
Foto: Mikroskopie
Am Millerntor gibt es zumeist ja die Regel: Gerne die gegnerische Mannschaft verulken, aber möglichst nicht beschimpfen. Da kommen gelegentlich ganz tolle Sachen bei raus. Z.B. damals, als Ede Geyer, damals noch Cottbus-Trainer ausgerechnet vor dem Spiel auf unserem heiligen Rasen seinen Spielern unterstellte, sie würden rauchen und rumhuren wie die Nutten auf St. Pauli. Was nun ziemlich deutlich eine Beleidigung der stolzen Huren auf St. Pauli war. Die "Ede in den Puff"-Chöre waren eine gute Antwort. Wir gähnen somit auch immer bei "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli"-Rufen, bei ganz doofen Chören wie "Nazipack St. Pauli" oder "Wir ficken eure Mutter in den Arsch" gibt's auch mal ironischen Applaus.
Nun wäre das wirklich ein Thema für Dissertationen, eine Phänomenologie verschiedener Beschimpfungskulturen zu verfassen. Der Hip Hop hat da ja die alte Kunstform der Schmährede wiederbelebt, manche gefallen sich auch in der Rolle des Pöbelbloggers. "Reine Schmähkritik" ist meines Wissens sogar eine mögliche, juristische Tatsache. Wenn ein schlichtes "Depp" oder "Arschloch" fällt, finde ich das trotzdem in den meisten Fällen völlig in Ordnung, ist halt Ausdruck von Wut, und diese Kultur krankt eh daran, daß eine angemessene Emotionshaushaltsführung nicht möglich ist. Da frage ...
... man nur Streßorscher: "The fittest" ist ja zumindest in Groß- und Kleinstädten jener, der am meisten aushält, obgleich er eigentlich kämpfen oder flüchten möchte. Aber flüchte mal, wenn Du im Stau oder im Fluzeug sitzt.
Es gab einen Fall - nicht hier im Blog -, wo einer dem Anderen Schläge androhte und das damit begründete, daß er das, was der Andere schreibt, ja auch als verbale Gewalt empfände, das würde er doch durch die Entgegnung nur explizit machen. So lange er nicht wirklich zuschlage ... fand ich dann auch völlig in Ordnung. In einem anderen Fall schrub jemand, er würde hier außerordentlich gerne gemochten Kommentatoren am liebsten die Fresse eintreten, wenn er sich dabei nicht die Füße schmutzig machen würde. Abgesehen davon, daß ich das Bild der schmutzigen Füße irgendwelcher durchgeknallten, islamophoben Neuköllner gar nicht mehr los wurde, hat mich das angewidert, und ich habe es gelöscht.
Eigentlich sind es ja zwei Fragen zum Thema Beschimpfung, die zusammen hängen: Warum wird welche Form der Beschimpung gewählt, und welche trifft wirklich. Und, Anschlußfrage: Wann ist es vielleicht sogar gerechtfertigt, jemanden treffen zu wollen. Letztere übersteigt allerdings meine morgendlichen Kapazitäten.
Warum z.B. in Stadien so oft "Schwuchtel" als Beschimpfung gewählt wird, das frage ich mich regelmäßig. Ist das jetzt Schwulenfeindlichkeit, oder ein eine Kennzeichnung "unmännlichen" Verhaltens? Hängt zwar sowieso beides im Rahmen der aktiv/passiv Dichotomie zusammen, die Männern immer die aktive Rolle zuweist und unmittelbar zum Diskurs über Eigenverantwortung überleitet, der in der Regel nicht auf finanziell abhängige Hausfrauen Anwendung findet. Aber ein Unterschied ist's trotzdem.
Die andere Frage, was wirklich trifft, ist die moralisch unmittelbar relevante. Eigentlich sollte ja das Konzept der Präferenzübernahme gelten: Sich also in den Anderen einfühlen und überlegen, wie's dem geht, wenn ich so oder so handel, und dann möglichst nicht das tun, was es ihm schlechter gehen lassen könnte. Beschimpfungen sind ganz offenkundig dann, wenn sie nicht reines Luftablassen sind, die Umkehrung dieses Prinzips.
Die eigentliche Ebene der Beschimpfung, die z.B. in Blog-Debatten weh tut, ist ja gar nicht das "Arschloch", sondern, stelle ich jetzt mal als These auf, der Angriff auf die moralische Integrität des Gegenübers. Deshalb ist die in unserer Kultur bis vor kurzem wohl gemeinste Beleidigung der Nazi-Vergleich. Bis vor kurzem deshalb, weil's ja immer mehr gibt, die's gar nicht mehr schlimm finden, das zu sein. Als Abstufung kann die Unterstellung, Massenmord oder massenhaftes Sterbenlassen von Menschen, gewollt oder ungewollt, zu befördern, gelten. Analog hierzu der Antisemitismus- und der Totalitarismus-Vorwurf. Und wohl auch der Rassismus-Vorwurf.
