Sarkos Geist
Ich geb's zu: Die aktuelle Staffel von "Deutschalnd sucht den Superstar" habe ich verfolgt. Auch wenn ich diese seltsamen Auslese-Sendungen - übrigens im Gegensatz zu anderen Ranking-Shows - nicht ausstehen kann, der Mark Medlock ist einfach der Hammer. Eine solch gigantische Stimme habe ich länger nicht gehört, Wahnsinn.
Zudem: Ein schwuler "Kanacke", Hartz IV-Empfänger, der fast nur in in's prollige gewendete Tuntensprüche ausstößt, das gefällt mir schon. Auch dieser seltsame Flirt auf großer Bühne, als Subplot durch die Sendung gezogen, zwischen ihm und einem von Deutschlands Liebslingsprolls, Dieter Bohlen (der andere ist Atze Schröder) - das fand ich schon bemerkenswert. Ganz schön souverän, der Bohlen, für 'ne Hete. Daß der auf großer Bühne begeistert ausruft "Das ist der erste Mann, der mir gesagt hat, daß er mich liebt!", das hat schon was. Was ich sonst von Dieter Bohlen halte, muß ich hoffentlich nicht erläutern.
So freute ich mich tatsächlich, daß der blauäugige Junge, gesanglich ein Bernd Clüver für Kleinstadt-Vororte, der gestern mit seiner ach so klassisch deutschen Famile samt Mittelstands-Schnurrbartvater gegen den Medlock so abschmierte.
Letzterer saß da neben seinem kahlrasierten "Kanacken"-Bruder, vor dem Gaywest hinter die nächste Mülltonne flüchten würden, die amerikanische Hymne beschwörend vor sich hinsummend, in tiefer Überzeugung, daß dieser ihnen sofort und auf der Stelle der Freiheit berauben will, gesellschaftlich mächtig, wie solche Leute halt sind. Der fieberte jedoch mit seinem schwulen Bruder mit, dessen Freundeskreis und somit Familie nun auch wieder quer zu allem standen - 'ne Vierzehnjährige und eine, die fast seine Mutter sein könnte, beide ohne "Migrationshintergrund". Und dann singt der los ... ein Traum. Großartig. Schade, der jetzt von Bohlen produziert wird, ein echter Verlust.
Dannn blättert man sich so die durch die FR, deren Lokalteil ich sonst nie lese, und bleibt hängen. Offenkundig hat sich's der Medlock mit seiner Heimatstadt Offenbach ganz ordentlich verscherzt. Ich kenne diese Hochhauskulisse nur vom Zug aus, schön ist das wirklich nicht. Und Hartz IV-Medlock sprach aus, wie er es fand:
"In den Sendungen rund um "Deutschland sucht den Superstar" hatte der angehende DSDS-Sieger die Stadt als Ghetto und "trauriges Städtchen" bezeichnet und dann verkündet, daß ihn mit Offenbach nur noch 3 Katzen verbänden. (....) Abgesehen von den Sozialarbeitern im Jugendzentrum Sandgasse , die ihn auch bei DSDS unterstützt hätten (dumme Gutmenschen halt, die haben den doch nur zur Passivität erzogen! MR), habe ihm die Stadt jede Unterstützung aufgrund seiner sozialen Herkunft und sexuellen Orientierung verweigert."
Arne Löffel, Ein Ghetto-Kind mit starken Worten, FR, 5.5. 2007, S. 20
Das lies der Gegenwind nicht auf sich warten:
"Verärgert von Medlocks Äußerungen holte der Rathaus-Sprecher Matthias Müller in den Medien zum Gegenschlag aus: "Offenbach ist eine Stadt, in der jeder den Sprung schaffen kann. Mancher schafft ihn eben nur vom Lohwald zu RTL - vom Ghetto in's Unterschichtenfernsehen"."
Arne Löffel, a.a.O.
