" /> Metalust & Subdiskurse: November 2006 Archive

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30.11.06

Der Thesenreigen zu "Tätigkeit"" und "Ich kann" - niemals alleine im Wohnzimmer zu tanzen, aber bloß nicht mit Sky DuMont. Obwohl der zweifelsohne ein cooler Typ ist!

Der Seinsvollzug ist Tätigkeit.

Als Mensch hat man zunächst "zu sein", man ist, man existiert.

Zum schlichtem Faktum des Zu-Seins gehört die Möglichkeit, sich zu diesem zu verhalten.

Verhalten zum Zu-Sein kann begriffen werden als Reflektion auf das Wie des Vollzugs. Im Wie des Vollzugs kann man "Tätigkeiten" und "Handlungen" unterscheiden. Tätigkeiten tätigt man um ihrer selbst willen, mit Handlungen erreicht man Ziele.

Die Pointe sitzt, ich habe sie aus Ernst Tugendhats Heidegger-Rezeption in "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung". Ein und dasselbe Verhalten kann man als Tätigkeit und Handlung gleichermaßen betrachten: Das Schreiben dieses Eintrages kann ich als Tätigkeit in ihrem Vollzug genießen, kann dabei aber auch das Ziel verfolgen, mal ein wenig zu vertiefen, was man sinnvoll mit "Freiheit" meinen kann.

Krasser ist die Differenz im Fall dessen, was man undifferenziert "berufliche Tätigkeit" nennt: Ich weiß nicht, ob ein Finanzamtssachbearbeiter tätig ist. In meinem alltäglichen Verhalten zu meinem Zu-Sein in meinem Job gab es immer wieder Phasen, wo ich sowohl tätig war als auch handelte. Das ist dann Glück.

Vorraussetzung dessen ist das "Ich kann". Ein "Ich will" ohne ein "Ich kann" ist eine menschliche Tragödie.

Wie erwirbt man jedoch Können? Das ist die eigentliche Frage, wenn's um Freiheit geht.

"Ich kann"-Sätze sind ja verflucht scheußlich schnell falsizifierbar, was ein Kuriosum ist im Falle praktischer Sätze. "Ich will" ist nur dann falsizierbar, wenn ein Psychoanalytiker sich selbst einen Freibrief zur Manipulation ausstellt und ein Unbewußtes behauptet, das den eigentlichen Willen enthält, der dem artikulierten Willen widersprechen würde. Oder behauptet, ...

... hinter allem stecke der Sex. Das große Thema Foucaults war, genau dagegen zu opponieren.

An sich jedoch muß man den Wahrheitsgehalt von "Ich will" schon hinnehmen. Auch wenn Menschen, die auf Frauen stehen, bestimmt gelegentlich die Erfahrung des Satzes "Aber Du willst doch gar nicht wirklich!" machen. Die können halt nicht anders ;-) ...

Ein "Ich kann" hingegen: Ich kann den Typen da an der Ecke umknocken, ich kann mir jetzt ein Haus in Blankenese kaufen, ich kann fliegen - prinzipiell kann man all das unter Beweis stellen oder auch nicht.

Manche können sich vor Gericht freikaufen, manche können das nicht. Manche können durch ihr so-oder-so-aufwachsen-sein Türkisch und Deutsch, andere nicht. Manche können dank "Stallgeruch" gleich in Vorstandsetagen einsteigen, manche wollen das gerne, man läßt sie aber nicht. Manche können virtuos Fußball spielen, bei anderen reicht's trotz lebenslanger Übung nur zum Abräumer vor der Abwehr.

Nur unter Einbezug des "Ich kann" kann man sinnvoll über Freiheit reden, sonst will man's allenfalls. Das Ziel des Könnens: Tätigkeit statt Handlung.

Und gliedert man die Frage nach dem Können auf in die Frage nach Fähigkeit und Gelegenheit und bohrt nach, wie Fähigkeiten und Gelegenheiten zustande kommen, läßt man schon einiges an Phrasendrescherei weit, weit, weit hinter sich ....

29.11.06

Noch'n Luhmann

"Aber die Medien selbst sind nicht diese Sachverhalte, sondern sie sind Kommikationsanweisungen, die relativ unabhängig davon gehandelt werden, ob solche Sachverhalte vorliegen oder nicht. (...) In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen kann, leugnen und sich auf all die Konsequenzen einstellen kann,die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird."
Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/M. 1982, S.22 f., zitiert nach Werner Faulstich, Medientheorien, Göttingen 1991, S. 169

Ich finde diesen Begriff von "Medium" schlicht unsinnig. Das ist einfch ein verhältnismäßig klar definiertes, semantisches Feld, und es sind nicht minder sprachlich zuordnungsfähige Praktiken. Die "Codierung" zu einem Bündel von Handlungs- und Sichtweisen, die durch dem Individuum vorgängige, interpersonale wirksame Regeln konstituiert werden, ist kein eigenständiges Medium neben der Sprache, sondern eine Form derselben - was Luhmann im Begriff des "Kommuniktionscodes" ja auch zugesteht.

Ansonsten ist das aber ganz lustig, wie üblich bei Luhmann - ein Großteil der Popkultur ist anhand dieses Codes strukturiert, und wehe dem, der ihn bricht ...

28.11.06

System, Medien und das gute Geld

Manchmal darf man ja als "Gscheitlhuber" (I. Way war's, glaube ich, der mir dies nette Wörtle überzustülpen suchte) seine eigene Ahnungslosigkeit und die schlichte Tatsache, daß man ständig wortreich Halb- bis Zwölftelwissen in die Welt hinausposaunt, auch nicht verschweigen.
Man weiß sich da in der Blogosphäre in guter Gesellschaft, da geht's den meisten auch nicht anders, und genau das ist's dann, was für ungebremste Lebensfreude sorgt. Und das ist ja was Schönes.

Die wenigsten Begriffe, die man so vor sich hin verwendet, sind einem auch nur ansatzweise wirklich klar, und in frei flottierenden Sprachfeldern finden sich dann viele Wurzeln seltsamer Verwachsungen zwischen Pflänzchen, die sich wechselseitig den Platz im Sonnenlichte rauben.

Für mich sind das Begriffe wie "Medien" z.B.. Damit kann zum einen schlicht das Mittel zu etwas gemeint sein, dann - damit zusammenhängend - ein Informations- oder Bedeutungsträger (solche, die sich dadurch auszeichnen, daß es Information - oder Bedeutung ohne sie auch gar nicht gäbe). Oder auch die Vervielfältigungsmaschinerien von Informations- oder Bedeutungsträgern.

Auch so'n Begriff: "System". Weil das so ist, setzte ich mich soeben zur Entspannung auf mein durchgesessenes Sofa, um mal wieder in Habermas' Theorie des kommunkativen Handelns dessen Rezeption von Talcott Parsons Systemtheorie ...

... nachzuschlagen.

Das ist ja wahrscheinlich auch so ein Theoretiker, der Herr Parsons, den zumindest in Deutschland seit Luhmanns "autopoetischer Wende" niemand mehr rezipiert.

"Autopoesis", das bedeutet ungefähr so etwas wie Selbsterzeugung, das war wenigstens immer ein Begriff, mit dem ich wirklich etwas anfangen kann. "Bürokratie gebiert Bürokratie" stand neulich irgendwo jenseits des Styx, der unsereins von dem Bösen trennt (war 'n Scherz, Leute!!!), sowas meint das wohl.

Bekomme ich fast täglich in der eigenen Firma zu spüren. Buchhaltungen und Controlling-Abteilungen haben genau diese Tendenz, sich selbst und ihr unmittelbares Umfeld zu nähren und zu vermehren, während sie andere schröpfen. Juristen auch. So habe ich mir auch immer die Theorie vom gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht erklärt: Die Schröpfenden nehmen eben um den Teil zu, den sie z.B. mir wegnehmen. Ein Nullsummenspiel.

Das ist freilich ganz gemeingefährliches Terrain, so Theorien des Schröpfens, da lauern dann immer schon irgendwelche Amöben in der nächstliegenden Ruhr. Deshalb lieber das Zitat, über das ich bei Habermas soeben stolperte:

"Der Austausch zwischen System und Umwelt, und der Austausch zwischen funktional spezifierten Einheiten innerhalb eines Systems, muß sich, ob es sich um Organismen oder um Gesellschaften handelt, über irgendwelche Medien vollziehen. Es liegt auf der Hand, daß für Handlungssysteme die sprachliche Kommunikation ein solches Medium darstellt, dem Spezialsprachen wie Geld oder Macht ihre Struktur entlehnen."
Jürgen Habermas, Theorie des Kommunikativen Handelns, Bd. II, S. 388, Frankurt/M. 1988

Ist das so? Das mit der System-Umwelt-Beziehung: Okay. Pflanzen warnen sich wechselseitig über Düfte vor dem Schädling, insofern sind die Duftstoffe dann wohl der Informations- oder Bedeutungsträger, und die Luft ist der Übertragungsweg.

Wenn das eindeutig geschlossene System Buchhaltung in unserer Firma die Belegschaft als Umwelt begreift und mit mails über Reisekostenabrechnungen terrorisiert, dann ist die Information in Schrift verfaßt und der Übertragungsweg die Computer-Hardware (die Leitungen dazwischen und Ströme darin zähle ich mal großzügig dazu). Die Schrift ist ein Spezialfall von Sprache, so weit, so gut.

Damit ist freilich trotz der Behauptung der Schließung des Systems Buchhaltung der Systembegriff überhaupt noch nicht geklärt. Ich behaupte Systeme jetzt mal hypothetisch als generalisierbare Handlungs- und Kommunikationsregeln innerhalb austauschbarer Personengruppen, die auf Umwelten einwirken und diese ggf. auch beherrschen und formen wollen. Darauf bezog sich das Intro dieses Eintrages: Jeder ernstzunehmende Systemtheoretiker würde sich die Haare raufen bei einer solchen Behauptung, noch nicht mal Zwölftelwissen. Luhmann selbst definiert soziale Systeme so:

"Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoetischer Handlungszusammenhang ensteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikationen gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen damit nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen."
Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation, Opladen 1986, 3. Auflage, S. 269

Das kann man jetzt auch so lesen: Das Subsystem Systemtheorie des Subsystems Soziologie des Subsystems Wissenschaft bestimmt seinen Gegenstand, und da gehören dann halt z.B. Handlungen nicht dazu. Und: Kommunikationen haben die Tendenz zur Eigendynamik, das System "Bewußtsein" kann sich seine Gedanken darüber machen, was da gerade gequatscht wird, während das biologische System Mensch sowieso gerade treibt, wozu es Lust hat - verdauen, atmen, Müdigkeit erzeugen, und an fiesen Tagen macht es Schluckauf.

Erscheint mir trotzdem beides kontraintuitiv: Kommunzieren ist eine Form von Handlung, die von Personen ausgeführt wird und selbst Handlungen nicht kommunikativer Art ggf. anleitet: So z.B. denjenigen, der nach einer Ikea-Gebrauchsanleitung einen Schrank aufbaut und sich den Imbo-Schlüssel reichen läßt.

Insofern halte ich an meiner eher bauernschlauen Hanswurst-Fassung des Systembegriffs fest und vergewaltige und mißinterpretiere weiter: Geht man also davon aus, daß in der Tat die Buchhaltung als geschlossenes Systems unser Handeln formen will ("Reisekostenabrechnung spätestens 3 Wochen nach Reise abgeben") will: Macht übt die Buchhaltung über Befugnis zur Sanktion -. "dann ziehen wir Dir die Kohle halt vom Gehalt ab!" - aus, übergreifend ist sie im Grundsatz legitimiert durch die Behauptung, daß die ökonomischen Sektoren in einem Unternehmen sowieso immer genau so Recht haben wie einst die Partei. War jetzt gerade ein zweistufiger Machtbegriff, by the way.

Und das schreiben sie dann in mails im Rahmen von systeminternen Handlungsregeln ("Bis zum 23.12. muß der Jahresabschluß fertig sein!"), ich nenn die mal Systemimperative, die ein System erst konstituieren, das sich nach außen abgrenzt - "doofe, schlampige Mitarbeiter, und die Kreativen sind die Schlimmsten!" - und sich über Kommunikationen - e-mails - "nach außen" "Gehör verschafft".

