Bild und Text 2
Quelle: Zeta Mentor / Swiss Re
"Die Inszenierung von 2 Welten positioniert den Spekulaten als als priveligierten Seher und Späher: Er sieht, was andere nicht sehen können. Im Unterschied aber zum Künstler, dessen Einbildungskraft ebenfalls exklusiv ist, wird das Sehen des Spekulanten als ein Erkennen der Wirklichkeit inszeniert. (...) hinter dem Vorhang findet sich die Welt, wie sie wirklich ist - der Spekulant schafft sich Durchblick und Transparenz. Seine Einbildungskraft ist also stets durch die selbstverständliche Gegebenheit der Wirklichkeit fundiert; sie kann nicht entgleisen, da sie sich ontologisch immer schon auf der richtigen Seite der Wirklichkeit weiß.."
Urs Stäheli, Normale Chancen? Die Visualisierung von Investmentchancen in der Finanzwerbung, in: Sabine Maasen, Torten Mayerhauser und Cornelia Renggli (Hg.): Bilder als Diskurse - Bilddiskurse, Göttingen 2006, S. 41-42
Schön. Das Höhlengleichnis kann für einige Propheten aus der Finanzwirtschaft somit als aufgelöst betrachtet werden. Sie können das einfach: Die Wahrheit aus dem Rauschen herausfiltern. Sie könnten verkünden wie die Seher von einst. Ihre Sprache ist das Haus des Seins - und wir, die wir draußen bleiben müssen, blicken ihnen neidvoll durch's Fenster nur zu, die Zunge hängt gierig herab ...
Das Motiv oben stammt aus einem Inserat der Swiss Re, ist dort mit der Schriftzeile "Solutions beyond the obvious" unterlegt. In einem kleingedruckten Text darunter finden sich die Sätze: "For most people the horizon is as far as they can see. But for us it represents the threshold to an unseen world of new opportunitities." Da hört man doch mit dem geistigen Ohr gleich eine sonore, natürlich männliche Stimme, die das spricht.

Kommentare
Entschuldigung, aber mir fällt nur eines ein: Das Bild ist zum Kotzen. Da man aber leider ikonographische, oder besser vielleicht, methodische, Herleitungen aus der Malerei darin gleich mitsehen kann, was man wohl auch soll- z. B. Magritte, wie ich vermute - frage ich mich immer wieder bei solchen Gelegenheiten nach einer gewissen Mitschuld der Künstler an dieser ästhetisierenden Verständigungsgestaltung des Zwecks. Da bin ich richtig froh, dass Turner so schwierig zu verstehen ist, nicht nur offensichtlich für Herrn Böckemühl, sondern natürlich auch für mich.Aber ich stelle mir schon länger die Frage, ob künstlerische Praxis nicht sehr wohl wieder mehr zu ihren hermetischen, subjektiven Anteilen stehen sollte. Ich weiss das nicht, denke aber, dass Kunst sich endlich wieder weigern sollte, als Rohstofflieferant für solche Verzweckung zu dienen.
Verfasst von: T.Albert | 09.01.07 21:38
T. Albert, deine Vermutung, dass die Surrealisten, vor allem
Magritte, an dieser ästhetisierenden Verständigungsgestaltung des Zwecks in gewisser Weise "mitschuldig" sind, weise ich energisch zurück. Dafür können sie ebensowenig, wie Leonardo da Vinci etwas für den Mißbrauch seiner berühmten anatomische Zeichnung des in ein Quadrat und einen Kreis eingezeichneten Menschen für Werbezwecke kann. Die Surrealisten wollten mit ihrer Bildsprache Klischees brechen - während dieses Werbebild mittels dieser Bildsprache ein Klischee, nämlich das des mit exklusiver Erkenntnis ausgestatteten Experten, fördert.
Turner ist, finde ich, wie die meisten "Romantiker" (im weitesten Sinne) einfach zu begreifen - man muß sich "nur" in ihn einfühlen ...
Verfasst von: MartinM | 10.01.07 07:53
Da bin ich eher bei T. Albert. Oder würde zwischen "Gebrauchskunst" und "Kunsthandwerk", wozu die meisten Pop-Geschichten gehören, und Kunst als etwas, das z.B. Seh-Gewohnheiten bricht und ruhig verrätselt sich immer neu entzieht und eben zur reinen Ware trotz Kunstmarkt gar nicht werden kann, unterscheiden. Mach mal mit dem Fettstuhl von Beuys Werbung - das geht nur, indem man Beuys ironisiert.
Und z.B. Dali paßt eben gut in Kalender - Cèzanne auch, aber der macht trotzdem was mit Deiner Wahrnehmung, was sie verschiebt, immer neu. Dali hingegen nimmt genau das im Bild selbst vorweg und ist deshalb öde, aber guter Pop und gutes Kunsthandwerk.
Das bemerkenswerteste am Bild oben finde ich übrigens, daß der Typ sich beugen muß, um die Wahrheit zu sehen ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 10.01.07 08:56
"Alle sagen auf der Strasse liegt das Glück, doch vom vielen Bücken hab' ich nur 'nen krummen Rücken" - so ging mal ein Text der HipHops namens "Die Firma" ;)
Doch eigentlich wollte ich was anderes anmerken: Als ich die ersten Sätze gelesen habe ("Die Inszenierung von 2 Welten positioniert den Spekulaten als als priveligierten Seher und Späher: Er sieht, was andere nicht sehen können.") musste ich spontan an ein Seminar denken, das in München mal angeboten wurde. Zwei emeritierte Profs, einer aus der VWL, der andere aus der Philosophie, boten ein Seminar zur Ästhetik von Bilanzen an.
Tatsächlich scheint das (Abbildungs)Verhältnis, das eine Bilanz zur "Wirklichkeit" hat, eines zu sein, das im gängigen Gebrauch wohl fast naiv als Identitätsverhältnis begriffen wird, obwohl jede bekannt werdende Bilanzfälschung das Gegenteil "beweist".
Blöd dabei ist wohl, dass es fast egal ist, wie dieses Abbildungsverhältnis beschaffen ist, weil man mit einem kleinen mutig ins unsichere Gewässer springendem Perspektivwechsel den folgenden Satz noch erweitern kann:
"Seine Einbildungskraft ist also stets durch die selbstverständliche Gegebenheit der Wirklichkeit fundiert; sie kann nicht entgleisen, da sie sich ontologisch immer schon auf der richtigen Seite der Wirklichkeit weiß."
Dass er sich schon immer auf der richtigen Seite der Wirklichkeit weiß, kann eben auch daher kommen, dass er diese Wirklichkeit durch seine Praxis erst etabliert und dann nicht nur von einer beneidenswerten Gewissheit Besitz hat, sondern auch von einer "Normativität des Faktischen" sprechen kann.
Dies angenommen, hat die Kritik einen schweren Stand. Denn wie soll man diese als Fakten anerkannte Fakten bezweifeln, ohne die von eben diesen Fakten ausgezeichnete Wirklichkeit zu verändern? - Und die (anerkannte) Wirklichkeit zu verändern, - das muss dann doch das Unterfangen des Größenwahnsinns, zumindest aber der Irrationalität sein ...
Verfasst von: ChristianK | 10.01.07 13:17
@Christian K.:
Ästhetik von Bilanzen ist aber ein Super-Thema ;-) ...
Im Falle der Bilanz kann man das mit der Hervorbringung von Wirklichkeit durch Praxis wohl vertreten, den Abbild-Charakter der Bilanz dabei aber noch lange nicht verteidigen.
Es ist zudem davon auszugehen, daß er das, auf das die Bilanz verweist, nicht allein hervorgebracht hat und da allerlei andere Perspektiven auf die Praxis, die diese Wirklichkeit hervorbrachten, im Falle der Bilanz auch möglich wären. Eine Bilanz aus Perspektive des Pförtners sähe wohl selbst im Bezug auf das Gesamtunternehmen sehr anders aus.
