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ICH WILL DISSONANZEN!!!

"Meine Theorie, daß alle musikalische Form sedimentierter Inhalt ist, muß für die Reproduktionstheorie fruchtbar gemacht werden. Aber das nächstliegende: die Reproduktion müsse den sedimentierten Inhalt erwecken, wäre viel zu grob. Einmal ist der Gehalt der Musik nicht jener Inhalt, sondern viel eher der Prozeß der Sedimentierung; und dann wäre sie jenes Inhalts auch gar nicht mächtig. Vielmehr müßte die Reproduktion, als ein Vollzug, der immanenten Historizität der Komposition – die selber ein kodifizierter Vollzug ist – habhaft werden; ja hier liegt eines der Zentralprobleme von Interpretation überhaupt."

Th. W. Adorno (2005): Zu einer Theorie musikalischer Reproduktion. Frankfurt a. M.

Diese allseits präsente Harmonie ist ja kaum zu ertragen. Alle haben sich lieb. Weihnachten ist schon seltsam - versucht man sowas in Familien, brennt nach dem zwölften Aquavit der Tannebaum. Wie war noch diese Böll-Geschichte mit dem "Frieden!"-Engel?

Wohin man auch hört - allseits akustischer Schleim: Im Radio, im Kaufhaus, im Fernsehen, beim Vorbeigehen auf Weihnachtsmärkten, solcher, der in Ohren dringt, Hirnwindungen verklebt und puderzuckert. Nein, Rayson und Balou, euren Dialog will ich damit wirklich (!) nicht vergleichen. Aber doch darauf hinweisen, daß Wert eben keine Frage der Verknappung, sondern der Erfahrung ist - z.B. jener von Musik.

Warum also keine Weihnachtstrommeln? Aber nein, anstatt in Euphorie und Ekstase sich im Schein des Wintersonnenwendenfeuers aneinander zu reiben und ein paar Hexen oder wenigstens Diktatoren zu verbrennen, sind jetzt selbst wirklich gern gemochte Gegen-Linke-Teilzeitfastpöbelblogger auf meine musikalische Linie eingeschwenkt. Wobei ich hier doch die Anekdote loswerden muß, daß eine werte Kollegin mal allen Ernstes behauptet hat, Johnny Cash könne man doch nicht hören, weil der für den Irak-Krieg gewesen sei. Das sind die Momente, wo ich die gebloggte Agitation gegen links auf einmal aus vollstem Herzen nachvollziehen kann ... aber in solche Wunden legt ja leider keiner den Finger.

Und anstatt angesichts des Werkes Johnnys des Großen kontrovers zu diskutieren, ob denn jene in St. Quentin, vor denen Johnny Cash einst Konzerte gab, völlig zu Recht eingekerkert wurden, weil sie ja am Eigentum Anderer sich vergriffen haben, oder ob's nicht wahlweise Opfer des Kapitalismus oder Rassismus oder von beidem sind, wofür ja einiges spricht, nö, nix da - darauf, daß man mit Glauben ja was anfangen könne, wenn man den Cash hörte, wird ausgewichen. Na, super, es weihnachtet. Langweilig. Heißen doch die drei Regeln für eine gute Dramarturgie: Konflikt, Konflikt, Konflikt, wenn man einen verdammt guten Roman schreiben will ...

Irgendjemand hat in Die Zeit mal behauptet, dieser Wiederaufgußvon Highway Oldies, die der Cash da reproduziere, sei einfach nur öde - dem stimme ich zwar nicht zu, aber sowas von gar nicht zu, ...

... interessant ist dennoch, vergeicht man das Prinzip des Wiederaufgußs mit dem, was Adorno oben über Reproduktion schreibt.

Und da kann man, glaube ich, schon guten Gewissens behaupten, daß dieser akustische Weihnachtsschleim, der allerorten die Sinne betäubt, dem nun gerade nicht gerecht wird - 2006 Jahre Erfahrungen und heidnische Traditionen darüber hinaus müßten sich doch eigentlich niedergeschlagen haben in der musikalischen Untermalung dieser dunkelsten Phase im Jahr, da mit Lichtern man den Tod vertreiben will, den Ostern man dann endgültig zu überwinden trachtet.

Beim Bach-Hören - ist ja auch schon eine Weile her, daß er komponierte - spürt man diese Wucht der Historie, der gelebten Glaubenserfahrung - zum Ritual geronnene Aufführungen des Weihnachts-Oratoriums sabottieren dennoch nur dessen Gehalt, weil sie gar nicht aufspüren wollen, was die Bachschen Formen als sedimentierte Inhalte im Vollzug des Sedimentierens so alles in sich tragen an Historizität.

Das hat viel mit Johnny Cash zu tun, ist dessen Spätwerk doch nix anderes als eine teilweise überragende Orgie von Coverversionen, die melancholisch und weltweise Vergänglichkeit zelebriert - in den Tat macht er in seinen Versionen von "Hurt" oder "
Personal Jesus" gerade durch Harmonisierung des potenziell Verstörenden
die Spannung, ja die Dissonanz eines ursprünglichen Erfahrungsgehalt fühlbar, ohne ihn einfach so zum Leben zu erwecken, indem er ihn durch Interpretation transzendiert (Rick Rubin sei Dank) - und macht somit genau das Gegenteil dessen, was als die "Last Christmas I give you my heart" und Bing Cosby-Hörer, all die Weihnachten-Nach-Hause-Fahrer gerade vermeiden wollen, indem sie im Immergleichen schwimmen und sich gegen Erfahrungen vortrefflich wappnen.

Die sedimentierten Inhalte, die als Form den Prozess des Sedimentierens zugänglich machen in der Mimesis, die der je eigenen Historizität dabei Tribut zollt - das ist nicht zuletzt auch eine Haltung zum Anderen, die dann Dissonanzen realer spürbar und die Erfahrung des Anderen erst möglich macht.