Wie hängen jetzt aber die Medien Macht, Geld und Kommunikation und somit Sprache da zusammen, und inwiefern sind es "Spezialsprachen", die ihre Struktur jener der so ganz allgemein auffindbaren Sprachen entlehnen? Und ist Macht dann überhaupt Medium?

Diese Frage ist ja wichtig. Gerade angesichts des gestrigen Eintrages kam von uns Wirtschaftsschädlingen und Dummschwätzern die Frage auf, inwiefern und ob die reine Quantifizierung und Mathematisierung in den Wirtschaftswissenschaften einen Reduktionismus darstellt. Mich trieb's glatt zu der Behauptung der Verwechslung von Methode und Gegenstand, und das könnte ja wahr sein - dann lag ich jedoch so auf meinem Sofa rum und grübelte weiter, und stellte fest: Ist natürlich nur halbwahr, weil der Gegenstand ja über das Medium Geld selbst in sich über Quantitäten strukturiert ist. Eigentlich ja naheliegend, ich brauche für sowas ein paar Jahrzehnte, bis ich drauf komme. Nein, ich verwechsel nicht Geld und Kapital.

Das mag einer der Gründe dafür sein, daß z.B. in Fragen der Geldmengenpolitik und Inflationsbekämpfung (man korrigiere mich, wenn ich der Wirtschaftswissenschaft systemfremde Begriffe verwende) die Ökonomen von der Uni so erfolgreich sind, und ihr Erfolg in anderen Fragen umstritten bleibt.

Aber wie ist denn nun die Relation Sprache und Geld? Was für eine Art Medium ist Geld im Gegensatz zu dieser, oder entlehnt es dieser tatsächliche seine Struktur? Das ist gleichzeitig die Frage, wie Mathematik und Alltagssprache zusammenhängen. Die Diskussion ist eröffnet, auch wenn sie uralt ist, diese Frage - falls die Diskussion überhaupt jemand führen will ...

27.11.06

Pro Sozialphilosophie

Ach, wenn's ausnahmsweise mal über das Antibürokratieteam vermittelt was Gutes zu lesen gibt, dann sollte man es zum Lohne ja auch verlinken. Habe zwar gar keine Ahnung, ob die von Karen Horn vorgenommene Diagnostik universitärer Wirtschaftslehren so zutrifft, fühle mich ansonsten aber angenehm bestätigt:

"Es sind die großen, die sozialphilosophischen Fragen, die wieder gestellt werden müssen, wenn es um den wahren Realitätsbezug geht: Wie lernen Gesellschaften? Wie funktioniert der schöpferische Prozeß, in dem dezentral vorhandenes Wissen gesammelt und vermittels der Interaktion verschiedener Menschen miteinander verwoben und gemehrt wird, ohne daß es diesen bewußt ist? Wie entwickeln sich kollektive Glaubenssysteme, Normen, Mentalitäten? Wie entstehen formelle und informelle Institutionen?"
Ach ja. War das schön damals.

26.11.06

Wenn man über "Verlierer" lacht: Das existentialistische Drama der Pubertät

"Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die Konsequenzen zu tragen! Kein Politiker hat das Recht Gesetze zu erlassen, die mir Dinge verbieten. (...)Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nunmal keinen Platz für Individualisten. (...) Jeder hat frei zu sein!"
Quelle: leckse

Liest sich ja, zwischendurch mal so zusammengekürzt, wie ein liberales Manifest. Die Herrschaft der Masse über das Individduum, demokratiekritisch gewendet kennt man das als "Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit". Ist auch eine Form von Populismuskritik. Formuliert eine Theorie negativer Freiheit als Kritik staatlichen Zwangs.

Insofern ist ja schon bemerkenswert, wer hier was hervorhebt aus dem allseits und oft verstümmelt zitierten Abschiedsbrief. Natürlich kriegen dann auch die Sozialarbeiter oder Verfechter der Musiktherapie nebenbei eins auf die Glocke, was meinen Eindruck bestätigt, daß es oft gar nicht um große Politik geht, sondern um Aversionen gegen ein bestimmtes Milieu, was Leitartikler und solche, die es gerne wären, dann der Welt verkünden.

Sind einfach die großen Topoi des Existentialismus und somit radikal gelebter Pubertät, die der Selbstmordattentäter da in wilder Wut verkündet: Existentielle Einsamkeit, Eigentlichkeit, Freiheit, Sinnstiftung aus sich selbst heraus, weil objektiv kein Sinn gegeben ist - somit müsse man die Rolle Gottes einnehmen, eine Denkfigur, die bei Sartre oft sich findet. Die Objektivierung durch den Blick des Anderen, die Suche nach dem Authentischen, der Ausweg in Heroische: Alles ganz klassisch.

Daß diese Art von Tat dem Briefe folgen würde, das ist doch das eigentlich Erstaunliche: Wer kennt denn bitte keine Rachebedürfnisse? Wäre ja nicht minder ungesund, als diese auszuleben - was dann zweifelsohne verwerflich ist. Hat sogar Weltliteratur hervorgebracht: Den "Graf von Monte Christo" kennt ja jeder.

Wer hat sich denn bitte nicht schon mal als Opfer der Verhältnisse gefühlt? Gerade das liberale Gejammer über den vermeindlich antiamerikanischen und antikapitalistischen Mainstream und die unterjochende Bürokratie ist doch auch nix anderes. Womit ich ausdrücklich nicht gesagt haben will, daß man unterjochende Bürokratie nicht kritisieren solle: Muß man, soll man.

Wer pubertiert hat, ohne wenigstens mal kurz "die Gesellschaft" oder das, was er für diese hält, in Frage zu stellen, ist doch schlicht nicht individuiert. Bemerkenswert auch der Exkurs über die "massenhafte Einwanderung in die Sozialsysteme":

"HipHopMuchels und Kleingangster; Sie kommen nach Deutschland weil die Bedingungen bei ihnen zu hause zu schlecht sind, weil Krieg ist... und dann kommen Sie nach Deutschland, dem Sozialamt der Welt, und lassne hier die Sau raus".
"Das Sozialamt der Welt" - na, schon mal gehört? Und liest man die ganzen Litaneien über die angebliche "linke Dominanz" ...

... und Diagnosen über ein System, das die Leute nur in Abhängigkeit hielte und ihnen Eigenverantortung austreibe, dann ist das auch nicht so weit weg von dem hier:

"Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt."

Der Klassiker halt, das Sein bestimmt das Bewußtsein, den auch jene Kritik reproduziert, die Mentalitäten wie Schimmelpilze auf Sozialsystem wuchern wähnt. Also mal halblang, lieber Herr Posener. Lesen wir doch mal das hier, ganz unten, in den Kommentaren:

"Ein liberaler Aufstand, der vernünftigen Mitte ist nirgends zu erkennen. Man muss schon schwer interessiert sein um überhaupt auf die anderen Meinungen zu stossen. Alle grossen Multiplikatoren in Deutschland sind eher links als Liberal. Besonders der Hass auf die USA, gehört mittlerweile fast zum guten Ton, und wird nur unmerklich durch die allseits bekannten Beschwichtigungsphrasen verdeckt.

Die Jungen wir von den Alten erzogen, und da von den Gewinnern unter den Alten. Und als Gewinner erscheinen, eben nicht die Liberalen, auch nicht die Liberalen innerhalb der Grünen. Links und Verlogen, das bringt dann schon eher Erfolg. Oder Moral links antäuschen und dann Karrieremässig durchstarten."


Etwas juveniler formuliert, und das Ganze könnte als Kulturkritik genau so gut in Abschiedsbriefen von Amokläufern stehen.

Nein, Luc, ich will Dir sowas nicht unterstellen, würde ich nie, und verzeih mir den Mißbrauch des von Dir Geschriebenen im Sinne der symptomatischen Lektüre. Bot sich nur gerade an. Hatte ich halt gerade gelesen.

Ich will lediglich die weltbewegenden Schlüsse eines Alan Posener ein wenig relativieren. Der macht nämlich was ganz Übliches und ganz Gemeines: Ein bestimmten Typus linker Kultur- und Gesellschaftskritik selbst als Auslöser eines Amoklaufes darzustellen, um diese Kritik selbst zu diskreditieren. Souverän überliest er die Gemengelage im Text und übersieht dabei, daß man Teile seines eigenen Denkens ebenso dort findet im Nachlaß des potenziellen Massenmörders, der dann sich selbst zum Opfer fiel und viele andere dabei körperlich und seelisch zutiefst verletzte.

Der Junge, der zu solch brutaler Tat fähig war, muß schon ein paar mehr Probleme gehabt haben als nur jene, die im Briefe stehen. Das ist alles viel zu normal, was da steht, muß Teil einer Inszenierung sein, hinter der noch ganz anderes steckt. Immerhin konnte er davon ausgehen, daß dieser zitiert würde, und so hat er ihn auch geschrieben. Und dieses Aufmerksamkeitsheischende ist nun tatsächlich ein Problem, das zumindest auch in massenmedialen Mechanismen gründet. Immerhin reden und schreiben jetzt alle drüber, wie zuvor auch über Atta und diesen widerwärtigen Stephanie-Schänder. Eine grauenhafte Potenzierung von Casting-Shows ist das, sozusagen. Im Selektions-Wettrennen um Sichtbarkeit hat er ja in der Tat einen großen Sieg errungen.

Etwas anderes erscheint mir noch wichtiger: Der Junge führt aus, daß Konsum und Status Individualität und Beziehungen verhinderten und Sinn schon gar nicht stiften. Klar ist das ein alter Hut der linken Kulturkritik, aber es könnte ja wahr sein... um jetzt zur Stärkung liberaler Gesellschaftskritik mal wieder jene von links implizit pauschal unter Terrorismusverdacht zu stellen und das dann auch noch mit dem Rock'n'Roll zu verknüpfen, sorry, dazu taugt das Geschriebene nun wirklich nicht. Das ist auch unter Poseners Niveau.

Ich habe das Gefühl, daß die Wirkungsgeschichte des Enzensberger-Essays problematisch werden könnte - weil sie dazu führt, daß man über jene auch noch lacht, die sich als "Verlierer" fühlen. Und genau dieser Hohn könnte ja es ja sein, der so unendlich wütend machen ... nein, eine Tat wie jene des verwirrten Emstetteners rechtfertigt das natürlich nicht. Den Hohn aber auch nicht.


24.11.06

"Das rein weltliche Gefühl der Wichtigtuerei und Eitelkeit"

Schöner Text gestern in der FR zum Thema "Jungs sind so" - wenn auch zu einem schrecklichen Anlaß, zu dem Martin einen großartigen Text verfaßt hat. Ergänzend zu der dortigen Diskussion kann man dann Frau Rutschky lesen:


"Niemand will offensichtlich wahrhaben, dass alles, was man über die bösen sagen kann, im Prinzip auch immer für die guten Jungs gilt: Aggressiv mussten sie doch schon sein, um am See die allgemeine Lähmung zu durchbrechen? Eine narzisstische Strebung siegte über das kalte Wasser, die Unlust und die Angst vor dem Tod als der definitiven Kastration.

Vielleicht hatten sogar rein weltliche Gefühle wie Wichtigtuerei und Eitelkeit ihren Anteil an der Heldentat - der Ethikunterricht, eine feministische Aufklärung oder ein Anti-Gewalttraining dürften die drei sehr jungen Männer am Berliner Grunewaldsee jedenfalls kaum für die Rettung eines fremden Hundes präpariert haben. Wer mir diese Heldentat nicht erklären kann, der ist eigentlich auch nicht berechtigt, Sebastian B. in Emsdetten zu beschreiben, zu deuten, geschweige denn Maßnahmen - womöglich präventiver Art - zur Abwehr künftiger Amokläufer vorzuschlagen."

