Attitude und Habitus frisch gebügelter, weißer Hemden
Ich hasse sie richtig, diese frisch gebügelten, weißen Hemden, die einen umgeben wie Leichentücher. Nein, Herr Glucksmann, ich will die nicht vernichten, keineswegs, das wohl gilt eher umgekehrt: Ich ertrage die einfach nicht. Und will dann flüchten und kann nicht weg. Wer steigt schon mal eben so in 10.000 Meter Flughöhe aus der Maschine aus ...
Diese ganzen durchschnittlich geschnittenen grauen und dunklen Anzüge da um mich herum, diese clowneske Krawattenparade und die immergleichen, dümmlichen Witze. Diese Hackfressen, die einen mit ihrem "Willkommen auf der Erfolgschiene"-Grienen buchstäblich anschreien - deren Mimik ist laut, ist Lärm.
Während wenigstens noch hohe Prozentsätze in Pinguin-Populationen schwul sind, ist diese normalisierte Sturmtruppe, deren einziges Lebensziel daran besteht, irgendwann zu denen zu gehören, die in der Buisness- statt der Economy-Class fliegen, einfach nur Ausdruck des allgegenwärtigen Rasenmäherprinzips: Wer den Kopf hochstreckt, wird rasiert.
Deshalb sind die ja alle so gleichgeschaltet in Attitude und Habitus - ...
... ihr Traum von der Fünfklassengesellschaft ist nur Schein-Differenzierung. Suggeriert Unterschiede, die allenfalls in Konto und Besitz sich zeigen und sonst nirgends. Die sind doch richtig, die alten Öko-Thesen, die interimweise auch die Sozialforschung diskutierte: Daß Quantität eben keine Qualität gebähren kann, wenn es um Menschen geht und nicht um Sofas.
Und gehört man zu jenen, die alltäglich in einer Verwurstungsmaschinerie Promis verdauen und dann auskotzen, bis die keiner mehr sehen will, versteht man das Rasenmäherprinzip so unerträglich besser - weil da Menschen ihr Geld damit verdienen, andere zu verachten. Und wehe, Du modellierst das Eigene am Objekt der Anschauung - auch Dich erschlägt dann die gewollte Ähnlichkeit von Allem mit dem Bisherigen. Bitte ändern.Mach's gleich.
Beim Fliegen kommt die Back-to-Wilhelm-Zwo-Ausrichtung der aktuellen, gesellschaftlichen Entwicklung so richtig zum Zuge von einst: Da gibt's den Economy-Check-In, da stehen ganz viele an und drängeln sich in Demut. Dann den Buisness-Class-Check-In, da läuft das Leben schon entspannter. Und der Premium-Check-In oder so, da grinsen vier Männer vor sich hin, und alle Viertelstunde kommt mal jemand vorbei. Früher gab's ja auch Dreiklassenwahlrecht und ebenso die heilige Dreifaltigkeit bei der Reichsbahn - für jene in der Drittklassigkeit sind Holzbänke vorgesehen.
Und dann gibt es noch draußen vorm Flughafen die Schlangen von hunderten, tausenden von Taxifahrern, die sich in den Wartezonen drängeln, Stunde um Stunde um den nächsten Fahrgast anstehen. Und letztlich jene, die zu Hause Tütensuppe schlürfen und Unterschichtenfernsehen schauen ... eigentlich 5 Klassen also. Oder 6, zählt man Privatflugzeuge noch hinzu.
Immerhin ließ man sich am Premium-Check-In dazu herab, uns Economy-Class-Loosern die Möglichkeit der Flugumbuchung als Kosten auszuformulieren: 192,- Euro sind zu löhnen, will man 1 1/2 Stunden früher fliegen. Wenn einem dann die Hartz IV-Sätze durch's Hirn flimmern, ist das schon Schwummerzustand.
Klar: Sowas wie Lufthansa beschäftigt schon 'ne Menge Leute, schon deshalb stimmt die Rechnung nicht. Aber wenn ich dann dran denke, daß mein Chef - der natürlich standesgemäß nicht Economy fliegt - jeden, wirklich jeden Flieger verpaßt, ebenfalls standesgemäß; wenn ich dran denke, was der so für Umbuchungskosten im Jahr verursacht, während umgekehrt um jedes noch so popelige, freie Mitarbeiter-Honorar drei gut bezahlte Produktioner härtestmöglich ringen, dann wird mir schon ganz anders. Wahrscheinlich nimmt mein Chef auch gleich die Flieger, bei denen gar keine Umbuchungskosten entstehen. Die sowieso teuren.