Und vielleicht ist's aktuell gerade jene Erfahrung, die im materialen Harmonievollzug sich zeigt - und gerade nicht im Einig-Sein und Gemeinschaft stifften, die Weihnachten so öde mach und deren Gegenteil darstellt. Das sind dann zwei Formen der Harmonie, Umgang mit Material als historischem einsersetis und Wiederholung des Unwiederholbaren andererseits - wichtig scheint mir jene Harmonie, die als historisierte so ungleich spannungsreicher ist als alles Punk-Geschrammel, alle Elektro- und Gitarrenorgien mit Lärm-Appeal, alles noch so virtuose Freegejazzze, das als pure Negation dem verhaftet bleibt, das es zu übersteigen versucht und deshalb oft nur auf der Stelle tritt. Und zu denen gehört JohnnyCash ja gerade nicht hinzu, zelebriert er doch unter anderem das eigene Denkmal und eine ganze Tradition, ohne sie schlicht zu negieren.

Und vielleicht kommt es nur darauf an, wie man es hört, das Formal-Harmonische - um zu spüren, welches Material sich vollziehen ließ, anstatt nur Schöner Wohnen in Musik nachzuleben, bis man bricht: Als Ritual, das lange schon nicht mehr auf das verweist, wofür es stand.

Deshalb höre ich nur noch das neue Take That-Album. Und Bat out of Hell III. Das ist wohl kontroverser und sogar dissonanter aktuell, als demonstrativ die Christbaumkerzen mit Broken Social Scene zu unterlegen oder analoge Rituale der allenfalls scheinbaren Subversion zu pflegen, um sich genau dadurch dem Zeichen ohne Verweis auf anderes als sich selbst zu verschreiben, zu dem Weihnachten längst geronnen ist.

Hört man jedoch genau hin, welche Erfahrungen es sind, die in den Formen des Take That Albums- und der Inszenierung von Monumentalität des Meat-Loaf gerade nicht zum Leben erweckt werden, dann ahnt man wenigstens, daß die Postmoderne auch nicht nur doof war. Außerdem ist Historizität ja immer auch die je eigene. Und gemeinsam mit alten Helden bewegt es sich allzu gut hinzu auf eine Ontologie des Noch-Nicht-Seins ...

Läßt man sich ein auf solcherlei Erfahrung, dann versteht man, behaupte ich, sogar das Christentum noch etwas besser - solange man sich klar macht, wofür der späte Elvis stand.

Kommentare

Take That und Meat Loaf? Okay, Du wolltest Dissonanzen, hier hast Du sie: DAS IST DRECK! ;-)

Mal ehrlich, Meat Loaf steht doch nun wirklich für das Peinlichste in der populären Musik. Nämlich für den Versuch, durch pompöse Opern- und Operettenanleihen künstlerisch wertvoll wirken zu wollen. Das funktioniert schon bei intellektuellen Art-Rockern nicht, bei diesem ganzen Pink-Floyd- und Genesis- und Dire-Straits-Zeugs, bei diesen zwanzig Minuten langen, todlangweiligen Liedern.

Damit will ich nicht sagen, daß lange Lieder prinzipiell nicht wirken können. Es kommt selten vor, aber manchmal gelingt es. "Weekender" von Flowered Up war so ein Beispiel, oder die neunminütige "Fools Gold"- Version von den Stone Roses. Aber eigentlich ist Popmusik immer nur dann gut, wenn schöne Melodien und die richtige Einstellung lässig hingerotzt werden, in so um die drei Minuten. Es darf nicht angestrengt klingen. Aber Meat Loaf, Pink Floyd etc. -- das ist Anstrengung und Kunst wollende Verkrampftheit pur. Wie wunderbar ist verglichen damit das erste Album der Libertines! Oder "Rocket to Russia" von den Ramones...

Ich komme von einem (zeitlich etwas verfrühten) Jul-Ritual. Verbunden mit etwas, was man durchaus als Familientreffen oder Treffen guter Freunde bezeichnen kann. "Enttäuschend" harmonisch. Fast schon spießig-familär. Sogar Kinder waren dabei.

Nein, wir haben uns nicht in Euphorie und Ekstase im Schein des Wintersonnenwendenfeuers aneinander gerieben. Dazu ist Jul schlicht der falsche Anlaß. Die Zeit gerinnt in den 12 Raunächten. Und die "Wilde Jagd" stürmt durch die Nacht.
Es ist Zeit, langsamer zu machen. Und unsere Jul-Rituale sind deshalb eher ruhig. Und jedes Jahr neu und anders inszeniert - ja, tatsächlich inszeniert! Das Theater ersprang dem Ritual, denke an die Satyrspiele bei den ollen Griechen.
Die Raunächte sind eine Zeit der Ruhe und des gemeinsamen Feierns und Redens - bei Met und Wein, bis in den frühen Morgen. Ohne Erwartungsdruck in Richtung: Habt Euch gefälligst lieb, es ist Weihnachtszeit!

Jul ist das Fest der Ruhe, die Zeit, in der sich weder Rad noch Spindel drehte. Die ruhige Zeit.
Weshalb ich die Weihnachtshektik so paradox finde. Das Ideal ist noch (manchmal) anders: "Stille Nacht, heilige Nacht". Ein Lied, das für *eine* Gitarre geschrieben wurde. Das unter bombastischem Wohlfühl-Kitsch genau so jämmerlich eingeht wie auf dem hektischen Weihnachtsmarkt.
(Weihnachtsmärkte finde ich ja in Ordnung. Solange man sich ihres Jahrmarktscharakters bewußt ist. Was Weihnachtsmärkte und Weihnachtsfeiern unerträglich machen kann sind (neben kommerzieller Verflachung und Beliebigkeit) die übergroßen, überhöhten Ansprüche. Hey, wer sich auf einem Jahrmarkt über Jahrmarktsstimmung aufregt und mehr "Innigkeit" verlangt, oder mehr "tieferen Sinn" auf eine Firmen-Weihnachtsfeier, der ist schlicht am falschen Ort!
Anders bei Bachs Weihnachts-Oratorium. Es zu hören, streng an, wühlt auf - wenn man sich darauf einläßt. Vielleicht deshalb das bemüht "festliche" Rahmenprogramm, die "feierliche" Inszenierung. Im Englischen gibt es ja diese Redensart: "Don't gild the lily". Die Über-Inszenierung bekommt Bach überhaupt nicht. Immerhin ist er so kraftvoll, dass er es überlebt. Die zarten Pflänzchen der traditionellen Weihnachtslieder überleben es nicht.
Nicht gegen Pomp und Glitter zur Weihnacht. Aber alles hat seine Zeit, seinen Raum. Denn Pomp und Glitter sind *nicht* harmonisch!

