" /> Metalust & Subdiskurse: Januar 2007 Archive

« Dezember 2006 | Hauptseite | Februar 2007 »

31.01.07

Renovieren?

"Die Kunst aber wäre, Heimweh zu haben ob man gleich zu Hause ist. Dazu muß man sich auf Illusion verstehen." Kierkegaard, Sämtliche Werke (recte: Gesammelte Werke) IV ("Stadien auf dem Lebensweg", Jena 1914) p12 Das ist die Formel des Interiereurs."
Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Bd. 1, S. 289, Frankfurt/M. 1989

Eine Kollegin referierte gestern die Perspektive einer Japanerin auf deutsche Lande. Wie unsinnig es doch sei, daß so viele sich über die Amerikanisierung der Kultur beschwerten - eigentlich sei Deutschland doch fest in schwedischer Hand. Da höre ich den Jubel aus der Ecke der Wohlfahrtsstaatsverräter. Doofes Wort, wenn man's durchdenkt,"Wohlfahrtsstaatsverräter", so richtig doof, schamdurchtränkt sitze ich hier nun.

Dolchstoßlegenden sind doch was für die andere Seite, für die die Falken - aber dieses Wort, "Wohlfahrtsstaatsverräter", das hat einen so eigenwilligen Rhythmus, find ich cool, den Rhythmus - außerdem muß ich dann immer an "Feigling, Verräter" von Dschingis Khan denken, auch so ein epochemachendes Stück, daß dann dem Vergessen anheimfiel, und dann bekomme ich gute Laune und werfe ein paar Gläser an die Wand.

Gemeint ist freilich nicht ...

... das "Sozialsystem von der Japanerin. Noch dooferes Wort, "Sozialsystem", weil der Rhythmus da noch nicht mal eigenwillig ist und mir dazu auch kein alter Schlager einfällt.

Außer vielleicht diese alten Gassenhauer der Arbeiterbewegung, die da ja erst hinführten - weil die herrschende Klasse, es ist an der Zeit, diesen Begriff wieder zu verwenden, dann eben dem Sozialismus das Klientel abgraben wollte.

Selber schuld, Jungs! Nur weil eurereins wollte, daß die Chöre "Auf in den Kampf, zum Kampf sind wir geboren, auf in den Kampf, zum Kampf sind wir bereit! Dem Karl Liebknecht, dem haben wir's geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand!" verstummen sollten, nur darum gibt's Betriebsräte. Auch wenn Llarian das nicht wahr haben will. Wobei man "Llarian" bestimmt auch den einen oder anderen Leuchter da in der Lampenabteilung taufen könnte. Oder einen Küchenblock. Die Dinger finde ich ja klasse, aber in meinen 6qm-Küche passen die nicht rein. So bleibe ich engstirnig.

Na, und Ikea z.B. ist ja eigentlich auch sowas Ähnliches wie die Bismarcksche Sozialversicherung oder Betriebsräte. In bestimmten Hinsichten. Bleibet bescheiden und mehret euch auf der Matratze Flöxnix oder so. Und dann sitzt man vor Ivar, Igor oder wie die Regale so alle heißen, sucht nach, was man heuchelnd als nächstes im Blog bringen könnte, schnöselt sich durch Bücher und trifft ganz unvermittelt auf dieses "Benjamin garniert Kierkegaard"-Zitat und kommt ganz seltsam innerlich in's Schleudern. Aber so richtig. Sieht sich irritiert um in den eigenen Gemächern und kriegt eins weiter unten gleich den nächsten gewischt:

"Innerlichkeit ist das geschichtliche Gefängnis des urgeschichtlichen Menschenwesens" Wiesengrund-Adorno: Kierkegaard Tübigen 1933 p 68
Walter Benjamin, a.a.O.

Heimwehgetrieben spazier ich sogleich durch Parks und Straßen, in's Büro hinein, und weiß dann wahrscheinlich auch nicht mehr genau, was nun eigentlich Innen und was Außen ist ...

30.01.07

Ziele

"Ich war in gewisser Weise steckengeblieben; ich kam nicht weiter. Das bewirkte für mich etwas; es machte Komposition, Arrangement, Verhältnisse, Licht und all das dumme Gerede über die Linie, über Farben und Form überflüssig, denn ich wollte etwas Bestimmtes erreichen; ich setzte es (das Image) in die Mitte der Leinwand, denn es gab keinen Grund, es ein wenig zur Seite zu setzen."

WiIlem de Kooning, zitiert nach: Heinrich Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert, München 1999, S. 42

29.01.07

Volkswirtschaftliche Normalisierung, Teil 1

Wie entstehen eigentlich Fragestellungen? Am offenkundigsten blödsinnig ist ja jene, wie denn Homosexualität entstünde. Da kommen dann eigentlich immer Elektroschocks und ähnliches hinten raus. Lustig auch immer neu die These, daß sie dann zustande käme, wenn Müttern während der Schwangerschaft ein Schock wiederführe. Was geht in Hirnen vor, die in so eine Richtung überhaupt forschen?

Jetzt mal außen vorgelassen, daß sowas wie "Homosexuaität" eh nur ein normierendes Konstrukt ist und nicht etwa eine Art zu leben: Wie entsteht denn eine solche Fragestellung?

Und wieso wird da in der Darstellung des Problems vor allem das "zentralistische Moment", das Dirigistische, hervorgehoben, und nicht etwa die Kooperation hervorgehoben? Ein lustiger Brei kommt dann - zumindest im Eintrag, wahrscheinlich strotzt das Verlinkte nur so vor Tiefsinn und Differenzierung - dabei raus: Eine Frage wie jene nach Tarifverträgen wird dann in einem Atemzug mit dem Fluzeugbau als Ziel der Steuerung von Produktionen genannt. Kein Wunder, daß die Antwort dann ganz analog zur Frage nach der Homosexualität so wirkt, als solle kooperatives Handeln nach US-Vorbild möglichst, den Hohepriesterweihen der Volkswirtschaft folgend, normalisiert werden. Und zwar so, daß es möglichst nicht mehr stattfindet, das kooperative Handeln.

Nein, das war keine Aussage über die USA, da gilt ja weiterhin, daß diese zumeist als Projektionsfläche für das, was hier gerade paßt oder auch nicht paßt, je nachdem, wer spricht, herhalten muß. Dort gibt es ja nicht nur auf der Ebene der Antidiskriminierung Entwicklungen, die konträr zu jenen in Europa laufen - in jenen Regionen, die analog zu manchen europäischen Wirtschaftszonen aufgrund der De-Industrialisierung brach liegen, Detroit z.B., formiert sich gerade eine Bewegung, die in die Fußstapfen dessen, was mal die europäische Arbeiterbewegung war, tritt. Ja, ich lasse mich dafür prügeln, die Quelle jetzt nicht parat zu haben. Liefer ich nach.

Auch sonst steckt in der Terminologie der Trick: Da leidet auf einmal ...

... ganz Europa. Wie von einem Virus befallen. Wer in den USA u.U. auch so alles leidet, vielleicht sogar darunter, daß es keine Tarifverträge gibt, das spielt offenkundig keine Rolle. Stattdessen ist der Europäische Volkskörper gleich als Ganzes infiziert. Ich gehe jetzt nicht auf die Geschichte solcher gedanklichen Konstruktionen ein, die Gegenwart ist schlimm genug: Was heißt denn eigentlich, die Volkswirtschaft kranke an etwas? Ob Menschen krank sind, unglücklich oder sonstwas ist dann schlicht irrelevant, für die Gesundheit des Ganzen muß man schon Opfer bringen ...

Die Pointe eines Tarifvertrages ist doch eine ganz andere als jene des Zentralismus: Es ist die rechtliche Absicherung des Einzelnen, der sich angesichts der vielgerühmten Vertragsfreiheit gegen wirtschaftlich Stärkere alleine nicht wehren kann. Che hat gerade ein prägnantes Beispiel gebracht. Solche Gründe kann man nicht mal eben ignorieren selbst dann, wenn man gegen Tarifverträge ist und die Position vertritt, daß gerade das Unspezifische des Tarifvertrages de-industrialiserten Gesellschaften, wo eben nicht sehr viele das gleiche tun, nicht angemessen sei. Kann man ja mit guten Gründen behaupten. Aber man kann das dahinterliegende Motiv nicht einfach ignorieren.

Der "rheinische Kapitalismus" zeichnete sich für mich immer dadurch aus, daß er ein Kooperationsmodell zwischen Gewerkschaften und Unternehmen war. Bei allen Konflikten, dem Gedanken der Interessenvertretung etc. - letztlich war es der Vesuch, wenigstens halbwegs "auf Augenhöhe" jene, die die Kohle erwirtschaften, mit ihren Chefs zu bringen. Ein Ausgleich des Machtgefälles. Wer mit Volkswirtschaftskörpertheorien, die das Individuum negieren und zur Manövriermasse übergeordneter Prozesse machen will, muß schon zugeben, daß er der blanken Macht nach dem Mund redet.

