" /> Metalust & Subdiskurse: Februar 2007 Archive

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28.02.07

"Nicht die Treue zu doktrinären Elementen ist der Faden ...

... , der uns mit der Aufklärung verbinden kann, sondern die ständige Reaktivierung einer Haltung - das heißt eines philosophischen Ethos, das als permanente Kritik unseres historischen Seins beschrieben werden könnte."

Michel Foucault

Na, das hole ich ganz borniert einfach mal rüber von Gegenüber:

"In den Geisteswissenschaften ist die Lage anders: Ihre Einsichten sind wenig gefragt und für den Alltag der meisten Bürger ohne Belang. So wird es zur Existenzbedingung von Philosophen, Philologen, Soziologen, sich mit einem einschüchternden Wortschatz gegen den Verdacht zu wappnen, sie hätten wenig zu sagen. Da findet dann gerne eine “Flucht in die terminologische Überlast und die Theoriehexerei” statt, wie die Neue Zürcher Zeitung 1994 in einem zeitlos gültigen Grundsatzartikel schrieb: “Unverständlichkeit ist nicht selten ein fein zurechtgeschneidertes Kleid, das unter dem Signum der Wissenschaftlichkeit viel Leere und Bedeutungslosigkeit verbirgt… Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit erfolgt durch den Nachweis der Unverständlichkeit.”

Wolf Schneider, “Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte”, Reinbek 2007, S. 178 (Taschenbuchausgabe)


Hole ich rüber, schon weil ich's da drüben jetzt mal war, der - immerhin! - erst ab dem 80. Kommentar - relativ spät eigentlich - den Totalitarismus-Vorwurf erhob. Hat das nicht irgendwer mal untersucht, daß bei längeren Diskussionen in den Kommentarsektionen von Blogs irgendwann unter Garantie irgendwer wahlweise den Nazi oder den Totalitarismus-Vorwurf aus der Tasche zieht? Jetzt war ich's, Schande über mich.

Hole ich auch rüber, weil Herr Schneider in Fragen geisteswissenschaftlicher Begriffsbildung eine echte Autorität, ein Schwergewicht, darstellte. So als Talkshow-Moderator. Wurde dem eigentlich irgendwann eine Germanistik-Professur verwehrt? Da spiegelt sich ja der ganze Hass auf den wirklichen Klassenprimus ... und das zitieren dann ausgerechnet jene, die ansonsten bei jeder Gelegenheit den "Neid" irgendwelcher anderen Leute beschwören.

Aber wieso fallen mir bei dem Zitat von Schneider die Diskussionen um "entartete Kunst" ein? Natürlich würde weder Herr Schneider noch jene, die ihn zitieren, jemals in's Nazi-Horn tuten und auch sonst, das meine ich völlig aufrichtig, man verstehe mich nicht falsch, ganz weit weg von diesem Denken sich aufhalten. Warum nur im konkreten Fall dann nicht?

Der Vergleich zur entarteten Kunst würde mehr als nur hinken, wird wahrscheinlich entgegenet. Totschlagargument. Aber warum eigentlich? Bitte begründen. Man muß schon Kunstwahrheit in Frage stellen, um das durchzuhalten. Und Wahrheit auf Naturwissenschaftlichkeit beschränken. Dann adieu, lieber Liberalismus. Und liebe VWL gleich mit.

Außerdem könne doch jeder machen, was er wolle, wäre ein weiterer möglicher Konter. Er müsse aber ggf. damit leben, wahlweise kritisiert oder verhohnepiepelt zu werden.

Okay, dem Zitierenden sei das zugestanden, Herrn Dräger nicht. Und immerhin wird mit solchen Schneiderschen Stammtisch-Parolen, die im wesentlichen in Denkfaulheit gründen (Schachtel!), Politik betrieben.

Da können die neuen Staatskritiker, die oft genug völlig zu recht Staat kritiseren, noch so sehr sehr die betenden Dürer-Händchen (Klar erkennbar! Verständlich! Toll!) in Unschuldslammblut waschen: Es sind ihre Argumente, auf die Herr Dräger (ganz sexy übrigens, der Mann) sich ... beruft, wenn er ...

... die Geisteswissenschaften einstampft z.B. zugunsten einer hochideologisierten Wirtschaftswissenschaft. Beispiel Soziologie: Allgemeine Gesellschaftstheorie - für sowas hält man sich ein paar Hofnarren und setzt ansonsten auf die Ausbildung von "Marktforschern". Die Ideologie der unmittelbaren Verwertbarkeit ist eben total geworden. So hält man sich zu Zwecken der Denkmalspflege bei den Philosophen die zweifelsohne wichtige, wirklich wichtige Cassirer-Arbeitsstelle - und baut ansonsten ab. Wer braucht schon Reflektion?

Heidegger: Klar, der wurde Nazi. Auch wegen eines irrationalistischen Wahrheitsbegriffes, und natürlich hat Rationalität mit Verständlichkeit zu tun. "Sein und Zeit" ist dennoch alles andere als unverständlich und würde dem Schneiderschen Diktum nichtsdestotrotz zum Opfer fallen - Rübe ab.

"Sein und Zeit" ist immerhin der außerordentlich konsequente Versuch, die Kovention zu brechen, indem eine neue Begriffswelt konstruiert wurde - um eben nicht einfach nur Konventionen zu tradieren. Das hat Dissidenten im ehemaligen "Ostblock" ebenso inspiriert wie Sartre wie auch Derrida oder Foucault. Das ist schlicht ein Bruch mit GEWOHNHEITEN, und Erkenntnis braucht das. Alles andere ist Eisenbahnfahren.

Klar, alles Schwätzer, Derrida, Barthes, Adorno und so. Hätte man mal lieber auf den Bau schicken sollen oder lieber gleich ins Moor, daß die mal lernen, was Leben wirklich heißt. Da würden die schon verstehen, was verständlich ist und was nicht ...

Seltsam nur, daß im Falle der Kunst, für die irgendwelche Schwerreichen derzeit Millionen über den Auktionshausthresen schieben (Schachtel!), all das, was den Geisteswissenschaften vorgeworfen wird, auf einmal akzeptabel scheint. Unverständlichkeit - toll! Haupstache, es bleibt dabei auch dekorativ.

Warum eigentlich? Kann eigentlich nur ein Symptom dafür sein, daß Kunst ihre gesellschaftliche Rolle aufgegeben hat. Sonst würde sich jemand dran reiben. Würde sie noch Relevantes sagen, käme irgendein Herr Schneider daher und würde Doktrinen der "Verständlichkeit" verkünden...

Wenn DIE FORM reguliert werden SOLL, somit: Wie Menschen denken und sich äußern, gesteuert und geformt und genormt wird im Sinne einer durchformartierten "Verständlichkeit", all das als Dienst am "Kunden", dann ist wohl der Begriff des Totalitären ausnahmsweise mal angebracht. Dann isses auch schnurz, ob's chinesische Parteien tun oder Regierende des "Populären" die Nivellierung vollbringen. Wobei Taxi fahren trotz alledem Lager und Hinrichtung vorzuziehen ist, das sei doch ausdrücklich betont, obgleich's doch so selbstverständlich ist und deshalb die Betonung auch schon wieder nur das Sich-Fügen ist unter ein Joch des Diktats der Kalten Krieger. Ist halt der alte Unterschied zwischen "1984" und "Schöne, neue Welt".

Was hätte Herr Schneider wohl zu Einsteins Relativitätstheorie gesagt?

27.02.07

Der Länge Würze

"Vor allem aber: Eine Reihung kurzer Sätze ist wie Ochsentrott (Storz); sie kann leicht die "Banalitätsschwelle" unterschreiten und dadurch einschläfern (Früh). Mackensen spricht von Hackstil, Reiners warnt vor Zwergsätzen und Asthmastil."
Wolf Schneider, Deutsch für Profis, Hamburg 1984, S. 83

Das ist nicht nett jenen gegenüber, die gelegentlich röcheln - gegen ihren Willen, versteht sich. Und doch: Ansonsten ist es schlicht wie wahr.

Die Ideologie der Kürze ist wie schlechter Techno: Die baut nix auf, sondern zerstückelt - im schlimmsten Fall die Melodie. Die kommt zu schnell. Dabei ist doch so schön am Deutschen dessen Varianz - die Möglichkeit, auch Kurven; Ecken, Kanten scharf zu konstruieren, um dann gemächlich im Tal der Langatmigkeit auch mal ein stilistisches Picknick einzulegen und einfach zu genießen! Sich daran zu laben, daß Honig langsam nur auf's Brötchen fließt. Goldig! 's lockt! Wie's lockt!

