" /> Metalust & Subdiskurse: März 2007 Archive

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29.03.07

"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben" (Daniel Richter)

"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"
"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"
"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"

"(...) hier zeigt die Kunst Neigungen, sich das hohe Auflöse- und Rekombinationsvermögen gesellschaftlicher Tatsachen zueigen zu machen und ihre Darstellung mit der Kraft ihrer eigenen Rigidität hier einzuprägen. Über Gelingen und Mißlingen gibt es natürlich kein einheitliches Urteil; aber man könnte sich mehr als bisher mit den spezifischen Schwierigkeiten befassen, die sich aus einem solchem Kunstprogramm ergeben. Denn daß die Gesellschaft als System ihrer eigenen Operationen kein Medium ist (da sie ja nur in strukturell komplexer, selektiv kombinierter Form überhaupt erst aktualisiert werden kann), versteht sich von selbst. Die Frage ist dann, wie eigentlich Gesellschaft hinter die Gesellschaft projiziert werden kann, so daß die Formwahl der Gesellschaft grimassenhaft sichtbar wird; und wie das in der spezifischen Weise der Kunst geschehen kann, so daß die Auswahl der Form überzeugt, und nicht nur als Gesellschaftskritik von einem momentanen boom in "Alternativen" lebt. Die behandelten Beispiele legen es nahe, die Evolution von Kunst zu beschreiben als Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, als Entwicklung immer neuer Medien-für-Formen. (...) Wenn das zuträfe, dann wäre die Verwendung der Gesellschaft als Medium der logische Abschluß einer solchen Entwicklung, ihr non-plus-ultra. Denn da die Kunst als Kommunikation selbst Gesellschaft ist, könnte sie sich dann auch selbst als Medium verwenden unnd in einer Art von logischem Kurzschluß kollabieren."
Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst, in ders.: Aufsätze und Reden, Stuttgart 2001, S. 208-209

Uff. Wie üblich bei Luhmann weiß und spürt man, daß er da entschieden Wichtiges schreibt, und bleibt doch verwirrt vor dem Text stehen und fragt sich, ob er da nicht aus reinem Spaß den theoretischen Taschenspielertrick des uneingestandenen und bestens getarnten, permanenten Ebenenwechsels vollzieht.

Zudem er jene Beispiele, die mir hier relevant erscheinen, gerade nicht bringt: Kann dieses Kollabieren im logischen Kurzschluß nicht im Grunde genommen nur auf Ideen wie jene der "sozialen Skulptur" von Beuys zutreffen, bestimmte Formen des "Happenings"? Vielleicht noch die Situationisten oder auch Focuaults Ästhetik er Existenz, dann, wenn man diese als Kunstform betrachten will, "Lebenskünstler"?

Medien sind bei Luhmann ja so Sachen wie Geld oder Licht, unendlich zerstückelbares, jedoch nicht aus dem Einzelding heraus Erklärbares, das dann als Medium für eine Form fungiert - die Münze ist eine mögliche Form von Geld, jedoch ebenso der Kontoauszug. Jetzt mal ganz plump zusammengefaßt - er selbst bringt das Beispiel "Sand", der eben nicht durch die einzelnen Körner definiert ist und auch kein Plural kennt (das Plural von Licht sagt ja auch etwas anderes aus als eben "Licht" und bringt allenfalls ein "Lichtermeer" hervor). Dieser kann dann auch Sandburg, Muschel (dank des Kindes, das ihn mittels Plastikschälchen eine Form bringt) oder Sandstrahl zur Grafitti-Säuberung sein.

Gesellschaft ist Kommunikation, und Gesellschaft als Medium mißverstanden wäre dann ja die Formung eben dieser Kommunikation. Liest sich totalitär, und darauf spielt vermutlich Luhmann implizit auch an; das vollbringen seine Subsystem-Logiken aber sowieso - also die nach binären Codes strukturierten Operationen in Recht, Wirtschaft etc..

Dann würde aber Kunst eine Form der Kommunikation wie alle anderen auch, unterschiede sich nicht mehr von der Durchsage auf einem Bahnhof, man möge doch den Bahnsteig wechseln, der Zug führe auf einem anderen Gleis ein - meint er das? Daß also eine Thematisierung von Gesellschaft im Rahmen der Kunst entweder nix anderes macht als Journalisten und Soziologen auch - soziale Tatsachen, und sei's auch kritisch, zu kommentieren, oder aber selbst eingreifen will in Kommunikationen und diese formen wie andere, gesellschaftliche Subsysteme auch? Und das würde der Kunst dann das Spezifische rauben? Meint er das?

Argumente für das hermetische Sich-verschließens der Kunst, wie bei Adorno sie sich finden, ließen sich ja trotz der Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren (Watzlawick), daraus durchaus ableiten ... ist Leben ein Medium?

27.03.07

Manchmal wäre man ja doch gerne in Karlsruhe!

Um sich das hier anzugucken, z.B.. Die Ästhetik naturwissenschaftlicher Visualisierungen ist ja eh ein ganz spannendes Thema, nicht minder als jene von Bilanzen. Diese ganzen hübschen Bildchen, die sich dann als "objektiv" verstehen, powerpointpräsentationsfähiggeformt oder so, und meinen, auf vorgängig wahres zu verweisen, halten sich wohl für Varianten der Röntgen-Apparatur, vermute ich - dem dann das I Ging entgegenzustellen, das finde ich schon ziemlich gut.

Daß dieses mit digitalen Codes kompatibel scheint und strukturelle Analogien zur DNA-Struktur da hineinprojiziert werden können, das ist ja ein alter Hut - auflösen kann man solche Projektionen jedoch wahrscheinlich wirklich nur über eine visualisierende Transformation.

"Karsten K. Panzer PerZan wiederum entwickelt synthetisierende 3D-Farbsysteme, die auf dem genetischen Code der DNA und der altchinesischen Struktursprache des I-Ging basieren. Er schafft transdisziplinäre und interkulturelle Konzepte zu einer Metasprache von Kunst und Naturwissenschaft."
Crossmediale Verweise sind wohl tatsächlich auch weiterhin die aktuell möglichste Variante einer Erkenntnistheorie, vermute ich. Man gut, daß Moral sich anders situiert ...

26.03.07

Jawollja!

"In diesem Zusammenhang ist vor allem aufschlußreich, daß Kant das Grundprinzip des Rechts - und damit das Programm der Emanzipation - auch bestimmt als die "Freiheit für jeden, seine Glückseligkeit selbst, worin immer er sie setzen mag, zu besorgen, nur daß er anderer ihrer gleich rechtmäßigen Freiheit nicht Abbruch tut." Aus dieser Formulierung wird unmittelbar deutlich, daß der Entwurf der rechtlichen Gleichheit bei Kant formalen Charakter hat. Die Grundregel des Rechts zielt bloß auf eine Gleichheit der Möglichkeiten ab, d.h., auf die gleiche Möglichkeit aller, ihren individuellen Bestrebungen nachzugehen; dementsprechend hat die restriktive Funktion des Rechts die Bedeutung, diese Gleichheit der Möglichkeitehn sicherzustellen. Das heißt aber nicht weniger, als daß die Pointe der Rechtsphilosophie Kants gerade in der Absicherung und Beförderung von Pluralität liegt."
Herta Nagl-Docekal, Das heimliche Subjekt Lyotards, in: Manfred Frank u.a. (Hg.): Die Frage nach dem Subjekt, S. 236

Ein Lob dem Kompromiß!

Impressionen schweben sommerblau da am Himmel Deines Lebens doch Du weißt genau dieses wolkenlose Traumbild Deiner Sympathie ... na, undsoweiter, Alexandra ... seltsam, daß man sich geräderter fühlt nach einem Abend im Vereinsparlament als nach ganz normalen Arbeitstagen ....

Bin ja Sitzungen und Gremien gewöhnt, aber so eine außerordentliche Mitgliederversammlung des FC St. Pauli, das ist schon, wie von einer Dampfwalze überrollt zu werden, dauert nur länger. Und hinterläßt Geschmäcker aller Couleur (so ein blödes Bild muß mir erst mal jemand nachmachen!). Gibt wohl doch die Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos.

Immerhin: Ein Lob der Demokratie. Ja, trotz allem. Gilt doch manchen auch als Vorbild menschlichen Handelns, mit Befehlsgewalt ausgestattet Menschen durch die Gegend zu scheuchen und sich selbst dann die Kohle zu überweisen, Unternehrmertum halt (ja, war nur die halbe Wahrheit, die andere Hälfte kommt ja noch) - das gestern war trotz allem Gejohle und Standing Ovations und Buh-Rufen dann doch besser als 'ne Diktatur des Kapitals oder so.

Es gab Realos und Fundis, ganz viele Staatsanwälte und Inquisitoren, Laiendarsteller und professionelle Darsteller, denen dann allein aufgrund dieser Tatsache alles Authentische abgesprochen wurde.

Was wirklich der Hammer ist, wie Teile einer Mitgliederversammlung die BILD-Headline samt Fummeltrinenfoto "St. Pauli braucht keinen Tuntenpräsidenten" bruchlos fortschreibt. Daß Corny Littmann - na, Schauspieler würde ich das noch nicht mal nennen, eher Komiker oder sowas, ist, ist ja Leitfaden all der großen Erzählungen rund um den Verein geworden. Kein Print- oder TV-Beitrag, der nicht mit "Vorhang auf" oder "Bühne frei" begänne, keine Kritik der Littmann-Gegner, die nicht auf "Show" verwiese.

