Meine Güte, Herr Wortmann!
Was habe ich mich gestern weggeärgert, als ich "Deutschland - ein Sommermärchen" im Fernsehen sah. Kann ja sein, daß das gemeinsame Kino-Erlebnis diese komplett uninspirierte Montage mit der schlechtesten Musikauswahl der Filmgeschichte kompensieren konnte. Aber wie kann man denn bitte bei derart sensationellem Material, bei dem jeder, der auch nur ein einziges Mal in bewegten Bildern eine Geschichte zu erzählen hatte, vor Begeisterung kollabieren würde, so eine schnarchnasige Erzählweise wählen!
Am schlimmsten dieses affige Piano-Geplänkel oder was das war unter den Spielszenen. Gut, später setzte er dosiert auch Stadion-Atmo und Off-Kommentare ein und ließ die Fahrstuhl-Musik kurz verebben. Vermutlich sich steigernd, am Anfang gar nicht, am Ende mehr davon und dann auch emotionaler, als der Lehmann den Elfer hielt, okay. Aber ...
... warum dieser Pling-Plang ohne auch nur ein Geräusch aus der Stadionkulisse, bei Toren, zu denen halb Deutschland auf dem Sofa stand oder Bierduschen in Kneipen und auf Plätzen regnen ließ? Solche Emotionen muß man zelebrieren und auskosten oder brechen - aber nicht tarnen!!!
Natürlich kann man Stilmittel wählen, um Verfremdungseffekte zu erzeugen. Um das Vertraute Fernsehbild einmal anders erlebbar zu machen. Aber warum dann diese grauenhaften und vor allem nichtssagenden Sounds? Man kann bei der Musikauswahl zur Unterlegung audiovisueller Medien nicht nicht kommunizieren. Da hatte der Watzlawick schon Recht. Man trifft eine Aussage, ob man will oder nicht. Warum hier nun jene der Belanglosigkeit? Was für ein blödes Statement, wenn kurz darauf Philip Lahm vom tollsten Tor seiner Karriere schwärmt, das vorher schlechter montiert war als ein Tchibo-Trailer. Das sabottiert grundlos die Protagonisten, wenn man das so macht.
Überhaupt: Die Figuren tauchten nur immer mal wieder auf. Lustig Poldi und Schweini, altklug der Huth - kein einziger Subplot wurde jedoch genutzt, sie wirklich auszuarbeiten. Die tauchten einfach nur drei mal auf: Kahn wird nicht Torwart, Kahn darf in's Tor, Klinsi dankt. Lahm bricht sich Arm, Lahm schießt ein Tor, Lahm freut sich. Keine kleinen Zwischenschritte, die das reale Erleben der Helden dargestellt hätten, und sei's auch nur in Andeutungen. Nö: Plot Point reiht sich an Plot Point, ohne auch nur im Ansatz eine Hinführung von einem zum anderen zu erfahren.
Der Film glänzt durch die Abwesenheit von Rhythmuswechseln - und das eine Mal, wo mal ein wenig Emotion nicht einfach nur kurz gezeigt wird, sondern modelliert sich findet, geschieht das so plump, als hätte ein VIVA-Praktikant das gebaut - die Niederlage gegen Italien ist gemeint. Die Art, wie die Gesichter im Publikum auf den einzigen, motivierten Musikwechsel gelegt wurden wie Salami-Scheiben auf ein Butterbrot, nee, schrecklich. Dann die einzige Sequenz, wo die Aura des Authentischen mal zelebriert statt nur gezeigt wird, die Kabinenbilder nach der Niederlage, die nicht zufällig gleich zwei mal gezeigt werden - warum nicht mehr davon sondern diese pentrante Suggestion des Beiläufigen?
