" /> Metalust & Subdiskurse: Dezember 2006 Archive

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30.12.06

Nachschlag zur Gerechtigkeit

Da sach ich doch mal "Danke!" für die ausführliche Antwort auf die 3 Steinvorth-Fragen drüben bei Statler & Waldorf. Würde dort ja auch kommentieren, wenn ich nicht ständig mein Passwort vergessen würde und auch nie weiß, welche e-mail-adresse ich gerade angegeben habe.

Die Antwort ist deshalb so spannend, weil sie sehr viele Schnittmengen zwischen "linksliberalen" Positionen (ich lasse mal außen vor, daß der Begriff "linksliberal" außerordentlich umstritten ist) und jenen, die eher am freien Spiel der ökonomischen Kräfte sich orientieren, klar stellt.

Es gab ja hier den einen oder anderen Kommentator, der sich wunderte, warum ich mich so intensiv in die Diskussion mit Liberalen hinein begeben habe. Neben virtueller Sympathie für einige der Protagonisten ist genau das der Grund, was man aktuell bei Statler lesen kann. Nicht, daß ich allem zustimmen würde; aber das dort formulierte Programm ist ja nix Böses und eine Super-Basis für weitere Diskussionen. Und selbst dieser kleine rhetorische Trick, auf eine Rawls-"Widerlegung" anzuspielen, die dann nur angedeutet, nicht jedoch ausgeführt wird, sei verziehen.

Viel interessanter sind andere Punkte, wenn ich's denn richtig verstehe: Z.B. die Frage des Eigentumsschutzes wird nicht, wie Boche das hier in der Diskussion tut, moralisch begründet, sondern funktional: Eine Institution wie Privateigentum und deren Schutz mehre den Wohlstand aller. Das mag dem einen trivial vorkommen, dem nächsten anti-marxistisch, dem dritten selbstverständlich angesichts des Zusammebruchs des "Ostblocks": Wichtig ist, was für eine Art von Argument das ist. In manchen Diskussionen wird ja so so getan, als sei die "Enteignung durch Steuern" von der Qualität des sexuellen Mißbrauchs oder der Körperverletzung, die Empörung ist dann ja oft größer als beim Nierenhandel in der dritten Welt oder Hungern in Burundi.

Als funktionales Argument eingeführt diskutiert sich das gleich ganz anders. Was jetzt freilich eine Darstellung erfordern würde, wieso "funktional" im Gegensatz zu Moralität steht und eine rein konseqauentialistische Moral gar keine ist, das verschiebe ich auf folgende Einträge. Wichtiger die Pointe:

" (...) wenn man etwas mehr Effizienz nur mit etwas weniger Freiheit bekommen kann, dann entscheiden sich Liberale eher für die Freiheit."
Darauf wird zurückzukommen sein. Und
"Wenn Liberale von Gerechtigkeit reden, dann beurteilen sie damit niemals konkrete Verteilungen, sondern sie beurteilen die Gerechtigkeit von Regeln."
Ja. Ja!!! Endlich. Eben. In der Antwort auf Frage 3 wird dann "alllgemeine Zustimmungsfähigkeit" als Kriterium für die Verbindlichkeit einer Regel formuliert. Reinster Habermas. Die Anspielung auf den "Schleier des Unwissens" von Rawls, von dem Habermas vieles übernommen hat - meines Wissens eine Reformulierung jener Lehren, die einen fiktiven Naturzustand zur Herleitung maßbeglicher Regeln eines gelingenden Miteinanders formulieren - jetzt mal außen vorgelassen, ist das Ergebnis der Überlegungen ein ganz anderes, als normalerweise in der liberalen Blogosphäre üblich.

Normalerweise gibt es da ein Individuum, das seine Interessen durchsetzen will, und was ihm dabei im Wege steht, ist böse und zumeist der Staat oder die Gewerkschaften oder Kurt Beck oder "Ökofaschisten". Das ...

... macht oft das Pubertäre der Argumente aus: Im Grunde genommen erscheint da vieles wie bei einem Teenie, die in die Disco will, der Vater oder die Mutter legt aber stattdessen das Geld, das dafür nötig wäre, für's Studium an. Oder so.

Natürlich gibt es - gerade in Hamburg - in der Tat in Deutschland diesen paternalistischen Behörden- und Parteienstaat mit Tendenzen zur Nomenklatura; wer einmal Interviews mit dem Leiter des Hamburger Bezirksamts Mitte gelesen hat und verfolgt, wie dieser per BILD-Verlautbarung Bürger maßregeln will, der muß sich auch als in der linken Blogosphäre verortet einfach immer wieder klar machen, daß die Kritik dieses wilhelminischen Habitus einfach immer wieder ganz oben auf die Tagesordnung gehört.

Und daß man nicht Liberalen dahingehend auf den Leim gehen darf, daß man auf Teufel komm raus ständig alles Staatliche verteidigt, obwohl man noch im Kampf gegen die Volkszählung politisch sozialisiert wurde. Und sich eigentlich nur darum kabbelt, welche Form des Sozialstaats denn nun gerade angemessen ist.

Nichtsdestotrotz verschiebt Statler die Diskussion völlig zu Recht auf zwei andere Ebenen:

1.) Die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit hat sich dem "Kuchenproblem" zu stellen. 5 Kinder und eine Schwarwälderkirschtorte: Teilen wir doch gleich. Jeder ein Fünftel. Beim Kuchen kein Problem. In komplexen Gesellschaften und unter Bedingungen der Globalisierung ist es in der Tat tollkühn, das nun als Maxime staatlichen Handelns anzusetzen, da haben Liberale einfach recht. Das Problem verschiebt sich auf zweierlei Ebenen:

a.) Jenes der Grundsicherung, und das kann man mit Nussbaum, Sen, Rawls oder sonstwem beantworten. Alle teilen die Ansicht, daß es so etwas wie Basics von Fähigkeiten und Verwirklungsmöglichkeiten geben muß, die als Mensch unter modernen Bedingungen man sich nicht selbst und ganz allein erwerben kann - die man braucht, um infolge frei sein und handeln zu können. Diese sind als Form der Grundsicherung, die Bildung und die Möglichkeit des Gesunderhaltens einschließt, formulierbar.

Hier hat man dann, ganz, wie Statler dies tut, eben Freiheit und Effizienz gegeneinander abzuwägen, völlig richtig: Sozialstaat gilt als "nicht rentabel", ohne Grundischerung keine Freiheit, also muß man sich nur noch darauf einigen, wie die denn auszuschauen hat, im Grundsatz ist man sich ja einig.

Wägt man dergestalt Freiheit und Effizienz gegeneinander ab, dann wird nämlich auch der paternalistisch-erzieherische Gestus jener klar, die ausschließlich auf der Ebene der Effizienz z.B,. behaupten, Sozialstaatsmodelle würden Menschen nur faul machen und zur "Passivität" und "Unmündigkeit" erziehen, und deshlab würde dann alles zu teuer. Also sei jetzt langsam mal Umerziehung angesagt.Da wird Freiheit allenfalls imSinne eine "Sei spontan!" suggeriert, will man Erwachsene zur Freiheit erziehen. Begreift man Grundsicherung als die Ermöglichung von minimalen Freiheitsspielräumen, hat - im Sinne Statlers - die Freiheit Priorität, und dafür nimmt man dann halt auch ein bißchen weniger Effizienz in Kauf.

b.) Die Kämpfe haben wieder in der Wirtschaft selbst stattzufinden. Da gilt nämlich ggf. das Kuchenbeispiel, weil in der Regel die "Gemeinschaft" klarer definierbar ist. In einer AG, wo 20% des Umsatzes, nicht des Gewinns, an die Vorstände überwiesen werden, während ansonsten Löhne hierzulande und sonstwo gedrückt werden, haben schlicht die Arbeitnehmer mal wieder auf den Tisch zu hauen. Und wenn dann irgendwelche Unternehmer jammern: "Dann gehen wir halt nach Rumänien" - sollen sie doch. Geht doch. Aber bitte ganz und richtig. Dann bauen wir halt was Neues auf.

Punkt b.) glänzt vor allem durch Sloganhaftigkeit, aber mir erscheint das als einzig gangbarer Weg linker Politik aktuell, die sich zudem aus liberalen Prämissen speist. Sollen sie ihrer Villa an der Elbchausse doch verscherbeln und dann auch auf die ganze, üppige staatliche Infrastruktur verzichten und dafür Rumänen dabei helfen, das was eigenes aufzubauen. Das Know-How haben sie ja angeblich, un den Rumänen sei's gegönnt. Ja, ein klein bißchen Klassenkampf sollte mal wieder angesagt sein, solange die Individualrechte und der Gewaltverzicht unverrückbar gelten.

Man hat zudem intensiver zu diskutieren und natürlich hinsichtlich der Effizienz zu analysieren, welches Organ denn nun dazu da ist, die so im angedeuteten, konkreten Rahmen definierte Verteilungsgerechtigeit zu gewährleisten. Wahrscheinlich ist das tatsächlich nicht der Staat, sondern so etwas wie eine neue Arbeiterbewegung in einer neuen, historischen Situation. Um neue Vertragsformen zu bewirken. Solidarität hieße dann so zu handeln, daß so gewirtschaftet wird, daß jene, die arbeiten wollen, das auch können.

2.) Wenn es um die Begründung von Regeln geht im Falle der Gerechtigkeit, wie Statler völlig zu Recht konstatiert, dann geht es eben gerade nicht um das "freie Fahrt für freie Bürger"-Model der negativen Freiheit.

Ich kann jetzt hier mal nicht so eben nebenbei den ganzen sprach- und argumentationstheoretischen Kladderadatsch auspacken, der überdeutlich macht, daß im Falle von Sprache und Gründen das Individuum deskriptiv kein Erstes ist, normativ sehr wohl - und eine nicht-sprachliche Begründung von Regeln mache man mir mal vor.

Ebenso geht es eben um das, was "zwischen Personen" passiert, und nicht um die reine Durchsetzungsmöglichkeit der Interessen Einzelner, die sich dann bösen Mächten wie anderen Menschen gegenüber sehen. Eine reine "der nimmt mir aber was weg"-Rhetorik ist dann nicht mehr möglich, wenn man sich darauf einläßt, sich mit Gegenübern auf eine zu Regel einigen. Und daß man sich einigt, setzt Symetrie zwischen den sich Einigenden voraus, dann, wenn man sich wirklich auf die Gründe einläßt, statt den reinen Machtverhältnissen frei Bahn zu gewähren.