Wie hier mal eben nebenbei ein ganzer Berufsstand in den Dreck getreten wird, das merken die noch nicht mal. Und an der "Tunte" ist ja auch das "unechte" das, was den Mehrheitsgesellschaftler dann zugleich in's Pulverfaß (eine Travestie-Show, für Nicht-Hamburger) treibt und besoffen Lust auf's Verprügeln macht - daß sich dann auch noch empört wird, daß Littmann nebenbei darauf hinweist, seine neu gewonnenen Investoren würden nicht Teil "homosexueller Netzwerke" sein, setzt dem ganzen erst recht die Narrenkappe auf: Ist ja ein eigentümllicher Standardvorwurf, gerade in Hamburg, das "schwule Netzwerk". Wie kann der nur auf seine Homosexualität verweisen! Wird sich heute noch im St. Pauli-Forum drüber aufgeregt - alter Topos der Meherheitsgesellschaftler: Da bildet der sich auch noch was drauf ein! Der ist doch'n Mensch wie Du und ich! Na, schön wär's, wenn das immer so liefe ...

Was nur wieder gnadenlose Naivität offenbart: Von heterosexuellen Netzwerken spricht eben kein Schwein, weil diese als solche gar nicht wahrgenommen würden. Das ist wie mit dem "Homosexuellenmilieur".

Wir hatten selbst mal den Fall in unserer Firma, daß ein schwuler Herstellungsleiter auf einmal verdächtigt wurde, nur noch Schwule einzustellen und in finsteren, homosexuellen Managernetzwerken zu agieren. Da bekommt der normale Mehrheitsgesellschaftler ja Angst, auf einmal nicht mehr Mehrheit zu sein - die heterosexuellen Manager-Netzwerke, die sich im Borchard und anderswo besaufen (und nicht nur das), sind halt normal, ebenso Personalleitungen, die vor allem Heterosexuelle einstellen.

Okay, ein Randaspekt, Thema war eigentlich eines, das zentrales Thema dieses Blogs zeitweise war: Unternehmertum versus Demokratie.

Wir hatten ein, wenn alle Darstellungen richtig sind, außerordentlich erfolgreiches Präsidium. Wir sind im Plus, haben keine unsinnigen Schulden, sogar ein neues Stadion wird peu a peu gebaut.

Und wir hatten einen Aufsichtsrat, der auf die Vereinssatzung pochte und sich verarscht und übergangen fühlte. Das Präsidium agierte, wie man das so macht im Geschäftsleben - Entscheidungen treffen, Verträge schließen, Sub-Organisationen gründen usw..

Der Aufsichtsrat als Kontrollgremium der Mitglieder wollte seine Aufgabe wahrnehmen, und mal abgesehen davon, daß ich mich von den konkreten Personen auch nicht kontrollieren lassen wollen würde, machte er eben das, was Vereinsleben definiert und attestierte dem Präsidium permanente Satzungsverstöße. Einige räumte das Präsidium ein und sah sie als im normalen Wirtshaftsleben unvermeidbar an.

Mit anderen Worten: Zwei Systemlogiken trafen aufeinander - "Legitimation durch Verfahren", die in Gremien, vereinsinternen Institutionen, verkörpert sind: Ehrenrat, Kassenprüfer, Aufsichtsrat, Amateurvorstand usw.. Und unternehmerisches Handeln auf der anderen Seite: Flexibel sein, auch mal ein Risiko fahren, ein umfassendes Sich-Auskennen im Umgang mit Behörden, Auflagen und ganz realen Prozessen, die nun mal sich vollziehen, wenn man z.B. ein Stadion baut: Verzögerungen, Langfristigkeit von Verträgen und Ähnliches. Gestalten wollen und nicht sabbeln, die Nummer halt.

Das führte auf der Gegenseite zum steten Verdacht - der übrigens durch nix belegt wurde und im Grunde genommen eine Frechheit ist - die "Unternehmerseite" könnte sich perspektivisch auf Kosten des Vereins persönlich bereichern wollen und zudem vereinsinterne Demokratie abschaffen wollen. Die andere Seite wiederum empfand, so schien es mir, tatsächlich diesen ganzen Gremienkladderadatsch als irgendwie lästige Umwelt des eigenen Projektgeschäftes und amüsierte sich wahrscheinlich, vermute ich nur, im kleinen Kreise über die wirtschaftliche Naivität der Aufsichtsräte. Und, wie's mir schien, wohl völlig zu recht ... kann mich irren.

Wie oben, so unten: Irre ich, daß da im Kleinen die großen Themen, die gesellschaftlich so diskutiert werden, aufscheinen?

Interessant ist, daß das Eigentumskriterium sich anderes definiert als im Falle einer Firma - der Verein "gehört" eben den Mitgliedern, und genau deshalb habe ich Demokratie jetzt wieder lieb: Immerhin hat das Präsidium auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung gedrängt, um das eigene Handeln legitimieren zu lassen, mehr Demokratie wagen geht nicht. Was dann natürlich als "Show" diskreditiert wurde, im anderen Leben nennt man das "Populismus". Während zudem das Kontrollgremium zunehmend in eine hohepriesterliche Quasi-Theologie der Vereinssatzung verfiel, und sich als Organ des Vereins als solchem verstand, eben als Hüter der heiligen Schrift, und wenn die Mitglieder das nicht auch so sehen, sind die ungläubig.

Das ist demokratietheoretisch nun wirklich nicht irrelevant, daß das möglich ist: Daß also das Verfahren selbst über allem anderen stehen solle. Bevor jetzt aber die Falschen applaudieren: Jene demokratischen Verfahren, die idealerweise Grundlage staatlichen Handelns sein sollten, beruhen auf den Grundrechten. Sie legitimieren sich also nicht gewissermaßen selbst, sondern verweisen ihrerseits auf eine Begründung durch Menschenwürde, freie Entfaltung der Persönlichkeit etc.

Ich glaube nicht, daß es im Falle eines Vereins sich ähnlich verhält. Das spielt vielmehr ein eigentumsanaloges Kriterium eine Rolle: Die Mitgliedschaft. Das ist, nun wieder auf die Makro-Ebene übertragen, dann sowas wie Staatsbürgerschaft, und das macht ja tiefsinnig, mich zumindest, dieser Gedanke ...

So standen sich also Effizienz und Satzungstheologie recht unversöhnlich gegenüber, und raus kam, was eben das eigentlich tolle ist an Demokratie: Der Kompromiß. Der ist ja allseits verhaßt, aber ein solcher "Handel" ist doch eigentlich das beste Mittel gegen jeden Extremismus - sei's nun einer des Unternehmertums oder einer der Selbstzweckhaftigkeit von Verfahren ... ich mag praktischen Pragmatismus.

24.03.07

Crossblogging: Kunst und Softporno

Na, dann schreibe ich das doch einfach mal weiter:

"Den gab an diesem langen Tag der Hamburger Künstler Jonathan Meese. Der selbst ernannte Prophet einer metaphysischen Kunst-Revolution, die in fünf Jahren in Deutschland stattfinden werde, ist in seiner parolenstarken Sprache eine lustig sprudelnde Quelle für Schlagzeilen und Werbe-Slogans."
Ja, wen gab er denn nun? Kann ja jeder selbst nachlesen. Da steht viel Gutes (es sei denn, man tut es, ich weiß).

In aktuellen Zeitungen würde man sowas überlesen, so ganz auf*'s Ereignis fixiert, mit dem man dann anfängt. Und weil dieses Gerede von Demokratisierung durch Web 2.0 doch eh nur die hommes infâmes oder wie die heißen nach oben spült, Stasi-Arschgeiger ("Arsch mit Ohren" war kurioserweise in meiner Kindheit ein beliebtes Schimpfwort, ebenso "3 mal um den Kirchturm gewickelte Wüstensau", weiß auch nicht, warum) und Nachplapperer und so, kann man ja hier lesen, ständig Zitate, die man in jedem Soziologie-Seminar besser hören könnte. So hätte man die diesbezüglichen Passagen zitiert und die viel besseren Pointen vor lauter Selbstbezüglichkeit glatt ignoriert. Hätte sich an diesem marketingorientierten Demokratie-Begriff gerieben und dann irgendwas zitiert von Leuten, die jede neue Platte von Maximo Park und Bloc Party sofort kaufen.

Nee, das war jetzt gemein. Die von Bloc Party habe ich mir ja auch gekauft. Die Plattenfirmen sind ja zu geizig mittlerweile, einen mit sowas zu bemustern, wenn's bereits so dermaßen etabliert ist, daß volkswirtschaftliche Seminare zu solchen Soundtracks ausgearbeitet werden. Adieu Dissidenz. Diedrichsen, ich habe Dich trotzdem lieb. Trotz dieser Geschichte mit den 39 Clocks damals in DIE WOCHE, als es die noch gab. Der Haenjes hat immerhin sogar mal meine Texte layoutet - aber das führt jetzt zu weit, und da war ich noch blutjung.

Die erste CD von Bloc Party wurde mir noch auf allen Kommunikationskanälen eingeprügelt von entfesselten Promoterinnen, die immer wieder betonten, daß der Sänger doch ein Schwarzer sei. Und das beim "Britpop"! Na sowas!

