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"Die sehen ja alle gleich aus!"

"Die einzig gesicherte Erkenntnis lautet: Amokläufer sind Selbstmörder. Wenn sie nicht systematisch indoktriniert und manipuliert werden, wie zum Beispiel die Selbstmord-Attentäter der Hamas, geben kulturelle, politische oder soziologische Theorien nichts her. Der Einzeltäter ist ein Einzeltäter, und die einzelne Tat erfordert eine individualpsychologische Erklärung. Nur der Massenselbstmord kann durch generelle Theorien erhellt werden. Ansonsten bleibt das Unfassbare unfassbar."
Stand neulich in Die Zeit, habe ich bei den B.L.O.G.s gefunden. Dabei habe ich die im Abo. In letzter Zeit male ich allerdings lieber abends, als Zeitung zu lesen, und da fallen einem die dollsten Sachen auf.

Wie man so wahrnimmt, z.B.. Sitze neulich auf unserer Haupttribüne, und ein Schwarzer mit absoluter Traumfigur agiert da so rum. Den hatte ich schon häufiger gesehen, da ich endlich wieder eine Sonnenbrille hatte, konnte ich mal genauer hinschauen, Und das nicht nur auf Arsch und Oberkörper, wie Weiße das üblicherweise bei Schwarzen so machen, sondern auf die Mimik.

Und da fiel mir auf einmal auf, wie schwer mir das fällt, dessen Mimik zu lesen, Das ist ganz außerordentlich dramatisch, ich wurde knallrot, während ich das feststellte. Sonst habe ich eher schwarze Freunde, die so getönt sind wie brasilianische Nationalspieler, der hier nun war 'ne Ecke dunkler, und in ernsthafter Erschütterung stellte ich fest, daß ich dessen Kopf im Grunde genommen eher als sowas wie eine Billiard-Kugel mit süßem Lächeln wahrgenommen hatte, monatelang.

Und dann stand er da im Smalltalk mit Leuten wie Stefan Schnoor und so, und erst nach und nach sah ich, daß er ein normales Understatement-Smalltalk-Gesicht aufgesetzt hatte, so eines, wie ich das aus Meetings, Empfängen und Aftershow-Parties in- und auswendig kenne. Hatte der Schnoor nicht drauf, der guckte prollig. Ganz analog dazu fragt Frührentner-Fred links neben mir jedes Mal, wenn ein Schwarzer durch unsere Reihen geht, ob das auch einer unserer Spieler wäre.

Das alles erschütterte mich in der Tat: Das sind Wahrnehmungsweisen, die defintiv zu den Wurzeln des Rassismus dazugehören, und wenn man sowas bei sich feststellt, dann ist da ja nicht lustig.

Erzähle das Erlebnis dann meinem schwarzen Kollegen beim Mittag, und der guckt immer böser. Bekomme einen Schreck, wollte ja eigentlich nur meine neue Entdeckungen im Zuge der Rassismus-Forschung kundtuen, ganz stolz auf mich - das rührte aber an etwas, was so dermaßen tief sitzt. Das tat ihm weh, als ich das so erzählte.

Und wie immer im Leben lief mir dann das richtige Buch über den Weg, "Haß spricht (Hate Speech)" von Judith Butler. Konnte bisher nur querlesen, aber das kann ich gerade Bloggern nur empfehlen. Gerade jenen, die in Lager-Streitigkeiten sich verzetteln. Konnte ich gestern nur querlesen, aber das haut schon rein, wenn man das liest, was diese ganzen Beschimpfungen insbesondere mit Schwarzen in den USA machen, aber hier ja ebenso. Sie zitiert diesbezüglich sehr viel Literatur, u.a. Mari J. Matsuda, Mitherausgeberin des Bandes "Words that wound: Critical Race Theory, Assaultive Speech and the First Amendment", Boulder 1993, S. 23:

"Matsuda beschreibt die "tödliche Gewalt, die die ständige verbale Erniedrigung der Unterworfenen begleitet (...). Die rassistischen Botschaften des Hasses, die Drohungen, Beleidigungen, Schimpfnamen und Herabsetzungen treffen die Mitglieder der Zielpgrupe in die Eingeweide"."
Judith Butler, Haß spricht, Frankfurt/M. 2006, S. 13 Fußnote