Die Anschlußfrage ist dann, welche Institutionen es sein können, die diesen Einigungsprozeß - die Begründung von Regeln anhand des egalitären Modells formaler Gleichheit, nix anderes ist Gerechtigkeit, also nicht Gleichmacherei, sondern die gleichen Rechte eines jeden als Kriterium für die Begründung von Regeln - ermöglichen und die reinen Machtverhältnisse, die eben oft Besitzverhältnisse sind, nicht dominant werden lassen .

Ich vermute, daß im konkreten, bundesrepublikanischen Fall tatasächlich zu viel an Parteien, Bürokratien und Verwaltungen und Verbände delegiert wird. Und vermute, daß rein rechtliche Institutionen zur Regelung von Konflikten oft ausreichend wären. Das ausufernde Abmahnwesen mag ein Argument dagegen sein; immerhin ist eine Richtung angedeutet, in die man weiter diskutieren kann, um endlich aus diese de facto unsinnigen Etatismus-Liberalismus-Dichotomie rauszukommen, die zur rein gar nix führt.

Dank an Statler, daß er die Diskussionsanregung in eben diese Richtung aufgenommen hat!

28.12.06

Wie man sich selbst regiert (und stürzt)

Gerade mit dem Hund draußen gewesen. Seit sie Opfer einer Beißattacke wurde, haben wir abwechselnd Angst: Mal läßt sie den Schwanz hängen, wenn auch nur jemand laut niest in 10 Meter Entfernung. Mal werde ich, wie gerade eben, ganz nervös und flüchte mit ihr um Häuserblöcke, wenn ein mir unbekannter, großer, schwarzer Hund unangeleint in Sicht kommt und mir die Besitzer nicht geheuer erscheinen. Was die Sache auch nicht besser macht, könnte sich auf die Kleine übertragen.

Problemverschärfend kommt hinzu, daß ich 11 Jahre meiner Kindheit und Jugend damit verbracht habe, in ständiger Angst davor zu leben, daß unser Hund gebissen werden könnte - da hat meine Mutter ganze Arbeit geleistet, solche Furcht zu schüren. Unser armer Köter damals hatte kaum Kontakt zu anderen Hunden und wurde drum tatsächlich garstig und verhaltensgestört. Insbesondere Schäferhunde hassten ihn aus mythischen Gründen und er sie. Das Gefühl, durch dunkle Straßen mit einem zerrenden Hund zu gehen und dabei in ständiger Angst vor anderen, großen Hunden zu leben, das ist mir sehr vertraut von einst. Flashback.Dumm gelaufen.

"Diese Veränderungen, welche das Regieren des Wirtschaftslebens im Kern betreffen, stehen im Zusammenhang mit einem allgemeinen Wandel, der die Art und Weise betrifft, wie Individuen sich selbst regieren. Dabei zeichnen sich neue Formen ab, diejenigen, die regiert werden sollen, als Subjekte zu verstehen, zu klassifizieren und zu steuern. Mit diesen ...
... neuen Formen verändern sich wiederum die Relationen zwischen der Weise, wie Menschen über Menschen regieren, und der Weise, wie sie angehalten werden, sich selbst zu regieren. (...) Dabei hat er (der Mensch, MR) sich im Rahmen jener verbindlichen Begriffe und Grenzen zu bewegen, die mittlerweile das gesamte Alltagsleben durchziehen und von vielefältigen Bildern und Entwürfen zur Kultivierung des eigenen Lebensstils untermauert werden. Bei der Erziehung der Kinder, in Fragen der schulischen Bildung, bei der Berufsausbildung und im Arbeitsleben sowie beim unablässigen Konsum müssen jene, die integriert sind, ihr Handeln nach Maßbgabe einer "Investition" in die eigene Person und ihre Familie kalkulieren und diese Investition unter Berufung auf die Codes der eigenen, je besonderen "Community" maximieren. Demgegenüber sind diese Marginalisierten diejenigen, denen man die Zugehörigkeit zu diesen anerkannten und zivilisierten kulturellen Gemeinschaften abspricht. Entweder gelten sie aufgrund ihrer Unfähigkeit, ihr Leben selbstbestimmt in den Griff zu bekommen, als grundsätzlich in kein Kollektiv integrierbar, oder sie werden zu irgendeiner "Anti-Gemeinschaft" gehörig betrachtet, deren Moralvorstellungen, Lebensstil und Gebaren als Bedrohung oder Vorwurf an die Adresse öffentlicher Zufriedenheit und der politischen Ordnung wahrgenommen werden."
Nikolaus Rose, Tod des Sozialen? in: U. Bröckling, S. Krasmann, Th. Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M. 2000, S. 94-95 Ich beichte. Es gab sie, die Phase in meinem Leben, da meine Leistungsfähigkeit gefährdet war. Und ich hatte nix angespart, um das zu kompensieren. Keinerlei Eigenvosorge, ja, noch schlimmer, von Staatsknete, Waisengeld aufgrund der Pensionsansprüche meines Vaters, habe ich gelebt. 14 Jahre ist das jetzt her:

Eine Liebesgeschichte fegte durch mein Leben und war ebenso plötzlich vorbei, wie sie in voller Intensität zuvor ganz plötzlich da war, von 0 auf 100, und ich verstand die Welt nicht mehr. Um zu begreifen, was da eigentlich geschehen war, grübelte ich mich autodidaktisch in meine eigene Familiengeschichte, fand viele außerordentlich desillusionierende Wahrheiten und konnte all die Erkenntnisse an irgendeinem Punkt nicht mehr "integrieren", wie man so schön sagt.

Wie bei vielen, die ich kenne, bündelte sich das ganze Drama dann irgendwann in einem AIDS-Test, hatte mein Coming Out schließlich unter dem Stigma der "Risikogruppe" - häufig werden diese instrumentalisiert, um sich von anderen, gerade schwer nur zu verarbeitenden psychischen Befindlichkeiten gewissermaßen abzulenken.

Ein Dreiviertljahr durchlebte ich zuvor heroisch im Rausch der eigenständigen, autonomen, selbstbestimmten Hermeneutik des Selbst; nunmehr hatte ich - den Test - endlich einen handfesten Grund, mich fallen zu lassen. Eine Woche habe damit zugebracht, mich von Freunden behudeln zu lassen, ja, mir helfen zu lassen - ein Schritt, der normalerweise mir fern gelegen hätte, hätte ich nicht diese (für mich) Ausnahmesituation herbeigeführt. Ging auch gut aus.

Ich frage normalerweise keine Verkäufer, wo sich die lila Hemden finden - ich suche selbst. Ich frage auch nicht nach dem Weg in fremden Städten. Ich mache Sachen im Job, soweit die Zeit es zuläßt, eher selbst, als zuzugeben, daß ich Unterstützung brauchen könnte.

Diese Test-Woche war grausig, was die Ängste betraf - sie war großartig hinsichtlich dessen, daß ich mich loslassen konnte und dieses grausige Diktum, mich selbst regieren zu müssen, einfach hinter mir ließ. Habe ich ansonsten nur in Vollräuschen zustande gebracht.

"Nicht ausgemacht ist jedoch, ob der individuelle Wunsch nach mehr Freiheit und persönlichem Entfaltungs- und Wandlungschancen auch von der Fähigkeit begleitet ist, mit Abschieden menschlich umgehen zu können."
Regina Becker-Schmidt, in: J. Früchtl, M. Calloni, Gegen den Zeitgeist, Erinnerungen an Adorno, Frankfuert/M. 1991, S. 221 Ach, Quatsch. Hauptsache flexibel.

26.12.06

Schon lustig, ...

... wenn das hier ausgerechnet am Vormittag des zweiten Weihnachtstages im Radio läuft. Und das auch noch auf NDR 2! Da freut man sich ja glatt auf die Rückrunde ...

25.12.06

Mortalität

Ich trauer. Um den hier. Der trägt den Namen "Godfather" zu Recht - bis in alle Ewigkeit. Was haben wir dessen Werk zu verdanken! Unbeschreiblich ... Ruhe funky ... und Danke!!!!!!!!!!!!!!!!! Von Hirn, von Herz, von Hüfte kommend - Danke!

24.12.06

Natalität

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"Auch an der Natalität sind alle Tätigkeiten gleichermaßen orientiert, da sie immer auch die Aufgabe haben, für die Zukunft zu sorgen, bzw. dafür, daß das Leben und die Welt dem ständigen Zufluß von Neuankömmlingen, die als Fremdlinge in sie hineingeboren werden, gewachsen und auf ihn vorbereitet bleibt. Dabei ist aber das Handeln an die Grundbedingung der Natalität enger gebunden als Arbeiten und Herstellen. Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln."
Hannah Arendt, Vita Activa, S. 15

Und Handeln geht nur zusammen. Insofern Dank an alle, die hier regelmäßig vorbeischauen - und in diesem Sinne allseits ein frohes Fest!

21.12.06

Mönsch, hätten wir das doch gepackt!!!

Ganz plötzlich fiebert man mit den Bayern. Ist mir seit meinem 13. Lebensjahr nicht passiert. Selbst wenn die international spielen, bin ich, wenn's nicht gerade ein Mailänder Verein ist oder Lazio Rom, immer für den Bayern-Gegner.

Aber daß nun ausgerechnet Aachen das schafft, was wir auch beinahe zustande gebracht hätten, das tut dann doch weh. Ausgerechnet Aachen, wo Schiedsrichter Spiele abbrechen wollen wegen rassistischer Chöre oder Rufe (war doch so?), und dann dieser Tivoli, der ständig völlig zu Unrecht mit dem Millerntor vergleichen wird. Ha! Ich lach mich schlapp. Kein Vergleich. "Philip, Du Arschloch!" würde bei uns nicht gesungen. Schon gar nicht gegen Philip Lahm - dieses Tor gegen Costa Rica alleine schon hat dem Jungen lebenslange Standing Ovations zu bescheren.

Und unsere Freunde aus Burghausen wurden ...

... auch rausgekegelt, schade. Der Verein meines Vaters, MSV Duisburg, nach dessen Spielergebnis er sozusagen auf dem Sterbebett noch fragte, darf auch nicht mehr mitspielen und unterliegt ausgerechnet den Roten Wölfen.

Da müssen doch selbst Unbeteiligte zugeben, daß der DFB-Pokal mit dem FC St. Pauli einfach lustiger ist. Wenn ich so an vor ziemlich genau einem Jahr zurückdenke, ach, war das schön!!! Dramarturgisch spitze war das, muß immer wieder schluchzen, wenn ich den Spielbericht mir angucke - und wenn man dann mit zwei St. Paulianern weihnachtsfeiernd auf einer Berliner Terasse steht, der Vorstandsvorsitzende gesellt sich hinzu, alle zücken ihre Mitgliedsausweise, er jenen der Hertha, und alle drei sich noch mal euphorisert das Spiel damals vor Weihnachten erzählen, dann muß es schon cool gewesen sein.