Insofern läßt sich folgende Frage von Barthes/Bataille eigentlich ganz einfach beantworten:

""Der "Beginn" ist eine rednerische Idee: Auf welche Weise soll man mit einer Rede beginnen? Jahrhundertelang wurde das Problem erörtert. Bataille stellt die Frage nach dem Beginn dort, wo man sie nie gestellt hat: Wo beginnt der menschliche Körper? Das Tier beginnt beim Maul ..."
Roland Barthes, Die Ausgänge des Textes, in ders.: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt/M. 2006, S. 269 Na, bei Britopopsängern im Falle der Devianz z.B. bei der Hautfarbe. Bei Muslima ggf. mit dem Kopftuch, beim deutschtürkischen Knackarsch, jenem mit so wundervollen Wimpern und appetitlich engen T-Shirts und sexy Macho-Gang, nicht etwa bei all diesem, sondern bei der Kapuze und dem Blick - wenn irgendwo Babys aus Hochhäusern geworfen werden, macht die BILD ja kurz drauf eine Foto-Session mit finster blickenden deutschtürkischen Hip Hoppern vor eben diesen. Und Jonathan Meese fängt bei den Haaren an.


Ich fange ja immer mit den Ohren an beim Malen, was regelmäßig dazu führt, daß der Rest dann auch nicht stimmt. Wobei ja in der Malerei wie überall sonst gilt: Man muß nur seine eigenen Fehler und Schwächen kultivieren, ausarbeiten. Dann ist man Inputgeber und hat Stil.

"Während er stetig auf den Zehenspitzen wippt und begründet, warum er als "Tierbaby" das "Recht" habe, eine Revolution zu fordern, sagt der verschrobene, langhaarige Erfolgskünstler einen dankbar aufgenommenen Markensatz nach dem anderen: "Der Kristall muss in der Zukunft leuchten" etwa, oder: "Wir haben die Pflicht, durch das Tal der Lächerlichkeit zu gehen!". Den größten Applaus erntete Meese aber, als er erklärte: "Dieses Land ist absoluter Scheiß. An jeder Ecke wird einem Scheiße angeboten"."

Na denn ... da dieser SZ-Artikel in seiner aggressiven Lakonie wirklich gut ist, überlasse ich ihm den Schluß, wo die Frage nach dem Anfang ja jetzt geklärt ist:

"Kunst ist der große Ideenbringer der Werbung und Gestaltung, aber das gilt auch für den Soft-Porno."

23.03.07

Bloß keine Blamage-Ängste!

"M: Wir haben verlernt zu spielen! Weil wir immer gleich eine Note haben wollen für das, was wir tun! Dabei sollten wir einfach mal experimentieren, auch Scheiße machen, Unsinn labern. Ist doch wunderbar! Gerade ein Künstler, der Unsinn redet! R: Das ist ja zum Beispiel komplett verschwunden, nicht? Der Unsinn redende Künstler ist wirklich verschwunden! Wo der Künstler doch immer der Clown der Gesellschaft war! Jetzt ist er noch nicht mal mehr das!

Was ist der Künstler denn heute?

R: Heute ist der Künstler die Blaupause für den nomadisierenden, sich selbst ausbeutenden jungen Dienstleistungs-Kapitalisten. Das ist der Typ, den man mit Laptop unterm Arm aus dem Flugzeug steigen sieht, wie er von Projekt zu Projekt hetzt. Eine Mischung aus Ingenieur, Lifestyle-Designer und Agamben-Zitierer. Oder was weiß ich, wen er gerade zitiert. Du hörst dir das an und denkst: »Mann, das kann ich in jedem Soziologie-Seminar besser hören!«"


Weiß man ja eigentlich spätestens seit Schiller: Der Mensch ist nur im Spiel er selbst. Danke, Herr Meese, Danke, Herr Richter. Ich zitier trotzdem weiter. Bin ja kein Künstler.

Kenne ich alles aus meiner Alltagspraxis. Da hat man ein gigantisches und eigentlich tolles Projekt vor der Nase, und schon tobt der blutige Kampf mit Controllern, Finanzverwaltern, kaufmännischen Leitungen und anderen Schließern im offenen Vollzug, der freie Wirtschaft heißt. Panik und Schweiß bricht ihnen aus, während sie bis ins Jahr 2009 planen wollen. Der Buisness-Plan ist halt Stalinismus im Kleinen. Investoren stehen hinter ihnen und tippen strafbewehrt auf Schultern: Betriebwirtschaft in ihrer realen Ausprägung ist wie Jura eine Angstwissenschaft. Da kommt dann immer Kontrolle hinten raus. Zumindest in jenen Bereichen, in die ich Einblick habe.

Parallel paralysiert sich der Kunde freiweillig und in vorauseilendem Gehorsam selbst, weil er Angst vor dem Feuilleton hat. Wie doof: Dazu haben meine neuen Lieblingskünstler auch was Gutes zu zu sagen:

"M: Diese ganzen Leute, die zu übervorsichtig sind, hab ich nie geschätzt. R: Ich auch nicht. Das ist die Blamage-Angst. Die ist immer ein großes Problem des Hipstertums gewesen."
Da sitzen doch eh größtenteils frustrierte und aufgeblasen-ahnungslose Inquisitoren im Feuilleton rum, die mißgünstig den Spaß der anderen betrachten. Am schlimmsten die pop- und spaßorientierten: Deren verkrampfte Lockerheit war ja immer schon das Gegenteil von Spaß. Das ist und bleibt Spaßarbeit, Amusement. Warhols Marilyn ist da nicht minder "immer schon" die Mahnung gewesen: Spaß macht die ja wirklich nicht. Der Effekt verpufft, und dann hängt da ein Denkmal im Wortsinne. Ein Zeigefinger. Eine kunstpädagogische Lektion. Ein Sück Design. Eine Stil-Beratung, die noch nicht mal Camp ist ... danke, Frau Sontag. Dann doch lieber gleich richtige Pornographie.

Deshalb, genau deshalb waren die 90er das spaßbefreiteste Jahrzehnt der jüngeren Geschichte. Wer behauptet, er habe Spaß auf der Loveparade gehabt, der lügt, oder er hatte ihn trotzdem.

22.03.07

Die Colaflaschisierung der Prostitution

Eigentlich soll man ja keine Chinesen mehr kaufen. Glattes Überangebot. Sind ja auch so viele. Wenn die erst mal alle malen, dann bricht der Markt zusammen. Außerdem näht dann ja niemand mehr unsere Schuhe und Designer-Taschen.

Irgendwo habe ich gestern gelesen, Warhol habe sich begeistern können dafür, daß Coca Cola überall auf der Welt das gleiche sei - das gleiche Zeuch in den gleichen Falschen. Und dann wurde über einen chinesischen Künstler berichtet, der Coca Cola-Flaschen im Stile altchinesischer Kunstpraktiken, Keramik und so, umgestalte, und das sei doch toll. Das zeige doch, daß Vielfalt und Differenz nun überall angekommen seien im Zuge der Gloablisierung.

Die Antwort eines chinesischen Künstlers auf diese These: Hier (bei diesen aktuellen Geschichten traue ich mir urheberrechtstechnisch nicht, sie ins Blog zu holen). Ein Plädoyer für ein positives Menschenbild, sozusagen. Nicht wie diese griesgrämigen Altlinken, die immer alles nur nieder machen.Bald schon werden chinesische Menschen Texte denken wie den hier - wahrscheinlich haben sie das aber immer schon -:

"Am schlimmsten ist das Konzert. Das Konzert ist die Uererfahrung, mit wem du deine Musik teilst. Wenn neben dir Stumpfstudenten stehen, die jede Zeile mitsingen, weil sie es witzig finden, und selbstironisch mitzusingen - dann ist das eine ganz harte Grenzerfahrung."
Eckhart Nickel, in: Das popkulturelle Quintett, in: Kerstin Gleba, Eckhard Schumacher, Pop seit 1964, Köln 2007, S. 307 Dagegen war die Kulturrevolution ein Scherz, gegen solche Grenzerfahrungen. Ich sehe im Geiste das angestrengte Grienen dessen, der da spricht. Herr von Stuckrad-Barre, die arme Wurst, wer kennt den eigentlich noch?, erläutert anschließend, wie Rocko Schamoni und der Pudel Club ihn aus Hamburg geekelt hätten, schon wegen der Toiletten im Pudel Club, und dafür muß man der Institution und dem Sänger ja ewig dankbar sein.

In China sind die Toiletten vermutlich sauber, dafür aber die Prostituierten dreckig, weiß Monopol zu berichten:

"Nicht nur der unbekannte Bieter, der am 6. Februar bei Phillips de Pury in London 36 000 Pfund für Qi Zhilongs "Consumer Icons Nr. 3" bezahlt hat, darf einem jetzt schon leid tun. Auch der Käufer von He Sens "Girl on Bed" (... - das in Monopol abgebildete "Girl on Bed" ist nicht beim Verlinkten dabei, MR) wird eines Tages aufwachen und, von sich selbst enttäuscht, auf eine wertlose Leinwand starren, die ihm 50.000 Pfund wert war. (...) Sens Portrait einer Halbnackten mit Pillendöschen sieht aus, als hätte es ein sehschwacher Bordellbesitzer für sein Wartezimmer in Auftrag gegeben."
Cornelius Tittel, Das halbnackte Grauen, in: Monopol 3/(2007, S. 18 Und das geht ja gar nicht. Billige Nutten zeigt man einfach nicht wie billige Nutten, wenn's um Märkte geht (ja, ich weiß, ich hätte "Huren" schreiben müssen und "billig" somit umschreiben sollen, aber hier geht's mir um den Blick des Marktes selbst). "Sehschwache Bordellbesitzer" sind ja gewissermaßen des Marktes Schatten, im jungianischen Sinne, meine ich, und daß der Autor auch noch "Tittel" heißt oder zumindest sich so nennt, das toppt ja noch dessen Ausführungen. Geht noch weiter:
"Vielleicht dämmert ihnen ja bereits, daß der China-Hype alles hat, was eine Blase braucht: Gierige Künstler, gierige Galeristen und gierige Sammler, die ohne den geringsten Beistand von Kritikern und Kuratoren agieren."
Ebd.

