" /> Metalust & Subdiskurse: Mai 2007 Archive

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31.05.07

Kolonialisierung, die zweite

"Habermas beschreibt die Kolonialisierung (der Lebenswelt durch systemische Imperative, MR) anhand der Umschaltung auf ein anderes Prinzip der Vergesellschaftung. Die empirische Handlungskoordination über die Medien Geld und Macht dringt in die Lebenswelt ein und verdrängt dort die rationale Handlungskoordination, welche von den kommunikativen Anstrengungen der Aktoren abhängt. Ein bedeutender empirischer Beleg dieses Prozessesist für ihn die Verrechtlichung von kommunkikativen Beziehungen, d.h. die Entwicklung formaler Regeln, die dem Beteiligten einen Spielraum für strategisches Handeln garantiert."

Harry Kunnemann, Der Wahrheitstrichter, Frankfurt/M. New York 1991, S. 231

Der heftige Widerstand von liberaler Seite gegen die These der "Kolonialisierung nach innen" und das Bestehen darauf, gar nicht diese These, sondern vorsichtshalber ganz anderes zu diskutieren sei, hat mich ja nachhaltig von deren Richtigkeit überzeugt.

Weil eben eine Haltung, die das Schmeißen von Farbbeuteln für justiabel anerkennt, nicht jedoch die Weigerung eines Vermieters, an schwule Pärchen zu vermieten oder Affenlaute in einem Stadion, wenn ein schwarzer Spieler den Ball tritt, mich ja immer wieder auf's Neue erstaunt.

Sowas meint der Habermas, wenn er sagt, daß die systemischen Steuerungsmedien Geld und Macht in Sphären an sich kommunikativen Handelns, also verständigungsorientierten Miteinanderedens, eindringen würden: Daß eben Besitz oder adminstrative Macht Kriterium für die Legitimität von Rechtssprechung ist und nicht z.B. das Wohl von Menschen - und zwar das, was sie selbst als ihr Wohl empfinden, keine "fit statt fett"-Agitation. Die staatlich-juristische Macht flankiert dann eben nix anderes mehr als reinen Eigentumsschutz und bürokratischer Handlungsbefugnisse, und dabei raus kommtm folgende Antwort:

>"Ich bin dafür, dass jeder nach Herzenslust diskriminieren dürfen sollte - bis auf den Staat."

Na, komm, Rayson, nenn mich Schwuchtel! Provokation gelungen. Freu Dich.

Und, weiter, ebd.:

"Aber dass vor dem Gesetz bestimmte Menschen - also z.B. die, denen es gelungen ist, zu Minderheiten-Gruppen zugerechnet zu werden."
Der Rest des Satzes ist dann nicht mehr relevant, weil Symetrie vorausgesetzt wird, die es ja erst zu erreichen gälte - endlich wurde mein lebenslanges Bemühen, zu einer Minderheit zu gehören, aufgedeckt! Gelungen ist's mir!

Dieses intensive Bestreben, auf dem Schulhof einst Gefühle und Lüste zu tarnen, um nicht auf's Maul zu bekommen, während andere "Wahrheit oder Pflicht" spielten; diese Verbergen des Begehrens, damit jene, in die ich mich verknallte, überhaupt noch mit mir reden, das Rotwerden beim Kaufen von "Schwul, nach und?", schreckliches Buch übrigens, diese spitzen Bemerkungen von Kunden aus dem katholisch-konservativen Lager darüber, daß ich keine Familie habe, diese Einschübe "der ist auch schwul - tschuldigung, MR" meines Chefs - wieso 'tschuldigung? - all das: Ein glatter Erfolg!

Ich habe mich so danach gesehnt, aber mein lebenslanges Bemühen, es zu schaffen, zu einer Minderheit zu gehören, die hat ja zum Glück gefruchtet. Geht meinen schwarzen Freunden auch so: Die hatten so richtig Spaß daran, wenn ihre Freundinnen als "Negerliebchen" beschimpft wurden - und wenn Polizeiwagen sie verfolgten, weil sie einen Mercedes fuhren. Und wenn sie eben die Wohnung oder den Job nicht bekamen ...

Das alles sind natürlich allein noch keine hinreichenden Gründe für ein Antidiskriminierungsgesetz und schon gar nicht für eine Umkehr der Beweislast. Man lese noch mal genau das Zitat oben durch: Das, was der Habermas als Kolonialisierung der Lebenswelt beschreibt, gilt nämlich auch für ein solches Gesetz, siehe letzter Satz.

Das ist schon verzwickt, diese ganze Rhetorik: "Ich lasse mich jetzt doch dazu zwingen, diese Arschficker auch noch zu mögen!" ist ja eben auch ein lebensweltlicher Prozess, der sich im Austausch von Argumenten vollzieht: Diese widernatürlichen Dreckskerle sollen sich gefälligst damit zufrieden geben, daß man sie nicht gleich steinigt, so wie im Iran, und ansonsten die Klappe halten und sich nicht so wichtig nehmen. Kann man ja schon bei Erich Kästner lesen, "Ragout fin du siécle" heißt dieses Zeugnis der Dominanzkultur in Versform.

Ist das jetzt ein Argument gegen den Kolonialisierungsgedanken und dessen kritisches Potenzial? Daß also gerade auch Traditionalisten diese bestens für sich nützen können, indem sie z.B. sagen, diese Kanacken seien eben undeutsch und zerstörten heile, deutsche Lebenswelten - also weg mit denen?

Das macht mir ernsthaft zu schaffen, diese Frage.

Auch Judith Butler formuliert ja die These, daß der Übergang zum Justitiablen die diskriminierenden Strukturen nur fortwährend reproduzieren und somit zementieren würde, so habe ich das zumindest beim Querlesen (queerlesen - harharhar) verstanden - umgekehrt ist mir ein Ansinnen wie jenes, das aktuell in Brasilien verfolgt wird, natürlich außerordentlich sympathisch, das folgt schlicht aus der Unantastabarkeit der Menschwürde.

Und insbesondere sogenannte "ethnische Differenzen" werden sich niemals auflösen, wenn nicht solch Instrumentarien wie ein Antidiskriminierungsgesetz geschaffe werden - dann bleiben die Schwatten im Banlieue, und jede Ausnahme, die doch im Elbvorort dann siedelt, wird als "Hey, es geht doch!" gefeiert.

Irgendwie muß man wohl doch an die Wurzel, eben den Wohlstandsrassismus, gehen, der nix anderes besagt, als daß eben erst Geld und dann die Macht sich häuft und alle anderen rechtlos bleiben - aber wie?

Bin ratlos. Denn die Habermassche Sozialstaatskritik, im Gegensatz zur Propaganda der Agitateure von Wirtschaftscliquen und deren Herrschaftswillen, ist leider auch außerordentlich durchdacht: Dieser fällt auch unter das Kolonialsierungs-Diktum. Das mal zu rezipieren, dazu sind meine liberalen Freunde zum Glück doch zu verbohrt in Volkswirtschaftsdiskurse.

Aber wenigstens ist mein Hund das Gute.

29.05.07

Frei assoziiert (Assoziation ist Freiheit)

Heute lief mir erstmals Jean Rouch über den Weg, durch einen Text spazierte er und lächelte mich freundlich an - den kannte ich gar nicht.

Auszug aus Wikipedia:
:


"Berühmt ist sein Film Les Maitres Fous von 1954 über ein Ritual der Hauka, einer damals weitverbreiteten Sekte in Westafrika. Er stellt den Kult dar, bei dem die Teilnehmer in Trance von Geistern besessen werden, die für die ehemalige europäische Kolonialmacht stehen, etwa den Generalgouverneur, den Ingenieur, den Lokführer, usw. In dem Kult wurde das Trauma des Kolonialismus verarbeitet.

Kritik erntete er in den 60er Jahren von Seiten linker Gruppierungen in Frankreich, die ihm Mangel an weltanschaulichem Bekenntnis vorwarfen und ihn als postkolonialistischen Liebhaber afrikanischer Rituale darstellten. Der afrikanische Schriftsteller und Regisseur Ousmane Sembène nahm Bezug auf sein Werk und seine Sichtweise mit dem Vorwurf "Du schaust uns an wie Insekten".

Heuschrecken! Schieße ja gerne mal zwischendurch dem eigenen, politischen Lafger in's Knie. Zu Jean Rouch des weiteren:

"Der von Jean Rouch auf Bitten zweier Hauka-Priester gedrehte Film Les Maitres Fous kann als Stftungsereignis einer "ethnologie partagée" gelten, denn er führt den Europäern eine drastische Besessenheitsdarstellung ihrer eigenen Kolonialmacht vor Augen, deren Ensetzen erregender Wirksamkeit kein westlicher Zuschauer entgeht. Dieses grausame Bild, das der Haukakult von der französischen und britischen "Zivilisation" entwirft, muss aus europäischer Sicht, schon wegen der für uns fremden Fremderfahrung der Bessenheit, als verzerrte, wenn nicht konstruierte Darstellung "unserer selbst" erscheinen, die sich nicht mit unseren Selbstdarstellungen des Kolonialismus deckt."
Iris Därmann, Ethnologie, in: Klaus Sachs Hombach, Bildwissenschaften, Frankfurt/M. 2005, S. 180
"Samstag Nacht treffen sich die Zulu-Männer Südafrikas zum Gesangswettbewerb. Der Zulu-Song „Mbube“ inspirierte 1939 Solom Lindas Welthit „The Lion sleeps tonight“. Mit ihren Liedern, einer rasanten Mischung aus Gospel, Zulu-Tanz. Percussion, Sprechgesang und Entertainment, erzählen die Isicathamiya-Sänger die Geschichte ihres Volkes."

Von hier.

Ließe sich so auch der "Musikantenstadl" beschreiben oder "Willkommen bei Carmen Nebel"? Ja, billig. Aber vielleicht ein Konzert der Arctic Monkeys? Würde da jemand von der "Geschichte ihres Volkes" schreiben? Da betrachtete man wohl eher Szenen oder Klassen, vermutlich. Oder die Songinhalte, also gleich Liebe und Alltagsfrust. So'n Zulu kennt wahrscheinlich weder Liebe noch Alltagsfrust und hat als einziges Thema die "Geschichte seines Volkes" zu besingen. Ein ewig währendes Nibelungenlied weht durch Zulu-Köpfe, genau wie jeder Muslim weltweit nix anderes als den Koran im Kopf hat und Schwule nur Sex.

Dieser Perspektivenwechsel zur Ethnologie der je eigenen oder je anderen Kultur ist ja eh nix Neues mehr: Einige meiner Lieblingskommentatoren wenden gerne den Trick an, Gesagtes anderer politischer Sphären als "Folklore" zu klassifizieren. Z.B. die Linke erscheint dann als seltsamer Stamm, intellektuelle Schuhplattler, denen gegenüber man zivilisiert-rational-kühl-überlegen sich zeigt. Da reproduziert sich dann der paternale Blick der Kolonisatoren, der sich auf anderen Ebenen wähnt. Solche Perspektiven können sich nur jene leisten, die über Macht verfügen. Schuhplatteln war nicht umsonst wegen Anzüglichkeit einst mal verborten.