Gut, letzteres sei auch den Aachenern von ganzem Herzen gegönnt ... die haben jetzt auch ihr Spiel für die Ewigkeit. Gleich das zweite, die Bayern waren da ja schon mal zu blöd. Und das ist ein Super-Gefühl, solche Spiele erlebt zu haben!

20.12.06

Gerechtigkeit

Mit dem Gerechtigkeitbegriff wird insofern viel Schindluder getrieben, daß oft gerade jene, die jegliche Vorstellung von Gerechtigkeit mal eben so unter Totalitarismusverdacht stellen, in der Regel eine außerordentlich starke Gerechtigkeitstheorie vertreten. Ebenso insofern, daß jene, die bevorzugt mit diesem Begriff operieren, ihn oft nicht spezifizieren, sondern eher diffus-emotionale Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit formulieren, ohne diese dann präzisieren zu können.

Klar ist, daß der historische Liberalimus eines Locke z.B. als Gerechtigkeitstheorie aufgetreten ist. Resultat ist eine egalitäre (!) Vorstellung, daß eines jedes Freiheit und Eigentum gleichermaßen zu achten und somit unantastbar sei.

Setzt man diese prinzipielle Vorstellung dann um in politisches Handeln, ergeben sich daraus u.U. Regeln wie jene des allgemeinen Wahlrechts (für jeden einzelnen, und jede Stimme zählt gleich) oder auch jene der Gleichheit vor dem Gesetz (wenn Ackermann besser oder schlechter behandelt wird als Hans Meier aus Wuppertal, dann ist das ungerecht). Jene Instanzen. - z.B. ein Staat, muß aber gar nicht sein -, die sich darum kümmern, daß niemand verletzt, betrogen oder beraubt wird, haben im wesentlichen die Funktion, Eigentums- und Freiheitsrechte zu schützen.

Lassen wir die Eigentumsfrage, die seit Enstehung der Arbeitsteilung, also eigentlich immer schon, die eigentlich interessante ist, mal außen vor: Bei alledem darf man ja die genuin kritische Stoßrichtung dieser Doktrinen nicht vergessen. Richten sie sich doch ursprünglich gegen gottgegebene Ordnungen wie eine Vorherrschaft des Adels und der Kirche. Im Grunde genommen sind sie somit anti-konservativ. Hat ja schon Marx ausgiebig gewürdigt.

Im behaupte jetzt einfach - These -, daß bei der Beantwortung der folgenden, von Ulrich Steinvorth in "Philosophie - ein Grundkurs" (Hg: H. Schnädelbach, E. Martens, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 229-230) formulierten Fragen eine Kritik vieler "neoliberaler" (ich nenne das nur pragmatisch so, braucht sich niemand angesprochen fühlen) Positionen im Netz (und nicht nur da) anhand dieses grob skizzierten Gerechtigkeitsbegriffes möglich ist:

(a) Warum sollen bestimmte Gerechtigkeitsregeln anderen, die mit ihnen konkurrieren, vorgezogen werden?
(b) Warum darf die Einhaltung von Regeln erzwungen werden?
(c) Warum können Regeln überhaupt verbindlich sein?

Na, dann mal los! Aus dieser etwas eitlen und historisch ignoranten, politischen Sortierweise, die glaubt, alles und jedes auf eine Opposition zwischen Liberalismus und Etatismus reduzieren zu können, ist man damit ziemlich schnell raus ...

19.12.06

ICH WILL DISSONANZEN!!!

"Meine Theorie, daß alle musikalische Form sedimentierter Inhalt ist, muß für die Reproduktionstheorie fruchtbar gemacht werden. Aber das nächstliegende: die Reproduktion müsse den sedimentierten Inhalt erwecken, wäre viel zu grob. Einmal ist der Gehalt der Musik nicht jener Inhalt, sondern viel eher der Prozeß der Sedimentierung; und dann wäre sie jenes Inhalts auch gar nicht mächtig. Vielmehr müßte die Reproduktion, als ein Vollzug, der immanenten Historizität der Komposition – die selber ein kodifizierter Vollzug ist – habhaft werden; ja hier liegt eines der Zentralprobleme von Interpretation überhaupt."

Th. W. Adorno (2005): Zu einer Theorie musikalischer Reproduktion. Frankfurt a. M.

Diese allseits präsente Harmonie ist ja kaum zu ertragen. Alle haben sich lieb. Weihnachten ist schon seltsam - versucht man sowas in Familien, brennt nach dem zwölften Aquavit der Tannebaum. Wie war noch diese Böll-Geschichte mit dem "Frieden!"-Engel?

Wohin man auch hört - allseits akustischer Schleim: Im Radio, im Kaufhaus, im Fernsehen, beim Vorbeigehen auf Weihnachtsmärkten, solcher, der in Ohren dringt, Hirnwindungen verklebt und puderzuckert. Nein, Rayson und Balou, euren Dialog will ich damit wirklich (!) nicht vergleichen. Aber doch darauf hinweisen, daß Wert eben keine Frage der Verknappung, sondern der Erfahrung ist - z.B. jener von Musik.

Warum also keine Weihnachtstrommeln? Aber nein, anstatt in Euphorie und Ekstase sich im Schein des Wintersonnenwendenfeuers aneinander zu reiben und ein paar Hexen oder wenigstens Diktatoren zu verbrennen, sind jetzt selbst wirklich gern gemochte Gegen-Linke-Teilzeitfastpöbelblogger auf meine musikalische Linie eingeschwenkt. Wobei ich hier doch die Anekdote loswerden muß, daß eine werte Kollegin mal allen Ernstes behauptet hat, Johnny Cash könne man doch nicht hören, weil der für den Irak-Krieg gewesen sei. Das sind die Momente, wo ich die gebloggte Agitation gegen links auf einmal aus vollstem Herzen nachvollziehen kann ... aber in solche Wunden legt ja leider keiner den Finger.

Und anstatt angesichts des Werkes Johnnys des Großen kontrovers zu diskutieren, ob denn jene in St. Quentin, vor denen Johnny Cash einst Konzerte gab, völlig zu Recht eingekerkert wurden, weil sie ja am Eigentum Anderer sich vergriffen haben, oder ob's nicht wahlweise Opfer des Kapitalismus oder Rassismus oder von beidem sind, wofür ja einiges spricht, nö, nix da - darauf, daß man mit Glauben ja was anfangen könne, wenn man den Cash hörte, wird ausgewichen. Na, super, es weihnachtet. Langweilig. Heißen doch die drei Regeln für eine gute Dramarturgie: Konflikt, Konflikt, Konflikt, wenn man einen verdammt guten Roman schreiben will ...

Irgendjemand hat in Die Zeit mal behauptet, dieser Wiederaufgußvon Highway Oldies, die der Cash da reproduziere, sei einfach nur öde - dem stimme ich zwar nicht zu, aber sowas von gar nicht zu, ...

... interessant ist dennoch, vergeicht man das Prinzip des Wiederaufgußs mit dem, was Adorno oben über Reproduktion schreibt.

Und da kann man, glaube ich, schon guten Gewissens behaupten, daß dieser akustische Weihnachtsschleim, der allerorten die Sinne betäubt, dem nun gerade nicht gerecht wird - 2006 Jahre Erfahrungen und heidnische Traditionen darüber hinaus müßten sich doch eigentlich niedergeschlagen haben in der musikalischen Untermalung dieser dunkelsten Phase im Jahr, da mit Lichtern man den Tod vertreiben will, den Ostern man dann endgültig zu überwinden trachtet.

Beim Bach-Hören - ist ja auch schon eine Weile her, daß er komponierte - spürt man diese Wucht der Historie, der gelebten Glaubenserfahrung - zum Ritual geronnene Aufführungen des Weihnachts-Oratoriums sabottieren dennoch nur dessen Gehalt, weil sie gar nicht aufspüren wollen, was die Bachschen Formen als sedimentierte Inhalte im Vollzug des Sedimentierens so alles in sich tragen an Historizität.

Das hat viel mit Johnny Cash zu tun, ist dessen Spätwerk doch nix anderes als eine teilweise überragende Orgie von Coverversionen, die melancholisch und weltweise Vergänglichkeit zelebriert - in den Tat macht er in seinen Versionen von "Hurt" oder "
Personal Jesus" gerade durch Harmonisierung des potenziell Verstörenden
die Spannung, ja die Dissonanz eines ursprünglichen Erfahrungsgehalt fühlbar, ohne ihn einfach so zum Leben zu erwecken, indem er ihn durch Interpretation transzendiert (Rick Rubin sei Dank) - und macht somit genau das Gegenteil dessen, was als die "Last Christmas I give you my heart" und Bing Cosby-Hörer, all die Weihnachten-Nach-Hause-Fahrer gerade vermeiden wollen, indem sie im Immergleichen schwimmen und sich gegen Erfahrungen vortrefflich wappnen.

Die sedimentierten Inhalte, die als Form den Prozess des Sedimentierens zugänglich machen in der Mimesis, die der je eigenen Historizität dabei Tribut zollt - das ist nicht zuletzt auch eine Haltung zum Anderen, die dann Dissonanzen realer spürbar und die Erfahrung des Anderen erst möglich macht.

Und vielleicht ist's aktuell gerade jene Erfahrung, die im materialen Harmonievollzug sich zeigt - und gerade nicht im Einig-Sein und Gemeinschaft stifften, die Weihnachten so öde mach und deren Gegenteil darstellt. Das sind dann zwei Formen der Harmonie, Umgang mit Material als historischem einsersetis und Wiederholung des Unwiederholbaren andererseits - wichtig scheint mir jene Harmonie, die als historisierte so ungleich spannungsreicher ist als alles Punk-Geschrammel, alle Elektro- und Gitarrenorgien mit Lärm-Appeal, alles noch so virtuose Freegejazzze, das als pure Negation dem verhaftet bleibt, das es zu übersteigen versucht und deshalb oft nur auf der Stelle tritt. Und zu denen gehört JohnnyCash ja gerade nicht hinzu, zelebriert er doch unter anderem das eigene Denkmal und eine ganze Tradition, ohne sie schlicht zu negieren.

Und vielleicht kommt es nur darauf an, wie man es hört, das Formal-Harmonische - um zu spüren, welches Material sich vollziehen ließ, anstatt nur Schöner Wohnen in Musik nachzuleben, bis man bricht: Als Ritual, das lange schon nicht mehr auf das verweist, wofür es stand.