Beim Spekulanten dann ist es ja noch mal was anderes - zumindest im Falle des obigen Bildes: Der entdeckt etwas in nicht von ihm erzeugten Welten, etwas, was anderen verborgen bleibt. Sozusagen ein priveligierter Zugang zur Welt. Und das enstpricht dann schon dem Gestus des einen oder anderen Ökonomen in Netz und Wirklichkeit ...
Da waren ja noch mehr Anzeigen im Text erwähnt - eine ist eine surreale Welt, die sich aus den Wünschen des Spekulanten zusammensetzt. Da würde das hinhauen, glaube ich.
Weitere Anzeigen setzten explizit auf soziale Distinktion: Alle stehen an einer Kino-Kasse an, nur der Spekulant entdeckt den allen anderen verborgen Hintereingang. Das hat auch einige Ähnlichkeiten mit dem Habitus des einen oder anderen Ökonomisten ... und irgendwie läßt mich das tiefsinnig werden.
Verfasst von: MomoRules | 10.01.07 14:56
Ich denke auch, dass man den Unterschied von Spekulant und Buchhalter. Nicht zuletzt, weil der erste durch das Spiel mit der Unsicherheit Fakten entdeckt, schafft und auch zum Verschwinden bringt (etwa wenn die Arbeit in der Figur der Aktie verschwindet), der Buchhalter aber gerade Unsicherheit zu reduzieren versucht, um so etwas wie eine Bilanz zu erhalten, auf dessen Basis sich dann Aussagen über die Zukunft entnehmen lassen.
Mir fiel aber auch nochmal das Argument von Foucault ein, dass man ja durchaus nachvollziehen kann, wie Fakten als unihinterfragte Gegebenhieten entstehen, ohne dass dabei notwendig die Verhältnisse komplett geändert werden. Allerdings geht das dann mit einer Verunsicherung einher, die man für die Veränderung nutzen kann. Es geht doch bei der Frage darum, die Selbstverständlichkeit der Fakten aufzulösen, und das kann man tatsächlich machen.
Verfasst von: lars | 10.01.07 17:33
@MomoRules: Hast Du Dich bei "bucklicht männlein" als Panurg registrieren lassen?
Und danke für die freundliche Verlinkung.
Verfasst von: lars | 10.01.07 17:40
Das Kuriose ist ja, wie in dieser Werbung gerade das Spekulative, Unsichere, gefährliche "gebannt" wird durch diese Konstruktion des privligierten Zugangs zur Wahrheit, der "eigentlichen" Sicht auf die Dinge, der die doofe Masse nicht zu folgen vermag ...
Bzgl. der Bilanz und der Konstruktion von Wirklichkeiten ist zudem ganz interessant, wie unterschiedlich die Funktion dieser in unterschiedliche Kontexten ist - also GmbH und AG, aber auch hinsichtliche Steuerrecht etc.
Ob sie also eher zu internen Zwcken dient oder zur Darstellung von "Sachverhalten" gegenüber "Investoren" und welche Rückwirkung das dann jeweils auf die Arbeitsweise des Unternehmens hat.
Die Frage nach deren Ästhetik sowie auch deren innerer Struktur ist dann tatsächlich zentral, weil sie als Scharnier zwischen "Marktwirklichkeiten" und "internen Arbeitsweisen" funktioniert und so auch Mikro- und Makroökonomik jenseits der gängigen, mir auch nur flüchtig bekannten ökonomischen Kriterien als Kommunikation/Diskurs vermittelt. Wäre glatt ein Forschungsprogramm ... spannendes Thema, das mit der "Ästhetik von Bilanzen"!
Verfasst von: MomoRules | 10.01.07 17:47
Panurg? Was ist denn ein Panurg?
Klar doch, das mit der Verlinkung!
Verfasst von: MomoRules | 10.01.07 17:48
Die Unterscheidung zwischen echter Kunst und bloßem Kunsthandwerk ist mir zu elitär. Anhand welcher Kriterien sollte man die Grenzen ziehen? Ich neige dazu, an bildende Kunst extrem subjektiv heranzugehen, d. H. ein Kunstwerk ausschließlich durch Einfühlen, sich reinsehen, zu beurteilen. Und dabei geschieht es regelmäßig, dass mir renomierte Kunstwerke buchstäblich nichts sagen, mir aber ein naives "Kitschbild" - sehr gefangen nehmen kann. (Das sich so etwas wie "Pop Art" etablieren konnte, zeigt mir, dass ich wahrscheinlich nicht der einzige bin, dem es so geht. Die Ästhetik z. B. einer Comic-Zeichnung. Ich lese nicht sehr viele Comics, bin aber von der Ästhetik vieler Comic-Zeichner sehr angesprochen.)
"Gebrauchskunst" - bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es - von einzelnen Amateuren abgesehen - gar nichts anderes.
Der Fettstuhl von Beuys ist m. E. schon von Künstler selbst ironisiert - im Sinne einer (großartigen) Eulenspiegelei. Beuys führte damit sowohl den etablierten Kunstbetrieb - mit seinem Hang, beinahme zwanghaft tiefsinnige und wortreiche Interpretationen zu verfassen - wie die kleinkarierter und ignoranten Meckerer ("was soll an dem Dreck daran Kunst sein?") vor. Beuys war sicher kein Witzbold wie Hape Kerkeling ("Der Wolf, das Lamm - Hurz!"), aber ich kenne einige Äußerungen von ihm, die darauf schließen lassen, dass er sich über manche "Kunstexperten" köstlich amüsierte.
"Dali hingegen nimmt genau das im Bild selbst vorweg und ist deshalb öde, aber guter Pop und gutes Kunsthandwerk." Nun, öde finde ich Dali nicht - allenfalls den 7895. Kalender mit denselben Dali-Motiven.
Aber es stimmt schon - Dali eng, anders als andere Surrealisten, den Spielraum des Betrachters ein. Seine Bilder irritieren nur beim ersten Betrachten. Nicht der Maler, über dessen Gemälde man stundenlang meditieren könnte.
Das "konventionelle" Gegenstück zu Turner sehe ich in Caspar David Friedrich - beides ausgesprochene Romantiker, aber Friedrich zeigt das explizit, was Turner nur andeutet. Es ist übrigens bezeichnend, wie viele heutig Betrachter Friedrichs Werke kitschig nennen - wahrscheinlich ist das eine Folge ihrer leichten Zugänglichkeit, verbunden mit stark gefühlsbetonten Bildaussagen.
(Kitschprofilaxe für Künstler: sei kühl und gefühlsarm in der Darstellung und achte auf schwere Zugänglichkeit. Sehr viele halten sich dran, nicht nur in der bildenden Kunst, sondern vor allem in der Literatur.)
Zu den evokativen Titeln: Ich überlege gerade, ob Friedrichs "Eismeer" auch so berühmt geworden wäre, wenn es nicht versehendlich lange Zeit unter dem Titel "Die gescheiterte Hoffnung" (Titel eines anderen Friedrich-Gemäldes) geführt worden wäre. Der Titel zog nämlich "tiefsinnige" Interpretationen nach sich, die nicht zur Klischee des guten, aber eher "seichten" "Kunsthandwerkers" Friedrich passten.
Verfasst von: MartinM | 10.01.07 21:12
@Momo: Panurg ist....
1) ein mir unbekannter Nutzer, der sich gestern auf meinem Blog registriert hatte
2) eine Figur in Umberto Ecos Roman "Baudolino"
3) Eine Figur, die Deleuze verwendet, über deren Funktion ich mir allerdings gerade nicht im klaren bin...das Buch steht im Büro.
@Martin: Zur Unterteilung Kunstwerk und Kunsthandwerk bz. Gebrauchskunst, Kitsch etc.
