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Liebeserklärung an Jan Delay!

Ich habe gestern Katja Ebstein gesehen. Hat irgendwas über Zirkus gesungen und war nicht ganz so gut bei Stimme wie damals, als sie beim Großen Preis der Europa-Visionen"Theater" intonierte. Nicht minder mickrig Milva. Richtig hohes Fistelgesäusel produziert die auf einmal - seitdem alle glauben, die Linke sei tot und Brecht-Gesang out, werden Stimmen einfach nicht mehr genug geschult.

Dann waren da noch Cindy und Bert, aus München, glaube ich, und beim Umschalten in der Werbepause stand in der N3-Sprechrunde eine Frau mit einer Frisur - Frisur? Darf man das sagen? Haarschnitt vielleicht? -, die ganz ähnlich der von Hilde Knef in den 60ern und 70ern war. Und am Keyboard, 'tschuldigung, an den Tasten stand Costa Cordalis - wußte gar nicht, daß der auch mal eine Musikgruppe namens "Alternative Arschlöcher" hatte.

Komischerweise nannte sich das Hilde-Cordalis-Duo jetzt "Zweiraumwohnung", die Ebstein schimpft sich neuerdings Mia, und die anderen Bandnamen da bei Raab kann ich mir nicht merken - ein paar NDW-Sternchen waren da, Bernd Clüver hat irgendwas von Lara gesungen, Adam & Eve gaben sich "jung und willig", Dunja Rajter hat co-moderiert,und Reinhard Mey hat ganz schön lange Haare bekommen.

Der gab Binsenweisheiten von sich, Variationen des Fehlfarbenschen "Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, gefällt mir nicht" - "was man nicht bekommt, das will man haben, auch wenn man dabei sei Herz verliert", so hieß das gestern bei ihm, die große Erzählung des konsumorientierten Kapitalismus halt. Und der Typ, der damals "In der Mocca Milchbar"gesungen hat, der war auch da, nannte sich jetzt "Beatplanet", seit bald 20 Jahren dürfen die ja so heißen drüben, so anglizistisch, aber an den Mocca-Milchbar-Song können sich ja sowieso allenfalls Boche (wieso nennt der sich nicht eigentlich aufrecht "Schimpfwort für Deutsche" oder so?) oder Stefanolix erinnern. Oder Verleihnix.

So ein Mirnixdirnix aus Berlin ...

.... hat mir neulich einen ausgesprochen spannenden Vortrag über Kunstmarkt und Kunstgeschichte und wie das zusammen hängt gehalten. Große These war: Typisch für südeuropäische Länder sei ein kunstgeschichtlicher Bezug in der aktuellen Produktion, in Großbritannien, USA und auch Deutschland sei hingegen die Thematisierung von Popkultur Trumpf und auf dem Markt gängig. Und gerade deshalb käme wenig aus Italien oder Spanien - angesichts von Michelangelo, Velasquez und Leonardo sei das kunstgeschichtliche Erbe einfach zu erschlagend, daß aktuell wenig Relevantes zustande käme. Kennt man ja aus der Popmusik: Da kommt nix, aber dafür immer neue Opernstars. In Frankreich entstünde sowieso nix mehr, wie auch, die haben schließlich die Moderne begründet mit Impressionismus, Cèzanne, Gauguin, und Van Gogh war ja auch irgendwie Franzose.

Das ist schon ganz spannend, wenn man das auf den gestrigen "Bundesvision Lieder Wettbewerb" bezieht. Moritz R. von Der Plan hat mal gesagt, daß sie zu Zeiten der NDW in den späten 70ern, frühen 80ern eigentlich nur Kinderlieder als Bezugspunkt gehabt hätten. Der Schlager war verseucht und hat schließlich auch die Nazis gerockt, und als fette Schicht legte sich das "3.Reich" sowieso über alle möglichen Quellen der Historie.

Nun haben Deutsche im Bereich populärer Kultur neben dem Schlager eben drei Tricks gehabt - der eine ist relativ neu -, damit umzugehen.

1.) Der Ausweg in die Klassik. Da zähle ich die Brecht-Lieder mal mit hinzu, Liedermacher wie Wecker, Bands wie Element of Crime.

2.) Trash. Plastik. Wirtschaftswunder-Wegwerf-Logik. Die NDW hat das perfektioniert, Techno ebenfalls. Letzteres dürfte wohl umstritten sein ;-) ...

3.) Aus Nazi mach Pop. Das ist tatsächlich recht neu. Da zählen die Knopp-Dokus ebenso hinzu wie das große "Dresden"-Epos im ZDF, Rammstein ebenso wie Daniel Levys Hitlereien. Künstler wie Norbert Bisky erweitern dieses Prinzip auf die Ex-DDR.

Außenseiter sind dann Grönemeyer oder auch Ooomph, die gestern gewonnen haben. Nicht umsonst hört sich deren Bandname genau so an, wie Grönemeyer singt. Gröhlkultur und Gröhlkultivierung halt. Machen Die Toten Hosen auch.

Ooomph tragen Elemente der Underground-, Biker- und Post-Punk-Kultur genau so auf wie Guildo Horn die 70er-Klamotten, mit dem entscheidenden Unterschied, daß sie gar nicht merken, daß sie mit ihrer Rammstein-für-Arme-Attitude und ihrem Geklaue bei Bands wie HIM, die sowas einfach besser können, auch nur Bad Taste sind. Trash. Paradigma 2. Typisch deutsch auch deren Genörgel nach dem Sieg, dieses Sich-Schlecht-Behandelt fühlen: Gegen die Dauer-Promotion für Jan Delay hätten sie gesiegt! Noch morgens beim Fernsehen hätten sie gedacht: Mönsch, alle sind für Jan Delay ... und dann diese Sprüche über die Berliner als schlechte Verlierer, nur weil die völlig zu recht gepfiffen haben: Nur schlechte Gewinner sind noch schlimmer.