23.11.06

Amöben oder: Beschimpfungskultur

amoebe.jpg

Foto: Mikroskopie

Am Millerntor gibt es zumeist ja die Regel: Gerne die gegnerische Mannschaft verulken, aber möglichst nicht beschimpfen. Da kommen gelegentlich ganz tolle Sachen bei raus. Z.B. damals, als Ede Geyer, damals noch Cottbus-Trainer ausgerechnet vor dem Spiel auf unserem heiligen Rasen seinen Spielern unterstellte, sie würden rauchen und rumhuren wie die Nutten auf St. Pauli. Was nun ziemlich deutlich eine Beleidigung der stolzen Huren auf St. Pauli war. Die "Ede in den Puff"-Chöre waren eine gute Antwort. Wir gähnen somit auch immer bei "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli"-Rufen, bei ganz doofen Chören wie "Nazipack St. Pauli" oder "Wir ficken eure Mutter in den Arsch" gibt's auch mal ironischen Applaus.

Nun wäre das wirklich ein Thema für Dissertationen, eine Phänomenologie verschiedener Beschimpfungskulturen zu verfassen. Der Hip Hop hat da ja die alte Kunstform der Schmährede wiederbelebt, manche gefallen sich auch in der Rolle des Pöbelbloggers. "Reine Schmähkritik" ist meines Wissens sogar eine mögliche, juristische Tatsache. Wenn ein schlichtes "Depp" oder "Arschloch" fällt, finde ich das trotzdem in den meisten Fällen völlig in Ordnung, ist halt Ausdruck von Wut, und diese Kultur krankt eh daran, daß eine angemessene Emotionshaushaltsführung nicht möglich ist. Da frage ...

... man nur Streßorscher: "The fittest" ist ja zumindest in Groß- und Kleinstädten jener, der am meisten aushält, obgleich er eigentlich kämpfen oder flüchten möchte. Aber flüchte mal, wenn Du im Stau oder im Fluzeug sitzt.

Es gab einen Fall - nicht hier im Blog -, wo einer dem Anderen Schläge androhte und das damit begründete, daß er das, was der Andere schreibt, ja auch als verbale Gewalt empfände, das würde er doch durch die Entgegnung nur explizit machen. So lange er nicht wirklich zuschlage ... fand ich dann auch völlig in Ordnung. In einem anderen Fall schrub jemand, er würde hier außerordentlich gerne gemochten Kommentatoren am liebsten die Fresse eintreten, wenn er sich dabei nicht die Füße schmutzig machen würde. Abgesehen davon, daß ich das Bild der schmutzigen Füße irgendwelcher durchgeknallten, islamophoben Neuköllner gar nicht mehr los wurde, hat mich das angewidert, und ich habe es gelöscht.

Eigentlich sind es ja zwei Fragen zum Thema Beschimpfung, die zusammen hängen: Warum wird welche Form der Beschimpung gewählt, und welche trifft wirklich. Und, Anschlußfrage: Wann ist es vielleicht sogar gerechtfertigt, jemanden treffen zu wollen. Letztere übersteigt allerdings meine morgendlichen Kapazitäten.

Warum z.B. in Stadien so oft "Schwuchtel" als Beschimpfung gewählt wird, das frage ich mich regelmäßig. Ist das jetzt Schwulenfeindlichkeit, oder ein eine Kennzeichnung "unmännlichen" Verhaltens? Hängt zwar sowieso beides im Rahmen der aktiv/passiv Dichotomie zusammen, die Männern immer die aktive Rolle zuweist und unmittelbar zum Diskurs über Eigenverantwortung überleitet, der in der Regel nicht auf finanziell abhängige Hausfrauen Anwendung findet. Aber ein Unterschied ist's trotzdem.

Die andere Frage, was wirklich trifft, ist die moralisch unmittelbar relevante. Eigentlich sollte ja das Konzept der Präferenzübernahme gelten: Sich also in den Anderen einfühlen und überlegen, wie's dem geht, wenn ich so oder so handel, und dann möglichst nicht das tun, was es ihm schlechter gehen lassen könnte. Beschimpfungen sind ganz offenkundig dann, wenn sie nicht reines Luftablassen sind, die Umkehrung dieses Prinzips.

Die eigentliche Ebene der Beschimpfung, die z.B. in Blog-Debatten weh tut, ist ja gar nicht das "Arschloch", sondern, stelle ich jetzt mal als These auf, der Angriff auf die moralische Integrität des Gegenübers. Deshalb ist die in unserer Kultur bis vor kurzem wohl gemeinste Beleidigung der Nazi-Vergleich. Bis vor kurzem deshalb, weil's ja immer mehr gibt, die's gar nicht mehr schlimm finden, das zu sein. Als Abstufung kann die Unterstellung, Massenmord oder massenhaftes Sterbenlassen von Menschen, gewollt oder ungewollt, zu befördern, gelten. Analog hierzu der Antisemitismus- und der Totalitarismus-Vorwurf. Und wohl auch der Rassismus-Vorwurf.

Erstaunlich, daß gerade diese Typen der Beleidigung die mit Abstand am häufigsten auftretenden sind in der politischen Blogosphäre. Die sind deshalb so problematisch, weil sie ja jeweils wahr sein könnten. Wenn Erfurter Fans singen, wir würden unseren Müttern in den Arsch ficken, ist das hingegen ein echter Lacher, der allenfalls die Singenden diskreditiert.

Wer hingegen das Hohelied des Kapitalismus singt, der muß schon damit leben, daß dabei eventuell ganz viele Leichen hinten raus kommen. Wer für den Irak-Krieg plädierte, nimmt ganz offensichtlich viele Leichen in Kauf und windet sich dann in Erklärungen über den Unterschied zwischen legitimer und illegitimer Gewalt, weil er etwas Funktionales noch irgendwie in den Bereich der Moral hinüberretten will. Wer für Sozialstaatlichkeit eintritt, muß schon damit leben, daß es ja wahr sein könnte, daß dieser für Armut und Arbeitslosigkeit verantwortlich ist. Zudem damit, daß die damit einhergehende Bürokratisierung die Tendenzen zu staatlichen Autoritarismen und darüber hinaus faktisch immer führen kann. Es könnte ja wahr sein, und es zeichnet sich sogar ab.

Ich persönlich erlebe es zudem als drastische Beleidigung, wenn man mir überheblich unterstellt, ich würde nur wolkig daherreden. Das macht mich wahnsinnig, weil ich mein So-oder-So-Sein an einen intellektuellen Forscherdrang knüpfe, und finde das dann ungleich gemeiner als z.B. ein "Arschficker", z.B.. Natürlich auch, weil Arschficken zweifelsohne Spaß machen kann, kann's nur jedem empfehlen, das mal auszuprobieren - weil es jedoch wahr sein könnte, daß ich wolkig daherrede. Nichtsdestotrotz trifft mich das so dermaßen in meinem Selbstverständnis, daß ich unbändige Lust verspüre, zurück zu beleidigen und dabei möglichst zu verletzen. Und dann selbst immer drastischer werde.

So ungefähr läßt sich für mich die Debatte mit den Liberalen innerhalb des letzten Jahres zusammenfassen: Bin da mit großer Offenheit hineinspaziert, und je länger man diskutierte, desto beleidigter fühlte ich mich. Konnte es einfach nicht mehr hören, diese ewigen Totalitarismus- und Zwangs-Vorwürfe in varriierter Form und wurde dann - meine Interpunktion der Ereignisabfolge - immer aggressiver. Im Grunde genommen habe ich mein ganzes Leben lang noch nie so geballte und gemeine Angriffe auf meine persönliche Integrität und mein Selbstverständnis erlebt. Die meisten nur indirekt: Wenn allgemein gegen "die Linke" gewettert wurde, die ja für Ideale steht, die für mich im engeren Sinne sinnstiftend wichtig sind. Und dann immer diese "Wie kannst Du nur!"-Rhetorik, die nicht zufällig sich anhört wie aus Muttermund.

Am allerfiesesten finde ich, daß auf Argumente nicht eingegangen wird und andere Wahrheiten als die eigene noch nicht einmal mögliche in's Auge gefaßt werden. Das ist eine Entwertung des Gegenübers. Und das ist dann auch der eigentliche Kern des Beleidigens: Die Entwertung von Personen.

Viele nennen sowas Identität, das, was dann entwertet wird - ich würde es anders nennen, egal. Wenn Mohammed, an den man glaubt, als Kinderficker oder Massenmörder dargestellt wird, klar, dann geht's um einen selbst, wenn man an ihn glaubt, und das ist schier unerträglich, sich in dieser Form diffamiert zu sehen.

Bezeichnend somit, daß jene, die aus einem Recht auf Meinungsfreiheit ein Recht auf Beleidigung machen wollen, während sie ein Recht auf soziale Sicherheit bestreiten und sogar ein Problem mit dem Begriff "Grundrechte" haben, es dann wieder mal schaffen, am Widerlichsten loszuschlagen: Amöbe nennen sie ihr Gegenüber. Obwohl, siehe Bild oben, die ja durchaus was von moderner Kunst haben, die Amöben das sei zugestanden.

Da schalte ich dann innerlich ab und habe unbändige Lust, zurück zu beleidigen, selbst wenn's mir gar nicht galt. Das paßt einfach zum Herrenmenschengestus der Interessenvertreter oberer Wirtschaftsetagen, und wenn man die Literatur aus dem Kaissereich und der Weimarer Republik kennt, dann sträubt sich alles bei diesen Ausflügen in die Biologie. Klar, ist jetzt der stark variierte Nazi-Vergleich, bezogen auf die Vorgeschichte des 3. Reiches und eingebettet in einen bestimmten Kontext. Aber im konkreten Fall hat der nun gerade es auch nicht besser verdient, als beleidigt zu werden.

22.11.06

Ich fühl mich heut so gestrig, so gestrig, ...

Moustaki.png

Foto: Lime Wire

... ich fühl mich heut so gestrig, so gestrig wie noch nie. Es ist einfach wunderschön, mal wieder Georges Moustaki zu hören. Muß so die Zeit gewesen sein, als ich auch die Unendliche Geschichte las, da ich die olle Platte aus dem Teak-Holz-Regal meiner Mutter zerrte und das hier mitsang:


"Nous prendrons le temp du vivre
d' être libre, mon amour.
Nous prendrons le temp du vivre,
tout est possible, tout est permis."

Aus der Erinnerung zitiert, deshalb bestimmt lauter Grammatik-Fehler. Aber es geht ja auch um's hören und nicht um's Siegen ... und wenn ich wieder bei Angelo Branduardi angekommen bin, darf man mich regressiv nennen.

21.11.06

Laßt ihn nicht fallen!

Kreuzabnahme.jpg

Ich habe Samstag Rosen gepflanzt. Auf meinem Balkon. In Rosentöpfe, industriell gefertigt. Scarborough Fair und L.D. Braithwaite, geschaffen von Züchtergott David Austin.

Eigentlich sind Rosen ja einmalblühende Geschöpfe mit gerade mal 5 Blütenblättern. Wunderwerker wie der Herr Austin haben die Tradition der Prachtentfaltung aus dem schlicht Gegebenen perfektioniert. Haben Kitsch und Naturnähe harmonisiert - gewaltige Blüten auf wuchernden Sträuchern. Da sitzt die Farbenpracht nicht aufgesetzt auf steifen Senkrechten, wie's bei den T-Hybriden der Fall ist. Locker und verspielt verteilen sie sich in dichtem Laub, und auch die Töne, das Rot, das Rosa, entbehren jeder Künstlichkeit - kein grelles Gelb wie bei den Dahlien, die ich noch aus Blumensträußen in den 70ern kenne, die wir als Kinder "Spinnenblumen" nannten.

Die Spinennblumen und Baccara-Rosen-Ära: Das war noch die Zeit der orangenen Tapeten, des Plastiks allerorten; eben jenes Wegwerf-Universums, das quietschbunt ...

... revivalfähig war, als VIVA Prilblumen-Design coverte und kurz darauf der Schlagermove durch Hamburgs Straßen spazierte - in Nylon-Hemden schwitzend und mit orangenen Clownsperücke auf dem Kopf.

Damals, als man noch auf Chromcassetten Musik-Mixe aufnahm und D.D. Jackson jenen lauen Futurismus karrikierte, den man auch von Stillhorn aus als Skyline immer noch bewundern darf, denkt man sich den Glitter weg: Reiner Funktionalismus.

