"Nicht die Treue zu doktrinären Elementen ist der Faden ...
... , der uns mit der Aufklärung verbinden kann, sondern die ständige Reaktivierung einer Haltung - das heißt eines philosophischen Ethos, das als permanente Kritik unseres historischen Seins beschrieben werden könnte."
Michel Foucault
Na, das hole ich ganz borniert einfach mal rüber von Gegenüber:
"In den Geisteswissenschaften ist die Lage anders: Ihre Einsichten sind wenig gefragt und für den Alltag der meisten Bürger ohne Belang. So wird es zur Existenzbedingung von Philosophen, Philologen, Soziologen, sich mit einem einschüchternden Wortschatz gegen den Verdacht zu wappnen, sie hätten wenig zu sagen. Da findet dann gerne eine “Flucht in die terminologische Überlast und die Theoriehexerei” statt, wie die Neue Zürcher Zeitung 1994 in einem zeitlos gültigen Grundsatzartikel schrieb: “Unverständlichkeit ist nicht selten ein fein zurechtgeschneidertes Kleid, das unter dem Signum der Wissenschaftlichkeit viel Leere und Bedeutungslosigkeit verbirgt… Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit erfolgt durch den Nachweis der Unverständlichkeit.”Hole ich rüber, schon weil ich's da drüben jetzt mal war, der - immerhin! - erst ab dem 80. Kommentar - relativ spät eigentlich - den Totalitarismus-Vorwurf erhob. Hat das nicht irgendwer mal untersucht, daß bei längeren Diskussionen in den Kommentarsektionen von Blogs irgendwann unter Garantie irgendwer wahlweise den Nazi oder den Totalitarismus-Vorwurf aus der Tasche zieht? Jetzt war ich's, Schande über mich.Wolf Schneider, “Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte”, Reinbek 2007, S. 178 (Taschenbuchausgabe)
Hole ich auch rüber, weil Herr Schneider in Fragen geisteswissenschaftlicher Begriffsbildung eine echte Autorität, ein Schwergewicht, darstellte. So als Talkshow-Moderator. Wurde dem eigentlich irgendwann eine Germanistik-Professur verwehrt? Da spiegelt sich ja der ganze Hass auf den wirklichen Klassenprimus ... und das zitieren dann ausgerechnet jene, die ansonsten bei jeder Gelegenheit den "Neid" irgendwelcher anderen Leute beschwören.
Aber wieso fallen mir bei dem Zitat von Schneider die Diskussionen um "entartete Kunst" ein? Natürlich würde weder Herr Schneider noch jene, die ihn zitieren, jemals in's Nazi-Horn tuten und auch sonst, das meine ich völlig aufrichtig, man verstehe mich nicht falsch, ganz weit weg von diesem Denken sich aufhalten. Warum nur im konkreten Fall dann nicht?
Der Vergleich zur entarteten Kunst würde mehr als nur hinken, wird wahrscheinlich entgegenet. Totschlagargument. Aber warum eigentlich? Bitte begründen. Man muß schon Kunstwahrheit in Frage stellen, um das durchzuhalten. Und Wahrheit auf Naturwissenschaftlichkeit beschränken. Dann adieu, lieber Liberalismus. Und liebe VWL gleich mit.
Außerdem könne doch jeder machen, was er wolle, wäre ein weiterer möglicher Konter. Er müsse aber ggf. damit leben, wahlweise kritisiert oder verhohnepiepelt zu werden.
Okay, dem Zitierenden sei das zugestanden, Herrn Dräger nicht. Und immerhin wird mit solchen Schneiderschen Stammtisch-Parolen, die im wesentlichen in Denkfaulheit gründen (Schachtel!), Politik betrieben.
Da können die neuen Staatskritiker, die oft genug völlig zu recht Staat kritiseren, noch so sehr sehr die betenden Dürer-Händchen (Klar erkennbar! Verständlich! Toll!) in Unschuldslammblut waschen: Es sind ihre Argumente, auf die Herr Dräger (ganz sexy übrigens, der Mann) sich ... beruft, wenn er ...
... die Geisteswissenschaften einstampft z.B. zugunsten einer hochideologisierten Wirtschaftswissenschaft. Beispiel Soziologie: Allgemeine Gesellschaftstheorie - für sowas hält man sich ein paar Hofnarren und setzt ansonsten auf die Ausbildung von "Marktforschern". Die Ideologie der unmittelbaren Verwertbarkeit ist eben total geworden. So hält man sich zu Zwecken der Denkmalspflege bei den Philosophen die zweifelsohne wichtige, wirklich wichtige Cassirer-Arbeitsstelle - und baut ansonsten ab. Wer braucht schon Reflektion?
Heidegger: Klar, der wurde Nazi. Auch wegen eines irrationalistischen Wahrheitsbegriffes, und natürlich hat Rationalität mit Verständlichkeit zu tun. "Sein und Zeit" ist dennoch alles andere als unverständlich und würde dem Schneiderschen Diktum nichtsdestotrotz zum Opfer fallen - Rübe ab.
"Sein und Zeit" ist immerhin der außerordentlich konsequente Versuch, die Kovention zu brechen, indem eine neue Begriffswelt konstruiert wurde - um eben nicht einfach nur Konventionen zu tradieren. Das hat Dissidenten im ehemaligen "Ostblock" ebenso inspiriert wie Sartre wie auch Derrida oder Foucault. Das ist schlicht ein Bruch mit GEWOHNHEITEN, und Erkenntnis braucht das. Alles andere ist Eisenbahnfahren.
Klar, alles Schwätzer, Derrida, Barthes, Adorno und so. Hätte man mal lieber auf den Bau schicken sollen oder lieber gleich ins Moor, daß die mal lernen, was Leben wirklich heißt. Da würden die schon verstehen, was verständlich ist und was nicht ...
Seltsam nur, daß im Falle der Kunst, für die irgendwelche Schwerreichen derzeit Millionen über den Auktionshausthresen schieben (Schachtel!), all das, was den Geisteswissenschaften vorgeworfen wird, auf einmal akzeptabel scheint. Unverständlichkeit - toll! Haupstache, es bleibt dabei auch dekorativ.
Warum eigentlich? Kann eigentlich nur ein Symptom dafür sein, daß Kunst ihre gesellschaftliche Rolle aufgegeben hat. Sonst würde sich jemand dran reiben. Würde sie noch Relevantes sagen, käme irgendein Herr Schneider daher und würde Doktrinen der "Verständlichkeit" verkünden...
Wenn DIE FORM reguliert werden SOLL, somit: Wie Menschen denken und sich äußern, gesteuert und geformt und genormt wird im Sinne einer durchformartierten "Verständlichkeit", all das als Dienst am "Kunden", dann ist wohl der Begriff des Totalitären ausnahmsweise mal angebracht. Dann isses auch schnurz, ob's chinesische Parteien tun oder Regierende des "Populären" die Nivellierung vollbringen. Wobei Taxi fahren trotz alledem Lager und Hinrichtung vorzuziehen ist, das sei doch ausdrücklich betont, obgleich's doch so selbstverständlich ist und deshalb die Betonung auch schon wieder nur das Sich-Fügen ist unter ein Joch des Diktats der Kalten Krieger. Ist halt der alte Unterschied zwischen "1984" und "Schöne, neue Welt".
Was hätte Herr Schneider wohl zu Einsteins Relativitätstheorie gesagt?