Mein Kollege kam gerade aus New Orleans zurück. Der redet schon nur noch von Wirtschaftsfaschisten. Das ist natürlich deskpriptiv und begrifflich so nicht richtig; angesichts dessen, daß dort, in New Orleans, French Quarter und so bestmöglich wieder hergerichtet sind, während die Wohnviertel von Schwarzen und White Trash fast noch aussehen wie unmittelbar nach der Flut, kann man das schon verstehen, daß er die so nennt. Da waren die Dämme eh am niedrigsten, da, wo deren Zuhause stand, und jetzt will die dort keiner mehr haben. Schon wegen der Wahlbezirke. Aber auch sonst.
So sitzt man dann bei Käfer, dem mit dem roten Ledersitzen hinten in der Ecke am Frankfurter Flughafen, und ißt mit schlechtem Gewissen ein Wiener Schnitzel für 18,- Euro. Im Bistro-Bereich vor dem Restaurant, da, wo keine roten Ledersitze, sondern nur Rattan-Stühle stehen, ist's proppevoll - drinnen, wo's teurer ist, findet man gut einen Platz und nagt am Kalb. Während der Kollege - der ständig auf englisch angequatscht wird, er ist ja schwarz - die Hünhnerschenkel aus der US-Fleischindustrie beschreibt, die er beim Barbecue einfach nicht essen mochte, da unten in New Orleans. Die sind doppelt so groß wie hier, und die Fleischstruktur der Hühnerleiche ist schwammig dort, fast faserlos und aufgeblasen.
Ich wünschte mir dann 'ne Wasserspritzpistole mit Flutwasser aus New Orleans, um all die weißen Hemden vollzuspritzen. Hatte unbändige Lust, Eigentum zu beschädigen ... und stopfte doch nur weiter ein Wiener Schnitzel für 18 Euro in mich hinein. War aber lecker.

Kommentare
na ein bisschen platz für n paar vorzeigeneger werden sie schon lassen im neuen new orleans.
Verfasst von: artur | 07.11.06 11:19
Ja, als Touri-Attraktion so ein paar Hofnarren halt ... und im Puff für Master & Slave-Spielchen, das hat ja da auch Tradition ...
Verfasst von: MomoRules | 07.11.06 11:33
Jetzt begreife ich, wieso Du so viel Wert auf's Pseudonym legst ;)
Verfasst von: MartinM | 07.11.06 16:52
Na, keine Anspielungen hier ... ;-)
Verfasst von: MomoRules | 07.11.06 17:03
Also, das mit New Orleans stimmt so nicht ganz. Ich war im März da und kann Euch beruhigen, es wimmelt da nur so vor ethnischem Pluralismus. Die Stadt ist immer noch mindestens zur Hälfte Schwarz; auf dem verkaterten Weg in der Sonntagsmorgendämmerung vom French Quarter zum Hotel haben wir keinen Weißen mehr gesehen.
Natürlich sind einige der alten Quartiere noch nicht wieder aufgebaut. Aber man darf hier auch nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Es gibt in jedem Block die Stadtteil-Aktivisten, die dafür trommeln, daß ihr Quartier wieder aufgebaut wird, klar. Aber verdammt viele der ehemaligen Bewohner, in manchen Stadtteilen die überwältigende Mehrheit, wollen nicht zurück. Die haben ihre Hilfsgelder bekommen, haben sich davon eine neue Bleibe in Houston oder sonstwo gekauft, und bleiben einfach da. Weil das Leben in Nawlins auch vor Katrina nicht die reine Touristenidylle war und weil die Lebensqualität da drüben in Texas einfach höher ist.
Also, wieso sollte man mit großem Aufwand Quartiere wieder aufbauen, deren Bewohner sowieso längst woanders eine Heimat gefunden haben? Da ist es deutlich sinnvoller, sich Gedanken über alternative Möglichkeiten für den Wiederaufbau zu machen. Zumal diese Gegenden unter dem Meeresspiegel eh niemals wirklich sicher sein werden.
Verfasst von: statler | 07.11.06 20:03
@Statler:
Mal ganz abgesehen davon, daß der Text oben ja recht eindeutig einen Stimmungsbericht und keine politische Analyse darstellt - mein Kollege erzählte wirklich dezidiert Gegenteiliges aus den Gesprächen mit den Leuten dort, und Anlaß seines Besuches war schon was, was mit Katrina zusammenhing.
