, trifft aber das, was ich empfand): Was eine Frau!!!

Das ist auch gerade als DVD erschienen, dieses Interview, ich hab's mir jetzt ...

... zum dritten Mal angeschaut und bin immer wieder auf's Neue fasziniert.

Vorher lief auch eine Dokumentation über Leben und Werk der Denkerin, die nicht als Philosophin, sondern als Politische Theoretikerin verstanden werden wollte.

Was mich immer wieder irritiert, ist, daß gerade die beiden jüdischen Dichterinnen und Denkerinnen, die mich am nachhaltigsten beeindruckt haben, Else-Lasker Schüler und Hannah Arendt, daß ausgerechnet diese beiden tief ergreifende Affären mit den beiden Interims-Nazis hatten, die mich ebenfalls sprachlich und gedanklich prägten: Gottfried Benn und Martin Heidegger.

Tragische Liebe in beiden Fällen und doch in dieser Tragik so unendlich produktiv - als ich gestern in der Doku diese so durchdringend schön formulierten Liebesbriefe Heideggers an Hannah Arendt hörte, hätte ich fast geweint. Der Skihütten-Hirt des Seins als überragender Stilist des Emotionalen - wirklich eindrucksvoll.

Sowas wie eine Liebesbrief-Kultur, blödes Wort, ist die im Zeitalter von SMS und e-mail eigentlich ausgestorben? Auch der Gedicht-Wechsel zwischen Benn und Lasker-Schüler, das sind ja Worte von einer Intensität, die jener der Callas gleichen, wenn sie Puccini singt.

Deshalb, um die Ecke gedacht und vielleicht unpassend, für mich aber auf den Punkt, ein Lasker-Schüler-Gedicht an Gottfried Benn zu Hannah Arendts Hunderstem Geburtstag. Weil diese Härte, die Hannah Arendt im gezeigten Interview ausstrahlt, diese herzlich zupackende Härte, zu 95% der zeithistorischen Erfahrung des unvergleich Schrecklichen sich verdankt - des Schrecklichen, das dann auch in der Banalität des Bösen gründete.

Aber, wenn meine Einfühlung nicht trügt: Die restlichen 5%, sie könnten sich dem Wehren gegen das Gefühl verdanken, das aus den Worten, den so einzigartig gesetzten und durchfühlten Worten der Else-Lasker Schüler spricht:

HINTER BÄUMEN BERG ICH MICH

Bis meine Augen ausgeregnet haben,

Und halte sie tief verschlossen,
Daß niemand dein Bild schaut.

Ich schlang meine Arme um dich
Wie Gerank.

Bin doch mit dir verwachsen,
Warum reißt du mich von dir?

Ich schenkte dir die Blüte
Meines Leibes.

All meine Schmetterlinge
Scheuchte ich in Deinen Garten.

Immer ging ich durch Granaten,
Sah durch dein Blut

Die Welt überall brennen
Vor Liebe.

Nun aber schlage ich mit meiner Stirn
Meine Tempelwände düster.

O du falscher Gaukler
Du spanntest ein loses Seil.

Wie kalt mir alle Grüße sind,
Mein Herz liegt bloß,

Mein rot Fahrzeug
Pocht grausig.

Bin immer auf See
Und lande nicht mehr.

Else Lasker Schüler, Hinter Bäumen berg ich mich, in dies.: Sämtliche Gedichte, München 1984, 3. Auflage, S. 125

Kommentare

in diesem zusammenhang lohnt auch ein blick auf die aussagen die HA in "vita activa" zum thema liebe macht; und die ich im schärfsten widerspruch sehe zu der heute allenthalben (gerade in der pop-kultur) anzutreffenden "liebes-utopie" unter dem motto "only love can be the answer".

ein prozess, welcher den verlust des selbst herbeiführt, als politisch-ethische utopie?

(grameen bank statt live 8 fällt mir dazu noch ein)

insgesamt kann ich nur feststellen, dass es mehr lohnt diejenigen leute zu lesen, welche die fragen aufgeworfen haben (inkl. c. schmitt, vielleicht auch goebbels...) als all die heutigen epigonen, die behaupten, (universell-wissenschaftliche) antworten gefunden zu haben, doch nichts weiter zu bieten haben als nobelpreise!

(die *praktiker* der friedensarbeit natütlich ausgenommen.)

schönes wochenende!