Deshalb höre ich nur noch das neue Take That-Album. Und Bat out of Hell III. Das ist wohl kontroverser und sogar dissonanter aktuell, als demonstrativ die Christbaumkerzen mit Broken Social Scene zu unterlegen oder analoge Rituale der allenfalls scheinbaren Subversion zu pflegen, um sich genau dadurch dem Zeichen ohne Verweis auf anderes als sich selbst zu verschreiben, zu dem Weihnachten längst geronnen ist.

Hört man jedoch genau hin, welche Erfahrungen es sind, die in den Formen des Take That Albums- und der Inszenierung von Monumentalität des Meat-Loaf gerade nicht zum Leben erweckt werden, dann ahnt man wenigstens, daß die Postmoderne auch nicht nur doof war. Außerdem ist Historizität ja immer auch die je eigene. Und gemeinsam mit alten Helden bewegt es sich allzu gut hinzu auf eine Ontologie des Noch-Nicht-Seins ...

Läßt man sich ein auf solcherlei Erfahrung, dann versteht man, behaupte ich, sogar das Christentum noch etwas besser - solange man sich klar macht, wofür der späte Elvis stand.

14.12.06

Das Bogart-Theorem

"Der Name steht als Abkürzung für die durch einige klassische Filme mit Humphrey Bogart geleistete Apologie des zweideutig guten Menschen (...). In seiner allgemeinsten Form besagt das Theorem, dass der gute menschliche Charakter, der deutliche Züge eines bösen menschlichen Charakters enthält, besser ist als derjenige menschliche Charakter, der diese Züge nicht enthält.

(...)

Echte moralische Motivation (...) ist etwas ganz anderes als reine moralische Motivation: Wer den Geboten der Moral nur um dieser Gebote willen gehorcht, gehorcht der Moral nur, anstatt freies Subjekt seines moralischen Handelns zu sein.

(...)

Auch der Bogart-Typus widersteht der moralischen Konvention, und auch er weigert sich, die Verbindung der Moral und dem Belieben zu vergessen. Auch bei ihm hat es das erste Wort. Nur nicht das letzte. (...) Sein Belieben ist so verfaßt, daß er es nicht ausstehen kann, wenn anderen mit Gewalt die Freiheit ihres Beliebens genommen wird. Deswegen rafft er sich nur, wenn es sein muß, zur riskanten moralischen Handlung auf. Aus Gründen der Selbstachtung bleibt ihm nichts anderes übrig.

(...)

Eine Theorie der Tugend, die sich aus an dem aktuellen Tugend-Kitsch nicht beteiligen will, kann sich an dieses Ideal halten. Sie erhebt nicht die schöne Seele zum Vorbild, die es zu einer Entzweiung von Pflicht und Neigung gar nicht gebracht hat, sondern den unwilligen Guten, der sich zur auffällig moralischen Handlung erst überwinden muß - der die moralische Tat nicht mit einem Lied, sondern mit einem Fluch auf den Lippen übernimmt."


Martin Seel, Über das Böse in der Moral, in ders.: Sich bestimmen lassen, Frankfurt M. 2002, S. 246 + 250-51 + 252

Eine literarische Lebensbeichte

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Foto: Metroactive Stage

In der Diskussion hier mit Raysi fiel's mir wieder auf: Daß es bestimmte Texte für das je eigene Leben geben kann, die geradezu paradigmatisch sind für ganze Lebensjahrzehnte.

Ich für meinen Teil habe so etwas komischerweise nicht im selben Sinne im Falle der Musik, weil diese viel lebensphasenabhängiger ist - The Cure und Violent Femmes hörte ich einst intensiv, letztere auch immer noch gelegentlich, doch selten . Halte ich trotzdem jeweils auf ihre Art für Riesen.

Das Live-Album von Maze featuring Franky Beverly habe ich hoch und runter gehört, "Joy and pain, sunshine and rain", "Feel that you're feeling"; ebenso das Unplugged-Album von Nirvana oder die frühen Geschichten von Massive Attack. Auch der Saturday Night Fever-Soundtrack war eine Initialzündung, für die ich mich niemals schämen werde. Meine All Time-Favorites sind dann doch eher die Knef, Klaus Hoffmann, Joan Baez, Georgette Dee oder Element of Crime (jetzt verlinkt wieder irgendwer "Gnihihi, die Linken und ihr Musikgeschmack", ein anderer lästert vielleicht über Homos und Gutmenschen, wer's braucht - zudem ich die These aufrecht erhalte, daß manche politische Debatte in der Blogosphäre sich eher in Geschmacks- und Coolness-Fragen erschöpft).

Trotzdem: Vielleicht habe ich einfach eine viel breit gefächertere Musik- als Literatur-Erfahrung, bestimmt sogar - paradigmatisch für das eigene Dasein ist nix von alledem. Das ist bei Büchern ...

... anders. Angesichts der auf einmal allseits sprießenden Einträge über lateinamerikanische Diktatoren kam mir sofort wieder "Der Kuß der Spinnenfrau" in den Sinn. Vielleicht ist die großartige Verfilmung ja bekannt, William Hurt bekam dafür einen Oscar.

Ein linker, politischer Häftling und eine äußerst liebenswerte Mega-Tunte sitzen in einer Zelle zu Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien. Der Homo namens Molina soll, so stellt sich im Laufe der "Handlung" heraus, den politischen Gefangenen aushorchen - er tut's nicht und erzählt stattdessen Filme. Trash-Filme, sogar einen antisemitischen Nazi-Propaganda-Film, dessen Hauptdarsteller Molina gar überwältigend findet. Valentin, der politische Häftling, ist empört. Kann Ästhetik politisch sein? Ewie Frage, im konkreten Fall allerdings sehr leicht zu beantworten.

Es folgen Berichte über den Cat-People-Film und "Die Nacht der lebenden Toten", und während Valentin immer mal wieder schwer gefoltert in die Zelle zurückkehrt und mit vergiftetem Essen fast getötet wird, folgt er Molina zunehmend in die Welten der Pop- und Kitsch-Kultur, öffnet sich der Emotion, der Sehnsucht, dem Traum. Bis zum Ende des Buches fürchtet man, daß Molina die Genossen des Mithäftlings verraten könnte - zu Unrecht ... während Valentin den Leinwandträumen und deren Gehalt zu folgen lernt, politisiert sich Molina.

In den Fußnoten der Festeinband-Version positionierte Manuel Puig, der Autor, Texte über Marcuse und andere Vertreter der Kritischen Theorie, die den Zusammenhang zwischen patriarchal-autoritärer, bürgerlicher Kleinfamilie und der Unterordnung im kapitalistischen System inmitten der allseits verwalteten Welt behandeln. Mein erster Kontakt mit dieser Denkschule.

An das Buch geriet ich nur, weil durch Stadtbüchereiregale schlendernd mich Spinnen-Phobiker der Titel reizte. Das Buch war eine Zäsur; und rückblickend sind doch sehr viele der Themen, die mein Leben seitdem prägten, dort angesprochen - wenn auch in einer mit Knästen in lateinamerikanischen Diktaturen außerordentlich unvergleichlichen Lebenssituation. Die Spannung Pop und Politik ist alles durchdringend und bestimmend für mich gewesen seitdem, und in seiner Konstruktion - fast nur reiner Dialog, in denen die Erfahrung von Medialem als Zitat im Zentrum steht, mit Fußnoten aus Non-Fiction-Werken garniert - verweist er auf zentrale Motive der postmodernen Ästhetik, die ich für haltbar halte.

Nächstes paradigmatisches Buch ist "Die Zeit der Reife" von Sartre. Ein Klüngel von Bohemians kurz vor der Besetzung von Paris durch die Nazis treibt sich durch Nachtlokale und philosophiert vor sich hin, ohne der Dramatik der politischen Lage sich wirklich bewußt zu sein. Da ist eine Nachtclubsängerin und ein Jüngling, der sie liebt - eigentlich ein schwules Klischee. Und Daniel, der sich nicht eingestehen will, Homo zu sein, und sich irgendwann im Kampfe mit sich selbst den Schwanz abschneiden will. Schrecklich auch die Sequenz, da er seine Katze ersäufen will.

Im Mittelpunkt jedoch steht Mathieu, der aus Versehen seine Geliebte geschwängert hat und sich nunmehr auf die Suche nach "Engelmachern" begibt. Dabei ignoriert er völlig, daß Marcelle, seine Geliebte, das Kind behalten möchte. So fixiert auf die "Freiheit von", die auch als Philosophie-Lehrer er lehrt, flirtend mit einer russischen Kindfrau, bekommt er in seiner Bindungslosigkeit das große Drama der Frau, mit der er schlief, nicht mit.

Im zweiten Band, "Der Aufbruch", heiratet dann der schwule Daniel die Schwangere und gibt den treusorgenden Gatten. Die Art, wie Sartre dessen fürsorgliches Verhalten und seine Gedanken, die nur Verachtung für die Angetraute zeigen, gegeneinander montiert, hat mich nachhaltig beeindruckt.

Als damals eh chronisch mißtrauischem Menschen bestätigte mich nicht nur die Negativ-Anthropologie - auch die "Diskussion" zwischen negativer Freiheit einerseits, sich engagieren und Bindung andererseits, die ist bis heute prägend auch für mein Privatleben. Die geschilderte Bohéme fand ich umwerfend spannend, und suchte jene Orte, in denen aktuelle Entsprechungen lebten - das konnte das Subito ebenso sein wie das Toom Perstall, die Wunderbar ebenso wie die ersten 2, 3 Jahre in Schmidt's Tivoli.

Der dritte, paradigmatische Roman war Ecos "Das Foucaultsche Pendel". Den fand ich überragend - wie er den Krimi-Plot anhand all dieser historischen Recherchen sabottierte und auseinandernahm und mir 23-jährigem die eigentlich triviale Mesage eintrichterte, man dürfe das Leben nicht so leben, wie man einen Krimi liest, eben nicht auf Lösungen und Auflösungen hinarbeiten. Da war ich ihm schon dankbar. Wo für mich leidenschaftlichen Krimi-Leser ja eigentlich "Die Morde des Herrn ABC" und - politisch ganz unkorrekt - "10 kleine Negerlein" von Agatha Christie die deepest Cuts waren.

Auch diese furiose Konstruktion der Eigendynamik von Diskursen, denen ihre Urheber irgendwann zum Oper fielen, die hat mich schon umgehauen. Auch wenn's im Buchtitel ein anderer Foucault ist, der das Pendel schuf, steckt der Michel da auch mit drin. Als ich dann an den geriet, traf ich auf das philosophisch-soziologisch-historisch für mich wichtigste Buch, "Überwachen und Strafen". Fast alles, was ich philosophisch denke, selbst Bezüge auf Kant, Luhmann oder Habermas, ist implizit irgendwie auf dieses Buch bezogen.