Ja, selbst ein Diktum wie "Weg mit den Adjektiven", lieber Herr Schneider, pflastert nur dosiert den Weg zur Leckerei: Man muß in ihnen schwelgen dürfen, heilfroh, nicht ständig durch "Est-ce que" oder andere Post-Latinismen sich erquälen zu lassen oder in Journalistenschulleiter- Formen grausam zu ersticken.

Es lebe die Freiheit des Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitäns! Kein Lied war je so schön! Und von Konsumentenlogiken läßt man sich eh nicht leiten, wenn's um das Sagen und das Schreiben geht ... Macht man sich das klar, dann weiß man sie zu schätzen, die Lehr-Sätze des stilbildenden Stilgebildeten:

"Das Optimum an eingängigem und attraktivem Deutsch läßt sich durch einen lebhaften Wechsel von mäßig kurzen und mäßig langen Sätzen erzielen."
Ja, so einfach kann das Leben sein. An kurzen Sätzen werkelt der Autor länger, belehrt der Meister noch. Diese müsse man sich erarbeiten - die Länge rotzt sich leichter raus. Kommt drauf an - aber falsch ist das nicht.

"Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer", ein Satz Heinrich Manns, den Schneider anschließend zitiert, lebt ja nicht nur von seiner Kürze. Sondern von einem ziemlich plumpen Kontrast - aber auch das läßt sich üben. Ist ZDF-Hautprogramm-Masche Nr. 1, Sätze so zu bauen. Ein großer Schritt für Menschheit ...

"Bleiben Sie in Deckung, Senor, sagt der junge Mestize leise", noch so ein Schneider-Beispiel: Auch nicht nur aufgrund des Stils so spannungsbildend, sondern ein schlichter Krimi-Trick. Form und Inhalt treffend zu unterscheiden, das ist des Schneiders Sache nicht immer. Macht ja nix. Lesen sollte ihn trotzdem jeder. Unbedingt. Pflicht. Schon wegen der Beispiele:

"Ein ziemlich verständlicher (und höchst vergnüglicher) Satz von 192 Wörtern: Wenn man nun die wichtige Rolle betrachtet, welche die Geschlechtsliebe in allen ihren Abstufungen und Nuancen, nicht bloß in Schauspielen und Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt spielt, wo sie, nächst der Liebe zum Leben, sich als die stärkste und tätigste aller Triebfedern erweist, die Hälfte der Kräfte und Gedanken des jüngeren Teiles der Menschheit fortwährend in Anspruch nimmt, das letzte Ziel fast jedes menschlichen Bestrebens ist, auf die wichtigsten Angelegenheiten nachteiligen Einfluß erlangt, die ernsthaftesten Beschäftigungen zu jeder Stunde unterbricht, bisweilen selbst die größten Köpfe auf eine Weile in Verwirrung setzt, sich nicht scheut, zwischen die Verhandlungen der Staatsmänner und die Forschungen der Gelehrten störend mit ihrem Plunder einzutreten, ihre Liebesbriefchen und Haarlöckchen sogar in ministeriellen Portefeuilles und philosophische Manuskripte einzuschieben versteht, nicht minder täglich die verworrensten und schlimmsten Händel anzettelt, die wertvollsten Verhältnisse auflöst, die festesten Bande zerreißt, bisweilen Leben oder Gesundheit, bisweilen Reichtum, Rang und Glück zu ihrem Opfer nimmt, ja, den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher Treuen zum Verräter macht, demnach im Ganzen auftritt als ein feindseliger Dämon, der alles zu verkehren, zu verwirren und umzuwerfen bemüht ist - da wird man veranlaßt auszurufen: Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben, die Angst und die Not? Es handelt sich ja bloß darum, daß jeder Hans seine Grete findet."

Arthur Schopenhauer, Die Welt als Will und Vorstellung, (II, 4, 44), zitiertnach Wolf Schneider, a.a.O., S. 87

Was ist das denn?

Balou??????

25.02.07

Laßt uns Barbaren sein!

"IV. Der Banause verwechselt das ästhetische Urteil mit dem Urteil der Vorliebe. Der Ästhet dagegen verläßt sich nur auf sein eigenes Urteil: worauf er sich besonders viel einbildet, wenn es keiner mit ihm teilt ("alles Banausen!").

(...)

VI. Die ästhetische Kritik des Banausen erschöpft sich darain, zu erzählen, wie es ihm hierbei und damit erging. Die Kritik des Ästheten klammert sich an das vielsagende Detail. Der Banause kennt die Lust des Verreißens nichts. Der Ästhet hat beim Verriß das höchste Vergnügen: gnadenlos wühlt er in den Wunden des mißglückten Moments.

(...)

XIII Der Ästhet flieht die ungebrochene Situation wie der Teufel das Weihwasser. Der Banause meidet die Anschauung seiner Situation wie der Fromme die Versuchung.

XIV. Der Ästhet trägt all seine Erfahrungen den Markt der Kunst. Der Banause verspielt seine Erfahrungen sogleich auf der Börse des nächstmöglichen Glücks.

(...)

XVI. Der Ästhet erwirbt die Welt, indem er sie verliert. Der Banause tilgt die Welt, indem er sie erwirbt.

XVIII. Beide, der Ästhet und der Banause, sind tief beunruhigt vom Verhalten dessen, den sie sie den Barbaren nennen. Der Ästhet und der Banause sagen: Der Barbar in seiner blinden Unschuld versündigt sich am wahren Dasein. Nach der Definition des Ästheten ist der ein Barbar, der die Kunst und das Leben - am Ende gar wissentlich - durcheinanderbringen will. Der Banause gibt eine schlichtere Bestimmung: Der Barbar will nicht - kann nicht? - einsehen, wie der Hase nun mal läuft.

(...)

XIX. Der Barbar nimmt das freundlich zur Kenntnis: und formuliert die Lehre des Barbaren. Sie enthält vier Grundsätze, die er nächtelang zu erläutern versteht. Ihr verspielt eure Freiheit, wenn ihr alles in eine Form der Erfahrung kehrt.Der Mensch hat mehrere Leben in einem. Er ist nur da ganz Mensch, wo er darauf verzichtet, immer den ganzen Menschen zu spielen."

Martin Seel, Die Kunst der Entzweiung, Frankfurt/M. 1997, S. 315-317, Hervorhebungen von mir, MR

24.02.07

Gedanken der Briefleserin zur Körperschaft

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Und da soll ausgerechnet ich ihm erklären, was eine Körperschaft ist? Wo ich seit Jahrhunderten noch nicht mal selber weiß, ob ich nun schwanger bin, einfach zu fett oder ob mein Gewand so weit geschnitten ist?

Seit wir uns da am Wasser, na, jenem mitten in Delft, kennt man ja, von Vermeer-Bildern, getroffen haben, hält er mich für sowas wie seine Muse. Und die Muse eines Juristen sein, ich sage Ihnen, das ist schon heftig. Zudem der Junge mindestens so untalentiert ist, wie seine Wimpern lang sind. Es muß da direkte ...

... Korrelationen geben.

Jetzt steckt er mir immer diese Zettel zu und hofft in großen Worten auf die Intuition des Ewig-Weiblichen. Und das ausgerechnet in seinem Fach! Jura!

Wußte bis dato gar nicht, daß man so was in unserem Jahrhundert überhaupt studieren kann. Wie soll man das auch wissen, wenn man sein Leben damit zubringt, Gaststätten zu putzen, in denen mit Kunst gehandelt wird. Überall Tabakqualm - hätte hier und jetzt, zu unserer Zeit, schon jemand den Krebs entdeckt, ich würde ihn bestimmt bekommen. Zusätzlich Arschkrebs, weil diese ganze tabakverschmierten und bierseligen Wixgriffel unserer ach so hehrern Kundschaft ständig auf meinem Hintern landen, wenn sie da einen auf wichtig machen, während sie ihre Gulden - hießen die zu meiner Zeit überhaupt schon so? - für kitschige Stilleben ausgeben, weil sie offensichtlich nix besseres mit ihrem Geld anzufangen wissen. Könnten ja auch ihren Frauen Perlen kaufen oder so, die sind doch ganz sexy als Ohrstecker. Oder für die Kohle ihren Gattinnen ein Virginal kaufen, oder Geographie studieren.

Stattdessen verbannen sie ihre Frauen in Hinterzimmer zum Milchgießen und grabbeln mir am Hintern rum. Bin da naturgemäß unterlegen, denn wie heißt es so schön im Achtzehnten Lehrsatz Spinozas in seiner Ethik? "Die Begierde, welche aus der Lust entspringt, ist, bei sonst gleichen Umständen, stärker als die Begierde, welche aus der Unlust entspringt." Eben. Meine Begierde, den versammelten Körperschaften da in der Kneipe einfach ein paar hinter die Löffel zu geben, kommt gegen deren Triebhaftigkeit einfach nicht an. Wenigstens habe ich hier , in des Meisters Camara Obscura-Laboratorium, mal meine Ruhe.