Diese Aura des Authentischen, des Einfach-so-Dabeiseins, wird der Grund gewesen sein für den Verzicht auf wirkliche Dramatisierung - ödes Nachstellen realer Chronologie ist ja die simpelst mögliche Erzählweise, nur wenn man sich an Daten statt an Gefühlen und Menschen entlanghangelt, ist man nicht mal Chronist. Weil der Akzente wirklich gewichtet wird - Worthmannn deutet dies nur an, arbeitet es aber nicht aus. Den Akzent setzt oft nur der Interviewte, nicht das Modulieren eines Gefühls in der Montage.
Da wird kaum ein O-Ton der Interviewten durch Bilder gestützt, die kamen irgendwann davor und irgendwann danach. Und es ist ein Irrtum, dieser Suggestion des Authentischen sei irgendwie "realer". Bis auf das Geplänkel, diese entsetzliche Musik, ist sie einfach nur verlogen - behauptet sie doch implizit noch die Mögklichkeit des Abbildes, der wahren Geschichte hinter den Kulissen dessen, was der normale Fernsehzuschauer zuvor so alles sah.
Das ist Publikums-Verhöhnung - ehrliche Filmemacher machen im jedem Schritt, den sie filmisch gehen, deutlich und arbeiten heraus, daß natürlich sie selektieren und sie es sind, die die Geschichte erzählen, indem sie Bilder in eine Reihenfolge bringen und bestimmen, wo das In und wo das Out gesetzt wird. Da ist selbst die Knoppsche Schein-Dramatisierung - dessen Produktionen dramatisieren oft gar nicht auf der Ebene der Erzählung, sondern des Musikeinsatzes und der permanenten Vorrausdeutung und so dem Vortäuschen von Spannung - noch wahrer, weil mit jedem Reinactment klar gemacht wird, daß erzählt wird. Und Rohmaterial wurde gestern ja auch nicht gezeigt. Und selbst das ist an Perspektiven gebunden.
Noch nicht einmal mit dem Material, der Handkamera- Optik, wurde konsequent umgegangen. Klinsi wurde zwar zumeist über die Schulter gedreht - ein Rätsel übrigens, daß die Spieler den ernst genommen haben, muß an der Situation "Weltmeisterschaft" gelegen haben -, das kam gut. Aber ansonsten wurde die Handkamera in zumeist klassischen Bild-Kompositionen eingesetzt wie eine ganz normale Video- oder Film-Kamera. Das ist ein Anfängerfehler.
Nur zwei sich wiederholende Momente sind mir aufgefallen, da mit der so einzigartigen Optik wirklich umgegangen wurde: Bei der Poldi- und Schweini-Cam, die kamen super. Und ca. drei Mal beim Einlaufen eines Spielers in das Stadion, wo in heroisierender Perspektive die Einstellung im Gegenlicht sich auflöste, war die Perspektive auch Thema. Auch der berühmte Zettel Lehmanns, bei dessen Zeigen dann die Kamera ewig brauchte, bis sie in Bild bekam, war eine der wenigen Sequenzen, wo mit dem Potenzial des Mediums auch mal gespielt wurde.
Natürlich war das, was gezeigt wurde, sensationell. Auf Poldi wollte man ja am liebsten draufspringen, als der sich da so räkelte. Auch eine der wenigen Szenen, wo dann die Schlüsselloch-Perspektive als Schlüsselloch-Perspektive thematisiert sich fand und diese ganzen boulevardesken Stilmittel, wenn schein-investigative Reporter irgendwelche "Sozialbetrüger" in ihren Wohnungen bedrängen, auch offensiv zitiert wurden.
Aber ansonsten einfach nur die filmische Lüge und Feigheit des "Ich will doch einfach nur zeigen". Da hatte ein Kino-Regisseur Angst vor den eigenen Fähigkeit und ist in die formale Falle getappt. Der 15-Minüter über den Film danach war deutlich besser montiert.

Kommentare
Ich bin dafür, dass Du den nächsten WM-Film bekommst. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass Du kein Besserwisser bist, sondern es wirklich besser weißt. Um herauszubekommen, ob Du es auch besser kannst, gibt es eine nur eine Möglichkeit: ausprobieren.