Manchmal haben die Instituionalisten eben doch recht. Nicht der Neigung folgen, sondern der Pflicht. Sozusagen.

21.03.07

Herr Lüpertz und das Sofa

Immer dieser Terror der Mobilität.

Wobei Kurz-Trips nach Berlin den Vorteil haben, daß man wenigstens mal wieder zum Nachmittagsschläfchen kommt. Das vermisse ich ja am meisten, seitdem die 40+-Stundenwoche mein Leben beherrscht wie ein zwanghafter Diktator. Allerdings ist es immer das gleiche: Sobald man eingeschlafen ist im ICE, kommt irgendeine schlecht frisierte Schaffnerin mit sächsischem Akzent und weckt. Wahrscheinlich, weil sie zuvor irgendwelchen 1.-Klasse-Reisenden 'nen Kaffee bringen mußte. Oder 'n Likörchen.

Markus Lüpertz empfände diese Gedanken wohl als Frevel. Aber der hat vermutlich auch was anderes als eine 40-Stunden-Woche. Vor einem halben Jahr schrieb er in Cicero (wie gesagt, aktuelle Berichterstattung ist hier von nun an tabu):

"Gegenstände signalisieren eine geistige Haltung. Ich mag es, wenn der Gedanke frei durch den Raum schweift, statt Platz zu nehmen. Deshalb habe ich kein Sofa – weil es eine Form von Gefangensein vermittelt, ein Vereinnahmtwerden, das mir zutiefst suspekt ist. Der besitzergreifende Anspruch des Sofas erschreckt mich geradezu.

Wenn man ein Sofa betrachtet, wirkt es unsympathisch. Es sieht wie ein Lebewesen aus, starrt uns mit den beiden Lehnen-Augen an und beherrscht den Raum. Das Sofa lähmt die Menschen. Es vermittelt ihnen das angebliche Recht auf Freizeit und Bequemlichkeit. In diesen Kontext gehört das „Fläzen“, das „Kerzenlicht“, das „Abschalten“, allesamt Begriffe für ein Lebensgefühl, das mir völlig fremd ist."


Ach Gottchen! Vollkommen infiziert vom neoliberalen Pilz (Neo Rauch hat den gemalt, da verstecken sich Soldaten drunter), der Mann. Schon dieses ganze Künstlerdarstellungsgetue, na gut, ist penetrant, aber hat ja einen hohen Unterhaltungswert. So gut wie der Lagerfeld isser aber noch nicht. In der Hinsicht hat ein Designer mehr Know How, allen Unkenrufen zum Trotz. Aber wahrscheinlich hat Herr Lüpertz dem Herrn Schröder Hartz IV eingeredet. Und klammheimlich setzen sich Dank der Kraft Lüpertscher Imagination nunmehr Gedanken fest bei höheren Beamten, den Empfängern der 345,- EURO das Sofa aus der Wohnung zu schaffen, damit die nicht auf dumme Gedanken kommen ...

Unterscheidet man mit Martin Seel eine korresponsive, eine kontemplative und eine imaginative Ästhetik, so wird hier mit den Mitteln der Imagination unter Bezugnahme auf das Korresponsive die Kontemplation attackiert.

Korresponisiv heißt: Korrespondierend mit anderen Sphären, also z.B, ein Sofa passend zur Wandfarbe und dem Bild, das darüber hängt. Lieber in die Oper gehen als Hip Hop hören, um sich von den Prolls zu unterscheiden. 'Nen Windsor-Knoten zum Bewerbungsgespräch schnüren und kurzärmelige Hemden Scheiße finden.

Kontemplativ heißt ganz gegenteilig: Sich dem Funktionszwang entziehen und sich einfach einlassen auf das, was einen Bruch in meiner Wahrnehmung erzeugt (oder auch nicht). Hingabe an das Leben, das Sein und den Rest, Fließen, zur Irritation und Erschütterung bereit sein und ganz im Augenblick verbleiben. Sich auf das Material einlassen und ihm folgen.

Imaginativ hingegen bedeutet, Weltbezüge zu transzenieren, indem man sie kraft der eigenen Vorstellungskraft gestaltet. Wer wie Lüpertz sich selbst das Sofa unterm Arsch wegzieht, kann der noch mit Mitteln der Imagination Werke hervorbringen, die der Kontemplation dienlich sind? Wahrscheinlich landet er notwendig bei einer Ästhetik der Korrespondenz und dürfte kunstmarkttauglich sein ... so bleibt man halt stehen statt sitzen.

19.03.07

Pop, Kunst,, Medien, Bodyguard: I have nothing!

Ich habe jetzt den unbändigen Ehrgeiz, alle relevanten Künstler der letzten 30 Jahre nach und nach zu verlinken ...

"So lästert Albert Oehlen über Kippenbergers "Frauenmusikgeschmack": Lieblingslieder hört er hundertmal hintereinander auf Repeat, im Atelier im Schwarzwald beispielsweise ununterbrochen den Soundtrack von "The Bodyguard" , bei dem er laut die Strophen von Whitney Houston mitsang."
Barbara Gärtner, Großer Bruder, St. Martin, Rumpelstilzchen, in: Monopol Nr. 3/20007, S. 101, es handelt sich um den Auszug einer Buchbesprechung zum jüngst erschienenen "Kippenberger - Der Künstler und seine Familien" von Susanne Kippenberger

18.03.07

Attacke! Aber eigentlich Fragen über Fragen ....

Na, machen wir doch weiter oder fangen einfach mal an:

"Der 1968 in Augsburg geborene geborene Martin Eder, Absolvent der Dresdner Akademie, antwortet in neueren Arbeiten auf das gelackte Luder-Posing in Film und Fernsehen mit einer über die Handschrift des Künstler-Ich gebrochenen Melancholie. Gerade hier handelt es sich nicht um das altkonservative Dandymodell eines Bohemisten, der mit süßlicher Geste verunklart, sondern um den Einsatz von Kitsch im Sinne eines Appropriationsmodells. Schon in seinen Hasenblut-Death-Metal-Installationen wusste Eder die Spezifik eines trübsinnigen subkulturellen Machtpotentials spaßig vorzuführen. Und das soll neokonservativ sein?

Ganz anders als im Schulterschluss von Jörg Immendorf, Daniel Richter und Jonathan Meese und ihrer auf agitatorischer bis wilder Geste beruhenden, diffusen Kapitalismuskritik scheint bei den (ehemaligen) Dresdnern, Thomas Scheibitz, Eberhard Havekost, Frank Nitsche, und den Leipzigern ein Vergewisserungsimpuls auf, der ständig neue Motive sucht, um Übereinkünfte zu destabilisieren. Bei diesen jungen Künstlern haben wir es mit einem Abstandsverhalten gegenüber der infantilen Lachsack-Kultur zu tun. Zu erleben sind Positionen einer Malerei, die sehr bewusst die Bildwelten der Werbung, der Fernseh- und Videoästhetik und der Fotografie wahrnimmt, die sich aber immer auch des eigenen historisch-medialen Unterbaus bewusst ist."

Christoph Tannert, Agieren in der Etappe, FREITAG, 25.02. 2005

Gegenfrage: Landet man bei der Darstellung von "Luderhaftigkeit" und einem Apell gegen - oder einer Distanznahme zur - Verlachsackung nicht automatisch, wenn man, an Pop und offenkundig ja auch sehr viel Hockney orientierten, stilistische Praktiken (zumindest bei den letzten zweien, da oben Zitierten) Fotos aus Massenmedien abmalt?

Ich mache das ja auch gerade hier in meiner Hobbymalerei, das Andächtige, Stille, Steife, das kommt dann ebenso selbstverständlich und automatisch dabei raus wie auch der Kitsch, wenn man Handwerk übt. Wie von selbst.

Und was sollen die albernen Sottisen gegen Immendorff und Daniel Richter - soll da, wie in den 60ern, noch mal die Schlacht Pop- gegen "Hochkultur" geschlagen werden, und das auf dem Pop-Feld selbst?

Müßte doch eigentlich mit dem Sieg des Punk über Art- und Progressive-Rock erledigt worden sein, das Thema. Und "Hochkultur", der alle Bourdieau-Fans jetzt auch schon seit geraumer Zeit den Distinktionsgewinn um die Ohren hauen - ist die nicht längst, wie auch manche, ach, die meisten Felder des Pop, nur noch Verdoppelung des je eigenen Mythos, die Pose? Und wie kommt man voran, wenn man verdoppelt?

Lustig, daß ein Mark Madlock das gerade bircht, und das meine ich ganz ernst .... na gut, leichte Haar-Risse sind's, die er herbei singt, aber die sind für das Terrain nicht schlecht.

Womit sich angesichts des Freitag-Artikel die außerordentlich banale Frage stellt, was Kunstmarkt mit Castingshow zu tun hat, und ob das nicht die Ebene ist, auf der die Thesen des Freitag-Artikels sich bewegen.

Außerdem ist es an der Zeit, sich in diesem Blog der Aktualität zu verweigern. Eigentlich ist das schrecklich, wie Blogs diese Folter des "Jetzt!" auch noch reproudzieren .... Chance vertan. Also liber nur noch Yesterdays Papers - oder Tomorrows, irgendwann ...

