Von solchen Texten fühle ich mich, wohl biographisch verständlich (man gut, daß hier nur wenige meine Biographie wirklich kennen), immer irgendwie angepißt.
"Jede Generation hat natürlich ihr Recht auf das Ausprobieren der eigenen Lebensentwürfe, und dazu gehört Distinktion durch Kleidung."
Na, dankeschön! Aus was für einer Perspektive formuliert man denn eigentlich sowas?
In den "Pop-Bewegungen" der 60er z.B. war genau das ja zentrales Thema, so einen Gedanken überhaupt erst mal duchzusetzen. Bis dahin galt das nicht. Schon "Auseinandertanzen", 'ne Pony-Frisur ("Die Stirn muß frei sein!") usw. galten als unsittlich, womit auch klar wäre, auf was für einer Ebene Pop-Bewegungen Wirkung entfalten können: Auf jener der konkreten Sittlichkeit, der Lebensstile, des "guten Lebens". Und da oft auch nur als eine Art "Kunst am Bau", je nachdem, wie scharf der Gegenwind weht.
Insofern ist Pop im Iran oder China, Ländern, in denen traditionelle Sittlichkeit noch außerordentlich nachhaltig wirkt, derzeit eine ziemlich gewaltige, progressive Kraft, für den Bible Belt würde das ähnlich gelten.
Das ist auch schon die ganze Wahrheit, mehr gibt's da nicht.
Ansonsten fungiert Pop als Ausdruck und Katalysator übergreifender sozialer Entwicklungen, diese rigide Nachkriegs-Mentalität in den USA und Westdeutschland (ja, in Ostdeutschland auch, das ist aber die gleiche, kleinbürgerliche Ästhetik, die sich da in andere Strukturen einschrub) war so erdrückend, daß in neuen Formen dann dagegen opponiert wurde.
Das war u.a. möglich, weil Teenies ab den späten Fünfzigern auf einmal Geld in der Tasche hatten und zudem die Erfindung des Vinyls, insbesondere der Single, ganz andere Distributionsmöglichkeiten eröffnete. Die Verbreitung des Fensehens tat ein übriges: Elvis ist da wohl die Zäsur, da er, anders als James Dean oder andere, bis heute paradigmatische Figuren, eben auch durch die Fernseh-Auftritte zu dem wurde, was er dann war. Übrigens schon in den 50ern als Symptom für das, was dann rund um Martin Luther King in den 60ern so alles stattfand, weil er Motive der Black Music zu kommerzialisieren ermöglichte und sie somit depotenzierte, ihnen zugleich jedoch Breitenwirkung und Akzeptanz verschaffte. Das kann man jetzt Dialektik der Popkultur nennen, dieses Depotenzieren durch Kommerzialsierung, man landet dann aber bei einem ganz anderen Problem: Verbliebe der Blues im marginalisierten Raum, würde er denn dann etwas bewirken?
Das ist implizit das große Thema von Denkern wie Horkdorno, irgendwie war's halt auch bequem, sich in quasi-subkulturelle Räume zurückzuziehen und dann die einsame Rezeption des Kunstwerkes, möglichst zwölftönig, als letzten Akt des Widerstandes zu zelebrieren und so die reine Lehre wenigstens im Ansatz zu leben.
Wenn ich mir so Debatten in meinem FC St. Pauli anschaue, dann taucht das strukturell ganz ähnlich auf, allerdings nicht einsam Musik hörend: Da wird ein Purismus dessen, was da so auf der Gegengeraden unter widerständig verstanden wird, als absolut gesetzt und alles, was sich nicht dem fügt, als Verrätertum gebrandmarkt. Wenn ich mir auf der Jahreshauptversammlung diese wütende Horde anschaute, wie sie ausgerechnet eine Persönlichkeit wie Corny Littmann am liebsten ansprucken möchte, dann wird mir ganz übel. Was der Mann so gelebt und auf die Beine gestellt hat, nicht nur für die Homo-Bewegung, haut mich schon nachhaltig vom Hocker - nichtsdestotrotz muß er dann als Projektionsfläche für alles Böse dieser Welt herhalten.