Cash gab jene Konzerte in St. Quentin, obwohl er sich wahrscheinlich sicher war, dass viele, die da saßen, zurecht dort saßen. Weil es ihm um die Menschen ging. Die er so nahm, wie sie sind, nicht so, wie sie gefälligst zu sein haben.
Nach allem was ich weiß, ist er auch er Frage, ob nicht viele der Gefangenen auch Opfer des Kapitalismus oder des Rassismus sind, keineswegs auswich. Cash gehörte zu jenen, die Fragen stellten, nicht zu jenen, die (allzu bereitwillig) Antworten zu geben versuchten.

Ein sehr religöser Musiker. Der nicht von ungefähr in einem "Columbo"-Fernsehkrimi einen Sänger spielte, der seine Frau, die seine Musik für christlich-fundamentalistische "Mission" und für Abkassiererei im Namen des Glaubens misbrauchte, umbrachte. Die Sympathien - auch die Columbos - waren ganz klar auf der Seite des Mörders ...

"Aber doch darauf hinweisen, daß Wert eben keine Frage der Verknappung, sondern der Erfahrung ist - z.B. jener von Musik."

Das ist nur eine Frage der Reihenfolge. Schick mal die von dir hochgeschätzte Musik in die "Heavy Rotation", in Fahrstühle und Kaufhäuser, und dann sehen wir weiter...

Will sagen: Was individuelle Werte bestimmt, will ich gerne als Black Box betrachten. Aber sobald die Interaktion mit anderen einsetzt, kommt die Knappheit unweigerlich ins Spiel. Natürlich nicht so hart wie bei materiellen Dingen, aber störend genug.

Schöner Text und schade zugleich, dachte immer Du seiest einer der wenigen Kollegen die mich zu Lesen verstehen.

Du willst Dissonanzen? Dir kann geholfen werden aber erst nach Weihnachten. Dann werd ich halt Sole anstelle von Wasser nehmen wenn ich die Wunden meiner Liberalen Kollegen kühle - versprochen. Aber beschwer Dich nicht wenn dann bei Dir die Bude brennt.

Ach ja, da war noch was mit Musik, die ich zu oft nur konsumiere, mit wenigen Ausnahmen so wie jetzt: Witthüser und Westrupp, Nimm doch einen Joint mein Freund. Bin halt im Herzen ein Traditionalist.
Sollten wir uns vorher nicht mehr lesen so wünsche ich Dir ein wunderschönes, friedliches und beschauliches Weihnachtsfest sowie 10 bis 11 Aquavit.
So, jetzt werde ich Deinen Text nochmals ganz genau lesen vielleicht hab ich ja noch was überlesen.

@Alle:

Sorry, daß ich erst jetzt zum Freischalten kam! Irgendwie landet im Moment alles im Junk-Ordner, auch meine eigenen Kommentare, und da ich gestern in Berlin war, konnte ich erst so spät freischalten!

@Statler:

Sehe ich alles fundamental anders!

Glaube auch nicht, daß man - nimmt man den Adorno da oben ernst - die alte Punk-Philosophie und die Pop-Theorien, die darauf folgten, einfach so ins Jetzt übertragen kann. Ich glaube ja im Gegensatz zum Che schon, daß die Tempo ihre Berechtigung hatte, aber eben nur zu ihrer Zeit. Du aktualisierst 1 zu 1 Sedimente, sozusagen.

Meat Loaf ist eine hochkommerzielle Inszenierung, eher sowas wie Musical, hat aber auch mit Pink Floyd z.B. nix zu tun (die kann ich auch nicht ausstehen - wobei "Another brick in the wall" doch eigentlich eine Hymne auf die Negative Freiheit singt?).

Meat Loaf ist seit der Rocky Horroy Picture Show einfach etwas ungeheuer Lustvoll-Leidenschaftliches in immer schon ironisierter Form. Anfangs, auf Bat out of hell 1, da war das die geballte Komik der Pubertät, die dann auch immer mal in wahren Pathos umbricht, nachdem das Album sich zuvor genau darüber lustig macht.


Und auf den anderen Alben inszeniert er dann sehr verspielt andere andere Horror- und Popkultur-Mythen wie Beauty & the Beast und jetzt eben das Biest als solches.

Monumentale, fast orgienhaft arrangierte, opulente Epen darüber, daß im Lande der Schweine der Schlachter König sei, und zum Schluß grunzt es noch mal kurz, sorry, das hat nun wirklich nix mit Art-Rock-Fantasien zu tun, das ist ziemlich lustig und außerordentlich virtuoser Umgang mit dem popkulturellen Archiv. Habe den zwei Mal interviewt, der lacht sich die ganze Zeit schlapp über sich selbst. Ist ein Darsteller, kein Sich-Selbst-zum-Ausdruck-Bringender.

Aber selbst Emerson, Lake & Palmer waren besser als ihr Ruf, von Can oder Supertramp - ja, da liegen Welten zwischen, sind aber Artrock-Spielarten - ganz zu schweigen.

Rufus Wainwright ist auch so einer, der das macht, was Du schrottig und "peinlich" findest, und der läßt aktuell wirklich annähernd alle anderen Songwriter weit hinter sich. Es kann auch ästhetisch nicht wahr sein, daß eine Längenvorgabe Qualität hervorbringt, das am Rande, und es gibt schließlich ästhetische Wahrheit.

Zudem ich ja beruflich allerlei mit so Berufscrediblen zu tun habe - nee, deren Verkrampfheit und deren Geschmacksdiktate (übrigens ein Paradebeispiel sowohl für Bourdieus soziales Kapital als auch für Prozesse sozialer Kontrolle, die sich dem "Zwang wird auf ein Individuum ausgeübt"-Schema entziehen, also für produktive Formen der Macht) ziehe ich dann tatsächlich das Genießen eines Take That-Albums vor. Das ist viel ehrlicher als vieles aus der Indie-Ecke. Und peinlich ist mir eh nix mehr. Das fände ich auch im engeren Sinne unfrei.


@Martin:

Ich meinte gar nicht Asastru, stellte mir Weihnachten nur einfach mal anders vor, um diesen Schleim aufzulösen. Und gegen Cash wollte ich auch wirklich nix gesagt haben. Sollte eher ein Gewitzel über sonstige Diskussionen in der Blogosphäre sein ... bei dem bin ich echt Fan, bei Johnny Cash.