Daß eben alles dafür getan würde, daß bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht zurückkämen, weil schlicht nicht mehr erwünscht seien. Von mir aus auch durch "Anreize" in Texas.
Ich habe das mittlerweile auch mehrfach gelesen; da ich hier freilich nur aus der Erinnerung plaudere, kann man das von mir aus aber auch als reine Weitergabe von Gerüchten bezeichnen, ich weiß auch nicht mehr, wo ich's las. Ich such zu dem Thema mal weiter rum die Tage, das ist ja schon ganz interessant. Daß es in jenen Vierteln auch zuvor keine Zuckerschlecken war, klar - liegt meiner Meinung nach ja an den frisch gebügelten, weißen Hemden ;-) ...
Mein Kollege war aber abgesehen von alledem total begeistert von New Orleans. Nicht, daß irgendjemand meint, mir hier nun pauschalen Antiamerikanismus andichten zu können. Barack Obama ist mir zum Beispiel außerordentlich sympathisch nach allem, was ich über den so gelesen habe, und die neuen Ansätze zu den sozialen Bewegungen an den großen Seen im Norden nicht minder...
Mein Kollege meinte, New Orleans sei eine der Städte, in denen zu leben er sich vorstellen könne. Daß aber nichtsdestotrotz auch allerhand Rassismen dort noch Sozialstrukturen prägen, das ist eben auch der Fall (wie hier ja auch partiell, aber aus anderer Historie heraus). Und der Spruch mit dem Puff ist auch nicht nur ein Witz gewesen, das ist eine ganz gräsige Geschichte, die hinter den P.I.M.P.s von 50Cent etc. steckt. Aber das alles ein weites Feld, und ich würfel schon wieder alles durcheinander ...
Ganz spannend ist vielleicht noch, ganz konträr dazu, daß gerade Zwischenmenschlichkeit auch jenseits des Austausches von Geldscheinen und Ähnlichem ihm dort ungleich ausgeprägter schien als in L.A. oder New York. Sind natürlich - wie Deine Eindrücke ja auch - alles nur Momentaufnahmen und Zufallsbekanntschaften, aber so ist der Text oben ja auch gebaut.
Letztlich muß das eine ganz faszinierende und traumhafte Stadt sein, keine Frage ... "The Big Easy" mit Ellen - Ellen? Habe gerade Jane Birkin im Kopf und bin verwirrt - Barkin und Dennis Quaid fand ich auch immer großartig. Und "Mord auf der Klappe" auch ;-) ...
Ist schon mythisches Terrain. Für jeden halt aus der je eigenen Perspektive ;-) ...
PS: Viel Spaß, Erfolg und Glück in der neuen Heimat!!!
Verfasst von: MomoRules | 07.11.06 20:36
@ MomoRules: ich meine nur, falls Dein Chef auch Blogs liest ...
Deine Beschreibung der Selbstgleichschaltung der "graunen Menschen" (keine Anspielung!) zwecks Karriere beieindruckt mich. Zumal ich manchmal den Eindruck habe, ein derartiges Verhalten wird in manchen Berufsfeldern geradezu vorrausgesetzt und damit meine ich jetzt keine "Dresscodes" im Sinne von "Kravattenzwang" sondern "Marktingpersönlichkeiten" (ich glaube, der Ausduck ist von Fromm, es trifft es aber trotzdem). Selbstdarstellung, Lebensstil, Verhalten (sogar in der Freizeit) - alles wird dem Ziel, sich selbst möglichst gut zu "verkaufen" untergeordnet. Und da der Mitarbeiter Modell "Legostein" (vielseitig einsetzbar, sehr robust, ohne individuelle Unterschiede) wieder sehr gefragt ist, gibt es auch weniger Designer-Modeträger unter den White Collar Workers als damals, zur Zeiten der "New Economy", wo man durchaus mal ein wenig Individualismus zeigen (oder vortäuschen) durfte. Der "Sparkassenanzug" ist wieder "in" - einschließlich der Werte, für die er steht. Mit am Etikett sofort ablesbarer Klasse (von C&A über BOSS und Armani zu Maßgeschneidertem).
Witzig überigens, dass Dein Kollege ständig auf Englisch angequatsch wurde. Verrät einiges über die deutsche Vorurteilsstruktur, denn ein hellhäutiger Mann wäre vermutlich von den meisten zuerst auf Deutsch angeredet worden. (Na, er findet es wohl nicht mehr witzig.)