Das ist der Geist von Sarkozy. Einer, der Gesetze durchprügelte oder durchprügeln lassen wollte, daß der Kolonialismus im Geschichtsunterricht positiv dargestellt zu werden hätte und - ich hoffe, ich erinner das richtig - Viertel wie den Lohwald mit dem Dampfstrahler reinigen wollte. Wenn solch ein Autoritarist mit Macher-Allüren sich hierzulande mit Schäubleschen Geistern verbrüdert (Hygiene- und Sicherheitsvorstellungen liegen ja auch in Deutschland nah beieinander), dann gute Nacht. Offenbachs Sarko, der Herr Müller, bekommt so zu recht von Herrn Löffel hinter denselben geschrieben:
"Daß nun einer aus den eigenen Reihen Kritik an der Sozialstruktur übt, erscheint unerhört. Denn Medlock ist nicht Harald Schmidt, Parteifunktionär oder wenigstens Wirtschaftsboss. Denen hätte man das Geläster über die Stadt eventuell verziehen. Aber dem Ghetto-Kind verzeiht Offenbach nicht so leicht. Er sei "undankbar", habe eine "primitive Ausdrucksform" und sei "für die Jugend schädlich", schreiben Leser in ihrer Heimatzeitung."Arne Löffel, a.a.O.
Also, genau hingelesen, Herr Müller aus Offenbach! Und jetzt genau Sarkozy beobachten! Vielleicht werden sie dann noch Kanzler! Wir brauchen schließlich eine neue Elite, die uns führt!

Kommentare
Na gut, dann mache ich mich mal wieder unbeliebt: Sicherlich ist es Blödsinn, wenn gekränkte Offenbacher ihren Barden als undankbar bezeichnen, wofür sollte er da auch groß dankbar sein. Aber auf der anderen Seite -- was für eine "Unterstützung" hat die alte Heulsuse von den Behörden und Ämtern seiner Stadt denn bitte erwartet? Was darf es denn neben der, von ihm selbst genannten, Unterstützung durch Sozialarbeiter noch alles sein? Muß ihm die Stadt auch noch ein Tonstudio stellen? Konzertreisen organisieren?
Also, bitte: Lieber die Klappe halten, wenn sonst nur Gejammer raus kommt.
Verfasst von: statler | 06.05.07 22:11
@Statler:
Ach, bei mir biste ja beliebt, obwohl Du immer solche Sachen schreibst ...
Und ansonsten schreibe ich jetzt nix über Heroismus, völlig verquere Vorstellungen von Individualität, Subjektivität, Sozialität, menschlichen Möglichkeiten in je unterschiedlichen Situationen - der allergrößte Moment in meinem Leben war, als ich mir zugestanden habe, mir helfen zu lassen. Da war ich glücklich und mal zwischendurch wirklich befreit. Lies mal wirklich die Dialektik der Aufklärung und die Genese des "Modernen Selbst".
Zudem versteh ich's wirklich, wenn Loellie Dir bei solchen Kommentaren Schläge androht. Auch wenn ich's nicht richtig finde, hab ich ja oft genug betont.
An irgendeinem Punkt wird den Medlocks dieser Welt keine andere Möglichkeit mehr bleiben, rein deskpritiv, ist ja im Grunde genommen jetzt schon so, knallt ja überall, und dann wollen wir doch mal sehen, wer dann so alles zur Heulsuse mutiert. Eure Interventionen erzeugen die Gewalt, als letztlich dominant werdender, von mir aus unerwünschter Nebeneffekt. Gaywest sind ja gewissermaßen die Heulsusen-Vorhut. Die haben aber in einer Hinsicht recht (und nur in dieser): Die sind - ich ja auch - dann als erste dran.
Also: Lieber erst mal die Klappe halten, wenn jemand anders davon spricht, wie er lebt, alte Luxusgöre - bißchen verwöhnt, was?
Verfasst von: MomoRules | 06.05.07 23:15
Nönönö, nix da, jetzt lassen wir den Adorno mal im Schrank und bleiben halbwegs konkret. Womit hätte Offenburg seinem Medlock denn noch helfen müssen? Auf welches Pamper-Vollprogramm hat ein Adoleszenter in Deutschland einen moralischen Anspruch?
Verfasst von: statler | 07.05.07 00:56
Wie jeder andere auch hat Herr Medlock Anspruch auf gleiche Chancen - und, glaub's mir, als doppelt Devianter bekommt er die nicht. Solche Typen landen auf der Hauptschule und haben dann verloren.
Was, solange es Leute wie LePenseur gibt, auch so bleiben wird. Ich kriege das doch selbst täglich mit, wie ein Kumpel von mir sich einen Altenpflegerhelferkurs aus Hartz IV heraus erst erkämpfen mußte, um jetzt über die Stufe nicht mehr hinauszukommen. Keine Chance. Und da müßte es meiner Ansicht nach schon flankierend dazu, daß dieses widerliche Kanacken-Bashing und die natürlich in vielen Bereichen weiterhin verbreitete Homophobie permanent attackiert wird, öffentlich-rechtliche Beschäftigungsmöglichkeiten und Qualifizierungsmaßnahmen geben, die über's Hartz IV-Niveau hinaus Räume bieten - und die nicht diese 0815-Nummern sind wie die Agentur-Computerkurse.