"Aber die Gewerkschaften setzen mit ihren flächendeckenden Ordnungsvorstellungen doch auch alles Individuelle außer Kraft!" ist dann wohl der naheliegende Einwand. Sie sorgen doch mit ihrer Zementköpfigkeiten gerade für jene Arbeitslosigkeit, die dann zu Überangeboten an Arbeitskräften führen, weil eben nicht mehr "der Markt", sondern ganz andere Faktoren die Löhne von der Produktivität abkoppeln und nicht mehr jenen Mechanismen anheimgeben, die auch die Preisbildung hervorbringen. Oder so.

Nun fragt sich zum einen, was denn Produktivität eigentlich heißt bei Kaufhausketten, Versicherungen oder Deutschen Bank. Und was Gewinnertungen von 25-30% (war's Eigenkapitalrendite, Rayson? Da hattest Du mal ein Verständnisproblem oder mir war unklar, was ich meine) mit dieser zu tun haben. Das frage ich mich ganz ernsthaft. Wie man das bei einer Tischlerei oder auch einem Medien produzierenden Medienunternehmen sinnvoll erfassen kann, zumindest meiner bescheidenen Weltsicht nach, das kann ich mir vorstellen. Aber ansonsten erntete ich neulich mittags zu Tisch schlicht Hohngelächter angesichts der These, daß meine Diskussionsfreunde von gegenüber mir im Netz immer sagen, Lohnhöhe sei an Produktivität gekoppelt.

Ich halte das zumindest für eine der wichtigen Fragen, wenn man sinnvoll über Verteilungsgerechtigkeit reden will. Staat kann nur dazu sein, Rechtssicherheit zu gewährleisten. Z.B. über die rechtliche Absicherung von Tarifverträgen, Krankenkassen etc.. Vielleicht müssen ja wirklich andere Instrumente her. Aber Statlers Problemdeinfition produziert nur die Ohnmacht der einen Seite zugunsten der anderen und scheint diese Frage überhaupt verhindern zu wollen.

Zweiter, wohl wichtiger Punkt: Aktuell schieben sich Vorstände und Aktionäre die Kohle in die Taschen, die andere erwirtschaften. Um sich dann vielleicht 'ne Putzfrau für 3 Euro zu halten. Und 'nen Makler und 'nen Maler für die Villa in Blankenese. Auch deren Löhne werden nach Möglichkeit gedrückt. Und alle zusammen leisten sich ein Heer von Arbeitslosen.


Wenn ich's richtig verstanden habe, wird dann so argumentiert: Wenn man die ganzen unfreien "Slacker" aus dem System entließe, dann wären sie gezwungen, auch in den Niedriglohnsektor zu gehen. Super: Kapitalismus heißt halt Freiheit zum Niedriglohn. Dann verschwände das Überangebot, und endlich käme die Vertragsfreiheit wieder zum Zuge: Weil es wieder einen Mangel an Arbeitskräften gäbe, würde die Höhe der Löhne wieder angepaßt.

Ist denn das so, in den USA z.B.? Ist es nicht vielmehr so, daß dort dann eben jener Prozentsatz, der hier arbeitslos ist, einfach im Knast sitzt? Und wie kommt's? Man korrigere mich und erläutere ...

Das ist meines Wissens auch immer ein Grund für die Struktur des "rheinischen Kapitalismus" gewesen: So etwas wie die Befriedung der Gesellschaft. Von der alle etwas haben. Habe das auch immer als Lehre aus Weimar verstanden: Und damals hieß ja Arbeitslosigkeit wohl in etwa das, was hier so unappetitlich beschrieben wird - Bittstellerei bei Besitzenden anstatt eines Systems der Rechte - eben jener wilhelminische Geist wehte, vermute ich, durch die Suppenküchen von einst, man korrigiere mich.. Na ja, und dann wandte man halt in Demut an jene Wohltäter, die einem wieder das Gefühl gaben, zu Recht zu existieren ... die Folgen brauche ich nicht zu beschreiben.

26.01.07

"So it’s Rorschach and Prozac and everything is groovy!" (Danke, David!)

rorschach.gif

Quelle: cetimosaberto

Einer von Gegenüber erwähnte sie jüngst in den Kommentaren eines Blogs nebenan: Die Tintenkleckse. Jene, die manch Psychoanalyitker zur Diagnostik nutzen wollte.

Die Pointe des Kommentars war ja wieder mal verfehlt: Es geht ja nicht darum, daß unterschiedliche Menschen Unterschiedliches sehen in den Tintenklecksen. Sondern darum, daß dann jemand Rücksckschlüsse darauf zieht, was das über die Person aussagt, die da etwas sieht. Die Forderung, daß Andere sich professionelle Hilfe angedeihen lassen sollten, die traf's schon eher.

Und das finde ich ziemlich gemein ...

... von der Psychoanalyse: Da erzählt man jemandem etwas ganz im Vertrauen, und der deutet dann. Entwirft mich. Nagelt mich fest. Pathologisiert mich ggf.. Allein schon, damit der Kassenantrag durchgeht.

Na gut, traditionell halten Psychoanalytiker einfach nur die Klappe und lassen ihr Klientel im eigenen Saft schmoren. Aber da gab's ja auch noch keine Krankenkassen, diese Vehikel der Versklavung. Das hätte man mal Kunta Kinte erzählen sollen. Der hätte sich nach dieser Form der Knechtschaft geradezu gesehnt ...

Beim klassischen Setting der Psychoanalyse jedoch liegt man einfach auf irgendeiner Couch herum, und der Analytiker sitzt im Nacken, sozusagen. Hinter einem. Stößt allenfalls verständnisvolle Laute aus. Macht sich aber seine Gedanken. Das muß einen doch wahnsinnig machen. Was der wohl gerade denkt? Keine Antwort. Noch nicht einmal eine gemeine ...

Dieser Rorschach-Test ist aber trotzdem was Dolles. Nicht umsonst hat Foucault in Clermont-Ferrand damit seine Studenten gequält. Ganz, wie man sich das Wort "rot" nicht anschauen kann, ohne eben "rot" zu lesen, ist es unmöglich, sich diese Tintenklekse anzuschauen, ohne ihnen einen Bedeutung zu verleihen. Was bei Wolken noch hinhauen mag, hier scheitert's - bei allen, vermute ich.

Beim Bild oben sehe ich zuerst ein Fuchsgesicht oder eine Teufelsmaske, dann in der Mitte, beim genauen Hinsehen, ein Paar tanzender Frauen in wilhelminischen Kleidern. Und das drumherum kann ich dann nicht mehr deuten. Was den Klecks schon zu einem ziemlich großartigen Motiv macht, weil eben die Bedeutungszuweisung zu dem die tanzenden Frauen Umgebenden glatt ganze Mythen hervorbringen könnte, finge man an zu erzählen ... so fing's ja vermutlich mal an mit den Mythen: Das Unbegreifliche mit Bedeutungen versehen und ihm auch Macht zu verleihen. Vielleicht war's aber auch gleich der Erzengel Gabriel, auch das mit Odin und Brahma und Vishnu.

Spannend ist freilich das Prinzip der "Freien Assoziation", das hier zur Anwendung kommt - beim Rorschach-Test, nicht bei den Mythen. Und vielleicht hatten ja die Psychoanalytiker sogar recht, daß es das ist, was man sinnvoll mit Freiheit meinen kann ... solange es niemand deutet.

25.01.07

Gegen einen Extremismus der Mitte und untote Bedeutungen

"Überhaupt könnte man die Kritische Theorie fast definieren durch die Überzeugung, daß das Allgemeine und Mächtige gerade deswegen, weil es allgemein und mächtig ist, nicht gut sein kann; also ist das Gute in dieser Welt im Ephemeren, im Schwachen, im individuellen Impuls, in der Ausnahme, ja im Unwahrscheinlichen zu suchen - in der nichterwartbaren und eigentlich unklugen Güte individueller Antriebe und Handlungen."
Herbert Schnädelbach, Max Horkheimer und die Moralphilosophie des deutsche Idealismus, in ders: Vernunft und Geschichte, Frankfurt/M. 1987, S. 215
"Darüber hinaus tritt Marcuse nicht nur für ein ungehemmtes Fließen der Libido ein, sondern auch für deren Transformation, d.h. für den Schritt von einer auf genitale Vorherrschaft eingeschränkten Sexualität zu einer Erotisierung der gesamten Persönlichkeit. Er zielt damit weniger auf eine Explosion als auf eine Erweiterung der Libido ab, die sich auch auf andere Gebiete privater und gesellschaftlicher Tätigkeit, z.B. die berufliche, erstrecken soll."
Fußnote in: Manuel Puig, Der Kuß der Spinnenfrau, Frankfurt/M. 1983, S. 178-179

23.01.07

I shall be released!

Gut. Heute steht sowieso die Sonne in Opposition zu meinem Radix-Mars. Das sind die Tage, wo man streitlustig ist. Habe mal eine mir kaum bekannte Kollegin gefragt, als sie dem Firmenflur auf uns zurauschte und ausrief "Ich könnte heute jemand erschlagen!", ob sie am 20.8. Geburtstag hat. Sie guckte verblüfft. Ich hatte recht.Der Mars stand halt gerade im Quadrat zu ihrer Sonne.