Da kann man dann auch gut rumhöhnen, daß Feuilletons gerade diskutierten, daß in den USA diskutiert würde, ob Obama Barrack denn ein richtiger Schwarzer sei - diskutiert wird meines Wissens, ob er denn die gleichen Erfahrungen hat machen können wie die Mehrzahl der Schwarzen in den USA in jenen gesellschaftlichen Sphären, die früher man "Unterschicht" nannte, Rassismus ist ja in dieser Hinsicht immer auch eine Form der Zuweisung ökonomischer Rollen. Und ob der potenzielle Präsidentschaftskandidat nicht als "Aufsteiger" dann ähnlich wie Frau Rice dafür benutzt würde, wieder so zu tun, als sei das für alle Amerikaner gleichermaßen jederzeit möglich. Weil's eben schwer ist für Schwarze, von der Dominanzgesellschaft überhaupt als individuiert wahrgenommen zu werden - nicht umsonst ist der Unterschied zwischen Haddaway und Roberto Blanco so groß nicht. Scheinbar.

Und normalerweise ist die Empörung bei dem vollends aufgeklärten "Westler" riesig, wenn dieser Gedanke überhaupt ausgesprochen wird, und das in Deutschland mit Sicherheit noch ungleich mehr als in den USA, gereinigt, wie man sich hier fühlt dank Nationalsozialismus und dessen vermeindlicher Bewältigung. Hey, Mann, alle Menschen sind doch gleich! Insofern fragt Judith Butler zu recht:

"Wenn wir nun die nun die Regulierung rechtsverletzender Rede auf der Grundlage "universal" anerkannter Vorraussetzungen fordern, wiederholen wir dann nicht die ausschließenden und erniedrigenden Praktiken? Wie ist eine Gemeinschaft gebildet, daß sie legitimerweise Universalität diskutiert und sich über sie verständigt? Wenn sich diese Gemeinschaft über rassistische Auschließungspraktiken konstituiert, wie soll man dann darauf vertrauen, daß sie über die Frage des rassistischen Sprechens vernünftig urteilen kann?"
Judith Butler, a.a.O., S. 144

Kann ich jetzt auch nicht beantworten, strukturell ist das wichtig. Weil in allen pro-westlichen Diskursen und deren Umfeld derzeit einfach im Namen des Universalismus von ihren Positionen abweichenden Einstellungen pauschal die Individuation abgsprochen wird. Grundsätzlich. Muslime alle gleich, Westler Individuen. Linke und Rechte alle gleich und kollektivistisch, Liberale Individuen. Usw.

Das ist die alte Nummer mit den Barbaren, deren Kauderwelsch man nicht versteht, das ist aber trotzdem schlimm. Alles Kollektive, nur wir nicht. Nun ist es halb so schlimm, sich als neuerdings Ortloser, ehemals Linker mit dieser Scheiße, mit der man beworfen wird, herumzuschlagen, für Schwarze ist das natürlich ungleich unausweichlicher und existentieller.

Aber als jemand, der inmitten seines Coming Outs dann als Antwort sofort eine AIDS-Debatte aufgedrückt bekam, habe ich zumindest eine entfernte Ahnung davon, was das mit jenen macht, die täglich Rassismen begegnet, deren Existenz zugleich geleugnet wird: Das macht irre. Homophobie gibt's ja angeblich auch nur in Polen und im Iran. Und wie üblich schreibt Perry die besten Sachen dazu ...

Kommentare

Ich zitiere Habermas und Du die Butler? Auch schön.

Ja, das ist wirklich schwierig mit dem Rassissmus. Ich hatte im letzten Jahr mal eine Diskussion mit Freunden und Bekannten.
Das waren fast alles Juristen über den Rassismus der Sprache. Und die hauten dann ja so Sachem raus, wie: Der Begriff negroid sei doch nicht schlimm. Das hieße doch schwarz und das würde ja auch die Wissenschaft (=Biologie) so verwenden. Und wir waren doch gar keine soo schlimme Kolonialmacht, hatten ja quasi keine Kolonie." Als ich dann für eine andere Sprache plädierte, hatten das sofort alle als staatliche Zurechtweisung des eigenen Handelns verstanden. (Die Diskussion fand kurz nach Verabschiedung des Minderheitenschutzgesetzes statt.)
Sie kamen dann auch mit so einer Wahrnehmungstheorie, dass man halt immer die größte Differenz zur eigenen Gestalt angibt, wenn man etwas identifiziert.
Interessanterweise galt das Argument, dass ein solches Handeln dennoch als Verletzung erfahren werden könnte, so gut wie gar nichts.