Gestern war hier in Hamburg ja wieder so ein Tag, wo ich mich auch fragte, was die Post-Demo-"Krawalle", die eher als Polizeisirenen in der Ferne sich mir akustisch mitteilten, nun eigentlich sind. Natürlich kann man die Frage nach einem Sein solcher Handlungen gar nicht stellen, aber ich wüßte jetzt gar nicht, auf welcher Ebene ich das beschreiben sollte. Vielleicht kann mir da ja jemand helfen.

Als Einbruch der Barbarei in die Zivilisation konnte mir das nicht erscheinen, als Gewalt in an sich friedliche Politik, das ist irgendetwas anderes. Weißauchnichtwas. Es geht mir gerade ganz ausdrücklich nicht um die Bewertung von Gewalt, sondern um das Nicht-Verstehen eines Phänomens. Hat aber auf jeden Fall mit Zerrbildern dessen zu tun, was in unserer Kultur als Skript des "Archaischen" wirkt. Und diese Autonomen sehen ja schon wegen der Haßkappen und Motorraddhelme immer ein wenig aus wie Ameisen. Das war jetzt ein rein visueller Vergleich, kein inhaltlicher.

Beim Zappen durch die Programmme wurde mir ganz anders, als es um diese Außenminsterkonferenz ging. Da spaziert dann honorig Herr Steinmeier durch's Rathaus, wo der Herr Diekmann meines Wissens einst heiratete, und leitete den chinesischen Außenminister durch die Stuhlreihen, und dann redet man über Klima.

Kurz darauf sieht man einen Demo-Zug, der aussieht wie diese seltsamen Römer-Formationen im Asterix: Ein geradezu zusammengeschobener Demo-Block, umzingelt von mehreren Reihen Polizisten - wirkte rein visuell eher wie eine Deportation in's Arbeitslager als ein Zeugnis von Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Natürlich ist so ein Vergleich inhaltlich skandalös, aber visuell nicht, und Bilder wirken. Eine derart widerwärtige Machtdemonstration habe ich lange nicht gesehen hierzulande, da war man lange Zeit verschämter. Ole von Beust hätte gute Gründe, die Polizei abzuschaffen.

Und zudem ist gruselig, wenn man erst den chinesischen Außenminister und dann solche Bilder sieht. Es ist zwar trendy, China als irgendwie kommunistisch mißzuverstehen - für mich ist Chnia seit Jahren eher Modell für eine nicht unwahrscheinliche Zukunft und vielleicht schon viel mehr Gegenwart, als mir das klar ist: Wahlweise Autoritarismus oder Totalitarismus plus wirtschaftlicher "Liberalisierung", also Putin, Patriot Act und Schäuble, und potenzielle Ex-Maoisten liefern die begleitende Propaganda. Die jeweiligen Differenzen sind mir bekannt, es geht mir um die Struktur, und die scheint mir offenkundig.

Die Veranstalter der gestrigen Demo lösten diese drum auch auf; wenig Sinn machte es ihrer Ansicht nach, von Polizei eingekesselt durch eine menschenleere Innenstadt zu laufen. Der chinesische Außenminster dinierte derweil fürstlich.

Und so fragt man sich dann, ob diese "Krawalle" da vor der roten Flora nicht sowas ähnliches sind wie das eingangs beschriebene Ritual Westafrikas.

Nein, ich will das nicht behaupten, ich frage mich das. Weil mir seit Wochen durch den Kopf schießt, wieso alle die us-amerikanischen Sklaven und die Opfer des Kolonialismus in europäischen Köpfen so präsent sind, während kein Schwein über europäische Leibeigene, an ostelbische Junkergüter gebundene Tagelöhner (mein Stief-Uropa war so einer, der sein Leben mit chronisch verbrannten Händen verbrachte, weil er in einer Guts-Ziegelei arbeitete und den lebenslangen Schmerz nur lindern konnte, indem er Teer darauf schmierte) oder Reparationszahlungen für die Nachkommen von Bergwerksarbeitern des 19. Jahrhunderts spricht und alle stattdessen noch heute das Zechensterben beweinen ... mir scheint da eine Identifikation mit der falschen Klasse vorzuliegen in der Geschichtsschreibung. Laßt uns das ändern.

27.05.07

Das ...

... klaue ich jetzt einfach mal da drüben (toller Text, jetzt nicht, weil er auch auf Einträge hier Bezug nimmt, sondern vor allem dieser Passus unmittelbar vor dem Adorno-Zitat über die Konstruktion seiner selbst als Selbstbetrug, über die "große Erzählung" der je eigenen Biographie) :

"Das geschlossene Kunstwerk ist das bürgerliche, das mechanische gehört dem Faschismus an, das fragmentarische meint im Stande der vollkommenen Negativität die Utopie."
Theodor W. Adorno

26.05.07

Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Irgendwann im Winter habe ich mir mit Jahrzehnten Verspätung den "Bodyguard"-Soundtrack gekauft und das hier wurde mein Lieblingslied.

Jetzt weiß ich auch warum! Ja! Ja! Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa (recht hat er mit der Tafel da am Schluß!)!

Was ein Gezitter in Liga 2 gestern abend - egal, man, war dat schön!

Und diesen Jungs da auf dem Platz hätte ich noch bei jedem Fehlpaß und jeder neuen Nervositätsaufwallung die Füße küssen, die Waden ablecken und sonstwas antuen können! Was eine Aufholjagd, was ein Triumph! DANKE, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke,. Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke, Danke an diese unglaubliche Mannschaft, die den guten, alten St. Pauli-Song, in dem behauptet wird, daß diese Trümmertruppe immer wenn's ernst wird, vergeigt, Lügen strafte! Sie waren, sie sind, sie bleiben - nie allein!

Wenn dann noch der letzte Angriff, der Schuß Mazingus, nicht gegen den Pfosten gegangen wäre - was habe ich über den gelästert, was bereue ich das heute! Ich tue Buße, Michel Mazingu, Dein 1:0 in Erfurt war's, das uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt wieder sind - wie auch das 2:1 gestern des unvergleichlichen Herrn Rothenbach, das Charisma und die Technik des Herrn Sako, der verwandelte Elfmeter des Charles Takyi, der noch Weltstar werden wird, garantiert!, was ein Kicker!!!, die stoische Ruhe des Paddy Borger (auch wenn sie gestern nicht wirklich zu spüren war), die neu erwachte Kampfeslust des Thomas Meggle, und die schier unglaubliche Abwehrleistung eines Marcel Eger (definitiv Mann des Spiels gestern abend!) und eines Fabio Morena - nicht zu vergessen diese unermüdlichen Ziehaufmännchen Thimo Schulz und Marvin Braun - ach, auch alle namentlich nicht erwähnten, ihr habt's vollbracht!!!!!!!!!!!!!!!!!! St. Pauli lebt!

Das Stadion kochte trotz zwischenzeitlichem Entsetzen, daß da noch was schiefgehen könnte - ach, wat sollen die Worte, ich schlaf jetzt weiter meinen Rausch aus und freu mich auf Mainz und Freiburg und Köln und Gladbach!

PS: Kleiner Nachschlag - St. Pauli ist halt international!

25.05.07

Das Sagbare und das Unsägliche

In der so großartig angekündigten, neuen/alten Magazin-Beilage von DIE ZEIT steht ganz weit vorne ein Artikel über Sonnenbrillen. Männer würden immer die Falschen kaufen und dann wie Modeopfer durch die Gegend latschen - schicke Marken zum Gegensteuern in Geschmacksfragen werden genannt.

Im Leitartikel schwafelt der Herr der Plattituden, Giovanni di Lorenzo, der sich, wenn ich mich nicht verhört habe, neulich bei 3 nach 9 erfrechte, Schwule als "unappetitliches Thema" einzustufen, über den auch bei den B.L.O.G.s und hier kontrovers diskutierten Artikel von Jürgen Habermas in der SZ.

Am entlarvendsten war drüben bei den B-L.O.G.s wie üblich Zettels Kommentar, der in dem ihm eigenen, eliminatorischen Gestus ihm verhaßte Milieus mundtot machen möchte oder zumindest regelmäßig erfreut darüber sich zeigt, wenn dieses gewissermaßen von selbst passiert, weil dann ja die vermeindliche linke Dominanz in den Medien der Republik endlich beendet würde (ich habe den Artikel Zettels eben nicht gefunden, in dem es um den Kampf um Meinungsdominanz und das Umkippen nach Jahrzehnten linker Dominanz aktuell ging - diesbezügliche Vorwürfe die Nicht-verlinkung sei ein Merkmal magelnder Qualität, sind berechtigt, ich liefer das aber nach) .


"Hm, stimmt denn überhaupt die Voraussetzung?

Wann hat Paul Sethe geschrieben, die Pressefreiheit sei die Freiheit von 400 (oder wieviele waren es?) Reichen, ihre Meinung zu verbreiten?

Mein Eindruck ist, daß es in Deutschland heute um die Pressefreiheit so gut bestellt ist wie noch nie.

Das liegt erstens, trivialerweise, an der Konkurrenz der Neuen Medien. Blogger brauchen kein Geld, um ihre Meinung zu verbreiten.

Zweitens liegt es daran, daß just wegen der härteren Konkurrenz Journalisten nach der Qualität ihrer Arbeit eingestellt und befördert werden, und nicht nach Parteibuch und Meinung.

Es gibt heute ja kaum noch eine Meinungspresse, von den Extremisten abgesehen. In der FAZ kann man das finden, was früher nur in der SZ stand, und vice versa.

Mir scheint, Habermas versucht ein Nicht-Problem zu lösen.

Er verfährt nach dem Schema des Kinderreims:

“Was ham wer doch für’n Glaser

in unserer ollen Stadt.

Der Glaser schmeißt die Scheiben ein,

und sagt: dan müssen neue rein.

Was ham wer doch für’n Glaser ..”


Auch wenn Zettel ja das, was Habermas mit seinem Konzept der Öffentlichkeit meinte, im Gegensatz zu anderen sehr gut verstanden hat, ist das nichtsdestotrotz hanebüchen -mal abgesehen vom Zitat von Paul Sethe.

Es stimmt, daß in den privatwirtschaftlichen Sektoren der Medien Parteibücher an Relevanz verloren haben, ganz im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo man als Grüner beim BR schon immer schechte Karten hatte. "Linke Meinungsdominanz" - die Hetze dort z.B. gegen die Friedessbewegung der frühen 80er war schon extrem.

Mit einem Linkspartei-Parteibuch wird man es in Großverlagen wahrscheinlich auch noch nicht mal allzu schwer haben, vermute ich - solange man trotzdem nicht schreibt, was diese vertritt.

Was dann das Problem ist: In den Medien ist das Politische privat geworden. Zumindest dann, wenn man unter Politik individuelle Perspektiven meint. Siehe den Fall Posener/Dieckmann. Beim fernsehen gilt dieses als Prinzip annähernd total - nur Weichgewaschenes kommt zumeist durch die Abnahme. Die Abwesenheit von Meinung ist eben auch die Abwesenheit explizit gemachter, normativer Kriterien.

Was typisch ist für Re-Mythisierung des Wirklichkeitsverständnisses in Teilen des liberalen und konservativen Lagers: Da regiert dann die berühmte normative Kraft des Faktischen, volkswirtschaftliche Dogmen eben, und alles, was sich diesen nicht fügt, ist entweder Spinner, Romantiker, Extremist oder am besten gleich kriminell.