Zu jener Zeit zeltete meine Schwester in Gorleben. Kurz darauf diskutierte man auf Parties dann die Thesen des Club of Rome und, frisch mit Argumenten aus der "Philosophischen Hintertreppe" versorgt, behauptete man den Anthropozentrismus Feuerbachs als an allem schuld. Man kritisierte die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit bei Marx und das biblische Diktum: "Nun machet euch die Erde untertan" - oder so ähnlich.

Man las "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" und zitierte immer wieder diesen Satz, den ich nicht mehr genau zusammenbekomme, ich war da schließlich erst irgendwas zwischen 11 und 16: Daß die Industrienationen erst dann erwachen würden, wenn sie feststellten, daß sie ihr Geld nicht essen können. Die Indianer wurden aus den ewigen Jagdgründen zurückgeholt und geisterten als Wiedergänger durch positive Utopien: In Einheit mit der Natur hätten sie gelebt, Paradebeispiel waren die Bisonherden. Die Eroberer haben zum Spaß allesamt abgeknallt, die Indianer nahmen sich nur, was sie zum Leben brauchten. Und machten auch noch Klamotten aus dem Tier, anstatt es mitten in der Savanne einfach verschimmeln zu lassen.

Bands wie die Einstürzenden Neubauten machten genau das zum Thema - im Gegensatz zum Neon New Wave und seinen chromglänzenden Oberflächen. Angeregt durch "Ethno-Musiken" aus der ganzen Welt fragten sie sich, wie sich denn solche "Ethno-Musik" der absterbenden Industriegesellschaft anhören würde. Sie sammelten Müll und suchten neue Klänge im Umgang mit ihm - in Filmen wie Mad Max wurde diese Vision popularisiert bis hin zur Energiegewinnung aus Schweinemist inmitten irgendwelcher Wüsten.

Diese Mad Max-Bilder laufen mir in letzter Zeit entpopt und weniger dramatisch frisiert ständig über den Weg. Diese Kombinationen von Fahrrädern, Hackenporsches, Plastiktüten und Einkaufswagen der Obdachlosen, die zunehmend auch das Stadtbild einer reichen Metropole prägen, haben eine ganz ähnliche Anmutung. Teils grosteske Kunstwerke, die kaum sich fortbewegen lassen von alten Frauen, die in mehreren Schichten mit schmutzigen Fetzen bekleidet sind. Neulich schob einer von ihnen mit irrem Blick zwei aneinander mit Draht oder so montierte Räder, überladen mit seinem Hab und Gut, an mir vorüber - es sah wirklich ein wenig aus wie die futuristischen Gefährte aus den Endzeitvisionen im Kino der 80er. Und quietschte.

Was gibt es eigentlich für Gründe, die nicht alle mal eben so zu entsorgen, die Obdachlosen? Ganz human, mit Spritze oder so? Die stören das Stadtbild, wollen auch noch staatliche Unterstützung und vertreiben Touristen. Will sagen: Ein normativer Begriff des Lebens, der Schöpfung, somit der Natur, kommt man ohne den aus? Vielleicht ist der metaphysisch oder religiös, aber ist das denn schlimm? Gibt es ein Argument gegen das Obachlosentöten ohne Religion oder Metaphysik oder Mystik? Ich bin mir da nicht sicher, obgleich ich sicher bin, daß man das nicht darf.

Brilliant an Bildern wie jenem von Caravaggio oben ist ja das Ineins von Natur, Religion und Kulturschaffen - und Mystik durch Realismus. So körperlich erscheint der Messiahs dort, so fotographisch genau und zudem auch noch erotisch - man spürt seine Schwere, hat das Gefühl, daß gleich er fallen wird.

Caravaggio hat kranke Jünglinge vor Obstkörben mit fauligen Früchten gemalt. Und hat doch gerade in seinem brutalen Naturalismus, seiner Thematisierung von Licht und Körperlichkeit, die so unendliche Schönheit dessen, was immer schon der Vergänglichkeit anheimgefallen ist, in's Bild gesetzt und somit transzendiert. Da zeigt sich das Wunder, daß etwas lebt und leben bleiben soll. Und der Respekt vor ihm: Daß man nicht einfach so vernichten darf.

Will man das Verhältnis Natur, Kultur, Tod und Leben diskutieren, so ist dieses wohl einer der Wege, es zu erahnen: Das Spirituelle in der Kunst zu suchen und zu finden - sei's jene von David Austin, jene der Einstürzenden Neubauten oder Caravaggio. Dann lehnt man sich zurück und wird kontemplativ ... zum Überleben reicht das nicht. Aber um Kriterien zu finden, warum Überleben ganz metaphysisch wichtig ist und mehr ist als nur biologischer Selbsterhalt, dazu könnte Kontemplation ein Weg sein.

19.11.06

Klaus Mann, die Knef und Sartre - und warum in Jacques Brel sie münden

"Sie schreiben mir einen Brief aus der Nähe von Marseille. In den kleinen Badeorten am Golf de Lyon, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris, schreiben Sie, säßen jetzt als Flüchtlinge die jungen Deutschen, die mich und meine Bücher einst so sehr verehrten. Durch Zeitungsnotizen müßten Sie erfahren, daß ich mich dem neuen Staat zur Verfügung hielte, öffentlich für ihn eintrete (...). Sie stellen mich zur Rede, freundschaftlich, aber doch sehr scharf. Sie schreiben: was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, denen das ganze übrige Europa gerade diesen Rang bestreitet? (...) Sie werden doch immer der Intellektuelle, das heißt der Verdächtige, bleiben, und niemand nimmt sie dort auf."
Gottfried Benn, Antwort an die literarischen Emigranten, in ders.: Leben ist Brückenschlagen, S. 94, Wiesbaden 1962 So Gottfried Benn in seiner berühmt-berüchtigten Antwort auf die literarischen Emigranten 1933. Oder war's '34? Eine Antwort ist dies auf Klaus Mann. Wie recht dieser hatte, hat Benn zwei Jahre später erfahren, als er selbst in argen Trouble mit dem neuen Regime geriet, dem er nur durch Flucht in die Wehrmacht entgehen konnte.

Zu Beginn jedoch, als entflammt der große Dichter und politische Idiot sich der "neuen Bewegung" ...

... hingab, schrieb er folgendes an den Sohn des "Zauberers":

"In Ihrem Brief lautet die Stelle so: "Erst kommt das Bekenntnis zum Irrationalen, dann zur Barbarei, und schon ist man bei Adolf Hitler." Das schreiben Sie in dem Augenblick, wo doch vor aller Augen Ihre opportunistische Fortschrittsauffassung vom Menschen für weiteste Strecken der Erde Bankerott gemacht hat, wo es sich herausstellt, daß es eine flache, leichtsinnige, genußsüchtige Auffassung ist, daß nie je in einer der wahrhaft großen Epochen der menschlichen Geschichte das Wesen des Menschen anders gedeutet wurde als irrational, irrational heißt schöpfungsnah und schöpfungsfähig. Verstehen Sie doch endlich dort an Ihrem lateinischen Meer, daß es sich bei den Vorgängen in Deutschland gar nicht um politische Kniffe handelt, die man in der bekannten dialektischen Manier verdrehen könnte und zerreden könnte, sondern es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert und ein Volks will sich züchten."
Gottfried Benn, a.a.O., S. 97

Fehlt nur noch ein "Sie Tunte" zum Schluß. Klaus Mann gehörte zu jenen, die aus dem Exil heraus jene Form politischer Literatur, die selbst sich zu mythischer Tiefe emporschwingen wollte und so viel Grauen säte, publizistisch zu bekämpfen suchte und das von ihr genährte Regime gleich mit - er fand wenig Gehör. An der Macht dieses brutalen Wirrsinns prallten sie ab, die Versuche, per Zeitung, Buch und Erzählung das "andere Deutschland" zu Worte kommen zu lassen, um den Nazis den Garaus zu machen.

Gestern wäre Klaus Mann 100 Jahre alt geworden; viele Zeitungen ehren ihn, und das zu Recht. Die FR verweist auf den zu früh Geborenen, auch der Text bei SpOn ist lesenswert, DIE WELT formuliert eine Hommage.

Mittlerweile wird's auch ein Coming Out ohne Klaus Mann geben. Damals, in den frühen 80ern, waren Bücher wie "Der fromme Tanz" zwar schwer nur erhältlich, aber unentbehrlich. Den Mephisto habe ich verschlungen, und die Beschreibungen der Bohéme im Berlin der Zwanziger waren für mich ebenso prägend wie das existentialistische Paris Sartres, mit Jazz und Juliette Grèco und Kunst und dem Geist der Resistance durchdrungen.

Das eine Mal, das ich in Cannes weilte, mußte ich die ganze Zeit nur an Klaus Mann denken. Dort hat er sich das Leben genommen, 4 Jahre nach Kriegsende. Es war ein Ausflug von Nizza aus; mir war's dort viel zu heiß, ein Sprachurlaub der Anlaß: Da saß ich dann schwitzend auf Balkonen mit schmiedeeisernen Geländern, glotzte hinab in die Straßen nördlich der Altstadt, unweit des Bahnhofes, fühlte mich fremd und mußte unaufhörlich an die Exilanten denken.

An jene, die Benn hinwegzüchten wollte, an Walter Mehring und andere, die damals in Marseille und anderswo in Frankreich hockten und die da auch niemand haben wollte - bis auch von dort sie flüchten mußten.

Gelegentlich bedarf es der Erinnerung daran, daß auch dieses ein Grund für den Asylrechtsparagraphen im Grundgesetz darstellt. Es lebe die Bleiberechtsdebatte.

Mußte daran denken, was sie wohl fühlten und dachten; gelesen habe ich sie damals viel und viel zu viel vergessen. Walter Benjamin, der es nicht mehr über die Pyrenäen schaffte, war mir damals kein Begriff. Dafür habe ich ununterbrochen die Chansons der Knef gehört, "So oder so ist das Leben, so oder so ist es gut", "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt bin ich mit meiner Sehnsucht allein", "So sitz ich seit Jahren, hasse die Stille, liebe den Lärm der schlaflosen Nacht, erwarte den Tag mit ertrunkenen Gedanken und begegne der Frühschicht der Stadt, der Stadt, die erwacht." Und könnte auch jetzt noch nicht mal sagen, ob diese Abschiedsszene in Les Halles, inmitten von Blumensträußen im Pflanzengroßmarkt in Paris, von Klaus Mann oder von Sartre geschrieben wurde. Zwei, die freilich entgegengesetzter dachten, als hier im Text es scheint: Es ist doch ein Bild in der Erinnerung, ist Gelesenes, das fortlebt in mir, dieser Abschied inmitten der Hallen, weil Zwei sich erst im Unendlichen treffen werden. Und ist doch alles ein ästhetischer Kosmos, der dem irrationalen Vitalismus eines Gottfried Benn im Grunde genommen rein gar nix entgegen zu setzen hat, wenn dieser erst mal in Gewalt mündend in Volksseelen schwappt - dazu gewinnt er seine Größe zu sehr aus dem Fragilen und dem Zwischenton.

Dieses Gefühl der Gefährdung, das wird man als Homo nicht los, und dafür hat man verdammt gute Gründe. Diese klare Tristesse des Trotzdem, die in Knef und Sartre und Klaus Mann ihren Weg durch die Kälte sucht, die ist da eine gute Antwort - denn immer dann, wenn man sie fühlt, tritt Jacques Brel hinzu und zeigt, wie gerade im Trotzdem und im Zwischen des Trotzdems die Intensität Lebenswege in den Busch des so omipräsenten Biologismus schlägt. Und Georgette Dee singt flankierend, wie's ist, im Zug nach Paris zu sitzen. Dann fühlt man sich gut.

Es gibt diese Passagen in Klaus Manns "Wendepunkt", wo er sein geistiges Pantheon beschreibt. Ich erinnere mich nur nach an Walt Whitman, den ich selber nie gelesen habe - und an die im Grunde genommen so erschütternden Beschreibungen seines Vaters als dem "Zauberer", der mit seiner Klemmschwesterei wohl ein paar Pillen mit hinein in den finalen Cocktail des Schriftstellers warf. Die mißbrauchte Domina des Hendrik Höfgen im "Mephisto" - wie hieß sie noch? - war die richtige Antwort an die bigotte, umständliche Bürgerwelt des Schnauzbartträgers.