Jetzt sitze ich hier, höre den Sampler "The Soul of Disco". Wundervoll. Disco Grooves mit Funk-Jazz-Einlagen, haben wir schon am Sonntag zur Lammkeule gehört. Im Römertopf gegart, das arme Schafskind - Römertöpfe kann ich nur empfehlen.

Haben uns dann vorgestellt, wie's wohl wäre, wenn wir jetzt im New York der 70er wären. Gleich rausgehen würden, uns in den Bars und Discos zu tummeln. Das Studio 54, da wären wir wohl gar nicht reingekommen; egal, immer wieder liest man so viel über jene Zeit und läßt Filme wie "Saturday Night Fever" Revue passieren. Immerhin einer der großartigsten Soundtracks der Musik- und Filmgeschichte. Und dann befällt einen seltsame Wehmut. Eben weil man es nicht erlebt hat. Weil man nicht im Central Park - oder war's der Madison Square Garten? Ist der überhaupt in New York? Egal, es geht ja hier um mythische Orte und nicht reale - dieses so wundervolle Donna Summer-Konzert erlebte, wo sie die "Mac Arthur's Park Suite" im weißen Nerzmantel performte. Scheiß auf Peta, diese aufklappbare Cover mit der Göttin war schon was.

Gleich linkt wieder jemand "Linke und ihr Musikgeschmack, gnihihihi" - war ja damals bei ähnlicher Musikauswahl schon mal der Fall. Ha! Haß! Antiamerikanismus pur! Wer gegen Disco....

... plädoyiert, wettert doch nur gegen die Freiheit auf der Tanzfläche!

Heute steht an selber Stelle etwas, das sich liest wie ein Fahneneid. Es gibt so Leute, bei denen spüre ich immer gleich etwas Militaristisches, wenn die über die USA schreiben. Da bricht dann immer etwas Wilhelminisches durch, und man hat immer das Gefühl, dieses unbestimmte, daß sie 1905 dem Flottenverband beigetreten wären. Na, ich mag ihn ja trotzdem.

In den Kommentaren (ach, übrigens: Danke, Rayson! Habe bei Deinem Kommentar applaudiert!) wird sogar eindeutig Falsches behauptet. Die Friedensbewegung einst hat sehr wohl gegen SS 20 demonstriert, völliger Humbug, diese Deckereinnerung der Teilzeit-Flottenverbändler.

Mitläufer wie ich, für die Politik nur ein Jugendtrip war und die den autonomen Hütern der Lebensentwürfe lieber aus dem Weg gingen,als diese auf der Hamburger Großdemo vor dem Springer-Verlag ihren Weg des Widerstandes lebten, freuten sich sogar ausgiebig, daß diese, die Friedensbewegung, auch in der DDR stattfand - als "Schwerter zu Pflugscharen"-Bewegung. Wir fanden diese als Oppositionelle in einem unerträglich repressiven und autoritären Kleinbürgerstaat außerordentlich sympathisch und wichtig, übernahmen auch deren Symbole, nach dem wir zuvor schon die Solidarnosc bewundert hatten. Aber unsere Helden waren ja auch Spaßbremsen wie Gandhi oder aufrechte Antiamerikaner wie Martin Luther King und Joan Baez - ja, kotzt ruhig, ihr Arschlöcher. Und wir fanden es dennoch legitim, auch gegen Pershings zu demonstrieren, immerhin sollten die direkt vor unserer Nase rumstehen.

Aber wie jedes Wahrnehmen demokratischer Rechte findet sich all das im Nachhinein diskrediert von jenen, die's moralisch richtig finden, mal eben ein paar Zehn- bis Hunderttausend Iraker umzubringen im Namen des Guten. Würde man Zettels Mentalitäts-Kriterium als Alleinstellungsmerkmal anwenden, wären die alle Nazis. Aber das habe ich ja längst widerlegt - Glück gehabt ;-) ....

Andere, die sonst nicht eben durch besonders tiefsinnige Gedanken auffallen, bemühen sich sogar zur Hobbes-Lektüre, um ihr Lieblingsthema auszupacken (via balou): Eben jenen "Haß" auf Amerika! Und bringen damit dann ihren eigenen Haß auf alles, was sie links wähnen, zum Ausdruck. Und belegen das Ganze in seltsam sadomasochistischen Konstruktionen echter Klassiker, bei denen man dann ahnt, daß Hegel sein Herr und Knecht-Kapitel auch nicht aus den Fingern gesogen hat. Und das ist dann schon der halbe Marx. Selbst von Herrn Hagen landet man flugs bei dem.

Herr Glucksmann hat ja neulich ein kurz mal zwischendurch sehr intensiv diskutiertes Buch zum Thema "Haß" geschrieben. Ich hab's nicht gelesen. Was man darüber las, war nicht allzu beeindruckend - aber eine vernünftige Definition war da schon drin: "Haß ist der Wille, den Gegenstand des Hasses zu vernichten". Das schien mir schon Sinn zu machen, diese Definition. Und ich sehe sie allerorten, die undankbaren Deutschen, die schon ihre Messer wetzen und Flugzeuge chartern, um endlich in Boston einzumarschieren ... als hätten die nicht schon genug damit zu tun, in manchen Regionen der Republik Ku Klux Clan zu spielen oder meinem muslimischen Kumpel inmitten Berlins zuzurufen, er solle doch zurück in den Busch, wo er herkommt, und ihm Schläge anzudrohen. So mancher Deutschtürke guckt sich so ein Verhalten ja langsam ab.

Was mich daran so ärgert, ist diese Instrumentalisierung eines völlig blödsinnig vereinfachten USA-Bildes. Klar gibt's pauschalen Antiamerikanismus, meine eigene Mutter ist die Königin des Oberflächlichkeitsvorwurfes, aber Balou hat schon Recht: Die Wahl eines eliminatorischen Begriffs in diesem Fall, ich weiß ja nicht.

Ich halte es für völlig unmöglich, ernsthaft anti- oder pro-amerikanisch zu sein, wenn man nach '68 aufgewachsen ist und sich selbst gegenüber halbwegs ehrlich ist. Selbst die schlimmsten PDSler haben doch damals vor der Bühne gestanden und bei "Born in the USA" mitgesungen, als der olle Springsteen da auftrat, kurz vor dem Mauerfall.

Stimmt schon: zu Zeiten der oben skizzierten Friedensbewegung der frühen 80er war man tatsächlich für den Austritt aus der NATO und fand Fees "Ich steh auf Amerika" total klasse. Man quasselte über die Stalin-Note und sehnte sich danach, ein neutraler Staat zu sein. Auch Adenauers Westbindung im nachhinein als richtig anzusehen, das war für mich ein schwer zu schluckende, psychologische Kröte, ich beichte. Daß sie allerdings die Befreier waren, das stand für mich nie zur Debatte. Später gab's noch von der "New Model Army" "51st State of the USA", dazu hat bestimmt auch Statler auf Parties getanzt.

Aber parallel las man amerikanische Bücher, hörte amerikanische Musik, sah amerikanische Filme und Serien. "Rambo" fand man dann Scheiße (obwohl "Rambo 1" ziemlich großartig ist), "Dallas" auch, aber parallel schwärmte jeder von David Lynch - und ist "Down by law" nicht auch ein US-Film? Allein schon, daß ich das noch nicht mal weiß, zeigt nur, wie verwoben das alles ist.

Reagan fanden wir zum Kotzen, finde ich bis heute, aber so what? Die ganzen vermeindlichen Pro-Amerikaner mit ihren wirren Projektionen und dem Rausgepicke dessen, was ihnen innenpolitsch gerade mal in den Kram paßt ist, fangen ja auch schon an, über Hillary Clinton zu lästern.

Ich finde, ein so vielfältiges Land wie die USA hat's einfach nicht verdient, von dieser bipolaren Demagogie instrumentalisiert zu werden. Und die Beat-Generation habe ich auch nie als avancierte Vertreter eines Turbo-Kapitalismus wahrgenommen, ebenso wenig Bret Easton Ellis.

Das war auch der Grund, warum ich trotz freundlicher Bitten nie an diesen Blog-Karnevällen teilgenommen habe. Ich fand das immer schlechterdings unmöglich. Viel zu facettenreich, so ein Thema, und kulturell ist man ein Stück Amerikaner, ein Stück Franzose, ein Stück Tucholsky, und die Wildente hat mich auch beeindruckt, ebenso wie Tschaikowsky. Man muß ja nun wirklich nicht bei jedem Scheiß den Konservativen auf den Leim gehen und Franz Josef Strauss nachäffen.

Und kann dann, dergestalt befreit, Pro- oder Antiamerikanismus einfach nur als die gleiche Blödheit mit je umgekehrten Vorzeichen wahrnehmen. Und ich würde es mir trotzdem nicht nehmen lassen, Elemente der US-Politik falsch zu finden und trotzdem für Rufus Wainwright (okay, Kanadier), John Rawls und all die anderen zu schwärmen.

Aber genau diese Rationalität, das eine richtig, das andere falsch zu finden, wollen ja die Agitatoren allen anderen austreiben. Dann sollten sie von Individualität vielleicht lieber schweigen. Pauschalen Antiamerikanismus finde ich aber auch doof.