Im Theater oder der Lyrik, in Film oder TV, auch in der Kunst nicht habe ich keine Äquivalente zur Bedeutung dieser Bücher. Zwar finde ich "Blue Velvet" und "Twin Peaks" bis heute vorbildlich und kann lange für "Sieben" schwärmen, und natürlich ist "Memento" überragend; zwar haut mich der "Hamlet" ebenso vom Hocker wie die Liebeslyrik von Else-Lasker-Schüler oder Gottfried Benns "Morgue"-Gedichte, und der frühe Picasso ist für mich ähnlich wichtig wie Cèzanne.

Aber mit den 4 Büchern - von denen ich drei seit beinahe 20 Jahren nicht mehr gelesen haben - können in Sachen lebensgeschichtlicher Bedeutung keine anderen Werke mithalten ... ein ank an die Autoren.

12.12.06

Subjekt-Objekt und Subjekt-Subjekt-Relation

Damals, mit 16 oder so, da war ich überzeugter Misantroph. Heute ja auch immer mal wieder, damals war's richtig fies. Da witterte ich überall nur Eitelkeit, Selbstgefälligkeit und Lüge.

Dann stieß ich auch noch auf Sartre und sein berühmtes Diktum, daß die Hölle die Anderen seien. Aus dem Stück "Geschlossene Gesellschaft", "Huis Clos", stammt das. Ich hatte, weil wir das Stück dort lasen, im Französisch-Leistungskurs die ehrenvolle Aufgabe, Sartres Philosophie zu referieren - jene des frühen Sartre in "Das Sein und das Nichts.

Jenseits der von den 3 großen H - Heidegger, Hegel, Husserl - übernommenen Begrifflichkeiten ergab sich für mich jene Popular-Version seines Denkens: Jeder Mensch ist ...

... bestimmt durch ein Defizit an Sein - im Gegensatz zu den Dingen, die eben einfach sind, was sie sind, ist der Mensch stets am Werden und hangelt sich irgendwo zwischen bereits Erreichtem und dem, was er sein will, handelnd an Entwürfen und Situationen entlang.

Er ist somit nicht nur frei, zwischen Handlungen zu wählen, sondern auch zu entscheiden, wie er sein will. Das Dumme nur: Er kommt nie an, wird nie wie ein Ding einfach so sein, was er ist. "Der Mensch ist nicht, was er ist, und ist, was er nicht ist" ist die wiederkehrende Formulierung in "Das Sein und das Nichts". Nur daß Sartre "Für-Sich-Seiendes" und nicht Mensch schreibt. Angeordnet auf einer Zeitachse ist dies die Diskrepanz zwischen Faktizität und Entwurf.

Aus Flucht vor der Freiheit und weil das alles so anstrengend und verantwortungsvoll ist, neigt der Mensch jedoch zur Selbsttäuschung ein und redet sich ein, er sei eben einfach so-oder-so, basta. Wie ein Tisch eben grün ist, bin ich z.B. cholerisch, links, rechts, liberal, und kann nicht anders.

Meine ganze Pubertät und darüber hinaus war ich somit stets dabei, die eitlen Autosuggestionen meines Umfeld diagnostizieren zu wollen, ihre Lebenslügen - wurde so für manchen zum berühmten "Blick des Anderen". Jener, und der auch mich zum Objekt der Wahrnehmung eines Anderen macht. Dieses Bild, das er sich von mir macht, ist dann mein eigenes So-oder-So-Sein, nur eben in seinen Augen.

Als Reaktion habe ich drei Möglichkeiten, wieder zum Subjekt zu werden: Entweder ich objektiviere einfach zurück, mache ihn zu meinem Thema. Ätsch. Oder ich mühe mich, sein Bild von mir zu ändern und bleibe so von diesem abhängig. Oder aber ich bin vor allem damit beschäftigt, ihm sein Selbstbild, seine Autosuggestion, so-oder-so unveränderlich zu sein, zu bestätigen, daß er gar nicht dazu kommt, mich zu objektivieren. Eigentlich eine Variante der ersten Antwort.

Das ist implizit ein Sado-Maso-Verhältnis - irgendwer unterwirft immer den Anderen, indem er ihn objektiviert, und der ist dann damit beschäftigt, sich zum Bild des Herren zu verhalten und bleibt so Knecht. Martin Suhr expliziert so in seiner Sartre-Einführung diese Sartreschen Gedanken anhand des Herr und Knecht-Kapitel in Hegels Phänomenologie des Geistes, das auch Marx so nachhaltig inspiriert hat.

Nun gibt es einen anderen Begriff von Hegel, den z.B. Jessica Benjamin und Axel Honneth ausgearbeitet haben: Den der Anerkennung.

In Sartres Vorstellung wäre das ein Modus der wechselseitigen Lüge: Man erkennt einfach das Selbstverständnis des Gegenübers an. Und da es ja sein kann, daß Sartre unrecht hatte, halte ich diesen Modus des wechselseitigen Anerkennungsverhältnisses einfach für eine andere Weise der Intersubjektivität, die statt einer Subjekt-Objekt-Relation eine Subjekt-Subjekt-Relation beschreibt. Man erkennt den Anderen in seiner Wandlungsfähigkeit und seiner Freiheit an.

In der Kindererziehung ist das ein Unterschied um's Ganze: Entweder stützt man die freien Impulse des Kindes, fördert sie und läßt es sich erfinden. Oder man sagt ihm fortwährend, wie es ist und wie es zu sein hat.

Später sind das Alternativen in der Haltung zu Anderen und auch zu sich selbst. Z.B. auch im Umgang mit Vorgesetzten: Einige von diesen neigen dazu, eher das Potenzial ihrer Angestellten auszuarbeiten. Andere konfrontieren mit Negativbildern, und zwar nur diesen. "Niemals anerkennen, was jemand Anderes tut!" ist eine Machtregel, mit der man erstaunlich weit kommt. Kann man umgekehrt auch mit Chefs machen.

Man hält das Gegenüber so an der kurzen Leine: Der ist so damit beschäftigt, sich gegen die Negativ-Bilder abzugrenzen, daß sein ganzes Selbstverständnis von der Relation zu diesen durchdrungen ist - und will ständig beweisen, daß er gar nicht so ist. Oder er ist schlau genug und zieht sich den Schuh einfach nicht an. Anerkennt sich stattdessen selbst. Funktioniert beides im Beruf wie in der Liebe. Fragt sich nur, was moralisch besser ist ...

Für mich war das biographisch schon ein A-Ha-Effekt, die Differenz zwischen Subekt-Objekt und Subjekt-Subjekt-Relation zu begreifen. So konnte ich Sartre überwinden. Andere haben das Glück, sowieso in Anerkennungsverhältnissen aufgewachsen zu sein.

Die Anerkennungsverhältnisse haben freilich die berühmte Grenze: Das Selbstverständnis eines Diktators, der sich legitimiert sieht, im Sinne des Guten, des reinen Machterhalts oder was auch immer Menschen zu töten, z.B., finde ich nur schwer anerkennenswert. Da ist die berühmte Freiheit des Anderen die Grenze.

Schwierig wird es auch, wenn Selbstbild und Handlungen eines Gegenübers in drastischer Diskrepanz zueinander stehen. Dann greift sie wohl wieder, die alte, Sartresche Kritik der Selbsttäuschung ...

11.12.06

Wenn ich würde, wie sie mich sehen ...

Heute hasse ich einfach mal wieder Reiche und stelle ein paar davon an die Wand. Als Welt-Über-Ich ist das ja gewissermaßen meine moralische Verpflichtung, aus der ich immer dieses saugeile Überlegenheitsgefühl ziehe. Aaaaaaaah, das tut soooooooooooo gut. Oder ich knüpfe einfach mal wieder ein paar Amis an irgendeiner Laterne auf.

Mein Fidel-Castro-Schrein bekommt ein paar neue Kerzen, Diktatoren müssen schließlich gefeiert werden. Dabei bemühe ich mich meditierend, mir zu überlegen, wen ich denn heute mal wieder zu irgendetwas Lustigem zwingen könnte. Heterosexualität und Christentum will ich ja eh mit dem Instrumentarium des Antidiskriminierungsgesetzes abschaffen. Dann muß ich noch für ein paar Moscheen spenden, um den Konservatismus zu schwächen.

Und wo votiere ich denn bloß heute mal für den Absolutismus für eine Legistlaturperiode? Ach, irgendein Weg findet sich ja immer bei der totalitär gleichschalteten Linkspresse und dem Staatsrundfunk aus Honeckers und Schnitzlers Geiste. Meine heißgeliebte Antisemitenhorde, die verschafft mir schon ein Podium! Meine Adornos fasse ich nur noch angewidert an, ...

... weil's ja ein Jude war, der den ganzen Tag nix Besseres zu tun hatte, als sich über Hasenscharten lustig zu machen und ein absurd pessimistisches Menschenbild angesichts des Holocaust zu verbreiten, um so Generationen von Studenten zu verblöden.

Dann muß noch meine Begeisterung für das Sozialsystem der Nazis irgendwie raus, und ein paar Öko-Terror-Attentate wären auch mal wieder ganz spaßig. Frisch und beschwingt vom moralischen Rigorismus hetze ich dann noch ein wenig gegen US-Imperialismus, beschmutze verbal das große, ökonomische Erbe Pinochets und fühl mich einfach gut. Und mächtig. Dabei gibt's die doch gar nicht außerhalb der Individuum-Staats-Relation, die Macht ... hmmm, Hauptsache gleich machen. Alle gleich. Gleich, gleich, gleich ...

09.12.06

Von winzigen und richtigen Traumata

Seit Tagen erfreue ich mich an der Vorstellung, eine Schädeldecke aufbrechen zu hören. Fantasiere vor mich hin, wie’s gewesen wäre, hätte ich z.B. eine Hantelstange, ‚ne schwere, massive, dabei gehabt und heftig auf ihn eingedroschen. Oder gar ein Messer – die reine Vorstellung, es in diesen Leib zu rammen wie in ein Steak, die tut so gut … dabei wäre ich ganz real dazu wahrscheinlich gar nicht in der Lage. Zum Glück. Habe halt einfach lebenslänglich Glück gehabt… und gönne mir bei sowas allenfalls eine Fantasie und keine Handlung.