Dem haben so viele so viel zu verdanken, dem Klaus Mann. Und weil SpOn ausnahmsweise mal was Richtiges zitiert, übernehme ich's einfach, das Zitat zum Schluß:

"Einmal etwas hinzugeben, das eigene Form hat und eigene Melodie, an denjenigen, der seine Melodie schon gesungen hat und singt."

Ihm ist es gelungen. Ich suche noch.

18.11.06

Die erotischen Fantasien der Fans von Rot-Weiß-Erfurt

"Wir ficken euren Müttern in den Arsch" haben sie gesungen. Oder sogar "Wir ficken eure Mütter in den Arsch". Hip Hop hat wohl doch was angerichtet, von selbst kämen die nie auf so einen Chor. Schon wegen des dank Ego-Shooter- Spielchen und SMS verkrüppelten Sprachzentrums dieser Horde. Das muß man sich mal bildlich vorstellen. Wahrscheinlich hätten sie 'nen Film-Handy dabei, wenn sie's denn täten, und würden das Ganze dann bei youtube online stellen.

Lustig auch "Wixer". Verstehe ich schon, daß sie uns dabei gerne zuschauen würden. Gibt ja ganze Pornos mit so einem Plot und wirklich hübsche Jungs in unseren Geraden. Im St. Pauli-Forum stand auch, sie hätten "Juden" gerufen. Ich habe thüringisch "Bullen" verstanden, diese mußten den Mob ja einkesseln. Das, was im Forum stand, ist angesichts derer da im Fan-Block jedoch nicht unwahrscheinlich. Verstehe gar nicht, wieso sie glaubten, das würde bei uns auch nur irgendjemand als Schmähruf empfinden. Daß sie's potenziell als solchen empfinden, ist ganz klar ein Grund für die Aberkennung des Bleiberechts für die ganze Fan-Community. Illegale einbürgern, Erfurter Fans raus, sozusagen. Vielleicht war es ja auch die berühmte Lust an der Provokation. Möchte nicht wissen, wie viele aus dieser Lust heraus damals in die SA eingetreten sind. Aber vielleicht haben sie ja wirklich nur "Bullen" gerufen. Was aber ja im Grunde genommen auch nicht nett ist. Die sind ja nicht freiwillig in den Block gegangen.

"Nazipack St. Pauli" lautstark zu delirieren hat ja noch eine gewisse Originalität einem Verein wie unserem gegenüber, bei dem tatsächlich jeder Zweite in jedem Ossi einen potenziellen Nazi sieht. Eine nette Antwort auf Gastfreundschaft ist das trotzdem nicht. Und komisch nur, daß so viele in den Fankurven der DDR-Vereine immer wieder bereit sind, diese, unsere Vorurteile auch prompt zu bestätigen. Wenn man sich diese Typen so angeschaut hat, auch die, die, wenn's ich richtig gesehen habe, unseren Block stürmen wollten, verhalf der Chor "Fußballfans sind keine Verbrecher" der gegröhlten Aussage nicht gerade zu Glaubwürdigkeit. Erstmals hörte ich den Chor "Ostdeutschland, Ostdeutschland"; ich persönlich hätte gegen separatistische Bestrebungen nix einzuwenden: Macht mal.

Ansonsten war das Spiel eine gute Illustration in Sachen Handlungstheorie: Kooperation versus individuelle Nutzenmaximierung, sozusagen. Und bei einem Haufen Männer, die alle versuchen,der individuellen Nutzenmaximierung sich hinzugeben, kommt hinten wenig Nutzen für den Einzelnen bei raus. Ausnahmen: Scharping und Takyi, die einzigen Teamplayer in unserer Mannschaft. Die Erfurter ...

... haben eine gute Teamleistung auf den Platz gebracht, bei uns sah man, was bei ernstgenommenen neoliberalen Maximen notwendig folgt: Der Mißerfolg. Die einzige Situation, in der mal gemeinschaftlich - nicht kollektiv!!!! - gedrückt und nachgesetzt wurde von unseren Jungs, fiel für uns ein Tor.

Ansonsten ließ man, ganz liberal, jene hängen, die nix können: So leitete Luz einen Konter der Erfurter nach dem anderen ein, weil die Mannschaft ihn ganz allein rumstolpern und dilletieren ließ. Brückner, auf der Linksverteidiger-Position eine Fehlbesetzung, erfuhr keinerlei Unterstützung, und Mazingu wurde gar nicht erst angespielt. Man munkelt, weil er Liebling des Trainers sei, sei das so.

Dieser, der Trainer, ist in Sachen Teambuilding eine derartige Niete, daß einen nur noch das nackte Grausen packen kann. Wahrscheinlich sitzt er abends zu Hause und wettert ganz gesamtgesellschaftlich gegen Verbeamtung, während er penetrant und in jeder Hinsicht überfordert an seiner Trainerbank klebt und seine an sich ziemlich guten Einzelspieler - Marvin Braun z.B. ist super - verflucht.

Während die Rot-Weiß-Erfurt-Fans in der Herbertstraße vermutlich nach Frauen über 50 fahndeten und 'n paar Euro extra für besondere Praktiken zahlten ...

17.11.06

Der zweifache Sinn von Sinn

"Die "Revolution der Denkart", die Kant innerhalb der theoretischen Philosophie durchführt, beruht auf dem Grundgedanken, daß das Verhältnis, das bisher zwischen der Erkenntnis und ihrem Gegenstande allgemein angenommen wurde, einer radikalen Umwendung bedürfe. Statt von einem Gegenstand als dem Bekannten und Gegebenem auszugehen, müsse vielmehr von dem Gesetz der Erkenntnis als dem allein wahrhaft Zugänglichen und als dem primär Gesicherten ausgegangen werden; statt die allgemeinsten Eigenschaften des Seins im Sinne der ontologischen Metaphysik zu bestimmen, müsse durch eine Analyse des Verstandes die Grundform des Urteils als der Bedingung, unter welcher Objektivität allein setzbar ist, ermittelt und in all ihren mannigfaltigen Verzweigungen bestimmt werden.

(...)

Der Gehalt des Geistes erschließt sich nur in seiner Äußerung; die ideelle Form wird erkannt nur an und in dem Inbegriff der sinnlichen Zeichen, derer sie sich zum ihrem Ausdruck bedienen. Gelänge es, einen systematischen Überblick über die verschiedenen Richtungen dieser Art des Ausdrucks zu gewinnen - gelänge es, ihre typischen und durchgängigen Züge sowie deren besondere Abstufungen und innere Unterschiede aufzuweisen, so wäre damit das Ideal einer "allgemeinen Charakteristik" (...) für das Ganze des geistigen Schaffens erfüllt. Wir besäßen als/dann eine Art Grammatik der symbolischen Funktionen als solcher, durch welchen deren besondere Ausdrücke und Idiome, wie wir sie in der Sprache und in der Kunst, im Mythos und in der Religion vor uns sehen, umfaßt und generell mitbestimmt würden."


Ernst Cassirer, Philosophie der smbolischen Formen, Band 1, Die Sprache, Darmstadt 1964, S. 9 + 19

Und da gibt es Leute, die der Geisteswissenschaft den Geist austreiben wollen ... andere, die die Welt auf Gier und Liebe reduzieren ...

Madonnen-Statue, Warhol-Siebdruck, mathematische Formel oder ein Satz ... eine Senderlogo, eine Zahnpasta-Verpackung oder einer, der auszog, das Fürchten zu lernen ... Homer und Houdini, Paulus und Passolini ...

Das Animal symbolicon in seiner quasi-transzentalen Bedeutung fortzuschreiben, das wäre mal wieder ein Projekt. Vielleicht in Form einer Medientheorie - die symbolischen Formen wären dann Medien, die in verschiedenen Formen sich ausdifferenzieren. Cassirer hätte es verdient. Wirtschaft, Recht, Politik und nicht nur Kunst als Weisen des Zeichengebrauchs zu verstehen, das war mal trendy, es sollte es wieder werden ... "Stehen sie auf, wenn der Richter den Saal betritt" ... haltet die Klappe angesichts der Weltformeln der Ökonomen ... ihr Semiotiker von einst, lieber Roland Barthes, im Durchgang durch Cassirer würden wir euch wiederentdecken. Let's do it. Mein Weg ist mein Weg ist mein Weg ...

16.11.06

Der Wirtschaftsnobelpreisträger mit S.

Hier isser: Joseph Stiglitz heißt er. Ein Buch über die Chancen der Globalisierung, die zu ergreifen seien, hat er geschrieben - und diese stünden nur offen, läßt man die Kritik des reinen Wirtschaftsliberalismus auch zu.

Den habe ich hier schon häufiger in den Kommentaren erwähnt, nun hat Die ZEIT die Rezension, in der ich auf ihn stieß, online gestellt. Ist jetzt der dritte Wirtschaftswissenwissenschaftler, der mir im letzten Jahr über den Weg lief, seitdem ich hier mit Liberalen diskutiere, der über die totalisierte Immanenz des Marktes hinaus - und einen Platonismus, der reale Annäherung an die Vollkommenheit desselben fordert, angreifend - Mehrdimensionalität in der Analyse nicht begrifflich retouchieren will, sondern durchführt - wie eben auch Armartya Sen und Douglas C. North. Wer suchet, der findet dann doch:

"Globalisierung ist für Stiglitz kein Schicksal; sie ist das Ergebnis politischer Steuerung und der Durchsetzung ökonomischer Theorien. Wären die Weichen anders gestellt worden, wäre es heute um die Welt besser bestellt. Entsprechend trostlos fällt in seinem neuen Buch Die Chancen der Globalisierung die Bilanz aus. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen oft arm geblieben. Die Globalisierung hat weniger Menschen zu Wohlstand gebracht als erhofft; nur Indien und China bilden die spektakulären Ausnahmen. »Obgleich der Prozentsatz der in Armut lebenden Menschen rückläufig ist, steigt die absolute Zahl der Armen weltweit.«"

Na sowas. Chef-Volkswirt der Weltbank war der Mann und schickt sich an, die verkrusteten Strukturen ...

... jener Agitateure, die die Interessen Weniger auf Teufel komm raus allen Anderen aufzwängen wollen, aufzubrechen. Indem er deren Rezepte - z.B. das Wettern gegen Protektionismen - zwar ernst nimmt, dem aber einen Weg gegenüberstellt, der reale Machtgefälle zu kompensieren trachtet:

"Bei der Therapie zeigt sich der ansteckende Optimismus eines weltläufigen Ökonomen, der an die wohltätige Macht des Wachstums glaubt. Stiglitz sucht deshalb nicht Alternativen zur, sondern Alternativen innerhalb der Globalisierung. Er entwirft die Umrisse einer fairen Weltwirtschaft, die armen Ländern zugute kommt und dennoch den Interessen der Industrieländer gerecht wird. Er hofft auf einen weltweiten Gesellschaftsvertrag, auf eine globale Wettbewerbsbehörde mit eigenem Wettbewerbsrecht. Zunächst sollten die »Wohlstandsländer den ärmeren Ländern ihre Märkte öffnen, ohne von ihnen im Gegenzug das Gleiche zu verlangen«. Solange für viele Entwicklungsländer die Nachteile von Handelsabkommen deren Nutzen überstiegen, »werden immer mehr zu dem Schluss kommen, dass kein Abkommen einem schlechten vorzuziehen ist«. Die Stimmrechtsverteilung beim IWF und der Weltbank müsste geändert, und das Vetorecht der USA in diesen Institutionen eingeschränkt werden."

Scheint sich zu lohnen, die Lektüre. Wie auch die ganze Rezension. Bitte lesen, bevor vor allem gegen das plakative, erste Zitat gewettert werden sollte. Ein Gast-Kommentar des Ökonomen findet sich auch hier.

15.11.06

Medialität und Realität

"Bestimmte Preise können nur festgelegt werden, wenn es ein Spektrum unterschiedlicher Geldbeträge gibt, bestimmte Sätze können nur formuliert werden, wo ein mehr oder weniger reichhaltiges Vokabular zur Verfügung steht. Medien sind also keine Instrumente, mit denen etwas erreicht oder zugänglich wird, das auch anders erreicht werden könnte. Medien sind konstitutiv für die Handlung, die in ihrem Element ausgeführt wird. Ohne Licht hätten wir nichts zu sehen, ohne Sprache hätten wir nichts zu sagen. Medien, mit einem Wort, sind Elemente, ohne die es das in einem Medium artikulierte nicht gibt.

