Hannah Arendt und die "soziale Frage"
Noch ein Nachschlag zum Eintrag von heute morgen: In der FR findet sich heute anläßlich des hundertsten Geburtstags eine sehr klare und pointierte Analyse zu Hannah Arendts Begriff des Politischen. Außerordentlich lesenswert.
"Es ist eine kurze Bemerkung Arendts über Marx, aus der sich diese Deutungsalternative ergibt. Seine Analyse der Ausbeutung nämlich ist es, die es laut Arendt ermöglicht habe, Armut nicht mehr als unentrinnbares Resultat eines quasi natürlichen Mangels zu verstehen, sondern als politisches Phänomen. Was er damit geleistet habe, nennt Arendt eine "Transformation der sozialen Frage in einen politischen Faktor". Dann aber ist - auch für Hannah Arendt - das Soziale nicht per se unpolitisch, sondern politisierbar."Und:
"Politisch werden soziale Fragen offensichtlich nach Arendts Auffassung dann, wenn sie als von Menschen gemachte dechiffriert werden können. Aus einem Naturereignis wird gesellschaftlich hergestelltes, von Menschen verschuldetes Unrecht. Die Einsicht in den hergestellten Charakter der Not verweist dabei auf die Existenz eines Freiheits- und Handlungsspielraums. Was von Menschen gemacht ist, muss nicht so sein, wie es ist; es kann von Menschen - handelnd - verändert werden. Aus der Erfahrung der thematisierten Verhältnisse als Unrecht schließlich folgt, dass hier Ansprüche auf Verallgemeinerung im Spiel sind, so dass es um mehr als um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht."Eben.

Kommentare
"Die Einsicht in den hergestellten Charakter der Not verweist dabei auf die Existenz eines Freiheits- und Handlungsspielraums. Was von Menschen gemacht ist, muss nicht so sein, wie es ist; es kann von Menschen - handelnd - verändert werden."
In den meisten Kommentaren zu HA wird genau diese Einsicht nicht nachvollzogen - offenbar, weil die Kommentatoren Arendts Subjektphilosophischen Ausgangspunkt nicht nachvollziehen wollen oder können. Von diesem Ausgangspunkt wird auch schnell klar, warum die Liebe zw. zwei Subjekten zwar ein hervorragender Ausnahmezustand menschlicher Existenz sein kann, aber eben nicht Höhepunkt oder Bestimmung - und daher auch nicht ethische Basis.
Ich verstehe HA als jemanden, der sich den Fragen unerbittlich gestellt, welche in den letzten hundert Jahren aufgeworfen wurden - egal von wem, auch ein Massenmörder kann eine Frage stellen, die nicht ignoriert werden sollte.
Diese Ignoranz ist aber heutzutage wieder allgegenwärtig - nicht nur bei denjenigen, die hoffen, irgendein (elektronisch vernetztes) System ihrer Wahl (unter dem Motto "Sozial", "Handel", "Sicherheit", "Glaube" oder sonstwas) werde den "Automatismus der Glücksproduktion" (oder des "Glückskalküls" nach HA) schon garantieren - sondern auch bei denjenigen, die sich alle Mühe geben, HA in eine ihrem Verständnis gemäße Schublade stecken, sei es in denunzierender oder vereinnahmender Weise. Der FR Artikel bildet in der Tat eine seltene Ausnahme.
Auch einen Hinweis oder ein Zitat mit Zustimmung gleichzusetzen finde ich verblüffend.
Verfasst von: ? | 14.10.06 19:22
@?:
Wie man mit Hannah Arendt denunzierend umgehen kann, das kann man hier lesen:
http://www.welt.de/data/2006/10/12/1067666.html
Kein Wunder, daß sowas ausgerechnet in Die Welt steht. Hat Rumsfeld die eigentlich mittlerweile gekauft? Und dann sitzt dieser Herr in Dresden und erklärt die DDR-Bürgerrechtsbewegung retrospektiv zu Extremisten. Das ist schon eine neue Qualität, konnte man hier auch in den Kommentaren nachvollziehen und in manchen liberalen Blogs, daß ein Plädoyer für Demokratie mittlerweile schon als Extremismus und linke Spinnerei ausgelegt wird.
Auch diese Behauptung, andere Fachphilosophen hätten Hannah Arendt nicht akzeptiert oder ihre Totalitarismus-Theorie sei ja nun so dolle auch nicht gewesen (die wurde jahrzehntelang gegen links instrumentalisert und war in dieser Hinsicht außerordentlich wirkungsmächtig, dabei bezog sie sich primär auf den Stalinismus), das stimmt doch beides gar nicht. Der ganze Habermas ist von Frau Arendt beeinflußt, z.B., und der ist unter Fachphilosophen zwar umstritten, aber er ist schon wer.