Zuallererst ist das 19. Jahrhundert DAS JAHRHUNDERT der Gebrauchskunst und des Kitsches. In der Art der Prosuktion ist übrigens durchaus ein Kriterium zu sehen.
Dann muss man da denke ich die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten unterscheiden: also z.B. Einfühlung, technische Interpretation (Kunst kommt vom Können), l'art pour l'art (also das Kunstwerk als zweckfrei zu verstehen) oder als Geniestreich. Diese Positionen sind einerseits milieuspezifisch, d.h., dass sich in verschiedenen sozialen Gruppen verschiedene Interpretationsmuster häufen. Diesen Mustern wiederum kann man verschiedene Stile, Motive, Künstler, Epochen usw. zuordnen.
Nun haben einige die Definitionsgewalt über Kunst inne, indem sie entweder im Betrieb die entsprechenden Positionen innehaben (Kurator, Museendirektor, Professoren, Mäzene, Auktionshäuser, Künstler, Kritiker), die in den verschiedensten Medien (Journalismus, Wissenschaft, Kulturbetrieb, Schulen, Akademien) ihr Verständnis oder meinetwegen auch ihre Hauptstreitereien zur Kunst geltend machen können.
Wir haben also das doppelte Problem, dass wir einerseits Kriterien der legitimen Kunst bestimmen müssen (also was sollte als Kunst gelten und was nicht), die wir nicht von den Interpretationsformen abhängig machen können, da diese genauso problematisch sind.
Meines Erachtens bleibt dann sozusagen nur noch das Kriterium des Konstruktiven, d.h. Kunst ist nur insofern zu bestimmen, inwieweit es gelingt, seine eigenen Möglichkeitsbediungungen aufzuzuzeigen und damit auch aufzuheben. Ob dies dann Gebrauchskunst sein kann oder nicht, hängt davon ab, ob es den Objekten gelingt, deutlich zu machen, unter welchen Bedingungen sie entstehen konnten. Hummelfiguren können das eindeutig nicht, weil sie iene idelaisierte Kindheit (zumeist das neugierig-staunende unschuldige Kind präsentieren). Manch ein guter Film kann das hingegen durchaus leisten, z.B. "I heart Huckabees", während das manch großet Kunst allein schon durch die Art ihrer Präsentation (im Museum) nicht (mehr) gelingt.
Schließlich gibt es verschiedene Ebenen des Verstehens und Einfühlens die man durchaus ernstnehmen muss, aber nicht immer teilen kann (sie verweisen auf die ideologischen Fronten in der Kunst selbst). Ich z.B. kann gar nicht verstehen, was man an James Bond sehen kann. Ich verstehe sie nicht einmal, geschweige denn identifiziere mich auch emotional nicht mit den Figuren oder ziehe einen ästhetischen (Lust-)Gewinn daraus. Das heißt nicht, dass er das nicht für andere kann, aber Einfühlung, Genie des Regisseurs, die gute Schaupielerei des Protagonisten, all das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass diese Filme nicht deutlich machen können, worin ihr Konstruktionsmoment besteht. Warum mussten sie gedreht werden? Was möchten sie darstellen? Welchen Inhalt wollen sie transportieren?
Versteh mich nicht falsch, ich will den Genuß oder die Einfühlung nicht delegitimieren, aber sie können kein Konstriltionsmoment deutlich machen, auch wenn man mit ihnen z.B. gut gegen die zunehmende Kanonisierung (d.h auch: Abschließung) der Kunst ins Feld ziehen kann.
Verfasst von: lars | 11.01.07 00:46
ich meine natürlich: kein Konstruktionsmoment deutlich machen
Verfasst von: lars | 11.01.07 00:47
bitte entschuldigt die vielen Rechtschreibfehler..bin müde und kann dann nicht mehr sauber tippen.
Verfasst von: lars | 11.01.07 00:50
@Martin + Lars:
Dazu kommt gleich auch noch was, ich haue hier aber einfach mal Thesen als Antwort raus:
- Es kann zu einem bestimmten, historischen Zeitpunkt etwas als Kunst gelten, was zwei Jahrhunderte später nur noch als Kunsthandwerk taugt, und umgekehrt.
- Kunst läßt sich weder auf den Rezeptionsprozess des Sich-Einfühlens och auf Institutionen, Praktiken und Diskursen von jenen Mächtigen, die die Definitionsmacht haben, reduzieren, sondern Kunst thematisiert Wahrnehmung. Und was und wie wir wahrnehmen, obliegt zwar immer auch dem kulturellen und gesellschaftlichen Rahmen, in dem wir wahrnehmen, die potenzielle, soziale Bedeutung der Kunst liegt jedoch gerade darin, daß sie die Üblichkeiten des Wahrnehmens zu transzendieren vermag.
Deshalb ist die Unterscheidung Kunsthandwerk und Kunst gar nicht elitär, sondern man kann von Fall zu Fall diskutieren, ob dieses denn der Fall ist. Das ist eine dynamische Differenz, die sogar von Betrachter zu Betrachter, von Kunstproduzent zu Kunstproduzent variieren kann - je nach Erfahrungshorizont desjenigen.
Und das kann sich sogar "ganz allgemein" ändern, je nachdem, was Üblichkeit geworden ist.
Das ist jedoch auch keine Frage der reinen Innovation, Giotto macht ja heute auch noch was mit mir, was sich den Üblichkeiten entzieht. Kandinsky nicht, wo massenhaft Adaptionen bei IKEA rumstehen. Während Warhols Suppendosen gerade in einer Konsumgesellschaft ihre Irritation bewahren können und Chagall mich ewig an Roncalli erinnern wird, weil's ein ähnlicher Zeitbezug war, in dem er trendy war.
Eine Unterscheidung zwischen legitim und illegitim gehört für mich eher in den Bereich der Moral als jenem der Kunst.
Panurg bin ich nicht ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 09:07
@lars & martinM
Zu der Bestimmung von Kunst. Ich denke lars hat vollkommen Recht, wenn er schreibt:
"Kunst ist nur insofern zu bestimmen, inwieweit es gelingt, seine eigenen Möglichkeitsbediungungen aufzuzuzeigen und damit auch aufzuheben"
Wenn man diese Sprechweise in eine andere übersetzt, meint das, dass notwendige Bedingungen der Kunst zeigen möchte. Sofern man aber nicht (wie so einige Großdenker des 19. Jhdts.) normativ sagen möchte, dass ist Kunst und das nicht, wird es nicht möglich sein, eine einzige notwendige Bedingung von Kunst zu finden - geschweige denn eine hinreichende.
Zugegeben: Unterscheidungen zwischen Gebrauchskunst und nichtGebrauchskunst können wir natürlich trotzdem treffen und tun dies wohl auch unentwegt, nur (annähernd) trennscharf wird diese Unterscheidung zwangsläufig nicht sein können (behaupte ich ;).
@Momo:
Könnte man das Verhältnis der Praktiken von bilanzierendem Buchhalter und Spekulant nicht als ein sehr schönes wechselseitiges Bedingungsverhältnis beschreiben, insofern des Buchhalters Bilanzen eben jene Wirklichkeit erzeugen, die der Spekulant 'bearbeitet'; und gleichzeitig der Spekulant aber die Regeln vorgibt, nach denen sich die Bilanz (und damit die Wirklichkeit, mit der der Spekulant arbeitet) richten muss?
Der Spekulant stände auf der ontologisch immer schon richtigen Seite der Wirklichkeit, weil er (durch seine Praxis) die Regeln beschreibt, nach denen sich die Wirklichkeit formieren (oder auch nur richten) soll. -- Daran anschließend würde die techné des Buchhalters ihre Möglichkeitsbedingungen also nicht nur in einer materiellen Wirklichkeit der vorhandenen Arbeitskräfte, Maschinen, Umsatzzahlen, etc. sondern auch im Spekulanten finden.
