" /> Metalust & Subdiskurse: Juni 2007 Archive

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30.06.07

Kapitulation, ohoho ...

Meine neue Hymne!

Das optimale Gegengift zu täglichen Streitereien mit Controllern und anderen Sadisten (sorry, Rayson, Du bist explizit ausgenommen, trotz dieser Überschrift einst, daß man irgendwem mit Kapitulation drohen solle), die nur tarnen wollen, daß hinter beheaupteter Ressourcenknappheit immer die Gier der Vorstandsgehaltsbezieher steht, für alle, die sich beruflich und lebensweltlich in der Diaspora fühlen, für alle, die über Broders Stil und Pointen lachen können, die Inhalte dessen, was er schreibt, aber zumeist, nicht immer, zum Kotzen finden - und außerdem als arg verspäteter Kommentar zu dieser Diskussion hier, einfach, weil der Pudel Club dort einmal an völlig falscher Stelle erwähnt wird, Diedrichsen aber mit dem Alter immer besser wird (hat Booldog da drüben zitiert vor numehr einem halben Jahr oder so):

"Dennoch ist der Restbestand einer Klassenverrats-Ethik als Ekel-Sperre gegen bürgerliche Parteien noch vorhanden. Und dieser Ekel lässt sich nicht wegdiskutieren, denn dahinter steckt das zuverlässige Wissen, dass ein Leben, das nicht auch gegen materielle Interessen gelebt wird, zum Sterben langweilig ist.(...) Denn das ist noch immer die albernste Konstante aller Herzblut-Renegaten, dass sie ihre Konversionen stets als wahnsinnig riskante Rebellion beschreiben müssen, gegen mächtige Gegner. Dabei haben sich sogar in der Zone der Republik, um die Dorn und Poschardt so kämpfen, in der Hauptstadt-Kultur nämlich, längst neokonservative Institutionen gebildet, wurden mit viel Verlags- und Elternknete Zeitschriften und kulturelle Treffpunkte gegründet. Langsam welkende, aber ganz unverarmte Pop-Jünglinge, gerne verschroben stolze Hamburger oder Münchner, bemühen sich im preußischen Exil um Eleganz-Darstellungen und das Eliten-Phantasma. Ihr Guru ist Christoph Stölzl. Vielleicht kriegen sie ihn ja als Kulturstaatsminister. Sein veronkeltes Dandytum sieht heute schon - Ästhetik des Vorscheins! - aus wie die Karikatur ihrer krampfbürgerlichen, reaktionären Zukunft."

29.06.07

Über Licht

Nee, nicht den Peter. Den mag ich zwar auch sehr, und wenn ich nicht da bin, bin auch ich auf dem Sonnendeck und singe das Lied vom Ende des Kapitalismus. Nee, ich meine das, weshalb wir sehen können. Weshalb es Malerei und Fotografie und gibt. Und das, was den Norden vom Rest Deutschlands unterscheidet. Berge machen dumm, und wir haben die Weite, sozusagen ... (... sorry nach Zürich, für die Schweiz gilt das natürlich nicht ;-) ...).

Mitte der Woche bin durch's Berliner Sturmtief getapert. Eigentlich eine ganz schöne Ecke, die ich zu meiner Schande noch gar nicht kannte: Mehringdamm und Bergmannstraße und so, das ehemalige 61. War bisher immer nur auf der Ecke rund um die Oranienstraße, wo der Mariannenplatz einst blau war, so viel Bullen waren da. Und die mag ich ja auch gerne. Nicht die Bullen, diese Ecke von Kreuzberg, meine ich.

Schon eine Gegend zum Wohlfühlen, da rund um's Schwule Museum, glaube ich.Trotzdem - auch wenn sich da zu meiner Überraschung mal das eine oder andere Haus in einer richtigen Farbe befand, eines hatte z.B. einen sehr charmanten Orangeton, mein Hotel war sogar richtig rot, ein hübsches Bordeaux - dieser Eindruck blieb, den ich da immer habe, daß das Licht in Berlin ein wenig so ist, als habe man über Pisa einen Staubsaugerbeutel ausgeschüttet.