17.03.07

Eier und Speck

"Während des Frühstücks habe ich vielleicht die wohlbegründete Überzeugung, daß ich gerade Eier und Speck esse. Ich bezweifel, daß Wissenschaftler in 2000 Jahren Forschungen darüber anstellen werden, ob dies wirklich der Fall war. Und wenn sie es täten, so wären ihre Meinungen weniger wert als die meine."
Bertrand Russell

16.03.07

Farbverläufe

""Das politische Problem dieser Auffassung besteht nicht darin, die Spezifizität lesbischer Sexualität als schlechte Kopie gegen das Grundgerüst auszuspielen, in dem Heterosexualität als Original privilegiert wird, und das eine vom anderen "abzuleiten". Diese Argumentationsweise erfordert eine Neueinschätzung von Imitation, Travestie, und anderen Formen sexueller Grenzüberschreitung, die die interne Kompexität einer lesbischen Sexualität bestätigen, die sich zum Teil in der in der gleichen Matrix der Macht konstituiert, die sowohl zu wiederholen als auch zu bekämpfen sie gezwungen ist."
Judith Butler, Imitation und Aufsässigkeit der Geschechtsidentität, in: Andreas Kraß, Queer denken, Frankfurt/M. 2003, S. 150 Na gut, 'n alter Hut, aber den muß man sich schon immer wieder neu aufsetzen in Zeiten, da Leute glauben, eine Antwort auf eine so haarsträubend unsinnige Frage wie jene, ob denn Schwarze dümmer seien als Weiße, könne wahr sein.

Was sind denn überhaupt Schwarze? Mein deutsch-iranischer Kumpel, der einen ausgesprochen appetitlichen Teint hat - ha! Sexualisierung des "Immigranten"-Körpers! Oder nicht? -, bekam neulich in Berlin das so charmante "Geh doch in den Busch, wo Du herkommst" zugerufen.

Würde er sich in South Central hinstellen und "Scheiß Nigger!" rufen, ist ja irgendeine Filmszene, die all die sich für weiß haltenden mir seit 10 Jahren immer wieder erzählen und total witzig finden, warum eigentlich?, würde auch keiner glauben, dieses sei eine Selbstbezichtigung.

Meine Freunde, deren Väter aus afrikanischen Staaten stammen, die Mütter nicht, die aber hier aufgewachsen sind genau wie ich, schlagen sich auch immer auf die schwarze Seite. Warum eigentlich? Weil's sie's erfahren, daß man sie "phänotypisch" so sieht.

Und wie würde man denn da sinnvoll die Frage stellen, ob sie denn intelligenter oder auch nicht sind als "Weiße"? Wie vergleicht man sie nun wieder sinnvoll mit knackig - Ha! Sexualisierung des "Immigranten"-Körpers! Oder nicht? - braunen Griechen? Je weißer, desto schlauer?

Und wie ist das bei meinem Düsseldorfer Kumpel? Also jenem mit dem Vater aus Burundi? Irgendwo dazwischen? Also schlauer als "richtig Schwarze", aber doofer als ich? Und wie war das noch mit den Slawen? Sowas steckt ja u.U. bei mir mit drin, bin ja auch ein "Vertriebener", oder war Pommern noch arisch, als meine Mutter da geboren wurde? Um sinnvolle Korrelationen zwischen "schwarz" und "intelligent" bestimmen zu können, müßte man dann z.B. den "Viertelschwarzen" einführen, um proportional die Intelligenz zuzuweisen? In New Orleans gibt's sowas, Viertelschwarze. Habe ich in einem Krimi gelesen.

Natürlich kann es Widersprüche zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Moral geben. Deshalb wurde ja bis heute meines Wissens unwidersprochen zumindest in der Moralphilosophie der "naturalistische Fehlschluß" eingeführt: Man könne nicht vom Sein auf's Sollen schließen. Da mag Wirtschaftwissenschaftler verblüffen, gilt aber bisher und ist außerordentlich schlüssig.

Man kann aber wissenschaftlichen Hypothesen nicht mal eben so aufstellen und fröhlich vor sich hinforschen, ohne die Prämissen der Fragestellung zu hinterfragen. Und "schwarz" ist meiner Ansicht nach ebenso abgeleitet wie "schwul" oder "lesbisch" in unserer Kultur, eben auf ein fiktives "weiß" bezogen - ebenso mächtig und ebenso unsinnig.

Ich empfehle jedem die Übungen in Betty Edwards "Wie man garantiert zeichnen lernt". Das hilft, sehen zu lernen. Sinne möge täuschbar sein, aber als letzte Instanz können nur sie verifizieren, und das nur dann, wenn man sie in Sätze überführt. Dann sieht man wirklich Individuen, und glaubt mir, sie sind dann alle schön, und tappt nicht mitten in den ganzen Unsinn hinein, der einen Schein-Objektivismus in den Humanwissenschafte nährt ... welche Sätze wahr sind und welche nicht, das ist eben nur sprachimmanent konstatierbar. Natürlich kann ich davon ausgehen, daß es den Baum wohl gibt, gegen den ich laufe. Daß es jedoch wahr ist, daß der Baum da steht, das ist nur konstatierbar in der propositionalen Struktur "Es ist der Fall, daß p". Und das ist die selbe Welt wie jene, wo Begriffe wie "schwarz", "schwul", links", "rechts", "liberal" ihre Wirkung entfalten - aber auch letzteren wird ja gelegentlich eine Intelligenzquotient zugeordnet.

15.03.07

Der Ekel

Warum der eine oder andere eine Oper auch gar nicht durchstehen würde (und wenn, dann wohl nur, um in Bayreuth gleich um die Ecke über das Kleid von Frau Merkel zu lästern), warum wieder andere schon wissen, wieso sie sich von Kunst lieber fernhalten, während wieder dritte sich still darüber ärgern, daß man nicht endlich sie als geistige Elite und Avantgarde anerkennt und nach ihren Vorstellungen statt jenen dumpfer Kulturpolitiker Gesellschaft umgestaltet (dabei passiert das ja schon längst, aber das anzuerkennen, hieße ja, den eigenen, selbstgefälligen Widerständler-Gestus des armen Unterdrückten aufzugeben, Selbstopferisierung betreiben ja immer nur die Anderen - reale,kulturindustrielle Prozesse müssen so auch noch nicht mal verstanden werden, weil man ja sowieso immer dagegen ist), auf daß Kunst wieder in die Hofnarren-Rolle sich zurückzieht, die Mäzene und Sonsoren ihr zugestehen - sowas erklärt ja doch niemand besser als Adorno.

Es ist ja kein Wunder, daß angesichts einer allseits dominierenden Controller-Nomenclatura, daß angesichts derer Mentalität - nicht im Falle der konkreten Individuen, aber eben jener Systemlogik folgend, die ihr Verhalten formt (sie nennen das Freiheit, sie nennen das Markt)-, dann ausgerechnet Adaptionen des Sozialistischen Realismus enstehen und auf Kunstmärkten Höchstpreise erzielen. Die Kindheit erinnert in Comic-Haftigkeit, von Fingerfarben träumen ...

"In der niederen Kunst oder Unterhaltung von einst, die heute von der Kulturindustrie verwaltet, integriert, qualitativ umgemodelt wird, läßt das am sinngefälligsten sich konstatieren. Denn jene Sphäre gehorcht nie dem selbst erst gewordenen und späten Begriff reiner Kunst. Stets ragte sie als Zeugnis des Mißlingens von Kultur in diese hinein, machte es zu ihrem eigenen Willen, daß sie sie mißlinge, sowie es aller aller Humor besorgt, in seliger Harmonie seiner traditionellen und gegenwärtigen Gestalt. Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß - nicht dessen eigene Unwahrheit - unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was ein Kunstwerk war. Sie drängen zur Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden: das ist die subjektivierte Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests."
Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995 (13. Auflage), S. 32

14.03.07

Text und Bild, 21987

"Eine noch so ausgefeilte Sprache kann zum Beispiel keine Farben kommunizieren, kein Bild vermag etwa logische Deduktionen vorzunehmen. Bilder finden auch dann, wenn sie von einem Betrachter vielleicht gar nicht "verstanden" werden, eine sinnliche Resonanz, produzieren Assoziationen sowie visuelle und emotionale Konnotationen beim Rezipienten. Eine Sprache , die nicht verstanden wird, ist dagegen bloßer Schall, ein solcher Text bloße Druckerschwärze. Sprache besteht aus distinkten Einheiten (Wörtern), die durch grammatische und semantische Regeln in begrenzter Weise kombiniert werden können. Für Bilder gilt beides nicht: Weder gibt es vorab ein Inventar (analog zum Wörterbuch), von klar unterscheidbaren Elementen, noch existiert eine allgemeine Grammatik der Bildproduktion, die syntaktische Regeln bereithielte."
Klaus Türk, Arbeitsdiskurse in der bildenden Kunst, in: Bilder als Diskurse - Bilddiskurse, Hg: Sabine Maasen, Torsten Mayerhauser und Cornelia Renggli, Götttingen 2006

"The sun comes up - I think about you, the coffee cup, I Think about you" ... schön wär's. Singt aber gerade die olle Liza hier in meinem herrlich altmodischen Mini-Disc-Deck vor sich hin, von den Pet Shop Boys produziert.

Ich weiß noch, wie aufregend das war. Damals, zu jener Zet, als Thomas mir im Tivoli-Bistro beim Hören eben dieses Liedes von Herrn Sontheim in's Ohr raunte. "Schönes Lied - gerade jetzt!"