22.01.07

Lebensformen und ihre Voraussetzungen

"Jeden Morgen das gleiche Ritual. Jeden Morgen mein Gesicht in gleicher Qual. Jeden Morgen dieses Fügen vor dem Spiegel und im Bus. Jeden Morgen die Frage, ob ich will und ob ich muß."

Klaus Hoffmann, Die Mittelmäßigkeit

Tja, so geht's einem dann, mehr als 20 Jahre später - damals war's die Angst, so zu werden. Nun ist man so.

Mit Lebensentwürfen ist das ja so eine Sache. Strukturell kennzeichnend für Konservatismus ist ja, Lebensentwürfe und Lebensformen selbst zum Normativen zu erheben. Also nicht etwa Regeln wie "Du sollst nicht töten" oder "Du sollst nicht ausbeuten" zu formulieren, sondern positiv formulierte Regeln, wie man zu leben habe, wahlweise mit Rechtsmitteln oder jenen der sozialen Kontrolle anderen aufzuzwängen. Wenn's irgendetwas gab an den 2,3 Generationen der Linken vor mir, was mich so richtig angekotzt hat, dann war es genau das: Daß da immer Sittenwächter unterwegs waren, die in großem Bogen mit allen Mitteln der Moralisierung, ....

... der Therapeutokratie und der politischen Theorie anderen Leuten vorschreiben wollten, wie sie zu leben hätten. Und die alles abweichende Verhalten dann abwerteten.

Ich habe das große Glück oder Pech, je nachdem, in eine Familie hinein geboren zu sein, die ständig an den großen, innerdeutschen Themen direkt teilnahm. Mein Vater gehörte zur Flakhelfer-Generation und verlor im Volkssturm noch ein Bein, ist dann im Kampf gegen die Wiederbewaffnung in die SPD eingetreten. Meine Mutter war Pommern-Flüchtling im Alter von 5 Jahren, mein Opa hat immerhin noch eine Widerstands-Rente bekommen.

Natürlich haben meine Eltern sich dann auf dem Höhepunkt der Scheidungswelle in den 70ern scheiden lassen. Muttern wurde erst Sozialarbeiter, dann Psychoanalytikerin, las die EMMA und hatte durchgängig für uns Kids ziemlich lustige, langhaarige Freunde, die allesamt 10 Jahre jünger waren als sie. Man machte mit diesem Klüngel Kutter-Fahrten auf der Ostsee, das war lustig. Die trugen, anders als die politischen Bekannten meines Vaters, keine Anzüge, sondern zerfledderte Jeans, und das fand man schon cool.

Alles Weibliche wurde in dieser Szene gefeiert, alles Männliche diskrediert, ich habe mir dann auch erst mal vorsichtshalber die Haare lang wachsen lassen, und mein Bruder ebenso. Mit allen Waffen von Watzlawick bis hin zur Psychoanalyse wurde manipuliert - kein Satz konnte gesagt werden, der nicht zunächst mit "Aber Du weißt doch, jede Kommunikation hat einen Beziehungs- und einen Inhaltsaspekt, und der Beziehungsaspekt bestimmt ...". Man konnte keine Handlung vollziehen, ohne daß irgendwelche darunter verborgenen Wahrheiten analysiert wurden oder diese als politisch korrekt oder inkorrekt prompt bewertet wurden.

Habe erst viel später mit meinem Vater darüber reden können, was das eigentlich für ihn bedeutet hat, als diese Leute sein Wohnzimmer enterten. Er kam dann - Richter, somit eh schon verdächtig - nach Hause und wurde wortreich darüber belehrt, was für ein Scheißleben er führt. Daß er seine Frau, deren Studium er gerade bezahlte, sowieso nur ausbeuten würde. Er fand das nicht so lustig ... und schon bald war er das, was er sich als seinen Lebensentwurf vorgestellt hatte, wieder los. Das Reihenhaus, die Kinder, die Frau. Aber er war ja auch eh nur ein Spießer ....

Eigentlich war's egal, in welche politische oder unpolitische Szene man später hineinschnupperte: Strukturell waren die allesamt in genau dieser Hinsicht konservativ. Die einen predigen "Selbstverantwortung" und messen Charakterstärke am wirtschaftlichen Erfolg, die nächsten fanden's unsäglich. wenn man nicht ein einer WG wohnte, die nächsten zum Kotzen, wenn man Klaus Hoffmann hörte, weil's uncool war. Habe es trotzdem weiterhin getan.

Meine feministische Cousine mußte in ihrem Tübinger Biotop erstmals zwangsverordnetes Interims-Lesbentum leben und hatte ein schlechtes Gewissens, ihre Frau nicht peitschen zu wollen, meine eher ehrlich konservativen Kunden aus dem Süden heute halten mich für irgendwie defizitär, weil ich mit 40 immer noch in einer 2-Zimmer-Wohnung lebe und keine Kinderbilder zum Vorzeigen haben - das schrammt haarscharf an Verachtung vorbei und äußert sich in Sätzen wie "Ach, mit dem Hund auf dem Sofa Weihnachten gefeiert?". Dabei habe ich schlicht genossen, daß mich die Welt mal ein paar Tage in Ruhe ließ. "Nicht beziehungsfähig", auch so ein Bombardement aus den Kreisen meiner Mutter.

Ich werde es nicht verstehen, wieso andere Leute es brauchen, sich an den Lebensformen anderer abzuarbeiten. Für mich ist das ein Kurzschluß zwischen Lebensformen und deren Voraussetzung.

Wenn man für mehr Verteilungsgerechtigkeit, gegen Ausbeutung, Unterdrückung eintritt, so kann das ja nur dazu dienen, als ferne Utopie zu hoffen, daß irgendwann einem jedem die freie Wahl seines je eigenen Lebensentwurfes möglich sein sollte, und in genau dieser Hinsicht muß man solidarisch sein.

Daß Folter, Hunger und politische Unterdrückung eben genau diese freie Wahl verhindern und durch unerträgliches Leid ersetzen, das ist ja der weltweite Skandal, das weltweite Grauen. Und jegliche Kritik der politischen Ökonomie kann überhaupt nur in diesem Telos ihren Sinn finden: Selbstverwirklichung, individuelle, mit Anderen, die das respektieren und die man respektiert. Daß aktuell eben immer weniger die materiellen Vorraussetzungen zur freien Selbstwahl haben und strukturell alles dafür getan wird, daß dies auch so bleibt, das ist das Empörende. Und global hatten sowieso die wenigsten jemals die Chance dazu, ein solches Leben auch nur zu erahnen.

So habe ich die Marxsche Utopie immer verstanden. Nicht als Diktat konkreter Lebensformen, sondern als Möglichkeitsschaffung der freien Selbstwahl. Daß allzu viele dann in WG-Küchen verblieben, um sich zum Zweck der Distinktion am Anderen zu reibenun ihren Lebensstil totalisieren zu wollen - rätselhaft war mir das immer schon.

Jene jedoch, die nicht nur am Küchentische sitzen blieben, um erst mal Leid zu beseitigen, und sei's nur punktuell, die haben mir immer imponiert ...


19.01.07

Deutschland sucht den Superstar

"Indem der Egoismus der von dem bürgerlichen Führer geleiteten Massen sich nicht befriedigen darf, indem ihre Forderungen zurückgedrängt werden auf innere Läuterung, Gehorsam, Ergebung, Opferbereitschaft, indem Liebe und Anerkennung vom Individuum weg zu dem zum Popanz aufgebauschten, zu erhabenen Symbolen, großen Begriffen gerichtet und das eigene Sein mit seinem Anspruch vernichtigt wird - dahin tendiert die idealistische Moral -, wird auch das fremde Individuum als ein Nichts erfahren und das Individuum überhaupt, sein Genuß und Glück, verachtet und verneint.

Das Gefühl der absoluten Nichtigkeit, das die Mitgleider der Masse beherrscht, entspricht exakt der puritanischen Ansicht, "daß praktischer Erfolg zugleich das Zeichen und den Lohn der ethischen Überlegenheit bedeutet. ... Die Lehre, Elend sei ein Beweis von Schuld, obgleich sie ein seltsames Licht auf das Leben der christlichen Heiligen und Weisen wirft, ist stets bei den Reichen beliebt gewesen" (R.H. Tawney, Religion an the Rise of Capitalism, London o.J., S. 267) Daß der Arme in wirklichkeit nichts wert ist, wird ihm jeden Tag Tag aufs neue demonstriert; im Grunde weiß er es von Anfang an. (...) Der Humanismus, der die Geschichte des neueren Geistes durchzieht, zeigt sein doppeltes Gesicht. Er bedeutet unmittelbar die Verherrlichung des Menschen als des Schöpfers seines eigenen Schicksals. Die Würde des Menschen liegt in seiner Kraft, unabhängig von den Mächten der Natur in und außer ihm, sich selbst zu bestimmen, sie liegt in seiner Macht zu handeln. In der Gesellschaft, in der sich dieser Humanismus ausbreitete, ist jedoch die Macht der Selbstbestimmung ungleich verteilt; denn die inneren Energien hängen jedenfalls weniger vom äußeren Schicksal ab als dieses von den Energien. Je weiter der vom Humanismus verklärte Begriff des Menschen von ihrer wirklichen Lage entfernt war, desto erbärmlicher mußten die Individuen der Masse sich selbst erscheinen, desto mehr bedingte die idealistische Vergottung des Menschen, die in den Begriffen der Größe, des Genies, der begnadeeten Persönlichkeit, des Führers usw. sich bekundet, die Selbsterniedrigung, Selbstverachtung des konkreten Einzelnen."