Abgesehen davon plädiere ich für ein soziales Pflichtjahr für staatsangestellte Volkswirte, so alle 5-7 Jahre, das als Qualifikationsmaßnahme im Sinne lebenslangen Lernens verstanden wird. Gibt ja hier in HH auch 'n Projekt, wo Manager sowas freiwillig machen. Ist dringend nötig, und den Adorno darf man auch nicht im Schrank stehen lassen: Leuten wie Medlock eben kein Verständnis entgegen zu bringen, sondern gleich - bei euch steht dann immer "reflexhaft" - "Halt die Klappe!" zu rufen ist ja auch ein eigenwilliges Verständnis von Meinungsfreiheit. Genau so funktioniert doch die Exklusion.
In der Tat kann der sich auch nicht so gut artikulieren wie Du, aber wo soll der das auch gelernt haben? Wenn er über die Stadt redet, meint er ja zudem auch nicht nur die städtischen Institutionen, sondern auch Leute wie Dich, die finden, Leute wie er sollten nix zu sagen haben, sondern gefälligst die Klappe halten und erst mal auf Autobahngrünstreifen Unkraut jäten ...
Verfasst von: MomoRules | 07.05.07 08:10
Hmm, ich sage doch nicht, daß er nichts zu sagen haben soll, sondern ich kritisiere das, was er sagt. Und von Unkraut jäten war auch keine Rede. Aber wie wäre es denn mit: "Jawohl, ich hab's geschafft, trotz widriger Umstände, jetzt werde ich Schallplattenmillionär, ich bin gut, hurra!". Stattdessen wieder so ein verdruckstes "Hmm, ja, naja, da habe ich ja mal Glück gehabt, aber IHR HÄTTET MIR NOCH VIEL MEHR HELFEN MÜSSEN!". Selbst auf dem Gipfel des Erfolges noch wehleidig und selbstmitleidig, DAS ist das Schlimme.
Und für die, an denen der Bohlen keinen Narren frißt, gibt es ja auch noch Wege, ganz normale, vom Abendgymnasium bis zur Fernuni. Meine Güte, man muß doch nicht ständig widrige Umstände für alles verantwortlich machen. Aber vielleicht bin ich da auch nur so empfindlich, weil ich keine "alte Luxusgöre" bin, sondern mir selbst einiges erkämpft habe und daher weiß, daß das geht.
Verfasst von: statler | 07.05.07 13:21
Nur eine Randbemerkung zu diesem interessanten Dialog: Weder Schwulsein noch Geborensein in bestimmtem Milieu sind 'Devianzen'.
Verfasst von: Bodo Wünsch | 07.05.07 13:42
@statler: Objektiv gesehen ist das aber "Glück haben". Denn etwas erkämpft zu haben, heißt ja nichts anderes, als sich gegen hohe Unwahrscheinlichkeiten durchgesetzt zu haben. Und der Zurechnungsmodus - methodischer Individualismus hin oder her - fungiert ja derart, dass die Qualitäten, die den Erfolg begründen 1. performativ dann gegeben sind (Fähigkeit, Anlagen, Können, Kreativität), wenn man sich durchgesetzt hat und damit 2. eine ex-post-Rationalisierung (unabhängig davon, ob man selbst oder andere vorher daran glauben oder nicht). Das trifft auch dann zu, wenn die Erfolge gesplittet und hintereinander geschaltet werden. Das ist ja nur eine andere Form/Ideologie der Realisierung von Erfolg.
Verfasst von: lars | 07.05.07 14:18
@Statler:
Sorry, bin den ganzen Tag in Berlin gewesen, Kostenstände diskutieren (würg, will aber gar nicht die Notwendigkeit bestreiten) - der läßt raus, wie's ihm geht und ging und somit verdammt vielen anderen auch, der Herr Medlock. Das ist ja kein "Hätte man mir doch noch mehr geholfen", eher Gefühlsausdruck. Und er hat wenigstens noch dieses Hammer-Talent als Sänger - das ist ja echt ein Ausnahme-Sänger.