@Balou:

Ich habe mich gefreut über Deine und Raysons Einigkeit! Ich fand es eher lustig, daß das mein Unterhaltungsbdürfnis dann gar nicht mehr befriedigte, insofern ist das oben - der Einstieg - schlicht Selbstkritik. Ist ja ein doofer Mechanismus.


Ins Ästhetische transformiert als Dissonaz verstanden dann aber ungemein wichtig! Das sind aber viele Zwischenschritte, gedanklich, von einer politischen Diskussion dahin.

Witthüser und Westrüp kenne ich nur dem Namen nach :-( ... und keine Angst, um Verständnis bin ich weiter stets bemüht! Und auch Dir ein ganz frohes Fest!!!!


@Rayson:

Klar, so gesehen ist das auch wieder richtig, deshalb kann man sich ja Musik auch überhören, und Partnerschaften gehen auseinander, wenn die immer nur zusammen rumhängen, die Partner ...

Das kann aber nicht die ganze Wahrheit sein, dann wäre ja die DDR ein Traum gewesen in bestimmten Hinsichten.

Wobei, jetzt mal mich selbst in Gefahr begebend, auf die Nase zu kriegen: Als ich mal intensiver zur Jugend in der DDR zu recherchieren hatte, da dachte ich schon manchmal: Mönsch, so einem Sex-Pistols- oder Joy Division-Tape, irgendeinem Radio-Mittschnitt, so hinterherjagen zu müssen, das war doch viel abenteuerlicher als wie bei uns einfach in den Laden zu spazieren. Und da war ich kurz neidisch. Aber nur ganz kurz, wenn ich dann an Mauertote und Bautzen und "Führer Ex" dachte ...

Individuelle Erfahrung ist auch keine Frage der Blackbox, übrigens. Das am Rande. Ich muß hier unbedingt mal das Privatsprachenargument referieren ...

@MR:
Asatru-Jul und die Rauhnächte sind tatsächlich ein gutes Mittel, um den Weihnachtsschnulzenschleim zu lösen. Zwar keine Anti-Weihnacht, aber wenigstens eine Alternative. (Nein, ich will nicht missionieren.)
Nee, ich habe es immer so verstanden, dass Du Cash schätzt.
Pink Floyd ist so ´n Sache, weil ich Psychedelischem gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen bin. Aber es stimmt, irgendwann war ist es nur noch langweilig.
Wobei: zu seiner Zeit, in der 70ern, da war Art-Rock einfach passend. Heute ist er allerfalls nolstalgisch. Wie die Schnulzen der 50er Jahre oder der Elektro-Pop der 80er. Aus ihrer Zeit und ihrer Kultur heraus zu verstehen.
Meat Loaf seh ich als eine Kunstfigur, die es nur auf der Bühne und im Film gibt. Als Pop-Phänomen allemal bemerkenswert.

Die Heavy-Rotation / Fahrstuhlmusik-Hypothese der Unbeliebheit einer Musikrichtung bei Musikkennern wird übrigens durch die "Wiederentdeckung" des Easy-Listening-Jazz in den 90ern bestätigt. Nachdem diese Musik aus den Fahrstühlen und Supermärkten verschwunden war, wurde sie wieder in Nightclubs und an Bars gehört (also in ihrem natürlichen Biotop).


stellte mir Weihnachten nur einfach mal anders vor, um diesen Schleim aufzulösen. Und gegen Cash wollte ich auch wirklich nix gesagt haben.

@MR

"Das kann aber nicht die ganze Wahrheit sein"

Nein, behaupte ich ja auch nicht. Was uns etwas wert ist, definieren wir für das, was ich sagen will, extern. Also vielleicht aus Erfahrung, aus Religion, aus Nachdenken, aus Wasweißich - woraus wirklich, ist mir eigentlich egal. Aber wenn das für uns Wertvolle dann plötzlich im Überfluss vorhanden ist, ändert sich etwas.

@Martin

"Die Heavy-Rotation / Fahrstuhlmusik-Hypothese der Unbeliebheit einer Musikrichtung bei Musikkennern wird übrigens durch die 'Wiederentdeckung' des Easy-Listening-Jazz in den 90ern bestätigt."

Interessante Beobachtung, aber ich möchte betonen, dass man kein Kenner sein muss, um zu häufige Wiederholungen abstoßend zu finden. Ich kann das als Theorie des Grenznutzens verwissenschaftlichen oder mich auch an mittelalterliche Foltermethoden erinnern. Wobei es meiner Meinung nach schon ein Kennzeichen guter Musik ist, dass man sie viel öfter hören kann als andere, einfach, weil es in ihr viel mehr zu entdecken gibt.

Deswegen mag ich ja die "Smooth Jazz"-Giganten wie Spyro Gyra oder Fourplay, weil die hinter einer eingängigen Schale zig Kostbarkeiten verstecken, die alle ihrer Entdeckung harren. Und nein, Kenny G. gehört definitiv nicht dazu ;-)

@Martin:


Saß neulich mit lauter Ska-, Punkrock- und Indie-Hörern im Jolly Rogers, der St. Pauli-Fan-Kneipe, Kahlrasierte (Redskins natürlich), Langhaarige und Tätowierte, und der DJ spielte auf einmal nur noch so Sachen wie "My Boy Lollipop" und "Be my Baby". Und alle sind total darauf abgegangen, aber eben ganz anders als damals in der Milchbar.

Spannend an diesem Adorno-Zitat finde ich ja gerade, wie etwas Tradiertes oder Gestriges reproduzierbar ist, weil das eben für Johnny Cash, der "Help me" singt und damit Boche Religion nahebringt, ebenso gilt wie für heidnische Religionen und Weihnachten.

Deshalb würde ich das auch nicht so stehenlassen, was Du über Eighties-Pop oder die wundervollen Schnulzen aus den 50ern schreibst. Max Raabe beispielsweise ist ja außerordentlich zeitgemäß, und als die Strokes und die White Stripes oder auch Remy Shant die alten Verstärker und Orgeln wieder rauskramten, machte das ja auch Sinn. Ebenso, wie die Broken Social Scene eben Spuren der Zappa-Community oder von Amoon Düül in sich tragen, selbst dann, wenn sie sich explizit nie auf die beziehen würden oder nie von denen gehört hätten (was ich im Falle Zappas bezweifel). Die machen ja da weiter, wo der Krautrock z.B. irgendwann mal aufgehört hat.