Zur Obama-Debatte: Die scheint mir reichlich zirkulär zu sein, wenn sie so ist, wie du beschreibst. Wenn Gegenbeispiele zu einer These als irrelevante Ausnahme nicht nur wegdiskutiert, sondern letztlich auch noch verächtlich gemacht werden müssen, dann kann wohl tatsächlich etwas mit der These nicht stimmen.

Und zu unserer Debatte: Also erstmal ist "in Diskursen" selbst reichlich undifferenziert. Und dann muss man einfach sagen: Ja, es gibt eine Ebene, auf der es sinnvoll ist, von "den Linken", "den Rechten" oder "den Liberalen" zu sprechen. Das ist dann zwar mehr ein Helikopterblick, aber manchmal ist etwas Abstand hilfreich, um größere Gebilde erkennen zu können. Einer Argumentation auf dieser Ebene vorzuhalten, sie spreche "pauschal Individuation ab", wäre ähnlich sinnvoll wie der politischen Diskussion um die Ausgestaltung der gesetzlichen Rente vorzuwerfen, sie schere alle Rentner über einen Kamm, obwohl es sich da um sehr unterschiedliche Individuen handelt. Oder dieser ebenso beliebte wie dämliche Einwurf, wenn es um Budgets aller Art geht: "Ihr redet hier nur von Zahlen, und die Menschen interessieren euch gar nicht!"

Problematisch wird es erst, wenn man diesen Helikopterblick auch dann nicht abzulegen bereit ist, wenn man sich sozusagen tatsächlich auf dem Erdboden befindet, es also mit einem konkreten Gegenüber zu tun hat, dessen ganze konkret wahrnehmbare vielschichtige Persönlichkeit aber krampfhaft ignoriert, um es bequemerweise weiter lediglich als Teil eines Kollektivs behandeln zu können, für das man gerade die passende Antihaltung im Repertoire hat.

Das ist sozusagen der Grundgrusel, daß - z.B. drüben beim Antibürokratieteam - völlig zu Recht die Flagge der Meinungsfreiheit geschwenkt wird, dann jedoch sowas wie Verletztsein auch noch verhöhnt wird. Das ist auch wirklich kompliziert - hier stand gerade ein blöder Artikel in der Mopo, Muslime würden sich verbitten, daß man vor einer Moschee als Mann mit Männnern knutscht. Das ist ein wirklich grausiges Dilemma, weil's ja wirklich sein kann, daß die sich da in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen. Ich fühle mich aber auch verletzt, wenn die sowas sagen. Wie kommt man denn aus so einer Nummer raus?

Aber diese ganzen Freiheitskäpfer produzieren die Phänomene, die sie geißeln, nämlich diese ja tatsächlich gelegentlich daueraufgebrachten Jungtürken, die dann auf Teufel komm raus einfach nur ihre Würde wahren wollen.

Ich finde übirgens auch nicht, daß die Butler-Kritik Habermas trifft. Der gibt immer dem Betroffenen Raum. Und das mit dem Konsens liest Butler als tatsächliches Ziel, bei Habermas ist das, wenn ich's denn richtig verstanden habe, einfach ein um ein paar Ecken herummodelliertes, erkenntnistheoretisches Prinzip. Man würde nicht miteinander reden, wenn man nicht die Möglichkeit in Betracht zöge, daß ein Konsens möglich wäre, so habe ich das immer verstanden - "Sprache wohnt wohnt der Telos der Verständigung inne". Das kann auch ein Kosnens sein, Differenzen auszuhalten, so wie bei Statler, Rayson und mir. Erkenntnistheoretish ist das deshalb, weil er die Behauptung normativer Richtigkeit als wahrheitsanalog begreift, und selbst darüber kann man tiefsinnig werden. Auch, weil da Gefühle außen vor bleiben, und da komme ich mittlerweile auch nicht mehr mit. Da greift dann Butlers Kritik schon.

Wenn man dann noch mit Benhabib die Modelle universeller Moral um den konkreten Anderen ergänzt, somit auch viele der Erkenntnisse aus der feministischen Ethik, dann greift, glaube ich, die Butler-Kritik so insgesamt gesehen nicht mehr.

Rechtlich bleiben die Paradoxien allerdings bestehen, die sie beschreibt.