Gut, CS-Gas habe ich mir jetzt trotzdem gekauft. Im Kiosk gleich bei uns um die Ecke. Jenem mit den netten Lesben, die auch in der Frauenkneipe engagiert sind. Nicht erstaunlich, dass es das dort gibt, das CS-Gas. Die sind super. Nicht nur, weil sie meinem Hund immer Frolics geben. Das war die mit Abstand größte Herausforderung in der Erziehung des Tieres, ihr beizubringen, nicht an der Leine zu ziehen, wenn wir uns diesem Kiosk nähern.

Diesen Drecksköter, der meinen Wau-Wau fast getötet hätte, jener, dessen zerstörten Schädel ich mir jetzt so genüsslich vorstelle, den habe ich noch nicht gefunden. Obwohl sich halb Hamburg jetzt nach ihm umhört und ich auch Zeugen habe. Ist schon eine blöde Situation, ...


... wenn sich ein armes, durchgeknalltes Viech , doppelt so groß wie meine Süße, ohne Vorwarnung, ohne jede Drohgebärde in ihr festbeißt. Und sie schüttelt.

Man macht dann seltsame Sachen: Liegt auf fremden Hunden mitten auf der Feldstraße, weil man sie zu Boden drücken will, damit sie vom eigenen Tier ablassen. Das immerhin ist mir gelungen. Greift diesem 60-80-Kilo-Koloss über die Schnauze, damit er sie aufmacht. Auf die Idee, ihm einfach auf die Nase zu hauen, bin ich nicht gekommen. Auch nicht, dass er sich nur hätte umdrehen brauchen, und ich hätte nicht mehr das gleiche Gesicht.

Unseren Retter, einer, der todesmutig die Riesentöle weggetreten hat, habe ich noch nicht mal wahrgenommen in der Situation selbst, von der hinterher eher einzelne Bilder blieben. Da bin ich meiner Süssen schon hinterhergerannt – die hat’s geschafft, zu flüchten, um ihr Leben zu rennen. Und unser Retter sorgte dafür, dass das Monster uns nicht folgte, und ich hab’s nicht mal gemerkt. Man erzählte mir erst später von ihm. Ich brachte ihm dann zum Dank ‚ne Flasche Osborne vorbei und wähnte mich schon ein klein wenig besser aufgehoben in der Welt. In der Situation selbst hatte ich eher das Gefühl, die Umstehenden fühlten sich bestens unterhalten …

Auch er hatte nicht gedacht, dass mein Hund das überlebt hat. Ich habe das in der Situation selbst auch nicht geglaubt, dass sie das überstehen würde. Hat sie aber, ganz erstaunlich. Riesenglück im Unglück. Als Hartz IV-Empfänger hätte ich allenfalls im Falle eines finanzkräftigen Umfelds diese wundersame Rettung durch meine Tierärzte bezahlen können. So was kostet mehr als einen Monatssatz.

Nein, das neue, Hamburger Hundegesetz wird daran gar nichts ändern. Beide Hunde waren angeleint. Nur der Besitzer des anderen konnte den seinen nicht halten. Wahrscheinlich war er schon morgens um 10 nicht mehr nüchtern. Und da’s kein reinrassiger „Kampfhund“ war, hätte auch kein Maulkorbzwang bestanden. Das kommt dabei raus, wenn die BILD-Zeitung dem Gesetzgeber Instrumentarien diktiert, weil deren Chef - so könnte es zumindest gewesen sein – zufällig mal an der Alster in Hundescheiße getreten ist. Der Retter meines Hundes, der hat einen Mastino, und das ist bestimmt ein superliebes Tier, netter als mancher Berner Sennenhund.

Ist aber gar nicht der Grund für diesen Eintrag. Natürlich spaziert man nach so einem Erlebnis erst mal ein wenig traumatisiert durch die sonst so vertraute Gegend. Da brach ganz plötzlich etwas in das eigene Leben, den eigenen Alltag ein, was Menschen meiner Schicht, Herkunft und Einkommensklasse, ergänzt noch durch’s Geschlecht, normalerweise gar nicht erleben. Außer vielleicht beim Autofahren. Und es ging ja außerordentlich glimpflich aus, mir ist rein gar nix passiert.

Und doch: Dann beginnt man sich Gedanken zu machen, was für psychische Dispositionen wohl jene entwickeln, für die das Hereinbrechen von ungleich unvergleichlich Schlimmeren schlicht Alltag ist. Ich hingegen sitz hier jetzt bei gemütlichem Rotwein, höre das Berliner Jazz-Radio, und mein Hund ist fast schon wieder fit.

Aber wie wird man, wenn man täglich auf Tellerminen treten könnte, Angehörigen in Bussen Selbstmordattentäter um die Ohren fliegen könnten, man umgeben ist von Amputierten oder beim Gang durch’s Favella mal eben ein Messer im eigenen Rücken landen könnte? Wenn Leute im Namen von Freiheit und Demokratie Bomben auf das Haus von Freunden werfen oder die eigenen Kinder von den Flammen irgendwelcher Gotteskrieger dem Heiligen geopfert werden? Ich finde da erstaunlicherweise Todessehnsucht gar nicht so unplausibel.

Und jetzt schreibe keiner, ich wolle irgendwas rechtfertigen! NEIN! Ganz im Gegenteil. Ich habe ein ganz, ganz, ganz leises Summen vernommen, dessen Verständnis ich allenfalls erahnen kann. Che hatte neulich noch ungleich konkretere und drastischere Beispiele in seinem Blog. Aber Pinochet ist ja ein toller Typ, weil er von selbst abgetreten ist, nachdem zuvor er half, die Welt vor dem Kommunismus zu schützen … all die Überlebenden und Nachkommen von Folter-Opfern dort, was geht in denen wohl vor? Wurde nicht zudem jüngst versucht, die Arbeit von Beratungsstellen für Folter-Überlebende hierzulande zu diskreditieren? Und ein Arzt verurteilt, weil er ihnen Traumata diagnostizierte? Wahrscheinlich im Kampf gegen die Sozialpädagogisierung der Gesellschaft wurde der verurteilt.

All das ist kein Plädoyer, jetzt lieber loszuheulen, anstatt sich zu überlegen, welches Handeln in Darfur sinnvoll ist. Aber doch eines dafür, sich klarzumachen, worüber man da gerade redet. Und sich, und sei’s auch nur Minuten, vorzustellen, wie’s den Protagonisten dort geht.

Dieser eine, kurze Eingriff hündischer Art in mein Grundsicherheitsgefühl, der wird schnell abheilen wie die tiefen Bisswunden in meinem heissgeliebten Tier . Mir helfen dann Gewaltfantasien über den kurzen Schock hinweg, zudem sie sich zum Glück nur auf einen Hund richten und nicht auf einen Menschen. Aber auch Fantasien im Bezug auf letztere würde ich mir nicht verbieten, lediglich den Übergang zur Tat mit allen Fasern meines Willens. Ich, so satt hier sitzend, so ganz grundsätzlich in Sicherheit, kann ja auch gut vor mich hinfantasieren ...

Aber wie jene in Nordisrael, im Libanon, im Irak, jene potenziellen Opfer von Hindu-Nationalisten oder Streetgangs in irgendeinem Slum sich fühlen, vergewaltigte Frauen oder ständig verprügelte Kinder oder von Nazis massakrierte Punks, wie können die Überlebenden in Ruanda weiterleben oder jene Angehörigen in London und New York oder in Tschetschenien, von den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden ganz zu schweigen.

Was mögen jedoch da, bei jenen, bei denen’s nicht um vergleichsweise lächerliche Hundebisse geht, für Fantasien und Taten folgen, wie zum Teufel gehen die nur damit um?


08.12.06

Werkzeug Kanonenkugel

"Nun hängt freilich alles davon ab, was man hier unter Freiheit versteht. Handlungsfreiheit im Sinne bloßer Abwesenheit äußerer Hindernisse kann nicht gemeint sein, denn dann wäre die abgeschossene Kanonenkugel, die ihr Ziel erreichte, auch frei gewesen."
Herbert Schnädelbach, Kant, Leipzig 2005, S. 79
"Der Begriff, den Männer von ihrer eigenen Körperlichkeit haben, ist ein Resultat einer instrumentellen Einwirkung auf die äußere Natur. Daher sind die Begriffe, mit denen Männer über ihren eigenen Körper reflektieren, oft Analogien ihrer Interaktion mit der äusseren Natur und der Werkzeuge, die sie beim Arbeitsprozeß verwenden. Männliches Selbstbewußtsein (...) ist darum eng verknüpft mit der Erfindung und der Kontrolle von Technologie. Ohne Werkzeuge ist der Mann kein Mensch."
Maria Mies, Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung, Zürich 1990, S. 72

07.12.06

Meine Güte, Herr Wortmann!

Was habe ich mich gestern weggeärgert, als ich "Deutschland - ein Sommermärchen" im Fernsehen sah. Kann ja sein, daß das gemeinsame Kino-Erlebnis diese komplett uninspirierte Montage mit der schlechtesten Musikauswahl der Filmgeschichte kompensieren konnte. Aber wie kann man denn bitte bei derart sensationellem Material, bei dem jeder, der auch nur ein einziges Mal in bewegten Bildern eine Geschichte zu erzählen hatte, vor Begeisterung kollabieren würde, so eine schnarchnasige Erzählweise wählen!

Am schlimmsten dieses affige Piano-Geplänkel oder was das war unter den Spielszenen. Gut, später setzte er dosiert auch Stadion-Atmo und Off-Kommentare ein und ließ die Fahrstuhl-Musik kurz verebben. Vermutlich sich steigernd, am Anfang gar nicht, am Ende mehr davon und dann auch emotionaler, als der Lehmann den Elfer hielt, okay. Aber ...

... warum dieser Pling-Plang ohne auch nur ein Geräusch aus der Stadionkulisse, bei Toren, zu denen halb Deutschland auf dem Sofa stand oder Bierduschen in Kneipen und auf Plätzen regnen ließ? Solche Emotionen muß man zelebrieren und auskosten oder brechen - aber nicht tarnen!!!

Natürlich kann man Stilmittel wählen, um Verfremdungseffekte zu erzeugen. Um das Vertraute Fernsehbild einmal anders erlebbar zu machen. Aber warum dann diese grauenhaften und vor allem nichtssagenden Sounds? Man kann bei der Musikauswahl zur Unterlegung audiovisueller Medien nicht nicht kommunizieren. Da hatte der Watzlawick schon Recht. Man trifft eine Aussage, ob man will oder nicht. Warum hier nun jene der Belanglosigkeit? Was für ein blödes Statement, wenn kurz darauf Philip Lahm vom tollsten Tor seiner Karriere schwärmt, das vorher schlechter montiert war als ein Tchibo-Trailer. Das sabottiert grundlos die Protagonisten, wenn man das so macht.

