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System, Medien und das gute Geld

Manchmal darf man ja als "Gscheitlhuber" (I. Way war's, glaube ich, der mir dies nette Wörtle überzustülpen suchte) seine eigene Ahnungslosigkeit und die schlichte Tatsache, daß man ständig wortreich Halb- bis Zwölftelwissen in die Welt hinausposaunt, auch nicht verschweigen.
Man weiß sich da in der Blogosphäre in guter Gesellschaft, da geht's den meisten auch nicht anders, und genau das ist's dann, was für ungebremste Lebensfreude sorgt. Und das ist ja was Schönes.

Die wenigsten Begriffe, die man so vor sich hin verwendet, sind einem auch nur ansatzweise wirklich klar, und in frei flottierenden Sprachfeldern finden sich dann viele Wurzeln seltsamer Verwachsungen zwischen Pflänzchen, die sich wechselseitig den Platz im Sonnenlichte rauben.

Für mich sind das Begriffe wie "Medien" z.B.. Damit kann zum einen schlicht das Mittel zu etwas gemeint sein, dann - damit zusammenhängend - ein Informations- oder Bedeutungsträger (solche, die sich dadurch auszeichnen, daß es Information - oder Bedeutung ohne sie auch gar nicht gäbe). Oder auch die Vervielfältigungsmaschinerien von Informations- oder Bedeutungsträgern.

Auch so'n Begriff: "System". Weil das so ist, setzte ich mich soeben zur Entspannung auf mein durchgesessenes Sofa, um mal wieder in Habermas' Theorie des kommunkativen Handelns dessen Rezeption von Talcott Parsons Systemtheorie ...

... nachzuschlagen.

Das ist ja wahrscheinlich auch so ein Theoretiker, der Herr Parsons, den zumindest in Deutschland seit Luhmanns "autopoetischer Wende" niemand mehr rezipiert.

"Autopoesis", das bedeutet ungefähr so etwas wie Selbsterzeugung, das war wenigstens immer ein Begriff, mit dem ich wirklich etwas anfangen kann. "Bürokratie gebiert Bürokratie" stand neulich irgendwo jenseits des Styx, der unsereins von dem Bösen trennt (war 'n Scherz, Leute!!!), sowas meint das wohl.

Bekomme ich fast täglich in der eigenen Firma zu spüren. Buchhaltungen und Controlling-Abteilungen haben genau diese Tendenz, sich selbst und ihr unmittelbares Umfeld zu nähren und zu vermehren, während sie andere schröpfen. Juristen auch. So habe ich mir auch immer die Theorie vom gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht erklärt: Die Schröpfenden nehmen eben um den Teil zu, den sie z.B. mir wegnehmen. Ein Nullsummenspiel.

Das ist freilich ganz gemeingefährliches Terrain, so Theorien des Schröpfens, da lauern dann immer schon irgendwelche Amöben in der nächstliegenden Ruhr. Deshalb lieber das Zitat, über das ich bei Habermas soeben stolperte:

"Der Austausch zwischen System und Umwelt, und der Austausch zwischen funktional spezifierten Einheiten innerhalb eines Systems, muß sich, ob es sich um Organismen oder um Gesellschaften handelt, über irgendwelche Medien vollziehen. Es liegt auf der Hand, daß für Handlungssysteme die sprachliche Kommunikation ein solches Medium darstellt, dem Spezialsprachen wie Geld oder Macht ihre Struktur entlehnen."
Jürgen Habermas, Theorie des Kommunikativen Handelns, Bd. II, S. 388, Frankurt/M. 1988

Ist das so? Das mit der System-Umwelt-Beziehung: Okay. Pflanzen warnen sich wechselseitig über Düfte vor dem Schädling, insofern sind die Duftstoffe dann wohl der Informations- oder Bedeutungsträger, und die Luft ist der Übertragungsweg.

Wenn das eindeutig geschlossene System Buchhaltung in unserer Firma die Belegschaft als Umwelt begreift und mit mails über Reisekostenabrechnungen terrorisiert, dann ist die Information in Schrift verfaßt und der Übertragungsweg die Computer-Hardware (die Leitungen dazwischen und Ströme darin zähle ich mal großzügig dazu). Die Schrift ist ein Spezialfall von Sprache, so weit, so gut.