@?:

Na, Goebbels, ich weiß ja nicht ... kommt freilich immer darauf, in welcher Hinsicht man den liest. Und ob sich da richtige Fragen finden?

C. Schmitt ist wohl schon bedeutend, aber bevor man sich auf so einen beruft, muß man ihn schon so gut kennen, auf daß man weiß, wo die Weichen bei so jemandem zu finden sind, die ihn dann zu den Nürnberger Rassegesetzen führten. Und für mich ist keine sinnvolle Frage auch nur denkmöglich, auf die diese eine Antwort sein könnten. Außer ökonomischen Fragen oder mythischen Bildern, vielleicht.

Weiß auch ehrlich gesagt nicht kannst, wieso Du den Goebbels anführst, bei Schmitt kann ich's mir schon vorstellen. Hättest Du hier nicht schon öfter kommentiert, hätte ich den auch gelöscht, den Herrn Propagandaminister.

Zum Selbstverlust in der Liebe - Vita Activa muß ich mir endlich mal zulegen. Zu solchen Themen finde ich ja immer Jessica Benjamins "Die Fesseln der Liebe" bis heute unübertrofen.

Es gibt ja auch Daseins-Bereiche, in denen man sich überhaupt liebend erst erfährt, nicht verliert. Und ich denke auch, daß Mentalitäten in kapitalistischen (und auch anderen) Gesellschaften vorliegen, die sich aus der Abwehr gegen Emotionen speisen, und zwar gerade jenen, die den Anderen bejahen und die Else Lasker-Schüler so unvergleichlich zu formulieren weiß.

Das ist ja gerade die große These in der "Dialektik der Auklärung", daß die Beherrschung der äußeren Natur in Selbstbeherrschung umgeschlagen sei, bei Norbert Elias findet sich ähnliches. Und dieses selbstbeherrschte und sich selbst instrumentalisierende Individuum macht das dann eben auch mit Anderen, was das Gegenteil von Liebe ist.

Die ganze Kantische Tradition in allen ihren Facetten, zu der auch Hannah Arendt gehört, hat sich dieses Theorem schon immer wieder zu vergegenwärtigen, auch wenn sie Adorno nicht ausstehen konnte. Es gibt schon Bereiche, wo man sagen kann, daß love the answer ist, glaube ich ... ganz christlich.

Ja, die Pop-Kultur mit ihren verkürzten, verkitschten, vereinfachten "Lösungen". Wobei eine der treffensten Anworten auf "only love can be the answer" gradewegs aus der Pop-Kultur kommt: das schrecklich-schöne Lied "Love kills" von Freddy Mercury. Schrecklich nicht, weil Mercury später an AIDS starb - das kann man sich schließlich auch ohne Liebe einfangen, sogar ohne Sex. Sondern wegen des Textes - er ist so wahr. Eine "unbequeme Wahrheit" - Liebe ist immer ambivalent. Wir können ohne sie nicht leben, aber sie tötet auch. Es ist ja diese Ambivalenz, die Liebespoesie auszeichnet. Selbst in ihrer kitschigsten Form reimt sich regelmäßig Herz auf Schmerz.
... aber das führt jetzt zu weit.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der meist zitierte Ausspruch der brillianten Denkerin, Quer-Denkerin Hannah Arendt, der Frau, bei deren analytischen Fähigkeiten mit das Skalpell (nicht des Chirurgen, sondern) des Parthologen in den Sinn kommt, der von der "Banalität des Bösens", gerade im Fall Eichmann nicht zutraf. Ich vermute sie scheute vor der unbequemen Wahrheit zurück. Das "Böse" ist nicht "banal". Und ein Eichmann nicht "normal". Was kein Grund zur Beruhigung ist. Im Gegenteil.
Sie schrieb, ein "halbes Dutzend Psychiater" sei zu dem Ergebnis gekommen, Eichmann sei normal, "normaler jedenfalls, als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe."
Das war leider eine Halbwahrheit. Es stimmt, Eichmann war voll zurechnungs- und schuldfähig, er war kein Sadist, er war noch nicht mal ein besonders fanatischer Judenhasser.
Aber nach den Veröffentlichungen Istvan S. Kulcsars, der die psychiatrischen Untersuchungen Eichmann leitete, war der "Buchhalter des Teufels" alles andere als ein "normal". Die Untersuchungen ergaben das Bild eines Mannes, der im schwersten Maße als "gestört" aufgefaßt werden muß. Nicht notwendigerweise von der Persönlichkeitsstruktur her "verbrecherisch" oder "krank" - und deshalb für sein Tun voll verantworlich. Aber eben kein "halbwegs stabiler Durchschnittstyp".