Das Spielfilm-Regisseur manchmal Probleme mit Dokumentarformaten haben, ist ja nichts Neues. Umgekehrt gilt das übrigens auch. Seltsam nur, dass Wortmann auch da versagte, wo er bei anderen Projekten bewiesen hatte, dass er es kann. (Ich denke da an St. Pauli Nacht. Obwohl ich auch von diesem Film enttäuscht war. Vielleicht aufgrund meine anderen, persönlichen, Perspektive, die ich auf diesen Hamburger Stadtteil und seine Nächte habe?)
Ob Poldi davon begeistert wäre, wenn Du dich auf ihn raufschmeist, lasse ich mal dahingestellt. Ich verspürte eher ein infantile Lust, ihm überraschend einen kalten Waschlappen ins Gesicht zu platschen, als es sich so räkelte. Aber das ist Geschmackssache. ;)
Verfasst von: MartinM | 07.12.06 11:40
Der arme Poldi ist doch längst unfreiwillig zur Homo-Ikone geworden ... kann einem ja fast leid tun dafür. Glaube auch nicht, daß er das mögen würde ...
Habe vorhin auch mal bei Technorati geschaut, was Leute, die sich mit Film, Schnitt und Montage noch nicht beschäftigt haben, so empfunden haben. Ganz erstaunlich: Die Emotionslosigkeit und Distanz wurde betont und bemängelt, und die Längen. Dieses Gefühl entsteht aus den oben genannten Gründen.
Daß der Film trotzdem 10 Millionen Zuschauer hatte, ist nicht erstaunlich. Das Material hätten die am Zufallsgenerator mixen können, und es hätten ebenso viele zugeguckt.
Ich glaube, ich habe von Wortmann erst einen Kino-Film gesehen, den bewegten Mann. Und der ist zwar ziemlich homophob, der Film, obwohl er das Gegenteil sein will - der hat aber schon ein Super-Timing.
Wunder von Bern, da habe ich nur kurz reingezappt, und das war mir zu ... da fehlen mir die Worte. Zu plakativ dann wieder, glaube ich. Vielleicht fand's der Regisseur selbst ja auch und hat gerade deshalb das Sommermärchen gerade nicht plakativ anzulegen versucht, aber das ging dann auch daneben ...
Verfasst von: MomoRules | 07.12.06 12:00
mich hat der film gestern abend seltsam unberührt zurückgelassen. keine gänsehaut. nichts. bin froh, dass ich dafür kein geld ausgegeben habe.
Verfasst von: artur | 07.12.06 14:39
@artur:
Ging mir auch so. Das Rumgrübeln, siehe oben, kam dann aus genau diesem Gefühl des total Unbeteiligtseins. Dabei fand ich die WM und die Mannschaft super.
Wollte mir eigentlich auch die DVD zulegen, das würde ich jetzt nicht mehr wollen.
Verfasst von: MomoRules | 07.12.06 15:07
vielleicht hätte wortmann sich doch etwas mehr zeit lassen sollen beim zusammenschneiden des materials (von dem sicherlich mehr vorhanden war als die immer wiederkehrenden hotelbett-interviews). mr's kritik teile ich zu 100%.
Verfasst von: artur | 07.12.06 16:48
Einfach und ehrlich: Danke! Selten erlebt, dass mensch meinem gefühlten Eindruck so klar und sachorieniert Ausdruck verliehen hat.
Verfasst von: Björn Grau | 07.12.06 19:10
Vgl. zum Thema Podolski auch diesen Beitrag:
http://tinyurl.com/yzj4b3
Verfasst von: Erik | 07.12.06 20:17
Was den Film angeht, kann ich nicht sagen, dass du meine Empfindungen total getroffen hättest, aber irgendwie fand ich auch, dass man hätte etwas mehr berührt sein müssen. Du kannst begründen, warum, und das finde ich sehr aufschlussreich.