"Was ist eine Körperschaft?" fragt mein jugendlicher Liebhaber - was er sonst sonst so über Körper schreibt, insbesondere meinen, das zitiere ich mal lieber nicht. Der Meister lallte mir eben irgendwas vom Farbkörper, der sich je nach Malmittel unterscheide, in's Ohr, aber das interessiert ja keinen Rechtsverdreher. Oder? Medium und Form? Kann man das nicht auch in Paragraphendschungel irgendwie brauchen?

Na, in unseren christlichen Zeiten wohl nicht. Ist der Meister eigentlich katholisch oder Calvinist? Verrät er einfach nicht. Wollen die Kunden immer gerne wissen, könnte ihnen ja sonst die ewigen Jagdgründe verderben, wenn sie beim Falschen kauften - ach, dieser Indianer damals, damit kann mein jugendlicher Liebhaber aber doch nicht mithalten, ein Traum, diese Muskeln unter seinen Wildlederhemden zu spüren! Echte Steigerung des Körperschaftserlebens. Der war ausgebüxt aus dieser Experimentierschule da in Brügge, zivilisiert werden sollte er da, war aber nach 2, 3 Gasthausbesuchen hinfällig, dieser Versuch, zum Glück!

Na, dahin und vergangen, den hat irgendwer erschossen, und das kümmerte niemanden wirklich, in die Gracht gekehrt haben sie ihn, aber der hatte einfach keine Lobby, so als einziger Indianer weit und breit. Und jetzt diese albernen Quizfragen meines aktuellen Kerls, der bezahllt mich aber besser als der Meister hier, der da gerade in seinen Farben pantscht.

Seltsames Spielchen, dieses Zettelzustecken. Irgendwas erregt den daran, sich vorzustellen, was ich über Jura denke. Kleiner, süßer Perversling. Manchmal zitiere ich einfach die "Magna Carta Libertatum", das macht den völlig heiß, den Jungen. dann brauch ich ihn nicht mal mehr anfassen, und der geht mir fast schon ab.

Körperschaft, Körperschaft ... sonst sind Sachen mit "-schaft" ja irgendwie, na, was zusammenhält oder Zusammenhängendes zum Ausdruck bringt - Verwandschaft, Freundschaft, Liebschaft Gemeinschaft, Feindschaft. Vaterschaft, Grafschaft, Herrschaft.

Gott, wenn man so oft "-schaft" hintereinander denkt, dann wird man ja ganz quer im Kopf.

Wahrscheinlich ist's die Zirbeldrüse. Hat Descartes doch geschrieben, daß die die Lebensgeister in den Körper treibe und so gewissermaßen den Zusammenhalt zwischen Körper und Geist besorge. Gab's den zu meiner Zeit überhaupt schon, den Descartes? Egal. Man stelle sich vor, die gäb's nicht, die Zirbeldrüse! So als reiner Geist als Frau Geld verdienen, und das in unserem Jahrhundert? Unmöglich! Aber gäb's denn dann überhaupt Geschlecht?

Stop! Das wird mir jetzt selbst zu irre. Körperschaft ist eben einfach die Möglichkeit für Frauen im 17. Jahrhundert, Geld zu verdienen! Wobei freilich der Meister da so ohne Zirbeldrüse seine ach so geschickten Fingerchen auch nicht Wallung bekäme.

Ach, was denke ich hier überhaupt so vor mich hin: "Wer das Wissen mehrt, mehrt den Schmerz". Schreibt der Spinoza in seiner Ethik ja gleich über dem 18. Lehrsatz. Wenn mein Süßer mich dann zur Antwort auf die Frage "Was ist eine Körperschaft?" auffordert, dann wiege ich einfach kurz, aber bestimmt die Hüften, lege die Hände in die Seiten und den Kopf schief schief, hauche: "Willst Du das wirklich wissen?" und schieße scharf ein "Wer das Wissen mehrt, mehrt den Schmerz!" hinterher. Da geht dem bestimmt sofort einer ab.

22.02.07

Van Goghsche Grippe-Attacken


Manchmal hasse ich Roy Lichtenstein aus tiefster Seele. Diesen Gemütsklauer, Kalauer-Bildhauer, Pointenbauer aus industrieller Großschweinehälftenkunstproduktion. Ja, ich weiß, die Cow ging abstract, nicht das halbe Schwein. Gerade deshalb: Zynisches Arschloch.

Gerade am 20. Todestag von Warhol - der ist doch heute? Gerade noch so? - wüte ich dann, im Pinimenthol-Bad liegend, innerlich vor mich hin - was alleine beim Pinimenthol-Bad so alles aufschreit, innerlich, ja, innerlich, Foucault, Du Sack, aufbrandet, aufwallt und alle Wissensfalten tilgt und aufhebt in Emotion, in Erinnerung an Kindheitsnächte mit frisch eingeschmierter Brust, in der es röchelte und schmerzte!

Trifft man dann noch fast den armen Hund mit dem Van Gogh-Bändchen, das man zur Lektüre mit in's grünliche Naß schleppte, der arme Hund, der nur mal kurz vorbeischauen wollte, und das genau in dem Moment, wo ich in tiefer Demut das Büchlein zugeklappt habe und es, fast schon zum Ausstieg bereit, auf den Handtuchstapel werfen wollte, damit's nicht noch nasser würde, dann haßt man - ja, man, nicht nur ich - ihn noch mehr, den Roy. Diese Pixel-Trulla. Affektierter Pop-Scheißer. Ich meine natürlich nicht ihn, sondern sein Werk, und insofern stellt das eine reine Meinungsäußerung dar.


So schleppe ich seit Tagen die Vision mit mir herum, ...

... in den Fußstapfen Merleau-Pontys eine Phänomenologie der Wahrnehmung bezogen auf die Eigen-, Selbst- und Fremdwahrnehmung während aktuter Attacken durch grippale Infekte zu verfassen. und stelle nur einmal mehr fest, daß die eigene Vision, die eigenen Träume dann doch immer drei Nummern zu groß sind für das, was man kann. Weil ich eben nicht so schreiben kann, wie Van Gogh gemalt hat.

Ich kann das nur jedem empfehlen: Frisch dem Pinimenthol-Bad entstiegen den Ton bei "Die Knochenjägerin" wegschalten, schlechte Musical-Balladen einzustarten - niemals MP3 oder CD, immer nur Mini-Disc!, Vinyl geht freilich auch - und in einem Bildband mit Werken von van Gogh blättern.

Eine Phänomenologie der Wahrnehmung während grippaler Infekte sähe wohl ähnlich aus, wie der gemalt hat: Diese Suche nach - ja, nach was eigentlich?

Diese seltsame Rauschzustände, Schwächeanfälle, dieser so tiefe Schlaf und fast schon lustvolle Schwindel in manchen Momenten, dieses Surfen durch Erschöpfung, diese tief empfundene Glut, kurze Verzweiflung und doch das Wissen, daß es ja bald vorbei ist, während man elendig schon Rückenschmerzen von dieser blöden Matratze empfängt ... und doch landet man irgendwie zwischen allen objektiven Zeiten, ist auf einmal in Zukunft, Gegenwarten, Parallelwelten, Vergangenheiten gleichzeitig unterwegs, ganz auf sich geworfen, ist wieder Kind und ärgert sich erneut, daß diese Rabenmutter es anmaßend fand, daß man nun gerne als kleine Aufmerksamkeit einen Comic mitgebracht bekommen wollte, weil man doch krank und kläglich einsam darnieder liegen mußte, während die Geschwister zur Schule kicherten.

Dann ist man prompt wieder bei der Magen- und Darmgrippe, "Kotzeritis", die ein paar Tage niederstreckte und ekligen, schwarzen Tee mit sich brachte und eigentlich abgeklungen war, und dann roch es auf einmal im ganzen Haus nach Frikadellen, mein Lieblingsessen, ich wollte auch welche, und sadistisch wurde der Wunsch verweigert, weil ich ja gerade erst die Kotzeritisgehabt hatte, und ich konnte diese Weigerung und ihre so abgrundtiefe Gemeinheit einfach nicht fassen ... dabei war's doch die Einübung in den Kapitalismus: Die Frustration ertragen trotz Überangebot.