Zumindest in jenen Gegenden, wo nicht all die Nachkriegsarchitekturen ihr teilweise ja eigentümlich pittoreskes Spiel mit dem Rechteck betreiben - in Steglitz, Prenzlauer Berg und manchen Ecken Schönebergs und Kreuzbergs also, wo noch des Kaisers Architektur sichtbar blieb, dominert dieses seltsam gebrochene Ocker und warme Grau, das mich auf Dauer rammdösig machen würde. Es ist aber auch nicht so widerlich milchig wie in Köln oder so stumpf warm wie in Freiburg, sondern nur im Sommer, im Winter riecht man in Berlin ja eher Stalingrad, wirkt es da, als wolle man Mediteranes karrikieren. Dabei waren erstaunlich wenig Leute auf der Straße, hier ist auch in Seitenstraßen mehr los.

Dienstag war aber was anders, wegen des Sturmtiefs. Wollte schon immer "Hamburger Wetter, wir haben Hamburger Wetter" anstimmen, trau ich mich aber immer nicht im Ausland. Es gibt ja so viele Lieder und Filme über den Himmel über Berlin, und erstmals habe ich das verstanden. Ein so seltsam deckendes Mittelblau hatte ich selten gesehen, nachts um 11. Klar, die längsten Tage des Jahres, und so zogen stürmisch graue Wolken vor einem derart intensiven, wie mit Weiß abgemischten Farbton entlang, das war schon toll. So saß ich dann mit Walkman am Hotelzimmerfenster und hörte tolle Musik, glotzte auf dieses Blau und verstand ganz plötzlich: Klar, ich guckte nach Nordwesten. Richtung Hamburg halt ...

Wäre jetzt 'ne gute Pointe gewesen, aber zu diesem Sfumato-Leben Süddeutscher muß ich ja doch noch was schreiben. Sfumato ist der Effekt, durch den Leonardo da Vinci berühmt wurde, diese immer neu Übereinanderlegen von Lasuren auf Hell/Dunkel-Untermalung, so daß gleichermaßen ein Verschwimmen der Konturen und enorme Plastizität entsteht - irgendwie "wolkig", weil nicht mehr die Linie bestimmt, was man wahrnimmt, sondern im Grunde genommen das Licht, die Atmosphäre selbst (ja, physikalisch gilt das generell, aber wir nehmen ja nicht physikalisch wahr). Man munkelt ja, das könnte er von der Linse haben, bevor man die scharf stellen konnte - gab ja damals die Camera Obscura, die dann unscharfe Bilder projizierte, und in der Tat wirkt das dann wie dieses berühmte Sfumato.

Meine Schwester sagt immer, wenn man von Süden nach Nordern fährt, dann würde ab Hannover der Himmel aufgehen. Ist auch so. Süddeutschland beginnt ja für mich eh auf der Deister-Linie, Göttingen ist schon Nordhessen und deshalb nicht mehr Norddeutschland, und es ist immer wieder verblüffend festzustellen, wie Franzosen und Süddeutsche völlig überfordert sind von diesem klaren Licht hier oben.

Die Frau eines Freundes von mir, eine Französin, bekommt immer fast einen Nervenzusammenbruch, wenn sie an ostfriesische Inseln denkt, z.B.. Bin mir sicher, daß das daran liegt, daß das Verwischte fehlt, dieses Sfumato halt, das Flirren in der Luft. Ähnlich geht es Leuten aus bergischen Ländlen, wenn die auf einmal weit gucken können, ohne daß Milchigkeit der Luft ihnen die Sicht versperrt, und so viel Weitsicht sind die dann einfach nicht gewöhnt. Das kennen die sonst nur, wenn sie auf Berge klettern und von oben herab die Welt beäugen.

Als ich gestern abend um 11 h noch mal mit dem Hund draußen war, da war's noch am Dämmern, im Nordwesten, Richtung Island halt, da war's noch richtig hell. Wundervolle Blautöne, aber eben nicht mit weiß abgewischt. Wie mit reinem Pigment gemalt. Richtung Island geguckt spürte man die Mittsommernacht ... nach Island muß ich unbedingt mal hin!