Damit ist freilich trotz der Behauptung der Schließung des Systems Buchhaltung der Systembegriff überhaupt noch nicht geklärt. Ich behaupte Systeme jetzt mal hypothetisch als generalisierbare Handlungs- und Kommunikationsregeln innerhalb austauschbarer Personengruppen, die auf Umwelten einwirken und diese ggf. auch beherrschen und formen wollen. Darauf bezog sich das Intro dieses Eintrages: Jeder ernstzunehmende Systemtheoretiker würde sich die Haare raufen bei einer solchen Behauptung, noch nicht mal Zwölftelwissen. Luhmann selbst definiert soziale Systeme so:

"Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoetischer Handlungszusammenhang ensteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikationen gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen damit nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen."
Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation, Opladen 1986, 3. Auflage, S. 269

Das kann man jetzt auch so lesen: Das Subsystem Systemtheorie des Subsystems Soziologie des Subsystems Wissenschaft bestimmt seinen Gegenstand, und da gehören dann halt z.B. Handlungen nicht dazu. Und: Kommunikationen haben die Tendenz zur Eigendynamik, das System "Bewußtsein" kann sich seine Gedanken darüber machen, was da gerade gequatscht wird, während das biologische System Mensch sowieso gerade treibt, wozu es Lust hat - verdauen, atmen, Müdigkeit erzeugen, und an fiesen Tagen macht es Schluckauf.

Erscheint mir trotzdem beides kontraintuitiv: Kommunzieren ist eine Form von Handlung, die von Personen ausgeführt wird und selbst Handlungen nicht kommunikativer Art ggf. anleitet: So z.B. denjenigen, der nach einer Ikea-Gebrauchsanleitung einen Schrank aufbaut und sich den Imbo-Schlüssel reichen läßt.

Insofern halte ich an meiner eher bauernschlauen Hanswurst-Fassung des Systembegriffs fest und vergewaltige und mißinterpretiere weiter: Geht man also davon aus, daß in der Tat die Buchhaltung als geschlossenes Systems unser Handeln formen will ("Reisekostenabrechnung spätestens 3 Wochen nach Reise abgeben") will: Macht übt die Buchhaltung über Befugnis zur Sanktion -. "dann ziehen wir Dir die Kohle halt vom Gehalt ab!" - aus, übergreifend ist sie im Grundsatz legitimiert durch die Behauptung, daß die ökonomischen Sektoren in einem Unternehmen sowieso immer genau so Recht haben wie einst die Partei. War jetzt gerade ein zweistufiger Machtbegriff, by the way.

Und das schreiben sie dann in mails im Rahmen von systeminternen Handlungsregeln ("Bis zum 23.12. muß der Jahresabschluß fertig sein!"), ich nenn die mal Systemimperative, die ein System erst konstituieren, das sich nach außen abgrenzt - "doofe, schlampige Mitarbeiter, und die Kreativen sind die Schlimmsten!" - und sich über Kommunikationen - e-mails - "nach außen" "Gehör verschafft".

Wie hängen jetzt aber die Medien Macht, Geld und Kommunikation und somit Sprache da zusammen, und inwiefern sind es "Spezialsprachen", die ihre Struktur jener der so ganz allgemein auffindbaren Sprachen entlehnen? Und ist Macht dann überhaupt Medium?

Diese Frage ist ja wichtig. Gerade angesichts des gestrigen Eintrages kam von uns Wirtschaftsschädlingen und Dummschwätzern die Frage auf, inwiefern und ob die reine Quantifizierung und Mathematisierung in den Wirtschaftswissenschaften einen Reduktionismus darstellt. Mich trieb's glatt zu der Behauptung der Verwechslung von Methode und Gegenstand, und das könnte ja wahr sein - dann lag ich jedoch so auf meinem Sofa rum und grübelte weiter, und stellte fest: Ist natürlich nur halbwahr, weil der Gegenstand ja über das Medium Geld selbst in sich über Quantitäten strukturiert ist. Eigentlich ja naheliegend, ich brauche für sowas ein paar Jahrzehnte, bis ich drauf komme. Nein, ich verwechsel nicht Geld und Kapital.