Und was sagt Roy Lichtenstein dazu? "Boof! Bang!" oder sowas. Klar, den Comic, den ich darbend wollte - und den dann, Scheidungsvater-Schicksal, eben dieser mitbrachte, "Tim und Struppi und die Picaros" oder so ähnlich, so lernte ich Guerillas kennen - zitiert er pixelnd, von Kindern, die sich danach sehnen, hat er keine Ahnung.

Die schlechten Musical-Songs auf der Mini-Disc sehr wohl. Die artikulieren genau das und sind Herrn Lichtenstein somit ästhetisch selbst dann noch überlegen, wenn der das irgendwie kritisch gemeint haben sollte, diese stilisierte Kälte seines Mordversuchs an der Kunst.

Und was hat "Die Knochenjägerin" damit zu tun? Das überlasse ich dem geneigten Leser, denn jetzt gibt es "Die Cleveren", und bei diesem Herrn Meyer bekomme ich zusätzlich zur grippalen Schwächung sowieso weiche Knie ... und das, wo ich dank influenzöser Rauschzustände heute nacht den bisher schönsten Traum meines Lebens hatte. Aber den erzähle ich niemandem! Niemals! Auch Dir nicht, Raven!

17.02.07

Macht und Herrschaft

"An dieser Stelle muß man den Begriff der Herrschaft einführen. Die Analysen, die ich durchzuführen versuche, gelten im wesentlichen den Machtbeziehungen. Darunter verstehe ich etwas, das von den Herrschaftszuständen verschieden ist. In den menschlichen Beziehungen haben Machtbeziehungen eine außerordentlich große Ausdehnung. Nun soll das nicht besagen, daß die politische Macht überall ist, sondern daß die menschlichen Beziehungen ein Bündel von Machtbeziehungen sind, die zwischen den Einzelnen, in der Familie, in einer pädagogischen Beziehung, im politischen Körper etc. existieren können. Diese Analyse der Machtbeziehungen stellt ein besonders komplexes Feld her; sie stößt manchmal auf etwas, das man Herrschaftszustände oder - tatsachen nennen kann, worin die Machtbeziehungen blockiert und erstarrt sind, statt beweglich zu sein. Und sie gestatten jenen, die an den Machtbeziehungen teilhaben, nicht, eine Strategie zu verfolgen, mit der sie diese verändern können. Wenn es einem Individuum oder einer gesellschaftlichen Gruppe gleingt, ein Feld von Machtbeziehungen zu blockieren, sie unbeweglich und starr zu machen - mit Mitteln, die sowohl ökonomisch als auch politisch oder militärisch sein können - jede Umkehrbarkeit der Bewegung zu verhindern, dann steht man vor dem, was man einen Herrschaftszustand nennen kann. In einem solchen Zustand gibt es keine Freiheistpraktiken oder nur auf einer Seite, oder sie sind extrem eingeschränkt und begrenzt. Deshalb stimme ich mit Ihnen darin überein, daß die Befreiuung zuweilen die politische und historische Bedingung für eine Praxis der Freiheit ist."
Michel Foucault, Freiheit und Selbstsorge, Frankfurt 1985, S. 11

15.02.07

Alte Witze, neu bedacht:

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""Der letzte Mensch auf der Welt kommt in eine Bar. Und was sagt er?"
Paul dreht den Kopf zum Fenster, aber er läßt die Pointe weg. Wir wissen beide, was der letzte Mensch auf der Welt sagt. Er starrt in sein Bier, einsam und rührselig, und sagt: "Drink, ich hätte gern noch einen Barkeeper.""
Aus: Ian Caldwell, Dustin Thomason, Das letzte Geheimnis, Bergisch-Gladbach 2006, S. 367

13.02.07

Ideell Finanziell Tendenziell Goldig

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Nicht die Quelle

"Hier ist dargestellt, wie viel Kilogramm Gold beispielswiese zum Erwerb der teuersten Gemälde Picassos über einen langen Zeitraum aufgewendet werden musste. (...) In Gold ausgedrückt, mussten bereits 1930 durchschnittlich rund drei Kilogramm und fast stetig steigend schließlich 2005 fast die unglaubliche Summe von über 4000 Kilogramm zum Kauf eines Spitzenwerkes aufgebracht werden.

Über dieses erstaunliche Ergebnis hinaus vermittet die Grafik aber noch weitere Erkenntnisse: In den Jahren zwischen 1970 und 1980 stagnierte oder sank die Goldmenge, die zum Kauf eines Spitzenwerkes von Picasso aufgewendet werden mußte. In dieser Phase trabender internationaler Inflation konnte der ideelle Wert Kunst, am Beispiel Picasso betrachtet, materiell gesehen, nicht mit der Sachwertentwicklung mithalten.

Untersuchungen für andere Künstler bestätigen dieses Phänomen: In Inflationsphasen sinkt der materielle Sachwert von Kunstobjekten ganz allgemein gegenüber Sachwerten. Fest steht jedoch: Topp-Qualitätsgemälde Picassos konnten sich innerhalb von 75 Jahren etwa vertausendfachen. Derr ideelle Wert Kunst ist deshalb dem Sachwert über einen langen Zeitraum betrachtet, auch in finanzieller Hinsicht, überlegen."

Wolfgang Wilke, Kunst in Gold aufgewogen, in: artinvestor, 6/2006, S. 14

Hilfe!!!!!!!!!!!!!!! Hätte der Kittler doch bloß nicht das "sich" getilgt!

11.02.07

Niemals den Eigennamen malen!

Panoptikum.jpg

Quelle

Damals. Ich war jung, ich war schön. Und stolz darauf, daß sie mir tatsächlich volle 20 Minuten geantwortet haben.

Ein Ruf als Interviewer-Fresser eilte ihnen voraus. In Köln habe ich mal in einem Hinterhof-Studio Neu-Ehrenfelds einen Kameramann getroffen, der gerade vom "Dreh" mit ihnen zurückkehrte. Völlig entrüstet stand er in der weißen Hohlkehle und berichtete von der in Tränen aufgelösten VIVA-Redakteuse ...

Unser London-Korrespondent bekommt Wutanfälle, erwähnt man ihren Namen: Ihn hatten sie auch einfach verrecken lassen. Redeten miteinander über Gemüse oder Trockenobst oder Lady Di, statt mit seinen Frage zu hantieren; verschlafene Sprüche wie "I'm still networking with the outer world" glitzerten da schon als freundliche Gesten.

Weiß auch nicht, warum's mit uns klappte. Die Promoterin rief am Vortag drei mal an, um mich zu warnen - ich solle mir keine Gedanken machen, wenn sie nicht antworteten. Ich solle sie auf keinen Fall nach Island fragen - da atmete ihr Sänger damals Klarheit und Mystik, den ganzen Zirkus kaum noch ertragend. Und es hätte bestimmt nix mit mir zu tun, wenn sie gemein würden, sagte die Promoterin.

Doch sie freuten sich sogar, als ich ihnen sagte, ...

.... daß ich ihr neues Album großartig fände. Fand ich aber auch wirklich. Wußte ja damals nicht, daß ich später bei jedem Ball im richtigen Netz am Millerntor mit 17000 Anderen hochspringen und hüpfen und und "huhu" ausstoßen würde zu jenem Song, der damals ihre Single war.

Klar, sie unterhielten sich in der Gardrobe auf dem Studio Hamburg, deren Interieur noch aus der Zeit der Miss Marple-Filme zu stammen schien, erst mal angeregt miteinander. Machten Fingernägel sauber. Völlige Ignoranz der Kamera und des Interviewers. Billiger Trick. wer solche Machtspielchen nicht kennt, der sollte eine Band wie diese auch nicht interviewen. Da darf man einfach nicht mitspielen, sonst hat man verloren ... habe einfach freundlich gefragt und bekam freundliche Antworten.

Angesichts des Lächelns von Damon Albarn zerfloss ich und war erst mal ein halbes Jahr verknallt wie ein Groupie. Völlig aus der Fassung. Der Mann ist reine Aura. Aufgrund seiner Verletzlichkeit. Ein ganzes Werk als Antwort auf Verwundungen.

"Trägt die Macht den Namen der Partei, dann triumphiert der Realismus mit seinen neoklassischen Versatzstücken über die experimentelle Avantgarde, indem er diese diffamiert und untersagt. Doch auch die "guten" Bilder, die "guten" Erzählungen, die "guten" Formen, die die Partei fordert, auswählt und verbreiten läßt, müssen ein Publikum finden, das sie als das angemessene Besserungsmittel für die Bedrückung und Angst, die sie empfinden, begehrt."
Jean-Francois Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?, in: Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990, S. 39 Pop ist Partei geworden, das ist ja gerade die Tragödie der Postmoderne, die all die Pop-Diskurs-Armeen, an deren vorderster Front Blur stets marschierten, so nachhaltig mit anheizten. Die den Boden bereiteten für all die neuen Fundamentalismen, seien's religiöse, politische, kulturalistische oder ökonomische, die jetzt im Post-Pop-Zeitalter die Klassenkämpfe prägen, während diesser unaufhörlich weiterdudelt.