Verfasst von: MartinM | 07.11.06 23:31
@Martin:
Ich finde es geradezu haarsträubend, wie in wirklich allen gesellschaftlichen Feldern unter dem Druck der Ökonomie wieder die Form jeglichen Inhalt sabottiert, und genau dafür sind diese blöden Anzüge einfach Symptome. Denen springt eine Überanpassung aus dem Sacco, grauenhaft.
Zunächst kam ich mir ja fast schon blöd vor, wie ein angepunkter Freak-Rotzlöffel in den späten 70ern - also kurz bevor z.B. Ideal und während Blondie die Anzüge wieder aus dem Schrank holten, um Individualität gegen die Massenbewegten vorzugaukeln - jetzt auf Spießer-Dresscodes rumzuprügeln.
Es ist aber genau so, wie Du's schreibst: Man hat wirklich (wieder) das Gefühl, da Effekte ökonomischer Strukturen um sich herum versammelt zu haben. Die ent-persönlichen sich freiwillig.
Weil eben über die ästhetische Form nivelliert und normalisiert wird zum Zwecke der Legitimation von sozioökonomischen Klassen und der Totalisierung von Marktformigkeit.
Steht alles schon in der Dialektik der Aufklärung und ist wahr. Deshalb schreibe ich ja hier neuerdings so krude Texte: Um mein eigenes Form-Empfinden aufzubrechen. Habe seltsamerweise, seitdem ich blogge, wieder einigermaßen lange Haare bekommen. In meinem, beruflichen Feld geht das noch als "brand yourself!" durch, in Fliegern wird man schon blöd angeglotzt mittlerweile.
So ein adornitisches Diktum wie "Dissonanzen!" muß man sich aktuell mal wieder buchstäblich auf der Zunge zergehen lassen ... also nicht Konflikt statt Konsens, sondern Dissonanz statt Harmonie.
Ich glaube aber, daß das auch zu Zeiten der New Economy nicht anders war. Da gab's ja noch diese Loveparadehafte Normalisierung durch Differenz als Oberflächenphänomen, um in der Sprachwelt der Kritischen Theorie zu bleiben. Alles so schön bunt hier.
Rückblickend finde ich ja, daß selbst das Privatfernsehen von 86-94 mehr Brüche und somit Spannendes produziert hat als die New Economy damals. Selbst das Glücksrad war ja auf eine dramatische Art die Wahrheit der "Wieder"vereinigung. Und die SAT1-Kollektion würde wegen zu bunt aus Flieger verbannt ... wahrscheinlich wäre es sogar ein Hauch von Subversion, die aktuell mal aufzutragen.
Was natürlich ein wenig fies ist gegenüber der New Economy, weil das Fernsehen eben auf eine Mediengeschichte zurückgreifen konnte, die bis in die 20er und noch weiter zurückreicht.
Vielleicht kam die New Economyy einfach zu früh?
Verfasst von: MomoRules | 08.11.06 07:12
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich noch als schutzbefohlener "Arbeitnehmer" tätig war, dann kann ich sie völlig nachvollziehen, diese Gedanken.
Ich weiß nicht, ob ich, der ich mich natürlich auch an die Kleiderordnung gehalten habe, damals ähnliche Assoziationen geweckt hätte, aber mich haben sie genervt, diese gewollt dynamisch-erfolgreichen Schlipsträger mit ihren Handys, Laptops und sonstigen Insignien des Gebrauchtwerdens. Das "Biznes"-Getue habe ich eigentlich nur als "spectateur engagé" mitgemacht - der äußeren Form folgend, die meisten der ungeschriebenen Regeln innerlich zwar z.T. belustigt registrierend, aber nie übernehmend. In einer Angestellten-Hierarchie aufzusteigen, das hat etwas von einem "größten Zwerg der Welt". Für mich ist daher auch ein armer Wicht, wer sich über sowas definieren muss.
Nachtrag zum Dunkelhäutigen: Ich glaube nicht, dass das Diskriminierung war. Es war eine Kombination des Versuchs professioneller Gastfreundlichkeit mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Peinlich ist es, einen gut Deutsch Sprechenden auf Englisch anzuquatschen, aber man möchte doch auch gerne einem sehr wahrscheinlich aus dem Ausland Kommenden (trotz Bundesliga sind dunkelhäutige Deutsche eine Rarität) und höchstwahrscheinlich deswegen nicht der deutschen Sprache Mächtigen gleich fremdsprachlich entgegenkommen. Gerade auf Flughäfen.