Aber es gibt diese totale Chancenlosigkeit für immer mehr Leute. Und wirklich, wenn man das nicht mal zur Kenntnis nimmt, dann geht's bald so richtig ab. Und auch wenn selbst das ja mittlerweile gerne mal diskreditiert wird: Mit mir macht das schon was, wenn ich immer mehr Leute sich aus Papierkörben ernähren sehe. "Selber schuld!" denke ich da als letztes. Und Aufschwung hin oder her, das werden immer mehr ...
Wollte jetzt auch nicht unterstellen, daß Du nix zu erkämpfen hattest, das war böse. Sorry.
In meinem eigenen Fall wurden mir die Basics, auch und gerade die finanziellen, einfach mitgegeben, deshalb kann ich mir trotz allen alltäglichen Erkämpfens im Grunde genommen wenig selbst auf die Fahne schreiben. Außer vielleicht der Tatasache, sozusagen antizyklisch Philosophie studiert zu haben. Konnte ich mir aber auch leisten vom Waisengeld. 1500 Mark war schon 'ne Menge Holz für Studenten in den frühen Neunzigern. Von sowas konnte ein Medlock doch nur träumen.
@Bodo:
Der Begriff ist zum Kotzen, trifft aber etwas entscheidendes. Den verwende ich, seit der A-Team-Stammkommentator Rainer Lang mir mal entgegnete, ich sei ja wohl so deviant, daß das in seinem persönlichen Umfeld nicht akzeptiert würde. Dan stellte ich fest, daß es da sogar Forschungszweige gibt, die sich auch noch so nennen, wörtlich - hat Foucault ja alles analysiert, ist trotzdem ein seltsames Gefühl, das um die Ohren gehauen zu bekommen.
@Lars:
Ja.
Verfasst von: MomoRules | 07.05.07 22:27
@Lars:
Du hast einerseits recht, daß es eine Sache von Wahrscheinlichkeiten ist und daß die Erfolgswahrscheinlichkeiten ungleich verteilt sind. Andererseits habe ich bei solchen Statements immer das Gefühl, daß das Leben wie ein olympischer Marathonlauf gesehen wird: drei Medaillenplätze, der Rest wird als Verlierer aussortiert. Aber dieses Bild, das da implizit hinter steckt, stimmt doch eigentlich nicht. Und auch auf die Gefahr, jetzt sehr spießig zu klingen: Es gibt keine Höchstquote für passable Schulabschlüsse. Mit einem passablen Schulabschluß gibt es wiederum einen ziemlich guten Zugang zu Ausbildungen oder weiteren Bildungsqualifikationen, und so weiter.
Die Entscheidung, z.B. sogar den Hauptschulabschluß zu verweigern und sich einfach einen Dreck für das eigene Weiterkommen zu interessieren, ist schon eine, die man selbst trifft, und für die man nicht einfach ein ungünstiges soziales Umfeld verantwortlich machen kann. Daß es auch Leute gibt, die Pech haben und in biographische Sackgassen laufen, will ich ja gar nicht bestreiten. Kann jedem passieren, jederzeit. Aber wenn junge Leute im Alter von um die 20 über Perspektivlosigkeit jammern, dann fehlt mir jedes Verständnis, auch wenn ich mich damit jetzt anhöre wie meine selige Oma. Denen stehen jede Menge Tore offen, sofern sie selbst mal den Arsch vom Sofa mit der Playstation hochkriegen.
@Momo:
Oh je, da weiß man ja gar nicht, was schlimmer ist -- Berlin oder die Kostenstände. ;-)
Was das "Selbst schuld"-Argument angeht, so gebe ich Dir absolut recht, daß man es vorsichtig und sparsam einsetzen sollte. Einem Mittvierziger, der seinen Job verliert und nichts neues mehr findet, kann man kaum Vorwürfe machen. Aber, wie gesagt, bei jungen Leuten sieht das doch etwas anders aus. Wie alt ist der Medlock? Mitte 20? Meine Güte, der hätte doch auch ohne RTL noch alle Aufstiegschancen. Klar, das würde dann vielleicht ein paar Abende in der Abendschule anstatt im Probenraum voraussetzen. Aber, hey, seine Entscheidung.
Verfasst von: statler | 08.05.07 00:10
@Statler:
Das mit der seligen Oma ist doch das Problem .... da schlägt irgendwie der Autoritarismus der 50er Jahre in Dir durch.