(...)

Aus der internen Verbindung von Medialität und Realität folgt also nicht, dass alle Wirklichkeit im Grunde eine mediale Konstruktion ist. Es folgt lediglich, daß es mediale Konstruktionen sind, durch die uns oder überhaupt jemandem so etwas wie Realität zugänglich ist. Realität ist nicht als mediale Konstruktion, sondern allein vermöge medialer Konstruktion gegeben."

Martin Seel, Medien der Realität - Realität der Medien, in ders.: Sich bestimmen lassen, Frankfurt/M. 2002, S. 124 + 133

13.11.06

Das Reagieren auf Unterbrechungen als eigentliche Arbeit

Ich habe es gewagt. Ich habe gestern das Handy ausgestellt. Mitten in einer Produktion. Einfach so. Trotz regen E-Mail-Verkehrs mit einem Kunden. Aber auch da habe ich mich einfach nur alle 3 Stunden kurz eingeloggt, in die E-Mail. Konsequent nur noch per E-Mail dann kommuniziert, wenn ich es wollte.

In der aktuellen Augabe von Die ZEIT findet sich ein gleichermaßen köstlicher wie eigentlich schrecklicher Artikel (leider nicht online) über den Kommunkationsterror dank Handy und e-mail. Spätestens nach 11 Minuten erfolgt die Störung, steht da. Durchschnittlich. Milliardenverluste z.B. für die US-Wirtschaft ergäbe das. Keiner macht mehr was zuende. Jeder ist ständig damit beschäftigt, in jene Tätigkeit zurückzufinden, die vor dem Anruf, der SMS, der e-mail gerade anlag.

"Wissenschaftler am Londoner King's College wollten voriges Jahr herausfinden, wie leistungsfähig die Empfänger hereinströmender E-Mails sind. Zum Vergleich verabreichten sie einer Kontrollgruppe Marihuana und stellten beiden Gruppen dieselben, mittelschweren Aufgaben. Die Kiffer schnitten besser ab. (Wenn auch dramatisch schlechter als Nüchterne ohne E-Mails)."
Das Ganze führt zum Gleichzeitiggetue von Allerlei - bei der Produktion einer ständigen Erwartungshaltung, daß gleich sowieso eine Unterbrechung folgte:
"Der durchschnittliche Büroarbeiter unterbricht sich selbst genau so oft, wie er von außen unterbrochen würde. Es ist eine Art vorauseilender Unterbrechung. Je länger man sich in den ...
... letzten Minuten konzentriert hat, desto größer die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Moment unterbrochen zu werden. Wer sich schon minutenlang mit Aufgabe A beschäftigt hat, fragt sich bald, ob er sich nicht langsam mal um B oder C kümmern solle. Und das sollte er: Die von Gloria Mark untersuchten Angestellten waren für durchschnittlich 11,7 Aufgaben zuständig. Je weniger einer - aus genannten Gründen - in jeder einzelnen vorankommt, desto hektischer jongliert er mit Dringlichkeiten. Die Arbeit kommt ihm immer anstrengender vor, sein Einsatz immer größer, je schneller er auf der Stelle tritt. (...) Während die einen noch klagen, vor lauter Unterbrechungen nicht zum Arbeiten zu kommen, betrachten andere das Reagieren auf Unterbrechungen als ihre eigentliche Arbeit."

Jürgen von Rutenberg, Der Fluch der Unterbrechung, in: Die ZEIT Nr. 46, 9. November 2006, S. 73-74

Wie wahr! Wie war noch diese Kittler-These? Nicht die Behörde nutzt den Computer, der Computer bringt die Behörde hervor.

Manchmal leiste ich mir den Luxus, mein Telefon umzuleiten. Fies ist das, weil meine Kollegen dann einfach doppelt so oft unterbrochen werden. Fauche jeden giftig an, der mein Büro betritt: "Nein!!!!!!!!!!" brülle ich dann, einfach nur noch "Nein!!!!!!!!!!!".

Und freue mich, ganz paradox, auf Wochenendarbeit und Überstunden in ruhiger Abendstimmung. Sich ganz in Ruhe auf das einlassen, was man tut ... ach, eigentlich könnte das Leben soooooo schön sein!

11.11.06

Die Liquidierung des Individuums: Ob Prosa oder Soja, alles eine Sauce

"Im Warenfetischismus neuen Stils, im "sadomasochistischen Charakter" und im Akzeptieren der heutigen Massenkunst stellt sich die gleiche Sache nach verschiedenen Seiten dar. Die masochistische Massenkultur ist die notwendige Erscheinung der allmächtigen Produktion selber. Die affektive Besetzung des Tauschwertes ist keine mystische Transsubstantiation. Sie entspricht der Verhaltensweise des Gefangenen, der seine Zelle liebt, weil nichts anderes zu lieben ihm gelassen wird. Die Preisgabe der Individualität, die in die Regelhaftigkeit des Erfolgreichen sich einpaßt; das Tun dessen, was jeder tut, folgt aus dem Grundfaktum, daß von der standartisierten Produktion der Konsumgüter in weiten Grenzen jedem dasselbe angeboten wird. Die marktmäßige Notwendigkeit zur Verhüllung dieser Gleichheit aber führt zum manipulierten Geschmack und zum individuellen Schein der offiziellen offiziellen Kultur, der notwendig proportional mit der Liquidierung des Individuums wächst."
Theodor W. Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens, in: Kritische Kommunikationsforschung, München 1973, S. 277

Heute morgen hat irgendein Irrer das Musikprogramm des sonst so angenehm betulichen NDR2 zusammengestellt. Unerträglich. Rumtatata und Schweinerock. Mitklatschen, marschieren, Sinne malträtieren und zum Gleichschritt animieren: Nur Huey Lewis & The News und Genesis-Tour-Vorberichterstattung. Akustische Verbrechen. Nein, ich will keine Zensur ... aber morgens auch nix Status Quoeskes hören müssen: "Rockin' all over the world", Kotz.

Kein Wunder, daß die "American Psycho"-Verfilmung, jene Dokumentation über die Wahrheit der Wallstreet, mich gar nicht mehr losläßt. "Lady in Red" von Chris de Burgh habe ich sowieso schon immer, ganz wie es sich gehört, gehaßt - seitdem ich diesen Film sah, muß ich immer an den grienenden Killer mit dem Walkman auf den Ohren denken, wenn ich's höre. Manchmal hört man das halt, ob man will oder nicht ...und der Austausch von Visiten-Karten kommt mir dann in die Sinne.

Warum wettern eigentlich immer jene gegen Populisten, die für die Privatisierung der Medien agitieren? Sind doch einfach Erfolgreiche auf dem Meinungsmarkt, die Populisten. Pop kommt von populär.

Gut, im Zentrum des öffentlich-rechtlichen läuft's ja auch nicht anders. Weil Konkurrenzdruck eben nicht für Differenzen sorgt, sondern für Gleichförmigkeit und wechselseitige Anpassungsprozesse. Für Nachgejammerei und Nachgehetzerei und das Austreiben der Melodie durch den Rhythmus. Immer auf die Eins. Backbeat verboten ... Swing getilgt.

Manchmal frage ich mich ja, ob die CSU-gesteuerte Berichterstattung ...

... über die Friedensbewegung der 80er Jahre im Bayrischen Rundfunk von einst (die in etwa dem entspricht, was in der konsiberalen Blogosphäre heute noch zu finden ist) als offene Propaganda und unverhüllte Manipulation nicht besser war als diese süßliche, klebrige Sauce, die heute der Markt hervorbringt. Die alles gleichmacht und Gefühle vorgaukelt. Selbst an miesesten Kinderschändern auf Gefängnisdächern sich weidet und wollüstig die boulevardeske Empörungsmaschinerie anwirft.

Ja, liebe Gleichmacher und Nivellierer unter Markgesichtspunkten, genau das ist eure Welt, ist eure Währung! Verkauft sich ja gut, die Story. Ob Soja oder Prosa, alles eine Sauce. Klägliche Reste des deutschen Idealismus und Konfuzianismus oder Schuhe oder Gen-Reis: Keinerlei Unterschiede im Welthandel als jener zwischer Pepsi- und Coca Cola. Ja, alter Hut, ich weiß. Ich weiß aber auch, warum ich ihn mir gerade heute aufsetze.

Laßt uns über Aussagen reden. Tauscht man die aus, mehr nicht? Laßt uns über Wahrheit reden. Ist die käuflich? Laßt uns über Wahrnehmung reden, über Sinnlichkeit und das Schöne. Über die Erkenntnis in der Dissonanz. Verdient man damit Geld? Kommt man dazu, zum wahres komponieren, wenn man Geld verdienen muß? Bin ich handelbar? Laßt uns über Mythen und Erzählungen reden ...

Ja, all das ist flach und trivial. Aber man muß durch's Triviale hindurchgehen, um es aufzulösen. In "Miss Saigon"" steckt ja auch mehr Utopie als in der Gebrauchsanweisung für den Tchibo-Ghettoblaster, die in allerlei Sprachen das Gleiche verkündet. Heinz-Rudolf Kunze hingegen ist's nicht gelungen "Miß Saigon" so zu übersetzen, daß Es das gleiche singt wie "Movie in my mind" ... "Mein Märchenfilm vom Glück", Blödsinn. Es lebe die Differenz.

Als ich Thomas damals kennenlernte, saß er an der Theke von Schmidt's Tivoli und hat "Why, God, why" geschmettert. Laßt uns über Liebe reden...

08.11.06

Die Leidenschaft des Denkens nicht blockieren!!!

In der aktuellen Ausgabe des Cicero findet sich ja allerhand Schauerliches. Ganz großartig titelt das Blättle "Vergeßt Habermas! Das Ende der politischen Philosophie", was ja, gut begründet, zumindest anregend sein könnte, dies zu lesen - wenn's denn durchgeführt würde. Stattdessen suggestive Schein-Denunziationen und allerlei Binsen, die sich lesen wie die Sätze mancher aus dem liberalen Lager in den Kommentarsektionen der Blogosphäre:

"Denn für alle Beteiligten wandelte sich das Programm der Kritik der reinen Vernunft mit Marx in eine Kritik der schmutzigen kapitalitischen Gesellschaft, was den nicht zu unterschätzenden Vorteil mit sich brachte, immer recht präzis benennen zu können, wer nun die Guten und wer die Bösen im großen Ganzen sind - wir kennen es, das linke Machtspiel mit dem moralsichen Zeigefinger."
Wolfram Eilenberger, Der tödliche Flirt mit der Politik, in: Cicero November 2006, S. 78

Das mag Rayson zwar freuen, daß der Cicero bei ihm vermutlich abschreibt, verdient hat er's allemal, weil er auch besser schreibt als Herr Wolfram Eilenberger. Ich plädiere hiermit dafür, einen sofortigen Wechsel bei der Position des Philosophischen Korrespondenten des Cicero einzuleiten.

Ansonsten entlockt es Gähnen, weil's eben selbst ein moralischer Zeigefinger ist (da ist sogar das Bild schief sein, Zeigefinger können nicht moralisch sein), der da wedelt. Da braucht man auch nur Paul13 und andere aus der konsiberalen Mottenkiste zu lesen, um zu spüren, wo moralische Erpressung Diagnostik schlicht ersetzt. Und kann dann entspannt weiter mit Habermas denken und ignorieren, daß der Herr Eilenberger Wittgenstein mißbraucht, indem er ihn zum Urvater "geistiger Gesundheit der Gesellschaft" verklärt. Dem ging's um Klarheit, nicht Gesundheit - den degenerierten, linken Geist haben dafür andere zuvor beschworen. Nein, nicht nur die Nazis. Auch andere, geistige Schlimmfinger.

Viel, viel schöner ...