Vielleicht wäre es sogar völlig auf den Punkt, genau jetzt mit genau jenen Mitteln, die Pink Floyd einst nutzten, "Never mind the Bollocks" einzuspielen, um diese in bestimmten Szenen dominierenden Credibility-Doktrinen zu brechen. Oder Disco-Remixe von den Ramones, was weißich. Es kommt dann weniger darauf an, was gemacht wird, sondern wie es gemacht wird und was es angesichts derAktualität aussagt. Es gibt ja auch ganz viel Grauenhaftes, wenn reproduziert wird, aber so 2, 3 % Trefferquote gibt es da schon. Und ohne Reproduktion geht gar nicht.


Meat Loaf z.B. bestreibt ironische Leichenfledderei mit viel einmal geschwurbeltem und dreimal reflektiertem Gefühl, außerordentlich aufwendig produziert, um Geld zu verdienen, und das ist ja eine starke Aussage. Auch diese ganze Theatralik - Franz Ferdinand spielen auch Theater, geben es aber nicht im selben Sinne zu.


Das ist auch kein Wunder, daß Statler mit seinen gelegentlich prä-industriellen Modellen da auf Abwehr geht, während Rayson ganz konsequent in andere musikalische Sphären als jene, über die man so diskutiert, ausweicht, um trotz popkultureller Formung zumindest unserer Generation noch wahlweise sich selbst oder Welt als Musik zu spüren und andere Wahrnehmungsfilter einzuschalten im Welt-Verhältnis als die allseits Gebotenen.


Und Jazz als Form ist eben ganz wie Sylvester, Geburtstagsfeiern oder Beerdigungen, sich immer wieder neu anzueignen, und wenn man das nicht rea-aktiviert, dann ist das halt leeres Ritual statt Rituaktualität, und letzteres nur treibt weiter voran ... wenn man Bach so hört, im Sinne des Bezugsetzens zur eigenen Aktualität, nicht als Abspulen bildungsbügrlicher Traditionen, dann kann man einfach nicht so weiterleben wie vorher.

Keine Sorge, von mir kommt noch Disharmonisches, das aber in eine zumindest leicht andere Richtung geht als gewohnt :-)

@Che:

Da bin ich jetzt aber gespannt! ;-) ...

hmmm...manchmal ist es ja schon interessant, wie unterscheidlich Zitate interpretiert werden können. Als ich das Zitat online stellte, wollte ich den Punkt deutlich machen, dass eine wahre Interpretation gerade nicht die Suche nach der traditionellen richtigen Form ist: also z.B. die historisch genaue Aufführung einer Fuge mit nachgebauten Instrumenten.
Stattdessen müsste man in der heutigen Reproduktion einer solchen Fuge fragen: Wie ist das heute noch möglich, angesichts des Problems, dass Kunst niemals mehr dem Anspruch des Gesamtkunstwerks (verstanden als wahre Repräsentation) gerecht werden kann?

Ob dann allerdings die Popkultur darauf eine adäquate Antwort finden kann, bleibt ungewiß.
D.h., dass ich sowohl den Authentizitätscode der Indies, Electros und was weiß ich wessen genauso für problematisch halte wie die vermeintliche Ironie eines Meat Loaf. Auch wenn ich mich von einem gewissen erfahrungsgeleiteten Musikgeschmack (der sich bei mir wie wohl bei den meisten vor dem ersten Kontakt mit Adorno herausgebildet hat) nicht mehr völlig lösen kann, kann ich diesen zwar wohl noch genießen, aber nicht mehr rechtfertigen. Popmusik, die sich vor der kritischen Theorie rechtfertigen könnte, müsste also zugleich die aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingung der eigenen Musik thematisieren, und zugleich einen Genuß ermöglichen. Um mich jetzt mal mit Konkretem in die Nesseln zu setzen:
Obwohl ich wirklich gerne Indie höre gibt es da kaum Bands, die diesem Anspruch gerecht werden. Dazu gehören m.E. Sonic Youth (trotz ihrer Wiederholungen und Monotonismen) sowie z.B. die Band "the books": Beide entlarven die Songstruktur in ihrer Warenförmigkeit. Sonic Youth machen diese mittels Wiederhiolung und Störung unhörbar (als Variation des Immergleichen) während the books umgekehrt die Songstruktur mit Hilfe von Samples als die Reproduktion vom Immergleichen des Verschiedenem rekonstruieren.

Allrdeings muss man dabei wohl auch in Rechnung stellen, dass moich die Dialektik der Aufklärung und eigentlcih sämtliche Arbeiten zur Musik von Adorno Teil der Kulturindustrie sind. Und zwar nicht nur, dass sie andauernd zitiert und interpretiert werden, sondern auch, weil die Kritische Theorie ja nie außerhalb stand, sondern stets Teil des gesellschaftlichen Prozesses war. Die Intellektuellen arbeiten selbst noch unter dem gebot der expertenhaftem Arbeistteilung und des Kultur- und Büchermarktes.

@Lars:

Ich glaube nicht, daß ich das komplett anders verstanden habe, als Du eingangs schreibst. Habe einfach versucht, es weiterzudenken.

Ich glaube mit Bourdieu - und Deinen letzten Absatz kann man in die Richtung weiterdeuten und verstehen -, daß das, was Adorno der Kulturindustrie entgegensetzt, als Elitarismus eben immer auch spezifische, bürgerliche Selbstsilisierung ist.

Das ist zwar nie ein Argument gegen konkrete Werke, aber eine Aussage darüber, inwiefern sich gesellschaftliche Wirklichkeiten in diesen zeigen können.

Für mich sind z.B. Scooter da außerordentlich treffischer - will man Sinnvolles über die Entwicklung der 90er sagen, dann bringen die da einiges auf den Punkt. Allein schon, weil sie Statler im Grunde genommen die Möglichkeit nehmen, sich als Wirtschafts-Liberaler in die Indie-Ecke zu verziehen, weil sie ihn völlig zu Recht dafür auslachen. Und ihm genau darin dann eben zeigen, wo Leid wirklich stattfindet.

Dann spürt er das vielleicht auch mal.