Im Gegensatz zu dem, was Hannah Arendt schrieb, war Eichmann nicht lediglich das Produkt seiner Umgebung. Er benutzte vielmehr das "Dritte Reich", weil dieser ihm die Möglichkeit gab, seine "pathologische Dynamik" (Kulcsar) auszuleben.

In einer "normalen" Gesellschaft, z. B. unter den Bedingungen der Weimarer Republik, konnte E. seine "Talente" und seine "Neigungen" nicht im vollen Maße einsetzen - er wäre wohl immer "unauffällig" geblieben. Hitler gab ihm die Chance, sich voll zu entfalten. Wobei E. natürlich kein "Genie des Bösen" war (bei diesem Stichwort denke ich eher an charmante, hochintelligente Berufslügner wie Goebbels - oder ebenso begabte wie völlig gewissen-lose Opportunisten wie Albert Speer). Er war der "richtige Mann" am "passenden Ort".

Das unbequemen daran ist, dass die (potenziellen) Mörder unter uns sind. Selbst in einer stabil demokratischen, offenen Gesellschaft ohne totalitäre Züge gibt es "Eichmänner". Kippt diese Gesellschaft, etwa durch eine schwere innenpolitische Krise, aus der Gleichgewichtslage, könnten "politische Entscheider" (die nicht notwendigerweise totalitär denken, und die auch nicht unbedingt Politiker im klassischen Sinne sein müssen) zum Schluß gelangen, dass man Menschen mit "Eichmann-Talenten" brauchen könnte. So wie die Polizei in ganz speziellen Fällen Scharfschützen braucht.
Sind dann erst mal genügende "Eichmänner" in ihnen angemessener Funktion, dann wirken sie darauf hin, dass das gesellschaftliche Biotop entsteht, in dem sie am Besten gedeihen - eben die totalitäre Diktatur. Wobei es für "Eichmänner" letzten Endes egal ist, ob sie faschistisch, stalinistisch, islamistisch, altmodisch nationalistisch-militaristisch oder modern "turbokapitalistisch" technokratisch ist. Hauptsache, er darf Morde organisieren bzw. "Volksschädlinge eliminieren".

@Martin:

Finde nicht, daß das, was Du über Liebe und Herz und Schmerz schreibst, zu weit oder über das Thema hinausginge. Finde, daß das ein Thema ist, das sehr viel mit einer Denkerin wie Hannah Arendt zu tun hat. Nicht nur wegen der Heidegger-Liason, sondern auch, weil lieben, begehren, wünschen, sehnen, nicht-allein-sein-wollen, auch all diese Identitätsfragen (individuelle Bedürfnisgeschichte, Geschlechtsidentität, Beziehungsgeschichte, um mal den Günther Schmidt zu zitieren), die all den Schmerz bereiten können, zumindest mit praktischer Vernunft sehr viel zu tun haben und dieser nicht einfach so äußerlich sind als das "Andere der Vernunft". Sogar in politischer Hinsicht: Ein Eichmann war in einer bestimmten Hinsicht eben einfach lieblos.

Ich glaube auch, daß die These von der Banalität des Bösen nicht primär ein Kommentar zur Persönlichkeitsstruktur von Eichmann war. Sie erzählt in diesem Gauss-Interview u.a., wie sie passagenweise schallend gelacht hat, als sie die Verhörprotokolle las, wohl auch als Abwehrreaktion, vermute ich.

Aber auch, weil sie das, was der so redete, eben nicht im Sinne dieses Horror-Film-haften, übermächtigen Dämonischen wahrnahm, sondern eben als flach, grotesk und trivial. Der hat sich ja z.B. im Sinne der Pflichterfüllung auf Kant berufen, was eben einfach nur eine alltagstaugliche Lebenspraxis in autoritären Strukturen ist und in dieser Hinsicht banal.

Ich habe eh ein Problem mit pathologisierenden Erklärungsversuchen des 3. Reiches, auch jene Erich Fromms (anal-sadistischer Charakter bei Himmler usw.). Womit ich jetzt keineswegs abstreiten will, daß es sowas wie Psychopathologie gibt, aber was ist denn gesund?