"Von diesem Ausgangspunkt wird auch schnell klar, warum die Liebe zw. zwei Subjekten zwar ein hervorragender Ausnahmezustand menschlicher Existenz sein kann, aber eben nicht Höhepunkt oder Bestimmung - und daher auch nicht ethische Basis."
Das ist aber eine recht kühne Thesenbildung - was ethische Basis ist, entscheidet sich ja nicht notwendig daran, ob's nun Bestimmung oder Höhepunkt menschlicher Existenz sei. Bestimmung ist eh mythisch/religiös, und seit Aristoteles gibt es auch die Position des Maßhaltens, der Mitte, die nun gerade nicht nach Höhepunkten strebt.
Und zumindest eine Liebesgeschichte würde ich schon als Höhepunkt meiner Existenz deuten. Die war nur viel zu schnell wieder vorbei :-( ... aber vielleicht war's deshalb ja einer.
Das mit den Glücksautomatismen ist aber sehr, sehr wahr, und den letzten Satz verstehe ich nicht ...
Verfasst von: MomoRules | 14.10.06 19:52
Bestimmung oder Höhepunkt verstehe ich im Sinne von "Sinn des Lebens" - will ich darüber in generalisierender Weise reden, muß ich insb. mit Blick auf das 20. Jh. sehr kleine Brötchen backen - ich muß mich auf den Prozess konzentrieren, der ein Leben in Würde oder ein Leben mit Verwirklichungschancen (Sen) ermöglichen, wenn auch nicht garantieren kann.
An dieser Stelle erweisen sich übrigens verblüffende Überlappungen zw. HA und Rorty, der HA anscheinend nie "offiziell" zur Kenntnis genommen hat.
Die Bedingungen für diesen Prozess kann ich mit ethisch zu interpretierenden Begriffen wie Offenheit, Anerkennung, Freundlichkeit, Vertrauen, Nachbarschaft und v.a. Freundschaft und Fairness umschreiben - als Begriffe, die Differenz, Vertrauensbruch und Gefährdung mitenthalten und damit zum einen meilenweit vom merkwürdig passiv-erfahrungsvergessenen Relativismus der letzten 30 Jahre entfernt sind und zum anderen ästhetisch und prozedural zu verstehen sind - und nicht etwa nur rational und sprachlich.
Ethik kann nur ethisch (und eben nicht metaphysisch) begründet werden durch Selbst-Reflexion und Selbst-Erfahrung in der Übereinstimmung und Differenz mit und gegen Anderen.
Liebe dagegen ist eine existenzielle Tatsache wie eben Geburt und Tod - Tatsachen die für Neubeginn ebenso wie für Abbruch und Ende stehen - Tatsachen denen wir Menschen uns mit Freude und/oder Grauen unterwerfen müssen.
Verfasst von: ? | 14.10.06 20:46
@?:
Liebe ist schon etwas anderes als Geburt oder Tod. Wenn man mal als Grundfrage der Ethik die Heideggersche Figur des Daseins, dem es in seinem Seins-Vollzug um dieses Sein selbst geht bzw. die Art und Qualität seines Vollzuges(oder so ähnlich), dann ist Liebe ein Seinsmodus, für den man sich entscheiden kann, den man anstreben kann - oder auch nicht.
Mit allem anderen d'accord. Dieses Über-Rorty-Zitat weiter unten im Blog zum Roman, das wird jetzt sowieso die nächsten 15-20 Jahre beschäftigen, soweit es mich dann noch gibt.
Unterscheidest Du zwischen Moral und Ethik?
Verfasst von: MomoRules | 15.10.06 09:18
Der hier ist auch noch interessant in der Auseinandersetzung mit Hannah Arendt:
http://www.jungewelt.de/2006/10-13/001.php?sstr=
Das muß ich noch mal nachlesen. Wirkt ein bißchen so, als würde da restropsektiv etwas hineingelesen - als würde ihr unterstellt, eine Perspektive zu teilen, die sie lediglich darstellt.
Kann aber gut anders sein, bei Kant findet sich ja ähnlich grauenhafter Unsinn. Wobei, wenn Seyla Benhabib den Vorwurf zurückweist, die ist ja auch ziemlich klasse, kann die Sache so einfach nicht sein. Na, einfach noch mal einsteigen in die Lektüre.