Lyotard hat das alles nicht so gemeint und schon gar nicht gewollt, ja, zu verhindern gesucht mit aller Kraft seines Denkens - doch Habermas hat es geahnt. Deshalb, genau deshalb hat er wegen Neokonservatismus schlechte Zensuren verteilt.

"Heißt die Macht nicht Partei, sondern Kapital, so erweist sich die "transavangardistische" oder, im Sinne von Jenks, "postmoderne" Lösung adäquater als der bloße Antimodernismus. Eklektizismus ist der Nullpunkt zeitgenössischer Bildung: Man hört Reggae, schaut Western an, ißt mittags bei Mac Donalds und kostet zu abend Abend die heimische Küche, trägt französisches Parfum in Tokio, kleidet sich nostalgisch in Hongkong, und als Erkenntnis tritt auf, wonach das Fernsehquiz fragt. Es ist leicht, für eklektische Werke ein Publikum zu finden. Indem die Kunst zu Kitsch wird, schmeichelt sie dem Durcheinander, das den "Geschmack" des Liebhabers beherrscht."
a.a.O., S. 40

Genau das ist das Thema von Damon Albarn, glaube ich, immer gewesen. Ob bei Blur von der heroischen über die triumphale bis zur dissoziierenden Phase, ob bei den Gorillaz oder auch auf diesem gigantischen, überrragenden, resignierten, hoffnungslosen und überdrüssigen Auswurf, der sich "The Good, The Bad & The Queen" nennt.

Gott - über die Besetzung schreibe ich jetzt nicht! - , ist das böse, ist das zynisch, ist das hundsgemein, um mittendrin in all der Lethargie in Sehnsucht und fast schon ein schlechtes Gewissen umzuschlagen, das sich selbst kaum fassen kann - dieses Album ist so wahr in seinem Leiden an der Ausweglosigkeit des Pop!

In dessen Bann dann eben nur der Bruch und die Thematisierung des Bannes selbst noch hilft, wenigsten sich selbst als Trotzdem dennoch zu fühlen, aber selbst das mit nur noch gebrochener Intensität. Und manchmal vielleicht sogar den anderen zu spüren. Und genau diesen Rest, den zelebrieren die Helden virtuos, aber sowas von. Den Verweis auf das Andere des Pop, geschmiedet an's Zitat. Na, Prometheus. Kennt man ja.

Als Art-School-Schüler lernt man wahrscheinlich früh, daß die heroische Avantgarde sich einfach nur selbst erschöpfen können kann und man die Partei braucht, um gegen irgendwas zu opponieren. Doch wenn man selbst als Pop Partei geworden ist, dann tröstet auch der Champagner auf der Vernissage nix mehr, während man vor den Bildern von Norbert Bisky steht und weint.

Und so bricht Kitsch in viele, tausend kleine Stücke, die dann blinzeln, zwischen Tränen hindurch, und selbst das verborgene, zynische Gelächter beim Auftritt der Polizei im 80's Life-Song brüllt nur heraus, daß "Grease" eben doch über "Saturday Night Fever" gesiegt hat ... und das Kapital über uns alle. Aber das ist ja selbst ein Pop-Klischee.

10.02.07

Liebeserklärung an Jan Delay!

Ich habe gestern Katja Ebstein gesehen. Hat irgendwas über Zirkus gesungen und war nicht ganz so gut bei Stimme wie damals, als sie beim Großen Preis der Europa-Visionen"Theater" intonierte. Nicht minder mickrig Milva. Richtig hohes Fistelgesäusel produziert die auf einmal - seitdem alle glauben, die Linke sei tot und Brecht-Gesang out, werden Stimmen einfach nicht mehr genug geschult.

Dann waren da noch Cindy und Bert, aus München, glaube ich, und beim Umschalten in der Werbepause stand in der N3-Sprechrunde eine Frau mit einer Frisur - Frisur? Darf man das sagen? Haarschnitt vielleicht? -, die ganz ähnlich der von Hilde Knef in den 60ern und 70ern war. Und am Keyboard, 'tschuldigung, an den Tasten stand Costa Cordalis - wußte gar nicht, daß der auch mal eine Musikgruppe namens "Alternative Arschlöcher" hatte.

Komischerweise nannte sich das Hilde-Cordalis-Duo jetzt "Zweiraumwohnung", die Ebstein schimpft sich neuerdings Mia, und die anderen Bandnamen da bei Raab kann ich mir nicht merken - ein paar NDW-Sternchen waren da, Bernd Clüver hat irgendwas von Lara gesungen, Adam & Eve gaben sich "jung und willig", Dunja Rajter hat co-moderiert,und Reinhard Mey hat ganz schön lange Haare bekommen.

Der gab Binsenweisheiten von sich, Variationen des Fehlfarbenschen "Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, gefällt mir nicht" - "was man nicht bekommt, das will man haben, auch wenn man dabei sei Herz verliert", so hieß das gestern bei ihm, die große Erzählung des konsumorientierten Kapitalismus halt. Und der Typ, der damals "In der Mocca Milchbar"gesungen hat, der war auch da, nannte sich jetzt "Beatplanet", seit bald 20 Jahren dürfen die ja so heißen drüben, so anglizistisch, aber an den Mocca-Milchbar-Song können sich ja sowieso allenfalls Boche (wieso nennt der sich nicht eigentlich aufrecht "Schimpfwort für Deutsche" oder so?) oder Stefanolix erinnern. Oder Verleihnix.

So ein Mirnixdirnix aus Berlin ...

.... hat mir neulich einen ausgesprochen spannenden Vortrag über Kunstmarkt und Kunstgeschichte und wie das zusammen hängt gehalten. Große These war: Typisch für südeuropäische Länder sei ein kunstgeschichtlicher Bezug in der aktuellen Produktion, in Großbritannien, USA und auch Deutschland sei hingegen die Thematisierung von Popkultur Trumpf und auf dem Markt gängig. Und gerade deshalb käme wenig aus Italien oder Spanien - angesichts von Michelangelo, Velasquez und Leonardo sei das kunstgeschichtliche Erbe einfach zu erschlagend, daß aktuell wenig Relevantes zustande käme. Kennt man ja aus der Popmusik: Da kommt nix, aber dafür immer neue Opernstars. In Frankreich entstünde sowieso nix mehr, wie auch, die haben schließlich die Moderne begründet mit Impressionismus, Cèzanne, Gauguin, und Van Gogh war ja auch irgendwie Franzose.

Das ist schon ganz spannend, wenn man das auf den gestrigen "Bundesvision Lieder Wettbewerb" bezieht. Moritz R. von Der Plan hat mal gesagt, daß sie zu Zeiten der NDW in den späten 70ern, frühen 80ern eigentlich nur Kinderlieder als Bezugspunkt gehabt hätten. Der Schlager war verseucht und hat schließlich auch die Nazis gerockt, und als fette Schicht legte sich das "3.Reich" sowieso über alle möglichen Quellen der Historie.

Nun haben Deutsche im Bereich populärer Kultur neben dem Schlager eben drei Tricks gehabt - der eine ist relativ neu -, damit umzugehen.

1.) Der Ausweg in die Klassik. Da zähle ich die Brecht-Lieder mal mit hinzu, Liedermacher wie Wecker, Bands wie Element of Crime.

2.) Trash. Plastik. Wirtschaftswunder-Wegwerf-Logik. Die NDW hat das perfektioniert, Techno ebenfalls. Letzteres dürfte wohl umstritten sein ;-) ...

3.) Aus Nazi mach Pop. Das ist tatsächlich recht neu. Da zählen die Knopp-Dokus ebenso hinzu wie das große "Dresden"-Epos im ZDF, Rammstein ebenso wie Daniel Levys Hitlereien. Künstler wie Norbert Bisky erweitern dieses Prinzip auf die Ex-DDR.

Außenseiter sind dann Grönemeyer oder auch Ooomph, die gestern gewonnen haben. Nicht umsonst hört sich deren Bandname genau so an, wie Grönemeyer singt. Gröhlkultur und Gröhlkultivierung halt. Machen Die Toten Hosen auch.