Max Horkheimer, Egoismus ud Freiheitsbewegung, in ders.: Traditionelle und Kritische Theorie, S. 106-107, Frankfurt/M. 1992; erstmal erschienen in der Zeitschrift für Sozialforschung Paris 1936

18.01.07

Die Staatsfeinde von einst

Wer sich jenseits aller plakativen und web-kompatiblen Pop-Versionen der Totalitarismus-Theorie und dümmlichen Rinks-Lechts-Schwadronierens mal wirklich detailliert mit dem ganz realen Irrsinn der damals "Neuen Linken" der späten 60er und der RAF auseinandersetzen will, dem sei dieses Interview in der heutigen FR mit Wolfgang Kraushaar empfohlen.

Fragt sich anschließend nur, ob die Elite-Universität und das Küren dieser Institutionen als exzellente nicht vielleicht die ausnahmsweise mal wirklich etatistische Formierung einer leninistischen Avantgarde darstellt?Anders gefragt: Worin unterscheiden sich eigentlich Avantgarde und Elite?

Weiter frag ich mich, ob die "bewußtseinschaffende Aktion" nicht auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nachhaltig inspirieren könnte - allerdings ohne Gewalt? Und ob manch selbsternannter Anti-Etatist nicht auch Gruppen innerhalb der freien Wirtschaft und in Randzonen gelbblauer Parteien als so eine Art "revolutionäres Subjekt" deutet, auch wenn er's anders nennt? Und ob's die Staats- und Institutionenfeindschaft der '68er ist, die unterschwellig fortwirkt in Topoi des neoliberalen Denkens? Wenn Petra Kelly einst die Grünen als "Anti-Parteien-Partei" verstand, so könnte das doch ein Slogan sein, der heute in ganz anderen Ecken des politischen Gewächshauses auf fruchtbaren Boden fällt?

Jenseits all dieser Fragen glänzt im Interview mal jemand mit Detailwissen, statt wie ich und all die anderen in der großen Geste und dem Entwerfen irgendwelcher Koordinatensysteme ausschließlich Wahrheit dann zu suchen ...

17.01.07

warm und kalt

Irgendwo stand neulich, Steuern und Abgaben würde niemand gerne zahlen.

Stimmt nicht: Bei allem alltäglichen Geärger über's Fernsehprogramm bin ich ja doch froh, daß es z.B. ARTE gibt, und dafür zahle ich auch gerne. Von mir aus sollte man auch all jenen, die dafür nicht zahlen wollen, den Zugang einfach verwehren.

Sind ja zumeist jene, die eh den Hang haben, sich freiweillig selbst zu verblöden, weil sie alles und jedes darauf reduzieren, daß sie für irgendetwas zahlen sollen, was sie nicht bezahlen wollen. Und zusätzliche Infos zur Welt als solcher sind bei geschlossenen Weltbildern eh nicht von Vorteil. So krakeelen sie ganztäglich über Raub und daß ihnen jemand was wegnehmen würde. Klassisches Zukurzgekommenensyndrom. Man kann sich und die Welt halt über Mangel definieren - oder über Möglichkeiten. Mir ist ja letzteres näher als Vision.

Von mir aus können die alle auswandern. Weiß gar nicht, wieso die hier politisch noch mitreden wollen, wo sie doch gar keine Politik wollen, sondern alle anderen jene Machtkonstellationen, die sie mit all ihren Kampagnen aktiv tarnen und verschweigen, aufzwängen wollen. Alle deviant in Sachen Emphatie. Nach Tibet oder auf umliegende Berge könnten die z.B. auswandern, da könnten sie was lernen. Am Montag abend z.B., da ....

... lief auf ARTE eine ziemlich schlecht gemachte Reportage über Hirnforscher, die sich mit den Hirnströmungen und andere neuronalen Funktionen von buddhistschen Mönchen befaßten. Jenen, die bei Meditationen die grauen Zellen aktivieren - oder auch nicht.

Die ganz implizite Komik der Sendung bestand darin, daß die Forscher sich die Methoden, Haltungen und Einstellungen der Mönche zunutze machen wollten. Wozu kann man sowas brauchen, sowas wie Meditation? Wozu ist das gut? Wurde eher wie ein neues Medikament erforscht, die Praxis jener dunkelrot Gewandeten - zugehört jedoch hat ihnen keiner.

Extremstes Beispiel, von dem die Mönche berichteten, war einer ihrer Kollegen, der Folter zum Opfer fiel. Der erzählte im Nachhinein, seine größte Angst sei gewesen, daß seine Folterer ihn dazu bringen könnten, sie zu hassen. Daß er seine Fähigkeit, mit diesen mitzufühlen, verlieren könnte. "Compassion" war das allumfassende Gefühl zur Welt und ihren Lebewesen, das diese Mönche erstrebten. Hierzulande nennt man sowas Gutmensch und bewirft es mit Begriffen wie "Kapitulation" wie mit Dreck.

Diese Erweiterung des Mitgefühls auf alle Wesen konnten die Hirnforscher sogar irgendwie messen. Und merkten doch die ganze Zeit gar nicht, daß genau ihr instrumentelles Verhältnis zu den Mönchen das exakte Gegenteil dieses umfassenden Mitgefühls ist. Sie wollten dieses Wissen verwerten, die Mönche es erfahren. Nicht messen, sondern leben. Das Christentum nennt sowas Nächstenliebe.

Dies nicht-instrumentelle dem Anderen zugewandt sein, das kann man wohl, wenn man denn will, als Wärme beschreiben. Ist schon eine seltsame Metaphorik, im Hochsommer z.B. liebe ich es, kühle Räume zu betreten. Nichstdestotrotz, man kann das ja aufgreifen, so um die 37° möchte man ja schon als Körpertemperatur haben. Und es kann nicht gut sein, wenn man friert.

Die nicht-instrumentelle Haltung zum Anderen heißt, ihn in in seinem Selbstverständnis ernst nehmen, in seinen Gefühlen zu respektieren und diese auch wahrzunehmen, sich selbst zurückzunehmen, um dem Anderen Raum zu geben. Dem konkreten Anderen sich zu öffnen. Das ist dann sowas wie universelle Liebe, die in konkreter Relation sich zeigt, aufscheint.

Es gibt auch ein nicht-instrumentelles Verhältnis zur Wahrheit. Daß man etwas sagt oder schreibt, nicht etwas, um Ziel x zu erreichen, sondern weil man es für wahr hält. Und dann hört man dem Gegenüber zu und lauscht oder liest sich durch, was der dazu denkt. Dann wägt man ab und denkt weiter, evtl. einigt man sich, ansonsten erträgt man halt die Differenz.

Was mich an all diesen Kampagnen so ankotzt, sei's zum Thema Klimawandel oder Abbau des Sozialstaates, ist dieses instrumentelle Verhältnis zur Wahrheit und zum Anderen. Balou hat da gerade ein paar Leckerlies ausgegraben, und Jo@chim, in guten Momenten diskursfähig, hat heute auch mal wieder Lust zum beschimpfen, anderen Menschen die Lauterkeit ihrer Intentionen abzusprechen und sich selbst für die eigene Ideologie auf die Schulter zu klopfen - mittels dummer Zitate, die im Kern Bedenkenswertes enthalten, aber durch diskreditierende Pointen dann das sabottieren, was an ihnen anregend sein könnte.

Es ist ja in letzter Zeit jenseits aller historischen Angemessenheit und wohl auch Korrektheit in bestimmten Spekren wieder trendy, direkte Linien von der der SA zum SDS, von der SS zur RAF zu ziehen. Zumeist, und dieses Motiv kann und muß man dann ernst nehmen, geht es um das Prinzip des agitorischen Niederbrüllens, die dem Anderen a priori die Rolle des Bösen zuschiebt und glaubt, über ihn einfach so richten zu dürfen - im Falle der RAF dann ja der Glaube, schlimmstmöglich richten zu dürfen. Die also das Gegenüber dahingehend instrumentalisiert, daß es dazu herhalten muß, sich selbst die moralische Überlegenheit und Aufwertung bestmöglich einzureden. Um den Anderen bis zur völligen Entwertung in den Staub zu brüllen - oder, wie im Falle der RAF, umzubringen.

Nun fragt man sich angesichts des von Balou Ausgebuddelten und von Jo@chim Zitierten, wieso diese Gedanken dann eigentlich nie auf die eigene Position und die Formen ihrer Verbreitung Anwendung finden. Das wäre dann ein nicht-instrumentelles Verhältnis zu sich selbst, traditionell nennt man das Reflektion.