Nur zu dem einen Satzeinschub "ein Rätsel übrigens, daß die Spieler den ernst genommen haben, muß an der Situation "Weltmeisterschaft" gelegen haben":
Ja, die Situation macht viel aus. Damit etwas richtig ist, muss es zur Situation passen. Aber man kann Klinsmanns Wirken nicht auf Pausenansprachen verkürzen. Seine eigentliche Leistung, nämlich die (Wieder-)Herstellung von Selbstvertrauen und Mut, verglichen mal mit der Völlerschen Nach-WM-Ära, beruhte auf ganz anderen Methoden und Maßnahmen.
Klinsmann ist ein Beispiel für Manager. Aber - und da hast du mit deiner Kritik wieder Recht - es sind nicht die Pausenansprachen, die ihn dafür qualifizieren.
Verfasst von: Rayson | 08.12.06 00:12
@Björn Grau:
Danke!
@Erik:
Hatte ich gesehen ;-) ...
@Rayson:
Auch dieser ganze Fitness-Bereich ist schon dolle. Aber ich vermute mal schon, daß er eher zum Projekt-Manager taugt als zum Unternehmer, um mal in diesen Begrifflichkeiten zu bleiben. So hatte sich Ballack - von dem man nun auch halten kann, was man will - im Nachhinein auch geäußert.
Dazu passen dann auch die Pausenansprachen: Würde ich ständig dieses verkrampfte, höchst angespannte Rumpelstilzchen mit penetrant gestimmten Schwäbisch am Ohr hängen haben, würde ich mir auch mehr Mühe geben, alleine schon, damit er mich in Ruhe läßt. Ein wenig Bootcamp - ein wenig nur - spielt da, glaube ich, auch mit rein, und die Fähigkeit, die Spannung bis zu einem gewissen Zeitpunkt zu halten. Und das ist schon auch was Enormes, das stimmt schon - Wortmann hat es ja nicht hinbekommen ;-)
Glaube aber nicht, daß Klinsi, wie ein Finke z.B. das lange Jahre hinbekommen hat, über längere Zeiträume etwas gebaut bekommen hätte. Was ja gar keine Kritik ist, herausragende Projekt-Manager braucht es ja auch ...
Mir wäre es trotzdem schwer gefallen, da nicht loszuprusten bei dessen Ansprachen.
Verfasst von: MomoRules | 08.12.06 08:23
ich meine, dass man aus den paar schnipseln heraus klinsmanns leistung überhaupt nicht beurteilen kann*. und das "kriegsgeschrei" vor dem spiel und in der halbzeitpause ist kein indikator. nein, wirklich nicht. und jeder, der mal in so einer kabine gesessen hat, wird das bestätigen.
*wobei er an einer stelle sagt, dass er von löw viel gelernt hätte. es wurde auch nie verschwiegen, dass löw die taktische marschroute vorgegeben hat.
Verfasst von: artur | 08.12.06 09:23
@artur:
Aus den Schnipseln alleine bestimmt nicht. Aber wenn man das kombiniert mit vielem anderen, was man so gelesen hat und alleine diesem Wegbrechen der Sunny-Boy-Mimik, wenn der Satz zuende gesprochen ist, kann man zumindest Vermutungen anstellen, glaube ich.
Das mit der taktischen Marschroute paßt ja dazu. Dann wäre Klinsi der, der die Spannung aufbaut und dafür sorgt, daß sie bis zum Ende hält.
Das kenne ich ganz gut aus meinem Arbeitsalltag, ohne auch nur ansatzweise Klinsis Fähigkeit in dieser Hinsicht zu haben, wie wichtig das beim Projektgeschäft ist, über Frustrationen hinweg Personal in's Ziel zu bringen, immer wieder neu abzufangen, wenn Stimmungen einbrechen, wenn die Spannung zu hoch wird, wieder Lockerheit einfließen zu lassen, wenn's zu locker wird, das Nehmen der nächsten Hürde vorzubereiten, notfalls auch durch temporäre, verbale Aggression Personal aufzubauen (notfalls bekommt man die Leute immer, wenn sie wütend auf einen werden, das ist zwar grausig und eigentlich Scheiße, aber wahr, zudem gegen Depression nur Wut auf Andere hilft - die Beziehung muß dann aber so stabil sein, daß sie nicht gegen einen arbeiten, ein Kardinalfehler von Chefs übrigens, das nicht zu begreifen), auch eigene Fehler ständig einzugestehen und den Druck von außen auf sich ziehen, nicht auf das Team, das man leitet, so daß notfalls man sich lieber selbst schlachten läßt, als Verletzungen der Leute in Kauf zu nehmen etc..