@Rayson:

Der eben galt Lars!

Zu dem Obama-Thema: Ich komme da auch immer in's Schleudern, jedes mal, wenn ich mit meinem Kollegen darüber diskutiere. Der rümpft dann in Solidarität mit den Schwarzen in den USA, die er kennt, bei Frau Rice die Nase, weil die Elitenschulen besucht hat, und empfindet das als Anbiederung an an falsches, weiß dominiertes System. "Was weiß die schon von uns", so ungefähr.

Ich selbst habe da im Grunde genommen keine Meinung zu, finde aber ja schon, daß man diese Position dann doch zumindest auch darstellen sollte, anstatt wie Herr Rosenfeld gleich wieder alle Schwarzen zu den eigentlichen Rassisten zu erklären und ansonsten das Problem für irrelevant zu erklären (wenn der sich hier her wagt, dann wird er gelöscht). Statlers Gewitzel fand ich auch, na, nicht so ganz auf den Punkt. Meine Quelle ist übrigens ein FR-Artikel, ein längerer, wo die vor Ort in Chicago recherchierten, wo Obama zeitweise lebte.

Zu dem anderen Thema: Das Problem ist für mich jetzt nicht die Verallgemeinerung, die braucht man schon zur Orientierung, sondern diese "Kollektivismus"-Unterstellung.

Und das ist sogar bei den Rechten differenziert zu betrachten, immerhin haben die mit dem Führer so ein Super-Individuum an ihrer Spitze, und die "Nation" ist auch nicht einfach ein Kollektiv, sondern etwas werthaltiges an sich. Wie Gott oder so.

Auch im Falle der westlichen Linken, aber auch von Marx ist das einfach falsch. Da ist durchgängig Argument, daß unter den gegebenen, kapitalistischen Bedingungen sich Indiviualität gerade nicht enfalten könne, und die liberale Vorstellung von Individuum im Kapitalismus wird als Ideologie identifiziert und nicht etwa durch ein Kollektiv ersetzt.

Und seit dem Poststrukturalismus ist das Ganze endgültig verkompliziert, das führte jetzt aber zu weit, dessen Humanismus-Kritik zu referieren. Auch da gilt aber, daß sie das das Individuelle für nicht hoch genug geschätzt begreifen.

Kollektivismus ist, wenn überhaupt, das Kennzeichen bestimmter Spielarten des Konservatismus, die es so und in dieser Form wahrscheinlich gar nicht mehr gibt. Wo sich Gesellschaft eher am Militär orientiert, zum Beispiel. Ansonsten ist aber Konservatismus eher durch Glücksdiskurse definiert, und das ist noch mal was anderes und unterscheidet sich in der Hinsicht dann so sehr auch nicht von Teilen der Linken, das stimmt schon.

Es gibt in der Tat z.B. im PDS-Umfeld konservative Ströumungen, aber auch das ist kein rhetorischer Gag meinerseits, sondern der Versuch, trotz aller Agitation noch Ansätze analytischer Begriffschärfe zu wahren.

Und wenn man so im liberalen Blog-Universum rumliest, dann ist das schon erschütternd, dieses Rumgewixe auf die je eigenen Individualität angesicht seiner ach so kollektivistischen Welt ... und das ist schon eine Struktur, die Rassismen vorgängig ist, aber selber noch keiner.

Zu dem Muslimen-Dilemma: Ich denke es ist etwas anderes, wenn mir eine Identität zugeschrieben wird, also Hate Speech und derartiges Verhalten, oder ob jemand anderes eine eigene Identität lebt, die nicht mit dem eigenen Weltbild übereinstimmt. Das ist villeicht ein bisserl banal ausgedrückt, aber darin liegt ja schon eine Differenz.

@Lars:

Viel schlimmer ist, daß ich hier solche Mopo-Artikel auch noch referiere - ansosnten ist: Ja, klar!

@Konsens und Differenzen aushalten: Erving Goffman hält dafür den treffenden Begriff "working consensus" bereit, der sich leider nicht richtig ins Deutsche übersetzten lässt. "Arbeitskonsens" wäre selbst schon zu teleologisch.