Soweit (erstmal) die eine Seite, die Seite der Produktion gewissermaßen. Wie sieht es aber mit der anderen, der der Rezeption aus?
(Jetzt in loser, vielleicht wirrer Assoziation ...) Wenn die Bilanz (als Wirklichkeit des Spekulanten) als Gegenstand der Ästhetik verstanden wird und wenn das ästhetische Urteil seinen Bestimmungsgrund im Subjekt hat (alles, das mir sonst begegnet ist, erschien mir wenig plausibel), was bedeutete dies, für die Tätigkeit des Spekulanten? Und was bedeutete dies für die Existenz oder Wirklichkeit eines Arbeiters, auf die die Tätigkeit des Spekulanten und zwangsläufig auch Buchhalters zurückwirkt?
...
hm ... ich denke, ich werde diesem Prof mal eine eMail schreiben und ihn fragen, ob er noch ein paar (elektronische) Unterlagen wie Literaturlisten und so zu diesem Seminar hat. Ich glaub ich muss mich damit mal intensiver beschäftigen ;)
Verfasst von: ChristianK | 11.01.07 10:01
@Christian:
Was ist denn an der Formulierung der Möglichkeitsbedingungen kunstspezifisch?
Das gilt doch für jede Form der Erkenntnis und darüber hinaus ... nicht umsonst ist das ganze kritische Programm Kants die Analyse der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis und Moral, und bemerkenswerterweise thematisiert er dann in seiner Ästhetik die Urteilskraft, also die Vermittlung von Allgemeinem (Regel, prinzipien etc.) und Besonderen ... Ästhetik wäre dann das Nicht-Regelgeleitete, das sich das Besondere erschließt. Sind ja alles Adorno-Themen. Auch 'ne Variante. Wer Regeln einfach befolgt, macht keine Kunst. Deshalb ist Kunst Freiheit ;-) ...
Das mit dem Buchhalter und dem Spekulanten, das haut, glaube ich, so hin - abgesehen von der Bestimmung durch ein Subjekt.
Genau die Regeln, die hier Praxis konstituieren, sind ja zumeist solche, die Varianten von Subjektivität in bestimmten Situationen erst produzieren, und ich behaupte mal, daß dieses im Rahmen des Ökonomischen auch dann der Fall ist, wenn's um Ästhetik geht.
Der Arbeiter nimmt dann wohl Machtdemonstrationen und soziale Distinktion wahr, vermute ich, weil das - auch weiterhin, gilt auch auch für Angestellte - eben seine Existenz und Wahrnehmung bestimmt.
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 10:52
Nun, an der Formulierung von Möglichkeitsbedingungen ist zunächst natürlich nichts kunstspezifisch ;)
Mir ging es nur darum, dass es - so behaupte ich - unmöglich ist eine Realdefinition (ja, bei der Kunst flüchte ich mich immer in eine andere Redeweise) von Kunst zu geben, weil man kein unterscheidungsfähiges Kriterium finden wird. Anders ausgedrückt: Ich kann zwar betrachten, was zu welchem Zeitpunkt unter welchen Bedingungen als Kunst bezeichnet wird, kann aber gleichzeitig keine logisch und zeitlich allg. gültige Definition oder auch nur notwendige Bedingung (und das wären die Möglichkeitsbedingungen) von Kunst geben. Und die allg. Unterscheidung von Gebrauchskunst - vs. - nicht Gebrauchskunst setzt eben eine solche (m.E. nicht mögliche) allg. Definition, bzw. Unterscheidungsmerkmal voraus.
Auch wenn (wie bspw. Danto, Goodman, Wollheim) immer wieder versucht wurde eine Definition zu erarbeiten, sind diese Konzepte (zumindest die, die ich bisher kennengelernt habe) unbefriedigend ... aber vielleicht ist das ja eher was für Bild&Text 3 und den Danto-Ausschnitt ;)
Verfasst von: ChristianK | 11.01.07 11:40
Witzig wie gelahrt ihr über Dinge (Bilanzen) sprecht, die unsereins ganz anders sieht. Und wenn ich "ganz anders" sage, dann meine ich das auch so - das fängt beim Begriffsset an, geht über die Wirkungsmechanik und endet im Rahmen, in dem sich das alles abspielt.
Und das Schlimme für mich persönlich ist: Ich schaffe es nicht, daraus neue Aspekte zu gewinnen. Das eine klingt mir zu banal, wieder anderes zu falsch oder zu irrelevant. Was entweder an meiner Verbohrtheit liegen kann oder tatsächlich daran, dass es mehrere parallele Wirklichkeiten gibt, die jeweils in sich widerspruchsfrei existieren können bzw. für deren Elemente im Umkehrschluss die Widersprüche eklatant erscheinen, wenn sie jemandem aus einer "anderen Wirklichkeit" lauschen.
Verfasst von: Rayson | 11.01.07 13:41
@Rayson:
Viel interessanter wäre, Du würdest das mit Deinen profunden Kenntnissen und Erfahrungen ergänzen, kommentieren und widerlegen, als jetzt hier implizit alle für blöd zu erklären oder alternativ in einer anderen Welt als Deiner zu verorten ...
Ich beziehe mich im wesentlichen auf die Aufbereitung unserer Quartals- und Jahresabschlüsse als Teil der Außendarstellung des Unternehmens und die Prozesse, die zuvor in der Firma ablaufen, um eine gute "Performance" zu liefern. Das ist ja schon fast Firmenzweck.
Ansonsten geht's ja hier in der Diskussion um alles Mögliche auch jenseits der Ästhetik von Bilanzen, unter anderem um Vorstellungen, die Werbeagenturen von Lockstoffen haben, mit denen Spekulanten zu ködern wären. Und dann noch um Kunst im Allgemeinen.
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 15:15
@Martin und Momo:
Kann man eure Perspektiven nicht in dem Punkt zusammenführen, dass Freiheit ein Verhältnis zu den Notwendigkeiten ist. Also ein Verdeutlichgen, worin die Regelfreiheit besteht? Oder ist das eine Falltüre? Wir sprechen ja immer noch von realer Kunst. Sie ist ja - nochmal Adorno - die Präsenz der Utopie vermittelt durch reales Leid im Falschen. D.h. sie trägt an sich schon die Male der Unfreiheit. Kunst ist ja nicht der versöhnte Zustand, sondern dessen Statthalter.
Verfasst von: lars | 11.01.07 16:09
Also, sorry, für "blöd erklärt" habe ich hier nun wirklich niemanden. Dabei hätte ich als jemand, der mit dem Thema "Bilanzen" quasi täglich zu tun hat, nach den üblichen Gesetzen der Blogosphäre allen Anlass dazu, auf meine Schulterklappen zu zeigen und die ebenso dreisten wie unkundigen Fachfremden in ihre Schranken zu verweisen. Was natürlich selten dämlich wäre.
Es würde aber nichts bringen, wenn ich jetzt aus "meiner Welt" plaudern würde - dazu müsste ich erst versuchen, die völlig unterschiedliche Denk- und Sichtweise zu überbrücken.
Irgendwie stehe ich nämlich staunend vor dieser Kluft und wundere mich, auf was für mich sehr seltsame Ideen andere beim Betrachten eines Themas kommen können, das sozusagen zu meinem täglich Brot gehört. Nicht, dass die eigentliche Wahrnehmung sehr differierte, doch danach geht es sofort los. Bei Begriffen, Einordungen in Zusammenhänge, Wirkungsmechanismen - da ist einfach fast alles auseinander.
Mein Aha-Erlebnis des Tages sozusagen. Und schon ist einer beleidigt.
Auf den Rest der Diskussion bezog ich mich übrigens nicht. Denn von Kunst habe ich nun wirklich keine Ahnung, und Werbung kenne ich nur als das Budget, von dem man weiß, dass die Hälfte davon verschwendet ist, aber nicht, welche.
