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Lauschen ...

"Der Opener "Paperback Bible" veranschaulicht das Arrangement des kompletten Albums. Eine dissonant wirkende Soundcollage leitet den Song ein, steigert sich und wird dann abgelöst von einem dezent gezupften Gitarrenlauf, zu dem sich schließlich die sonore, zerbrechliche Stimme des Sängers gesellt. Ganz unaufdringlich setzen die Streicher ein und sanft ertönt ein Piano. Alles ergänzt sich und steht gleichberechtigt nebeneinander. Wagner erzählt Geschichten, die ohne wirkliche Refrains – die die monotonen Harmonien der Songstrukturen gefährden könnten – auskommen."

Quelle: Laut.de

Wer hat hier mal in die Kommentare geschrieben, über Musik schreiben sei so, als würde man Architektur tanzen? Wenn ich das da oben lese, habe ich dafür volles Verständnis.

Höre hier gerade zum dritten Mal "Damaged", das aktuelle Album von Lambchop. Ich sehe dabei Landschaften und schwebe sanft durch Emotionen, nehme aber weiß Gott kein gleichberechtigt Nebeneinanderstehen von Instrumenten wahr. Fuck the Songstruktur - wie dieser Mann singt! Gott, ist das wunderschön. Musik hören ist Kontemplation. Sich ihr hingeben. Und ihr folgen ...

Überhaupt: Ein Lob des Lauschens ist an der Zeit und deshalb der Zeit gemäß. Nicht des Lauschens an der Wand, ist klar. Nee, ich meine das akustische Äquivalent zum Wittern beim Hund. Manchmal sitzt meine kleine, heißgeliebte Wuschelette einfach so da und schnüffelt in die Landschaft. Sowas meine ich. Aber zweckfrei. Offen. Nicht, um dann irgendein Karnickel zu jagen. Sondern, um danach anders zu sein als voher. Ein kleines Stück Erlösung zu spüren ... aus Nashville, nicht aus Panama.

Lambchop zu lauschen ist wie eine Reise. Sowas wie die Unendliche Geschichte: Man legt die CD ein und ist daraufhin in einer anderen Welt. Der stützt nicht die Gefühle, die man eh schon hat, der Herr Wagner, der entführt. Und von dieser Stimme und diesen Harmonien will man sich entführen lassen, ganz egal wohin ...

Ich achte da nicht auf den Text. Keine Ahnung, wovon der singt. Ich lausche ja. Das ist ...

... mitten in der Stadt gar nicht so einfach, das mit dem Lauschen.

Gerade will ich mit diesem Eintrag loslegen, da geht vor dem Fenster eine Auto-Alarmanlage los. Weil irgendjemandem sein Eigentumsschutz wichtiger, als daß ich in Ruhe lauschen kann. Akustische Belästigung.

Als ästhetische Belästigung erlebe ich in der Stadt ja eh nur Windsor-Knoten. Typen in Anzügen, die wahrscheinlich noch beim Lambchop-Hören ihre Synapsen nach dem Muster von Konto-Auszügen organisieren würden. Solche, die sogar Musik noch nach Status-Kriterien auswählen.

Der ungewaschene Typ mit den demolierten Händen und dem kaputten Auge, dem ich heute 'ne Zigarette gegeben habe, der vor dem Bankautomaten am Schulterblatt schnorrte, den mochte ich. Der war nett.

Früher hatte ich ja meinen Stamm-Schnorrer, den mit der erfrorenen Nase, auf dem Weg zur U-Bahn. Ein älterer Typ, der mit einem ungeheuer warmen Blick in's Leere starrte. Seitdem wir in dem neuen Büro sitzen, muß ich gar nicht mehr zur U-Bahn. Da habe ich mich noch nicht wieder für einen entschieden. Aber Zigaretten gebe ich prinzipiell immer. Schon aus Rauchersolidarität.

Schade finde ich ja, daß die Zeit der kurzärmeligen Hemden langsam vorbei geht. So Unterarme können ja ganz schön sexy sein. So ein behaarter Armrücken, an dem man zupfen kann - hmmmmm. Auch denen muß man sich manchmal kontemplativ hingeben, den Unterarmen. Und dieser Bizeps-Ansatz, der noch aus dem Hemd rauslukt, der kann ganz ganze Welten eröffnen. Wenn man ihm visuell lauscht. Sich den Sinnen hingibt. Ihnen folgt.

Ansonsten ist Lauschen in der Stadt gar nicht so einfach. Kein Muhen von Kühen, kein Uhu,. der ruft. Nur Sonntag morgens, da geht das. Das stehe ich oft extra früh auf, um lauschen zu können. Dann ist Lauschen wie tief Durchtamen. Da hört man auf einmal dieses seltsame Geräusch, dieses Kieksen, das die Eichhörnchen ausstoßen. Kann ich gar nicht in Lautschrift fassen. Das ist ja das Schöne am Lauschen. Man kann gar nicht beschreiben, was man hört. Man hört sie dann richtig, die Möwe, am Sonntag morgen. Ihr Apell an die Weite und die Sehnsucht und das Meer ...

Bei Lambchop riecht man Wälder. Auch sowas: Das Riechen. Am Millerntor zum Beispiel, da weht so ein ganz besonderer Geruch über die Haupttribüne. Ja, jetzt lacht ihr, weil ihr an etwas ganz anderes denkt, als ich meine. Ich meine was Kühles, Frisches. Nein auch kein Astra. Irgendetwas Wortloses, Schönes ...

Ansonsten riecht man in der Stadt eigentlich nur Abgase, Parfum und Reinigungsmittel. Und Schweiß. Gelegentlich Exkremente. Aber all diese Nuancen, die den Süden so sinnlich machen, Rosmarin, Lavendel, all das, ist hier in der Stadt von Windsor-Knoten abgeschnürt. Und von der Parfümerie Douglas und Budnikowsky und wie sie alle heißen erstickt. Oder auch von Pommesfett.

Aber in Hamburg, da riecht man wenigstens noch in den dunkelsten Wohnungen und U-Bahn-Tunneln, in den miesesten Pinten das Meer. Aktuell würde ich gerne ein Schiff besteigen und nach Nashville schippern. Mit Dolly Parton einen saufen und mit Kurt Wagner zum Fischen gehen. Oder sowas. Hauptsache an einen See im Wald.

Denn wenn man Lambchop lauscht, dann siegt die Sehnsucht, die Melancholie, die einen ganz erfüllt, ganz wohlig erfüllt. Dann, wenn man das Lauschen noch nicht verlernt hat ...

Kommentare

Lange nicht mehr eine so schöne Plattenkritik gelesen.

Das liegt dran, daß die CD so wunderschön ist ... Danke!

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