Binsenwahrheit: es kommt immer auf den Kontext an. Und es ist entlarvend, wenn man sich auf einen falschen Kontext beruft, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Um Lars Beispiel aufzugreifen: "Der Begriff negroid sei doch nicht schlimm. Das hieße doch schwarz und das würde ja auch die Wissenschaft (=Biologie) so verwenden." - "Negroid" gehörte nie, im Gegensatz zu "Neger" zur Umgangssprache. Die "rassische Klassifizierung" ist beim Wort "negroid" zwangsläufig mitgedacht, da geht gleich eine Schublade auf, in der der betreffende Mensch einsortiert wird. Während Ausdrücke wie "braun wie ´n Neger" oder "Negerkuss" schlimmstenfalls gedankenlos sind. Dann: der Begriff "Menschenrasse" ist in der Humanbiolgie nicht mehr gebräuchlich - weil es genetisch und phänotypisch klar abgrenzbare Menschenrassen nicht gibt.(Die Diskussion ob der biologische Rassenbegriff, im Sinne von Subspezies, nicht doch auf den Menschen angewendet werden kann, erspare ich mir.) Die Bezeichnung "negroid" - "schwarzenähnlich" - wäre sogar dann falsch, wenn die veraltete Vorstellung von Menschenrassen zutreffen würde: weil sie genetisch und anatomisch höchst unterschiedliche Menschenpopulationen aufgrund eines gemeinsamem Merkmale (sehr dunkle Haut) in eine gemeinsame "Großrasse" gesteckt hat. Der genetische Unterschied zwischen der einem südafrikanischen Bantu und einem (für europäische Augen genau so "schwarzen") Äthopier ist sehr viel größer, als der zwischen einem "eingeborenen" Iren und einem Japaner.
Also: schon der Gebrauch des Wortes "negroid"
verrät rassistisches Denken.
(Von dem auch ich nicht frei bin.)

Danke Martin, obwohl ich den Naturwissenschaften ja kritisch gegenüberstehe, bin ich doch auch der Meinung, dass die argumentative Inanspruchnahme ihrer Ergebnisse durch andere wesentlich problematischer ist als die Interpretation der Naturwissenschaftler selber, die mit ihren Ergebnissen ja häufig vorsichtiger umgehen.

@Martin + Lars:

Wenn man da dann noch die Verletzungsdimension hinzuzieht, die ja von all den wackeren Senkelträgerkämpfern für die Meinungsfreiheit als irrelevant abgetan wird ... zudem da einfach auch immer ein "Focuaultscher Konstruktivsimus" zudem mitzudenken ist: Warum überhaupt "Rassenunterschiede" untersuchen wollen? Was macht nun gerade das zu so einem priveligierten Untersuchungsgegenstand?

Uiuiui: wir öffnen die Büchse der Pandora.
Ich denke, dass da ein großer Bedarf an Selbstauflärung bestand. Ich meine damit vor allem Stuart Hall und die Birmingham School gemacht haben. Aber gerade der Konstruktivismus von Foucault ist ein wichtiger Hinweis. Dass rassistische Übergriffe noch immer stattfinden, macht es doch schließlich auch notwendig. "Rasse" als soziales Konstrukt besteht ja noch immer.

Diese Stuart Hall-Leute gehören zu meinen zu großen Wissens-Lücken ... ich meinte aber falls das mißverstanden wurde, warum eine "naturwissenschaftliche Untersuchung" von "Rassenunterschieden" so wichtig sei.

Ich meinte nicht die sozial konstituierten Differenzen, die ja einer "naturwissenschaftlichen" Untersuchung vorgängig sein müssen, sonst gäbe es letztere ja gar nicht ... und diese ganzen Neo-Rassismen, z.B. in der Kommentartsektion von Statler (keine Ahnung, warum der den Dreck da stehen läßt), gleich mit.

Die sich u.a. aus den Anti-Anti-Rassismus-Doktrinen z.B. einer Frau Dr. Ulrike Ackermann speisen, die sich meiner Ansicht nach für jeden geklatschten "Neger" eine Kerbe in die Bettkante kratzen kann. Da johlt der Stammtisch ja wieder, so frisch mit Munition versorgt. Wo sowieso alle Dunklerhäutigen mittlerweile homophobe, frauenfeindliche Antisemtiten sind, die in eine feministische Homo-Idylle reiner, philosemitischer Arier einbrechen, ganz wie im Heimat-Film ...

Meine Güte, da geht was ab gerade ...

"Statlers Gewitzel fand ich auch, na, nicht so ganz auf den Punkt."