Nun braucht man sich nur das Intro zu diesem Eintrag durchzulesen, und man stellt fest: Ich mache dann im Gegenzug genau das Gleiche. Ein Klassiker. Ein ganzer Eintrag als ein einziger Selbstwiderspruch.

Prompt entsteht die Rauferei, die dann besser unterhält als Nicht-Instrumentelles, und halb neidisch, halb in tiefer Bewunderung schielt man zu den buddhistischen Mönchen, Mark Steyn zufolge wahrscheinlich eine schwache Kultur. Und nimmt sich vor, lieber mehr zu meditieren, als die eigenen Kontobewegungen oder jene meiner Chefs in den Mittelpunkt der Selbstpraxis zu stellen ....

Wie man solche Themen etwas subtiler angehen kann, indem man Perspektiven thematisiert, das kann man in der Hinterwelt lesen ....

12.01.07

Bild und Text 6

"Die Vollkommenheiten dessen, den wir lieben, sind keine Fiktionen der Liebe. Lieben ist im Gegenteil das Privileg, eine Vollkommenheit zu bemerken, die anderen Augen unsichtbar bleibt."

Nicolás Gómez Dávila, Das Leben ist die Guillotine der Wahrheit, Frankfurt/M. 2006, S. 26

Bild und Text 5

"In dem Gedanken John Deweys, im besonderen Charakter der "runden", emphatisch so zu nennenden Erfahrung, die auf Künstlerisches gar nicht nicht abzielt, sei die Wurzel des dann allerdings selbstständig werdenden Ästhetischen zu finden, sind Erfahrung und Handlung eng miteinander verknüpft: Im Unterschied zum bloßen Auflesen zusammenhangloser Eindrücke auf der einen Seite und zum starren, regelhaften Ausführen eines vorgefaßten Plans auf der anderen, haben wir eine wirkliche Erfahrung dann gemacht, wenn wir, teils handelnd, teils entgegennehmend oder leidend, uns im Strom der Umstände so bewegt haben und haben bewegen lassen, daß aus beidem zusammen eine gegliederte sinnvolle Einheit entstanden ist.

(...)

Was Francis Bacon über seine Erfahrung beim Malen berichtet, hat auffallende Gemeinsamkeiten mit dem, was Dewey beschreibt: Für ihn handelt es sich dabei nicht um die Ausführung eines vorgefertigten Plans, die Realisierung eines inneren Bildes, sondern um eine handelnd stattfindende Auseinandersetzung zwischen einer vielleicht rudimentären Vorstellung und dem "Zufall", dem er durch Verwischen, Übermalen und dem wenig steuerbaren Werfen von Farbe nachhilft."

Hans Julius Schneider, Die Leibhaftigkeit ästhetischer Erfahrung, in: Franz Koppe, Perspektiven der Kunstphilosophie, Frankfurt/M. 199, S. 105-106

Na, immerhin mal Material. Arme Bachelor-Studenten, Erfahrungen dürfen die nicht mehr machen, eingezwängt im Zeitplan der Erfüllung von Vorgaben. Mündig machts sie das nicht, hat Adorno gestern im Fernsehen gesagt. Der die aktuellen Prozesse ja beschrieben hat, ohne daß er sie noch erleben mußte. Der hätte eh keine Chance an heutigen Universitäten, der Adorno. Vermute ich.

Als aktualisiertertes Archiv hat er das gesagt, begrenzt durch "In" und "Out" auf der Timeline. Und dann wurde eine Denkmal, ihm gewidmet, auf dem Frankfurter Campus gezeigt: Sein Schreibtisch in einem Glaskasten. Unterlegt mit "Was ist ist, was nicht ist, ist möglich" von den Einstürzenden Neubauten.

Aber er hat's ja auch immer schon gewußt, der Adorno. Wie Schiller. Nur im Spiel ist der Mensch er selbst, hat der gesagt. Nicht im Effizientsein, nein, im Spiel. Vorsichtshalber hat man ihm zum Klassiker erklärt. Und was hat das alles mit Text zu tun?

11.01.07

Bild und Text 4

"Die These ist, daß Kunstwerke im kategorischen Gegensatz zu bloßen Darstellungen die Mittel der Darstellung in einer Weise gebrauchen, die nicht erschöpfend spezifiziert ist, wenn man das Dargestellte erschöpfend spezifiziert hat."
Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen, Frankfurt/M. 1991, S. 226

Und dann schreitet Herr Danto noch voran und unterscheidet den Ausdruck und die Darstellung von etwas. Um kurz darauf zu erläutern, daß der Ausdruck "Ausdruck" ja so klar auch nicht sei.

Der erste Schritt oben ist ungleich interessanter. Ob damit Kunst erschöpfend spezifiziert ist, ist eine andere Frage, aber dieses Mehr als die reine Darstellung von etwas ist ja schon mal was. Nur, daß dann bereits eine Bilanz, die hübsch layoutet ist, mit Firmen-Emblem und anderem Schnick-Schnack auf dem selben Papier, eben auch schon Kunst wäre. Was ja sein kann.

Natürlich schreibt Herr Danto noch ungleich mehr intelligente Bestimmungen in sein Buch hinein. Aber die da oben reicht für heute.

Bild und Text 3

gag24.jpg

Roy Lichtenstein, Portrait of Madame Cezanne, Quelle: Lichtenstein-Foundation

Das hat er nun davon, der große Cèzanne, daß er einst behauptet hat, alles in der Natur modelliere sich wie Kegel, Kugel und Zylinder - so kamen die Ironiker um die Ecke der Kunstgeschichte spaziert und zeigten dem Verstorbenen auf, auf was sich dessen Lebensgefährtin, vom Meister selbst gemalt, denn reduzieren ließe.

Ob im Falle der Ästhetik von Bilanzen (danke!, Christian K., das Thema ist ja eine Goldmine) Vorstände sich so abbilden ließen? Ihre Mitarbeiterschaft mögen sie in Zahlenkolonnen auflösen wollen, aber sich selbst als Umriß, mit Buchstaben garniert, dann nur zu sehen?

Nelson Goodman nahm das Thema offenkundig auch sehr ernst - den habe ich nie gelesen, ich bekenne, nur Fetzen durch Athur C. Danto vermittelt bekommen zu haben. Also sei der zitiert:


"Gegen Ende von Languages of Art nimmt Goodman eine verblüffende Nebeneinanderstellung vor. Er bittet uns, die Kurve eines Elektrokardiogramms mit einer Zeichung des Fudschijama von Hokousai zu vergleichen: die Gradienten des Kardiogramms lassen sich daran erkennen, daß die Kurve als ununterscheidbar von der Kurve auf der Hokusai-Zeichnung angenommen wird. Eine der beiden Kurven ist mit Sicherheit ein Kunstwerk, die anderen ein reines Darstellungsmittel, insofern mathematische Kurven Beziehungen zwischen Zahlenmengen durch Mengen von Punkten darstellen, deren Koordinaten durch diese Beziehung bestimmt sind, und das Kardiogramm eine mathematische Kurve ist."

Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen, Frankfurt/M. 1991, 214

Kann man ja einfach mal sacken lassen. Heute abend gibt es die Auflösung, die Danto selbst wählt. Und was hat das eigentlich mit Text zu tun?

09.01.07

Bild und Text 2

fwto1.JPG

Quelle: Zeta Mentor / Swiss Re

"Die Inszenierung von 2 Welten positioniert den Spekulaten als als priveligierten Seher und Späher: Er sieht, was andere nicht sehen können. Im Unterschied aber zum Künstler, dessen Einbildungskraft ebenfalls exklusiv ist, wird das Sehen des Spekulanten als ein Erkennen der Wirklichkeit inszeniert. (...) hinter dem Vorhang findet sich die Welt, wie sie wirklich ist - der Spekulant schafft sich Durchblick und Transparenz. Seine Einbildungskraft ist also stets durch die selbstverständliche Gegebenheit der Wirklichkeit fundiert; sie kann nicht entgleisen, da sie sich ontologisch immer schon auf der richtigen Seite der Wirklichkeit weiß.."

Urs Stäheli, Normale Chancen? Die Visualisierung von Investmentchancen in der Finanzwerbung, in: Sabine Maasen, Torten Mayerhauser und Cornelia Renggli (Hg.): Bilder als Diskurse - Bilddiskurse, Göttingen 2006, S. 41-42

Schön. Das Höhlengleichnis kann für einige Propheten aus der Finanzwirtschaft somit als aufgelöst betrachtet werden. Sie können das einfach: Die Wahrheit aus dem Rauschen herausfiltern. Sie könnten verkünden wie die Seher von einst. Ihre Sprache ist das Haus des Seins - und wir, die wir draußen bleiben müssen, blicken ihnen neidvoll durch's Fenster nur zu, die Zunge hängt gierig herab ...

Das Motiv oben stammt aus einem Inserat der Swiss Re, ist dort mit der Schriftzeile "Solutions beyond the obvious" unterlegt. In einem kleingedruckten Text darunter finden sich die Sätze: "For most people the horizon is as far as they can see. But for us it represents the threshold to an unseen world of new opportunitities." Da hört man doch mit dem geistigen Ohr gleich eine sonore, natürlich männliche Stimme, die das spricht.