25.06.07

Verstehen und Rechtfertigen

"Ich habe oben bereits auf die "Cultural Studisierung" der Gegenwart hingewiesen. Wir haben Anfang der Neunziger Jahre den seltsamen Moment erlebt, in dem rassistische Gewalttäter nach Anschlägen auf Asylbewerberheime ihr Verhalten mittels eines sozialarbeiterischen Vokabulars erläuterten: Ich habe all meine Werte verloren, es ist so kalt in der Gesellschaft, ich habe keinen Job, hier fehlt es an Freizeitangeboten - und als der Druck zu groß wurde, da mußte ich Flüchtlinge anzünden."

Mark Terkessidis, Distanzierte Forscher und selbstreflexive Gegenstände, in: Christoph Jacke u.a. (HG.): Kulturschutt. Über das Recycling von Kulturen, S. 160

Das ist ja so ein Dilemma. "Es ist tiefe Nacht da draußen und die Leute prügeln sich - mir geht's gut!" sang damals die Georgette Dee, und manchmal hörten wir sie in der Wohnung eines Kumpels am Hans-Albers-Platz. Wo das an Wochenenden wirklich der Fall war. Meistens nach Fußballspielen, wo Nazi-Hools und echte Skins das machten, was Formen der Mitte am liebsten tun: Allen auf die Glocke geben, die irgendwie deviant erscheinen, nur den Huren nicht. Die sind akzeptiert.

Kurz zuvor gab es es diese scheußlichen Szenen zur WM 1990, als plötzlich ein Heer von Reichskriegsflaggen nach Abpriff vor meinem Fenster aus Autos heraus wehte, und auf dem Kiez eine meiner Stammkneipen gestürmt wurde. Hätte es damals keinen Hinterausgang gegeben, wäre wohl der eine oder andere Eisenpfahl, das eine oder andere Fahrrad, das durch die großen Fenster flog, von fatalerer Wirkung noch gewesen. Später erzählten mir Freunde die Geschichten von den Polizisten, die in U-Bahn-Stationen den Glatzen den Weg dorthin gewiesen hätten.

So saß man also Georgette hörend in Wohnungen am Hans-Albers-Platz und wunderte sich über sich selbst: So als Linker in tiefer Solidarität mit der teils noch,teils nicht mehr arbeitenden Bevölkerung in Deutschlands Osten und nicht minder emphatiegeneigt jenen gegenüber in Wilhelmsburg, Rheinhausen oder Dortmunder Vororten schickten genau diese einem dann die Borussenfront - wie das ss geschrieben war, ist ja bekannt - vorbei und wollten einen am liebsten massakrieren. Und die aus Wilhelmsburg wählten Schill.

Und so landete man genau jenem Horror, der im Zitat oben sich zeigt: Daß eine genuin linke Gesellschaftsdiagnostik bei den Dümmsten und Widerlichsten als Selbstbeschreibung wieder auftauchte.

Genau so taucht sie in der Selbstbeschreibung von diskriminierten Türken und Muslimen wieder auf, da wohl zu recht, und auch bei den ganzen arabischen und schwarzafrikanischen Kids zu Zeiten der Riots in Paris. Aber auch in der Diskussion zu Ches Eintrag hier erschien das Problem als Strukturelles.

Die Neocon-Agitatoren hat das ja mittlerweile dazu getrieben, einerseits sich selbst ständig zu Opfern von Schwulenverbänden, "Islamofaschisten" und Feministinnen sowieso zu erklären, und der Deutsche an sich sich ist ja mittlerweile sowieso auf allen Ebenen Opfer - der Vertreibung, von Hitler, der ach so unerträglichen, kulturellen Dominaz von verlogener Linkspresse und in deren Gefolge ständig beleidigten Muslimen, die "uns" die Sparschweine verbieten wollen.

Ansonsten wird die Kategorie des Bösen wieder eingeführt, das sich dann in "nicht-integrationswilligen" Mittelstandkids ebenso zeige wie in all den komplexbeladenen Arabern und Persern, die angesichts der Größe und Überlegenheit der "westlichen Kultur" dann ja gar nichts anderes mehr wollen können, als mit Bomben um sich zu schmeißen. Das Böse sind ja immer die Anderen, siehe oben.