Alte, deutsche Tugenden, der autoritäre Geist vor 68 ist genau dieser, und wenn man dann anstelle einer mythisch beschworenen, aber nicht näher qualifizierten "Freiheit" und eben jenen ökonomischen Dogmen einfach "Natur" schriebe, dann wäre das Ganze noch deutscher.

Vermeindlich "Faktisches" zu beschwören ist ja nicht nur erkenntnistheoretisch naiv, es klammert auch die Frage nach der Selektion von "Fakten" aus. Ebenso blödsinnig das Beschwören irgendeiner "Qualität", die dann selbst nicht näher qualifiziert wird. Was soll denn das heißen? Herr di Lorenzo beschwört diese ebenfalls und macht auch nicht klar, was er meint - außer, daß sich Anzeigenkunden dann eben auch wohler fühlten und Leser Vertrauen gewönnen. Diese albernen Formalismen sind Ideologie: Suggerieren sie doch einen vermeindlich waltenden objektiven Geist, der dann diktierte, was Qualität sei.

Zurück zu den Sonnenbrillen im Magazin von DIE ZEIT: Klar, im Umfeld einer solchen Story fühlen sich Anzeigenkunden wohl. Qualität? So konzipiert man auch beim Fernsehen ganze Sendungen - eben anhand potenzieller Zielgruppen für Werbung. Berichterstattung als Umfeld für Werbung ist das, was vermeindlichen "Meinungsjournalismus" ersetzt.

So sind einst die Erotik-Magazine aus dem Privatfernsehen verschwunden: Sie hatten gute Quoten, aber die die Werbeblöcke verkauften sich nicht gut, weil Titten und Ärsche offenkundig dem beworbenen Produkt nicht gut bekommen. "Titten und Ärsche" wäre mir übrigens bei annähernd jeder Zetung aus dem Text redigiert worden im Namen der Qualität, weil's nach Gosse riecht für den gemeinen Bildungsbürger und es dessen Dünkel ist, der eben auch über Sagbares und Unsägliches bestimmt. Und noch hat der ja Geld, der Bildungsbürger.

Im Gegensatz zum unapetitlichen Hartz IV-Empfänger, a priori unter Sozialbetrugsverdacht gestellt - ein zentrales Motiv aktueller Quasi-Journaille, die Verdächtigung. Spitzel-Schreiberlinge und -Filmer von Schäubles Gnaden, sozusagen. Die dann als Protagonisten im sogenannten "Unterschichtenfernsehen" sich Sozialamtsschnüffler wählen - würde man sie aus sich heraus verstehen wollen, diese Objekte der Berichterstattung da auf ihren Otto-Katalog-Sofas, könnten ja ebenfalls Werbekunden ausbleiben.

Weil das eben gegen aktuelle Selektionskriterien verstieße, wie man solche Leute zu behandeln hat. Bei Entscheidern in den Sendern löste sowas Unbehagen aus, das käme nicht durch, weil's eben nicht mehr bunt wäre. Da brauchte noch nicht mal ein Werbekunde anzurufen, das passiert schon ganz von selbst.

Klar, daß dann bestimmte Formen von Kritik ausbleiben, was Autoren wie Zettel ja super finden und als Qualitätsmerkmal verstehen. Weil angesichts dieser Orientierung an bestimmten Schichten, den Kaufkräftigen wie z.B. Zettel oder mir, einfach bestimmte Themen nicht behandelt, bestimmte Fragen nicht gestellt, bestimmte Kritikformen nicht formuliert werden.

Der einzige Grund, warum Schwule in Deutschland nicht mehr so offenkundig diskriminiert werden, ist wohl, daß sie als werberelevante Zielpgruppe gelten. Für Kanacken, Asylanten und Flüchtlinge gilt das nicht. Die sind allenfalls als "Schicksalsbericht" erlaubt. Oder als antagonistisches Prinzip zur je eigenen Kultur. Willkommen in Zettels und di Lorenzos schöner, neuer Welt der Qualität und Scheinprobleme!

Hoffen wir mal, daß er bei seiner Diagnose der Wirkung von Blogs recht hat ... obwohl's da freilich die gleiche Schicht ist, die sich artikulieren kann. Eben so Leute wie Zettel und ich.

23.05.07

Mehr als nur Realitätsprinzip!

"Der schönste Satz in Raysons Kommentar zu Björns Artikel: Wenn alles Bestehen auf Saldengleichungen Neoliberalismus ist. Den nehme ich mit in die nächste Diskussion mit den linken Romantikern."
Schreibt Stefanolix hier. In den Kommentaren schreibt er das.
"Stell Dir vor, damit ein fischen-jagen-kritisieren-Tag einigermaßen erträglich ist, muss man auch eine Produktion organisieren, die bei erträglicher Arbeit genug abwirft, damit man ansonsten seinen Hobbies nachgehen kann. Und dafür braucht man - Zahlen und Berechnungen."
Antwortet mir Richard dort. Den habe ich gerade erst kennengelernt. Ist ja ganz pfiffig, der Mann, dann macht es mir auch nix aus, mit eigentümlichen Verdrehungen konfrontiert zu werden, vielleicht sind es ja auch gar keine. Wäre ganz interessant, die von Rayson diagnostizierten und dem von ihm zitierten Björn aufgezeigten Mechanismen mal auf die Diskussion da drüben bei Lysis anzuwenden.

Auffällig ist zudem, daß die Argumente gegen Adorno von ganz weit links schon wieder so ganz ähnlich sind wie jene der Liberalen: Spinner! Und zudem auch noch ein von den Bösen adaptierter Spinner, in diesem Fall von den Antideutschen, und schon allein deshalb in die Tonne zu treten. "Ehrenrettung deplatziert".

Ändert jetzt auch nix dran, daß Lysis auch weiter zu meinen Lieblingsbloggern gehören wird - auch wenn rein strukturell da in mir nachhallt, wie Filbinger und Sontheimer im "deutschen Herbst" die Kritische Theorie dann für die RAF verantwortlich machen wollten. Sage mir, wer welchen Denker rezipiert, und ich sage Dir, was für ein Denker das ist. So auch Statler, der einst den Teddy mit Albert der "Flachköpfigkeit" bezichtigte.

Da dringt immer die gleiche Überheblichkeit gegen eine bestimmte Form der Intellektualität durch, die mich gruseln läßt. Habe dann immer den verstörten Adorno angesichts der aufgebrachten Studenten '68 vor Augen, wie er da kahlköpfig und verwirrt stand und der Situation ganz offensichtlich gar nicht gewachsen war. Habermas suchte die direkte Konfrontation, und Adorno blinzelte daneben nur und schien die Welt nicht mehr zu verstehen. Da hätte ich ihn knuddeln mögen, genau diese Form der Ohnmacht macht sein Denken so grandios.

Erstaunt die Augen reibe ich mir trotzdem, daß ein Denker wie Adorno, der in einem ja tatsächlich unhaltbaren dialektischen Universum schwebte und trotzdem so viel Erstaunlichesund Großartiges zu schreiben wußte, die Gemüter so erregen kann, und das so komplett unterschiedliche Gemüter.

Habe neulich in irgendeinem Dreifach-Künstler-Portrait auf dem ZDF-Dokukanal einen Performance Artist erzählen hören, wie er den Weg in die Künste fand. Die Fernsehzeitung war's, die ihn hinein führte. Da war dann irgendwo hinten - kenne ich auch noch aus der HÖRZU - immer die Witzseite, wo regelmäßig geunkt wurde über den Maler, der ein Portrait malt. Der Witz bestand darin, daß dieses dann aussah wie ein Werk des späten Picasso. Total lustig also. Aber es ist ja falsch zu behaupten, daß wer Visionen habe, eben zum Arzt gehen solle. Dieser Perfomance-Künstler spürte der Witzseite an, daß dieser Weg, den auch Picasso ging, eben Verhältnisse ganz anders in Frage stellt als Formen der Wissenschaft.

Wer sich auf die ästhetische Dimension des Werks Adornos nicht einläßt, sagt einfach nix Sinnvolles über diesen aus.

Das ändert in der Tat nix daran, daß nun gerade Picasso auf dem explodierenden Kunstmarkt bestens funktioniert - das verweist jedoch auf Möglichkeiten des Mensch-Seins, die Gründe liefern, sowas wie Kapitalismus überhaupt zu kritisieren. Oder, spiegelbildlich, verweist auf die Absurdität, von allen konkreten Verhältnissen abstrahierte und formalisierte Freiheit zu fordern, die über gelebtes Leben gar nix anderes auszusagen vermag, als daß italienische Oldtimer eben auch als Fetisch taugen.

Und wenn ich Debatten im liberalen und im kommunistischen Lager lese, dann finde ich genau solche Fragen und solche Antworten immer nicht ...gut, erster Schritt ist immer völlig zu Recht die Minderung von Leid, was ja Liberale und Kommunisten gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen.

Dennoch: Habe mich mein post-pubertäres Leben lang erst mit Sartre, dann mit Focualt gegen jede Form des Glücks-Diskurses gewehrt und beginne doch langsam zu begreifen, wieso der alternde Foucault das Stichwort von der "Ästhetik der Existenz" formulierte. Und ohne Adorno kann man diese gar nicht denken, glaube ich ... ja, ein Luxusproblem und im Falle s´der Landlosen Brasiliens nicht relevant. Nur randständig isses trotzdem nicht ...

22.05.07

Ausnahmsweise wirklich frei

P1010001.JPG

Wenn der Lars das macht, dann mache ich das jetzt auch.

Immerhin glotzt mich der da oben seit Wochen an und ich weiß auch nicht, was ich mit dem anfangen soll. Sieht auch so ganz anders aus als das, was sonst passiert, wenn ich in Farben pansche.

Jahrelang lagen die Tuben eh auf dem Weg zu Trockenheit und Staub zu Staub in meinem Tchibo-Rollkasten-System, bis der Thomas ungewollt erneut mich animierte .... und dann kam als erstes der da oben dabei raus, weiß gar nicht mehr wie, ich wollte nur spielen und rumprobieren, als ich noch gar nicht wieder wußte, wie man den Pinsel hält.

Und der wollte so bleiben. So'n Bild will ja was von einem, selbst die miesesten Zeichnungen und schlechtesten Schmiereien wollen irgendwas.

In meinem sonstigen Leben ist das meist schnurz, was der Gegenstand so wollen könnte, da muß dann kundenadäquate Form ihm übergestülpt werden. Na, in den Peripheriezonen nicht immer, aber im Zentrum. Da schreien dann rummelplatzinspirierte Hintergründe den Zugucker an, weil schrill und geschmacklos irgendein Chef sie wollte. So genießt man ergebnisunabhängig den Weg hin zu solchen wie dem da oben und fühlt sich ausnahmsweise mal wirklich frei. Die Adorno-Basher von weiter links begreifen ja genau das, genau diesen Prozeß nicht.

Und dann diskutiert man andernorts über Masken und fragt sich, ob man da eigentlich auch eine gemalt hat. Die afrikanischen waren z.B. Teil eines Initiationsritus, zum Teil zumindest - als Jünglinge in finstere Höhlen und Wälder gesteckt wurden und hungern und leiden mußten, um so die Erfahrung zu bestreiten, die den Weg zum Erwachsensein ebnet. Und da hingen dann auch Masken um sie herum, oder besorgte Eltern schauten zwischendurch maskiert vorbei, um zu erschrecken. Konfirmation und solche Sachen waren hier mal Ähnliches, die Frage ist, ob das heute nun die Abiturprüfung, das Casting bzw. Bewerbungsgespräch oder der erste Hartz IV-Antrag ist, der hiesige Initiationsritus? Das erste Besäufnis, der erste Sex, der erste entfernte Leberfleck, was isset wohl?

