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The closest thing to crazy und mein Hund

Glaube muß sowas wie Musik sein. "He touched me" singen die ja immer, in Gospelkirchen. Oder auch einfach nur so. Um sexuelle Belästigung geht es dann ja gerade nicht. Auch nicht um dieses elektrisierende Gefühl, das die Berührungen von diesem oder jenem so anders macht als kumpelige Umarmungen. Trotzdem kann einen "etwas berühren", ohne daß einen jemand anfaßt. Na gut, angefaßt fühlen kann man sich auch. Aber darum geht es gerade nicht.

Berühren tut's einen, wenn man z.B. wie ausgekotzt vom freien Wirtschaftsleben morgens in der Küche sitzt, formlos, haltlos, ratlos, und wie jeden neuen Tag erst mal Nachrichten hören will. Und die Wettervorhersage. Um zu wissen, was man heute anziehen soll. Der erste Schritt des Tages ist schließlich der zu überlegen, wie man sich gegen diesen Tag nun wieder wappnen soll.

Und dann singt eine wundervolle Frauen-Stimme aus dem Radio "The closest thing to crazy". Sie geht unter der Haut spazieren, die Stimme. Kitzelt, streichelt, drückt auf's Tränenzentrum, wühlt genüßlich in Ereinnerungen, kneift und ergreift. Ja, ergreift.

Keine Ahnung, ob die credible ist oder sonstwas. Ob man bei gewichtigem Smalltalk mit Kunden sie anführen dürfte. Oder ob man das Statement, daß man diesen Song mag, gleich als Provokation verpacken müßte. So wie bei der Beichte, daß man manchmal heimlich Enrique Iglesias hört, die alte Schmachtbacke, und dann sehnt. Dann ist man für andere ja schlagartig der dicke, kleine Junge auf dem Schulhof mit der Brille, der gehänselt werden darf, wenn man sowas zugibt. Dann haben sie die Lizenz zur Überheblichkeit und zu ungezügeltem Sadismus. Wenn man sowas gesteht, muß man schon den Gegenschlag auf das folgende Gelächter vorbereiten, will man nicht untergehen ...

Aber der Song ist traumhaft, dieses "Closest Thing to Crazy". Satzfetzen vom Glück, das falsch sich anfühlt und die Nähe zu Irresein - da denkt man doch gleich an gestern abend. An die fahlen ...

... Gesichter. Daran, daß selbst das irre Gelächter von R., das ihn durch's Leben spült, R., der irrlichternd lachend, ganze Tonleitern lachend, laut, Hauptsache laut, immer ins Absurde flüchten muß, um Arbeitsalltag und 36-Stunden-Schichten psychisch zu überleben - daß selbst dieses irre Gelächter mittlerweile erloschen ist. Die Augen von R. wirken seltsamerweise größer durch die Augenringe darunter. Und M., sie schleicht nur noch fahl zwischen den Beckstrinkern hindurch, ihr rotgefärbtes Haar betont noch die total gewordene Farb- und Konturenlosigleit eines Gesichts, das sonst mit der Dietrich konkurrieren könnte.

Gut, das, worum's ging, das, was die Gesichter in die Karrikatur ihrer selbst verwandelte wie auf einem expressionistischen Gemälde, das ist ein voller Erfolg. Ein Produkt, auf das man stolz sein kann. Wird gemocht, und der Kunde ist hoch zufrieden.

Der Dienstleister, wo wir es produzierten, der auch. All die Nachtschichten, die werfen schon was ab. So gab's gestern Bier-Empfang und Finger-Food - lecker! - von ihm, eine nette Einladung, eine schöne Geste inmitten der schönsten Stadt der Welt.

Trotzdem ist es surreal, wenn dann mein stets freundlicher Hund schwanzwackelnd und entfesselt begeistert all die Leute begrüßt: Pure Emotion in Kuschelfell verpackt. Begrüßen ist für sie das Größte. Das findet sie überragend lustvoll. Da bekommt sie sich gar nicht mehr ein.

Und so steht man mitten in Menschen, die man mag, die man zwecks bestmöglichem Produkt einmal durch die Hölle schicken mußte, bis sie nur noch japsen, nach Luft schnappen, sieht diesen Hund inmitten derer rumwuseln in seinem einfach so Kontakt- und Liebe-Wollen, und das mit dem closest thing to crazy bekommt auf einmal einen ganzen anderen Sinn ...

Kommentare

Das ist ja das Schöne am Weblog, dass man hier diese Dinge aussprechen kann, ohne Gelächter fürchten zu müssen. Und wenn spöttische Kommentare kommen, kannst Du sie löschen und vergessen. Von mir bekommst Du sie nicht, ich kann solche Ergriffenheit gut verstehen.
Die Beschreibung der dienstlichen Erfolgsfeier vorher passt gut dazu: man muss zwei getrennte Leben leben; nicht jeden geht alles an, was man fühlt.

@Eule70:

Das genieße ich auch sehr am Bloggen - wobei diese Credibility-Nummer und dieses ganze alberne Sich-Selbst-Aufgewerte durch das Hören der richtigen Musik etc. und dieser ganze Ästhetizismus, der ja de facto einfach nur Erfahrungen verhindert, auch in Blogs ganz schön oft vorkommt ... aber man kann's ignorieren, das ist schon schön.

Ich brauche meine Dosis Kitsch, Pathos und großes Gefühl wie die Luft zum Leben ... gerade durch diese Hammerphasen, wo die Gewinnerwartung irgendwelcher Investoren Menschen Jahre ihres Lebens raubt, kommt man dann ungleich besser durch.

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