Was ist das eigentlich für ein Brei? Prinzipiell gilt wohl die strikte Unterscheidung zwischen dem Erklären und dem Verstehen von etwas und seiner Rechtfertigung, also die Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Sprachwelten.

Trotzdem: Als ich das oben las, schauderte mich, und so richtig aufgelöst bekomme ich es nicht ... ist aber ein Kernproblem politischer Praxis.

23.06.07

Elvis' "Unchained Melody"

"Man muß Pop heute gar nicht mehr suchen: man bekommt ihn vielmehr permanent vorgesetzt, und man muß Pop auch nicht mehr verteidigen, außer vor dem notorisch-missionarischen Popverteidiger und Pop-Projektionspack, das in Pop immer noch Heilsbringerqualitäten projiziert, wie es die Bourgoisie einst auch mit ihrem Kunstbegriff tat. Von anderen Kultursystemen erwartet man auch nicht mehr die Rettung der Welt, von Filmen z.B., aber klar, man freut sich über gute Bücher, die gibt's ja auch noch. Aber in keinem dieser kulturellen Speicher- und Ausdruckssysteme wird im strukturellen Zusammenhang eine derartige latente kulturelle Theologie wie im Pop projiziert. Pop erscheint, wie einst die bürgerliche Kunst in bestimmten Zusammenhängen, immer noch wie eine schlecht sublimierte säkularisierte Religion und ist ebenfalls ranzig geworden."
Marcus Maida, Alles muß raus, in: Frauke Boggasch/ Dominik Sittig, ELEND, Zur Frage der Relevanz von Pop in Kunst, Leben und öffentlichen Badeanstalten, Nürnberg 2007, S. 29-30

Die Szene mit der öffentlichen Badeanstalt im Herrn Lehmann von dem Herrn Regener stoppte mich in der Lektüre des Buches. Weiß auch nicht warum: Habe das Buch dann nicht mehr weitergelesen, obwohl ich es eigentlich toll fand. Endlich mal 'ne West-Biographie, die in etwa einfing, womit ich auch als Nicht-Berliner was anfangen konnte, das Gegen-Buch zur "Generation Golf" und diesem ganzen Acessoire-Quatsch, so habe ich das gelesen. Wie ich Element of Crime sowieso toll finde. Weil sich bei denen die Frage gar nicht stellt, ob sie Pop sind oder nicht.

Die ist nicht relevant, weil sie auf ihre ureigene und ziemlich großartige Weise musikalisch und textlich etwas sagen. Und weil sie leiden unter dem Zwang zur Ironie und all dem Rumgeätze.

Deshalb möchte, glaube ich, Herr Regner von seiner oder seinem Liebsten gerne verhaftet werden, hart hat er es gern, singt er irgendwo auf einem Album, weil er dann endlich mal die Klappe halten kann und nicht unaufhörlich originelle Wortbilder ausstoßen muß, was er ja sonst so virtuos beherrscht.

Sind alles nur Vermutungen, aber man gönnt sich ja sonst nix, und ansonsten lese man den Text oben mal der Sparkassenangestellten in der Filiale eines Vorotes von Nürnberg vor. Die denkt, der Typ habe einen an der Waffel.

Was jetzt das beknacktest Mögliche aller Argumente war, das war Nannens "Lieschen Müller", ich schäme mich, und Blixa Bargeld hat trotzdem jahrelang nur Interviews zu einem Thema gegeben: Die Selbstreferentialität der Medien.

Hatten wir ja neulich unten schon, die Pop-Journalisten und ihre Selbstbezüglichkeit - kann mir wenigstens zugute halten, in allem, was ich bisher so produzierte, Pop fast immer als Symptom, Ausdruck und Katalysator für ganz andere kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen gelesen zu haben, deshalb darf ich auch gelegentlich den Anti-Popper spielen. Weil ich den Pop-Standpunkt selbst so selten eingenommen habe.

