Zu was verhält man sich eigentlich, wenn man sich zu seinem Zu-Sein verhält? Zu sein hat man, es sei denn, man bringt sich um. Oder man findet sich in Umständen wieder, die einen nicht weiter leben lassen. Passiert weltweltweit entschieden zu oft.
In unseren Breiten kann man aber guten Gewissens sagen: Leben ist zuallerst Sich-Verhalten zum reinen Faktum der Existenz.
Okay. Und Sich-zu-Sich-verhalten? Zu was verhält man sich da?
Zu dem Ich, das ich bin, verhalte ich mich wohl kaum. Was sollte dieses "Ich" auch sein? "Mein Ich sagt mir, daß ich jetzt etwas essen möchte", solche Sätze sagt zwar der eine oder andere manchmal, aber zumeist reicht es wohl, zum Ausdruck zu bringen, daß man etwas möchte, also: "Ich möchte etwas essen".
Spezialfälle sind "Mein Instinkt hat mir gesagt, daß ich jetzt in Aktie A investieren sollte" oder "Mein Trieb will jetzt Sex", also jene seltsamen Regenten irgendwo in mir, die mich dann steuern. Im Strafrecht wäre da wohl das Kriterium der "Nicht-Zurechrechnungsfähigkeit" gegeben, es gibt Tendenzen in den Neurowissenschaften, das zu generalisieren.
Es gibt tradionelle Formen des Sich-zu-Sich-Verhaltens, ...
... die daraus umfassende Selbstpraktiken entwickelt haben, die Psychoanalyse z.B.
Da wohnt das Es im Unbewußten und steuert das je eigene Leben, und in vielen Sitzungen bemüht man sich dann, es zum Ich werden zu lassen. "Bewußtmachung" also. Hermeutik des Selbst. Um dann frei zu sein, also sich selbst zu steuern. Wer ganz doof ist, folgt bei dieser "Bewußtwerdung" humanwissenschaftlicher Begriffsbildung und identifiziert sich dann z.B. als "homosexuell". Laut Freudscher Neurosenlehre ja eine psychsiche Störung, die irgendwas mit Narzißmus und zu starker Mutterbindung zu tun hat oder so.
Man liebt oder begehrt oder beides nicht etwa eine konkrete Person als "Homosexueller", mit der man Zeit verbringen will, eine Person, die man schön und aufregend und erregend und liebenswert findet, mit der zusammen verbrachte Zeit eine erfüllte Zeit ist, an den Auseinandersetzungen mit dieser kann man wachsen!, nö, man ist scharf gleich auf den Mann oder die Frau an sich. Heißt ja "homosexuell". Eine allgemeine Form des Sexes, also des Seins und des Sich-zu-Sich und Sich-zu -Sich-und-zu-Anderen-Verhaltens.
Allein schon diese groteske Verallgemeinerung ist begriffliche Gewalt, übrigens ausgeübt nicht nur an "Homosexuellen", noch nachhaltiger an solchen, denen man diese Form des Seins dann gerade nichtzuschreibt: Bei jeder Regung könnte ja Gefahr bestehen, daß man auch dieser Allgemeinheit zugehören könnten. Da muß man dann verdammt vorsichtig sein. Die Humanwissenschaft produziert das Anormale, auf daß die Anderen dann auch ja Änsgte entwicklen, auch so zu sein. So bleiben sie schön normal. Um Foucault mal eben nebenbei zu simplifizieren.
Zu was verhält man sich also, wenn man sich zu sich verhält? Einiges wurde ja schon aufgezählt: Hunger, Lieben, Begehren, jemanden schön finden, Zeit mit jemandem zusammen als schön zu empfinden, sie mit ihm zusammen verbringen wollen, Erregung. Ein Satz wie "ich fühl mich heut so homosexuell, so islamisch, so liberal, so links" ist wohl nicht im selben Sinne formulierbar wie "Ich fühle mich heute so fit, daß ich joggen gehen möchte".
Mit den meisten dieser unmittelbar zugänglichen Zustände sind Handlungen verknüpft: Jemandem an der Brustwarze oder dem Ohrläppchen knabbern oder Liebesgedichte schreiben, essen, jemanden anrufen. Handlungen, die man vollziehn will, weil man dann diese Zustände hat. Meat Loaf auflegen, weil man sich dann so pathetisch fühlt.
So kann's in der Tat sein, daß man sein Verliebtsein am Anfang gar nicht merkt, und einem dann Freunde sagen: "Du redest aber ganz schön oft von dem!" Dann konstituiert man sich erkennend oder "sich über seine Gefühle klar werdend" als verliebt.
Das ist dann aber schon einen andere Ebene als der Zustand selbst - da ist man in der Sprache einer bestimmten Kultur unterwegs ist mit all ihren Konnotationen, Regeln, Weltsichten und Perspektiven. Involviert in diese ist man bereits auf der Ebene des Zustandes selber, eben hinsichtlich dessen, wie man es formuliert: "Ich bin verliebt", "Ich bin verknallt", "ich bin geil auf die Alte". "ich will die knallen!" färbt bereits den Zustand selbst. Auf der Ebene der Konstitution seiner selbst als so-oder-so-seiend, der Ebene des Erfassens der je eigenen Qualitäten, wird je nach kulturellem Kontext dann auch ein anderes Ergebnis der Fall sein, in das Wissen über die Welt und die Menschen, Werte, Normen etc. bereits einfließt.