Verfasst von: MomoRules | 15.10.06 09:51
"...dann ist Liebe ein Seinsmodus, für den man sich entscheiden kann, den man anstreben kann - oder auch nicht."
Wenn du Seinsmodus so verstehst, dann unterscheidet sich Liebe von Geburt und Tod.
Mich interessiert jedoch eher eine Weltsicht, die Geburt und Tod ebenfalls in das Sein mit einschließt... denn, wenn der Mensch das Wesen ist, das Anfang und Ende erkennt, wie sollte der Begriff Sein nicht auch die beiden obigen begriffe einschließen... zu behaupten, diese beiden seien nicht mitzudenken, ist dann eine fundamentale (europäische?) Entscheidung, die auch revidiert werden kann.
Was passiert, wenn wir weder "Sein zum Tode" sagen, noch "Geburt zum (ewigen) Leben/Sein", sondern ein drittes?
In diesem dritten beschreibt "Liebe" dann tatsächlich in Differenz zum Christentum lediglich die beobachtbare maximale Annäherung zweier Subjekte, ihre Verschmelzung, die Transformation in eine Art doppelköpfiges Zwitterwesen, aus der beide schließlich verändert (erhoben und verklärt oder zerschunden und erniedrigt) hervorgehen... und zwar unwillkürlich - nicht weniger, aber auch nicht mehr.
"Unterscheidest Du zwischen Moral und Ethik?"
Ich versuche zw. Meta-Ethik, Ethik und Moral zu unterscheiden, und zu verstehen, wie diese Unterscheidungen rückgängig gemacht werden können... daher purzeln die Adjektive bei meinen Formulierungen auch bunt durcheinander... Ausgangspunkt bleibt für mich dabei der Streit zw. den Sophisten und Platon (oder Sokrates?, oder zw. Platon und Sokrates? wer weiß, wer weiß...)
Was passiert, wenn man auf die Einführung der "Idee des Guten" einmal verzichtet und nur mit dem "homo mensura" Satz arbeitet?
(Und schon bin ich wieder beim Pragmatismus...)
Verfasst von: ? | 15.10.06 11:06
@?:
Ich glaube, daß Liebe gerade nicht "Verschmelzung" ist, sondern die emotional stärkste und intensivste Form wechselseitiger Bejahung. Eine Art Super-Moral also, die allerdings Macht, Kritik etc. nicht aus-, sondern einschließt, was dann die Differenz zur universellen Liebe als Glaube des Christentums darstellt. Und was vermag stärker zu tranformieren als ein emotional intensives, wechselseitiges Anerkennungsverhältnis? Ist aber jetzt keine Idee des Guten im altgriechischen Sinne, sondern eine Möglichkeit der Erfahrung. Vielleicht auch ein soziales Experiment ;-) ...
Um's Sein zum Tode kommt man, glaube ich, übrigens nicht herum. Und was ist ein "homo mensura"-Satz?
Verfasst von: MomoRules | 15.10.06 15:49
Was du mit "Liebe" beschreibst nenne ich "Freundschaft", insb. was die weitestgehende Bejahung betrifft. Liebe im Sinne eines rauschhaften, nicht-vernünftigen Erlebens geht aber über Bejahung hinaus und wird eben Verschmelzung.
Letztlich Wortklauberei...allerdings finde ich den Satz "Gott ist der beste Freund jedes Menschen." in der europäischen Tradition mal ganz erfrischend...
"was ist ein "homo mensura"-Satz?"
Wikipedia bietet eine ganz gute Kurzfassung...
Die Auseinandersetzung mit Sophisten wie Protygoras bietet Ansatz für die Frage, was passiert wäre, wenn die Europäer das philosophische Projekt als primär meta-ethisches und nicht als primär meta-physisches weitergetrieben hätten - wie Montaigne z.B...
Ist letztlich aber egal, weil ja die europäische Metaphysik eh in Trümmern liegt - die Erinnerung daran, dass Metaphysik nicht der alleinige Grund des Seins ist, sondern dass die europäische Tradition sich gezielt dafür entschieden hat, würde aber sicher helfen, diese Trümmer zu verlassen oder für etwas neues zu nutzen.
Stattdessen werden hier seit über hundert Jahren immer abstrusere Rettungsversuche zur Errichtung einer Ersatz-Metaphysik unternommen, während sich um Ethik kein Mensch kümmert.
Bestes Beispiel die Marxisten von der Jungen Welt: sieht man von den Einlassungen zu "zionistischem Rassismus" und "Naturvölkern im klassenlosen Urzustand" einmal ab (die für sich selbst sprechen), so wird das Verhältnis zu HA ganz gut deutlich.