Verfasst von: Rayson | 08.11.06 23:11
Rayson, klar, auf dem Flughafen ist das noch halbwegs nachvollziehbar. Aber dass "nicht-typisch-deutsch" wirkende Menschen quasi automatisch als nicht des Deutschen mächtige angesprochen werden, habe ich auch schon erlebt. (Ich war mal mit einer aus China stammenden Frau liiert - erstaunlich, wie viele Menschen erstaunt waren, dass sie so perfekt Deutsch sprach.)
Meine Ansicht nach das sehr viel mit Unsicherheit zu tun - die deutsche Angst, sich gegenüber dem "Ausland" zu blamieren (bloß keinen z. B. Amerikaner einfach auf deutsch anquatschen, ist ja peinlich!) verbunden mit einer (kompensatorischen?) Überheblichkeit gegenüber dem "hier" lebenden "Ausländern" - oder denen, die man dafür hält.
Was die Kleiderordnung angeht - ich meine ja ausdrücklich nicht "Dresscodes", wie sie z. B. für Verkäufer obligatorisch sind, oder um "gesellschaftlich angemessene Kleidung" - bei bestimmten Gelegenheiten geht es eben nicht ohne Anzug und Krawatte. Ich meine die "freiwillige" Unterordnung unter einen weder formell (durch Kleidungsvorschriften) noch informell (gesellschaftliche Konvention, Etikette) "obligatorischen" Bekleidungsstil. Ich vermute auch hier, dass Angst bzw. Unsicherheit zum Anpassungsdruck führt - bloß nicht auffallen, bloß nicht anecken, bloß nicht "unstandesgemäß" kleiden - eine quasi-uniformierung. Das Statussymbol "Nadelstreifenanzug maßgeschneidert" steht einem einfachen Angestellten nicht zu, von Hochzeiten und Beerdigungen abgesehen, und auch das auffällig modischer Designersakko darf "man" erst vom Abteilungsleiter aufwärts tragen - als unentbehrlicher Experte darf "man" sogar auf die Krawatte verzichten.
Ein desillusionierter Soziologe hat es mir gegenüber mal so ausgedrückt: an so etwas wie Selbstverwirklichung dürfen Sie erst dann denken, wenn Sie ihre eigene Finca auf Teneriffa haben. Mit Nonkonformismus landen Sie in der Gesellschaft, in der wir nun mal leben, schneller als man denkt auf dem Bahnhofsvorplatz.
Also: nur Wohlstand ("finanzielle Unabhängigkeit") und räumlicher Abstand vom Berufsalltag (Teneriffa) erlaubt sichbaren Individualismus. Vielleicht darf man sich als "Hofnarr" - sprich Künstler etwas Freiraum - "Narrenfreiheit" leisten. Als "White Collar Worker", als Angestelltem oder Beamten, steht mir so was nicht zu, vor allen, wenn ich noch Karriere machen will.
Verfasst von: MartinM | 09.11.06 08:58
@Rayson:
Das würde auch nicht zu Dir passen, da ernsthaft mitzumischen. Das sind die Nachplapperer, die auch in der SED Karriere gemacht hätten, weil das dann eben der Rahmen für Aufstiege gewesen wäre ... grauenhaft. Und in der SED hätten wir zwei nicht den Hauch einer Chance gehabt und wären wahrscheinlich Naturwissenschaftler geworden ... kurz mal selbstgefällig werdend.
Ich bin jetzt gestern aus Trotz im C&A (!) Nadelstreifenanzug, kombiniert mit St. Pauli-Totenkopf-T-Shirt statt gebügeltem Hemd und Biker-Stiefeln, zum Buisness-Meeting in unsere Shareholder-Value-Zentrale gefahren, zum Kundentermin.
Bei uns gilt ja eigentlich die Regel, daß die Buisness-Fraktion Anzug trägt, die Kreativen aber berufsjugendlich durch die Gegend spazieren. Da war meine Kostümierung dann zwar irgendwie noch systemimmanent, hat's aber doch gleichzeitig gebrochen. War lustig.
Und wurde auch verstanden, das Statement - der Kunde, eine außerordentlich origineller Kopf, amüsierte sich königlich, und mein Chef war völlig verstört, weil der mich im Alltag in Anzügen gar nicht kennt ;-) ... und auch, weil er selbst keinen trug, als Kreativer, nur Sacco zur Jeans, und ich so Hierarchien durcheinander wirbelte.