Der da oben guckt ein wenig so, als sei er ein Gutachter für gelungene Initiationen. Als sei er die Prüfung. Wollte ihn ja erst "Der Investor" nenne, aber das war mir dann doch zu plump und blöde und falsch. Irgendwas hat der aber trotzdem mit Masken zu tun. Er sagt mir nur nicht, was ... vielleicht heißt er auch nur "Der da oben".

21.05.07

Lack, Leder, Strapse: Stoff für RARsisten, das Forum ist down! (Erik, tu was!)

"Besonders der Fetischbegriff ist unzertrennlich mit Afrika verbunden. Abgeleitet von spätlateinisch "facitius" und portugiesisch "feiticio", "künstlich gemacht", geht er auf die Frühzeit des Endeckungszeitalters zurück. Als die portugiesischen Händler und Missionare sich im 15./16. Jahrhundert an den Küsten Westafrikas etablierten, meinten sie in ihrem religiösen Eifer dort jene Verehrung "künstlicher Gegenstände", also jene Praktiken von Hexerei, Idolatrie und Teufelsanbetung wieder zu finden, deren scharfe Verfolgung zur gleichen Zeit eines der Hauptanliegen der katholischen Kirche in Europa war. "Idol-" bzw. "Fetischverbrennungen" wurden im Gebiet des engsten Verbündeten Portugals, dem Königreich Kongo, veranstaltet, dessen Elite zum Christentum übergetreten war und das frühes Missionsziel war. Seitdem ist der Aufstieg des Fetischs als europäische Projektion des zugleich gefährlich Faszinierenden und Unterdrückten auf Afrika unaufhaltsam. Als die Holländer und andere europäische Mächte den Protugiesen nach Afrika folgten, verfestigte sich die Disqualifizierung aller afrikanischen religiösen Praktiken als Fetischismus, damit als bar jeder Manifestation des reinen Geistes Gottes. Die reale Beschaffenheit, ganz zu schweigen von der Vielfältigkeit, Tiefe und soziopolitischen Implikationen, kosmologischer Vorstellungen und Weltbilder in Afrika diente nicht nur zur Herabsetzung der Afrikaner und ihrer Versklavung, sondern blieb auch weiterhin fest im europäischen Diskurs verwurzelt. Sie stand zunächst im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Reformation um die Bedeutung der katholischen Sakramente und deren Reliquienkult, in den die Protestanten mit dem Fetischismus verwandte Praktiken sahen und diente dann den Philosophen der Aufklärung als Argument für die Unvernunft der Religion."
Paola Ivanov, Afrika-Europa in den (Kunst)-Objekten, in: Peter Junge (HG.), Kunst aus Afrika, Köln/Berlin 2005, S. 36-37

Einer meiner ersten Comics war "Tim und der Arumbaya-Fetisch", der spielt allerdings bei den "Kopfjägern" im Amazonas-Becken. Und "Tim im Kongo" gibt's ja auch - 'n Belgier halt.

Da denkt man zudem an den adornitischen "Fetischcharakter der Ware" und ruft zugleich innerlich aus: Ran die Sneaker, Norbert Bisky!

PS: Jetzt isses wieder da, das Forum. Macht ja nix. Die meisten lesen ja wahrscheinlich eh hier mit.

Danke!

An wen auch immer - einfach dafür, daß es so wundervolle Dinge wie Spargel, Kartoffeln und Butter gibt!!!!!!!!!!!!!

20.05.07

Ohne Worte!

Und so sitzt man auf einmal da und heult.

SMSsen treffen ein: "Yaaaaaaaaaaaaaaah!" Ich rufe Freunde an, weil ich bange, daß sie in irgendwelchen Parks sitzen und das gerade nicht mitbekommen. Drangsaliere den Hund mit Freudenschreien, bis der ganz kirre durch die Gegend hüpft. Will schon zum Nachbarn laufen, dem ich genau das bereits in der Winterpause prophezeite - da hat der mich noch ausgelacht.

Das Forum abgestürzt, der Basis-Ticker auch. Zum Glück gibt's den NDR .... so starre ich eine Halbzeit lang auf den Bildschrim und ertrag's nicht mehr. Surfe 'n bißchen rum.

Dann läuft auf der Mini-Disc, die ich seit einem Jahr oder so nicht mehr gehört habe, Johnny Cash' Version von "You'll never walk alone". Da war mir alles klar: Muß geklappt haben. MUSS TATSÄCHLICH GEKLAPPT HABEN!

Also ran an den NDR-Ticker: 3:0 für St. Pauli. In Erfurt!!!!!!!!!!!!! Der erste Sieg im Osten seit 2003! Einen Tag, nachdem Schalke wieder Zweiter wurde - das war damals nämlich auch so, die berühmte "Meisterschaft der Herzen", am Tag vor dem Nürnberg-Spiel. Immerhin haben wir auch lauter Stuttgarter im Kader.

Ich glaube, sogar das Datum haut hin. Was waren wir in der Winterpause? Zwölfter? Dreizehnter? Was haben wir zu Sasionbeginn für Grottenkicks abgeliefert - mit Schauern erinner ich mich an das Spiel bei der Zweiten der Hertha auf dem Prenzlauer Berg .... und jetzt 6 Punkte und 9 Tore vor dem Dritten, zwei Spieltage noch. Hallelujah.

Und so sitzt man auf einmal da und heult ...

19.05.07

Wie man Kritik bestätigt, indem man sie zurückweist

Herr Meller ist ja ein Schelm. Der findet, es besteht kein Unterschied zwischen Wladimir Putin, Herrn Stolte, Ex-ZDF-Intendant, und Konrad Adenauer (via B.L.O.G.). Und wirft ebenso unsinnig wie manch Empörungskönig in den Kommentarspalten liberaler Blogs mit dem Wort "totalitär" um sich, daß es nur so scheppert.

Nun wäre ein Adenauer-Putin-Vergleich schon außerordentlich spannend, wenn er denn über die Ebene der Suggestion hinausginge. Eben jener, die implizit in Herrn Mellers Text vorgenommen wird.

Interessant an dem, daß er text-strukturell genau das bestätigt, was Jürgen Habermas hier befürchtet:

"Hörer und Zuschauer sind nicht nur Konsumenten, also Marktteilnehmer, sondern zugleich Bürger mit einem Recht auf kulturelle Teilhabe, Beobachtung des politischen Geschehens und Beteiligung an der Meinungsbildung. Aufgrund dieses Rechtsanspruches dürfen die Programme, die eine entsprechende "Grundversorgung" der Bevölkerung sicherstellen, nicht von ihrer Werbewirksamkeit und der Unterstützung durch Sponsoren abhängig gemacht werden."
Er vertritt dieses in Auseinandersetzung mit einem (annähernd) rein privatwirtschaftlich organisierten Fernsehen in den USA, das, wie überall, wo es diese gäbe, enorme "Flurschäden" hinterlassen habe.

Schwäche seines Textes ist vor allem, daß er eine Situation wie jene aktuelle, daß nationale Medien-Institutionen wie die SZ in die Hände von "Heuschrecken" fallen könnten, insofern als neu beschreibt, daß nunmehr auf einmal und ganz plötzlich die Ökonomie dort regierte. "Heuschrecke" als Begriff hat sich ja eingebürgert, ich verwende den mal ausnahmsweise deskriptiv.

Eigentlich müßte Habermas - einer der für mich wohl wichtigsten Denker - ja diskutieren, wieso privatwirtschaftliche Einheiten wie die SZ oder die FAZ oder der SPIEGEL teils heute noch, teils in ihren "herorischen" Phasen sich, trotzdem es sich um privatwirtschaftliche Einheiten handelt, eben doch einem allgegenwärtigen Popularitätsdruck sich entziehenn konnten und demokratische Wirkung entfalteten. Der SPIEGEL konnte dies allerdings tatsächlich nicht mehr, seitdem das Privatfernsehen Wirkung zeigte, andere schon.

Das macht er nicht, stattdessen fordert er in ganz klassischer Manier ein Ergänzungsverhältnis von Staat und Privatwirtschaft. Eine Variante eben jenes Gedankens, den auch Ordoliberale wie Ludwig Erhardt faßten, als sie sich sowas wie eine "Soziale Marktwirtschaft" ausdachten. Habermas dazu:

"Die hessische Landesregierung hat seinerzeit der Frankfurter Rundschau mit einem Kredit unter die Arme gegriffen - ohne Erfolg. Einmalige Subventionen sind nur ein Mittel. Andere Wege sind Stiftungsmodelle mit öffentlicher Beteiligung oder Steuervergünstigungen für Familieneigentum in dieser Branche. Keines dieser Experimente, die es andernorts schon gibt, ist ohne Folgeprobleme. Aber zunächst ist der Gedanke der Subventionierung von Zeitungen und Zeitschriften selber gewöhnungsbedürftig.

Aus historischer Sicht hat die Vorstellung, dem Markt der Presseerzeugnisse Zügel anzulegen, etwas Kontraintuitives. Der Markt hat einst die Bühne gebildet, auf der sich subversive Gedanken von staatlicher Unterdrückung emanzipieren konnten.

Aber der Markt kann diese Funktion nur solange erfüllen, wie die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht in die Poren der kulturellen und politischen Inhalte eindringen, die über den Markt verbreitet werden."

Hier erwähnt Habermas nebenbei, was ja eigentlich diskussionsbedürftig wäre. Wie geht denn das, daß historisch der Markt die Bühne gebildet hat für jene Emanzipation von staatlicher Bevormundung, daß jetzt hingegen die Ökonomisierung politischer und kultureller Inhalte die Funktionsweise der Öffentlichkeit sabottiert?

Herrn Meller interessiert das bedauerlicherweise einen Scheißdreck. Der putinisiert da vor sich hin in Zuspitzungen, und genau darin hat Habermas dann eben recht: Die popularisierten Formen sind ja das Problem, das Öffentlichkeit sabottiert.

So müßte man ganz wie Adorno, auf den Habermas sich beruft, eben jene Mechanismen untersuchen, die genau dazu führen, zu Texten wie jenem von Herrn Meller.

Ich glaube, daß das nicht nur ökonomische sind, kann das aber auch nur andeuten. Immerhin waren verschwurbelte Stil-Verdreher wie die SPIEGEL-Autoren jahrzehntelang ökonomisch außerordentlich erfolgreich; der "Lieschen Müller"-Stern war es an dem Punkt nicht mehr, wo er Glaubwürdigkeit einbüßte aufgrund der Hitlertagebücher.

Noch eine Schritt zurück - deshalb das Intro mit Adenauer: Dieser wollte bekanntlich das ZDF als Regierungssender gegen die ihm zu freche ARD etablieren und ist damit nicht durchgekommen. Das war nun tatsächlich ein Putinscher Plan. Wie kann's denn sein, daß die ARD, trotzdem sie Staatsrundfunk war in ihrer so hinreißend ineffizienten Struktur, so frech wurde? Und wie kam's, daß Adenauer sich nicht durchsetzen konnte und das ZDF zwar bis heute einen katholisch-konservativen Einschlag hat, Regierungssender aber auch nicht wurde?