Ooomph tragen Elemente der Underground-, Biker- und Post-Punk-Kultur genau so auf wie Guildo Horn die 70er-Klamotten, mit dem entscheidenden Unterschied, daß sie gar nicht merken, daß sie mit ihrer Rammstein-für-Arme-Attitude und ihrem Geklaue bei Bands wie HIM, die sowas einfach besser können, auch nur Bad Taste sind. Trash. Paradigma 2. Typisch deutsch auch deren Genörgel nach dem Sieg, dieses Sich-Schlecht-Behandelt fühlen: Gegen die Dauer-Promotion für Jan Delay hätten sie gesiegt! Noch morgens beim Fernsehen hätten sie gedacht: Mönsch, alle sind für Jan Delay ... und dann diese Sprüche über die Berliner als schlechte Verlierer, nur weil die völlig zu recht gepfiffen haben: Nur schlechte Gewinner sind noch schlimmer.

Aber halt: Jan Delay. Da fehlt ja noch was in der Typologie. D-Flame hat auch gezeigt, wie das geht. Und dieser sensationelle Auftritt von Seeed in der Pause, als sie ihre Multi-Kulti-Mucke mit türkischer Tradition fusionierten. Großartig!

Seit Boney M. und der Silver Convention ist ja eigentlich klar: Genau das ist dann eben doch beste Weg, in Deutschland Popmusik zu machen - von den Amis und den Briten lernen. Was bin ich froh, daß die uns befreit haben!

Bei der Performance von Jan Delay gestern dachte ich einmal mehr: Es gibt Stars! Richtige Stars! Solche, bei denen man niederkniet und sich gar nicht schämt für die Begeisterung. Dieses neckischen Ska-Klamotten, da ist ein Typ wie der auf einmal sausexy. Erstaunlich mag's nicht sein, daß die niedersächsische Tiefebene mit ihrer Dorfpunk-Pseudo-Sexiness das dann weggröhlte, notfalls fegt in Deutschland immer die Horde alles Gute vom Platz ...

Ja, Rayson, das ist der eigentliche Hintergrund dessen, was Du gestern nacht geschrieben hast!

Bin in der Sache sogar in vieler Hinsicht bei Dir - aber was Jan Delay gestern sagte, gilt trotzdem: "Heute entscheidet sich, ob Deutschland Style hat oder nicht." Ohne angloamerikanische Einflüsse hat's einfach keinen ... Oooooomph.

09.02.07

Kulturnation versus Partizipation

Da hat der Statler trotz rhetorischen Überschwangs mal auf ein wirklich existierendes Problem hingewiesen - daß ich ihn hier ständig verlinke, sei als Ausdruck der Anerkennung verstanden, da wird wenigstens was gesagt und nicht nur lamentiert: Wie ist Solidarität möglich, wenn man gar nicht so genau weiß, mit wem denn nun eigentlich? Die Frage also, wer zur "Solidargemeinschaft" dazu gehört.

Statlers Ausführungen machen dann Sinn, wenn man sie auf Konservative bezieht.da bekommt er schlicht etwas durcheinander. Und sie sind ansonsten einfach nur typisch deutsch, wobei's Gemeinschaftsgetümel auch anderenorts gibt: Es ist ein deutscher Nationsbegriff, der Nation auf eine vorgängige Gemeinschaft bezieht, zumeist unter Berufung auf eine geteilte "Kultur". Von hier aus lassen sich dann auch direkte Linien in's "Dritte Reich" ziehen; es ist übrigens auch ein ähnlich konstruierter Kulturalismus, den die "ProWestler" im allgemeinen zugrundelegen.

Historisch ist er in Deutschland darin begründet, daß dieses als "verspätete Nation"eben die "Kleinstaaterei" überwinden wollte und sich dann fragte: Hallelujah, aber was is'n denn eigentlich "deutsch", wenn man schon Deutschland gründen will? Bei Frankreich war das kein allzu großes Prorblem, das gab's ja schon ewig. Im Falle Spaniens, Italiens oder selbst Großbritanniens ist das bis heute eines.

Die Antwort war zumeist: Es ist die Sprache! Zunächst wurde dann aus dieser Perspektive zum Problem, daß Sprach - und Landesgrenzen nicht übereinstimmten. Bis hin zu Bismarcks Reichsgründungskriegen gab es drum die Diskussion, ob nun die großdeutsche oder die die andere deutsche Lösung anzustreben sei, ob also Österreich nun eigentlich auch deutsch sei oder nicht. Weiß man ja, wie Hitler das dann gesehen hat.

Das ist jedoch nur ein möglicher Nationsbegriff; interessant ist's übrigens, wenn man den Übergang von der "Kleinstaaterei" hin zu NATO und EU mal systematisch auf Identität und Differenz zu dieser Entwicklung hin abklopft.

Das ist freilich nur ein möglicher Nationsbegriff: Der mit der ungleich angenehmeren Wirkungsgeschichte ist der klassisch-republikanische, der "Nation" gar nicht über Gemeinschaftsgefühle und Kulturalismen begründet, sondern über politische Partizipation. Demokratie halt. Wer mit abstimmt, ist a priori in ein Solidarnetz eingewoben. Weil man sich eben, statt sich wechselseitig die Köppe einzuhauen, drauf einigt: Kommt, Leute, machen oder beschließen wir doch mal dies oder jenes zusammen. Aufeinander angewiesen sind wir doch sowieso.

Statlers Kritik trifft dieses Modell nicht. Das kommt ohne alles Gemeinsschafstgetümel in materialer Hinsicht aus. Daß er es nicht erwähnt, läßt auf einen Mangel an politischer und historischer Bildung schließen - macht ja nix, ist ja nicht sein Fach. Daß er de facto gegen jene Demokratie wettert, in deren Namen er sogar Kriege führen will, das ist jedoch schon erstaunlich.

Und der Internationalismus: Dem liegt die Idee der Solidarität jedes Einzenen mit jedem Einzelnen zugrunde. Interessant ist insofern, daß jemand, der den Irak-Krieg befürwortete, u.a. mit dem Argument der Durchsetzung der Menschenrechte, das nicht sehen will. Will er die nun rein pragmatisch deuten, die Menschenrechte? Die sind die Grundlage jeder Demokratie in Form von Grundrechten. Diese ganze laut verkündete Solidarität mit dem irakischen Volk gegen den Schlächter Hussein - war das etwa doch gar keine?

08.02.07

Back to the Basics: Mal ein Klassiker

"Man muß sich auch von Para-Marxisten wie Marcuse absetzen, die dem Begriff der Repression eine übertriebene Rolle zuweisen. Denn wenn die Macht nur Unterdrückungsfunktionen wahrnähme, wenn sie nur noch auf die Weise der Zensur des Ausschließens, des Absperrens, der Verdrängung, in der Art eine großen Über-Ichs arbeitete, wäre sie sehr zerbrechlich. Wenn sie stark ist, dann deshalb, weil sie auf der Ebene des Begehrens positive Wirkungen produziert - das weiß man inzwischen - und auch auf der Ebene des Wissens."
Michel Foucault, Mikrophysik der Macht, Berlin 1976, S. 109

Da fragt man sich zwar immer wieder, was das Begehren dort zu suchen haben könnte. Ansonsten gilt das freilich auch für all die Paramarxisten aus dem liberalen Lager - allenfalls vermögen sie Herrschaft zu begreifen, für ein Verständnis von Macht fehlt das begriffliche Instrumentarium.

07.02.07

Die Tyrannei der "Leistungselite": So eine Art "Antidiskriminierungsgesetz" von oben

"Es ließe sich daher gut rechtfertigen, bei Finanzierungs-, Ausgaben- und Regulierungsentscheidungen des Bundestages zusätzlich eine (einfache) Mehrheit unter denjenigen Abgeordneten zu verlangen, die nicht aus dem öffentlichen Dienst stammen (Prinzip der doppelten Mehrheit)."
Schreibt jemand aus dem öffentlichen Dienst (via che via Nachdenkseiten). Sitzt sich da - der ist doch noch an der Uni? - in von mir finanzierten Universitäten den Arsch breit, freut sich auf seine nicht minder breite, von mir finanzierte Pension und lamentiert von "Leistungseliten". Seinen eigenen Ausführungen zufolge gehört er selbst ja schon mal nicht dazu. Zahlt ja noch nicht mal Sozialabgaben, meines Wissens, der Mann. Ich möchte jetzt, daß er proportional zu meinem Anteil am Steueraufkommen auch meine Positionen vertritt. So als indirekter Kunde, der ich bin.

Und dann plädiere ich schon mal für Einschränkung des Grundrechts der Meinungsfreiheit für ihn aus eben dem selben Grunde. Ist doch nun wirklich schnurz, welche Grundrechte man einschränkt, ob nun das auf freie, gleiche Wahl im Sinne einer repräsentativen Demokratie, oder das auf Meinungsfreiheit. Wer im öffentlichen Dienst ist, der kann die Welt ja sowieso nicht objektiv beurteilen können, folgt man Herrn Vaubel, sondern ist a priori Interessenvertreter.