Leider ist sowas dann ja auch 'ne Form von "brand yourself", um die Schattenseite nicht unerwähnt zu lassen.
Zu dem englisch: Das war sogar außerordentlich freundlich gemeint. Ist aber Symptom für dieses ethnisch-reine Selbstbild der Deutschen.
Schwarze, Türken etc. werden z.B. auch meistens geduzt, Taxifahrer, Busfahrere etc., ethnisch reine hingegen gesiezt. Das hatten wir schon häufiger, wenn wir zusammen unterwegs waren, daß dieselben Personen ihn duzten und mich siezten. Das ist so ähnlich - das meint kein Mensch böse. Da sitzt aber sowas wie Post-Kolonialismus einfach mitten in der Mentalität rum und feixt sich einen.
Verfasst von: MomoRules | 09.11.06 09:16
@Martin:
"an so etwas wie Selbstverwirklichung dürfen Sie erst dann denken, wenn Sie ihre eigene Finca auf Teneriffa haben"
Schön!!! Ich würde allerdings Ibiza präferieren ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 09.11.06 09:19
@Martin
Ja, Nonkonformismus muss man sich leisten können...
Aber diese Abstufung von Statussymbolen oder Uniformschulterklappen, das ist wirklich erbärmlich. Bei Autos und Büroausstattung gilt ja das gleiche. Wie kümmerlich muss das Selbstbewusstsein solcher Menschen ausgeprägt sein...
@MR
Dass Deutsche nicht Weiße sein müssen, ist ja auch lange undenkbar gewesen und auch heute noch nicht soooo normal, zumindest außerhalb einiger Stadtviertel in Großstädten. Das ist im kollektiven Bewusstsein noch nicht angekommen.
Verfasst von: Rayson | 09.11.06 23:21
@Rayson:
Ja, und deshalb ist's ja an der Zeit, daß sich das ändert ...
Verfasst von: MomoRules | 10.11.06 08:12
@Rayson: Ich leiste mir einfach etwas Nonkonformismus. Aber vermutlich bin ich zu diesem "Risiko" nur deshalb bereit, weil ich mir die Hoffnung auf eine Karriere a la Ochsentour ("hochdienen" in einem Unternehmen oder Behörde) längst abgeschminkt habe. Es ist ja die Hoffnung auf Aufstieg und die Angst vor dem Abstieg, die zum Ja-Sagen, Überanpssen und Statussymbolfetischmus motiviert.
Im Übrigens gilt das nicht nur im Beruf. MR hatte da mal irgenwo einen netten Beitrag über "bürgerliches Denken" - das sehr stark zwischen "Dazugehörenden" und "Nicht-Dazugehörenden" unterscheidet. Gilt im verschärften Maße für Kleinbürger (= Bürgertum ohne nennenswerte materielle Reserven, deshalb stets vom "Abstieg" in das "Weiße-Kragen-Proletariat" der "kleinen Angestellten", die "Arbeiterschaft" oder gar die "Unterschicht" bedroht).
@MR und zu dem "ethnisch-reine Selbstbild der Deutschen". Meine Freundin damals war auch nach eigenem Verständnis Chinesin. (Damals Hong-Kong-Staatsangehörigkeit, als HK zu China kam, bewarb sich sich erfolgreich um die deutsche Staatsangehörigkeit - vorher war es ihr "zu dumm", irgendwie wurde ich nie den Verdacht los, dass Hong-Kong-Chinese sein für sie Zugehörigkeit zu einer weltweit bewunderten Elite bedeutete. Ja, sie kann das hier ruhig lesen.) Ich habe übrigens nie bemerkt, dass sie von jemandem geduzt wurde, der mich mit Sie angeredet hätte. Typisch war eher die Verwunderung über ihr akzentfreies Deutsch. Ich vermute, dass sich im "kollektiven Bewußtsein" eine Art "Rangpyramide" der etnischen Zugehörigkeit etabliert hat. Ein "Ostasiate" wird im Zweifel nicht als "Unterlegener" sondern als "Exot" wahrgenommen.
Wobei die Hautfarbe nur ein Merkmal für die Klassifizierung ist: schon in der Schule bemerkte ich, dass Türkinnen mit Kopftuch ungefragt geduzt, solche mit offenen Haaren aber gesiezt wurden.