Verfasst von: Rayson | 11.01.07 16:27
@Lars:
Das ist mir zu allgemein.
Freiheit ist das Vermögen, vernünftig zu handeln, würde ich sagen - was immer auch impliziert, sich dafür zu entscheiden, einfach zu tun, wozu man Lust hat.
In den Prozeß des überlegten Wollens fließen dann auch Notwendigkeiten mit ein, je nachdem, welche Möglichkeiten sich ergeben und welche Fähigkeiten man besitzt und ob im Rahmen dessen dann Notwendigkeiten eine Rolle spielen.
Insofern kann man sich auch zu Regeln verhalten, sie für richtig oder falsch befinden.
Ästhetische Regeln sind aber zumeist anderer Art als soziale Regeln, selbst wenn sie in diesen gründen sollten, was ja nicht immer der Fall ist, aber oft genug.
Ein Spezialfall sozialer Regeln sind moralische Regeln, z.B. der Respekt vor dem Gegenüber, der auch Höflichkeit impliziert, eine grundsätzlich nicht-instrumentelle Haltung dem Anderen gegenüber - und eigentlich alles, was intersubejktive Verbindlichkeit beanspruchen kann.
Andere soziale Regeln bilden Schnittmengen zum genuin ästhetischen Bereich: Tischsitten (die allerdings dann moralische sind, wenn es z.B. darum geht, andere nicht mit der Gabel pieksen), Etikette, Kleiderordnungen etc.
Fragen des "guten Lebens", also des "Wie will ich leben", haben häufig auch einen ästhetischen Gehalt und funktionieren analog zu Verwendungsweisen von "schön": Ich fühle mich wohl, wenn ich in einer WG wohne - das ist die Welt des Angenehmen, die ja z.B. bei den meisten Leuten die Musikauswahl prägt.
Es gibt Kulturen - eigentlich alle traditionellen -, in denen diese Frage in den Rang einer moralische Frage erhoben werden. Das ist unter modernen Bedingungen eigentlich nicht mehr möglich.
Ästhetik ist der Bereich des Wahrnehmens, der Sinnlichkeit. Kunst ist hiervon nun wieder ein Spezialfall, behaupte ich, und da Adornos Versöhnungsgedanke auch als Glücksversprechen auftritt und in Sinnlichkeit eben auch begründet sich findet, ist diese Ebene bei ihm so prominent gedanklich besetzt, glaube ich.
Natürlich gibt es gerade bei ihm auch die ästhetische Reflektion in unglaublichster Intensität und somit auch eine Form ästhetischer Rationalität, ich glaube aber, daß weder das Eingedenken der Natur im Subjekt noch die Mimesis-Konzeption Sinn machen, wenn sie nicht auf Sinnlichkeit bezogen bleiben.
Kunst sind für mich ästhetische Formen, die Sinnlichkeit über sich hinaustreiben und neue Formen von Sinnlichkeiten eröffnen - zumiest, indem sie nicht einfach Wahrgenommenes darstellen, sondern den Akt der Wahrnehmung selbst mit thematisieren.
Indem sie z.B., wie lange kunstgeschichtlich geschehen, zur Abstraktion hintreiben, bis nur der schwarze Kreis auf weißem Grund oder die weißen Tafeln bleiben.
Das schließt Konzeptkunst gar nicht aus, es gibt ja auch eine intellektuelle Quasi-Sinnlichkeit, ein Kick, ein plötzliches Begreifen, dieses Gefühl "So habe ich das noch nie gesehen", die dann neue Parameter für überlegtes Wollen eröffnen. Ebenso das Begreiflichmachen von Leid durch neue Sichtweisen und Perspektiven.
Und klar, in dieser Hinsicht hat das dann auch mit Freiheit zu tun, weil es mich über mich hinaustreibt, auch, indem es mit Gewohnheiten und somit Regeln bricht.
Aber der ganze Kladderadatsch verschiedener Rationalitäten und der Umgang mit Sinnlichkeit muß schon mitgedacht werden, glaube ich.
Übrigens kann man, glaube ich, wegen alledem auch guten Gewissens und ganz im Ernst von "Kochkunst" sprechen.
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 16:45
@Rayson:
Sorry, wahrscheinlich war ich einfach im Geiste noch dabei, mich über Rainer Lang zu ärgern wegen dessen seltsamen Statement beim A-team.
Vielleicht ein Übersetzungsversuch: Habe mir neulich ein Buch gekauft über die "Philosophie des Fernsehens". Die Autoren meinten damit jene des Fernsehens selbst - also nicht der Fernsehschaffenden und Fernsehmachenden, sondern eben des Fernsehens selbst. Und auch nicht des einzelnen Fernsehers, sondern eben des Fernsehens im Allgemeinen.
Da habe ich dann so rumgeblättert und war etwas verstört, weil das so gar nix mit den alltäglichen Erfahrungen, die ich so mache, zu tun hatte. Man diskutierte dort über völlig andere Sachen.
Das liegt natürlich am methodischen Trick, der auch ein rhetorischer ist: Hier wird etwas analog zu intentionalen Prozessen dargestellt, das erst von der methodischen Vorgabe her überhaupt existent ist. Obgleich es um Intentionen gar nicht geht. Das ist beim Foucaultschen Machtbegriff manchmal ähnlich, manchmal aber auch nicht.
Da es jedoch sowohl nicht-intentionale Prozesse wirklich gibt, vorraussetzungsfreie Beschreibung von Phänomenen hingegen sowieso nicht, ist eine solche "als ob"-Methode legitim.
Und um so mehr ich dann quer las, desto plausibler wurde mir das ganze kurioserweise ganz unabhängig davon, ob sich das nun mit meiner Alltagserfahrung deckt oder auch nicht. Weil man's eben so auch sehen kann und dann Sachen sieht, die mir sonst verborgen blieben.
War das jetzt erst recht verwirrend und unpassend?
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 16:59
"Übrigens kann man, glaube ich, wegen alledem auch guten Gewissens und ganz im Ernst von "Kochkunst" sprechen."
Noe, kann man nicht. glaub's mir ;-)
Verfasst von: loellie | 11.01.07 18:57
@Loellie:
Doch, kann man! Hättest mal unsere Senfsauce neulich probieren sollen ... dagegen sind Mozart-Violin-Quartette ein Witz!
Habe sowieso gerade geschludert, weil ich ständig so geschrieben habe, als seien Wahrnehmung und Sinnlichkeit a priori das gleiche, und auch sonst ... ist aber ja nur die Kommentarfunktion in einem Blog ...
Verfasst von: MomoRules | 11.01.07 20:05
@MR
"Unpassend" passt ja auch nicht...
Wenn es mir denn wirklich eine Sichtweise eröffnen würde, die mich irgendwie reizt. Aber im konkreten Fall hat es mich eben mehr zur Meta-Ebene getrieben und mir da (für mich) neue Erkenntnisse verschafft.
Verfasst von: Rayson | 11.01.07 23:14
@Rayson:
Feigling ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 12.01.07 09:50
@Momo: Wie immer gibt's hier Differenzen im Kleinen. Eigentlich wollte ich nur zum Ausdruck bringen, dass mir die Differenzen in der Diskussion nicht klar waren. Wie üblich erzeugen dann Vermittlungsversuche nur weitere Probleme.
ad Freiheit: Diese ist doch stets mit der Frage nach Macht oder Herrschaft verknüpft. Egal ob ich jetzt eher poststrukturalistisch oder eher kritisch argumentiere, kann man das jeweilige Freiheitsverständnis nicht von den sozialen Mechnanismen trennen. D.h. freies, vernünftiges Verhalten, wird selbst durch Machtverhältnisse verunmöglicht oder ist selbst in Ermächtigungsprozesse eingelagert. Deswegen habe ich an einem - wenn ich das richtig sehe; ich bin kein Philosoph: kantischen - abstrakten, wesensmäßigen, univeralen Vernunftbegriff meine Bedenken. Freiheit/Vernunft wäre dann entweder ein Funktion in Machtverhältnissen (ähnlich des Wahrheitsbegriffs bei Foucault) oder als aktuell verunmöglichtes und deswegen nur Vermitteltes im Sinne der Kunst (und nicht einfach der Ästhetik).