Scooter dachten ja, mit "Hyper, Hyper" einen Indie-Hit zu landen. Und dann wurden sie von Westbam als das Allerschlimmste auf der ganzen Welt beschimpft. Auch das sind Märkte. Und dann haben sie außerordentlich lustvoll zurückgeschlagen, indem sie auf genau diesen erfolgreich wurden. Und all die Westbam-Philosphien hinwegfegten. Um damit die Wahrheit des Marktes zu illustrieren. Bestmöglich. Unkritisch, aber ironisch. Und genau deshalb aussagefähig, will man Gesellschaft beschreiben. Klar: Ist eine Verdoppelung. Macht ja nix.

Sonic Youth etc. sind da für mich eher Feigenblätter, was jetzt keine Aussage über deren musikalische Qualität oder deren Umgang mit dem Material ist. Die Neubauten haben meiner Ansicht tatasächlich im Adornoschen Sinne darüber hinaus agiert, die haben es geschafft, Kulturindustrie wirklich zu spiegeln, ohne ihr - bis zu "Silence is sexy", das war's dann vorbei - wirklich zu verfallen. Ansonsten fällt mir da aber kaum jemand ein.

Meat Loaf schreit hingegen die Wahrheit der Kulturindustrie unverfälscht hinaus, wahrscheinlich noch nicht mal beabsichtigt, wobei sich in der Ironie schon zeigt, daß er da zumindest ahnt.

Insofern finde ich das mit der Ironie nur dann problematisch, wenn sie sich in konkret-politische Diskurse einschleicht, bei Ökonomischen bin ich mir noch nicht mal sicher.

Im Pop-Kontext halte ich es schon für den einzigen Weg, den eigenen Warencharakter auch in die Welt hinauszuschreien und die Emotion zu modellieren und zu zitieren, die im Grunde genommen diesem Warencharakter entgegensteht. "Creep" von Radiohead ist eine Nummer, der das gelingt. Oder der "Song 2" von Blur.

Den Allgemeinheitscharakter bekommt man in Pop-Kontexten eh nicht aufgelöst, sondern allenfalls in der individuellen Erfahrung mit ihr. Und da ist es paradoxerweise in bestimmten Zusammenhängen aktuell eher "besonders" im Sinne des Spezifischen, Donna Summer, Meat Loaf oder Take That gegen den Strich zu hören als diese öden Arctic Monkeys.

Da gibt es sogar ein Zitat von Adorno, das dieses Motiv umspielt, in "Ohne Leitbild", ich glaube, der heißt "Filmplakate". Suche ich noch mal raus und mache da ein eigenes Posting raus ...


Ich wollte eigentlich nur meine Verwunderung über diese Wendung zum Geschmackskampf ausdrücken.

Mit Deiner Interpretation wäre ich im Grunde genommen einverstanden. Nur denke ich, dass man einiges klarer machen müsste.

Also mir ist z.B, nicht klar, in wieweit es bei allem Skeptizismus gegenüber den Indieinszenierungen - ja was eigentlich? kritischer? lustvoller? - sei, den Mainstream
gegen den Strich zu lesen. Letztendlich kann man höchstens einwenden, dass das Indiepublikum sich selbst und ihre Heroes zu ernst nehmen, während der Dancefloor und Techno der 90er eine gewisse Selbstironie aufweisen, die sie gelichzeitig aber auch konfromistischer machen. "Fun ist ein Stahlbad..."

Mir geht es dabei weder um eine Ablehnung der Erfahrung noch des Genusses, aber ich halte die Ironie gerade als die liberale Figur par excellence (siehe dazu etwa Rorty, der allerdings die Ironie noch dem Privaten zuordnet, während die Öffentlichkeit solidarisch also frei von Gewalt sein sollte - Popkultur ist aber in erster Linie auch öffentlich), weil sie nicht Genuss ist, sondern eine aufgeschobene Reflexion und irgendwie immer schon abgeklärte Position.
Ich weiß, dass ich mich wahrscheinlich damit sowohl gegen die Position von Butler (was die Ironie betrifft) und auch John Holloway (was die Wut/Emotion betrifft) richte, aber ich halte tatsächlich die Trennung von Ironie und Genuss für wichtig.

Dann wäre ich genauso skeptisch, wenn Du die Gegenüberstellung Warencharakter vs. Emotion aufmachst. Gerade die Kulturindustrie ist doch davon geprägt, dass sie es geschafft hat, Emotionen oder überhaupt den Komplettablauf einer Liebesbeziehung für den Markt intelligibel zu machen. Die Tücke der Ware besteht ja genau in ihrer Wärme und Schmeichelhaftigkeit.

Schließlich noch mal: die Rolle des Intellektuellen in der Kulturindustrie. Der Elitismus Adornos ist ja selbst noch eine Strategie, mit den Anforderungen des Betriebs klar zu kommen. Als zentrale Referenzquelle würde ich die letzten Sätze aus dem ersten Stück aus den Minima Moralia nennen:

"So ist für die Ordnung gesorgt: die einen müssen mitmachen, weil sie sonst nicht leben können, und die sonst leben könnten, werden draußen gehalten, weil sie nicht mitmachen wollem. Es ist, als rächte sich die Klasse, von der die unabhängigen Intellektuellen desertiert sind, indem zwanghaft ihre Forderung dort sich durchsetzen, wo der Deserteur Zuflucht sucht."

Meinst du die Filmtransparente?

HG

Lars

@Lars:

Für mich bringen ja gerade Scooter das "Fun ist ein Stahlbad"-Prinzip auf den Punkt, wahrscheinlich noch nicht mal beabsichtigt - wobei Rick, einer von denen, wirklich ein Schlauer ist. Und lachen sich in der Tat tot dabei.

Für mich Ironie immer eher Ausdruck der Postmoderne, die man mit Sicherheit auch als Form des Liberalismus lesen kann, aber nicht muß. Der Zugriff auf Totalitäten ist uns eh verwehrt, die großen Erzählungen entfakten auch nur Machtwirkungen - aber so lange der Bezug auf's Ironisierte nicht zynisch wird, ist diese ein unter postmodernen Bedingungen eine mögliche Form der Reflexion, die Fallen des identifzierenden Denkens sabottiert und dabei sogar auch noch Spaß macht. Man kann diesen Gestus auch übertreiben, aber in Sachen Pop kann man, glaube ich, nicht ganz auf ihn verzichten.