Wie aufregend er war, der Übergang von der reinen Sprach- in die Bilder- und Musikwelten.

Mann, 3 Sinn-Ebenen kombiniert produzieren! Wat hat mich dies Gerät, der AVID, das digitale Schnittsystem, fasziniert, wo links als Einzelbildchen das Anfangsmotiv einer Sequenz aufrufbar waren, die man dann rechts wie Bausteine auf der Timeline im Takt der untergelegten Pop-Sounds anordnen konnte! Alles so schön bunt hier - mit EB-Teams rannte man los und fing Bilder ein, und wie bei allen budgeter schwachbrüstigen Produktionen ging's selten mal um das einzelne Bild, sondern um den Flow und die Dynamik. Sogar Interviews drehte man, MTV folgend, mit schlingernder Kamera, die immerhin den Vorteil hatte, den menschlichen Blick wenigstens zu simulieren - daß das Motiv sie raubte und dem menschlichen Blick gerade keine Chance ließ, das haben wir gar nicht begriffen.

Und jetzt male ich Dolce & Gabana-Werbung ab, widerspreche mir handelnd selbst und all den Sätzen in den Kommentaren und habe doch das Gefühl, daß das Verweilen bei noch so blöden Motiven der Utopie eine kleines Stück näher ist als dieser visuelle Rausch, der emotionale Bögen schafft und dann wie Tortenguß mit Sprache obendrauf garniert wird, in kurzen, knappen, verständlichen Sätzen Infomationen gliedert und keinem Bild die Chance läßt, zu überleben ...

Jetzt singt gerade Bonnie Tyler "I need a Heroe". Ich liebe Bonnie Tyler!

12.03.07

Eingewöhnung

Matthew Barney läßt sich von Horror- und Splatter-Movies wie "Freitag der 13." inspirieren (Umsatz im letzten Jahr laut "artinvestor 01/2007": Mehr als eine Million Euro, wobei Umsatz hier wohl anderes heißt als sonst so - oder doch nicht?), Jake & Dinos Chapmann hängen zerstückelte Leichen auf, Michael Borremans (den ich ja großartig finde) läßt Köpfe zurechtschneiden, damit sie in Kisten passen. Zeichnerisch, versteht sich. Und schreibt auf zerschossene Jünglingsbrüste "People must be punished".

Cindy Shermann deformiert lustvoll, ganz effektiv, den Sammler freut's. Wer hängt sich schon einfach so eine anachronistische Ästhetik des Schönen an die Wand, man ist ja nicht seine Oma und hat den Gelsenkichener Barock der WG der Tochter gespendet. Norbert Bisky läßt aufreizende Jünglinge auf Südseeinseln menschliche Beine verspeisen (finde das Bild nicht wieder, vielleicht ist es ja gar nicht von ihm). An guten Tagen malt er jedoch bescheidener niedliche Turnschuhfetischisten auf Sneakerhaufen, und ich vermute, er glaubt, durch seine Analogisierung von westlicher Werbung und sozialistischem Realismus würde er Konsumkritik betreiben. Oder sowas in die Richtung

Das Motiv stammt durch die Linse, von der Timeline ab und schmiegt sich an die DVD. Das Wie ist das Plakative mit inszeniertem Bruch (außer bei Borremans). Sind aber alles Profis.

"So ist das Amateurphoto auf den ersten Blick nicht viel mehr als die Konsumtion der im Apparat enthaltenen Bildkapazität, und in der unendlichen Dialektik der sich verwirklichenden Begriffe ist es zugleich die Konsumtion eines Stands der Objekte und Kenntnisse - und ruft damit bereits nach einem neuen Stand. Auf diese Weise steht der Amateur im Dienste der Experimente, die von den Labors durchgeführt und von den Banken finanziert werden. Das Ende der Erfahrung ist zweifellos auch das Ende des subjektiv Unendlichen; als negatives Moment in der Dialektik der Forschung konkretisiert es jedoch ein anonym Unendliches, das Kapital als Willen: unaufhörlich organsiert und desorganisiert es die Welt; das individuelle Subjekt ist, auf welcher Stufe der sozialen Hierarchie es auch immer stehen mag, nur mehr sein freiwilliger oder unfreiwilliger Diener."


Jean Francois-Lyotard, Vortsellung, Darstellung, Undarstellbarkeit, in ders.: Das Inhumane, Wien 2006 (3. Auflage), S. 143-144

Die Asche auf meiner Tschibo-Tatstatur sieht aus wie Kreide und fühlt sich auch so an ...

09.03.07

Weil das Auge keine Linse ist ...

bougereau-50.jpeg

Quelle: Newyorkkartworld

Ist das Verdinglichung? Also das, was der Monsieur Bougereau da oben gemacht hat?

Die arme Sau hat sich ja maßlos Mühe gegeben mit seinen altmeisterlichen Maltechniken, und dann kamen so Leute wie Monet. Cèzanne und Van Gogh um die Ecke, und er war out. Kitsch, Kunsthandwerk, lächerlich buchstäblich, "akademisch" raunte man angesichts seiner Bilder - und während Franz Hals bis heute seine Bewunderer findet, kennt den Bougereau kein Mensch mehr.

Gut, so um den Dreh, da er sich mühte, wurde die Fotografie ausgearbeitet und machte all das Darstellen etwas müheloser, dennnoch: Was macht diesen Style aus heutiger Perspektive so lächerlich? Könnnen auch die Motive sein, dieses angestrengte "klassische" - immerhin hat's seitdem auch immer neue Wellen fotorealistischer Darstellungen gegeben, die dann Klaus und andere vor den Galerien in Staunen versetzen. Wow! Toll! Der kann was! Der verdoppelt! Auch altmeisterliche Techniken feiern immer neue Renaissancen, doch eher als kunstgeschichtliches Zitat. Lassen wir Otto Dix mal außen vor. Und reden lieber gar nicht erst von Dali.

Einer der Gründe, warum Adorno, Derrida und die anderen bis heute diese dumpfen, hochaggressiven, eliminatorischen Reaktionen hervorrufen, ist ja schlicht und ergreifend, daß sie an der meines Wissens genuin jüdischen Tradition des Bilderverbots festhalten. Das macht die Leute irre, wenn man nicht verdoppelt. Es könnte sich ja was ändern. Van Goghs Sonnenblumen erkennt man ja noch wenigstens und weiß ja, daß sie Kunst sind, und Mondrian sieht wenigstens aus wie ein Tapeten- oder Sofa-Muster. Oder Badezimmer-Kacheln.

Würde man jetzt diese von manchem Liberalen gerne angewandten Theorien adaptieren, die besagen, daß jede Kapitalismuskritik strukturell antisemitisch sei, dann würde das ja auch für Adorno- und Derrida-Kritiker gelten. Natürlich nur, wenn man an's Abbild glaubt. Und dann ist man immer irgendwo im Dunstkreis von Monsieur Bougereau verortet. Und deshalb sollte man das auch lieber bleiben lassen, solchen Quatsch zu behaupten.

Weil das Auge keine Linse ist ... und Sprache wächst wie eine Stadt, und wir können nicht anders, als in ihr zu wohnen. Und weil wir abbilden, was wir wissen, nicht das, was wir sehen. Es sei denn, wir drehen das Motiv auf den Kopf ...

07.03.07

Der symbolische Tausch und der Tod

Weinglas: Duhu ...

Kaffeebecher: Ja? Wieder breit?

Weinglas: Nö - Duhuuuu.....

Kaffeebecher: Ja, nun sach schon ... mmmmh, ich finde ja gar nicht, daß dieser Fair-Trade-Kaffee schlechter schmeckt ... oh Schreck! Mein Milieu honoriert sowas ja gar nicht ... so stürze ich doch die ganze Dritte Welt in Armut und Verderben ... was mich aber ja gar nicht stören dürfte, weil Moralisierung von Politik böse ist ... manchmal weiß ich gar nicht mehr, was ich nachplappern soll ... vielleicht sollte ich doch mal das Milieu wechseln, das macht einen ja irre ...

Frodo (singt): Aus'm Hinterhaus kieken Kinder raus ...

Weinglas: Jean-Beaudrillard ist gestorben.

Kaffeebecher: Dieser Simulations-Fuzzi? Na, wenn der da mal nicht nur simuliert ... (lacht dreckig)

Weinglas:
Kannst Du da nicht wenigstens ein ganz klein bißchen Pietät an den Tag legen? Ein ganz klein wenig?

Kaffeebecher: Frodo, heul nicht!

Weinglas: Der hat's wenigstens versucht, das Selberdenken ...

Kaffeebecher: Und Deinen Foucault hat er zu begraben versucht, vergessen solle man den, hat er geschrieben.Weil die Macht leer geworden sei ... ist doch lächerlich. Gerade heute hat irgendeine US-amerikanische Instanz wieder die Menschnrechtslage in Deutschland kritisiert, und der quatscht was daher von Macht, die leer geworden sei.

(MR ist noch nicht ganz wach und tröstet Frodo. Ohrenkraulen genißet der ja. So richtig gemocht hat MR den Beaudrillard ja auch nicht. War immer so ein magischer Name, und wenn er hineingelesen hat in dessen Bücher, fand er nicht wirklich was, womit dann zu arbeiten wäre. Aber immerhin ein konsequenter Quergeist, und "Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen" oder auch "Wenn wir bei der Simulation der Simulation angekommen sind, dann sind wir bei der Wahrheit, das sind Slogans, die fressen sich fest wie gute Songs.)

