« Mehr als nur Realitätsprinzip! | Hauptseite | Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! »

Das Sagbare und das Unsägliche

In der so großartig angekündigten, neuen/alten Magazin-Beilage von DIE ZEIT steht ganz weit vorne ein Artikel über Sonnenbrillen. Männer würden immer die Falschen kaufen und dann wie Modeopfer durch die Gegend latschen - schicke Marken zum Gegensteuern in Geschmacksfragen werden genannt.

Im Leitartikel schwafelt der Herr der Plattituden, Giovanni di Lorenzo, der sich, wenn ich mich nicht verhört habe, neulich bei 3 nach 9 erfrechte, Schwule als "unappetitliches Thema" einzustufen, über den auch bei den B.L.O.G.s und hier kontrovers diskutierten Artikel von Jürgen Habermas in der SZ.

Am entlarvendsten war drüben bei den B-L.O.G.s wie üblich Zettels Kommentar, der in dem ihm eigenen, eliminatorischen Gestus ihm verhaßte Milieus mundtot machen möchte oder zumindest regelmäßig erfreut darüber sich zeigt, wenn dieses gewissermaßen von selbst passiert, weil dann ja die vermeindliche linke Dominanz in den Medien der Republik endlich beendet würde (ich habe den Artikel Zettels eben nicht gefunden, in dem es um den Kampf um Meinungsdominanz und das Umkippen nach Jahrzehnten linker Dominanz aktuell ging - diesbezügliche Vorwürfe die Nicht-verlinkung sei ein Merkmal magelnder Qualität, sind berechtigt, ich liefer das aber nach) .


"Hm, stimmt denn überhaupt die Voraussetzung?

Wann hat Paul Sethe geschrieben, die Pressefreiheit sei die Freiheit von 400 (oder wieviele waren es?) Reichen, ihre Meinung zu verbreiten?

Mein Eindruck ist, daß es in Deutschland heute um die Pressefreiheit so gut bestellt ist wie noch nie.

Das liegt erstens, trivialerweise, an der Konkurrenz der Neuen Medien. Blogger brauchen kein Geld, um ihre Meinung zu verbreiten.

Zweitens liegt es daran, daß just wegen der härteren Konkurrenz Journalisten nach der Qualität ihrer Arbeit eingestellt und befördert werden, und nicht nach Parteibuch und Meinung.

Es gibt heute ja kaum noch eine Meinungspresse, von den Extremisten abgesehen. In der FAZ kann man das finden, was früher nur in der SZ stand, und vice versa.

Mir scheint, Habermas versucht ein Nicht-Problem zu lösen.

Er verfährt nach dem Schema des Kinderreims:

“Was ham wer doch für’n Glaser

in unserer ollen Stadt.

Der Glaser schmeißt die Scheiben ein,

und sagt: dan müssen neue rein.

Was ham wer doch für’n Glaser ..”


Auch wenn Zettel ja das, was Habermas mit seinem Konzept der Öffentlichkeit meinte, im Gegensatz zu anderen sehr gut verstanden hat, ist das nichtsdestotrotz hanebüchen -mal abgesehen vom Zitat von Paul Sethe.

Es stimmt, daß in den privatwirtschaftlichen Sektoren der Medien Parteibücher an Relevanz verloren haben, ganz im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo man als Grüner beim BR schon immer schechte Karten hatte. "Linke Meinungsdominanz" - die Hetze dort z.B. gegen die Friedessbewegung der frühen 80er war schon extrem.

Mit einem Linkspartei-Parteibuch wird man es in Großverlagen wahrscheinlich auch noch nicht mal allzu schwer haben, vermute ich - solange man trotzdem nicht schreibt, was diese vertritt.

Was dann das Problem ist: In den Medien ist das Politische privat geworden. Zumindest dann, wenn man unter Politik individuelle Perspektiven meint. Siehe den Fall Posener/Dieckmann. Beim fernsehen gilt dieses als Prinzip annähernd total - nur Weichgewaschenes kommt zumeist durch die Abnahme. Die Abwesenheit von Meinung ist eben auch die Abwesenheit explizit gemachter, normativer Kriterien.

Was typisch ist für Re-Mythisierung des Wirklichkeitsverständnisses in Teilen des liberalen und konservativen Lagers: Da regiert dann die berühmte normative Kraft des Faktischen, volkswirtschaftliche Dogmen eben, und alles, was sich diesen nicht fügt, ist entweder Spinner, Romantiker, Extremist oder am besten gleich kriminell.

Alte, deutsche Tugenden, der autoritäre Geist vor 68 ist genau dieser, und wenn man dann anstelle einer mythisch beschworenen, aber nicht näher qualifizierten "Freiheit" und eben jenen ökonomischen Dogmen einfach "Natur" schriebe, dann wäre das Ganze noch deutscher.

Vermeindlich "Faktisches" zu beschwören ist ja nicht nur erkenntnistheoretisch naiv, es klammert auch die Frage nach der Selektion von "Fakten" aus. Ebenso blödsinnig das Beschwören irgendeiner "Qualität", die dann selbst nicht näher qualifiziert wird. Was soll denn das heißen? Herr di Lorenzo beschwört diese ebenfalls und macht auch nicht klar, was er meint - außer, daß sich Anzeigenkunden dann eben auch wohler fühlten und Leser Vertrauen gewönnen. Diese albernen Formalismen sind Ideologie: Suggerieren sie doch einen vermeindlich waltenden objektiven Geist, der dann diktierte, was Qualität sei.

Zurück zu den Sonnenbrillen im Magazin von DIE ZEIT: Klar, im Umfeld einer solchen Story fühlen sich Anzeigenkunden wohl. Qualität? So konzipiert man auch beim Fernsehen ganze Sendungen - eben anhand potenzieller Zielgruppen für Werbung. Berichterstattung als Umfeld für Werbung ist das, was vermeindlichen "Meinungsjournalismus" ersetzt.