Aber halt: Jan Delay. Da fehlt ja noch was in der Typologie. D-Flame hat auch gezeigt, wie das geht. Und dieser sensationelle Auftritt von Seeed in der Pause, als sie ihre Multi-Kulti-Mucke mit türkischer Tradition fusionierten. Großartig!

Seit Boney M. und der Silver Convention ist ja eigentlich klar: Genau das ist dann eben doch beste Weg, in Deutschland Popmusik zu machen - von den Amis und den Briten lernen. Was bin ich froh, daß die uns befreit haben!

Bei der Performance von Jan Delay gestern dachte ich einmal mehr: Es gibt Stars! Richtige Stars! Solche, bei denen man niederkniet und sich gar nicht schämt für die Begeisterung. Dieses neckischen Ska-Klamotten, da ist ein Typ wie der auf einmal sausexy. Erstaunlich mag's nicht sein, daß die niedersächsische Tiefebene mit ihrer Dorfpunk-Pseudo-Sexiness das dann weggröhlte, notfalls fegt in Deutschland immer die Horde alles Gute vom Platz ...

Ja, Rayson, das ist der eigentliche Hintergrund dessen, was Du gestern nacht geschrieben hast!

Bin in der Sache sogar in vieler Hinsicht bei Dir - aber was Jan Delay gestern sagte, gilt trotzdem: "Heute entscheidet sich, ob Deutschland Style hat oder nicht." Ohne angloamerikanische Einflüsse hat's einfach keinen ... Oooooomph.

Kommentare

Mann, hast Du recht! Aber Kunstmarktvortragsmirmixdirnix, der hat mentalitätsgemäss die "richtige" These, bloss: was is mit all den veramente grandi italiani importanti der letzten 50 Jahre? Kriegt man denn in D`land nix mehr mit? Aber stimmt, denen fehlt der Pop-Faktor- was sie so toll macht.

Ich habe ja auch mit Pop als Qualitätskriterium im Falle bildender Kunst ein Problem, aber rein deskriptiv fand ich das gar nicht so blöd ...

Hallo,
um die Liste der Ähnlichkeiten zu erweitern: Der Platz 6 aus Thüringen von Northern Lite kommt den Ideal-Sachen recht nahe. Der Gedanke ging mir schon vor der Lektüre hier durch den Kopf. Es gibt halt immer eine neue Jugend, der das alte Zeug vorgetragen werden muss.
Viele Grüße
Thomas

@Thomas Günther:

Ich halte das ja eher für so eine gespenstische Form real-existierenden Strukturalismus oder sowas in der Art .... daß einfach Elemente wie Schablonen sich reproduzieren und dann eine popkulturelle Struktur ergeben ... gruselig ... war gestern mit Freunden ein Bier trinken, und kurioserweise hatten die auch Katja Ebstein und andere von den oben Beschriebenen gesehen ... sich an Ideal zu vergreifen, das finde ich übrigens besonders gemein ....

@che:

Ach, eigentlich müßte ich jetzt ja mein eigenes Sortiersystem dekonstruieren, weil ja Sortiersysteme eigentlich immer doof sind, aber trotz Grippe (mich schwindelt's im Kopf, eklig, ich hasse das) versuche ich's mal:

- Slime und Guano Apes spielen, glaube ich, je unterschiedlich schon mit angloamerikanischen Motiven, wobei der Punk von Slime ein einmal durch die frühe NDW (Hans-A-Plast, Kaltwetterfront, KFC etc.) vermittelter ist. Punk konnte ja als NDW (und ich meine damit immer auch die frühe NDW, die von Hilsberg Beschriebene, und in der steckte ja alles schon schon drin, was dann später ausgearbeitet wurde) in Deutschland - wenn auch nur 2, 3 heroische Jahre lang - genau wegen des oben von Moritz R. zitierten so stark wirken: Ob man nun 3 Akkorde oder das Kinderlied proklamiert, man kann ähnlich frisch einfach loslegen. Ich habe jetzt nicht mehr ganz im Kopf, wann Slime genau losgelegt haben, aber das ist so das Feld, auf das sie gehören.

Guano Apes kenne ich zu wenig, aber das scjeint mir immer Kopie zu sein ...

- Die Ärzte haben einfach da weitergemacht, wo die NDW aufgehört hat, ähnlich wie Toten Hosen: Schlagerhaftigkeit ("Bad Taste", Trash) und Punkrock (angloamerikanscher Einfluß) - und bis hin zu "Männer sind Schweine" wurden sie da einfach immer virtuoser, im Gegensatz zu den Hosen, die immer plumper wurden ...

- Rosenstolz ist die Camp-Version des guten, alten Chansons, also 1.) und 2.). Ähnlich wie Element of Crime, Klaus Hoffmann und in manchen Ecken seines Werkes auch Rio Reiser eben Chansons fortschreiben, aber ohne "Trash", "Campp", "Kitsch", wie immer man das nennen will. Vorbilder haben die durchaus auch in einer Hilde Knef, einer Hanne Wieder und anderen; das ist ja eine ganz wundervolle Tradition, und das können nur wenige richtig gut ...

Die anderen kenne ich, ehrlich gesagt, gar nicht ...

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