In dem Beitrag gab es kein Gewitzel. Stellen wir uns mal vor, die gleiche Diskussion würde von der "anderen Seite", den Weißen geführt. "Was? Obama? Nein, der kann keiner von uns sein, mit einem afrikanischen Einwanderervater? Was hat der mit uns, der amerikanischen Mittelschicht, zu tun?" Völlig zurecht würde sich alle Welt über Rassismus aufregen. Aber wenn ein paar hauptberufliche Hautfarben-Aktivisten ihm das Schwarzsein absprechen, weil er in der Mittelschicht aufgewachsen ist, dann soll das okay sein? Nein, das ist nicht weniger rassistisch.

Wir können ja gerne darüber diskutieren, ob Obama die richtige "street credibility" mitbringt, um als Vertreter der Unterschichten aufzutreten. Aber das hat dann nichts mehr mit einem Farben- oder Herkunftsdiskurs zu tun, denn in den Unterschichten gibt es auch Latinos, Chinesen und, jawohl, Weiße, deren Vorfahren niemals als Sklaven ausgebeutet wurden.

Nein, soviel Präzision muß schon sein, daß man die Frage der Repräsentation sozialer Schichten und die Frage nach ethnischer Herkunft schön sauber auseinander hält.

@MoMo: Dann haben wir uns da mißverstanden. Weiß ich auch nicht, warum Rasse für die Naturwissenschaften so wichtig ist. Möglicherweise liegt das in ihren erkenntnistheoretischen Zugriffen. Also z.B. Genetik als Letztbegründung etc.

@statler: Nun kann man zwar "Klasse" und "Rasse" bzw. "Schicht" und "ethnische Herkunft auseinander halten. Das aber beide strukturell zusammen hängen, gerade in den USA ist aber auch nicht auszublenden. Ein Weißer oder Asiate hat hat indivividuell und kollektiv gesehen eine geringere Chance, Teil der Unterschicht zu sein als ein Schwarzer. Auch wenn sich die Unterschicht aus verschiedenen Gruppen zusammensetzt.

@Lars:

Klar sind die Chancen ungleich verteilt, und natürlich hatte Obama von Anfang an bessere Chancen als viele anderen Schwarzen. Nur: Wenn Obama irgendwo öffentlich auftritt, dann hat er es mit genau den gleichen rassistisch motivierten Ressentiments zu tun wie all die Aktivisten mit astreinem Sklaven-Stammbaum, die ihm jetzt gerade das Schwarzsein absprechen. Dem die Konföderiertenflagge schwenkenden Alabama-Arsch ist es doch völlig egal, ob Obamas Vorfahren väterlicherseits vor Jahrhunderten als Sklaven, oder vor einer Generation als freie Einwanderer in die USA kamen.

Die "Rasse" *war* mal für "die Naturwissenschaften" (gemeint wohl: Humangenetik und biologische Anthropologie) wichtig. Aus zwei Gründen ist sie es heute nicht mehr. Der erste liegt im naturwissenschaftlichen Erkenntnissfortschritt (nicht erst der "Genanalyse) nach dem das alte Modell "Menschenrassen" nicht mehr - oder nur unter erheblichen Abstrichen - zur Beschreibung der biologischen Sachverhalte taugt. (Selbst in der Zoologie gilt, abgesehen von der Haustierzüchtung, die Klassifikation nach Rassen statt etwa nach Subspezien und Populationen als veraltet.)
Der zweite liegt in den politischen Emanzipationbewegungen, die das im Kern hierarchische Rassenweltbild bzw. die Idee der Überlegenheit bestimmter "Rassen" zuweilen ziemlich heftig in Frage stellten.

Was es aber nach wie vor und sogar in verstärktem Maße gibt, ist eine Form des Biologismus, den man "Gendeterminimus" nennen könnte: alles, was ein Mensch ist, steckt "irgendwie" in seinen Erbanlagen. Dem gegenüber steht die nicht minder heftigen Anhänger eines Umweltdeterminismus, die den Menschen als beliebig formbar ansehen. Die Hypothese des "kulturellen Mems" schließlich vereint die beiden gegensätzlichen biologistischen Ansätze (durchaus dialektisch ;) ) und überwindet den Determinismus "einfach, indem sie ein starkes Zufallselement ins Spiel bringt.

@Statler:

Nee, das kann man nicht so umdrehen. Wirklich nicht.