Bild und Text

william-mallord-joseph-turner-licht-und-farbe-der-morgen-nac-09842.jpg

William S. Turner: Der Morgen nach der Sintflut: Moses schreibt das Buch der Genesis


"Die Beziehung zwischen Bild und Text erweist hier selbst als offen. Selbst der ungewöhnliche Titel Licht und Frabe (Goethes Theorie) - Der Morgen nach der Sintflut: Moses schreibt das Buch der Genesis ist eher ein Indiz für nachträgliches Wortesuchen für etwas, was sich beim Malen erst gebildet hat - angesichts eines Bildzusammenhangs, der sich den Worten entzieht. Es war Turner offensichtlich nicht vergönnt, mit seinern Wortgestaltungen der inneren Gebärde seiner Bilder zu entsprechen."

Michael Böckemühl, Turner, Köln 1999, S. 55

Ist das so?

07.01.07

Die Grundbefindlichkeit der Angst

Zu was verhält man sich eigentlich, wenn man sich zu seinem Zu-Sein verhält? Zu sein hat man, es sei denn, man bringt sich um. Oder man findet sich in Umständen wieder, die einen nicht weiter leben lassen. Passiert weltweltweit entschieden zu oft.

In unseren Breiten kann man aber guten Gewissens sagen: Leben ist zuallerst Sich-Verhalten zum reinen Faktum der Existenz.

Okay. Und Sich-zu-Sich-verhalten? Zu was verhält man sich da?

Zu dem Ich, das ich bin, verhalte ich mich wohl kaum. Was sollte dieses "Ich" auch sein? "Mein Ich sagt mir, daß ich jetzt etwas essen möchte", solche Sätze sagt zwar der eine oder andere manchmal, aber zumeist reicht es wohl, zum Ausdruck zu bringen, daß man etwas möchte, also: "Ich möchte etwas essen".

Spezialfälle sind "Mein Instinkt hat mir gesagt, daß ich jetzt in Aktie A investieren sollte" oder "Mein Trieb will jetzt Sex", also jene seltsamen Regenten irgendwo in mir, die mich dann steuern. Im Strafrecht wäre da wohl das Kriterium der "Nicht-Zurechrechnungsfähigkeit" gegeben, es gibt Tendenzen in den Neurowissenschaften, das zu generalisieren.

Es gibt tradionelle Formen des Sich-zu-Sich-Verhaltens, ...

... die daraus umfassende Selbstpraktiken entwickelt haben, die Psychoanalyse z.B.

Da wohnt das Es im Unbewußten und steuert das je eigene Leben, und in vielen Sitzungen bemüht man sich dann, es zum Ich werden zu lassen. "Bewußtmachung" also. Hermeutik des Selbst. Um dann frei zu sein, also sich selbst zu steuern. Wer ganz doof ist, folgt bei dieser "Bewußtwerdung" humanwissenschaftlicher Begriffsbildung und identifiziert sich dann z.B. als "homosexuell". Laut Freudscher Neurosenlehre ja eine psychsiche Störung, die irgendwas mit Narzißmus und zu starker Mutterbindung zu tun hat oder so.

Man liebt oder begehrt oder beides nicht etwa eine konkrete Person als "Homosexueller", mit der man Zeit verbringen will, eine Person, die man schön und aufregend und erregend und liebenswert findet, mit der zusammen verbrachte Zeit eine erfüllte Zeit ist, an den Auseinandersetzungen mit dieser kann man wachsen!, nö, man ist scharf gleich auf den Mann oder die Frau an sich. Heißt ja "homosexuell". Eine allgemeine Form des Sexes, also des Seins und des Sich-zu-Sich und Sich-zu -Sich-und-zu-Anderen-Verhaltens.

Allein schon diese groteske Verallgemeinerung ist begriffliche Gewalt, übrigens ausgeübt nicht nur an "Homosexuellen", noch nachhaltiger an solchen, denen man diese Form des Seins dann gerade nichtzuschreibt: Bei jeder Regung könnte ja Gefahr bestehen, daß man auch dieser Allgemeinheit zugehören könnten. Da muß man dann verdammt vorsichtig sein. Die Humanwissenschaft produziert das Anormale, auf daß die Anderen dann auch ja Änsgte entwicklen, auch so zu sein. So bleiben sie schön normal. Um Foucault mal eben nebenbei zu simplifizieren.

Zu was verhält man sich also, wenn man sich zu sich verhält? Einiges wurde ja schon aufgezählt: Hunger, Lieben, Begehren, jemanden schön finden, Zeit mit jemandem zusammen als schön zu empfinden, sie mit ihm zusammen verbringen wollen, Erregung. Ein Satz wie "ich fühl mich heut so homosexuell, so islamisch, so liberal, so links" ist wohl nicht im selben Sinne formulierbar wie "Ich fühle mich heute so fit, daß ich joggen gehen möchte".

Mit den meisten dieser unmittelbar zugänglichen Zustände sind Handlungen verknüpft: Jemandem an der Brustwarze oder dem Ohrläppchen knabbern oder Liebesgedichte schreiben, essen, jemanden anrufen. Handlungen, die man vollziehn will, weil man dann diese Zustände hat. Meat Loaf auflegen, weil man sich dann so pathetisch fühlt.

So kann's in der Tat sein, daß man sein Verliebtsein am Anfang gar nicht merkt, und einem dann Freunde sagen: "Du redest aber ganz schön oft von dem!" Dann konstituiert man sich erkennend oder "sich über seine Gefühle klar werdend" als verliebt.

Das ist dann aber schon einen andere Ebene als der Zustand selbst - da ist man in der Sprache einer bestimmten Kultur unterwegs ist mit all ihren Konnotationen, Regeln, Weltsichten und Perspektiven. Involviert in diese ist man bereits auf der Ebene des Zustandes selber, eben hinsichtlich dessen, wie man es formuliert: "Ich bin verliebt", "Ich bin verknallt", "ich bin geil auf die Alte". "ich will die knallen!" färbt bereits den Zustand selbst. Auf der Ebene der Konstitution seiner selbst als so-oder-so-seiend, der Ebene des Erfassens der je eigenen Qualitäten, wird je nach kulturellem Kontext dann auch ein anderes Ergebnis der Fall sein, in das Wissen über die Welt und die Menschen, Werte, Normen etc. bereits einfließt.

Dennoch sind es diese Basis-Zustände, zu denen man sich verhält, indem man sich zu sich verhält, behaupte ich jetzt einfach mal. Selbst, wenn man arbeiten geht, um sich dann irgendwann ein schniekes Haus zu kaufen, ein Loft oder 'nen cooles Auto, dann tut man das, um sich in dem Haus oder dem Loft sauwohl zu fühlen, weil man z.B. Platz für eine Essecke hat, an der man liebenswerte Freunde bewirten kann, wenn trotz Hypothek dafür noch Geld da ist. Oder weil man's genießt, schnell über Autobahnen zu fahren mit dem neuen Auto. Man kann sich auch gut dabei fühlen, seine Pflicht zu erfüllen, anderen zu helfen, einen Krimi zu lesen oder jemandem ein paar vor's Maul zu hauen.

Ja, das ist so eine Sache mit diesen Basis-Zuständen. Wir leben z.B. in einer Kultur, in der es für Aggressionen überhaupt keinen Raum gibt. Gewalt wird aus guten Gründen geächtet, aber wäre eine Kultur der Agression nichtsdestotrotz auch mal was? Immer mal zwischendurch?

Wut kann man noch als ziemlich angenehm empfinden. Das kann richtig gut tun. Es gibt andere Zustände, da gerate ich derzeit in außerordentlich unangenehme Zustände, wenn ich darüber nachdenke, wie in unserer Kultur damit umgegangen wird.

"Angst" ist so einer. Die Verhohnepiepielung dieses für die Betroffenen eh schon beschissenen Zustandes geht mir aber sowas von auf den Geist. Anstatt Angst als Zustand zu begreifen, mit dem man umgehen kann, wird der Zustand als solcher bereits verkackeiert. "The German Angst" war ein großes, politisches Schlagwort, und daß es diskreditierend wirken konnte, das ist das eigentliche Desaster. Als sei es nicht ganz schön mutig, z.B. in zwei Hochhäuser reinzufliegen. Ich würde mir das nicht trauen. Da sagt die Alternative Angst oder Mut wenig über die Qualität der Handlung aus.

Fußball und Horrofilme sind z.B. Formen der Angstbewältigung. Fußball, weil man ständig auf das Schlimmste gefaßt ist, nämlich, daß der Gegner ein Tor schießt. Und wenn es dann doch passiert, überlebt man es auch irgendwie. Bei Horror-Filmen ist der Zusammenhang etwas deutlicher.

"Angst" wird als "Schwäche" erlebt. Ich vermute, da wirken heroische Patrirachatsfantasien fort. Dieses neue Schimpfwort "Opfer" ist auch so eines, wo Schwäche und Passivität gegeißelt werden. Liberale verhöhnen sogar gerne, daß es "Schwächere" überhaupt geben könnte in ihrem unreflektierten Universalismus und setzen dieses in Anführungsstriche - um sich dann über patriarchale Kulturen im Islam zu empören.