HA denkt nah genug entlang einer "historischen Notwendigkeit" um für Marxisten lesbar zu sein, aber zu sehr in Subjektivität und Intersubjektivität, als dass es für einen Materialisten zu ertragen wäre.
Dass HA ihre sprachliche Pragmatik gegen so ziemlich alles richtet außer gegen ihre Griechen, hat zudem alle postmodernen Anti-Platoniker auf die Palme gebracht.
Und ganz klar: HA war keine große Menschenfreundin, sondern hin und hergerissen zwischen abgründigem Misstrauen und Hoffnung auf Einsichtsfähigkeit - was mich nicht wundert, bei einer Frau, die versucht hat, Auschwitz tatsächlich an sich ranzulassen um "zu verstehen"...
Die zweideutige Einfühlung bei manchen von HAs Texten ist auf jeden Fall schon von vielen kritisiert worden - sie schrieb offenbar nicht "sauber" genug, um als "Linke Heilige" zu taugen.
Verfasst von: ? | 15.10.06 16:30
@?:
Diese Passionen, die Du Liebe nennst, sind, glaube ich, oft eher ein egozentrischer Gefühlsrausch, pardonnez-moi, daß ich das so schreibe, solche Themen sind ja nicht ungefährlich.
Und ich glaube nicht, daß sich um die Ethik keiner gekümmert hat - es waren nur nicht immer die Philosophen. Seit der Kantischen Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und gutem Leben geschieht das auch tatsächlich nur noch periodisch in der Philosophie, aber das ganze Christentum davor ist doch eine reine Ethik. Auch Popkultur seit den 50er Jahren ist unter anderem eine, die Studentenbewegung, soweit von Marcuse und Reich beeinflußt, war eine. Die Wirkungsgeschichte der Foucaultschen Ästhetik der Existenz ist eine, der Liberalismus gerade in seiner wirtschaftsliberalen Variante auch, ganz zu schweigen vom Kommunitarismus oder der ewigen Wiederkehr der Familie als "Glücksautomatismus". Also, da jetzt mehr als 2000 Jahre Ethik-Vergessenheit zu postulieren, das halte ich doch für gewagt ...
Verfasst von: MomoRules | 15.10.06 19:38
@?:
Diese Passionen, die Du Liebe nennst, sind, glaube ich, oft eher ein egozentrischer Gefühlsrausch, pardonnez-moi, daß ich das so schreibe, solche Themen sind ja nicht ungefährlich.
Und ich glaube nicht, daß sich um die Ethik keiner gekümmert hat - es waren nur nicht immer die Philosophen. Seit der Kantischen Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und gutem Leben geschieht das auch tatsächlich nur noch periodisch in der Philosophie, aber das ganze Christentum davor ist doch eine reine Ethik. Auch Popkultur seit den 50er Jahren ist unter anderem eine, die Studentenbewegung, soweit von Marcuse und Reich beeinflußt, war eine. Die Wirkungsgeschichte der Foucaultschen Ästhetik der Existenz ist eine, der Liberalismus gerade in seiner wirtschaftsliberalen Variante auch, ganz zu schweigen vom Kommunitarismus oder der ewigen Wiederkehr der Familie als "Glücksautomatismus". Also, da jetzt mehr als 2000 Jahre Ethik-Vergessenheit zu postulieren, das halte ich doch für gewagt ...
Verfasst von: MomoRules | 15.10.06 19:39
in punkto Traditonskritik kommen wir ja bekanntermaßen auf keinen grünen Zweig...
den Fortschritt oder zumindest die Variationsbreite in Bezug auf Ethik vermag ich nicht zu erkennen.
Wirtschaftsliberale sind schon mit dem ethischen Denken ihrer Gewährsleute Locke, Hume und Smith überfordert und der Rest arbeitet sich am Staats- und Liebesbegriff von Platon oder Augustin ab (jetzt mal nicht als Seitenhieb auf Dich gedacht sondern als Breitseite - wo geht die psychische Rhetorik über die confessiones hinaus?)
Das Projekt aus der "Erkenntnis der Welt" die Regeln des Zusammen-Lebens logisch abzuleiten, erkläre ich hiermit für gescheitert.
Was nach 68 tatsächlich in Teilbereichen geleistet wurde (wie in vielen anderen Subkulturen) sind experimentelle Versuche, ein Ausprobieren, dass über das ewige Palaver westlicher Prägung hinausgeht.
Ansonsten halte ich es für einen Fehler, den spirituellen Erosions-Prozess Richtung Sekten und Extremisten in der westlichen Einflußzone (was gehört eigentlich nicht dazu?) zu unterschätzen.