Noch eins drauf: Die SPIEGEL-Affäre. Das Vorgehen des Herrn Strauß war nun wirklich ein totalitäres Agieren, er ist damit aber nicht durchgekommen. Hier nun zeigte sich genau die Oppposition "des Marktes" gegen bevormundende Staats-Agenten. Oder doch nicht nur?

Der Einfluß von Parteien auf das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ist ja unbestritten. Es führt aber im wesentlichen zum Interessen-Ausgleich - wenn Du zwei CDUler im Interview hast, müssen eben auch zwei SPDler und je ein Grüner, FDPler und neuerdings, zähneknirschend, auch einer von der Linkspartei her. Bei Gysi knirscht allerdings keiner mit den Zähnen, der hat eben Unterhaltungswert, das ist gut für die Quote. Eine Frau Engelen-Käfer hätte keine Chance in Unterhaltungssendungen, Gewerkschaften gelten auch als nicht mehr einzubeziehen. Kein relevanter Machtfaktor mehr. Und die GRÜNEN werden sich bei Programmdirektoren schon melden, wenn sie glauben, daß man sie vergessen hätte - da spreche ich aus Erfahrung.

"Totalitär" wird das Ganze doch nur, wenn die O-Ton Geber auf einmal alle das gleiche sagen würden, liebe Volkswirtschaftler. Wenn also alle fänden, ihr hättet recht. Alle. was übirgens tatsächlich zu einem potenziell totalitären Kern der Habermasschen Theorie überleiten würde, wo eben ein Sich-Einigen auf Wahrheits- und wahrheits-analoge Fragen im Zentrum steht. Durch die Psäsupppositionen argumentatver Rede könnte dieser sich allerdings nie entfalten.

Bei CDU und SPD z.B. kann man ja tatsächlich nur noch Binnennuancen ausmachen, und das macht mir auch viel mehr Angst als staatlich subventionierte Zeitungen.

Das hat Habermas selbst implizit mit seiner Unterscheidung zwischen "System" und "Lebenswelt", letzteres ergänzt durch ein normatves Konzept der Öffentlichkeit, bestens vorbereitet, das zu denken.

Wie "Lebenswelt" und "Öffentlichkeit" zueinander in Bezihung stehen, das kann man ja im verlinkten Essays nachlesen. Weiter habermasisierend kann man behaupten: Gesellschaftliche Handlungssysteme neigen dazu, sich zu schließen und dann z.B. im Falle der Politik Wähler nur noch als zu beherrschende Umwelt zu betrachten, im Falle der Wirtschaft sind diese Umwelt Kunden und Konkurrenten, ggf,. auch die Mitarbeiter selbst, die zu beherrschen wären.Das ist die These von der "Kolonisierung der Lebenswelt" durch Wirtschaft und Bürokratie.

Meiner Ansicht nach ist insofern aktuell das Problem, daß

1.) die "politische Klasse" sich als "Expertensystem" versteht, das dann den dummen Wählern z.B. Hundegesetze verordnet, weil sie's eben besser weiß. Herr von Beust agitiert aus dieser Perspektive ja sogar gegen Volksentscheide. Das ist eine Abkopplung von dem, was die Grünen in den frühen 80ern durch das "imperative Mandat" zu lösen suchten. Würde man jetzt staatlich gestützte Zeitungen haben, dann würde diese Struktur sich eben reporduzieren. Aktuell haben wir in Hamburg jedoch den gegenteiligen Fall: Die BILD gibt vor, was der Senat enstcheidet - so stellt sich das mir zumindest dar. Demokratisch ist das auch nicht.

2.) natürlich bei Investoren, die irgendwo in London sitzen, ein Interesse an der Struktur demokratischer Öffentlichkeiten gar nicht mehr bestehen kann. Wieso denn? Die gucken halt auf Zahlen. Würden sich kommunistische Postillen bestens verkaufen, dann würde wahrscheinlch sogar dort investiert. Konträres spielt sich jedoch in Redakteursköpfen ab: Wer kritisiert schon die Wirtschaft, von der er selbst lebt? Und vor allem die großen Anzeigenkunden? Mir ist aber auch ein Rätsel, wie dergleichen aufzulösen wäre: Angenommen, man gründet Kunstvereine und will sich Ausstellungen von Kulturbehördern fördern lassen, an deren Spitze Senatorinnen sitzen, deren Politik man verachtet: Was denn dann?

3.) Der Herr Meller übersetzt Habermas Text in dramatiserte, antagonistische Prinzipien und ignoriert dabei Binnedifferenzen. Weil Habermas eben von staatlichem Flankieren ausgeht, z.B. in Form von Stiftungen, und nicht Wirtschaft durch Staat ersetzen will. Das dann antagonistisch zu strukturieren macht sich immer gut und liest sich spannender, so schreibt man ja auch Drehbücher. Was ich hier schreibe, wäre dem Schlußredakteur auch viel zu kompliziert - "Mach das mal knackiger. Komm, erklär mal den Habermas für böse"
!" Dabei kommen dann Sätze wie der folgende raus:

"Ich hoffe inständig, dass das gnostische Schema von Gut und Böse, dass Sie leichtfertig auf Liberalismus und Neoliberalismus anwenden, nicht zur Ideologie wird, die sich irgendwann auf Sie beruft."

Wehret den Anfängen! Nietzsche! Wagner! Hitler!

Das ist Lichterketten-Rhetorik und zudem unsinnig. Das hat dem wahrscheinlich ein Investor diktiert ;-) ....

Das verweist aber noch auf ein ganz anderes Problem: Will man all diese popularisierenden Zuspitzungen vermeiden, dann hört einem keiner mehr zu, gucken wenige, und kaufen tut's schon gar keiner mehr.

Da dann als Antwort selbst ein journalistisches-Elitesystem als Kompensation aufzubauen, das ist ja selbst nicht so einfach zu begründen. Weil eben anders als in der Wissenschaft Medien über Auflage, Reichweite, Zielgruppenspezifik oder Quote als Markt-Analogie funktioneiren, auch im Rahmen des Öffentlich-Rechtlichen selbst.

Aber wie man aus der Nummer raus kommt, das überlasse ich mal der Dikskussion - es ist auf jeden Fall das zentrale Problem der Theorie von Habermas selbst, wo doch der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" historische Siege erzielen können soll ...


17.05.07

Irre ich?

Das und das müßte man einfach mal systematisch vergleichen - dazu fehlt mir aktuell die Kondition.

Abgesehen von der diagnostizierten Internalisierung der Herrschaft und den daraus folgenden "umgekehrten Vorzeichen" ist das doch deskriptiv ziemlich nah beieinander? Nur, daß die einen schlimm finden, was der Statler gut findet? Affirmativ versus kritisch, sozusagen? Und kritisieren tun sie dann auch noch ganz Ähnliches, nur wiederum mit konträren Bewertungen als Grundlage der Kritik und somit komplett entgegengesetzten Folgerungen? Oder bin ich ich einfach noch nicht ganz wach und lese mich mal wieder um Kopf und Kragen?

Wenigstens muß ich mich jetzt nicht mehr dafür schämen, in dieser Diskussion hier dem "aergernis" keine Gründe geliefert zu haben, nach Heiligendamm zu fahren.Uff! Schade nur, daß zwei ewig lange Kommentare von mir dort im SPAM-Filter gelandet sind ... und meine mail, die darauf hinwies, dann wahrscheinlich auch.

16.05.07

Sätze, die Leben verändern können ...

.... indem sie Denken revolutionieren - meines zumindest.

"Die Geneaologie dieser "Mikrophysik" der Strafgewalt wäre also eine eine Genealogie der modernen "Seele". In dieser Seele wäre nicht ein wiederbelebtes Relikt einer Ideologie zu erblicken, sondern der aktuelle Bezugspunkt einer bestimmten Technologie der Macht über den Körper. Man sage nicht, die Seele sei eine Illusion,oder ein ideologscher Begriff. Sie existiert, sie hat eine Wirklichkeit, sie wird ständig produziert - um den Körper, am Körper, im Körper - durch Machtausübung an jenen, die man bestraft und in einem allgemeineren Sinn an jenen, die man überwacht, dressiert, und korrigiert, an den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolonisierten, an denen, die man einen Produktionsapparat bindet und ein Leben lang kontrolliert. (....) Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resulat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine "Seele" wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt."

Michel Foucault, Überachen und Strafen, Frankfurt/M. 1989, 8. Auflage, S. 42-43

Habe als Student, '89 oder so, "Wow!" mit Bleistift oben auf die Seite geschrieben. Und dann gibt's noch Leute, die freiwillig Psychologie studieren ...

Zeichnen

Kommentar 71 da unten fand ich so gut, den hole ich - in der Hoffnung, daß T. Albert nix dagegen hat, einfach Bescheid sagen - jetzt einfach mal als Eintrag hier hoch:


"Bei Wahrnehmungsfragen hilft Zeichnen sehr sie zu stellen. Die Antwort, die man dabei immer wieder findet ist, dass wir nicht wissen können wie ein Gegenstand "objektiv" aussieht. Altes Thema der Impressionisten und Cezannes. Oder Giacomettis.
Aber es sind die Psychologen, die die Künstler und ihre Wahrnehmung untersuchen. Umgekehrt kommt das nicht vor. Ist institutionell auch weder wissenschaftstheoretisch noch kunstbetrieblich vorgesehen."

T. Albert

14.05.07

Verfrachtet sie in Callcenter!

Na gut, R.A. ist ja auch ein leichtes Opfer. Trotzdem. Da kommentiert der Rayson außerordentlich verständnisvoll den Brief eines Telekomm-Mitarbeiters, in denen all die Erfahrungen stecken, die ich auch seit Jahren mache. Und dann kommt die Meute, wittert Gewerkschaft, und plädiert für "fit statt fett":

"Das fängt schon an mit dem Selbstbild der Mitarbeiter. Natürlich gab/gibt es dort engagierte, fleißige und kompetente Leute. Aber deutlich weniger als bei anderen Firmen. Es waren nämlich NICHT die ehrgeizigen Leute, die etwas bewegen wollten, die zur Post gingen. Sondern eher die, die einen ruhigen Beamtenladen schätzten, in dem man sich nicht überarbeitete und in dem sich möglichst wenig änderte. Wenn der Typ schreibt: “die wir immer und immer wieder unser Privatleben den Interessen der Telekom und der Kunden untergeordnet haben” dann muß er in einem anderen Paralleluniversum gearbeitet haben. In der realen Telekom wurde doch schon der Betriebsrat alarmiert, wenn die Frühstückspause wg. Kunden um 10 Minuten verschoben werden mußte."
Als Belegschaften noch Rechte hatten ... diese Klischeesauce ist mindestens genau so beknackt, wie ein General-Haß gegen jede Form des Managements. Rayson plädiert für wechselseitige Perspektivenübernahme, und die Antwort ist: Ach, die müßten nur mal ordentlich die Peitsche spüren, charakterloses Volk, und ich sag denen jetzt mal, wie sie sich sehen sollten! Faules Pack!