Was das jetzt alles mit Pop zu tun hat, das ist gar nicht so unkompliziert. Weil da eben die berühmten, Bourdieuschen Distinsktionsgewinne sich koppeln mit Entwürfen des "guten Lebens" und diversen inhaltlichen, im konkreten Fall auch konkret-politischen Fragen.
Wie gehe ich z.B. um mit einem Senat um, der eine ziemlich üble Variante des Polizeistaates durchsetzt, wenn ich zugleich ein neues Stadion bauen will? Wie gehe ich mit Sponsoren um, wenn doch zugleich die "Eventisierung" und Kommerzialisierung des Sports mich ankotzt? Und dann gibt es noch ästhetisch-immanente Zonen, es gibt ja auch gute Gründe, Hardcore oder Punkrock oder Hip Hop oder Jazz DJ Ötzi und den No Angels vorzuziehen. Ebenso, wie eine Präferenz für Daniel Richter der für Neo Rauch ganz objektiv vorzuziehen ist.
Problematisch wird's immer dann, wenn diese Fragen nicht mehr unterschieden werden, sondern sich zu einer ggf. außerordentlich unangenehmen Gemengelage zusammenfügen.
Und da hat sich "Die Linke" gerade im 68er-Gefolge, aber auch in den 80ern nun wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Weil sie, irgendwie implizit immer durch's "Kulturindustrie"-Kapitel inspiriert (das ich, by the way, hervorragend finde), aber auch diesem ganzen "Autorität und Familie"-Zyklus folgend, selbst dazu neigte, Lebensentwürfe zu totalisieren.
Daß Leute dann mit schlechtem Gewissen Familien gründeten - wer's mag, warum denn nicht? Mit schlechtem Gewissen Rick Astley hörten und sich in viel Schimmmeres wie Grönemeyer dann flüchteten, sich durch Diamanda Galas quälten auch dann, wenn sie sie unerträglich fanden, und das kleine Schwarze gegen Säcke tauschten, um nicht als "Sexobjekt" sich zu zeigen. Lange Rede, kurzer Sinn: Weil eben einfach eine Form der Sittlichkeit durch eine andere ersetzt wurde. Grauenhaft. Ganz Ähnliches kann man derzeit z.B. im jamaicanischen Reggae beobachten ...
Die eigentliche Dialektik der Popkultur ist, daß sie dann, wenn es um die Diversifzierung von Lebensentwürfen in nicht-diversifizierten Gesellschaften geht, ganz außerordentlich progressiv wirkt. Und wenn sie erfolgreich war, Diversifizierung möglich wurde, gibt es einerseits das Kommerzialisierungs- und Depotenzierungs-Phänomen (Sofa-Muster sehen ja auch nicht umsonst oft aus wie abstrakte Kunst), ebenso jedoch -im Namen der reinen Lehre - Fundamentalismen und Purismen, die nicht zwischen Moral und Sittlichkeit, zwischen Politik und Lebensstil, zwischen ästhetischem Urteil und dessen sozialer Einbettung unterscheiden wollen. Und die sind auch nicht lustig, diese Leute. Weil sie im Grunde genommen die Kritik der politischen Ökonomie in eine Kulturkritik überführen, und daran sind auch Horkdorno schuld. Zum Glück kam dann Foucault.
Ganz anders verhält es sich mit dem Scond-Hand-Laden-Beispiel drüben beim Che, ebenso übrigens mit der Indie-Kultur der frühen NDW, z.B. Da ging's nun wirklich um neue Formen der Ökonomie und nicht um Stilfragen oder jene zu präferierender Lebensformen. Wenn man diese ökonomischen Fragen jedoch primär ästhetisch deutet, dann hat man schon verloren ... und so nahm die Historie ihren Lauf. Deshalb höre ich hier gerade alte Lisa Stansfiled-Alben. In meiner Welt ist das sowas wie Dissidenz ...