Da halte ich's dann tatsächlich eher mit der Moral ... wobei z.B. die totale Unfähigkeit zur Emphatie mit Sicherheit eine Pathologie ist, eine im Kapitalismus ziemlich häufige. Vielleicht meinen wir das gleiche.

Deiner Schlußdiagnose stimme ich voll und ganz zu. Genau deshalb macht es mir Sorgen, daß Schäuble auch weiterhin Bundeswehreinsätze im Inneren durchsetzen will, und auch diese ganzen Anti-Terrorgesetze sind ja geradezu eine Einladung an die Eichmänner von morgen. Auch diese Bushschen Folter-light-Gesetze. Das ist schon gruselig ...

Ja, wir meinen tatsächlich das Gleiche - die weit verbreite totale Unfähigkeit zur Emphatie. E. lebte in einer subjektiven Welt, die inhuman und zutiefst mechanistisch war. Für noch wichtiger halte ich eine wiederholte Aussage Eichmann: "Dann habe ich mich innerlich verkapselt und die Arbeit ausgeführt". Eichmann schaltete das menschliche Mitgefühl bei Bedarf einfach aus - und er war auch so gestrickt, dass er das auch konnte. Weil es ihm Mitgefühl nichts bedeutete, denn er sah es als Schwäche an.

Ich halte auch nichts von den großen psychopathologisierenden Erklärungsversuchen a la Erich Fromm. Eichmann wurde eingehend von erfahrenen Praktikern untersucht - niemand hatte je Hitler oder Himmler, auch nicht Göring, Hess oder Speer "auf der Couch". Das heißt, die Aussagen über E.s Persönlichkeitsstruktur sich eheblich verläßlicher als z. B. Fromms "Ferndiagnosen".

Was man in dem Prozeß nicht vergessen sollte: Eichmann spielte dort eine Rolle. E. war keineswegs jener zwanghafte "Musterknabe", der immer nur Befehle ausführte, als der er sich im Prozeß gab. Er war unordentlich und nachlässig gewesen, obwohl sein Vater, der weit eher dem Bild einer zwanghaften Persönlichkeit entsprochen haben dürfte, auf Ordnung bestanden hatte. Sein Vater legte auch großen Wert auf eine gute Schulbildung. Trotzdem hatte E. nur ungern gelernt, die Schule geschwänzt, und war viel herumgestrolcht. Er versäumte es, seine Mutter am Totenbett zu besuchen. In die Nazipartei trat er gegen die ausdrückliche Mißbilligung seines Vaters ein. Außerdem führte er einige Anordnungen und Befehle nicht oder nur nachlässig aus.
Auch im Rohrschach und im Szonditest fanden sich keine Hinweise auf eine stärker ausgeprägte Zwanghaftigkeit. Pünktlichkeit scheint genau wie sein Konformismus ein angelerntes, keinesfalls ein tief verankertes Bedürfnis gewesen zu sein.

Also: der "gehorsame Befehlsempfänger" E. ist eine von ihm selbst geschaffene Legende. Sie half ihm natürlich nicht, aber sie milderte die Verachtung, die ihn entgegen geschlagen wäre, wenn er sein wirkliches, anti-soziales, auf "Knopfdruck" völlig gefühlskaltes Wesen nicht kaschiert hätte. E. mochte und liebte niemanden - auch nicht sich selbst. Er hatte ständig Angst, gab das gegenüber Kulcsar auch zu, es war ihm auch anzumerken (Schwitzen bei bestimmten Fragen) - er konnte aber nicht sagen, wovor.

Ich vermute, Arendt hinterfragte Eichmanns Aussagen vor Gericht nichr und ignorierte die Ergebnisse der psychiatrischen Untersuchung, weil sie sich hauptsächlich dafür interessierte, was ein totalitäres Regime, eine totalitäre Ideologie bei einem normalen Menschen anrichten kann. Die meisten NS-Täter waren tatsächlich "ganz gewöhnliche Deutsche", so gesehen war ihr Ansatz nicht verkehrt. Allein: ausgerechnet Eichmann war nicht "normal".

@Martin:

Da hast Du schlicht viel intensiver mit Eichmann beschäftigt, Danke für die Infos!

Aber solange hinten nicht rauskommt, daß man die These von der Banalität des Bösen nicht mehr vertreten kann, ist meine Welt ja noch in Ordnung - die finde ich nämlich gut ;-) ...