Das Verhältnis von sozialen, ästhetischen, moralischen Regeln wtc. finde ich schwierig zu bestimmen. Für die Tischsitten z.B. gibt es von Anfang an eine ordnende Funktion. Dann würde ich da durchaus bei aller Kritik Elias Konzeption der Zivilisation als Selsbtdisziplinierung und Affektbeherrschung in Rechnung stellen.
Übrigens ist auch die Höflichkeit nie ohne Interessen und bei der Trennung von Instrumentalsierung und sozialer Verbindlichkeit würde ich auch stutzen.
Okay, wir können dann fragen, ob Kunst eher als Institutionalisierung oder eher als ein Medium des Transzendierens von Gegebenem zu bestimmen wären, würde uns evtl. wieder auf die Unterscheidung von Gebrauchskunst und Kunst zurückwerfen, weil durchaus auch
Kitsch Sinnlichkeit über sich selbst hinausweisen kann. Dann müssen wir uns halt nochmal mit der subjektivistischen Kategorie der "Einfühlung" und des Verstehens auseinandersetzen. Aber Interpretationen sind sozial generiert und positioniert. Wir können danach fragen, aber dann würde ich tatsächlich die Aneignungsfrage stellen. Und dann sind wir bei der Frage was sind widerspenstige Lesarten.
@Rayson: Ich kann Deine Bedenken durchaus nachvollziehen, auch wenn ich das Argument des Expertenstatus nicht unbedingt teilen würde. Ich habe z.B. zwei Jahre lang für den AStA meiner Uni die kameralistische Buchführung mit zu verantworten gehabt. Ich weiß zumindestens, wie sowas aufgebaut ist, wie unser Buchhalter argumentierte etc. D.h. ich reflektierte diese aber auch schon immer unter den Gesichtspunkten von linker Studierendenpolitik und Soziologie.
Aber man kann auch Praktiken auf Dimensionien hin befragen, die mit ihrer internen Gebrauchslogik nicht deckungsgleich sind. Das ist nicht nur eine Frage des Blinden Flecks (indem ich etwas gerade nicht sehe, weil ich involviert bin).
Grob gesagt: Deine "Bilanzen" sind letztendlich etwas ganz anderes als unsere "Bilanzen", nur dass wir uns auf dieselben Ereignisse beziehen, worin eben der Schnittpunkt unserer Parallelen besteht. Wir haben keine Parellelwelten, vielmehr Parallelobjekte.
Verfasst von: lars | 12.01.07 12:53
@lars:
Ich bin der festen Überzeugung, daß man ohne einen schwachen und vor allem formalen Universalismus kantischer Herkunft Machtverhältnisse weder sinnvoll beschreiben noch kritisieren kann, in der Hinsicht bin tatsächlich Habermasianer.
Ansonsten landet man kurioserweise bei einem Begriff "negativer Freiheit, der strukturell sich auch nicht von jenem der Liberalen unterscheidet - bei denen ist's dann der Staat, bei uns Macht, Ökonomie, Gouvernemmentalität oder wasweißich.
Man kann auch Begründungsfragen nicht ausklammern und per se alles instrumentell denken, das würde einen ja irre machen.
Und natürlich ist nicht-instrumentelle Höflichkeit ebenso denkbar wie Verbindlichkeiten um des Anderen Willen. Höflichkeit ist schlicht eine Form des Respekts vor dem Anderen.
Ordnende Funktionen sind auch nicht immer nur schlecht, Affekte selbst sozial konstituiert und nicht irgendwas, was vorher da ist und dann im Nachhinein beherrscht würde.
Und die Perspektive, aus der man Freiheit/Vernunft als Funktion von Machtverhältnissen ausweisen will, ist mir auch nicht wirklich klar, wenn's nicht selbst eine Form von Rationalität ist.
Wo sich dann ja die eigentlich faszinierende Frage bei der Focault-Rezeption stellt: Man ist immer komplett beeindruckt davon, Macht überall zu suchen, zu finden und zu geißeln - und dann kommt der Meister selbst und formuliert, daß die Macht doch nicht das Böse sei (in einem späten Interview wörtlich).
Man hat ja schon biographisch gar keine andere Wahl, als den eigen Willen zur Macht auch zu bejahen, dann finde ich es aber nur lauter, warum und in welchen Fällen diese denn legitim sein kann.
Ich finde das immer wieder verblüffend und entschudlige mich vorab für potenzielle Projektionen, wie links und liberal sich gleichermaßen in machtfreien Feldern wähnen. Stimmt nicht.
Die Fragen zur Kunst halte ich alle für richtig. Pierre & Gilles beispielweise als bewußt mit Kitsch spielende Künstler entwerfen schon auch sperrige Perspektiven auf das Heilige, z.B..
Sinnlichkeit und Wahrnehmung sind immer schon, weil eben ohne Sprache gar nicht lebbar, in Felder des Sozialen verwoben und gerade deshalb nie etwas unmittelbares, ebensowenig wie "Einfühlen" oder verstehen. Aber man kann sich zu diesem Sozialen verhalten, und wirklich Kunst ist eine Möglichkeit hierzu, behaupte ich mal - ebenso wie Höflichkeit Obdachlosen gegenüber, z.B.. Da es ir lieber wäre, die hätten 'ne Wohnung, wenn sie denn eine wollen, und dafür werden sie gelegentlich angeranzt, das ist ja auch klar.
Verfasst von: MomoRules | 12.01.07 13:38
@Lars
Ich will dir da nicht zu nahe treten, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat mein Verständnis von "Bilanzen" nicht mehr viel gemein mit dem, wie euer Buchhalter argumentiert haben mag. Die Beherrschung des Handwerks ist zwar wichtig, reicht aber zur reflektierenden Behandlung des Objekts auch in "meiner Welt" nicht aus, was Arten, Funktionen und Zusammenhänge angeht. Und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte überhaupt nichts von Versuchen, mit dem Hinweis auf echtes oder angebliches Expertenwissen die eigene Sicht mit höheren Weihen versehen und eine andere (so sie denn nicht erkennbar eine lückenhafte Version der eigenen ist) für ungültig erklären zu wollen. Wer das tut, macht sich selbst zum Fachidioten.
Die Idee vom "Parallelobjekt" hat was für sich, aber ich mein Eindruck ist eher, dass sehr verschiedene Betrachter im Grunde auf dasselbe schauen, aber bedingt durch eine völlig unterschiedliche Erfahrung (und dann auch Einstellung) ganz andere Assoziationen haben. Ungefähr so, als wenn wir von zwei Planeten kämen, auf denen sich die physikalischen Gesetze unterscheiden.
Verfasst von: Rayson | 12.01.07 14:12
@Universalismus und Macht: Hmmm...da schlage ich mich tatsächlich auf die Seite Foucaults. Macht ist überall und an sich nichts Schlechtes...aber muss man auf Universalien zurückgreifen, wenn es darum geht, einen anderen Freiheitsbegriff zu finden. Auch hier muss ich "mal wieder" an Teddie denken, wenn er sagt, dass Freiheit eigentlich niemals andere Freiheiten beschränken kann, ansonsten trägt sie ein unfreies Moment in sich. Allerdings ist dieses meines Erachtens nicht als universales Postulat einzulösen, sondern wahrscheinlich nur in der kleinen Form. Also als Serie lokaler Praktiken, vor allem in Form von Freiheitsverstärkern, nicht als Disziplinierungen, Abschneidungen, eben nicht als Grenzsetzungen. Und in diesen biographisch und sozial gerahmten Situationen, werden natürlich Legitimierungen fällig. Aber diese können universal vorgetragen werden, müssen es aber nicht sein.