So sind einst die Erotik-Magazine aus dem Privatfernsehen verschwunden: Sie hatten gute Quoten, aber die die Werbeblöcke verkauften sich nicht gut, weil Titten und Ärsche offenkundig dem beworbenen Produkt nicht gut bekommen. "Titten und Ärsche" wäre mir übrigens bei annähernd jeder Zetung aus dem Text redigiert worden im Namen der Qualität, weil's nach Gosse riecht für den gemeinen Bildungsbürger und es dessen Dünkel ist, der eben auch über Sagbares und Unsägliches bestimmt. Und noch hat der ja Geld, der Bildungsbürger.

Im Gegensatz zum unapetitlichen Hartz IV-Empfänger, a priori unter Sozialbetrugsverdacht gestellt - ein zentrales Motiv aktueller Quasi-Journaille, die Verdächtigung. Spitzel-Schreiberlinge und -Filmer von Schäubles Gnaden, sozusagen. Die dann als Protagonisten im sogenannten "Unterschichtenfernsehen" sich Sozialamtsschnüffler wählen - würde man sie aus sich heraus verstehen wollen, diese Objekte der Berichterstattung da auf ihren Otto-Katalog-Sofas, könnten ja ebenfalls Werbekunden ausbleiben.

Weil das eben gegen aktuelle Selektionskriterien verstieße, wie man solche Leute zu behandeln hat. Bei Entscheidern in den Sendern löste sowas Unbehagen aus, das käme nicht durch, weil's eben nicht mehr bunt wäre. Da brauchte noch nicht mal ein Werbekunde anzurufen, das passiert schon ganz von selbst.

Klar, daß dann bestimmte Formen von Kritik ausbleiben, was Autoren wie Zettel ja super finden und als Qualitätsmerkmal verstehen. Weil angesichts dieser Orientierung an bestimmten Schichten, den Kaufkräftigen wie z.B. Zettel oder mir, einfach bestimmte Themen nicht behandelt, bestimmte Fragen nicht gestellt, bestimmte Kritikformen nicht formuliert werden.

Der einzige Grund, warum Schwule in Deutschland nicht mehr so offenkundig diskriminiert werden, ist wohl, daß sie als werberelevante Zielpgruppe gelten. Für Kanacken, Asylanten und Flüchtlinge gilt das nicht. Die sind allenfalls als "Schicksalsbericht" erlaubt. Oder als antagonistisches Prinzip zur je eigenen Kultur. Willkommen in Zettels und di Lorenzos schöner, neuer Welt der Qualität und Scheinprobleme!

Hoffen wir mal, daß er bei seiner Diagnose der Wirkung von Blogs recht hat ... obwohl's da freilich die gleiche Schicht ist, die sich artikulieren kann. Eben so Leute wie Zettel und ich.

Kommentare

Bravo! Ich ärgere mich gewaltig, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin, als ich "drüben" auf Zettels Schönfärberei des bestehenden reagierte. Vermutlich die bösen, bösen Einflüsse meines liberalen Umfeldes :) - oder eine oberflächliche Sichtweise, die "nur" den Qualitätsverlust unter erhöhtem Produktivitätsdruck in Rechnung stellt.

Zudem der Qualitätsverlust unter höherem Produktivitätsdruck ja zudem auch noch besteht, und dieses hübsche Modell, daß unter höherem Konkurrenzdruck dann nur noch "die Besten" sich durchsetzten, das ist schlicht falsch. Die abe unter dem Druck zunhemender Popularisierung kaum noch Marktchancen.

Weiß gar nicht, in was für einer Welt jemand lebt, der solche Modelle in Wirklichkeiten projiziert ...

Jedes Mal, wenn ich zu dem Thema etwas sage, sind MR und ich uns am Ende so richtig böse. Deswegen lasse ich es lieber ;-)

@Rayson:

Ich glaube, in meiner heutigen Euphorie wäre ich zum Streit gar nicht fähig und würde Dir vor lauter aufstiegsgeschwängerter Lebensfreude einfach gegen all meine Überzeugungen in allen Punkten zustimmen ;-) ...

@MR

Das würde mich noch viel mehr verstören ;-)

Ich habe jetzt bei Martin mal was verfasst, sozusagen auf neutralem Boden (aber nicht neutraler Meinung).

Glückwunsch zum Aufstieg übrigens! Ich weiß, wie das ist, wenn alle sagen, dass die eigene Mannschaft doch schon durch ist, es rechnerisch aber doch noch nicht feststeht... Aber St. Pauli in der 2. Liga ist doch ein weiterer Grund, das arena-Abo zu behalten. Ich hatte mich schon gefragt, was mich eigentlich noch an der 2. Liga interessieren sollte jetzt, wo meine beiden Lieblings-Clubs "oben" mitspielen.

@Rayson:

Das war tatsächlich ein scheußliches Gebibber vor dem Spiel gestern, tagelang, weil einem natürlich all die Schalker Herzensmeisterschaften, Leverkusens Unterhachings unndundund durch den Kopf schossen und alle richtig Panik hatten, zum Schluß als die Volldeppen dazustehen ... und auf so ein richtiges Endspiel in Magdeburg hätte ich auch wenig Lust gehabt, da war gestern schon herzschlagtechnisch intensiv genug, meine Güte.

Arena muß ich mir jetzt auch besorgen ... und eigentlich ist die zweite Liga ja auch ganz attraktiv in der nächsten Saison.

Danke für den Glückwunsch, und dann schau ich drüben bei Martin mal nach!

Kommentar schreiben

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de