Weise Urteile fällen können nur jene, die jeweils ihren eigenen Besitz vor Augen haben. Und wer keinen hat, der hat eh keine Meinung zu haben, zumindest nicht zu Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Das kann man ja dann verfassungsrechtlich festschreiben, wer zu welchem Thema sich sinnvoll äußern können darf - oder auch nur, wessen Aussagen dann Einfluß auf Entscheidungen haben dürfen, okay. Plappern ist vielleicht okay, enstcheiden nicht. Kann man ja bei ihm selbst lesen, daß dieses die Prinzipien vernünftiger und effizienter Politik sind.

Natürlich meint er das alles gar nicht so, sondern diskutiert im Gegensatz zu unteren Schichten interessefrei und neutral Fragen der politischen Theorie. Dazu sind Nicht-Leistungseliten ja eh zu doof oder zu parteiisch.

Er selbst als Nutznießer des Systems ist doch aber davon gar nicht betroffen, deshalb: Quassel Du nur. Grundsätzlich sollten sowieso alle, die nicht selbst von etwas betroffen sind, zum Thema sowieso per Gesetz verordnet allenfalls quasseln dürfen. Das ist eine Variation des folgenden Prinzips:

"Aus ökonomischer Sicht könnte es effizient sein, das Quorum bei Ausgabenentscheidungen an der Steuerbelastung festzumachen, denn die Staatsausgaben sind – wie Wicksell darlegt – zu hoch, wenn die Entscheidungen nicht von denen getroffen werden, die dafür bezahlen müssen."
Wieso paßt dieses Gerede nur so gut zu den Broderschen Ausführungen gestern bei Maischberger, daß der Rechtsstaat einem Problem wie dem Terrorismus sowieso nicht gewachsen sei?

Und vor allem: Wie löst man denn eine solche Frage im Sinne des Herrn Vaubel auf? Also eine Frage wie jene des Terrorismus? Besitzlose in den Krieg schicken, die anderen schützen? Hätte ja Tradition, diese Lösung ....

Die Vaubelsche Intervention würden nur dann Sinn machen, wenn er denn selbst eben jene demokratischen Prozesse und ihre normativen Voraussetzungen, die er selbst angreift, in Anspruch nimmt. Dann kann er aber guten Gewissens gar nicht mehr so argumentieren.

"Mehr Schutz bietet der Föderalismus, denn er zwingt die Politiker, um die Gunst der Leistungseliten zu konkurrieren."

Im Sinne der Freiheit als Abwesenheit von Zwang ist das natürlich lustig: Warum struktureller Zwang für Politiker, aber nicht für "Leistungseliten", was immer das ist? Klar ist auch, daß der Rest der Bevölkerung aus der Politik dann wohl verschwinden soll, womit sich auch die Distanzierung des Herrn Vaubel von der Sklaverei erklärt: Viel zu viel Verantwortung. Das ist ineffizient.

06.02.07

"Selfness" - darauf einen dreifachen: Horx, Horx, Horx!

"In meinem kleinen Unternehmen, dem Zukunftsinstitut, arbeiten eine Menge Praktikanten. Wir zahlen schlecht, zögern mit Verlängerungen, trennen uns von vielen wieder. Die Gründe sind nicht Globalisierung und Neoliberalismus, sondern die substanzielle Veränderung von Arbeit. Viele Tätigkeiten im Institut sind nicht wirklich "kommandierbar". Sie entwickeln sich erst durch die Personen, die sie ausüben und langsam in sie hineinwachsen. Ständig entstehen neue Herausforderungen, Berufsbilder, Lernprozesse. Deshalb kommt es sehr stark auf den Charakter an, auf Kommunikationsfähigkeit, Motivation, Lernfähigkeit, "Selfness", also die Fähigkeit, sich selbst zu kennen und realistisch einzuschätzen."
Mathias Horx, Lang lebe das Prekariat (via: GBlog)

Das Schlimme ist: Das ist ja wahr ... das ist bei uns auch so. Gilt insofern auch nur für bestimmte Branchen. Man stelle sich das Ganze mal bei UPS oder Opel vor, diese kreativen Selbstechniken, in denen die "Persönlichkeiten", die ausübend die Tätigkeit kreieren, in die sie dann erst hineinwachsen, Lenkräder montieren. Hey, guck mal, assymetrisch! Komm, ist mein Stil!

Bei unserem Praktikanten-Bewerbungs-Marathon neulichst wollte ich drum irgendwann nur noch die verstockten, griesgrämigen, defensiv-agressiven Bewerber. Nicht, um sie umzuerziehen. Ganz im Gegenteil. Ich hatte auf einmal dieses masochistische Bedürfnis, mich anspucken zu lassen, wenn ich die Jungs und Mädels zum Kopierer schicke ...

Ich konnte diese ganzen vollmotivierten Fressen und ihren inneren Zwang zum Geständniszwang des eigenen, gestyleten Lebenslaufes, dieses qualvoll-lustvolle Begehren, sich so richtig deftig ausnutzen zu lassen und für ihre "durchgezogene" Anpassungsleistung nun enldich belohnt zu werden, einfach nicht mehr ertragen.

Diese süddeutschen MedienunibewerberInnen, ...

... die dann irgendwelche Projekte bei irgendwelchen Campus-Medien leiteten und einen Blick aufgetragen hatten wie diese langhaarigen Blondinen, die in Fernsehwerbungen Unterlagen auf Konferenztischen verteilen - eher Krampfgeburten neuer Technologien des Selbst.

Schon dieser Blick, der "Herausforderung" sucht, diese demonstrative Frische - das fordert allenfalls meine eigene, sadistische Ader zum verstärkten Pulsieren heraus. Solche Leute kann ich nicht einstellen, die würden mich zum Despoten erziehen. Hechelnde Hundeblickhaftigkeit, immer auf der Suche nach dem nächsten Leckerli - Horx, Horx, Horx, die sehe ich dann vor dem inneren Auge abends in Kneipen posieren, wo ihre "Selfness" eher nach Schellfisch stinkt und sie stolz Status versprühen.

Einer meiner wirklich ironiefrei hochverehrten Chefs hat diese Hansel früher immer zu "Assistenten der Geschäftsführung" erklärt - und sich dann einfach nur von ihnen herumfahren lassen, weil er mal wieder seinen Führerschein los war.

"Deshalb kommt es sehr stark auf den Charakter an, auf Kommunikationsfähigkeit, Motivation, Lernfähigkeit, "Selfness", also die Fähigkeit, sich selbst zu kennen und realistisch einzuschätzen."

Das sind Manipulationstechniken, dagegen ist die katholische Beichte die Vorstufe zu einem Love In. Mit Jesus, versteht sich. Und das islamische Gebet Fitness-Training und zudem auch noch ehrlich - an Allah kann man wenigstens wirklich glauben ... aber wer zum Teufel glaubt schon wirklich an "sich selbst"?

04.02.07

Der Herr Schmidt aus HH

Was mich ja ein wenig wundert ist, daß dieses lange - ist das schon ein Essays? Ein Artikel? - na, dieser Text von Helmut Schmidt in der aktuelllen Die Zeit mir in den regelmäßig frequentierten Blogs gar nicht über den Weg gelaufen ist. Vielleicht habe ich ja auch was überlesen.

Wenn ich's richtig verstehe, kenne da die Theoriegeschichte nur ungenügend, ist's der Versuch, den Ordoliberalismus in Zeiten der Globalsierung weiterzudenken unter starker Betonung der nationalstaatlichen Ebene - Patriotismus, Moral, Pflichtgefühl sind, wie bei Schmidt üblich, hierbei Begriffe, die im Mittelpunkt stehen. "Bändigt den Raubtierkapitalismus", "Setzt den Hedge Fonds und Private Equitiy Companies Grenzen!" und "Macht nationale Banken stärker!" wären die abzuleiitenden Slogans, die sich stark aus der Auseinandersetzung mit Währungspolitik speisen. Ein Auszug:

"Wohl aber könnten die Regierungen der großen OECD-Staaten den Banken und Versicherungen im eigenen Lande verbieten, privaten Finanzinstituten Kredite zu geben, die sich durch einen rechtlichen Sitz auf jenen Inseln der Aufsicht der eigenen Regierung entziehen. Unsere Regierungen können darüber hinaus im eigenen Land ganz allgemein die Kreditaufnahme von Hedgefonds, Private Equity Fonds und dergleichen beschränken. Sie könnten jeden, der im Inland einen Fondsanteil, ein Zertifikat oder Ähnliches zum Kauf anbietet, unter den gesetzlichen Zwang stellen, das damit verbundene Risikopotenzial zu veröffentlichen. Mit einem Wort zusammengefasst: Die Regierungen der großen Staaten der Welt könnten Rahmenbedingungen fixieren und ihre Befolgung beaufsichtigen lassen. Bisher gibt es allerdings keinen ernsthaften Willen, in dieser Richtung gemeinsam vorzugehen."
Spannend ist's, wenn man das auf diese Diskussion und vor allem den Text hier bezieht. Die beim "freien Markt" skizzierte Vision ist mir alles andere als fern, habe, als ich noch jung und pubertär war, auch mal einen anarchistischen Gedichtsepos mit dem Titel "Es müssen nur mehr probieren" verfaßt! Allerdinigs eher eine sozialistische Variante und von Erich Mühsam beeinflußt, egal, Analogien gibt es da trotzdem.