Zu Affekt und Zivilisation: Klar, dass sind natürlich auch meine Bedenken.
@Rayson: Keine Sorge, ich habe nur überlegt, wo ich mit Bilanzierungen zu tun hatte. Und dass waren bei mir halt die Hochschulgremien. Aber dennoch: Ein objekt hat in seiner Anwendung eine doppelte Begrenzung. 1. Eine innere: nicht jedes Objekt taugt zu allem. Ich kann mit einer Büroklammer zwar alles mögliche machen, wahrscheinlich aber keine Emails versenden.
2. Ein äußere: Ein Objekt hat in einem bestimmten sozialen Kontext eine begrenzte Möglichkeit an Bedeutungsweisen. Mit der Veränderung des Kontextes verschwinden gebrauchsweisen, und andere tauchen auf.
In beiden Fällen (und egal ob wir es als Parallelobjekt oder -welt bezeichnen) lässt sich mit einer Bilanz nur ein Spektrum an Praktiken verwirklichen. Und das gilt gerade dann, wenn die Bilanz auf ein organisatorisches Problem als Lösung antwortet. Dass dann noch immer unterschiedliche Argumentationsweisen und Praktiken daran anschließen, heißt nicht, dass diese radikal verschieden sein müssen, weil sie gerade auf eine innere Logik des Objekt antworten müssen. Deswegen denke ich, dass man da nicht mit der Argumentation raus kommt, der eine würde doch etwas vollkommen anderes mit dem Objekt antworten.
und dass hebelt auch nicht aus, dass man von (relativ) außen beobachten kann und dann etwas feststellt, dass etwas mit der Praktik im Inneren zu tun hat, auch wenn die Akteure darin derartiges Wissen zurückweisen oder es ganz anders sehen.
Verfasst von: lars | 15.01.07 12:57
@MartinM:
spät, aber doch noch, wir müssen ja auch anderes tun, wenn wir selbst in der Produktion tätig sind. - Was immer schlecht ist, wie obiges Beispiel zeigt, weil so wenig lukrativ und der Verzweckung unfreiwillig zuarbeitend. Künstler, auch surrealistische, besonders und ideologisch zielend, die Konstruktivisten und Neoplastizisten (De Stijl) sind sehr wohl mit verantwortlich für die ästhetisierende Verständigungsgestaltung des Zwecks. Sie stellen Methoden der Gestaltung zur Verfügung und erwünschen sich oft deren Verarbeitung in anderen wirtschaftlichen Zusammenhängen. Man braucht nur die Texte von Doesburg, Mondriaan, El Lissitzky, Majakowski, Rodchenko, das Bauhaus-Manifest, des Werkbundes, Sironis, Max Bills, etc. zu lesen. Ich habe mich jetzt bemüht absichtlich eine möglichst heterogene Liste anzudeuten, das sind nämlich alles Namen, wenn auch wenige, die für "stilistisch" verschiedenste Positionen stehen, aber am Gedanken der Entgrenzung einerseits oder der gesellschaftlichen "Einbettung" andererseits der ästhetischen Produktion und ihrer Methoden interessiert waren. Ich habe ja auch bezüglich Magrittes von "Methode" gesprochen. Der war an dieser Art der Entgrenzung wahrscheinlich nicht interessiert, sondern eher, im Sinne Bachelards, an Malerei als transsubjektivem Vorgang, das Dumme ist nur, dass seine subjektive Forschungsarbeit an der "Träumerei" und ihren Bildern sich auch mit der Frage semantischer Auflösbarkeit beschäftigt. Und da kann man dann wunderbar hingehen und den reinen Sprachwitz drin sehen wollen, oder "die Verfremdung" und mit dem ganzen sprachlich industriell-militaristischen Aufwand des Fachbereichs "Visuelle Kommunikation" die sogenannte Bildfindung nachvollziehen, um eine "Bildfindungsstrategie" draus zu extrahieren. Ich ziehe daraus den Schluss, dass all die , meistens "linken" Künstler der sich ästhetisch in die Industrieproduktion und Gestaltung kommunikativer Abläufe entgrenzen wollenden Moderne nicht Recht hatten, sondern diejenigen einer "anderen" Moderne, die auf Kunst und künstlerischer Betätigung als individuellem Vor-Recht und eben ihrem transsubjektiven Charakter bestehen, was kurzum als reaktionär-bürgerlich denunziert wird, auch heute, wenn Künstler freiwillig von "Kunst als Dienstleistung" sprechen. Interessanterweise sprechen wir über die "anderen" Modernen kaum, weil sie so schlecht verwertbar sind. Das ist allerdings deswegen folgerichtig, weil, wie ich aus eigener Arbeitserfahrung weiss, das von Auftraggebern sehr oft genau so gesehen wird. Wenn aber mein Auftraggeber semantische Auflösbarkeit fordert, sogenannte Verständlichkeit innerhalb von zwei Minuten, und gestalterische Schulen in diesem Sinne ausbilden, dann sollten wir den ganzen Kram doch anders nennen, mit Kunst hat das nix zu tun, die nie schnell "verständlich" sein konnte. Und jetzt nenne man mich reaktionär, dunkel und hermetisch unverständlich, gesellschaftlich clandestin und wirtschaftlich unnütz, unökonomisch, unproduktiv, elitär, eitel, sexuell unzuverlässig, diskursiv uninteressiert, genderideologisch unbrauchbar, dumm phänomenologisch, identischen Herumlungerer. Das hat mit Kunst zu tun, und macht sie vielleicht unbrauchbar genug, damit wir sie auch sehen können.
Unvermeidliches Adorno-Zitat, das mir zu obigem Bildfindungsstrategie-Bild aus der kulturindustriellen ästhetischen Produktion der Betriebe für visuelle Kommunikation zu passen scheint:
"Wenn ich meinem Vater gesagt hätte, dass die Massenkultur unwahr ist, so würde er mir geantwortet haben, aber ich habe doch daran Spass. Verzicht auf Utopie bedeutet, irgendwie sich für das entscheiden, von dem man selber zugleich weiss, dass es Schwindel ist. Davon kommt alles Böse."
Verfasst von: T. Albert | 20.01.07 14:45
@T. Albert:
Wow! Danke!!!
Anschlußfrage: Was hälst Du eigentlich von Lothar Bisky?
Verfasst von: MomoRules | 20.01.07 15:18
@Momo:
Ich hab nie verstanden wo die Ironie liegen soll, wenn einer malt wie ein stalinistischer Staatskünstler. Alexander Deineka war aber der bessere Maler. Ich erkläre den mal zum grössten sowjetkünstlerischen Ironiker neben Josef Stalin. Der hat auch alles nur ironisch gemeint. Willi Sitte und Honecker auch. Vater Bisky auch. Maler Bisky übt halt schon mal für die staatliche ZUkunft, in der solche ironischen Bilder wieder verbindlich werden. Dass westdeutsche Politiker schon welche besitzen sollen, wie man hört, erstaunt mich nicht. Die sind auch Ironiker. Westerwelle ganz entschieden. Gedichte wie Ossip Mandelstam schreibt schliesslich auch niemand, wer will die Ironie schon am eigenen Leibe erfahren?
Verfasst von: T. Abert | 21.01.07 12:40
Ich finde den ja auch reichlich plakativ, und Westerwelle hat natürlich in irgendeinem Interview verlauten lassen, daß er an dem so toll findet, daß sich "die Linke" so darüber ärgern würde. Schnarch. Wie kann man nur so fixiert sein - 16 Jahre Kohl und immer noch die gleiche Sauce wie die Ideal-Songs von einst, aber viel, viel, viel schlechter. Deren Slogan "Für den halben Luxus mach ich mich nicht krumm" versuche ich mir ja gerade aktiv anzueigenen ....