Wobei man jetzt Elvis Presley, Chuck Berry, Bo Diddley und so, der ollen Janis und solchen, schon noch eine gewissen Heilsmacht durchaus zusprechen darf. Die boten die Chance, sich mit dem eigenen Empfinden und dem eigenen Körper zu versöhnen. Seltsam, daß gerade Elvis und Janis mit ihrem dann so heftig umgingen.

Aber das ist eben das Jesus-Motiv, das ja völlig in Ordnung ist: Sie nahmen unsere "Sünden" auf sich, bis zum Exzess, und sind daran krepiert.

Gerade Elvis, der ja nicht das Heroin sich in die Venen jagte, sondern eben all die Pfannkuchen, Cheeseburger und Banana-Splits sich einführte und Medikamente schluckte, ganz, wie die Stones das in Mother's Little Helpers besungen haben. Die ganz normalen "Sünden" also, "it's now or never", und sie führten dazu, daß bei den Live-Aufnahmen kurz vor seinem Tod er schon von irgendwo anders sang.

Diese späte Aufnahme der "Unchained Melody", da war er mit den "kleinen Sünden" schon so aufgefüllt, daß er singt wie niemand vor und niemand nach ihm. Wo er tatsächlich transzendiert - sich, die Welt, den Gesang, die Musik, einfach alles.

Ansonsten setze man in obige Passage mal einfach statt Pop andere Wörter ein: Markt, Demokratie, Eigentumsschutz, Ökologie, Ehe, Kinder, Gesundheit, Cheeseburger. Und erspüre dann, wie sich das jeweils anfühlt, während man das tut ... und am besten Elvis' "Unchained Melody" dabei auflegen. Oder die Live Aufnahme vom "Rauchhaus Song" aus dem Nachlaß von Rio Reiser. Oder seine Version von "This Boy, auch auf den "Rio Reiser am Klavier"-Alben drauf. Oder das neue Rufus Wainwright-Album. Oder die Callas, wenn sie Puccini singt. Oder Miles Davis' Soundtrack zu "Fahrstuhl zum Schafott". Oder ....

22.06.07

Wie Märkte nivellieren

Das spaziere ich in die Welt der Kunst, weil ich das eigene, alltägliche "Kunsthandwerk" nicht mehr ertragen kann, will mich transzendieren, indem ich aufsuche, was Welt zu transzendieren vermag, forsche und gucke und genieße - und stoße kurz darauf auf das allerorten Immergleiche:

"Die Verknüpfung von Wirtschaft, Wohlstand und Kunstmarkt und deren Auswirklung auf die Kunst ist keine Erscheinung unserer Zeit. Bereits in den Niederlanden des siebzehnten Jahrhunderts ist der Zusammenhang zwischen Wirtschftsboom, neuem Reichtum und expandierender Nachfrage auf Kunstproduktion nachweisbar."
Piroschka Dossi, Hype! Kunst und Geld, München 2007, S. 46

Damals arbeiteten Künstler übrigens noch mit der Technik der "Weißhöhung", meines Wissens - Untermalungen aus weißer Tempera, über die dann dünne Lasuren aus Ölfarbe gelegt wurden. Das brachte die jeweiligen Stellen des Bildes so richtig schön zum Leuchten. Weil insgesamt die Technik der "Hell-Dunkel-Malerei" angesagt war - daß man also über die Lichter und Schatten, nicht über die Farbe an sich modellierte. Letzteres machten dann erst Künstler wie Cézanne, die räumliche Tiefe z.B. über den Kontrast zwischen warmen und kalten Farben erzeugten.

Und war das nicht auch die Zeit, da Holland jene Institutionen ausbildete, die dabei halfen, von den Kolonien wirklich zu profitieren?

