"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben" (Daniel Richter)
"(...) hier zeigt die Kunst Neigungen, sich das hohe Auflöse- und Rekombinationsvermögen gesellschaftlicher Tatsachen zueigen zu machen und ihre Darstellung mit der Kraft ihrer eigenen Rigidität hier einzuprägen. Über Gelingen und Mißlingen gibt es natürlich kein einheitliches Urteil; aber man könnte sich mehr als bisher mit den spezifischen Schwierigkeiten befassen, die sich aus einem solchem Kunstprogramm ergeben. Denn daß die Gesellschaft als System ihrer eigenen Operationen kein Medium ist (da sie ja nur in strukturell komplexer, selektiv kombinierter Form überhaupt erst aktualisiert werden kann), versteht sich von selbst. Die Frage ist dann, wie eigentlich Gesellschaft hinter die Gesellschaft projiziert werden kann, so daß die Formwahl der Gesellschaft grimassenhaft sichtbar wird; und wie das in der spezifischen Weise der Kunst geschehen kann, so daß die Auswahl der Form überzeugt, und nicht nur als Gesellschaftskritik von einem momentanen boom in "Alternativen" lebt. Die behandelten Beispiele legen es nahe, die Evolution von Kunst zu beschreiben als Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, als Entwicklung immer neuer Medien-für-Formen. (...) Wenn das zuträfe, dann wäre die Verwendung der Gesellschaft als Medium der logische Abschluß einer solchen Entwicklung, ihr non-plus-ultra. Denn da die Kunst als Kommunikation selbst Gesellschaft ist, könnte sie sich dann auch selbst als Medium verwenden unnd in einer Art von logischem Kurzschluß kollabieren."Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst, in ders.: Aufsätze und Reden, Stuttgart 2001, S. 208-209
Uff. Wie üblich bei Luhmann weiß und spürt man, daß er da entschieden Wichtiges schreibt, und bleibt doch verwirrt vor dem Text stehen und fragt sich, ob er da nicht aus reinem Spaß den theoretischen Taschenspielertrick des uneingestandenen und bestens getarnten, permanenten Ebenenwechsels vollzieht.
Zudem er jene Beispiele, die mir hier relevant erscheinen, gerade nicht bringt: Kann dieses Kollabieren im logischen Kurzschluß nicht im Grunde genommen nur auf Ideen wie jene der "sozialen Skulptur" von Beuys zutreffen, bestimmte Formen des "Happenings"? Vielleicht noch die Situationisten oder auch Focuaults Ästhetik er Existenz, dann, wenn man diese als Kunstform betrachten will, "Lebenskünstler"?
Medien sind bei Luhmann ja so Sachen wie Geld oder Licht, unendlich zerstückelbares, jedoch nicht aus dem Einzelding heraus Erklärbares, das dann als Medium für eine Form fungiert - die Münze ist eine mögliche Form von Geld, jedoch ebenso der Kontoauszug. Jetzt mal ganz plump zusammengefaßt - er selbst bringt das Beispiel "Sand", der eben nicht durch die einzelnen Körner definiert ist und auch kein Plural kennt (das Plural von Licht sagt ja auch etwas anderes aus als eben "Licht" und bringt allenfalls ein "Lichtermeer" hervor). Dieser kann dann auch Sandburg, Muschel (dank des Kindes, das ihn mittels Plastikschälchen eine Form bringt) oder Sandstrahl zur Grafitti-Säuberung sein.
Gesellschaft ist Kommunikation, und Gesellschaft als Medium mißverstanden wäre dann ja die Formung eben dieser Kommunikation. Liest sich totalitär, und darauf spielt vermutlich Luhmann implizit auch an; das vollbringen seine Subsystem-Logiken aber sowieso - also die nach binären Codes strukturierten Operationen in Recht, Wirtschaft etc..
Dann würde aber Kunst eine Form der Kommunikation wie alle anderen auch, unterschiede sich nicht mehr von der Durchsage auf einem Bahnhof, man möge doch den Bahnsteig wechseln, der Zug führe auf einem anderen Gleis ein - meint er das? Daß also eine Thematisierung von Gesellschaft im Rahmen der Kunst entweder nix anderes macht als Journalisten und Soziologen auch - soziale Tatsachen, und sei's auch kritisch, zu kommentieren, oder aber selbst eingreifen will in Kommunikationen und diese formen wie andere, gesellschaftliche Subsysteme auch? Und das würde der Kunst dann das Spezifische rauben? Meint er das?
Argumente für das hermetische Sich-verschließens der Kunst, wie bei Adorno sie sich finden, ließen sich ja trotz der Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren (Watzlawick), daraus durchaus ableiten ... ist Leben ein Medium?