Verfasst von: Anonymous | 15.10.06 20:55
@Anonymous:
Ich vermute, Du bist es, -?- ?
Mit Augustinus habe ich mich nie beschäftigt, bekenne ich. Gehöre auch eher zu den Kritikern jeder Ethik, weil zu schnell normativ wird und wirkt, was als Antwort auf die Frage "Was ist das (-für mich-) gute Leben". Und das gilt dann für Psychoanalyse, heroisierenden Wirtschaftsliberalismus und Christentum gleichermaßen. Früher habe ich vertreten, daß ein jeder zu diesem Thema lieber schweigen solle. So radikal wäre ich heute nicht mehr.
"Das Projekt aus der "Erkenntnis der Welt" die Regeln des Zusammen-Lebens logisch abzuleiten, erkläre ich hiermit für gescheitert."
Tja, das wird allerdings nix daran ändern, daß das möglich und notwendig ist ... ich erkläre hiermit die Schwerkraft für gescheitert ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 16.10.06 08:39
Ausgerechnet der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts (!) erklärt in einem unlogisch strukturierten Artikel in der rechtsgerichteten WELT, dass die Philosophin Hannah Arendt insgesamt nichts tauge, nichts Wesentliches geleistet habe und in Gestalt der "Arendtologen" z.B. auch keine Antworten auf den Islamismus als "Dritten Totalitarismus" biete. Zum krönenden Abschluss deutet Gerhard B. an, dass Arendts auf tatsächliche Partizipation orientierte Demokratieliebe eine Art Linksextremismus sei, bzw. ein Rosa Luxemburg sehr nahe stehender "Extremismus" mit gefährlichen "schwärmerisch basisdemokratischen Zügen".
*kopfschüttel*
Eher schon ist Gerhard B. ein konservativer Extremist, und zwar einer, der nicht einmal begreifen kann, dass jede ernst gemeinte Demokratie auf tatsächliche Partizipation der breiten Bevölkerung zielen muss.
Gerhard B. ist in der Vergangenheit allerdings schon öfter durch skurrile Standpunkte aufgefallen, man beachte zum Beispiel dies hier:
http://www.agpf.de/Besier-Scientology-Bruxelles2003.jpg
Was immer man davon halten mag, als Religionswissenschaftler zeigt sich der zu Provokationen neigende Gerhard B. mit philosophischen und politologischen Fragen des Öfteren überfordert, während er gleichzeitig ausgesprochen freigiebig ist, anderen fehlende Wissenschaftlichkeit zu attestieren...
Verfasst von: Dr. Dean | 16.10.06 08:49
@Dr. Dean:
Ja, es ist wirklich zum Kopfschütteln und haarsträubend. Aber eben typisch Die Welt und symtomatisch für eine immer weiter verbreitete Weltsicht und deshalb gar nicht ungefährlich. Diese Scientology-Nummer paßt da irgendwie sogar zu ... Partizipation wird bei denen ja auch anders verstanden als im Sinne der Demokratie.
Verfasst von: MomoRules | 16.10.06 09:27
"...ich erkläre hiermit die Schwerkraft für gescheitert ;-)..."
du hast den punkt erfasst - womit ich mich zumindest zu meiner eigenen überraschung in der gesellschaft von b. brock in den roaring sixties wiederfinde, wie ich sonnntagnacht im zdf feststellte...
zitat: "nicht der zweck heiligt die mittel, es sind die mittel, die den zweck heiligen."
ich brauche ja eigentlich kaum daran zu erinnern, dass sich die ästhetische erfahrung, der du hier nachwievor sehr gelungen inszenierst, mit und ohne schwerkraft funktioniert... ich bestreite weder schwerkraft noch das etwas namens metaphysik, nur was wir menschen damit *machen* steht für mich zur diskussion.
Verfasst von: ? | 16.10.06 22:05
Na, das Zitat läuft aber auf Funktionalismus hinaus ... alte Kritik der älteren Kritischen Theorie am Pragmatismus, ich weiß.
Ist ja wirklich die Frage, welcher Umgang mit Welt nun eigentlich möglich ist, und da bin ich mittlerweile - übrigens im Einklang mit Adorno - auch eher zur Ästhetik rübergewandert, um diese ganzen Begriffsscharniere mal auszuhebeln, mit denen auf dem Schachbrett der Ideologie dann Zug um Zug das Politischer eher verabschiedet denn neu definiert wird. Wer spielt schon mit Scharnieren Schach?
Verfasst von: MomoRules | 17.10.06 10:13