Kaffeebecher: Siehste? Der Nachruf in der SZ wird ganz in meinem Sinne kommentiert:

"Diese "Denker" wie Baudrillard und Derrida sind sophistische Taschenspieler, frivole Wortklinger und Scharlatane der Semantik. Sie wollen den Leser blenden und nasführen. Das wird dann noch als Tugend verkauft. Eigentlich eine Frechheit.

Wie auch die ungenierten terminologischen Anleihen bei anderen Wissenschaften. Von Mathematik und Physik nichts verstanden, aber mit deren Begriffen um sich werfen! Was soll man daraus lernen?

ch weiß nicht, was ihr philosophisches Verdienst sein könnte. Ihr Werk ist nicht konstruktiv - und will es natürlich auch nicht sein. Wahrscheinlich haben sie in ihrer akademischen Jugend zuviel Baukastenwissenschaft (Strukturalismus) bekommen. Und mussten dann ein Leben lang dagegen revoltieren.

Eigentlich ist es Kunst, was diese Leute gemacht haben. Genau so steril, sinnlos und überflüssig wie das Gros der gegenwärtigen bildenden Kunst - oder zumindest derjenige Teil, den ich gesehen habe, bis ich die Sache endgültig abgehakt habe."

MR: Kommt mir irgendwie bekannt vor ... die dumpfe Volksseele trampelt halt gerne noch auf Leichen rum ...

(Da schweigt sogar der Kaffeebecher. Ist ihm irgendwie peinlich, wenn so gar nicht vornehm die Dachlatte geschwungen wird. Das kann man doch besser tarnen. Frodo bekommt sich gar nicht mehr ein und schluchzt durch Tränen von dieser sensationellen WDR-Sendung, die Beaudrillard einst beim Billiard-Spiel interviewte und die heute keine Chance mehr hätte, jemals ausgestrahlt zu werden. Die Nivellierer haben doch eh gesiegt, MR versteht nicht, daß sie nun auch immer noch nachtreten müssen, als seien sie Opfer von irgendwas oder irgendwem. Diese fast moralische Empörung der Leichenfledderer ist schon erstaunlich, während Physiker in Teilchenbeschleunigern wahrscheinlich gerade aus Versehen jene Waffe entwickeln, die dann die Pläne des Irren aus Teherean irgendwie altbacken erscheinen lassen. Wissen noch nicht mal, wer Tarski war, und schwenken die Gummiknüppel ihrer "Wahrheit", um diesem ganzen Dreckspack endlich mal gründlich die Leviten zu lesen.)

Weinglas: Aber was für einen Sinn macht denn ein Begriff von Wahrheit ohne die Verwendung von Zeichen?

(Die Kaffeetasse schweigt lieber und genießt den Fair Trade-Kaffee. MR geht unter die Dusche. Irgendwie ist alles feucht heute. Sogar das Wetter. Ein neuer Tag beginnt.)

06.03.07

Nur ein Versuch ...

Weinglas: Ich fühl mich heute so leer ...

MR: Na, das werde ich heute morgen aber nicht mehr ändern ...

Weinglas:
Ach., komm, Du Spießer ...

MR (steckt sich eine Zigarette an und grübelt, ob nicht vielleicht das ein Ausweg wäre - Alkoholiker werden. Endlich ein konkretes Problem! Findet ihn dann aber zynisch, diesen Gedanken und geht zur Kaffeemaschine, um nachzuschenken.)

Kaffeebecher: Autsch! Das ist heiß!

MR: Komm, die Milch kühlt doch ein wenig ....

Kaffeebecher: Dafür klebt dann hinterher wieder der ganze Zucker in mir fest ...

MR ( stellt irritiert fest, daß die Umrisse der Karte von Texas auf dem Becher zu sehen sind. Gleich mehrfach. Eine dieser Silhouetten ist gold umrandet, und unten rechts steht neben einem fünfzackigen Stern "Metro". Was Väter so alles ihren Söhnen vererben ...)

Habermas: Soweit die Sprache aber eine poetische Funktion erfüllt, verwirklicht sie diese im reflexiven Verhältnis des Ausdrucks zu sich selber. Infolgedessen sind Gegenstandsbezug, Informationsgehalt und Wahrheitswert, Gültigkeitsbedingungen überhaupt, der poetischen Sprache äußerlich - poetisch kann eine Äußerung insoweit sein, wie sie sich aufs sprachliche Medium selber, auf ihre sprachliche Form richtiet.

Weinglas: Nonsens.

Kaffeebecher: Der "Philosophische Diskurs der Moderne" spricht ...

Weinglas: Frankfurt/M. 1989, S. 235 ... der Typ treibt einem ja jeden Rausch aus.

(Frodo guckt derweil wässrig und betroffen auf die frisch geschnittenen Rosen auf dem Balkon und zuckt mit seinen Ohren. An diese behaarten Füße werde ich mich ja nie gewöhnen, denkt MR).

Kaffeebecher: Reduziert Poesie auf Stil. Richtig so!

Weinglas: Guck Dich doch mal an! Blödes Touri-Mitbringsel! Und immer nüchtern! Koffein-Junkie!

Kaffeebecher: Schöner Wohnen-Schlampe! Erinner mich noch gut an den Tag, als MR euch vier von dieser albernen "Living at home" - oder wie die heißt - Verkaufsshow - da aus dem Derby-Park in Othmarschen mitgebracht hat ...

MR: Psssst!

Frodo: Ich versteh Dich ...

Kaffeebecher: ... wat habt ihr geposet in eurem blöden Blau, mit diesen affigen Luftblasen da inmitten eurer Glasigkeit, die aussehen wie Fehler ...

Weinglas: Selber blau ...

Habermas: Das gegen sich gekehrte identifizierende Denken wird zum fortgesetzten Selbstdementi genötigt. Es läßt die Wunden sehen, die es sich und den Gegenständen schlägt.

Weinglas: Ja, eben!

Kaffeebecher: Also nenn mich nie wieder Kaffeebecher! Der refereiert doch nur Adorno, diesen Flachkopf.

Habermas: Ebd., S. 219. Und dann, eine Seite weiter: Wir irren im Diskursiven, gewiß, wie im Exil umher; und doch wahrt einzig die inständig gegen sich selbst aufgebotene Kraft einer bodenlosen Reflexion die Verbindung mit der Utopie einer längst verschollenen, der Vorvergangeheit angehörenden, zwanglos intuitiven Erkenntnis.

Kaffeebecher: Immer diese blöde Ursprungsphilosophie ...

Weinglas
: Ach, Du bist auch adoptiert! Und das mit Intuitiven deutet der Habermas da eh nur rein!

Habermas
: Als deren Verfallsform kann sich das Diskursive freilich nicht von sich aus identifizieren; dazu verhilft ihm erst die ästhetische, mit avantgardistischer Kunst erworbene Erfahrung.

Weinglas: Ja, eben!

Kaffeebecher: Ach, ich mach gleich mal avantgardistische Kunst aus Dir, aber nicht im Sinne Duchamps, da kannste Dir sicher sein ...

(Frodos wässriger Blick hat derweil das Sofa unter Wasser gesetzt. MR schickt ihn auf den Balkon, unter dem sich prompt eine Schulklasse versammelt und allmählich Hysterie gebiehrt angesichts des Hobbits da im ersten Stock. MR geht unter die Dusche - irgendwie ist alles feucht heute. Sogar das Wetter. Ein neuer Tag beginnt).

05.03.07

De Suche nach dem Dialog

Diese dialogische Form des Bloggens finde ich ja richtig gut! Ich meine, so fing das ja auch alles mal an mit der Dialektik und der Erkenntnis, bei Platon halt ...

Schlaumeier! Nix als Rumschlaumeiern! Wenn ich mir Dich Wixer da vor Deinem Bücherregal auf und abspazierend vorstelle ....

Hey!

Ach, und dieses ewige Abgejammer wie heute morgen schon wieder! Gähn! Meine Güte! Kannst Du nicht mal richtige Probleme haben, so wie andere Leute auch?

Entschuldige bitte, heute morgen, da fühlte ich mich halt, Gott, ich hatte in diesem Van Gogh-Band geblättert und gesehen, wie der alles, wirklich alles, Stühle, Kneipen, Landschaften, mit seinen Farben einfach aufgesogen ...

Ach, Papperlapapp. Van Gogh,. Willste Dir auch 'n Ohr abschneiden, oder was?

Das finde ich aber, na, Van Gogh gegenüber nicht fair, daß der ewig auf dieses Ohr reduziert wird, von wegen "der irre Künstler" und überhaupt ....

Ach, der hat sich doch selbst auf nur ein Ohr reduziert. Und ist damit noch zu 'ner Nutte gerannt, der Wüstling. Ich erzähl Dir mal was, Hanswurst. Ich hänge hier ständig ...

... irgendwo am Rande Deiner Gehirnwindungen, will einfach mal Spaß haben, und was machst Du? Du blätterst in Bildbänden ....

Padonnez-moi, das ist doch aber Spaß!

Ach, Quatsch. lies mal Chinaski. Der hat was erlebt. Du hier hingegen mit Deinen blöden Professoren und Philosophen und ...

Hmmm. Als Alter Ego ja irgendwie langweilig. Erschöpft sich zu schnell. Bietet nicht wirklich Entwicklungsmöglichkeiten. Bleib Du mal in den Hirnwindungen. Selber Hanswurst.