Überhaupt: Die Figuren tauchten nur immer mal wieder auf. Lustig Poldi und Schweini, altklug der Huth - kein einziger Subplot wurde jedoch genutzt, sie wirklich auszuarbeiten. Die tauchten einfach nur drei mal auf: Kahn wird nicht Torwart, Kahn darf in's Tor, Klinsi dankt. Lahm bricht sich Arm, Lahm schießt ein Tor, Lahm freut sich. Keine kleinen Zwischenschritte, die das reale Erleben der Helden dargestellt hätten, und sei's auch nur in Andeutungen. Nö: Plot Point reiht sich an Plot Point, ohne auch nur im Ansatz eine Hinführung von einem zum anderen zu erfahren.

Der Film glänzt durch die Abwesenheit von Rhythmuswechseln - und das eine Mal, wo mal ein wenig Emotion nicht einfach nur kurz gezeigt wird, sondern modelliert sich findet, geschieht das so plump, als hätte ein VIVA-Praktikant das gebaut - die Niederlage gegen Italien ist gemeint. Die Art, wie die Gesichter im Publikum auf den einzigen, motivierten Musikwechsel gelegt wurden wie Salami-Scheiben auf ein Butterbrot, nee, schrecklich. Dann die einzige Sequenz, wo die Aura des Authentischen mal zelebriert statt nur gezeigt wird, die Kabinenbilder nach der Niederlage, die nicht zufällig gleich zwei mal gezeigt werden - warum nicht mehr davon sondern diese pentrante Suggestion des Beiläufigen?

Diese Aura des Authentischen, des Einfach-so-Dabeiseins, wird der Grund gewesen sein für den Verzicht auf wirkliche Dramatisierung - ödes Nachstellen realer Chronologie ist ja die simpelst mögliche Erzählweise, nur wenn man sich an Daten statt an Gefühlen und Menschen entlanghangelt, ist man nicht mal Chronist. Weil der Akzente wirklich gewichtet wird - Worthmannn deutet dies nur an, arbeitet es aber nicht aus. Den Akzent setzt oft nur der Interviewte, nicht das Modulieren eines Gefühls in der Montage.

Da wird kaum ein O-Ton der Interviewten durch Bilder gestützt, die kamen irgendwann davor und irgendwann danach. Und es ist ein Irrtum, dieser Suggestion des Authentischen sei irgendwie "realer". Bis auf das Geplänkel, diese entsetzliche Musik, ist sie einfach nur verlogen - behauptet sie doch implizit noch die Mögklichkeit des Abbildes, der wahren Geschichte hinter den Kulissen dessen, was der normale Fernsehzuschauer zuvor so alles sah.

Das ist Publikums-Verhöhnung - ehrliche Filmemacher machen im jedem Schritt, den sie filmisch gehen, deutlich und arbeiten heraus, daß natürlich sie selektieren und sie es sind, die die Geschichte erzählen, indem sie Bilder in eine Reihenfolge bringen und bestimmen, wo das In und wo das Out gesetzt wird. Da ist selbst die Knoppsche Schein-Dramatisierung - dessen Produktionen dramatisieren oft gar nicht auf der Ebene der Erzählung, sondern des Musikeinsatzes und der permanenten Vorrausdeutung und so dem Vortäuschen von Spannung - noch wahrer, weil mit jedem Reinactment klar gemacht wird, daß erzählt wird. Und Rohmaterial wurde gestern ja auch nicht gezeigt. Und selbst das ist an Perspektiven gebunden.

Noch nicht einmal mit dem Material, der Handkamera- Optik, wurde konsequent umgegangen. Klinsi wurde zwar zumeist über die Schulter gedreht - ein Rätsel übrigens, daß die Spieler den ernst genommen haben, muß an der Situation "Weltmeisterschaft" gelegen haben -, das kam gut. Aber ansonsten wurde die Handkamera in zumeist klassischen Bild-Kompositionen eingesetzt wie eine ganz normale Video- oder Film-Kamera. Das ist ein Anfängerfehler.

Nur zwei sich wiederholende Momente sind mir aufgefallen, da mit der so einzigartigen Optik wirklich umgegangen wurde: Bei der Poldi- und Schweini-Cam, die kamen super. Und ca. drei Mal beim Einlaufen eines Spielers in das Stadion, wo in heroisierender Perspektive die Einstellung im Gegenlicht sich auflöste, war die Perspektive auch Thema. Auch der berühmte Zettel Lehmanns, bei dessen Zeigen dann die Kamera ewig brauchte, bis sie in Bild bekam, war eine der wenigen Sequenzen, wo mit dem Potenzial des Mediums auch mal gespielt wurde.

Natürlich war das, was gezeigt wurde, sensationell. Auf Poldi wollte man ja am liebsten draufspringen, als der sich da so räkelte. Auch eine der wenigen Szenen, wo dann die Schlüsselloch-Perspektive als Schlüsselloch-Perspektive thematisiert sich fand und diese ganzen boulevardesken Stilmittel, wenn schein-investigative Reporter irgendwelche "Sozialbetrüger" in ihren Wohnungen bedrängen, auch offensiv zitiert wurden.

Aber ansonsten einfach nur die filmische Lüge und Feigheit des "Ich will doch einfach nur zeigen". Da hatte ein Kino-Regisseur Angst vor den eigenen Fähigkeit und ist in die formale Falle getappt. Der 15-Minüter über den Film danach war deutlich besser montiert.

05.12.06

Bleiben wir doch einfach ...

... bei der Kritischen Theorie. Heute ein echter Knaller von Herbert Marcuse:

"So bestand die historische Gültigkeit von Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Individuum gerade in ihrem noch unerfüllten Inhalt - darin, daß sie nicht auf die bestehende Wirklichkeit bezogen werden konnten, die sie nicht bestätigte oder bestätigen konnte, weil sie durch das Funktionieren eben jener Institutionen geleugnet wurde, die diese Ideen verwirklichen sollten. Sie waren normativ - nichtoperationell, nicht wegen ihres metaphysischen Charakters, sondern infolge der in der Gesellschaft institutionalisierten Knechtschaft, Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Herrschaft. Die in der fortgeschrittenen Industriekultur herrschenden Denk - und Forschungsweisen tendieren dazu, die normativen Begriffe mit ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Verwirklichung zu identifizieren oder nehmen vielmehr die Weise, in der diese Gesellschaft diese Begriffe in die Wirklichkeit übersetzt, zur Norm, wobei sie bestenfalls versuchen, die Übersetzung zu bessern; der unübersetzbare Rest wird als veraltete Spekulation betrachtet."
Herbert Marcuse, Bemerkungen zu einer Neubestimmung der Kultur, in ders.: Kultur und Gesellschaft 2, 8. Auflage, Frankurt/M. 1970, S. 157

03.12.06

Beißattacken gegen "Gutmenschen" und eine Hasenscharte

Es gibt ja so Kommentare, über die ärgert man sich tagelang, auch wenn sie in anderen Blogs stehen. Der hier ist so einer:

"Schüler? Die haben ihn nach kurzem Aufenthalt am Institut für Sozialforschung, bei dem sie sich hauptsächlich über Habermas' Hasenscharte und Sprachfehler lustig machten, nach Marburg verjagt."
Es geht um das Verhältnis der älteren Kritischen Theorie zu Jürgen Habermas, mit "die" sind Horkheimer und Adorno gemeint. Ein Thema, das ja eigentlich allerhand hergibt, diese Relation zwischen der Kritik der instrumentellen Vernunft und der Theorie des kommunikativen Handelns. Und dann so ein Kommentar ...

Für die einen ist Habermas seit Veröffentlichung der "Theorie des Kommunikativen Handelns" ein Verräter, ein Depotenzierer kritischen Gedankenguts - und dann seit seiner deliberativen Fundierung des demokratischen Rechtsstaats in "Faktizität und Geltung" eh nur noch ein Denker der Affirmation, ein Staatsphilosoph und eitler Idealist.

Andererseits gibt es wohl kein anderes Werk der deutschen Nachkriegsphilosophie, das so gründlich in die internationale Diskussion sich hineindachte, in einer argumentativ derart komplexen Weise angelegt ist und das so wirkungsmächtig Debatten auslöste. Ausnahme vielleicht Niklas Luhmann, aber der verstand sich als Soziologe. Wobei ich nix über die internationale Rezeption weiß.

Schon in der Methodik - Theoriebildung anhand theoriegeschichtlicher Herleitung - zeigt sich eine wesentliche Differenz zu seinen Frankfurter Vorgängern: Während diese zumeist im Dreieck Kant/Hegel/Marx, angereichert mit Lukacs, verblieben und von diesem ausgehend dann auch gelegentlich heftigen Diskussionen sich stellten, hat Habermas akribisch die angloamerikanische Tradition durchforstet und Anknüpfungspunkte zur Kantischen einerseits, zur Weberschen andererseits ausgearbeitet, so ein in der Tat ehrfurchtgebietendes Werk in die Welt gesetzt. Ein Werk, das man selbst dann zutiefst bewundern muß, wenn man alles falsch findet, was da geschrieben steht.

Alleine die intensive Auseinandersetzung in seinen Aufsatzbänden mit seinen Kritikern, die sich immer am Schluß gesammelt finden, zeigt, daß sein Denken trotz aller gelegentlichen Polemik der Aufklärung und dem kritischen-rationalen Diskurs verpflichtet bleibt. Dies im großen Gegensatz zu jenen, die als vermeindliche Verteidiger eines freien Westens genau diese Denk-Haltungen permanent sabottieren und aus dieser Perspektive glauben, Habermas vergessen zu können.

Und worauf wird Jürgen Habermas reduziert ...

... von einem Kommentator nebenan beim Che? Auf die Hasenscharte. Um Horkheimer und Adorno eins auf die Glocke zu geben.

Das ist immer die gleiche Strategie, die mich wahnsinnig macht: Bei Sartre quiekt man wahlweise "Stalin" oder "Castro", bei Foucault kreischt man "Iran", bei Grass "SS", und jedes weitere Nachdenken hat sich erledigt. Zum Kotzen. Was soll diese rhetorische Seminar-Agitation eigentlich, die jener der K-Gruppen von einst ähnelt, die jede differenzierte Auseinandersetzung niederbrüllten? Das wirkt zudem immer wie diese PR-Schlachten in den USA, wo dann in den Biographien von Personen schmutzige Wäsche gesucht wird, um nicht mehr über die Sache selbst reden zu müssen. Und da man bei konsequent anti-totalitären, jüdischen Exilanten nix anderes findet als Albert/Poppersche Flachköpfe, muß man halt auf ein vermeindliches "vor allem" lästern über Hasenscharten auskramen.