Auch der anderen Seite ist der Bisky als Kommentar zu Popmechanismen nicht nur doof, zumindest die Geschichten, die ich da überhaupt aus dem Netz, also nicht im Original und insofern sowieso wahrscheinlich gar nicht, kenne.
Einer meiner Chefs will jetzt in Bisky "anlegen", deswegen komme ich nur drauf. Und der fand's dolle, daß es auf den ersten Blick eben blonde Jünglinge sind, und auf den zweiten Blick ißt dann jemand ein Bein. Verraucht mir ja ein bißchen schnell, der Effekt. Don't believe the Hype, sach ich ma. Dann doch lieber gleich "American Psycho" ...
Verfasst von: MomoRules | 21.01.07 12:55
Grosser Gott, Du meinst, ich begreif den gar nicht richtig? Und die Rezeption auch nicht?
Verfasst von: T. Albert | 21.01.07 13:48
Wie jetzt? Wieso?
Verfasst von: MomoRules | 21.01.07 15:40
Also, das Thema interessiert mich ja doch mehr. Ich meine, Du könntest Deinem Chef ja mal vorschlagen, in die Malerin Bärbel Bohley anzulegen. Aber die gehört leider nicht zur früheren und jetztigen deutschen Nomenklatur, die ihre eigene Blonde-Knaben-mit-Parteijugendhalstuch-Asthetik bildfindungsstrategisch ironisiert, wenn die gerade nicht so opportun zu sein scheint. Sie ist auf dem Markt kaum vorhanden, aber man könnte ja direkt bei ihr kaufen. Das ist natürlich ein ausgesprochen nerviger Vorschlag, vermute ich. man bekäme auch nix raus, wenn man rechtzeitig wieder verkaufen wollte. Aber Biermann soll ja auch nicht Ehrenbürger werden. Alles nicht die richtige politische Asthetik. Da haben wir Glück gehabt, dass der historische Moment, wo das anders war, 1989/90, wirklich nur ein Augenblick gewesen ist.
Verfasst von: T. Albert | 21.01.07 16:03
Bärbel Bohley gilt Leuten wie meinen Chefs als "uncool", Wollsocke - historische Ehrfurcht ist da vorhanden, aber egal, ansonsten eher Mitleid. Das sind ganz gruselige Aussagen, die ich hier schreibe, aber so isses.
Wobei ich für diesen konkreten Chef, um den es geht, schon eine Lanze brechen muß. Der ist ein Anarcho im Geiste, ein Linker im Herzen und irgendwie einfach ein Genie und Charismatiker. Sehr beeindruckender Mensch, immer wieder neu, seit 14 Jahren.
Aber diesen Übergang von Can zu The Cure haben die dann doch alle nie verwunden, und als dann Techno kam und VIVA startete, war die Prilblume Chiffre für Trendiness, und, ganz ehrlich, ich sehe bei Lothar Bisky erst die Prilblume und dann erst den sozialistischen Realismus.
Das ist Bubble-Gum-Plastik-Ästhetik in meinen Augen, sowas ähnliches wie gestern "Der Angriff der Killertomaten" auf RTL 2, und das finden Leute wie meine Chefs bis heute cool. Diese Palme oben rechts im Bild bei diesen Jungs, wo der eine ein Bein ißt, verrät alles.
Das geht mir bei Hockney, der natürlich ein ganz Großer ist, aber auch so, daß ich da zuerst 60er-Jahre-Möbel und Ikea-Lack-Regale, die auf futuristsisch machen, vor mir sehe, obwohl das Hockney gegenüber gemein ist.
Und solche seltsamen, zwischengeschalteten Filter, Schemata, die haben meine Chefs auch - die wahrschienlich jedes Bild vergewaltigen, aber wirken.
Alleine der Name Bärbel Bohley wären denen schon viel zu wahr. da braucht's Hippness-Schemata, um das eigene Leben, die eigene Biographie nicht zu intensiv spüren zu müssen und sich von genau solchen Wahrheiten fern zu halten. Die macht nur ein schlechtes Gewissen. Die Entfernung zu den eigenen Roots wird dann spürbar.
Ich glaube, Bisky bedient sowas, diese Dstanzierung, und das gerade für Wessies, die ja schon Ostalgie als "irgendwie schrill" erfahren, sich 'ne KLenin-Büste als ironisches Acessorie an den Empfang stellen würden (wir sind dei Avantgarde, harharhar) und durch diese Brille dann auch dessen Bilder sehen. Rammstein fanden die nicht so komisch. Die sind wirklich beunruhigend.
War das wirr? Aber sowas meine ich, wenn ich behauppte, das Kunst Wahrnehmung thematisiert, und eben auch all das Mit-Wahrgenommene, was gar nicht da ist ...
Verfasst von: MomoRules | 21.01.07 17:18
Neenee, find`ich nicht wirr. Ich finde ja, dass das so ist, wie Du sagst. Ich merke nur, dass ich irgendwas nicht verstehen kann an dem Ganzen. Aber ich komme nicht drauf. Ich suche ja immer. Was ich festzustellen meine, ist ein gigantischer Hang zu Verfestigung und Stagnation der Beziehungen, wozu diese ganze merkwürdige sich ironisch vorkommende ästhetische Ironisierung, um es mal so auszudrücken, weil ich Ironie ja eigentlich für was ganz anderes halte, lediglich dazugehört. Es ist ja ein Glück, dass Bärbel Bohley nicht zur Büste eingefroren wurde, aber das war wahrscheinlich nicht mal Absicht, sondern es wurde mit iihr selbst einfach vergessen. Dafür sind Lenin-Büsten schrill und manche hören ganz unkomisch Rammstein und statt Hockney, der nämlich ästhetisch ironisch ist, wenn er will, halten wir Bisky u. andere für ironischen Umgang mit der Geschichte, solange die uns nur intensiv genug der Anwesenheit der historischen Objekte versichern, die wir angeblich nie wollten, an denen wir aber hängen, wie am Führerbunker und der Mauer und bescheuerten Halstüchern oder Lenin-Büsten. Wenn ich mal nach Berlin komme, dann habe ich immer das Gefühl, in gleichzeitig stattfindenden Vergangenheiten rumzulaufen, es wird beschworen was das Zeug hält, als hätte man Angst vor historischer Bindungslosigkeit. Daraus entstehen dadnn wieder Formen, die wiederum wirken. Wir beziehen uns auf Scheisse und "ironisieren" das, damit wir uns drauf beziehen können. Was soll da rauskommen?
Verfasst von: T. Albert | 21.01.07 20:23
Postiv formuliert ist dieses Ironisieren, glaube ich, einfach der Versuch der Entwertung des Schrecklichen, wie bei "Scream". Weil sie ja auch in einem wohnen könnte - die nazistische und die sozialistische Seele, sozusagen.
Was dabei dann aber ignoriert wird, ist, daß die langfristige Wirkung ist, daß das Schreckliche gar nicht mehr als schrecklich wahrgenommen wird, also daß das, wovon man sich eigentlich distanzieren wollte durch Ironie, dann ggf. erst recht fortwirkt, und es merkt einfach keiner mehr.
Aber ansonsten ist dieses Kleben an der ganzen Hitlerei oder auch Stalinei mir auch ein Rätsel. Als toller Schauspieler gilt, wer Stasi-Offiziere oder Nazis spielt, und einen Tucholsky spielt kein Schwein. Da sind die Amis, glaube ich, tatsächlich anders.
Verfasst von: MomoRules | 22.01.07 08:23
Irgendwie paßt das - "Deutsche Bank Art":
http://www.deutsche-bank-art.com/art/2003/11/e/2/98.php
Verfasst von: MomoRules | 22.01.07 12:51