Seltsam,. daß prompt die dumpfesten Sprüche, die man sich so über Jahrzehnte anhören mußte, aufsteigen, wenn man hier erstmals mit sich selbst dialogisiert. Muß irgendwas mit dem "I" und dem "Me" bei George Herbert Mead zu tun haben. Oder mit Leuten, die böse Sachen über Geisteswissenschaftler sagen, schreiben oder gar zitieren. Die internalisierte Beschimpfung halt.

Wüßte jetzt auch gar nicht, welcher Antagionist sich hier wirklich anbieten würde in diesem Blog. Liberale gibt's ja auch real - zum Glück! - den einen oder oder anderen, der hier regelmäßig vorbeischaut.

Deren Einträge lesen sich ja auch oft implizit dialogisch - mit dem Staat oder der Linken oder den Politikern wird dann gerungen. Das ist in sich antagonistische Schreibe.

In diesen ganzen "Wie schreibe ich verdammt gut" - Romane, Drehbücher und so - Ratgebern steht immer, solche "Ideen-Figuren" solle man bleiben lassen. Die wären öde. Aber halt: Auf der anderen Seite heißt es auch immer, spannend sei, wenn alles mit allem kontrastiert. Das funktioniert da ja gut, eigentlich in allen politische Sphären, die über den jeweiligen Gegner sich definieren. Auch die "Konflikt, Konflikt, Konflikt!"-Regel wird eingehalten. Aber ansonsten ja alles ein bißchen, na, abstrakt.Wenn man es jetzt als Literatur betrachten würde. Aber das ist es ja gar nicht.

Ansonsten steht ja für's Dialogische eigentlich auch die Kommentarfunktion zur Verfügung. Trotzdem: In der Gestalttherapie gibt es ja auch diese Geschichte mit dem Stuhl. Man denkt sich irgendwen hinzu, jemanden, den es wirklich gibt, und stellt sich vor, er würde auf einem Stuhl gegenüber sitzen. Und fängt dann an, mit ihm zu quatschen. Das ist schon verblüffend: Wenn man "Du" sagt, redet man völlig anders als in der 1. oder 3. Person. Viel mehr Gefühl. Und als Clou setzt man sich auch noch auf den Stuhl gegenüber und spricht aus der Perspektive des Anderen mit sich selbst. Das ist hammerhart. Das funktioniert.

Habe jetzt den ganzen Tag gegrübelt, welches Alter Ego ich mir hier eigentlich wünschen würde. Eiegntlich fallen mir nur ganz schwul die alten Diven ein, so eine Lilo Wanders oder Hilde Knef. Aber das ist ja zu sehr Klischee.

Diesen Ratgebern folgend müßte ich mir ja jemanden ausdenken, der möglichst mit mir kontrastiert. Würden Frauen mit mir kontrastieren? Da bin ich mir noch nicht mal sicher. Einfach nur ein didaktisches Prinzip, so wie bei Platon, das wäre auch doof. Und jetzt einfach ein wahlweise ganz junger oder ganz alter, total verfetteter oder völlig dürrer heterosexueller Nichtraucher ohne Hund und Studium, der eher mit den Händen arbeitet und auf dem Lande, irgendwo im Süden, lebt .... ich weiß ja nicht. Auch 'ne lesbische Bankbeamtin aus 'ner ostdeutschen Kleinstadt, die Hühner züchtet, eigentlich Naturwissenschaften studiert hat und in einer 20-köpfigen Patchwork-Großfamilie lebt - glaube nicht, daß ich mich da hinein denken könnte ...

Auf jeden Fall soll man sich beim Entwickeln von Figuren immer gleich die ganze Biographie ausdenken. Eltern, Geschwister, Ausbildung,. Schicksalsschläge und so.

Und sie möglichst mit irgendwelchen ungewöhnlichen Marotten versehen. So erklärt sich ja nicht nur Monk, sondern auch das Auto und der Hund von Columbo, ebenso diese schwedischen Komissare, die dann Jazz-Fans sind oder Komissarinnen, die ehemals Judo-Meisterinnen waren. Was ja auch für die Handlung gut ist, wenn die Olle dann den Gangster vermöbeln kann.

Für ein Blog wäre das eher ungeeignet. John Irving baut ganze Szenen so - der braucht eine Situation, die die Handlung vorantreibt, und baut dann Schicht um Schicht das Absurde drumherum. Die Szene, in der Wilbur dann aufgeklärt wird, sexuell, muß in einem skurrilen Arzt-Zimmer stattfinden und Dank Äther-Rausch des Aufklärenden in einen Lachanfall münden.

Für so viel Konstruktionsaufwand bleibt in einem Blog einfach keine Zeit. Könnte mir jetzt ja auch dolle Automarken - oder vielleicht ein Moped? 'ne Kreidler aus den 70ern? In hellgrün? - , die er fährt, Leibgerichte (kocht nur belgisch in Bier oder nach dem Frieda Kahlo-Kochbuch) und eine Vorliebe für südjapanische Tischemalerei ausdenken, daß mein Alter Ego in der Schule immer gehänselt wurde, weil seine Mutter auf den Strich ging und er nie Markenjeans trug. Oder sowas. Man soll ja nicht zu dezent operieren, sonst wird es langweilig. Ruhig in die Extreme gehen.

Einmal wurde er so gehänselt, daß er einfach zuschlug: 3 Jahre Jugendhaft und einen schweren Hirnschaden auf dem Gewissen. Dann müßte mein Alter Ego irgendwie verklemmt sein, nur "Herr von Eden"-Anzüge tragen und sich ständig für irgendwas rechtfertigen, z.B.. Aber das sind ja zugleich die anstrengendsten Dialoge, wo's um Schuld und Rechtfertigung geht. Nicht wahr?

Meine Güte, hätte gar nicht gedacht, daß das schwierig ist, einen Dialog-Partner hier mal eben zu erfinden. Um so mehr Respekt für Klausens. Der kann das. Aber vielleicht hat ja jemand 'ne Idee für das perfekte Alter Ego für mich ...

Sich in die Welt vergucken wollen ...

.... und doch wieder nur am Computer und Telefon sitzen, Befehle empfangen, andere Leute durch die Gegend schicken, kommentieren und kritisieren und "positiv verstärken", was funktioniert - statt auszuprobieren, was Mimesis so alles heißen könnte ... will nicht jemand die MomoRules-Stiiftung gründen, die einzig dazu da ist, mich zu finanzieren? Mäzene bitte melden unter der im Impressum angegebenen E-Mail-Adresse!

"Ich habe im Augenblick die Hellsichtigkeit oder die Blindehit eines Verliebten. Diese Welt voller Farben ist für mich etwas völlig Neues, das mich unglaublich erregt. Was die Kunst heute braucht, ist ein Werk von beinahe gewaltsamer Kraft in glutvollen, strahlenden Farben."
Vincent van Gogh, Arles 1888
"Ich habe Angst vor Farben. Starke Farben sind aggressiv. Sie sind verletzend, so wie zu laute Musik."
Michael Borremans, Gent 2006, zitiert nach: art Nr. 2/Februar 2007, S. 56

01.03.07

Das Flackern des Zeichens

"Der Mythos besteht darin, die Kultur in Natur oder zumindest das Gesellschaftliche, das Kulturelle, das Ideologische und das Historische in ein "Natürliches" zu verkehren: was nur ein Produkt der Klassenteilung und ihrer moralischen, kulturellen und ästhetischen Folgen ist, wird als "selbstverständlich" hingestellt (geäußert); die gänzlich kontingenten Grundlagen der Aussage werden unter der Auswirkung der mythischen Verkehrung zum "Gesunden Menschenverstand", zum "guten Recht", zur gängigen "Meinung", kurz, zur Endoxa (dem weltlichen Bild des "Ursprungs").

(...)

Was den Mythos betrifft, und obschon diese Arbeit noch aussteht, kann oder wird die neue Semiologie - oder die neue Mythologie - nicht mehr so leicht den Signifikanten vom Signifikat, das Ideologische vom Phraseologischen trennen können. Nicht, daß diese Unterscheidung falsch oder wirkungslos wäre, sie ist jedoch gewissermaßen mythisch geworden: Kein Student, der nicht den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Charakter einer Form (des Lebens, Denkens, Konsumierens) anprangerte; anders ausgedrückt, ist eine mythologische endoxa entstanden: Die Anprangerung, die Entmystifizierung (oder Entmythifizierung) ist selbst zu einem Diskurs, einem Korpus von Phrasen, einer katechistischen Aussage geworden; dem gegenüber kann die Wissenschaft vom Signifikanten sich nur verlagern und (vorläufig) in einiger Entfernung halten - nicht mehr bei der (analytischen) Aufspaltung des Zeichens, sondern bei seinem Flackern als solchem: Nicht mehr die Mythen gilt es zu demaskieren (das übernimmt die endoxa), sondern das Zeichen selbst gilt es ins Wanken zu bringen: nicht die (latente) Bedeutung einer Aussage, eines Merkmals, einer Erzählung enthüllen, sondern Risse in die eigentliche Darstellung der Bedeutung schlagen; nicht die Symbole ändern oder reinigen, sondern das Symbolische selbst fragwürdig werden lassen."

Roland Barthes, Mythologie heute, in ders.: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt/M. 2006, S. 73-74 - der Text wurde erstmals abgedruckt 1971 in "Esprit" und stellt rückblickend neue Fragen zum 1957 erschienenen "Mythen des Alltags" des selben Autors (wenn man das bei Barthes so schreiben darf, "Autor")

Mit freundlicher Unterstützung durch:
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