Fällt da eigentlich keinem der liberalen Freunde auf, daß das genau die gleiche Créme Fine-Sauce ist wie die allseits zu Recht gegeißelte "Ernährungsoffensive" der Ministranten da in Berlin? Wenn ich diese hysterisierten, überkandidelt freundlichen, penetrant frischen Callcenter-Stimmen höre, die einem alle 2 Tage irgendwelche neuen Telefontarife aufzwängen wollen, dann sehne ich mich so richtig nach der guten, alten Telekomm-Grummeligkeit. Wo man seinen Telefonanschluß übrigens sehr schnell bekam, wenn man Bereitschaftsdienst in der Behinderarbeit hatte ;-) ...

Das ist ja ein uralter Hut, daß Metaphoriken aus der Gutfried-Lätta-Welt "Unternehmensreforrmen" prägen, die Verschlankung und die Gesundheit verweisen auf mythische Kerne der Rhetorik der Super-Persona, die so ein "Organismus" wie ein Unternehmen sei. Die übrigens auch dem Nationalismus und seinem Volkskörper inhärent ist.

Also ein Hinaufprojizieren individueller Selbstverhältnisse und Handlungsformen auf ein - im besten Falle - Kooperationsgeschehen ganz vieler. Da kommt dann die gleiche "Erziehungsberechtigung" bei raus, die am paternalistischen Staate so lautstark attackiert wird.

Daß Menschen wollen, daß sie auch noch Privatleben haben und ihr Leben eben selbst gestalten, statt es von Managements gestalten zu lassen; daß vereinbarte Regeln eingehalten werden und der schwächere Part sich Interessenvertretungen sucht, ist dann Zeichen mangelnden Ehrgeizes. Und wenn schon!

Ich kenne das selbst, Dienstleister, wo unsere Hardcore-Unternehmenskultur der permanenenten Unterordnung des Eigenen unter "Flexibilität" und Handlungs-Fitness schlicht aufläuft, oft tatsächlich ältere Firmen, die schon länger am Markt sind.

Und da ereifert man sich dann gerne als New Economy-Deformierter, weil man die freiwillige Selbstausbeutung gewöhnt ist, die dazu führt, daß Andere einen nach 15 Jahren nicht mehr wiedererkennen (gut, Everybodys Darling war ich nie, trotzdem). Steht da wie Rumpelstilzchen und ist im Grunde genommen einfach nur neidisch, daß Andere sich die Räume schaffen, in denen Lebensqualität dann möglich ist - und man selbst schlicht zu blöd dafür ist.

Aber dafür gibt's ja nun das Selbstbild von Managements, dem Pöbel die Flausen ordentlich auszutreiben. Wie damals der ostelbische Junker.

Wann gründen sie den neuen Ostmarkenverein? Ach, braucht man ja gar nicht mehr. Heutzutage geht das ja anders.

12.05.07

Hier kommt: Rock'n'Roll!

"Hier kommen die Jungs mit den Egoproblemen (...) hier kommt das Leben, und was davon übrig blieb - viel mehr als mir lieb ist, hier kommt: Rock'n'Roll!

Hier kommen wir und packen unsere Sachen, verlassen die Städte, um Liebe zu machen. Hinterlassen keine Zeichen und drehen uns nicht um, hier kommt der Sommer, hier kommt: Rock'n'Roll".


Sowas hört sich ja inmitten der Midlife-Crisis anders als mit 20. Meine aktuelle Hymne, von den Flowerpornos. Liedermacher-Pop, soft, sweet an lazy: Ein verhaltener Song zum Wunderkerzen zünden. Und sooooooooo schön. Mannomann. Gibt ja dieses seltsame Wort "Lebensgefühl", diese Melancholie, erschöpft, die's trotzdem will, die trifft's schon, was ich aktuell so fühle.

Kenne so irrsinnig viele Leute, die in den frühen 90ern in die Medienexplosion vorstießen, die dann von der New Economy einmal durchgeschleudert wurden und seitdem einfach machen, so vor sich hin, die irgendwie um ihre Utopie betrogen wurden.

Die einen lebten sie in Underground-Techno-Clubs, die nächsten rund um die Hafenstraße, und die Hip Hop und Pudel-Fraktionen gehören da ja auch mit zu.

Wieder andere suchten ihre Utopie im Wirtschaften selbst und glaubten all die Startup-Phrasen, die von Low Spirit beseelt dann Leute, die ganz anderes suchten, in die ganzen Internet-Klitschen trieben und dort versanden ließen.

Und jetzt sitzen sie da, das große Geld haben doch wieder nur die Schweine gemacht, jene, die selbst noch linke Sprüche draufhaben und sich vor sich mit Notwendigkeiten rechtfertigen, die im Tempo-Kosmos weiterschweben und auf "BRAVO" als Kult hängen geblieben sind, dabei aber die ekligsten Schleimer und Lügner sind und sich Ausbeutung viel größer auf die Fahne geschrieben haben als alle Generationen davor, während sie andere Leute bescheißen. Und die Anderen, von diesen Ausgesaugten seufzen sich durch ihr Leben, weil man ja muß.

Das hat für mich viel mit meinem FC St. Pauli zu tun. Als ich, völlig fußball-desinteressiert, damals erstmals das Stadion betrat, fiel mir als erstes auf, daßda all die Gesichter, gealtert, doch trotzig, rumliefen, die ich noch aus Dschungel, Mitternacht und Subito kannte. Die gab's alle noch. Und die waren da. Und dann lief mir, noch nicht Präsident, auch noch Corny Littmann über den Weg - in diesem kleinen Stück Utopie der ersten zwei Jahre seines Schmidt's Tivoli, als ich 15 mal "Beiß mich, ich will das Leben spüren" guckte, habe ich ja doch die dollsten Zeiten verlebt.

Und das war da alles versammelt am Millerntor: Meine Biographie, sozusagen, die ich mit so vielen anderen dann eben doch teile.

Und heute spielen wir gegen die Fortuna aus Düsseldorf und können einen weiteren Schritt auf die Zweite Liga zu machen. Bitte, bitte, bitte, lieber Fußballgott! Wird einfach Zeit, daß Leute wie wir wenigstens wieder in der zweiten Liga mitspielen. Nee, für die Dritte sind wir nun doch noch zu agil. Und wollen noch zu viel.

In der Ersten spielen eh fast nur die Schweine, und in den V.I.P.-Logen fressen sie dann Scampis und hauen rassistische Sprüche raus, zumindest beim HSV soll das so sein. Bezahlen das von der Kohle, die sie unserer Lebenszeit abgerungen haben. Sollen sie doch. Lieber glücklicher Zweitligist als Schwein sein - hier kommt: Rock'n'Roll!

11.05.07

Guildo hat euch lieb!

Was mich ja doch wundert, ist die Empörung über diesen Vorgang auf liberaler Seite.

Da schreibt man sich ein Jahr lang die Finger wund, um darauf hinzuweisen, daß Hierarchien und Interessen im realen Wirtschaftsleben sowas wie Meinungsfreiheit aushebeln und einfach nur Linientreue an vorgefertigte Meinungen, im schlimsten Fall Sponsoreninteressen folgend, produzieren - und jetzt wundern sie sich.

Ja, Leute, glaubt ihr denn wirklich, daß das nicht normalerweise im Vorfeld eh immer schon passiert ist, die freiwillige Selbstzensur aller mir bekannten Journalisten? Was glaubt ihr denn bitte, warum ich hier unter einem Pseudonym schreibe?

Genau dieser Vorgang ist doch prototypisch für eure ach so groß geschriebene Freiheit im ganz alltäglichen Kapitalismus, Leude. Der schaltet gleich.

Und der Springer-Verlag agiert eben aus seinen Eigentumsrechten heraus gegen Herrn Posener, als genau das, was ihr sonst so toll findet.

Den Alan Posener mag ich ja trotz allem, was er sonst so schreibt, und diese Attacke auf den Hundehasser mit der schlechten Frisur ist ganz schön mutig. Sowas macht ansonsten einfach keiner mehr. Die Reihen fest geschlossen!

Und eben der Dieckmann, das ist das, was beim Kapitalismus hinten rauskommt, mal, zugegeben, etwas allzu plakativ paroliert ... nee, nix da "Das ist Demokratie", meines Wissens hat die BILD unter ihm deutlich an Auflage eingebüßt, kann mich irren, anders als beim tatsächlich ziemlich beeindruckenden Herrn Röbel zuvor. Aber der Dieckmann bedient bestimmte Interessen eben besser, dann verzichtet man sogar mal auf Kohle. Während Röbel eben nicht auf diesen unappatitlichen Kampagnen-Journalismus setze, seine Rolle beim Gladbek-Drama jetzt mal außen vor gelassen.

Na, auf jeden Fall Glückwunsch, Herr Posener. Ich hab Sie lieb!

10.05.07

Kampf um Anerkennung

"Der Kolonialismus wird hier als ein sozialer Zustand der die intersubjektiven Beziehungen der wechselseitigen Anerlkennung auf eine Weise defomiert, daß die Beteiligten Gruppen gleichermaßen in ein quasineurotisches Verhaltensschema gepreßt werden: während die Kolonisatoren die Selbstverachtung, die sie gegenüber sich selbst empfinden, weil sie Eingeborenen systemtisch entwürdigen, nur durch Zynismus oder gesteigerte Aggression verarbeiten können (kenne ich aus der Medienpraxis auch, diese Attitude, im weit harmloseren Kontext also, MR), vermögen die Kolonisierten die "täglichen Beleidigungen" allein durch die Spaltung ihres Verhaltens in die beiden Teile einer rituellen Überschreitung und einer habituellen Überanpassung zu ertragen."
Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt/M. 1994

Honneth referiert hier Sartres "Die Verdammten dieser Erde" - aufwachen! Wobei gestern ja mal wieder eher der alte Seyfried-Witz von "Macht auf, Verdammte dieser Erde" wahr wurde.

Wollte eigentlich für Boche ein prägnantes Zitat zu wechseleitigen Anerkennungsverhältnissen raussuchen, und dann fand ich das.

Die Struktur ist ja dennoch deutlich: Ganz, wie Sartresche Variante des Subjekt/Objekt-Schemas es verlangt, schwingt sich hier eine Seite zum Subjekt auf, daß sich anmaßt, die Andere zu objektivieren und zu instrumentalisieren. Im konkreten Fall auch mittels Gewalt, die Struktur jedoch ist allgemeiner.

Und die andere Seite kommt nicht umhin, auf eben diese Objektivierung zu reagieren - sie wird zum Teil ihres eigenen Seins, um in Sartres Terminologie zu bleiben. Interessant ist auch, bezieht man dieses auf die Habermassche These von der Kolonisierung der Lebenswelt durch Systemimperative von Wirtschaft, Politik und Bürokratie: Ob Hatz gegen Dicke, Raucher oder sonstwen, man kommt nicht umhin, sich dazu zu verhalten, und insofern prägt dies dann Selbstdefinitionen.

In dieser Diskussion kann man das gut verfolgen: das geht's um Bilder, die man wechselseitig voneinander zeichnet, und wenn man dann den Spieß umdreht und sich nicht mehr objektivieren läßt, sondern eben den Anderen definiert, dann entspricht das genau der Dynamik, die Sartre in "Das Sein und das Nichts" im Kapitel über das "Für-Andere-Sein" beschreibt.