Übrigens auch, was Du über dieses mechanistische Weltverständnis. Das ist es ja gerade, was mich an bestimmeten Argumentationsfiguren gleichzeitig empört und fuchsig macht - die komplette Verachtung des menschlichen Handlungsspielraums aus der Perspektive der 1. Person um derer selbst willen. Indem mittels irgendwelcher Formeln in den Beschreibungen von Weltzuständen Menschen ihr konkretes So-oder-Sein abgesprochen wird, anstatt es zu achten. Und das dann auch noch im Namen der Freiheit. Schlimm. Heute nennt sich das Management-Wissen. Manchmal frage ich mich, wie die Leute wohl in 100 Jahren unsere Jetzt-Zeit beschreiben werden ...

Ich habe mich nicht intensiv mit Eichmann beschäfigt, ich habe nur ein Buch von Kulcsar gelesen und mir seine Ansicht (weitgehend und unter Kritik) zueigen gemacht. Wenn Kulcsar etwa eine Fehldiagnose unterlief, er in seiner Beurteilung irrte, oder wenn er manipulativ vorgeht, dann stehe ich dumm da.
Was die "Banaliltät des Bösen" angeht - wenn damit, was sich bei HA aus dem Zusammenhang ergibt, die Absage an das Konzept "des Bösen" als des übermächtigen Dämonischen, gemeint ist, stimme ich dem zu. Auch im Falle Eichmanns, der sich vor Gericht als schlichter Befehlsempfänger, der nur seine Arbeit erledigte, präsentierte, und in Wirklichkeit eine - ich sage mal "defekte" - Persönlicheit, die möglicherweise aus Angstabwehr jedes menschliche Gefühl ablehnte und sich dann am besten fühlte (!), wenn er Selbstzweifel, schlechtes Gewissen, Mitleid, Gnade, Liebe, aber auch Hass, "ausschalten" konnte, der mit Stolz in der Stimme erzählte, er hätte sich "innerlich verkapselt". ("Tja, so hart und eiskalt wie ich kann halt nicht jeder sein!") Eine kaputte Type, kein Genie des Bösen, noch nicht mal im Sinne des "Mad Scientist" des Horrorkinos verrückt, noch nicht mal das Potenzial zum Amokläufer oder selbst "Hand anlegenden" Killer ist vorhanden. Innerlich leblos. Aus seinen Antworten gegenüber dem Psychiater schließe ich, dass Eichmann ein grottenlangweiliger Gesprächspartner gewesen sein muß.

Zwei Punkte weisen über den persönliches Charater Eichmanns hinaus, auf "gesellschaftliche Ideale" der modernen Gesellschaft. Eichmann hatte ein mechanistisches Weltbild. Der mechanische Zustand der Dinge wird durch einen unpersönlichen, mechanischen Gott regiert. E. glaubte fest an eine Vorbestimmung, leugnete die Willensfreiheit und identifizierte Gott mit "der Natur".
(Das kommt mir unangenehm bekannt vor. Auch wenn die Vetreter dieser Haltung nur selten ausdrücklich das Wort "Gott" verwenden.)
Eichmann war überdurchschnittlich intelligent - und hatte Respekt vor Menschen, die intelligenter waren oder schienen als er. (Letzteres unterschied ihn von anderen "ideologischen" Tätern, die sich gern für unübertreffliche Genies halten.)
Was aber auffällt, ist sein "Intelligenzkomplex", eine einseitige Überschätzung der Intelligenz. (Die einseitige Überschätzung der Intelligenz ist m. E. typisch für unser gesamtgesellschaftliches Klima, und zwar mit steigender Tendenz. Begriffsbildungen wie soziale oder emotionelle Intelligenz lassen m. E. tief blicken. In der Politik sucht man schon fast traditionell nach "intelligenten Problemlösungen" - nicht nach "weisen" oder "klugen" - die Gesellschaft und der Staat werden offensichtlich als "Megamaschinen" oder vielleicht besser als "Mega-Industrieunternehmen" gesehen und "gemanagt" - statt "regiert".

Das "Böse", im Sinne des Gefährdung der Bürger- und Menschenrechte, geht nicht von üblen, machtgeilen Verbrechertypen aus, sondern von kühlen, technokratisch argumentierenden "Entscheidern". Es ist nicht Absicht, sondern tritt als "Kollateralschaden", als "notwendiges Übel auf". Sachzwänge zwingen Menschen. Es ist tatsächlich "banal".