Hautfarbe spielt offensichtlich ab einem gewissen "Grenzwert" eine Rolle bei der "etnischen Rangeinstufung: ein bizarres Beispiel ist eine Frau mit süd-indischem Vater, die zu meiner Verwuderung immer Sunblocker trug - denn vor Sonnenbrand brauchte sie bei ihrem Hauttyp kaum Angst zu haben und "vornehme Blässe" konnte sie sowieso nicht kultivieren. Der Grund erschreckte mich: bis zu einem bestimmte "Bräunegrad" der Haut ging sie als "Deutsche" (die sie ja ist) durch, aber etwa ab "Milchschokolade" war sie "Farbige" bzw. Nicht-Deutsche. Wobei ihre völlig "europäischen" Gesichtzüge die "Rassismusschwelle" heraufsetzten, denn soviel ich weiß, liegt Dein "schwarzer" Kollege noch unter dem für die "Halbinderin" kritischen Wert.
Verfasst von: MartinM | 10.11.06 17:07
@Martin:
Es ist tatsächlich so, daß es da so ein Ranking der "Rassen" im deutschen Gemüte gibt und bei Ost-Asiaten ein anderer Exotismus-Typ vorherrscht als bei den Sklaven und Dienstboten von einst - waren halt Handelspartner und auch fleißig wie wir und nicht so naturverfallen, "die Asiaten". Die werden aber oft mit Ameisenhaftigkeit assoziiert und deshalb ent-individualisiert.
Und im Zusammenhang mit den Dienstboten von einst wirkt eben auch das "Gastarbeiter = die machen das, was keine Deutscher als Arbeit annehmen würde" noch fort, z.B. Türken gegenüber. Sind also immer auch soziale Stereotype.
Wie meine Ausführungen zu den Hemden oben ja auch soziale Stereotype sind - hätte da einen Gruppe Schwarzer in Anzügen und mit weißen Hemden rumgestanden, hätte ich sowas wahrscheinlich nicht geschrieben, zwischendurch mal ganz ehrlich und selbstkritisch, von den invertierten Rassismen bin ich nun auch alles andere als frei.
Mein Kollege geht auch gerne noch als poppig oder trendy durch, das sind ja diese invertierten Rassismen. Das ändert sich ein wenig, seitdem er (wie ich ja auch) altert ;-) ...
Während so ein ganz-schwarzer und dazu noch nicht mal filigraner Asamoah wahlweise ins "Asylanten" oder "näher am Affen" (widerlich, viele aber denken so, grauenhaft) Stereotyp sortiert wird, je nachdem.
Und Frauen haben's da auch noch mal 'ne Nummer schwerer, wegen dieser ganzen "schwarz=Sex=näher an der Natur"-Sichtweise, die Wilden, die dann mit ihren Backenzähnen (!) 'ne Bierflasche aufmachen könnten - das ist eben die Form, die den einen oder anderen dann auch noch scharf macht und auch oft Grundlage dieser Positiv-Rassismen ist (können halt auch besser tanzen, die meine ich).
"Ostasiatinnen" gelten hingegen eher als "lotusblütenzart" und filigran und total feminin - wehe denen, sie agieren "männlich". Und Inder werden wahrscheinlich neuerdings als potenzielle Dischihdadisten wahrgenommen.
Furchtbare Themen, ist aber alles der Fall ...
Verfasst von: MomoRules | 10.11.06 17:34
Lotusblütenzart? Meine damalige,ziemlich burschikose, betont frech-selbstbewußte und körperlich kräftige Freundin wurde *diesem* Klischee nicht gerecht. Allerdings glaubte es ihr jeder unbesehen, dass sie Karatekämpferin wäre ... (Karate konnte sie wirklich, aber nicht wirklich gut.)
Ich glaube, die "tuffe Karateka" ist auch so ein invertierter Rassismus. Vielleicht fällt sogar die Bewunderung des kaufmännischen Geschicks, des enormen Fleißes und der Zähigkeit der-Hong Kong-Chinesen darunter - auch wenn sie das als Kompliment nahm.
Übrigens halte ich auch Philosemtismus für invertierten Antisemitismus - zumindest dann, wenn er von Menschen kommt, die vom zeitgenössischen Judentum keine Ahnung haben.Ich nehme es keinem Juden übel, wenn er mich für eine Philosemiten, also einen getarnten bzw. über-angepassten Antisemiten, hält.