"Gerade die Kulturindustrie ist doch davon geprägt, dass sie es geschafft hat, Emotionen oder überhaupt den Komplettablauf einer Liebesbeziehung für den Markt intelligibel zu machen. Die Tücke der Ware besteht ja genau in ihrer Wärme und Schmeichelhaftigkeit."

Die Tücke der Ware liegt in ihrer Dinglichkeit. Und Waren, die ihren Warenförmigkeit ästhetisch thematisieren, haben ihren kritischen Impuls eben gerade in dieser Thematisierung, glaube ich.

Schwierig sind auch diese Felder invidueller, emotionaler Nutzenmaximierung z.B. in Liebesbeziehungen, also wenn Interpersonalität auf diese reduziert sich findet. Wenn man das aber mit Gütern der Kulturindustrie macht - ist das denn so schlimm?

Schwieriger ist's wahrscheinlich wirklich bei der H-Moll-Messe oder Wagner. Einfach, weil man damit ganz andere Wahrheits- und Erkenntnis-Ansprüche verknüpfen kann als mit den Ramones.

Man kann ironisch sein, dass ist okay, und wahrscheinlich ist das auch notwendig. Dennoch halte ich sie als Reflexionsfigur immer noch für problematisch. Was leider auch nicht ausgeräumt werden kann, wenn man auf die Schlauheit der Protagonisten verweist. Worüber lachen sich Scooter eigentlich tot? Dass sie erfolgreich sind? Dass klingt vorsichtig gesagt nach dem Lachen eines Schlitzohrs, der den anderen um ein paar Münzen erleichtert hat, während der andere nichts davon gemerkt oder stattdessen noch zustimmend genickt hat. Kann mich aber eben auch irren.

@Tücke der Ware: Puh. ja. Lass es mich so sagen: Die Tücke der Ware ist gerade ihre Verdinglichung per Emotion. Es geht mir dabei weniger um die Frage, inwieweit das Nutzenkalkül entfaltet wird, sondern darum, dass die Kulturindustrie als zentrales Dispositiv gesellschaftlicher Stabilisierung auch darauf basiert, dass sie Konformität mit einem individuellen Glücksversprechen auflädt. Ein Glücksversprechen, dass gerade qua Emotionalität wirkt. Deswegen bin ich skeptisch. Das hebelt m.E. überhaupt nicht die Logik der Ware aus, sondern ergänzt es um eine zentralen Dimension. Darüber entfalten sich ja gerade die leidenschaftlichen Verhaftungen mit der Ordnung.

Der Feminismus hat das ja mit dem "doing gender" für ein anderes Feld deutlich gemacht: Die familiäre Hausarbeit wird im großem Umfang noch immer von der Frau bewältigt, die diese nun aber gerne macht, weil sie sich dabei nun weiblich fühlt.

Na, Scooter lachen vor allem über sich selbst, denke ich. Über das, was sie tuen. Ich glaube nicht, daß sie ihr Publikum auslachen.

"Es geht mir dabei weniger um die Frage, inwieweit das Nutzenkalkül entfaltet wird, sondern darum, dass die Kulturindustrie als zentrales Dispositiv gesellschaftlicher Stabilisierung auch darauf basiert, dass sie Konformität mit einem individuellen Glücksversprechen auflädt. Ein Glücksversprechen, dass gerade qua Emotionalität wirkt."

Ja, klar. Aber mir fällt das immer so schwer, das mal so hinzunehmen, weil ich dann immer gleich nach der Alternative frage. Hatten wir ja schon, angedeutet, in der Parallel-Diskussion, im Verhältnis von dem, was man sonst so lebt und der Theorie. Das ist ja diese uralte Geschichte, eben was denn dann der Maßstab der Kritik ist.

Bleibt man bei der reinen Verdinglichungskritik und das Übergreifen von Marktmechanismen auf z.B. Liebesbeziehungen, wie in Erich Fromms "Die Kunst des Liebens", ein wie ich finde zu Unrecht verlachtes Buch, dann ist mir das Thema noch verhältnismäßig klar - dann wandelt sich das Verhältnis zum Anderen in ein instrumentelles und der Andere in ein Objekt zur Bedürfnisbefriedigung, und es kann sein, daß die kulturindustriellen Mechanismen dieses stützen und hervorbringen.

Machen sie jedoch ihre Warenförmigkeit explizit und ironisieren diese,schafft doch im Grunde genommen die Etwertung den Raum für andere Formen der Interpersonalität, d.h., der Pilcher-Effekt zieht dann nicht. Wes Craven und seine "Scream"-Filme sind ja so gebaut, daß sie dieses Prinzip bis zum Exzess durchspielen.

Ansonsten frage ich halt immer ganz naiv, ob nicht die Latte der "wahren Bedürfnisse" bei Horkheimer/Adorno so hoch gelegt ist, daß man sie einfach unterlaufen muss - auch, weil sonst, und sei es nur negativ, man ja genau in der von Foucault analysierten Machtkonfiguration erst Recht gefangen ist, weil einen dann halt die "negative Utopie" hin zu selbst normativ werdenden Entwürfen dessen, wonach der Mensch zu streben oder nicht zu streben hat, zieht.

War das jetzt wirr? Dann versuche ich's noch mal ...

Nein. Wirr war's nicht. Okay, den Scooter-vorwurf ziehe ich zurück.

Aber wenn Du jetzt den Instrumentalisierungsgedanken präsentierst, fällst Du dann nicht hinter Dein Argument des internen Gegengifts zurück? Ich habe da auch keine wirkliche Lösung, sehe halt nur, dass die Rückzugsposition auf das Gefühl oder den Genuß ebenso mit Fallstricken versehen ist, wie der des Elitimsus oder der negativen Utopie.

ich finde auch nicht, dass man notwendig auf die "wahren Bedürfnisse" zurückgreifen muss.
Also ich denke, man muss einfach ein Stück weit auch dafür kämpfen - und wenn ich Deine Diskussionen mit den Liberalen betrachte, machst Du das ja ziemlich gut -, dass man eine relationale Position einnehmen darf. Also sagen zu dürfen, ich sehe hier ein Problem, für dass ich derzeit weder eine Lösung anbieten kann, noch überhaupt sicher bin, ob die Fragestellung absolut richig ist, die mir aber dennoch zur Zeit sehr wichtig erscheint. Das verbindet ein Stückweit die Figur der Kritik mit der Einsicht, dass man selbst in eine Situation eingebettet ist, dass man selbst nicht komplett überschauen kann.
Das führt dann eben zu Folgefragen die (mal wieder im Stil Foucaults) etwa so ausschauen könnten:

Welches Wissen spielt hier eine Rolle?
Wo liegen die Grenzen des Feldes?
Welche Machtverhältnisse präsentieren sich? Welche konkreten Utopien bieten sich an?
Was würde sich verändern, wenn wir die eine oder andere Entscheidung tätigen?
Wie könnte dann das Feld aussehen?
Welche Verbündeten gibt es hier noch?
Welche ästhetischen, politischen und auch technologische Formen stehen uns zur Verfügung?
Wie reflektieren wir überhaupt das Problem?
Welches historische Apriori gilt es zu dekonstruieren?