Das ist bei konstanten Aufgaben viel schwieriger.
Bei unseren regelmäßigen Jobs immer wieder neu sich und andere so aufzubauen, daß nicht die große Schnarchnasigkeit sich einschleicht, ist fast unmöglich.
Deshalb ja die häufigen Trainerwechsel im Vereinsfußball. Leute wie Scharf (schreibt der sich so oder mit Doppel a?) oder lange Jahre Finke oder selbst Ede Geyer sind in der Hinsicht wirklich Ausnahmerscheinungen, wobei ich über die Methoden des letzteren lieber nix wissen will ...
Verfasst von: MomoRules | 08.12.06 09:51
*dazwischennuschel*
Wuerd' mir echt nicht einfallen sowas zu sehn
Verfasst von: loellie | 08.12.06 12:32
*zurückgenuschel*
ach, fußball ist schon super! Hatte mich richtig drauf gefreut auf den film ... aber das gestrige ARTE-Programm war klar besser!
Verfasst von: MomoRules | 08.12.06 12:54
füe ein bißchen gänsehaut: http://www.youtube.com/watch?v=A5CJcobZv-c
;-)
Verfasst von: artur | 08.12.06 13:44
Stimmt. Polanski. Der steht hier allerdings schon komplett im Regal. *heulwimmer* ich hab bei der Programmierung des Features neulich was falsch gemacht. Hoffentlich wirds wiederholt.
Ich wollt euch auch nicht den Spass verderben...
Dennoch halte ich die hier angesprochene Verflachung fuer symptomatisch, gerade in D. Es passiert immer oefter dass wir uns bei Kulturprogrammen bruellend vor lachen zu Boden werfen.
Entweder es wird ueberfluessigst dumm dahergelabert oder man gibt sich groesste Muehe das boulevardeske des Unterschichtenfernsehns noch zu unterbieten. Da spielen die Schweizer mit ihren Sternstunden in einer ganz anderen Liga.
"Das verstehen die Leute nicht" heist es wohl meist wenns mal gut werden koennte, aber wem erzaehl ich das ...
Besonder bei den relativen Freiheiten die ein Wortmann sich geniesst ist das besonders schwer nachzuvollziehen.
Verfasst von: loellie | 08.12.06 16:18
@artur:
Na, das ist doch schon viel cooler als der ganze Wortmann-Film ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 08.12.06 16:40
@MR: eben. fußball pur. der rest kommt von selbst.
Verfasst von: Anonymous | 08.12.06 22:08
@Loellie:
Ich glaube, Wortmann ist noch nicht mal in die "Das verstehen die Leute nicht"-Falle getappt, sondern in die Authentizitäts- und Understatement-Falle.
Ansonsten ist die organisierte Verachtung des Publikums aber schon der Hammer. Das ist schlimm. Und es gibt nur sehr wenige Programmflächen, wo man über sie hinaus gehen darf ...
Verfasst von: MomoRules | 09.12.06 10:23
Ja, die Massenmedien richten sich schon des längeren nach einem Leitsatz, der angeblich von einem Hollywood-Tycoon der 30er Jahre stammt:
"Es ist noch kein Film daran gescheitert, dass er die Intelligenz des Publikums unterschätzt hätte".
Zusammen mit dem Ausspruch John Fords: "If you have a message, better use Western Union" umreißt er der Spruch ganz gut die Wurzeln der Publikumsverachtung. (Wobei: Fords Filme *haben* Aussagen, allerdings vermied er aufgesetzte "tiefere Botschaften" - das war IMO lange Zeit eine Krankheit des "neuen deutschen Films". Der auch schon (leider) längst Geschichte ist. Gute Ansätze - meistens verbaselt. Auch aus Mißachtung des Publikum heraus, wie ich vermute.)