Medlock ist irgendwas zwischen 24 und 28. Und das Problem ist, daß von mir aus auch "Fehler", die man mit 16 machte, später nicht so ohne weiteres korrigierbar sind.
Habe ich beim oben erwähnten Kumpel auch mitbekommen: Der ist auch so 27 gewesen, als er mal Schluß mit diesen ganzen durchfeierten Nächten machen wollte, Barkeeper-Jobs und so. Nun hat er lediglich einen schlechten Realschulabschluß, was bei sonstigen, biographischen Faktoren schon enorm ist, daß er das geschafft hat.
Mit Abendschule isses da nicht getan: Da sind die Weichen dann einfach gestellt. Der kommt über einen bestimmten Punkt nie hinweg. Und das ist schon auch ein Merkmal für eine außerordentlich wenig durchlässige Gesellschaft.
Hättest Du Chancen in der freien Wirtschaft? Ich bekomme es doch umgekehrt auch mit, daß ich, weil ich beim besten Willen keine Zeit zum Promovieren gehabt hätte, aber ja doch das eine odere Produktive zustande gebracht habe, nicht mal eben so in den akademischen Bereich wechseln kann - und wenn hier z.B. 'ne Stelle für Medienpraxis im Journalistik-Stuidum ausgeschrieben wird, dann wird unsinnigerweise eine Promotion vorausgesetzt (wer das hinbekommen hat, hat auch keine Ahnung von Medienpraxis, dann wäre er nämlich nicht zum Promovieren gekommen) und rigendwas gelehrt, was so dermaßen fernab von allen aktuellen Praktiken ist, daß es mich schüttelt.
Das wäre mal ein wirklich interessantes Plädoyer für die "offene Gesellschaft", genau das mal das offensiver zu diskutieren. Warum soll man nicht mit 45 noch mal 'nen Aufbaustudium machen können? Warum nicht - freiwillige - Versicherungen für Qualifizierungsmaßnahmen einführen und öffentliche Instanzen, die da jene unterstützen, die sich eine solche nicht leisten können? Ist jetzt erst alles so dahergeschrieben, aber da klaffen ja auch die Propaganda vom lebenslangen Lernen und die reale Möglichkeit ziemlich weit auseinander ... aktuell ist ja das System, daß, wenn ich z.B. kündige, erst mal 'ne Arbeitsamtssperre bekomme und dann gequält werde - könnte aber genau so gut mal 'nen Betriebswirtschaftskurs für potenzielle Selbstständigkeit in der Zeit machen, z.B.. Und gerade für jene, die dann mit 27 schnallen, daß das vorher 'n bißchen blöde war, gibt's tatsächlich aktuell nur das Abstellgleis ... bin jetzt mal undurchdacht dafür, dieses Flexibilitätsthema mal wirklich ernst zu nehmen. Finde ich besser, als Medlock zuzurufen "Halt die Klappe!".
Verfasst von: MomoRules | 08.05.07 07:59
@statler:
Es gibt bei den Verlieren umgekehrt ja auch Auf- und Absteigsgeschichten, schrittweise Exklusion sozusagen. Dazu müsste man dann auch verschiedene Dimensionen von Benachteiligung berücksichtigen, die miteinander interagieren aber sich nicht aufeinander reduzieren lassen. Der Martin Kronauer hatte da z.B. eine Unterscheidung von Einbindung in Arbeit bzw. soziale Netzwerke und kulturelle/ökonomische/politisch-institutionelle Teilhabe. Und die Frage wäre dann immer noch, wohin bestimmte Bildungsbiographien führen.
Und dann würde ich die biographische Erfahrung auch noch berücksichtigen. Da greift dann wirklich Dein Argument mit dem anstrengen nicht mehr. Wenn Du so und so häufig verlierst, dann willste irgendwann auch nicht mehr. Ich hatte das im letzten Jahr ganz stark bemerkt, als ich mich auf Stellen und Stiepndien beworben hatte. Mit einem Diplom von 1,3 , konstanter gesellschaftlicher Aktivität, seit meinem Huaptstudium an der Uni beschäftigt usw. hatte ich da auch keine Schnitte. Und irgendwann sage ich mir halt auch, dass ich mich jetzt nirgendwo mehr bewerbe, weil ich mit der Diss so weit bin, dass ich die jetzt nicht nochmal komplett umstricken kann, um sie in das Forschungsprogramm möglicher Arbeitsgeber einzupassen.
Verfasst von: lars | 08.05.07 14:03