Das mag einer der Gründe dafür sein, daß z.B. in Fragen der Geldmengenpolitik und Inflationsbekämpfung (man korrigiere mich, wenn ich der Wirtschaftswissenschaft systemfremde Begriffe verwende) die Ökonomen von der Uni so erfolgreich sind, und ihr Erfolg in anderen Fragen umstritten bleibt.

Aber wie ist denn nun die Relation Sprache und Geld? Was für eine Art Medium ist Geld im Gegensatz zu dieser, oder entlehnt es dieser tatsächliche seine Struktur? Das ist gleichzeitig die Frage, wie Mathematik und Alltagssprache zusammenhängen. Die Diskussion ist eröffnet, auch wenn sie uralt ist, diese Frage - falls die Diskussion überhaupt jemand führen will ...

Kommentare

Das fängt schon mal damit an, dass "Geld" kein System ist. Im Gegensatz zu Sprache.

Da fiele das System Kapital mir ein, dass dann auch wieder mit Menschen und ihren Bedürfnissen zu tun hat - eigentlich zum gleichen System also gehört.

oder so.

Wobei Sprache in Luhmanns Welt zumindest als Einheit von Information, Mitteilen und Verstehen, die sich aus diesen drei Ebenen nicht erklären läßt, sondern etwas qualitativ Neues darstellt, gewissermaßen die "Substanz" sozialer System wäre, wenn ich das alles richtig verstehe ... und das gesellschaftliche Subsystem Wirtschaft sei alles, wo Kommunikationen Geld zum Inhalt haben, der binären Codierung Haben/Nichthaben folgend.

Was für eine Art von Medium Geld ist, erfährt man auf dem Wege allerdings auch nicht ...

Was der Sprache der Ton/Laut, ist der Wirtschaft das Geld (oder vielleicht besser: der Preis?).

Oder so.

;-)

Ungefähr so ist's wohl, wobei damit dann ja eher die Identität mit der und nicht die Differenz zur Sprache geklärt wäre. Ist Geld vorstellbar, ohne daß es vorher Sprache gegeben hätte?

"Ist Geld vorstellbar, ohne daß es vorher Sprache gegeben hätte?"

Was ist an menschlicher Interaktion überhaupt ohne Sprache vorstellbar?
Wohl nichts, was nicht auf das Agieren autistischer Monaden beschränkt bliebe, oder?

Eben. Das ist ja der berühmte linguistic turn. Hatte da neulich übrigens 'nen guten Text zu gefunden und wollte Dir 'nen Link posten und hab's dann vergessen... suche ich noch mal raus und setze den Link dann hier!

Das hat handlungstheoretisch dann allerdings gewaltige Konsequenzen, die meiner Ansicht nach z.B. den Handlungsbegriff, den Rayson z.B. in seinen Wirtschaftstheorien vertritt, nicht mehr zuläßt und auch einen rein negativen Freiheitsbegriff allenfalls im engeren, politischen Sinne, nicht jedoch im allgemein-menschlichen.

Das muß ich bei Gelegenheit mal ausführen und nicht nur dumpf behaupten. Weil man eben "immer schon" auf vorgängige, sprachliche, intersubjektiv geteilte Sprachstrukturen, semantische Felder etc. angewiesen ist, um überhaupt handeln zu können. Ist 'n alter Hut von Wittgenstein und auch den Strukturalisten, aber der hat mich schon überzeugt, der Hut.

Wieso dann aber Geld eine Spezialsprache sein soll, ist mir immer noch ein Rätsel ...Geld versteht man doch nur, wenn man weiß, was man sagt, wenn man einkaufen geht ...

Ich weiß jetzt nicht, was du mit Raysons Handlungsbegriff meinst, bin aber gespannt, was du dazu noch schreiben wirst.

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