Die Hauptwurzel der Publikumsverachtung ist IMO Risikoscheu. Ford hätte es wohl "verdammte Feigheit" genannt. Angst vor dem finanziellen "Flop", aber auch Angst vor der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. (Eines der traurigsten Beispiele war der Fall der Gruppe "Oompf!" mit "Gott ist ein Popstar", die von RTL von der Echoverleihung ausgeladen wurde. Was ich nicht für eine PR-Stunt von "Oompf!" halte, auch wenn ihr Titel bloße Provokation mit wenig dahinter sein dürfte.
Eine Mischung aus Einknicken vor Leuten die "Ärger" machen könnten (religiöse Fundamentalisten, bei uns vor allem muslimischer und konservativ-katholischer Bauart) und Empfindlichkeit gegenüber Satire ("Oompf!" zieht im Video die RTL Casting-Show DSDS durch den Kakao.)
Bei den öffentlich-rechtlichen ist der kommerzielle Druck kleiner, aber der politische Druck, und sei der "gefühlte" politische Druck - wie ich vermute - größer. Sendungen mit Aussage und Anspruch gibt es infolgedessen nur noch ganz spät am Abend.
Verfasst von: MartinM | 09.12.06 17:13
Nachtrag: damit plädiere ich nicht für "Oompf!" Beiträge z. B. im ARTE-Spätprogramm. Überschätzen sollte man sie aufgrund einen recht milden Provokation auch nicht.
Verfasst von: MartinM | 09.12.06 17:16
@Martin:
Wobei diese "Legimation über Quoten" schon ganz ähnliche Blüten treibt wie Kommerzielles, weil's als "Massen"-Medium dann leicht beim Durchschnitt landet.
Da kann ich sogar mal zur Freude mancher mal gegen meine sonstigen Ansichten wettern: Bei ProSieben beispielsweise setzt man vor allem auf die 19-39jährigen, und da kommen dann andere, teilweise auch mutigere Programme in einer bestimmten Hinsicht bei raus als bei Drittprogrammen z.B., die Angst haben, ihre 65+-Zuschauer zu verschrecken.
Aber die Verachtung ist überall gleich verbreitet ... Überzeugungstäter haben es in beiden Systemen nicht leicht.
Verfasst von: MomoRules | 09.12.06 19:22
Ja, stimmt, Pro7 gehört nicht von ungefähr zu den wenigen Privatsendern, die ich überhaupt noch einschalte. Obwohl ich als "40+" duchaus nicht mehr zur Zielgruppe gehöre :) - Dass sich die 3.Programme aufs "Puschenfernsehen" konzentrieren, ist unübersehbar - und obwohl "Puschenfernsehen" nicht nur für Rentner gemacht wird, dürften vor allem Rentner sich solche Programme ansehen - die IMO im bewußten Kontrast zum "Proletenfernsehn" einige Privatsender entstanden.
Bei den 3., beim ZDF und über weite Strecken auf dem 1. läuft ein Programm, das als "Rentnerfernsehen" zu bezeichnen strenggenommen eine Beleidigung für Rentner ist. Eher schon "Seifenstück TV" - glatt, sauber, ohne Ecken und Kanten. Abgesehen von eine paar Spielwiesen und einigen Quotenbringern mit einer gewissen Narrenfreiheit: Kulturell konservativ und betont unprovokativ. Was sicherlich die Gruppe 65+ nicht unbedingt anzieht, aber weniger abschreckt als jüngere Zielgruppen.
Wo haben es "Überzeugungstäter" schon leicht? Wo doch Opportunismus schon fast als Tugend gilt, als besondere Form der hochgelebten Flexibilität, und Feigheit gern mit Vorsicht oder taktischer Klugheit verwechselt wird?
Verfasst von: MartinM | 09.12.06 21:06