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Eine kurze Geschichte der Zeit

Manchmal warte ich auf Kassiopeia, die Schildkröte. Wenn ich die Zeit dazu habe, auf irgendetwas zu warten. So wie jetzt,da ich für viereinhalb Tage den Anachromismus lebe und mich als Volkswirtschaftsschädling gebährde.Ganz der Amoral mich hingebe und in Unfreiheit das Arbeitnehmerrecht zum Urlaub wahrnehme.

So richtig Urlaub war bisher nicht drin in diesem Jahr. Projekt folgt auf Projekt, die Stundenblumen welken - da kommt schon Freude auf, wenn viereinhalb Tage mal das schnöde Nichtstun, zumindest das Nix-Verwertbares tun, sich zwischendrängelt zwischen's Rumgehechel.

Und dann sitze ich da, wenn ich ...

... ich gerade nicht blogge, und hoffe, daß die Schildkröte mit dem "Folge mir" auf dem Rückenpanzer an mir vorbeispaziert. Frage mich, wohin die mich wohl mitnehmen würde...

In die Vergangenheit? Vielleicht in's Studium zurück, als ich noch die Chance hatte, Voraussetzungen für Prouktivität schaffen? Ha, da sind sie, die grauen Männer. Schleichen sich ein in die Begrifflichkeiten und beißen sich fest wie Blutegel. Jene grauen Männer, über die manch Berliner gelegentlich zu höhnen pflegt. Weil er unbedingt so werden will wie die.

Manchmal muß ich nach Moabit. Nein, nicht den Knast, den Stadtteil. Da habe ich dann nicht das Gefühl, daß die Zeitdiebe umherschleichen. Wenn, dann wohl primär in Form dieser Sozial-Ingenieure und Schnüffelgangs, die mit Formularen Menschen bekämpfen ...

Das ist ja das Schöne, wenn man an die Welt der Kinderbücher denkt: Man traut sich wieder was. Man ist im Geiste im Zirkus Roncalli unterwegs, freut sich über den Stoffbären, den man zu Weihnachten geschenkt bekam. Ich habe mich vor dem Einschlafen immer in "Gedankensprache" mit all den Stofftieren in meinem Bett unterhalten. Wüßte gerne noch, worüber wir da eigentlich geredet haben.

Habe auch Gummi-Figuren geliebt: Schlümpfe, Walt-Disney-Figuren und so. Da gab es eine Firma namens "Bully", die haben immer neue Serien herausgebracht. Da gab es Gespenster, und auch die Snigs. Das waren rote Außerirdische mit gelben Haaren, kurzen Antennen auf dem Kopf und auch gelben Klamotten. Die waren lustig.

Und Muppet-Figuren hatte ich auch. Das Tier. Gonzo. Kermit war doof. Da wußten sie wohl nicht, wie man diese schlaksigen Beine in Gummi reproduzieren soll und haben den auf eine Truhe gesetzt. Da ließ sich schlecht mit spielen. Miß Piggy hatte ich natürlich auch - ich kann mich noch gut an die Muppets Show mit Rudolf Nurejew als Gaststar erinnern. An den schmiß Miß Piggy sich in einer Sauna ran, und ich weiß noch gut, wie interessiert ich mir dessen Körper betrachtete.

Ironischerweise hatte ich auch Waldorf und Statler. Habe ich heute noch - meine Gummitiere wollte ich meinen Nichten und Neffen nicht vermachen. Obwohl mein Bruder darüber richtig sauer war.

Später, es war ein Urlaub ausgerechnet am Wolfgangsee, haben wir Parlament mit den Viechern gespielt. Weil mein Vater Politiker war, lag das nahe. Miraculix wurde immer zum Präsidenten gewählt, weil der so weise wirkte. Und der dicke Pichelsteiner mit dem gelben Fellgewand gab den Verteidigungsminister, wegen der Keule in seiner Hand. Der Inspektor aus dem rosaroten Panther füllte mit rhetorischer Schärfe die Rolle des SPD-Generalsekretärs aus. Solche Worte hatte ich drauf als Kind, "Generalsekretär".Habe schließlich auch Plakate gegen Herrn Hasselmann gemalt, auch wenn heute keiner mehr weiß, wer das war. Der Inspektor war SPD-Generalsekretär, weil ich fand, er sähe aus wie Egon Bahr ...

Statler war immer der Vorsitzende der CDU, nix für ungut - weil er so ein grantelnder, alter Knacker war. Und mein Bruder spielte einfach nur konsequent die Opposition - mit 7 Wums, die er auf dem Rummelplatz geschossen hatte.

Welche Funktion Professor Hastig innehatte, das weiß ich nicht mehr. Aber sein Nomen ist wohl Omen für jene, die heute studieren.

Eine von meinen Kolleginnen erzählte neulich des Mittags vom Germanistik-Studium nach der Reform der Hamburger Uni. Daß es jetzt nur noch um Klausuren ginge und darum, möglichst schnell fertig zu werden zu werden. Studium als reine Anpassungsleistung, als Nachgeplapper vorgefertigter Häppchen - das kann nur ein weiterer Sargnagel für die Volkswirtschaft sein. Das sind ja die grauen Männer selbst, die diese zerstören.

Alles, was mir beruflich klappte, verdankte sich der Möglichkeit, auch neben dem Studium zu jobben. Behindertenarbeit. Das war wichtig. Da lernte man Verantwortung. Und auch, sich selbst zurückzunehmen. Das ginge heute nicht mehr mit dem Jobben, sagte meine Kollegin. Nur in den Semesterferien. Da war sie ja auch bei uns.

Wichtig war auch zu lernen, mir im Dschungel der Regellosigkleit selbst Strukturen zu schaffen. Mich in Denker wirklich einarbeiten zu können. Selber zu wählen, zu entscheiden, welches Thema relevant sei. Einser-Philosoph wurde ich, weil ich die verschiedenen Fächer zu vernetzen wußte, ohne daß man sie mir vorschrieb. Man ließ mich in Ruhe meinen Weg suchen und finden.

All die Millionen Umsatz, die ich mittlerweile im Laufe der Jahre an Land gezogen habe, verdanken sich einzig dem Faktum, daß man die Zeit mir ließ, damals, in glücklichen Studientagen. Daß ich mich in Themen, in Foucault, in Adorno, in Tugendhat versenken durfte. Ganz so wie zuvor beim zeitlosen Spiel mit den Gummitieren ...

Von den Multiple-Choice-Klausuren zu den Methoden der empirischen Sozialforschung ist mir einzig der Begriff "Eindimensionale Skalierung" verblieben - wie ein Fleck an der Wand meines Wissens. Die Hausarbeiten, die ich schreiben durfte - von denen zehre ich bis heute bei der Aquise neuer Aufträge.

Trotzdem, gerade jetzt an diesen wenigen Urlaubstagen, wünschte ich mir trotzdem eine Kassiopeia. Die den nächsten Weg mir weist. Eine, die mich weg lockt von den grauen Männern, den Zeitdieben. Hin zu mehr Kreativität - im Umgang mit Welt, mit Anderen und mit mir selbst. Dazu braucht man Zeit. Denn die macht produktiv ...

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