Immerhin wurde noch mal kurz recherchiert, wie denn das war mit dem Horkheimer und dem Adorno und dem Habermas, aber nur, um wiederum in denunziatorischer Absicht Wahres mit Falschem zu verrühren:

"Promoviert hat Habermas übrigens in Bonn. Ab 1956 war er dann in Frankfurt Assistent, allerdings nicht von Horkheimer, sondern von Adorno ans Institut geholt. Auf Betreiben Horkheimers wurde ihm drei Jahre später die Habilitation verweigert, weshalb er diese bei Abendroth in Marburg erlangte. Und beide, Horkheimer und Adorno, meinten, daß Habermas als akademischer Lehrer keine Zukunft habe. Das alte Thema, Hasenscharte und Sprachfehler und so."
Der Anfang ist richtig, die Pointe meines Wissens so ganz und gar nicht, und auch sonst war's komplexer - und ich gehe davon aus, meine Quellen trauen zu können. Vielleicht gibt's auf universitären Fluren andere Versionen, kann ja sein - Habermas selbst hat jedoch die folgende Darstellung in einem Interview bestätigt (Interview mit Jürgen Habermas in: Geist gegen den Zeitgeist, HG: Josef Früchtl und Maria Calloni, Frankfurt/M. 1991, S. 47 ff.).
"Adorno, der stolz auf ihn war, hätte ihn auch gerne habilitiert. Aber Horkheimer machte - wie ein König im Märchen, der seine Tochter nicht herausrücken will - zur Bedingung, Habermas müsse erst eine Studie über Richter machen. Die hätte ihn drei Jahre gekostet. Er kündigte - und Horkheimer hatte sein Ziel erreicht: den loszuwerden, der seiner Ansicht nach die Mitarbeiter des Instituts zum Klassenkampf im Wasserglas aufgewiegelt hatte und von dem er gesagt hatte: "Wahrscheinlich hat er als Schriftsteller eine gute, ja glänzende Karriere vor sich, dem Institut würde er großen Schaden bringen." (Horkheimer-Adorno, 27.9. 58)."
Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, 3. Auflage, Frankfurt/M. 1991, S. 617

Einer der Anlässe zur Auseinandersetzung war Habermas' Einleitung zu einer Studie mit dem Titel "Student und Politik", an der er gemeinsam mit Adorno gearbeitet hat - zu links. Sowie dessen Aufsatz "Zur Philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus", aufgrund dessen Horkheimer dringend die Entfernung Habermas' vom Institut für Sozialforschung empfohlen hatte.

"Dessen Plädoyer für die für die Ablösung der autonomen Philosophie durch eine Geschichtsphilosophie in praktischer Absicht, die auf ihre Aufhebung in kritisch praktischer Tätigkeit bedacht war, arbeite der Diktatur und dem Untergang der letzten Reste bürgerlicher Philosophie in die Hände. "Das Wort Revolution ist, vermutlich unter Ihrem Einfluß, durch "Entwicklung der formellen zur materialen, der liberalen zur sozialen Demokratie ersetzt; aber das "Potential", das dabei politisch wirksam werden soll, dürfte, für die Phantasie des durchschnittlichen Lesers, wohl kaum durch demokratische Methoden sich aktualisieren lassen. Wie soll denn das Volk, das "in den Fesseln einer ... bürgerlichen liberal-rechtsstaatlichen Verfassung gehalten wird", in die sogenannte politische Gesellschaft übergehen, für die nach H. die Zeit "längst reif" ist, wenn nicht durch Gewalt. Solche Bekenntnisse im Forschungsbericht eines Instituts, das aus den öffentlichen Mitteln dieser fesselnden Gesellschaft lebt, sind unmöglich." (Horkheimer-Adorno, Montagnola, 27.9.58)."

Rolf Wiggershaus, a.a.O., S. 615

Dann ist die gesamte konsiberale Blogosphäre also nix als ein Lästern über Hasenscharten?

Pikant ist in der Tat, daß der weitere Verlauf des Habermasschen Denkens tatsächlich wirkt wie ein Reagieren auf eben diese Kritik Horkheimers. Nicht minder bemerkenswert ist's nichtsdestotrotz, und das ist der Grund, diesen ansonsten allenfalls für Insider relevant erscheinenden Eintrag überhaupt zu schreiben, wie Adenauer-Deutschland funktionierte: Mittlerweile gilt es ja - habe ich irgendwo im Umfeld der Grass-Debatte gelesen - im Zuge dieses eklig gegenaufklärerischen Gegen-68 schon als ausgewiesenes Nazitum, wenn jemand die Adenauer-Jahre als "miefig" bezeichnet. Insofern ist dieses Auseinandersetzung zwischen dem frühen Habermas und Horkheimer nicht inaktuell, tauchen in ihr doch Motive auf, die heute ganz ähnlich diskutiert werden.

Mit Sicherheit sind die Adenauer-Jahre im Nachhinein eigens zu betrachten, nichtsdestotrotz hat Horkheimer schlicht und ergreifend auch aus Angst gegen Habermas gehandelt. Es war die Zeit des KPD-Verbotes, und der Mann hatte sein Institut durch das "Dritte Reich" gerettet, indem er es in's Exil verlegte. Und sah dieses, sein Lebenswerk, nun akut gefährdet, wenn zu links es sich gebährdete. Habermas merkte rückblickend dazu an:

"In Frankfurt genoß Horkheimer eine große Reputation; er war auch darauf bedacht, politisch nach allen Seiten hin gute Kontakte zu behalten. Wir Assistenten am Institut waren von seinen politischen Ansichten, z.B. zum Algerienkrieg oder zur Frage der Wiederaufrüstung, nicht gerade begeistert. Auch sein öffentliches Auftreten und seine Institutspolitik erschien uns fast schon als Ausdruck einer opportunistischen Anpassung, die nicht im Einklang stand mit der kritischen Tradition, die Horkheimer doch verkörperte. Ich habe aber meine Meinung über Horkheimer auch geändert, als ich posthum die Tagebucheintragungen aus jener Zeit las. Daraus geht hervor, daß Horkheimer nach seiner Rückkehr aus den USA eine durch und durch gespaltene Existenz geführt hat. Er war ein schonungsloser Beobachter und scharfer Analytiker jener falschen Kontinuität, die für die Adenauer-Zeit so charakteristisch war; aber die Angst, in der er lebte (...), hat ihn eine Fassade aufrecht erhalten lassen, hinter der er wie auf unausgepackten Koffern saß."
Interview mit Jürgen Habermas, a.a.O., S. 48

Bemerkenswert, daß nun gerade jene, die aktuell mit Vorliebe den "moralischen Rigorismus", mit dem Habermas und andere diese Kontininuitäten angriffen, diese Kriktik selbst als Kontinuitätslinie behaupten, nicht jedoch das restaurative Handeln der echten Alt-Nazis und das Fortwirken von Strukturen und Mentalitäten. Daß also gar nicht Alt-Nazis und institutionelles Fortwirken Spuren, mal weniger, mal sehr viel mehr, des Nazismus enthielten: Nö, mittlerweile ist's ja trendy, die Kritik an Nazis für den wahren Nazismus zu halten. Innenpolitisch. Außenpolitisch gilt das Gegenteil. Während Guido Knopp vor 3 Millionen Zuschauern Adenauer für die großartige Integrationsleistung feiert - und damit meint er dann nicht die Westbindung, sondern jene der Nazis in die neue Republik.In diesem Kontext müßte dann die Habermas/Horkheimer-Kontroverse aktuell diskutiert werden.

Bemerkenswert zudem, daß genau jene, deren Umfeld solche Thesen dann bejubelt, nun gleich den ganzen Themenkomplex auf eine Hasenscharte reduzieren wollen. Um dann auch noch das "pessimistische Menschenbild" jüdischer Emigranten unmittelbar nach dem Holocaust zu geißeln. Ohne Worte.

Leben in zwei Wahrheiten, wie Horkheimer es in der restaurativen Adenauer-Ära führte - das gab's auch in der DDR. By the way. Und nicht minder interessant ist die Hochachtung des "Opfers", jene, die Habermas seinen ehemaligen Vorgesetzten zollte - nicht nur das Überdenken der Meinung zu Horkheimer, sondern auch die Verbeugung vor dem Genie Adorno:

"Adorno hatte eine Präsenz des Bewußtseins, eine Spontanität des Gedankens, eine Kraft der Formulierung, die ich nie zuvor oder seitdem gesehen habe. Den Adornoschen Gedanken konnte man ihren Entstehungsprozeß nicht ansehen; sie traten gewissermaßen fertig aus ihm heraus - das war das Virtuose an ihm. Er hatte auch nicht die Freiheit, unter sein Niveau zu gehen; er konnte die Anspannung des Gedankens nicht für einen Moment aussetzen. Solange man mit Adorno zusammen war, war man in der Bewegung des Gedankens. Adorno war nicht trivial, es war ihm auf schmerzhafte Art versagt, trivial zu sein."
Interview mit Jürgen Habermas, a.a.O., S. 51

Wichtig auch Habermas' eigene Darstellung jener Motive der Älteren Kritischen Theorie, die er zu reformulieren und fortzuschreiben sich zur Aufgabe machte:


"Die Strukturen einer Vernunft, auf die Adorno nur anspielt, werden der Analyse erst zugänglich, wenn die Ideen der Versöhnung und der Freiheit als Chiffren für eine wie auch immer utopische Form der Intersubjektivität entziffert werden, die eine zwanglose Verständigung der Individuen im Umgang miteinander ebenso ermöglicht wie die Identität eines sich zwanglos mit sich selbst verständigenden Individuums - Vergesellschaftung ohne Repression. Das bedeutet einerseits einen Paradigmenwechsel in der Handlungstheorie: vom zielgerichteten zum kommunikativen Handeln; andererseits einen Wechsel der Strategie beim Versuch, den modernen, mit einer Dezentrierung des Weltverständnisses möglich gewordenen Rationalitätsbegriff zu rekonstruieren. Nicht mehr Erkenntnis und Verfügbarmachung einer objektiven Natur sind, für sich genommen, das explikationsbedürftige Phänomen, sondern die Intersubjektivität möglicher Verständigung."

Jürgen Habermas, Theorie des Kommunikativen Handelns, Bd. I, S. 524 - 525, Frankfurt/M. 1988

"Gutmensch" höre ich's da rufen. Naiv. Idealistisch. Elfenbeinturm. Nur: Wer sich darauf nicht einläßt, hat auch keine Perspektive, aus der er das Lästern über Hasenscharten kritisieren könnte ...und lästert so im Geiste mit.

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