Dieses Unwort "homosexuell" wurde - neben Reproduktionsbedürfnissen in ökonomischer Hinsicht, weil man für die Industrialsierung halt viele Menschen brauchte, und einem Trend damit einhergehend zur Normalisierung von Gesellschaften - bestimmt auch unter anderem in groß angelegten Studien produziert, weil die Vorstellung passiver Männer so unerträglich scheint. Immerhin ist das in manchen Kulturen eine Form der Bestrafung, jemanden ficken. Oder einfach Machtsausübung, in amerikanischen Knästen zum Beispiel. Und die alten Griechen haben sie eingehend Gedanken gemacht, wie denn ein freier Mann passiv sein kann. Das sind doch eigentlich nur Sklaven und Frauen. Klar, war eine andere Erfahrung als heute. Paßt aber gerade.

Um so rätselhafter erscheint mir, daß bei aller Diffamierung der Angst und des Schwachen und des Passiven auf der Ebene der Diskussion rund um die "innere Sicherheit" im Sinne der "Gefahrenabwehr" Ängste sogar gezielt produziert werden. Daß ebenso die "Angst um den Arbeitsplatz" den Interessen jener dienlich ist, die Löhne drücken wollen. Daß Ängste vor Islamisierung, Überfremdung etc. von christlichen Interessenvertretern und der Neuen Rechten nicht minder geschürt werden.

Wahrscheinlich dient der zweite Diskurs dazu, vom ersten abzulenken. Das muß auch niemand planen oder intendieren. So etwas hat Eigendynmaik, von mir aus kann man es auch als "Emergenz" beschreiben. Zwei Diskurse, die sich wechselseitig stützen.

Klar scheint mir jedoch zu sein, daß man die Zustände zunächst einmal zu respektieren hat. Dann kann auch mit ihnen umgehen. Um bei so schrecklichen Zuständen wie Hunger, Durst etc. hat man dafür Sorge zu tragen hat, daß sie nicht auftreten.

Das kann kein Staat allein bewirken und auch kein Wirtschaftssystem. Insofern: Laßt uns über die Kultur des real existierenden Liberalismus reden. Den männlichen, aktiven, heroischen. Der will uns nur regieren, indem er uns Formen des Sich-zu-Sich-Verhaltens teils vorschreiben, teils einflüstern will. Hand in Hand mit den Konservativen. Ich bin dagegen.

PS: Der Text ist eine Gemengelage aus Heideggers "Sein und Zeit", Ernst Tugendhats "Selbstbewußstein und Selbstbestimmung" und den Bänden Michel Foucaults zu "Sexualität und Wahrheit" sowie dessen Schriften zur "Technologie des Selbst", dosiert gemischt mit gestaltherapeutischen Ansätzen. Keiner der Autoren kann freilich etwas für die angedeutete Form der Thesen oder sonstige Verwirrtheiten und Mißverständnisse.

"Das Gegengift ihrer eigenen Lüge"

So, dann eröffne ich hier mals einfach die Möglichkeit der Fortsetzung jener Diskussion, falls das überhaupt jemand will. Die war schon etwas abgerutscht. Und zwar mit dem Zitat folgenden Zitat:

"Sieht man heute allerorten, in Deutschland, in Prag, in der konservativen Schweiz, im katholischen Rom Jungen und Mädchen eng umschlungen über Straßen gehen und ungeniert sich küssen, so haben sie das, und wahrscheinlich auch mehr, aus den Filmen gelernt, welche die Pariser Lbertingae als Folklore verhökern. Will sie die Massen ergreifen, so gerät selbst die Ideologie der Kulturindustrie in sich so antagonistisch wie die Gesellschaft, auf die sie es abgesehen hat. Sie enthält das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen."
Theodor W. Adorno, Filmtransparente,´in ders.: Ohne Leitbild, S. 83, Frankfurt/M. 1967, erstmals erschienen in DIE ZEIT, 18.11. 1966 Schrieb Adorno also 12 Jahre nach "Rock Around The Clock", 10 Jahre nach Elvis' Durchbruch, 4 Jahre nach den "Schwabinger Krawallen", ein Jahr vor dem "Summer of Love". Im Jahr, als das "Revolver"-Album der Beatles erschien - inspiriert vom "Pet Sounds"-Album der Beach Boys. Ein Jahr zuvor skandierten die Rolling Stones "I Can't get no Satisfaction". James Brown hatte 1956 seinen ersten Hit mit "Please, Please, Please" und 1963 den großen Durchbruch, von den anderen Black Music-Künstlern aus Blues, Rock'n'Roll und Soul hier mal ganz zu schweigen. Aber Jazz-Hörer wollten laut Adorno ja auch nur marschieren ... armer Adorno, den Fehler hätte er wohl nicht machen dürfen, der wird ihm nie verziehen werden.

05.01.07

Wie erfindet man sich neu?

Ach, seufz, dann bringe ich den doch:

"F.A. Hayek hat das anschauliche Beispiel gegeben, daß z.B. ein Bergsteiger, der in eine Felsspalte gestürzt ist, im negativen Sinne frei ist, herauszukommen, weil ihn niemand daran hindert, während er im positiven Sinn nicht frei ist herauszukommen, weil er es nicht kann."
Ernst Tugendhat, Probleme der Ethik, Frankfurt/M. 1993, S. 359

Ja, gähn. Will ja eigentlich nicht so enden wie andere Blogger, die man so liest, um mich nur noch selbst zu zitieren. Am Jahresanfang hat man dann ja doch das Bedürfnis, also ich zumindest, sich mal wieder neu zu erfinden. Und surft dann so rum durch die Blogosphäre auf der Suche nach Inspiration, und findet fast überall das Gleiche. "Liberale" Blogeinträge könnte ich mittlerweile sowieso schon selbst schreiben, die drei Thesen kriege ich auch noch hin - einzig Statlers linksliberale Wende war da ja mal was neues. Wobei ich mich schon auch dabei ertappte, mich vor allem darüber zu freuen, daß da jemand schreibt, was ich schon 1991 studiert habe.

Natürlich reichlich dekadent, so eine Haltung - natürlich werden auch weiterhin Besitzlose national ...

... und international gegängelt, gemordet oder einfach hungernd irgendwo rumliegen gelassen, natürlich ähneln sich die Antitotalitären allerorten auch weiter Schritt für dem Gegenstand ihrer Kritik an, völlig verknallt in das, was sie attackieren. Natürlich haben wir einen Grad der Normalisierung - auch, aber nicht nur Dank des ökonomischen Zielens auf den Durchschnitt bei gleichzeitigem Feiern der Ersten Klasse der Bundesbahn - erreicht, den ich noch 1991 gar nicht zu prognostizieren gewagt hätte.

Und dann sitzt man doch wieder nur mit Kollegen in der Küche, langweilt sich durch's immergleiche Projektgeschäft, daß einen auch dieses Jahr wieder aussaugen und in Richtung Grab treiben wird, bis man gar nicht mehr weiß, was man fühlt. Um dann die Urlaubserfahrung, einfach 3 Wochen allein mit Hund in der eigenen Wohnung verbracht zu haben, als "Menschwerdung" unendlich zu genießen und als maßlos erfüllte Zeit verglichen mit diesem ganzen Quatsch, den man sonst so redet und tut, zu empfinden. Und das, obwohl wir im Job verglichen mit anderen wirklich das große Los gezogen haben.

Dann weicht man aus auf großartige Fantasien einer besseren Zukunft, was man doch mal so alles machen müßte, um doch wieder nur von der normativen Kraft des Faktischen zu etwas geformt zu werden, was man nie sein wollte - wie hat das noch der eine Heini im Tempo-Nostalgie-Heft genannt? "Die neue Eigentlichkeit", das sind diese ganzen Sätze "Eigentlich müßte man ja", "eigentlich bin ja, aber", "eigentlich würde ich ja gerne, aber ...." - das große Aber hat einen wieder und man fragt sich in der Tat ganz allgemein, wie das "eigentlich" entsteht, das Neue.

Wie man also nicht prognostoziert, sondern stattdessen erfindet.

Vielleicht sind wir ja wirklich allesamt nur Effekte von Technologien, seien's jene der Macht oder eben der richtigen Technik oder von Wissendiskursen - aber wie schafft man sich denn selbst die Alternativen, zwischen denen man wählen kann, um die Ästhetik der Existenz zu entfalten? Anstatt in Felsspalten zu hängen, meine ich ... und irgendjemand kommentiert jetzt gleich, mir ginge es einfach nur zu gut.

01.01.07

... like confetti on the floor ...

Na denn. Glaubet, hoffet, wisset: Da ist ein Weg. Oder der hier. Oder der hier. Vielleicht auch der. Manche Wege überkreuzen sich. Andere nicht. Egal, God Knows: Kann nix schief gehen in den nächsten 12 Monaten. Ich bin ja bei euch ;-) ... und der hier auch (obwohl ich den gar nicht verstanden habe). Der auch. Der auch. 2007, Du kannst loslegen!

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de