"Die Ausweitung der Nachfrage hatte nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Rückwirkungen auf Kunstproduktion und Kunstkonsum. Das Erreichen neuer Käuferkreise, die zwar über reichlich Geld, nicht aber über genügend Bildung verfügten, um die komplexen Botschaften von Mythologie und Allegorie in Stilleben zu verstehen, führte zu einer schleichenden Erosion des Sinngehaltes der Gemälde. Die rasante Zunahme des Kaufinteresses junger konsumfreudiger Sammler hatte ähnliche Rückkopplungseffekte auf die Kunst. "Die zeitgenössische Kunst hat eine globale Sprache entwickelt", freut sich Samuel Keller, der Leter der Art Basel, "die auch ohne kunsthistorische Bidlung verständlich ist." Intellektuelle Tiefe wird zu einem K.o.-Kriterium. Komplexere Künstler, die komplexere Kunstwerke schaffen, so weiß die erfahrene Sammlerin Ingvild Goetz, haben es heute besonders schwer. (...) Ein Teil der Gegenwartskunst hat bereits kapituliert vor der Dynamik eines schnelllebigen Marktes. Diese Fraktion hisst die weiße Fahne und proklamiert in Ausstellungstiteln die eigene Inhaltslosigkeit: I have no revelations offer to you. Hier wird nichts enthüllt. Die Kunst zeigt sich nackt, und keiner vermisst die neuen Kleider."
Ebd., S. 46-47

Tolles Buch, dieses "Hype!" von Piroschka Dossi. Wer wissen will, wieso materiale Marktanalysen einfach mehr Klarheit schaffen als Formalismen, die eher tarnen als offenbaren, sollte das lesen.

Wobei: Eine globale Sprache, die dann auch jeder verstehen kann, ist ja eigentlich auch nix Schlimmes. Intellektuelle "Tiefe" liest sich auch sehr deutsch, und man kann ja die Nicht-Notwendigkeit kunstgeschichtlichen Wissens auch als Demokratisierung deuten - was sich jedoch schnell selbst sabottiert, dieses Argument, weil jene, die für irgendwelche ekligen Leipziger dann die Euro-Scheine hinblättern, eben diese schmale Schicht der neuen Superreichen ist. Die Kriegsgewinnler der Schlacht gegen "Die da unten" halt.

Aber sonst: Würde im Falle der biologischen Grundlagenforschung jemand nach derlei "Demokratisierung" schreien?

21.06.07

Ein neuer Anfang

Das wird ein Tag! Unser Tag wird ein neuer Anfang sein an dem wir nicht mehr wanken in unserem Urteil schwanken wo wir mit denen die nach vorne schauen uns eine Zukunft bauen!

Ach, ist das schön! Mit Klaus Hoffmann in den neuen Tag starten, meine ich! Nicht allzu präzise, nicht allzu konkret, gibt aber gerade deshalb ein gutes Gefühl! Hauptsache neu anfangen, statt einfach immer nur weiter zu machen ...

Es ist schwül und eklig draußen, die Spinnmilben fressen meine Rosen auf, die Gewinnmaximierer in der Firmenzentrale verhalten sich ähnlich - tangiert mich heute alles peripher, wie Andrea W. 1980 immer zu sagen pflegte, wenn der Klaus Hoffmann mir den neuen Tag einläutet! Heute rette ich die Welt! Jawohl! Damit sie Dir gefällt! Ja! Denn mein Weg ist mein Weg ist mein Weg ... (oops, manchmal ist Musik hören für mich wie für andere Leute kiffen. Aber immer noch besser kiffen als e-mails schreiben)

20.06.07

Das "albern engagierte Volk"

Paßt zum Eintrag von heute morgen, was Tom Schimmeck heute in der FR schreibt:

"Der Zeitgeist. Da bin ich Experte. Schon weil ich vor 20 Jahren einmal kurzfristig Redakteur eines damals neuen "Zeitgeist-Magazins" mit dem flotten Namen "Tempo" war. Seither verfolge ich die Wirrungen des so genannten "Popjournalismus" mit einer gewissen Faszination. Betrieben wird er meist von Söhnen und Töchtern aus gutem Hause, die viel Freude an Markenprodukten und der narzisstischen Umkreisung des eigenen Bauchnabels haben. Sie unterscheiden streng zwischen "in" und "out". Ersteres sind in der Regel sie selber, Letzteres alle anderen, insbesondere "Prolls", "Alt-68er" und all dieses irgendwie albern engagierte Volk. Politisch endet der Popjournalist nach allerlei Pirouetten verlässlich und sehr pragmatisch irgendwo zwischen Guido Westerwelle und Roland Koch. Sein Feind ist der "Gutmensch" im schlecht sitzenden Anzug. "Gutmensch" ist überhaupt eines seiner liebsten Schimpfwörter. Weil er nämliche jede Art von Haltung zutiefst verachtet."

