Kolonialisierung, die zweite
"Habermas beschreibt die Kolonialisierung (der Lebenswelt durch systemische Imperative, MR) anhand der Umschaltung auf ein anderes Prinzip der Vergesellschaftung. Die empirische Handlungskoordination über die Medien Geld und Macht dringt in die Lebenswelt ein und verdrängt dort die rationale Handlungskoordination, welche von den kommunikativen Anstrengungen der Aktoren abhängt. Ein bedeutender empirischer Beleg dieses Prozessesist für ihn die Verrechtlichung von kommunkikativen Beziehungen, d.h. die Entwicklung formaler Regeln, die dem Beteiligten einen Spielraum für strategisches Handeln garantiert."
Harry Kunnemann, Der Wahrheitstrichter, Frankfurt/M. New York 1991, S. 231
Der heftige Widerstand von liberaler Seite gegen die These der "Kolonialisierung nach innen" und das Bestehen darauf, gar nicht diese These, sondern vorsichtshalber ganz anderes zu diskutieren sei, hat mich ja nachhaltig von deren Richtigkeit überzeugt.
Weil eben eine Haltung, die das Schmeißen von Farbbeuteln für justiabel anerkennt, nicht jedoch die Weigerung eines Vermieters, an schwule Pärchen zu vermieten oder Affenlaute in einem Stadion, wenn ein schwarzer Spieler den Ball tritt, mich ja immer wieder auf's Neue erstaunt.
Sowas meint der Habermas, wenn er sagt, daß die systemischen Steuerungsmedien Geld und Macht in Sphären an sich kommunikativen Handelns, also verständigungsorientierten Miteinanderedens, eindringen würden: Daß eben Besitz oder adminstrative Macht Kriterium für die Legitimität von Rechtssprechung ist und nicht z.B. das Wohl von Menschen - und zwar das, was sie selbst als ihr Wohl empfinden, keine "fit statt fett"-Agitation. Die staatlich-juristische Macht flankiert dann eben nix anderes mehr als reinen Eigentumsschutz und bürokratischer Handlungsbefugnisse, und dabei raus kommtm folgende Antwort:
>"Ich bin dafür, dass jeder nach Herzenslust diskriminieren dürfen sollte - bis auf den Staat."
Na, komm, Rayson, nenn mich Schwuchtel! Provokation gelungen. Freu Dich.
Und, weiter, ebd.:
"Aber dass vor dem Gesetz bestimmte Menschen - also z.B. die, denen es gelungen ist, zu Minderheiten-Gruppen zugerechnet zu werden."Der Rest des Satzes ist dann nicht mehr relevant, weil Symetrie vorausgesetzt wird, die es ja erst zu erreichen gälte - endlich wurde mein lebenslanges Bemühen, zu einer Minderheit zu gehören, aufgedeckt! Gelungen ist's mir!
Dieses intensive Bestreben, auf dem Schulhof einst Gefühle und Lüste zu tarnen, um nicht auf's Maul zu bekommen, während andere "Wahrheit oder Pflicht" spielten; diese Verbergen des Begehrens, damit jene, in die ich mich verknallte, überhaupt noch mit mir reden, das Rotwerden beim Kaufen von "Schwul, nach und?", schreckliches Buch übrigens, diese spitzen Bemerkungen von Kunden aus dem katholisch-konservativen Lager darüber, daß ich keine Familie habe, diese Einschübe "der ist auch schwul - tschuldigung, MR" meines Chefs - wieso 'tschuldigung? - all das: Ein glatter Erfolg!
Ich habe mich so danach gesehnt, aber mein lebenslanges Bemühen, es zu schaffen, zu einer Minderheit zu gehören, die hat ja zum Glück gefruchtet. Geht meinen schwarzen Freunden auch so: Die hatten so richtig Spaß daran, wenn ihre Freundinnen als "Negerliebchen" beschimpft wurden - und wenn Polizeiwagen sie verfolgten, weil sie einen Mercedes fuhren. Und wenn sie eben die Wohnung oder den Job nicht bekamen ...
Das alles sind natürlich allein noch keine hinreichenden Gründe für ein Antidiskriminierungsgesetz und schon gar nicht für eine Umkehr der Beweislast. Man lese noch mal genau das Zitat oben durch: Das, was der Habermas als Kolonialisierung der Lebenswelt beschreibt, gilt nämlich auch für ein solches Gesetz, siehe letzter Satz.
Das ist schon verzwickt, diese ganze Rhetorik: "Ich lasse mich jetzt doch dazu zwingen, diese Arschficker auch noch zu mögen!" ist ja eben auch ein lebensweltlicher Prozess, der sich im Austausch von Argumenten vollzieht: Diese widernatürlichen Dreckskerle sollen sich gefälligst damit zufrieden geben, daß man sie nicht gleich steinigt, so wie im Iran, und ansonsten die Klappe halten und sich nicht so wichtig nehmen. Kann man ja schon bei Erich Kästner lesen, "Ragout fin du siécle" heißt dieses Zeugnis der Dominanzkultur in Versform.
Ist das jetzt ein Argument gegen den Kolonialisierungsgedanken und dessen kritisches Potenzial? Daß also gerade auch Traditionalisten diese bestens für sich nützen können, indem sie z.B. sagen, diese Kanacken seien eben undeutsch und zerstörten heile, deutsche Lebenswelten - also weg mit denen?
Das macht mir ernsthaft zu schaffen, diese Frage.
Auch Judith Butler formuliert ja die These, daß der Übergang zum Justitiablen die diskriminierenden Strukturen nur fortwährend reproduzieren und somit zementieren würde, so habe ich das zumindest beim Querlesen (queerlesen - harharhar) verstanden - umgekehrt ist mir ein Ansinnen wie jenes, das aktuell in Brasilien verfolgt wird, natürlich außerordentlich sympathisch, das folgt schlicht aus der Unantastabarkeit der Menschwürde.
Und insbesondere sogenannte "ethnische Differenzen" werden sich niemals auflösen, wenn nicht solch Instrumentarien wie ein Antidiskriminierungsgesetz geschaffe werden - dann bleiben die Schwatten im Banlieue, und jede Ausnahme, die doch im Elbvorort dann siedelt, wird als "Hey, es geht doch!" gefeiert.
Irgendwie muß man wohl doch an die Wurzel, eben den Wohlstandsrassismus, gehen, der nix anderes besagt, als daß eben erst Geld und dann die Macht sich häuft und alle anderen rechtlos bleiben - aber wie?
Bin ratlos. Denn die Habermassche Sozialstaatskritik, im Gegensatz zur Propaganda der Agitateure von Wirtschaftscliquen und deren Herrschaftswillen, ist leider auch außerordentlich durchdacht: Dieser fällt auch unter das Kolonialsierungs-Diktum. Das mal zu rezipieren, dazu sind meine liberalen Freunde zum Glück doch zu verbohrt in Volkswirtschaftsdiskurse.
Aber wenigstens ist mein Hund das Gute.