Dennoch sind es diese Basis-Zustände, zu denen man sich verhält, indem man sich zu sich verhält, behaupte ich jetzt einfach mal. Selbst, wenn man arbeiten geht, um sich dann irgendwann ein schniekes Haus zu kaufen, ein Loft oder 'nen cooles Auto, dann tut man das, um sich in dem Haus oder dem Loft sauwohl zu fühlen, weil man z.B. Platz für eine Essecke hat, an der man liebenswerte Freunde bewirten kann, wenn trotz Hypothek dafür noch Geld da ist. Oder weil man's genießt, schnell über Autobahnen zu fahren mit dem neuen Auto. Man kann sich auch gut dabei fühlen, seine Pflicht zu erfüllen, anderen zu helfen, einen Krimi zu lesen oder jemandem ein paar vor's Maul zu hauen.
Ja, das ist so eine Sache mit diesen Basis-Zuständen. Wir leben z.B. in einer Kultur, in der es für Aggressionen überhaupt keinen Raum gibt. Gewalt wird aus guten Gründen geächtet, aber wäre eine Kultur der Agression nichtsdestotrotz auch mal was? Immer mal zwischendurch?
Wut kann man noch als ziemlich angenehm empfinden. Das kann richtig gut tun. Es gibt andere Zustände, da gerate ich derzeit in außerordentlich unangenehme Zustände, wenn ich darüber nachdenke, wie in unserer Kultur damit umgegangen wird.
"Angst" ist so einer. Die Verhohnepiepielung dieses für die Betroffenen eh schon beschissenen Zustandes geht mir aber sowas von auf den Geist. Anstatt Angst als Zustand zu begreifen, mit dem man umgehen kann, wird der Zustand als solcher bereits verkackeiert. "The German Angst" war ein großes, politisches Schlagwort, und daß es diskreditierend wirken konnte, das ist das eigentliche Desaster. Als sei es nicht ganz schön mutig, z.B. in zwei Hochhäuser reinzufliegen. Ich würde mir das nicht trauen. Da sagt die Alternative Angst oder Mut wenig über die Qualität der Handlung aus.
Fußball und Horrofilme sind z.B. Formen der Angstbewältigung. Fußball, weil man ständig auf das Schlimmste gefaßt ist, nämlich, daß der Gegner ein Tor schießt. Und wenn es dann doch passiert, überlebt man es auch irgendwie. Bei Horror-Filmen ist der Zusammenhang etwas deutlicher.
"Angst" wird als "Schwäche" erlebt. Ich vermute, da wirken heroische Patrirachatsfantasien fort. Dieses neue Schimpfwort "Opfer" ist auch so eines, wo Schwäche und Passivität gegeißelt werden. Liberale verhöhnen sogar gerne, daß es "Schwächere" überhaupt geben könnte in ihrem unreflektierten Universalismus und setzen dieses in Anführungsstriche - um sich dann über patriarchale Kulturen im Islam zu empören.
Dieses Unwort "homosexuell" wurde - neben Reproduktionsbedürfnissen in ökonomischer Hinsicht, weil man für die Industrialsierung halt viele Menschen brauchte, und einem Trend damit einhergehend zur Normalisierung von Gesellschaften - bestimmt auch unter anderem in groß angelegten Studien produziert, weil die Vorstellung passiver Männer so unerträglich scheint. Immerhin ist das in manchen Kulturen eine Form der Bestrafung, jemanden ficken. Oder einfach Machtsausübung, in amerikanischen Knästen zum Beispiel. Und die alten Griechen haben sie eingehend Gedanken gemacht, wie denn ein freier Mann passiv sein kann. Das sind doch eigentlich nur Sklaven und Frauen. Klar, war eine andere Erfahrung als heute. Paßt aber gerade.
Um so rätselhafter erscheint mir, daß bei aller Diffamierung der Angst und des Schwachen und des Passiven auf der Ebene der Diskussion rund um die "innere Sicherheit" im Sinne der "Gefahrenabwehr" Ängste sogar gezielt produziert werden. Daß ebenso die "Angst um den Arbeitsplatz" den Interessen jener dienlich ist, die Löhne drücken wollen. Daß Ängste vor Islamisierung, Überfremdung etc. von christlichen Interessenvertretern und der Neuen Rechten nicht minder geschürt werden.
Wahrscheinlich dient der zweite Diskurs dazu, vom ersten abzulenken. Das muß auch niemand planen oder intendieren. So etwas hat Eigendynmaik, von mir aus kann man es auch als "Emergenz" beschreiben. Zwei Diskurse, die sich wechselseitig stützen.
Klar scheint mir jedoch zu sein, daß man die Zustände zunächst einmal zu respektieren hat. Dann kann auch mit ihnen umgehen. Um bei so schrecklichen Zuständen wie Hunger, Durst etc. hat man dafür Sorge zu tragen hat, daß sie nicht auftreten.
Das kann kein Staat allein bewirken und auch kein Wirtschaftssystem. Insofern: Laßt uns über die Kultur des real existierenden Liberalismus reden. Den männlichen, aktiven, heroischen. Der will uns nur regieren, indem er uns Formen des Sich-zu-Sich-Verhaltens teils vorschreiben, teils einflüstern will. Hand in Hand mit den Konservativen. Ich bin dagegen.
PS: Der Text ist eine Gemengelage aus Heideggers "Sein und Zeit", Ernst Tugendhats "Selbstbewußstein und Selbstbestimmung" und den Bänden Michel Foucaults zu "Sexualität und Wahrheit" sowie dessen Schriften zur "Technologie des Selbst", dosiert gemischt mit gestaltherapeutischen Ansätzen. Keiner der Autoren kann freilich etwas für die angedeutete Form der Thesen oder sonstige Verwirrtheiten und Mißverständnisse.