@Martin:

Und, noch eins drauf: Es ist auch die Gedankenlosigkeit des einfach-so-mitmachens. Liegt halt gerade an, das Böse. Dann machen's wir halt und merken gar nicht, daß es das ist. Diese Anpassung-zum-Selbstzweck. Wenn sich das dann paart mit dem Gestus des technokratischen Entscheiders, dann wird's zappenduster ...

Ich kann mich da komplett irren, aber ich meine mich an Äußerungen von Nazi-Größen (vielleicht Speer? - ich, Opfer der Knoppisierung Deutscher Geschichte bekenne mich...) zu erinnern, die die Judenvernichtung als "unvermeidliches Übel" bezeichneten, nicht weit entfernt von "unvermeidlichen Opfern des Fortschritts", "Wo gehobelt wird, fallen Späne." - die alte zweckrationale Leier.

Was wäre wenn Eichmann einfach der Prototyp des modernen Menschen wäre?

Einer der Prototypen, lieber ? . - Der Technokrat (und zweckrational denkende Opportunist) a la Speer wäre ein anderer, der mit dem Modell Eichmann das "abschaltbare" Gewissen gemeinsam hat (bei hohen Militärs ohnehin serienmäßiges Zubehör, bei Politikern immerhin karrierförderliches Extra). Aber Speer war kein "kaputter Typ" und es mangelte ihm auch nicht an Emphatie (sonst hätte er nicht so gut lügen, täuschen, mit Charme umwickeln können). Es ist unmöglich, die beiden Typen des "Schreitischtäters" gegeneinander auszutauschen, Speer hätte die "Mordsarbeit" E.s nicht erledigen können, umgekehrt gilt das erst recht. Speers Motiv wird vermutlich gnadenloser Egoismus gewesen sein. Menschen wie Speer sind, wenn ich mich so umsehe, auf Mangagerposten und in der Politik, aber vor allem in Beraterfunktionen ("zweite Reihe", "graue Eminenz") nicht selten.
Ich sehe das als eine Art Hierarchie mit Funktionsteilung: für das "Projekt industrieller Massenmord" gab es auf der unteren Ebene zahlreiche "ganz gewöhnliche Deutsche", in der Regel mäßig (aber nicht zwanghaft) autoritär denkend, mit reichlich antijüdischen Klischees ausgestattet, die aber für richtige Hass nicht ausreichen - eben Leute, die "mitmachen", keine Fragen stellen und eventuelle Skrupel verdrängen. Das sind auch die Menschen, auf die sich H. A. konzentriert. Für die eigentlich "Killerarbeit" brauchte man, auch auf der unteren Hierachieebene, Killer. Das können Rassefanatiker sein (der Fanatismus, der tiefe ideologische, ja wahnhafte Hass, ermöglicht den Mord) oder auch Menschen mit reduzuiertem Gefühlsleben, denen die Emphatie und auch die Phantasie einfach fehlt (der häufigste Typ unter Berufskillern - im Kriege lobt man sie oft als "Männer ohne Nerven").
Auf den oberen Hierachiebenen fand man die "Buchhalter des Teufels", für die Eichmann das markanteste Beispiel abgab. Noch weiter oben standen die Technokraten, die Manager des Todes, am markantesten Speer. Und darüber? Die Ideologen, was heißt das, die Propheten, die Visionäre des Massenmordes - Himmler, Hitler.

Die Shoa ("Holocaust" ist ein Brandopfer, ich mag das Wort nicht - auch wenn es mir als Angehöriger des Tätervolkes nicht zusteht, den von den Hauptopfern verwendeten Begriff zu benutzen) ist der Prototyp des Massenmordes als "Industrieprodukt". Als solcher ist er historisch einmalig und unvergleichbar. Trotz der Millionen Opfer Stalins und Maos - weil bei ihnen der millionenfache nicht das Ziel, sondern das Mittel war. Und Pol Pots Mörderhorden gingen mit "vorindustriellen" Methoden zu Werke. Ebenso die Türken bei ihrem Völkermord gegen die Armenier - der war vorindustriell und nicht "globalisiert".

Ich fürchte, die Shoa war nur der Prototyp.


Einfache Frage:

Wo ist die DVD mit Hannah Arendt erschienen?

@Jean-Luc:

Ich weiß es nicht genau. Das war besprochen in der FR, kurz vor dem Geburtstag. Zusammen mit Hörbüchern zu Hannah Arendt, die gerade erschienen sind. Vielleicht einfach auf der FR -Seite schauen?

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