... textet Hans Ulrich Gumbrecht in einem tatsächlich lesenswerten Essay zur Lage der Philosophie:


"Sind wir nicht vor allem eine Generation, die schon immer zu viele Gründe hatte, um potenzielle Leidenschaften des Denkens zu blockieren? Statt unseren Impulsen und Intuitionen zu trauen, wollen wir uns von den Werken der Klassiker bestätigen lassen, daß es naiv wäre, an die eigene, intellektuelle Kraft zu glauben."

Klaus Peter Gumbrecht, Keine Zeit für Genies, in: Cicero November 2006, S. 98

Eben.

07.11.06

Attitude und Habitus frisch gebügelter, weißer Hemden

Ich hasse sie richtig, diese frisch gebügelten, weißen Hemden, die einen umgeben wie Leichentücher. Nein, Herr Glucksmann, ich will die nicht vernichten, keineswegs, das wohl gilt eher umgekehrt: Ich ertrage die einfach nicht. Und will dann flüchten und kann nicht weg. Wer steigt schon mal eben so in 10.000 Meter Flughöhe aus der Maschine aus ...

Diese ganzen durchschnittlich geschnittenen grauen und dunklen Anzüge da um mich herum, diese clowneske Krawattenparade und die immergleichen, dümmlichen Witze. Diese Hackfressen, die einen mit ihrem "Willkommen auf der Erfolgschiene"-Grienen buchstäblich anschreien - deren Mimik ist laut, ist Lärm.

Während wenigstens noch hohe Prozentsätze in Pinguin-Populationen schwul sind, ist diese normalisierte Sturmtruppe, deren einziges Lebensziel daran besteht, irgendwann zu denen zu gehören, die in der Buisness- statt der Economy-Class fliegen, einfach nur Ausdruck des allgegenwärtigen Rasenmäherprinzips: Wer den Kopf hochstreckt, wird rasiert.

Deshalb sind die ja alle so gleichgeschaltet in Attitude und Habitus - ...

... ihr Traum von der Fünfklassengesellschaft ist nur Schein-Differenzierung. Suggeriert Unterschiede, die allenfalls in Konto und Besitz sich zeigen und sonst nirgends. Die sind doch richtig, die alten Öko-Thesen, die interimweise auch die Sozialforschung diskutierte: Daß Quantität eben keine Qualität gebähren kann, wenn es um Menschen geht und nicht um Sofas.

Und gehört man zu jenen, die alltäglich in einer Verwurstungsmaschinerie Promis verdauen und dann auskotzen, bis die keiner mehr sehen will, versteht man das Rasenmäherprinzip so unerträglich besser - weil da Menschen ihr Geld damit verdienen, andere zu verachten. Und wehe, Du modellierst das Eigene am Objekt der Anschauung - auch Dich erschlägt dann die gewollte Ähnlichkeit von Allem mit dem Bisherigen. Bitte ändern.Mach's gleich.

Beim Fliegen kommt die Back-to-Wilhelm-Zwo-Ausrichtung der aktuellen, gesellschaftlichen Entwicklung so richtig zum Zuge von einst: Da gibt's den Economy-Check-In, da stehen ganz viele an und drängeln sich in Demut. Dann den Buisness-Class-Check-In, da läuft das Leben schon entspannter. Und der Premium-Check-In oder so, da grinsen vier Männer vor sich hin, und alle Viertelstunde kommt mal jemand vorbei. Früher gab's ja auch Dreiklassenwahlrecht und ebenso die heilige Dreifaltigkeit bei der Reichsbahn - für jene in der Drittklassigkeit sind Holzbänke vorgesehen.

Und dann gibt es noch draußen vorm Flughafen die Schlangen von hunderten, tausenden von Taxifahrern, die sich in den Wartezonen drängeln, Stunde um Stunde um den nächsten Fahrgast anstehen. Und letztlich jene, die zu Hause Tütensuppe schlürfen und Unterschichtenfernsehen schauen ... eigentlich 5 Klassen also. Oder 6, zählt man Privatflugzeuge noch hinzu.

Immerhin ließ man sich am Premium-Check-In dazu herab, uns Economy-Class-Loosern die Möglichkeit der Flugumbuchung als Kosten auszuformulieren: 192,- Euro sind zu löhnen, will man 1 1/2 Stunden früher fliegen. Wenn einem dann die Hartz IV-Sätze durch's Hirn flimmern, ist das schon Schwummerzustand.

Klar: Sowas wie Lufthansa beschäftigt schon 'ne Menge Leute, schon deshalb stimmt die Rechnung nicht. Aber wenn ich dann dran denke, daß mein Chef - der natürlich standesgemäß nicht Economy fliegt - jeden, wirklich jeden Flieger verpaßt, ebenfalls standesgemäß; wenn ich dran denke, was der so für Umbuchungskosten im Jahr verursacht, während umgekehrt um jedes noch so popelige, freie Mitarbeiter-Honorar drei gut bezahlte Produktioner härtestmöglich ringen, dann wird mir schon ganz anders. Wahrscheinlich nimmt mein Chef auch gleich die Flieger, bei denen gar keine Umbuchungskosten entstehen. Die sowieso teuren.

Mein Kollege kam gerade aus New Orleans zurück. Der redet schon nur noch von Wirtschaftsfaschisten. Das ist natürlich deskpriptiv und begrifflich so nicht richtig; angesichts dessen, daß dort, in New Orleans, French Quarter und so bestmöglich wieder hergerichtet sind, während die Wohnviertel von Schwarzen und White Trash fast noch aussehen wie unmittelbar nach der Flut, kann man das schon verstehen, daß er die so nennt. Da waren die Dämme eh am niedrigsten, da, wo deren Zuhause stand, und jetzt will die dort keiner mehr haben. Schon wegen der Wahlbezirke. Aber auch sonst.

So sitzt man dann bei Käfer, dem mit dem roten Ledersitzen hinten in der Ecke am Frankfurter Flughafen, und ißt mit schlechtem Gewissen ein Wiener Schnitzel für 18,- Euro. Im Bistro-Bereich vor dem Restaurant, da, wo keine roten Ledersitze, sondern nur Rattan-Stühle stehen, ist's proppevoll - drinnen, wo's teurer ist, findet man gut einen Platz und nagt am Kalb. Während der Kollege - der ständig auf englisch angequatscht wird, er ist ja schwarz - die Hünhnerschenkel aus der US-Fleischindustrie beschreibt, die er beim Barbecue einfach nicht essen mochte, da unten in New Orleans. Die sind doppelt so groß wie hier, und die Fleischstruktur der Hühnerleiche ist schwammig dort, fast faserlos und aufgeblasen.

Ich wünschte mir dann 'ne Wasserspritzpistole mit Flutwasser aus New Orleans, um all die weißen Hemden vollzuspritzen. Hatte unbändige Lust, Eigentum zu beschädigen ... und stopfte doch nur weiter ein Wiener Schnitzel für 18 Euro in mich hinein. War aber lecker.

04.11.06

RIO REISER HAT GESUNGEN:

Rauch-Haus-Song (Auszüge)

Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen waren da,
und Mensch Meier mußte heulen, das war wohl das Tränengas.
Und er fragt irgendeinen: "Sag mal, ist hier heut 'n Fest?"
"Sowas ähnliches", sacht einer "das Bethanien wird besetzt."
"Wird auch Zeit", sachte Mensch Meier, stand ja lange genug leer.
Ach, wie schön wär doch das Leben, gäb es keine Pollis mehr.
Doch der Einsatzleiter brüllte: "Räumt den Mariannenplatz,
damit meine Knüppelgarde genug Platz zum Knüppeln hat!"

Doch die Leute im besetzen Haus
riefen: "Ihr kriegt uns hier nicht raus!
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich
Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus."

(...)

Letzten Montag traf Mensch Meier in der U-Bahn seinen Sohn.
Der sagte: "Die woll'n das Rauch-Haus räumen,
ich muß wohl wieder zu Hause wohnen."
"Is ja irre", sagt Mensch Meier "sind wa wieder einer mehr
in uns'rer Zweiraum Zimmer Luxuswohnung und das Bethanien steht wieder leer.
Sag mir eins, ha'm die da oben Stroh oder Scheiße in ihrem Kopf?
Die wohnen in den schärfsten Villen, unsereins im letzten Loch.

(...)

Und ich schrei's laut:
"Ihr kriegt uns hier nicht raus!
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich
Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus."


Ton Steine Scherben, 1972

WELTENDE

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis, 1911

03.11.06

Pop-Ökonomie

Wer einmal erlebt hat, wie Dr. Hubert Burda vorfährt und von einem hochkarätigen Haufen, bestehend aus Unternehmenssprechern anderer Großverlage und Chefredakteuren außerordentlich auflagenstarker Blätter, empfangen, hofiert und verehrt wird, der hat 'ne Erfahrung gemacht. Und wenn dieser dann noch mit der geballlten Prinit-Mächtigkeit eine Jam-Session hinlegt und dabei Trompete spielt ... das alles auch noch in einem holzvertäfelten Saal des ehemaligen DIE WELT-Gebäudes, das gerade zu Abrißzwecken entkernt wird, überall Staub und rausgerissene Kabel ... aber lassen wir das.

Herr Burda hat den schon drauf, den großen Auftritt, obwohl's ein körperlich eher Kleiner ist ... eine außerordentlich sympathische und souveräne Majestät ist er an jenem Frühlingstag auf jeden Fall gewesen, bei jener Band-Probe. Ganz unabhängig davon, wie man das Wirken seines Verlages ansonsten beurteilt.

Auf der Homepage von DIE ZEIT ist aktuell ein ziemlich langes Interview mit ihm. Habe es eben gar nicht ...

... auf die Schnelle zuende lesen können, muß schließlich gleich unter die Dusche und dann schuften. Heute allerdings mal was Schönes erschuften. Freu mich sogar drauf.

Aber schon die im folgenden zitierte Passage hat's in sich. Das erste intelligente 68er-Bashing, das mir in den letzten 10 Jahren über den Weg gelaufen ist:

"Burda: Wir müssen in Deutschland darüber nachdenken, warum der Computer zwar hier von Zuse erfunden wurde, aber das große Kapitel der Entwicklung in Amerika spielte. Ist das nicht der Unterschied zwischen Rudi Dutschke und Bob Dylan? 1968 in den USA, das war das Lebensgefühl einer ganzen Generation, antiautoritär, offen, eher links. Scott McKenzie sang: »…going to San Francisco«. Daraus entstand diese kreative Kultur des Silicon Valley zwischen Universitäten und Garagenfirmen, aus der sich dann Microsoft, Apple, Sun und heute Google entwickelten.

ZEIT: In Deutschland war das anders.

Burda: In Deutschland wurden als Reflex auf unsere Geschichte Medien und neue Technologien kritisch gesehen. Die deutschen 68er haben sich in ihrer Kapitalismuskritik versteift. Der Einfluss Adornos und Horkheimers mit ihrer Kritik an der Kulturindustrie hält in meiner Generation noch heute an. Eine latente Computerfeindlichkeit war bei meinen Dichterfreunden immer zu spüren. An der Spitze mein Freund Peter Handke mit seinem Bleistift.

ZEIT: Die mentale Dunstglocke der 68er hat hierzulande 40 Jahre lang die kreative und unternehmerische Intelligenz gelähmt?

Burda: Zum Glück ist das langsam vorbei. Die 68er-Generation geht gerade in Rente. Gleichzeitig glaube ich zutiefst, dass es hierzulande junge Talente gibt, die es in ihrer Kreativität mit den Rolling Stones und den Beatles aufnehmen können. Deren Schaffen wird die Medienindustrie genauso tief beeinflussen, aber nicht durch Songs, sondern durch Software.

Ich meine jetzt nicht die Fragen des Interviewers, "mentale Dunstglocken" sind in konkreten Fall ein schiefes Bild und auch kein Privileg derer, die man '68er nennt. Ich bezweifel zudem, daß Silicon Valley sich Scott McKenzie verdankt, kann mich da aber irren. Meines Wissens waren das eher die niedrigen Mieten in Height Ashbury oder wie sich das schreibt, die ursprünglich lockten. Und das Rauswollen aus dem Mief amerikanischer Provinz. Ich liebe Arminstead Maupins "Stadtgeschichten"!