Es ist aus historischen und kulturellen Gründen einfach ein fundamentaler Unterschied, ob so etwas in einer Black Community diskutiert wird oder im Kontext sogenannter "Weißer". Und genau das zu ignorieren, das ist ja genau das, worüber sich jene aufregen, die mit Obama Probleme haben.

Und Du witzeltst ja schon wieder - diesmal über "Sklavenstammbäume". Was diese Erfahrung bedeutet, von Sklaven abzustammen, das war mir ja auch länger nicht wirklich klar - bis 'n Kumpel von mir durch die USA fuhr und zu genau diesem Thema hinsichtlich des Umgangs mit der je eigenen Sexualität die Leute befragte. Das geht durch die ganzkörperlich hindurch. Das spürst Du physisch beim Anschauen, wie die sich bei solchen Themen verändern und der ganze Körper besetzt ist von eben dieser Historie. Wangechi Mutu ist eine Künstlerin, die das in ihren Bildern sehr eindrucksvoll thematisiert.

Die bei PI ja auch ständig auftauchende Fantasie unterjochender Lobbyisten, die selbst Rassisten seien, während der aufrechte, natürlich viel schlauere weiße Mann, der ja all diese tollen, moralischen Universalien erfunden hat, ja nur Gleichheit wolle, die ist doch selbst eine Art symbolischer Völkermord, weil er eben einfach sagt: Deine Erfahrung kann gar nicht der Fall sein! Zivilisier Dich mal erstmal, bevor Du mit mir redest, Rassist!

Im Grunde genommen ist das ein sehr ähnliches, rhetorisches Muster wie jenes, die Israelis würden mit den Palästinensern ja genau das gleiche machen wie die Deutschen mit den Juden. Selber!

Bemerkenswerterweise, kann man ja auch bei Deinen Kommenatoren lesen, geht das mit einer ziemlichen Lust einher, mal wieder auf Schwarze eindreschen zu dürfen ... ganz erhellend dazu ist, was Sartre in "Zur Judenfrage" oder so geschrieben hat, das kann man bei Hagalil nachlesen. Was es eben bedeutet, wenn über formale Gleichheitsgrundsätze Individuen und Gruppen die Identität abgesprochen wird. Und die Leute von Hagalil wissen schon, warum sie eben diese Passage in's Netz stelllen ...

Und da solche Schemen ganze Kulturen durchziehen, kann man so ein Thema nicht diskutieren, ohne das eben mit zu thematisieren. Der vermeindliche Rassismus Schwarzer wird ja von Weißen wie Dir permanent produziert auf eben diesem Wege. Es sagen sich da leicht die dollsten Dinge daher, wenn man als Teil der Dominanzkultur im gemütlichen, deutschen Sozialstaat aufgewachsen ist ...

@Martin:

Die Klassifikationen der Kolonialzeit sind ja auch nicht vom Himmel gefallen, das sind ja selbst Denkweisen, die sich in je spezifischen historischen und sozialen Konstellationen herausgebildet haben und natürlich immer auch ein Stück Imperialismus in sich tragen. Und der neue Biologismus ist einfach das Äquivalent zu diesem berühmten Thatcher Bonmot, sie kenne keine Gesellschaft - was ja typisch ist für Spielarten liberaler Diskurse, daß die immer so ansetzen, als gäbe es ewige Wahrheiten und Werte und ökonomische Regeln, die man nur finden müsse ...

Ja, MomoRules, es ist historisch ganz klar, dass zuerst die kolonialen, rassistischen und auch "sozialdarwinistischen" Strukturen da waren, die dann, unter Rückgriff auf wissenschaftliche Theorien, als "naturbedingt" gerechtfertigt wurden. Wobei gerade Darwins "offene" Evolutionstheorie strenggenommen die Vorstellung einer Hierarchie der Lebewesen (wie in den "Baum des Lebens"-Darstellungen in alten Biologie-Büchern; mit den Säugetieren und dem Menschen ganz oben) zuläßt, von der Idee der unterschiedlich "hoch entwickelter Menschenrassen" ganz zu schweigen. Die Darstellung und Interpretation wissenschaftlicher Theorien, auch durch Fachleute, paßte sich den Vorgaben der etablierten gesellschaftlichen Struktur an - auch wenn das, wie im Falle der Evolutionstheorie, bedeutete, dass wesendliche Bestandteile der Theorie unter den Tisch fielen.


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