Mit Foucault und Adorno im Rücken würde ich also behaupten, dass die Revolution lange dauert. Aber es wäre doch kein Reformismus, denn das Infragestellen der Randbedingungen immer und immer wieder, an verschiedenen Fronten und Objekten. Sozusagen eine parktische Form der negativen Bestimmung mit realen Utopien immer auch mit dem Doppel aus leidenschaftlichem Eintreten und der Möglichkeit, sich geirrt zu haben

@Lars:

Glaube nicht, daß die Kritik Instrumentalisierung und Verdinglichung des Anderen (das sich bei Verzicht auf's Subjekt-Objekt-Schema auch gar nicht im selben Sinne stellt) und das Gegengift, das in popkulturellen Formen und Inhalten sich zeigen kann, aber nicht muß, einander wiedersprechen würde oder eines ein Rückfall hinter das andere ist.

'nen doofes Beispiel: Neulich lief in der teils schon fast ins surreal-überzeichnete kippende Kimi-Serie "Die Cleveren" auf RTL eine Folge, in der eine multiple Persönlichkeit - bzw. eine von mehreren Persönlichkeiten in einem Körper - ein Kind entführt hat.

Dummerweise wußten die andere Persönlichkeiten nicht, wo es steckt. Und der Profiler-Psychologe hat dem Fall dadurch ene Wende gegeben, das er die ziemlich selbstbewußten Persönlichkeiten in dieser Frau als Form des Zusammenlebens einfach ernst genommen hat. Ihr Weg halt. Der Krimi hat sie nicht pathologisiert. Das fand ich schon bemerkenswert.


"Gefühl" und "Genuß" alleine können's nicht sein, klar. Wenn ich Adorno richtig verstehe, ging's ihm ja um die Verringerung und Verhinderung von Leid, das durch Natur- und Selbstbeherrschung enstünde, und das birgt dann schon ganz schon viele Foucaultsche Fallen, befürchte ich, wenn man da so drauf zugeht wie Adorno.

Und das sind, glaube ich, dann jene, die man bei der Anwendung des Kultur-Industrie-Konzeptes vermeiden muß, wenn man beide zusammendenken will. Und das kann nur über ein Konzept der Selbstbestimmung laufen, daß eben gerade nicht jenes der Liberalen ist, und dann kann man auch einen Maßstab formulieren, der nicht in einer "Natur des Menschen" oder einem Konzept der "wahren Bedürfnisse" gründet.

Diese Abwägungen und Unbestimmtheiten, die Du schilderst, treten für mich dann auf, wenn man das Ganze in's Feld der Politik und Wirtschaft übertragen will. Weil man immer mit Foucault die Wahrheits- und Wissensdiskurse zertrümmern und Gegenmacht formieren muß, aktuell vor allem jene Diskurse stören, wie denn die wahre, gute und schöne Ökonomie funktionieren würde, und trotzdem an einem normativen Rahmen festhalten. Und da wird's dann kompliziert.

Na, und auf dem Weg dahin muß man dann in der Tat die ganzen, genannten Fragen stellen ...

Ich seh schon, dass wir hier gar nicht wirklich viel diskutieren müssen - auch wenn's wirklich Feude bereitet. Eigentlich kann ich vielem zustimmen, obowhl ich die Reflexion der Verhältnisse immer aus einer Situation in actu (wenn man dieses Oxymoron gebrauchen darf) heraus formulieren würde.

Kulturindustrie und Foucault'sch Fallen? Ich bin mir nicht ganz im klaren, was Du da meinst, interessiert mnich aber natürlich brennend, schon allein wegen meiner angestrebten Gegenlese eines strategischen Modells kultureller Stabilisierung und Kulturindustrie als Dispositiv alltäglichen Ausagierens gesellschaftlicher Homogenisierung.

Ich meinte eher Fallen der Älteren, Kritischen Theorie. Eine ganz guten Text dazu gab es gerade bei Lysis zu lesen, über den "Freudomarxismus" als gescheitertes Theorieprogramm. Das zielt zwar immer primär in Richtung Marcuse und Wilhelm Reich, man muß aber, glaube ich, immer genau hinschauen, wo die Focuaulstsche Kritik sowohl in "Die Ordnung der Dinge" als auch in "Sexualität und Wahrheit 1" nicht doch auch auf Adorno/Horkheimer zutrifft.

Ich denke, daß ist in einigen Hinsichten der Fall.

Foucaultsche Fallen gibt es freilich auch. Ich glaube, man kann nicht jegliche Moral und jegliche Wahrheitsgeltung suspendieren und muß sich trotzdem vor falschen Universalismen hüten. Und des gibt eine Tendenz zum Ausweichen auf das Ästhetische, die Foucault nur andeutet, die aber in der Rezeption gerne mal ein wenig übertrieben werden.

Das sind aber beides recht groß angelegte "Beweisführungen" und Thesen. Aber wenn man das Focaultsche Katastrophen-Viereck aus der Ordung der Dinge ernst nimmt und es auf die Dialektik der Aufklärung anwendet, dann sitzt das schon.

Jep. Würde ich zustimmen. Allerdings müsste man noch einmal schauen, wie sich (ich habe es ja bereits erwähnt) die Annahme eines Zeitkerns von Wahrheit (die Adorno vor allem in seiner Ästhetischen Theorie und der Negativen Dialektik ausgearbeitet hat) mit der Entuniversalisierung von Foucault verträgt.

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