Auch sonst würfelt er ja lustig durcheinander, die Wirkungsgeschichte der "Dialektik der Aufklärung" war nach den Diagnosen z.B. des Club of Rome noch mal eine andere als in den atmösphärischen Ausläufern der Adenauer-Ära. Es ist schon ein Unterschied, ob man sich auf die innere Natur konzentriert und drum mit Reich und Marcuse durch die Bekämpfung der bürgerlichen Kleinfamilie, verstanden als Vehikel des Kapitalismus, den Sex befreien will. Oder ob man sich eher mit der Beherrschung der äußeren Natur beschäftigt und die instrumentelle Vernunft an den Pranger stellt.

Alles egal, auf anderes weist Herr Dr. Burda völlig zu Recht hin: Den '68ern war nicht klar, in ihrer Rezeption des berühmten "Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug" eben selbst Pop zu werden und als Pop jugendkulturell Wirkung zu entfalten. Den ansonsten ungleich verträumteren US-Hippies war das vermutlich bewußter. "Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit", "Lachen wird zum Instrument des Betrugs am Glück" - glaube nicht, daß Zappa dem zugestimmt hätte. "Kulturindustrie schlägt alles mit Ähnlichkeit": Das hätte er wohl korrekt gefunden.

Was Burda da diagnostisch etwas wirr und suggestiv, in der Sache aber wohl richtig beschreibt, ist, wie Pop-Dynamiken wirtschaftliche Prozesse generieren - ineins mit der Produktivkraftentwicklung.

Der oben zitierte Schlußsatz ist dann die Prise Kittler, die mittlerweile halt auch trendy und somit Pop ist und eigentlich eine von Foucault inspirierte Reformulierung Marxschen Denkens darstellt ("Die Behörde nutzt nicht den Computer, der Computer bringt die Struktur der Behörde hervor"). Und er hat wohl auch recht mit dem, was er da sagt, der Dr. Hubert Burda.

Mir ist Pop-Philosophie in ihrer Porschardtschen Form immer unglaublich auf den Geist gegangen, ganz schlimm oft die Thesen des Herrn Fiske. Und das Kulturindustrie-Kapitel kann man auch nicht mal eben in die Tonne treten, das ist schon unglaublich pointiert und wahr. Herr Burda wendet's im Grunde genommen nur in's Positive und bewegt sich in dessen Paradigma. Killt Kritik - und sonst könnte er unter aktuellen Bedingungen seinen Job wohl auch nicht machen.

Spannend an dem Burda-Interview ist einfach, daß ein so gewichtiger Wirtschafts-Akteur sie sich einverleibt hat, die Pop-Philosophie. Dann wirkt sie um so stärker. Und dann muß man jene Formen der Kritierien, anhand derer ein Herr Burda Welt beschreibt und Entscheidungen trifft, auch auf der Theorie-Ebene berücksichtigen, will man Ökonomie korrekt beschreiben.

Und das nicht nur im Falle der Medien, behaupte ich ... Ästhetik ist mächtig, Burda auch. Und das alles kann man auch weiterhin kritisch wenden - ganz wie einst Adorno...

02.11.06

Entschleunigung, bitte!

Väterchen Frost (wieso eigentlich Väterchen?) schlurft heran und lächelt weise, die Pflanzen lehnen sich entspannt zurück. Werfen Blätter ab und sind einfach mal faul.

Für einige ist's auch vorbei - die armen Tropenbewohner, die hier auf den Balkonen buchstäblich vegitieren. Aber vielleicht hatten sie ja Spaß, die ganzen Petunien und Geranien und Fuchsien, einen ganzen Sommer lang verschwenderisch der Welt ihre Blüten einfach so zu schenken. Und noch während des allerletzen Akts der Photosynthese seufzen sie dann "Hat sich doch gelohnt!!!" und summen leise Hildes "Aber schön war es doch!" vor sich hin.

Die anderen sammeln Kraft und schlummern, all die Stauden und Gehölze, um im nächsten Sommer wieder zu platzen zu blühen sich zu verschenken sich auszustrecken und mit grüner Pracht zu imponieren.

Und unsereins kann noch so sehr Low hören ... fertig werden muß das Projekt ja. Und das nächste auch. Das nächste auch. Das nächste auch. Mit immer weniger Personal und immer weniger Geld immehr mehr schaffen. Wie jedes Mal.

Dabei ...

... wäre so'n Winterschlaf bestimmt auch was Schönes. Einfach ganz unproduktiv hinlegen, im nächsten Frühjahr aus der Höhle kriechen und den neuen Aufbruch ausgelassen feiern ...

Ein wenig Entschleunigung nur, das wäre schon was Feines.

Die parallelen Geschwindigkeiten so in dieser Gesellschaft, die müßte man mal irgendwie visualisieren. Während die einen hetzen bis zum Koma - kein Witz: 'n Kumpel eines Kollegen ist neulich einfach so mitten in der Arbeit in's Koma gesunken, einer anderen Kollegin hat der Arzt untersagt, weiter zu arbeiten, die ist so Mitte 30 - sind die anderen dazu verdonnert, den ganzen Tag SAT 1 und RTL zu schauen. Oder ggf. anderen beim Konsumieren und Hetzen, der sich immer mehr steigernden Hetze zuzuschauen.

Denen zuzusehen, die lange damit beschäftigt waren, Luxushandtaschenproduktionen nach China zu verlagern. Und langsam ernsthafte Probleme bekommen - weil sie hier gar nicht mehr produzieren lassen könnten. Selbst wenn sie das wollten. Weil ja alles dicht gemacht wurde und das hier gar keiner mehr kann. Und sie in Abhängigkeit geraten. Und die Chinesen das, genüßlich schmunzelnd, zu nutzen wissen und langsam, aber beharrlich an der Preisschraube drehen. Was ihnen ja gegönnt sei.

Hört man sich kurz an, diese Geschichte, abends in der Kneipe - und schuftet weiter. Und fragt sich, was wohl jene gerade machen, die nicht schuften dürfen und sich deshalb abends kein Bier in der Kneipe leisten können. Und ich frage mich dennoch, ob sie nicht der letzte Ort des wirklich zweckfrei Sozialen sind, diese Runden der Männer mit den Bierdosen morgens um 9 überall in der Stadt. Eigentlich 'ne Chance, die keiner nutzt, weil's Fernsehen gibt. Und Alkohol.

Klar fallen sie einem dann auch ein, die Geschichten, wie früher jeden Winter eben auch nicht das fröhliche Großfamiliendasein am Kaminfeuer, Märchen erzählend und sich verlustierend, den Winter prägte. Und von so einem eingeschneiten Hof kam man auch nicht mal eben in die nächste Wirtschaft. Allerlei Leute krepierten einfach so in den Wintern, wenn die Vorräte aufgebraucht waren. Und summten bestimmt nicht "Aber schön war es doch". Obwohl - wer weiß das schon?

Und trotzdem packt mich die Sehnsucht, mal ganz wie die Rosen auf meinem Balkon einfach nur dem Rhythmus der Jahreszeiten folgen zu dürfen. Mit Ruhephasen und dann wieder Action. Mit viel Schlafen im Winter und langen, aufregenden Nächten im Sommer. Weiß gar nicht mehr, wann ich mich das letzte Mal erholt gefühlt habe. Ist verdammt lang her. 13 Jahre ungefähr ...

Dann bekommt man schon mal Angst, daß so ein ganz plötzliches Koma den Winterschlaf ersetzen können wollen würde ... profitabel wäre das nicht.

01.11.06

Es stürmt Kindertage

Und es stürmt und klirrt. Mein Hund hat immer Angst, wenn es stürmt - so viele fremde Geräusche. Sie will dann nachts mit in's Bett hüpfen. Was sie aber nicht darf. Kriecht dann morgens auf meinen Schoß wie einst, als sie noch kleine Welpe war. Als sie es kaum ertragen konnte, daß die nächtliche Wärme ihrer Geschwister, ihrer Mutter und Onkels und Tanten nicht mehr um sie herum war, wenn sie schlief. Da mußte sie dann jeden Morgen noch eine halbe Stunde fest an mich gedrückt auf meinen Armen schlafen. Atmete tief durch und entspannte sich wieder. So ist sie auch, wenn's stürmt ...

Nach Martins Eintrag gestern über Samhain und das Gespräch ...

... mit den Ahnen kam mir der Sturm heute nach fast gruselig vor. Als wollten sie sich sich Gehör verschaffen, die Ahnen, wo schon kaum noch jemand von selbst sich an sie wendet. Wo doch heute zudem Allerheiligen ist. Wir armen Protestanten haben da nix von, während Süddeutschland mal wieder auf der faulen Haut liegt und die Volkswirtschaft schädigt. Aber wir haben ja auch keine Heiligen.

Fast unheimlich fand ich es, gestern beim Rumsurfen dann festzustellen, daß einst der Bonifatius die Erfindung von Allerheiligen an die Umweihung des römischen Pantheon knüpfte. Auch wenn's zunächst der Freitag nach Ostern war, also ganz weit weg vom Samhain.

Dieser Übergang vom heidnischen Polytheismus zum Katholizismus, der selbst im Falle der Heiligen wahrscheinlich noch Spuren des Ahnenkultes sich einverleibte, kommt mir immer vor wie Klebstoff. Als sei da Uhu geflossen über's Selbstverständnis.

Vielleicht deshalb die Süßigkeiten? Die kleben ja auch. Versüßen die Wahrnehmungsverhinderung des wahrhaft Heiligen, das das Menschliche transzendiert und übersteigt, anstatt ihm falsche Attribute anzuheften.

Auch das hat mich gestern seltsam berührt - als ich noch Kind war, da gab's kein Halloween. Wir sind am St. Martinstag von Tür zu Tür gezogen und haben gesungen, nicht gedroht. Weiß gar nicht mehr, welches Datum das war. Manche Omi, mancher Familienvater freute sich aufrichtig, wenn wir da standen und sangen. Und tatsächlich standen in all den Reihen- und Mehrfamilienhäusern der Neuen Heimat rund um uns herum dann Schüsseln mit Süßigkeiten bereit. Herr Papst, der mit dem Dackel, riß immer Witze über die Heiligkeit seines Namens ...

Gestern abend schienen die Kids eher Partys zu veranstalten. Wobei das "Süßes, oder es gibt Saures!"-Ritual ja ganz zeitgemäß um sich zu greifen scheint. Die Zwerge hatten diese spitzen Hüte der Hexen aus Hollywood auf und wirkten alle ein wenig wie die Disney-Version des Zauberlehrlings, wo Mickey Mouse die Lage nicht mehr in den Begriff bekommt. Schon anrührend, wie sie die Welt entdecken und neue Rituale einüben. Und Sachen erleben, die sie später in dem, was nach dem kommen wird, was nach dem kommen wird, was nach Blogs kommen wird, veröffentlichen werden, um irgendwie sichtbar zu bleiben.

Fing schon so an, mein Tag gestern: Mit Einübungsritualen von Kids. Verhalten formen: Ein paar Pökse mit Helmen und orange blinkenden Westen wurden von zwei Verkehrserziehungspolizisten die Feldstraße entlang geleitet und lernten, wie man's richtig macht, das mit dem Fahrradfahren.

Schon seltsam in Zeiten von Kevin und Rütli-Schule - diese Szenerie, die eher kleinstädtisch wirkte, inmitten der City anzuschauen. An Häusern vorbei, in denen die Neue Deutsche Welle erfunden wurde. Am Stadion vorbei, in dem die Antirassismus-Initiativen von Fußballfans geboren wurden. Am Medienbunker vorbei, in dem man noch heute New Economy spielt und zugleich den Ruß des Feuersturms zu atmen glaubt. Am Dom vorbei, wo Messerstechereien am Autoscooter sich anbahnen, gelegentlich. Und auch vorbei an all den kuscheligen Kneipen, die Menschen Heimat und Zuhause sind. An all den WGs, wo man zu Studienbeginn zum dritten Mal sich neu erfindet. Und der Verkehrserziehungspolizist, der weist den Weg dorthin ...

Mal ehrlich: Ich fand einfach nur singen, ohne zu drohen, damals, am St. Martins-Tag, dann doch irgendwie besser. Und bin mir auch sicher, daß das die Verkehrssicherheit erhöhte ...

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de