Inder fallen dann unters Dischihdadisten-Klischee, wenn sie Turban tragen. Zwar sind die meisten turban-tragenden Inder keine Moslems, sondern Sikhs, aber um das zu wissen, braucht man eine gewisse Allgemeinbildung. Inder sind offensichtlich Exoten, nicht "naturnah" wie die Afrikaner, dafür aber "sinnlich", "spirituell", "fatalistisch", "der uralten Tradition verhaftet", aber auch "grausam" und "sexistisch" und "abergläubisch".
Verfasst von: MartinM | 10.11.06 19:22
@Martin:
Ich wollte das jetzt auch nicht vertreten haben, das mit der filigranen Lotusblütenzartheit ;-) ...
Das mit dem Philsosemitismus geht mir auch tierisch auf den Zeiger. Diese ganzen hysterischen Kreischhälse aus dem konsiberalen Lager mit ihrem Strammgestehe, wenn's z.B. um Israel geht, nee. Da lob ich mir dann ja immer den Rayson.
Wobei - Gegenthese zu mir selbst - es ja schon auch Traditionen gibt, jüdische wie auch schwarze, die dann auch wieder mich nachhaltig geprägt haben neben vielen anderen Einflüssen. Schwarze Musik und was aus ihr wurde war und ist mir auch immer wieder sehr, sehr wichtig, und ebenso viele jüdische Denker, in deren Denken wiederum bestimmte jüdische Denk-Traditionen eine Rolle spielten, Adorno zum Beispiel - das Bilderverbot ist in dessen Fall ja maßgeblich und bestimmend in seiner ästhetischen Theorie wie auch in der Kritik des identifizierenden Denkens.
Wobei sich das eben auch der sozialen Außenseiter- oder Marginalisierten-Rolle dieser Subkulturen verdankte, was wohl wiederum Hannah Arendt eindrucksvoll darstellte, während sie zugleich die Philosemiten attackierte ...
Denkt man das jetzt zusammen, die Stereotypenbildung und die ganz reale Fortschreibung kultureller Überlieferung, dann wird's deskriptiv so richtig schön kompliziert ...
Verfasst von: MomoRules | 10.11.06 20:21
Interessante Diskussion!
Einfacher Test:
Was für Bilder seht ihr vor Eurem inneren Auge, wenn ihr das Wort
"Philosophie" oder "Kultur" aussprecht? Oder das Wort "Klassik"? Oder Ordnung? Struktur? System?
Blues? Seelen-Schmerz? Ekstase? Rausch? Enthemmung? Intensität? Zukunftsvergessenheit?
Körperbeherrschung? Innere Ruhe? Weisheit? Mystische Erfahrung?
Denkt jemand bei "Weisheit" an einen Europäer? Wenn ja wüßte ich gerne, an wen ;-))
Liebe?
Verfasst von: ? | 10.11.06 22:51
Bei Philosophie sehe ich schneebeeckte Weiten und atme wundervolle, klare Luft ... oder auch den Himmel an Sylts Westküste, das ist der Übergang zur Mystik ... aber auch an Bücher voller inspirierender Sätze, an Schnädelbach-Vorlesungen, nach denen ich tagelang aufgeregt war, weil ich irgendetwas Wichtiges verstanden hatte. Und an diese Zustände abends in Kneipen, da man erst mal eine halbe Stunde brauchte, bis man sich mit der Welt um sich herum vernetzen konnte. Auch an ruhige Hinterzimmer und filigrane Ornamente. Und an Menschen, die miteinander reden.
"Kultur": Da sehe ich Supermärkte, Kaffeetafeln, diese Tüten zur Einschulung und Kneipen. Ist aber auf die eigene Kultur bezogen. Bei Memphis und Blues und Gospel denke ich tatsächlich an Ekstase, Enthemmung und Intensität. Bei klassischer Musik allerdings auch.
Und Weisheit - da sehe ich zuerst I Ging-Zeichen vor mir. Und dann alte Griechen in Gewändern zwischen Säulen, die über Jünglinge diskutieren. Und dann alte Frauen.
Liebe: Da denke ich an Gott, an Lächeln, an Blicke, an Wärme, an morgens aufstehen und die Welt genießen wollen, an Körper und an meinen Hund. Und auch an Verlustängste und tiefe Verzweiflung - im Wortsinne verstanden ... und Vertrautheit und Entspannung und Erlösung.
Verfasst von: MomoRules | 11.11.06 08:05