Aber man ziehe jetzt mal bei allem, was Helmut Schmidt beschreibt, den Staat ab - bliebe dann wirklich so eine Schrebergartenidylle des wechselseitig-einvernehmlichen Handelns, so eine eine Art verwirklichter Diskursethik mit vorausgesetztem Eigentumsschutz, übrig? Die Antwort ist tatsächlich ganz unangenehm konservativ, das sei zugegeben, aber man wird ja fragen dürfen ...

Sehnsucht nach der Tuntenbewegung! Für Sissies im deutschen Fußball! (und nicht nur da)!

So, jetzt ziehe ich gleich zum ersten Mal in meinem Erwachsenen-Leben zum sonntäglichen Parkspaziergang ein Kleid an und klebe mir künstliche Wimpern an. Obwohl - meine Wimpern zumindest sind auch nach 14 Jahre kapitalitischer Arbeit noch ganz gut in Form, da muß heute Tusche reichen ...

Kann mir mal jemand erläutern, warum man eigentlich immer die Blogs liest, über man sich besten aufregt?

Dieses Realsatireblog hier gehört zu jenen hinzu - nur formelhafte FDOG-Versatzstücke. Das wirkt immer wie ein Textbautstein-Computer-Blog. Die sind bestimmt gar nicht wirklich "gay", sondern von irgendeiner Marketing-Klitsche als Modul für FDP-Parteiwerbung schlicht gefaket. Reine Vermutung meinerseits, versteht sich. Vielleicht sind sie auch einfach nur jung und unschuldig.

"Schwule Identität" war mir ja eh schon immer ein Rätsel, bei Formulierungen, irgendjemand oder irgendeine Gruppe sei "nicht repräsentativ" für die Schwulen als solche, wie sie sich dort gelegentlich finden, darf man sich über den folgenden Gedankengang nicht wundern:

"

"Was wäre los mit den ganzen Werbeverträgen, wenn Michael Ballack plötzlich Tante Ballack wäre?"

Da bleibt uns nur noch eine Frage, Herr Waschke: Was wäre los mit ihrem ganzen Weltbild, wenn ein Schwuler plötzlich ein ganz normaler Mann wäre?"

Kontext kann man ja am anderen Ufer (ja, ungefähr in solchen Niveaus wie jene, die vom "anderen Ufer" reden - hier der Westen und Israel, da die Kanacken - , bewegt man sich im Blog gegenüber, aber natürlich nur ungefähr) nachlesen.

Was sind denn bitte ganz normale Männer? Mit anderen Worten: Wie kann man sich freiwillig selbst normalisieren und dann noch dummdreist von Freiheit daherquatschen?

Problem ist doch, daß "Tante Ballack" eben uncool wäre und deshalb als Werbeträger nix taugt, nicht, daß Schwule ja auch "normale Männer" sind. An dem Punkt, wo eine "Tante Ballack" als Werbeträger taugt, wäre ja mal wirklich was erreicht.

Adoptionsrecht für alle "Tante Ballacks" dieser Welt unabhängig davon, ob man sich nun im Rahmen einer "Homo-Ehe" assimiliert oder auch nicht, das wäre (politische) Freiheit. So werfen sie nur jenen die Klinke in die Hand, die auf dem Schulhof andere als "Opfer" beschimpfen - und schlimmeres tun ...

So, jetzt gehe ich ein paar Heten klatschen, um mich als ganz normaler Mann zu fühlen ...

PS: Gleich kommt bestimmt Rainer Lang hier vorbeispaziert und erläutert mir, wie deviant ich sei ...

03.02.07

Ist dies Blog Kunst?

"Der höchste Zweck finalisierter postautonomer Kunst, ihrer Objekte und Institutionen besteht in der Ermöglichung besonderer Kommunikationen. Allem anderen kommt nur der zweite Rang einer dafür notwendigen Bedingung zu. Kunst lebt heute nicht mehr in den Werken, sondern durch die Kommunikation über die Produktionen, die Werke genannt werden.

Wenn das Kunstobjekt zum Kommunikationsprogramm werden soll, muß es sich auf die jeweiligen für seine Positionierung wichtigen Kommunikationsbedingungen einlassen. Dazu gehört es etwa, bestimmte Orte, Personen oder Handlungen und andere je spezifische situative Gegebenheiten in das künstlerische Konzept einzubeziehen. Soweit dies geschieht, bestimmt sich die Form der Objekte nach den Formen, die ihre ästhetische Kommunizierbarkeit ermöglichen. Kunst besteht in der Schaffung von Formen, die als Medium für die Beobachtung und Teilnahme an ästhetischer Kommunikation fungieren."


Michael Lingner, Kunst der Kommunikation. Kommunikation der Kunst

01.02.07

Schadenfreude ...Häme ... ich bin ein schlechter Mensch ...

Ach, es gibt ja doch so Bundesliga-Spieltage, da sitzt man selbst als Drittligist feixend vor Radio, Fernseher und Netz und bekommt so richtig gute Laune!

Daß nun gerade das unternehmerische Schlachtschiff da unten unweit von Österreich so richtig konsequent auf frische Gesichter und innovative Ideen setzt, das ist ja schon lustig genug. Gladbach ist für mich eh sowas wie Prilblumen, RAF-Fahndungsplakate und braun-orangene Tapeten, ein Stück 70er Jahre halt, und wenn die Hertha auf die Glocke bekommt, dann schäme ich nur aus Mitgefühl für Rayson ein wenig für meinen unverhohlene Freude. Aber Berlin ist ja eh bald endgültig out, denn bald kommt RAR.

Am besten freut unsereins natürlich, was unweit der Müllverbrennungsanlage passiert - Doll weg, lustig! Snief hat im St. Pauli-Forum es auf den Punkt gebracht:

"Sehr schade und völlig panisch. Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass Doll sehr gute Arbeit bei den Rauten geleistet hat und der Tabellenplatz entspricht ja nun letztlich auch unseren Zielvorgaben."
Nicht umsonst hing neulich am Millerntor das Plakat "Dolli ist einer von uns!", aber so ganz richtig ist das doch nicht.

Meine These ist ja, daß er so damit beschäftigt war, sein eigenes, mediales Positiv-Image zu zitieren - jeder O-Ton vor der Kamera ganz "in-Rolle-Sein", die Theatralik des Authentischen, furchtbar, sogar wie eingeübte Sätze über das Lächeln, das auf die Lippen seiner Spieler zurück solle, würg, zum Schluß mutierte er ja zum Pseudo-Poeten - und zu bestätigen, daß er gar nicht mehr mitbekam, wie seine Vereinsführung weiter die immer gleichen Fehler machte: Teure Transfers, die sich entweder nicht in die Mannschaft integrieren oder ständig verletzt sind und sowas wie dem Abstiegskampf schon gar nicht gewachsen sind. Solche Leute holen sich dann ja lieber eine rote Karte ab, anstatt die Konnotationen niederer Tabellenregionen sich anziehen zu wollen. Gediente Recken werden weggeschickt, andere Spieler sind nicht zu halten, weil dieser Verein eben doch snicht o dolle ist, wie er immer glaubt - und dann kommt noch die völlige Unfähigkeit hinzu, eigene Talente aufzubauen. Das ist der Gegensatz zu Werder Bremen, die können das.

So scheitern die Stellinger im Grunde genommen wieder mal an ihrer eigenen Großkotzigkeit und setzen nun die einzige Figur nach Uwe Seeler, die sie selbst - ausnahmsweise - mal groß gemacht haben, vor die Tür. Ein guter Tag! Der kann was werden! Und wir haben nächste Saison wieder ein "großes Derby" - in Liga 2!

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de