Denker wie Axel Honneth, implizit auch Habermas, am brilliantesten jedoch Jessica Benjamin stellen diesem Modell des wechselseitigen, unaufhörlichen Objektivierens Modelle der Anerkennung des Anderen in seinem Selbstverständnis, seiner Selbstdefinition und seinem konkreten So-oder-So -Sein entgegen, und Honneth deutet das dann auch historisch: Soziale Konflikte ließen sich nicht unmittelbar und ausschließlich über Interessenverfolgung beschreiben, sondern eben auch als "Kampf um Anerkennung" verstehen. Z.B. jenem der ehemals Kolonisierten, eben nicht als primitiv und näher an der Natur behandelt zu werden, sondern eben selbst als autonome Subjekte. Was ja dringend nötig ist - bis heute. kurzum: Daß man mit ihnen redet, nicht über sie. Ein Gedanke, der bei all dieser verschnöselten und unerträglich überheblichen Arroganz der Pro-Westler schon fast wieder revolutionär erscheint ...

09.05.07

Tarzan und Jesus

"Sing mir rein unrealistisches Lied!" singt der Funny van Dannen hier gerade und treibt mir damit sozusagen die Tränen in die Augen - und dann stoße ich auf die Diskussion dort und verlinke einfach mal, weil das ganz spannend ist.

08.05.07

Ich bin verdammt zu warten im Investorengarten ...

Ich wurde verkauft! Als Teil einer Produktpalette! Andere Leute kaufen sich Wohnungseinrichtungen, meine neuen Herrscher dann eben mich als hübsche Farbe am äußersten Rande des Angebots.

Nicht, daß ich irgendwas davon hätte, die Kohle - immerhin zweistelliger Millionenbetrag - wird an andere Leute überwiesen. Wobei ich zweien davon das von ganzem Herzen gönne, anderen kein Stück. Weil die sich vor allem dadurch auszeichneten, allerlei Kontrollinstanzen zu stützen, die mich ganztägig an der Arbeit hindern. Und dafür bekommen die dann Jahre später Millionen überwiesen. Und die Kontrollinstanzen verdienen das doppelt bis sechsfache von mir. Irgendwas mache ich falsch.

Habe ich jetzt eigentlich noch normale Bürgerrrechte, so als nach Britannien Verkaufter? Die sollen ja sowieso ersetzt werden, die Bürgerrechte - durch Besitzrechte. Weil dann alle reich werden und es allen besser geht.

Das mit dem reich werden habe ich jetzt ja gerade durchleben dürfen .... ich schufte mich tot, werde alt und fett, und derweil freut sich irgendwer an der Themse über die hübschen Acessoires, die ich gestalte, im Vorgarten seines Imperiums ... nix gegen Briten, was wäre ich ohne deren Popkultur, ein Häufchen Fred Bertelmann oder so, 'nen lachender Vagabund allenfalls ... dannn doch lieber englische Rosen, L.D. Braithwaite kann ich z.B. jedem empfehlen, und meine Produkte inmitten derer als irgendwas Kleines, Getöpfertes, Handgemachtes, 'nen Frosch oder 'ne Deko-Kugel in preußischblau, umgeben von all den industriell gezogenen Petunien und Hibiski (ist Hibiski das Plural von Hibiskus?) - entzückend!

06.05.07

Sarkos Geist

Ich geb's zu: Die aktuelle Staffel von "Deutschalnd sucht den Superstar" habe ich verfolgt. Auch wenn ich diese seltsamen Auslese-Sendungen - übrigens im Gegensatz zu anderen Ranking-Shows - nicht ausstehen kann, der Mark Medlock ist einfach der Hammer. Eine solch gigantische Stimme habe ich länger nicht gehört, Wahnsinn.

Zudem: Ein schwuler "Kanacke", Hartz IV-Empfänger, der fast nur in in's prollige gewendete Tuntensprüche ausstößt, das gefällt mir schon. Auch dieser seltsame Flirt auf großer Bühne, als Subplot durch die Sendung gezogen, zwischen ihm und einem von Deutschlands Liebslingsprolls, Dieter Bohlen (der andere ist Atze Schröder) - das fand ich schon bemerkenswert. Ganz schön souverän, der Bohlen, für 'ne Hete. Daß der auf großer Bühne begeistert ausruft "Das ist der erste Mann, der mir gesagt hat, daß er mich liebt!", das hat schon was. Was ich sonst von Dieter Bohlen halte, muß ich hoffentlich nicht erläutern.

So freute ich mich tatsächlich, daß der blauäugige Junge, gesanglich ein Bernd Clüver für Kleinstadt-Vororte, der gestern mit seiner ach so klassisch deutschen Famile samt Mittelstands-Schnurrbartvater gegen den Medlock so abschmierte.

Letzterer saß da neben seinem kahlrasierten "Kanacken"-Bruder, vor dem Gaywest hinter die nächste Mülltonne flüchten würden, die amerikanische Hymne beschwörend vor sich hinsummend, in tiefer Überzeugung, daß dieser ihnen sofort und auf der Stelle der Freiheit berauben will, gesellschaftlich mächtig, wie solche Leute halt sind. Der fieberte jedoch mit seinem schwulen Bruder mit, dessen Freundeskreis und somit Familie nun auch wieder quer zu allem standen - 'ne Vierzehnjährige und eine, die fast seine Mutter sein könnte, beide ohne "Migrationshintergrund". Und dann singt der los ... ein Traum. Großartig. Schade, der jetzt von Bohlen produziert wird, ein echter Verlust.

Dannn blättert man sich so die durch die FR, deren Lokalteil ich sonst nie lese, und bleibt hängen. Offenkundig hat sich's der Medlock mit seiner Heimatstadt Offenbach ganz ordentlich verscherzt. Ich kenne diese Hochhauskulisse nur vom Zug aus, schön ist das wirklich nicht. Und Hartz IV-Medlock sprach aus, wie er es fand:


"In den Sendungen rund um "Deutschland sucht den Superstar" hatte der angehende DSDS-Sieger die Stadt als Ghetto und "trauriges Städtchen" bezeichnet und dann verkündet, daß ihn mit Offenbach nur noch 3 Katzen verbänden. (....) Abgesehen von den Sozialarbeitern im Jugendzentrum Sandgasse , die ihn auch bei DSDS unterstützt hätten (dumme Gutmenschen halt, die haben den doch nur zur Passivität erzogen! MR), habe ihm die Stadt jede Unterstützung aufgrund seiner sozialen Herkunft und sexuellen Orientierung verweigert."

Arne Löffel, Ein Ghetto-Kind mit starken Worten, FR, 5.5. 2007, S. 20

Das lies der Gegenwind nicht auf sich warten:

"Verärgert von Medlocks Äußerungen holte der Rathaus-Sprecher Matthias Müller in den Medien zum Gegenschlag aus: "Offenbach ist eine Stadt, in der jeder den Sprung schaffen kann. Mancher schafft ihn eben nur vom Lohwald zu RTL - vom Ghetto in's Unterschichtenfernsehen"."

Arne Löffel, a.a.O.

Das ist der Geist von Sarkozy. Einer, der Gesetze durchprügelte oder durchprügeln lassen wollte, daß der Kolonialismus im Geschichtsunterricht positiv dargestellt zu werden hätte und - ich hoffe, ich erinner das richtig - Viertel wie den Lohwald mit dem Dampfstrahler reinigen wollte. Wenn solch ein Autoritarist mit Macher-Allüren sich hierzulande mit Schäubleschen Geistern verbrüdert (Hygiene- und Sicherheitsvorstellungen liegen ja auch in Deutschland nah beieinander), dann gute Nacht. Offenbachs Sarko, der Herr Müller, bekommt so zu recht von Herrn Löffel hinter denselben geschrieben:

"Daß nun einer aus den eigenen Reihen Kritik an der Sozialstruktur übt, erscheint unerhört. Denn Medlock ist nicht Harald Schmidt, Parteifunktionär oder wenigstens Wirtschaftsboss. Denen hätte man das Geläster über die Stadt eventuell verziehen. Aber dem Ghetto-Kind verzeiht Offenbach nicht so leicht. Er sei "undankbar", habe eine "primitive Ausdrucksform" und sei "für die Jugend schädlich", schreiben Leser in ihrer Heimatzeitung."
Arne Löffel, a.a.O.

Also, genau hingelesen, Herr Müller aus Offenbach! Und jetzt genau Sarkozy beobachten! Vielleicht werden sie dann noch Kanzler! Wir brauchen schließlich eine neue Elite, die uns führt!

05.05.07

"Sich aus sich herauskaufen können wollen"

Ach, der Peter Wicke. Von dem habe ich ja mindestens genau so viel gelernt wie von jenen Professoren, bei denen ich studierte. Und das in einem gesellschaftlichen Feld, wo man ansonsten eher verlernt. Wo die Leute um so schlechter und kompromitierter arbeiten, je mehr Geld sie verdienen. Wo als "Erfolg" alles gilt, was sich massenhaft verkauft, ganz egal, wasses is. Wo irgendwann um '85 Design für Kunst gehalten wurde und irgendwelche depperten Iro-Träger schon '77 die Marketing-Offensive des Malcolm McLaren stützten, sich völlig betriebsblind ausgerechnet "Hippies" zum Feindbild wählten. Obwohl Iros, glaube ich, erst später kamen.

Derartige Beklopptheiten wirken bis heute, allein der Ostpunk tönt weiter in Unschuld - also nicht das, was draus wurde, sondern das, was vorher war. "Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne". Auch wenn Peter Wicke immer darauf insistiert, die dürfe man nicht heroisieren. Sehe ich anders. Was er aber im wesentlichen vertritt, weil's nervt, über den Weg des Ost-Punk andere Lebenswege in der Ex-DDR zu diskreditieren, den seinen z.B. Oder den von City.

Und das wirft dann die alte Frage nach dem richtigen Leben im Falschen auf, und genau zu dieser sagt Wicke in der ansonsten erschütternd uninspirierten und ratlosen neuen Spex (mein neuer Lieblings-Dummschwätzer ist ja nun Max Dax, dessen Editorial vor Phrasen trieft wie fettig glänzende Pommes an Ruhrpott-Imbißbuden, also wie so vieles, was aus Berlin so rüberdringt, und dann doch lieber das Original, die Ruhrpott-Imbißbude - das mag ich noch nicht mal mehr zitieren, dieses Geschwafel von Netzwerken, die Theweleit im modernen Fußball sieht, von zu definierenden Brüchen und Ozeanen der Gleichzeitigkeit - weiß gar nicht, wen der Broder mal "Herr der Binsen" nannte, aber der hat jetzt echt Konkurrenz bekommen):

"Das würde ich wieder auf diese konstruierte Form von Subjektivität beziehen: Das ist ein Versprechen der Kräfteüberschreitung. Das hat mit dem Widerspruch zu tun, dass auf der eine Seite die kapitalistische Zurichtung einwirkt und damit eine Begrenzung von Subjektivität: Man soll konsumieren und nichts anderes. Das wiederum ist nur möglich, wennn einem dazu die Grenzüberschreitung als Erfahrung versprochen wird. Diese Überschreitung taucht bei den Werbeversprechungen der Konsumwelt immer wieder auf. Sie suggeriert, dass wir uns dank solcher Erfahrungen aus uns herauskaufen können. Dabei wird die ganze Übung eigentlich nur veranstaltet, damit wir Gefangene unserer selbst blieben."
Interview mit Peter Wicke, "Es wird total asozial", in: Spex Mai/Juni 2007, S. 126

Es geht um die Madonna-Konzert-Maschinerie, aber das ist schnurz, das gilt ja generell.