Erstaunlich, daß gerade diese Typen der Beleidigung die mit Abstand am häufigsten auftretenden sind in der politischen Blogosphäre. Die sind deshalb so problematisch, weil sie ja jeweils wahr sein könnten. Wenn Erfurter Fans singen, wir würden unseren Müttern in den Arsch ficken, ist das hingegen ein echter Lacher, der allenfalls die Singenden diskreditiert.
Wer hingegen das Hohelied des Kapitalismus singt, der muß schon damit leben, daß dabei eventuell ganz viele Leichen hinten raus kommen. Wer für den Irak-Krieg plädierte, nimmt ganz offensichtlich viele Leichen in Kauf und windet sich dann in Erklärungen über den Unterschied zwischen legitimer und illegitimer Gewalt, weil er etwas Funktionales noch irgendwie in den Bereich der Moral hinüberretten will. Wer für Sozialstaatlichkeit eintritt, muß schon damit leben, daß es ja wahr sein könnte, daß dieser für Armut und Arbeitslosigkeit verantwortlich ist. Zudem damit, daß die damit einhergehende Bürokratisierung die Tendenzen zu staatlichen Autoritarismen und darüber hinaus faktisch immer führen kann. Es könnte ja wahr sein, und es zeichnet sich sogar ab.
Ich persönlich erlebe es zudem als drastische Beleidigung, wenn man mir überheblich unterstellt, ich würde nur wolkig daherreden. Das macht mich wahnsinnig, weil ich mein So-oder-So-Sein an einen intellektuellen Forscherdrang knüpfe, und finde das dann ungleich gemeiner als z.B. ein "Arschficker", z.B.. Natürlich auch, weil Arschficken zweifelsohne Spaß machen kann, kann's nur jedem empfehlen, das mal auszuprobieren - weil es jedoch wahr sein könnte, daß ich wolkig daherrede. Nichtsdestotrotz trifft mich das so dermaßen in meinem Selbstverständnis, daß ich unbändige Lust verspüre, zurück zu beleidigen und dabei möglichst zu verletzen. Und dann selbst immer drastischer werde.
So ungefähr läßt sich für mich die Debatte mit den Liberalen innerhalb des letzten Jahres zusammenfassen: Bin da mit großer Offenheit hineinspaziert, und je länger man diskutierte, desto beleidigter fühlte ich mich. Konnte es einfach nicht mehr hören, diese ewigen Totalitarismus- und Zwangs-Vorwürfe in varriierter Form und wurde dann - meine Interpunktion der Ereignisabfolge - immer aggressiver. Im Grunde genommen habe ich mein ganzes Leben lang noch nie so geballte und gemeine Angriffe auf meine persönliche Integrität und mein Selbstverständnis erlebt. Die meisten nur indirekt: Wenn allgemein gegen "die Linke" gewettert wurde, die ja für Ideale steht, die für mich im engeren Sinne sinnstiftend wichtig sind. Und dann immer diese "Wie kannst Du nur!"-Rhetorik, die nicht zufällig sich anhört wie aus Muttermund.
Am allerfiesesten finde ich, daß auf Argumente nicht eingegangen wird und andere Wahrheiten als die eigene noch nicht einmal mögliche in's Auge gefaßt werden. Das ist eine Entwertung des Gegenübers. Und das ist dann auch der eigentliche Kern des Beleidigens: Die Entwertung von Personen.
Viele nennen sowas Identität, das, was dann entwertet wird - ich würde es anders nennen, egal. Wenn Mohammed, an den man glaubt, als Kinderficker oder Massenmörder dargestellt wird, klar, dann geht's um einen selbst, wenn man an ihn glaubt, und das ist schier unerträglich, sich in dieser Form diffamiert zu sehen.
Bezeichnend somit, daß jene, die aus einem Recht auf Meinungsfreiheit ein Recht auf Beleidigung machen wollen, während sie ein Recht auf soziale Sicherheit bestreiten und sogar ein Problem mit dem Begriff "Grundrechte" haben, es dann wieder mal schaffen, am Widerlichsten loszuschlagen: Amöbe nennen sie ihr Gegenüber. Obwohl, siehe Bild oben, die ja durchaus was von moderner Kunst haben, die Amöben das sei zugestanden.
Da schalte ich dann innerlich ab und habe unbändige Lust, zurück zu beleidigen, selbst wenn's mir gar nicht galt. Das paßt einfach zum Herrenmenschengestus der Interessenvertreter oberer Wirtschaftsetagen, und wenn man die Literatur aus dem Kaissereich und der Weimarer Republik kennt, dann sträubt sich alles bei diesen Ausflügen in die Biologie. Klar, ist jetzt der stark variierte Nazi-Vergleich, bezogen auf die Vorgeschichte des 3. Reiches und eingebettet in einen bestimmten Kontext. Aber im konkreten Fall hat der nun gerade es auch nicht besser verdient, als beleidigt zu werden.