Und was macht meine Generation? Geht da hin. Und die Bilder sind auch super, wirklich!, wobei man schon sehen kann, an welchem Punkt der Entwicklung in dessen Malerei der Stil zum Kalkül wurde. Und mir schwante auch, daß dies dem Künstler selbst auffiel und er auf einmal mitten hinein den ironischen Bruch pflanzen mußte, um sich vor der eigenen Entwicklung zu retten. Das ist der "wahre Heino", der in einem ganz auf magisch-hypnotisch gedrechselten Bild dann im Publikum die Zunge rausstreckt (sieht man in der Miniatur-Auflösung nicht, ist einer rechts oben). Und das ist schade, weil genau das ja das Drama des Punk ist: Das Expressive mutiert zum Effekt. Zur reinen Geste gegen vermeindliche Spießigkeit. Zur leeren Hülle.

Das ist auch bei neueren Bildern von Richter nur im Ansatz der Fall, glaube ich, wer weiß, vielleicht will er ja auch nur Käufer verarschen und lacht sich heimlich schlapp über das, was die dann über seine Bilder sagen und schreiben in Andacht.

Bei mindestens einem Bild war ich mir fast sicher, daß dem so ist, da war zu viel neongelb in die magisch-suggestive Bildmitte getropft, als daß das noch ernst gemeint sein konnte.

Soweit man die überhaupt sehen konnte, die Bilder bei all den da Rumtappenden - aber genau das oben von Wicke beschriebene "sich aus sich herauskaufen" ist ja Motiv jener, die sich einen Richter leisten können und dann abgeschnitten von jener Erfahrung, die gerade bei den früheren Malereien im 3. Stock des Museums der Gegenwart sich zeigt, großartig!!!, in jener Halle hausend sitzen, die Platz für ein 2,50 x 3,50- m Bild bietet und draufglotzen. Und diese Erfahrung bestimmt auch dann nicht machen, wenn sie es anschauen.

Aber gut, daß er wenigstens darauf verweist, der Daniel Richter. Auf Erfahrung, die jener im Madonna-Konzert diametral entgegensteht - und letztere ist dann Sujet. Ein Bild "Captain Jack zu nennen", wo Zombies auf einen Performer eindringen, das finde ich schon lustig, falls er überhaupt dieses eklige Dancefloor-Duo von einst meint mit "Captain Jack". Dann wär's das Bild zur "BRAVO-Super-Show".

Während all die Gesichter, die man auch Stadion immer sieht - extrem viele St. Pauli-Klamotten für eine Kunstveranstaltung - und die man schon früher im Subito sah, einen Herrn Diekmann (schreibt der sich eigentlich mit ck?) zwischen sich hindurchflanieren lassen und ihm noch nicht mal mehr an den Haaren ziehen oder Beschimpfungen um die Ohren hauen. Satte Resignation.

Da hat Herr Wicke sich aber mit jedem Satz mehr Wut bewahrt als auch nur eines der Gesichter in der Kunsthalle, meines eingeschlossen ... wir haben versagt. Nur die Goldenen Zitronen nicht. Die sind eben nicht die Toten Hosen geworden. Und Daniel Richter nicht Neo Rauch (der lief da natürlich auch rum, wenn ich denn richtig erkannt habe) - und das ist ja immerhin ein Hauch des Wahren in der verwalteten Welt.

04.05.07

Nxi gegen Salomé, bitte!

Aber ansonsten schön, was Daniel Richter da über Hamburg sagt:

"Es gibt eine kleine Szene, und die ist sehr produktiv, das war immer so. Deshalb sind Berliner Phänomene, wie Bushido oder Sido oder solche Schwachköpfe, oder Salomé in der Malerei, in Hamburg nie möglich gewesen, weil es in der Stadt immer diesen extremen Reflexions- und Argumentationsdruck gab. Und der färbt auf dich ab, ob du nun Maler bist oder Rapper. Weil es eine andere Genealogie gibt. Und du kommst ja nicht aus der raus, wenn du in einer Stadt bist, in der Nossack und Jahn und Fichte gewesen sind, und unter den Künstlern Polke, Büttner, Oehlen, und unter den Rappern die Absoluten Beginner oder die Bands der Hamburger Schule. Und das zurrt ja immer auch einen Kern fest, um den herum sich ganz viele Leute argumentativ gruppieren. Das sind ja nicht nur diese einzelnen Figuren, sondern das sind die Szenen, die sie umgeben. Die Bands und die hundert Leute, mit denen sie reden."
Mehr zur Ausstellungseröffnung gestern abend in der Kunsthalle später - lohnt sich in jedem Fall, aktuell durch's "Museum der Gegenwart" zu latschen. Vor allem, wenn's nicht so eklig voll ist wie gestern abend, wo BILD-Diekmann und Lindenberg fast in Arm zwischen Hasenstrafen-Veteranen rumspazieren, und niemanden scheint's zu stören ... aber ebensowenig gegen Lindenberg wie gegen Salomé. Und der böse Herr mit den Gel-Locken und der Brille, die ihm nicht steht, soll mal ruhig nach Berlin gehen, da paßt er hin ... wer Agenda-Setting braucht ...

01.05.07

Zur Psychologie des Budgetverwaltens

Seltsamerweise heißt auf der Saturn "Groove Edition" ein Act "Stargard". Da ist meine Mutter geboren, in Pommern.

Manches fällt einem ja erst auf, wenn man als Hund mal nicht arbeitet und sich treten läßt, sondern einfach faul auf dem Balkon liegt und frisch gepflanzte Petunien anglotzt. Latent debil.

Nach lauter schlaflosen Nächten, weil man sich über die Finanzverwalter aufregt, die ihre Tendenz, destruktiv zu agieren und, je destruktiver sie agieren, desto erfolgreicher sich zu fühlen, immer skrupelloser ausleben.

Grauenhaftes Volk. Bei uns tobt alltäglich ein Kampf zwischen Produkt und Produktgewinnlerei. Letzteres ist sowas ähnliches wie Kriegsgewinnlerei; wäre Waffengebrauch bei uns nicht verboten, würden schön längst Leichen die Controller-Flure säumen - für Gewinn ist halt jedes Mittel recht, Hauptsache, es ist billig.

Deren Sadismus, jener der Budgetierungsfraktion, ist ja in sich schon reine Lust an der Herrschaft, wer macht denn bitte auch sonst so einen Job, dann sollen sie sich aber bitte auch richtige Masos suchen. Da dann aber all diese Paradoxien auftreten, daß eigentlich der Maso die Macht hat, weil er die Grenzen setzt, leben sie lieber gleich richtige Faschisten-Mentalität und quälen jene, die wenigstens richtig drunter leiden. Das meinten ja Horkdorno mit der instrumentellen Vernunft, die beim Hartz IV-Sachverwalter in ähnlicher Form sich Bahnen bricht wie bei der Stasi oder eben den Budgetbeauftragten der je eigenen Firma: Das Gegenüber zur Sache machen, über die man dann verfügt.

Geradezu typisch, gleich und gleich gesellt sich gern, haben die in meiner Firma sich jetzt mit den Budgetverwaltern des Kunden verbunden mit dem einzigen Ziel, diese aufgeblasenen Kreativen so richtig zu quälen. Das ist die selbe Nummer wie jene, daß man beim Progrom - Pogrom? - dann eben zuerst jenen vor's Maul gibt, die immer schon irgendwie aufgefallen sind und es wagten, ihren Kopf etwas höher zu strecken.

Budgetverwalter sind eben jene Mitte, die immer schon den Brillenträger heimlich auf dem Schulclo verprügelten und dem Langhaarigen die Haare abschneiden wollten im Schullandheim. Jene, die den schnorrenden Punks an der Sternschanze immer schon zuriefen: "Geh doch mal arbeiten!", aus tiefer Volksseele dringt das dann heraus.

So verhalten sie sich auch eben jenen gegenüber, die die Produkte erstellen, während sie Gewinne abschöpfen bei gleichzeitiger Verweigerung von Gehaltserhöhungen, weil sie das Geld lieber an sich selbst und an andere Leute, Aktionäre z.B., überweisen.

Ist schön verblüffend, wie gut das klappt, daß die identischen Systemlogiken auf Dienstleister-Ebene und an Kundenschreibtischen sich fusionieren, um jene, die die Produkte bauen, dann ununterbrochen mit ihren lächerlichen Formalismen zu nerven und überall da Kohle zu streichen, wo man sie eben bräuchte, um ein gutes Produkt zu schaffen.

3-4 Tage die Woche diskutiert man dann über Budgets, um Freitags und am Wochenende zwischendurch mal dazu zu kommen, auch mal was zu machen. Sie erfinden gemeinschaftlich Formulare - es ist Quatsch, daß freie Wirtschaft Bürokratie verhindere, je größer der Overhead, desto gewaltiger die Formularflut, und dann wird noch telefonisch höhnisch durchgegeben, daß es ja wohl selbstverständlich sei, daß außerhallb der eigentlichen Arbeitszeit diese ausgefüllt würden - und derweil erfinden sie Personalstrukturen, die unsinnig sind, dann aber gelten, weil sie sich ja so gut verstehen und das irgendwie budgeter gerade richtig finden, prozessunabhängig.

Man spürt deren Haifischgrinsen in jeder mail, dieses ach so gute Feeling, es den Schwätzern endlich so richtig zu zeigen. Ist ein symbolisches Äquivalent zum Zähneausschlagen.

Und die "Kreativen" auf Kunden- wie auf Produzentenseite leiden tatsächlich. Kurioserweise ist uns ja das Produkt wichtig, und das noch bei den seltsamsten dieser Art. Durch von Budgetverwaltern gewünschte, maschinell-industrielle Arbeitsweise wird freilich jegliche Inspiration getilgt und das Produkt schlecht. Abgesehen davon, daß bei einer solchen Rangehensweise an Produkte irgendwann die Aufträge ausbleiben, weil diese eben nicht die Budgetverwalter vergeben - Wirtschaftlichkeit wird so zum Selbstzweck und ist zu nix mehr da, als eben dazu, Andere zu beherrschen.

Eine These, die gerne als Plattitüde gekennzeichnet wird, ist jedoch nix anderes als These Max Webers, daß totalisierte Zweckrationalität letztlich irrational wird. Horkdorno wußten schon, warum sie die Kritik der instrumentellen Vernunft in den Mittelpunkt ihrer Herrschafts-Analysen stellten ... und das schlimmste ist, daß diese Budgetverwalter dann irgendwann alle gleich, austauschbar werden. "Leute, die ganz harmlos scheinen, werden über nacht zum Schwein" haben Die Skeptiker ihre Wende-Erfahrung in Worte überführt - noch die größten Sympathen mutieren zur Austauschbarkeit des Verhaltens, wenn die Verwaltungslogik praktischer Ökonomie sie erst kompromitiert und dann schluckt und letztlich nivelliert wieder ausspuckt. Das liegt an der Verhaltenslogik selbst in der verwalteten Welt ....

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