Auch der Rest des Textes: Klasse! Ein Hoch auf schlecht sitzende Anzüge!

Der große TV-Roman

Uta Baier hat's ja drauf. Die darf für DIE WELT schreiben, wahrscheinlich, weil das sonst auch gar keiner wollen würde, und ist über die Documenta geschlendert. Ich habe keine Ahnung, wie's da wirklich ist, derzeit in des Eichels Heimat; lustig ist dennoch die Erwartungshaltung der Kritikerin, weil sie vor kollektiven Wahrnehmungsklischees fettig glänzt und talgig tropft. Es ist die Sicht des konsumorientierten Event-Touristen, die sich nicht zugibt. Beispiel gefällig?

"Begeisterte Ausstellungsbesprechungen erschienen schon vor der ersten umfassenden Vorbesichtigung der Schau. Doch diese beschäftigten sich mit Einzelwerken oder Räumen, die viel von autonomen Kunstwerken erzählten, aber wenig über die Ausstellung sagen, die eher eine Essay-Sammlung ist als ein Roman."

Schon der erste Trick ist so dermaßen billig, daß es mich schaudern läßt - wenn alle was toll finden, falle ich dadurch auf, daß ich es eben nicht toll finde. Die Logik der exlusiven Modemarken und erste Stufe der Distinktion.

Und dann die Sehnsucht nach dem Roman, dem Lauten, Schrillen Bunten, der Sinnlichkeit der Musical-Aufführung, die dort durch den Text schillert: Man unterhalte sie gefälligst, anstatt zu "belehren".

"Didaktisch" ist ja das schlimmste Schimpfwort innermedialer Schaffensprozesse geworden, ein totaler Killer in jedem Meeting, wo man Neues konzipiert - wem's zugesprochen wird, der hat verloren. Da muß man immer aufpassen, daß man der erste ist, der's sagt. Gleich danach kommt nicht zufällig "Kunstkacke". Kunstmärkte und Künstler sind jederzeit okay, eben alles, wo die Romanstruktur von Heldenreisen, Größe, Geld und Macht sich ausbreiten darf - das Essays hingegen, das locker strickt und nicht allem und jedem die gleiche Struktur überbügelt, nee, geht gar nicht. Bei Frau Baier liest sich das so:

"Buergel und seine Kuratorin Ruth Noack setzen nicht nur auf die Lust der Betrachter, ihren Gedanken zu folgen, sondern sie fordern sie ein."

Nein! Das geht ja gar nicht! War neulich auch bei SpOn zu lesen, der "Rohrstock" oder ähnlich der Ausstellungsmacher, der dann "undemokratisch" sei - sowas wie einfordern dürfen defintionsgemäß nur Filialleiter, Vorstände, Familienministerinnen und Hartz IV-Sachbearbeiter, aber doch keine "Unterhaltungskünstler" wie die Documentamacher - "Unterhaltungskünstler" übrigens das DDR-Fachvokabular u.a. für Schlagersänger und Rockmusiker. Noch eins drauf:

"Doch dieser rote Faden ist eine Fata Morgana, denn es gibt nur Assoziationen und Beziehungen, die als Seminararbeitsthema vielleicht ganz interessant sind, in einer Kunstschau aber doch ein wenig platt daher kommen."
Auch so'n selbst platter Vergleich: Das Seminararbeitsthema. Was ist das eigentlich für ein seltsames Verständnis universitärer Bildung, das Prozesse und Ergebnisse eben dieser als Sinnbild des Verstaubten und Irrelevanten proklamiert? Frau Baier wäre vielleicht beim Bungee-Jumping besser aufgehoben als auf der Documenta, dann würden ihr Sätze wie die folgenden nicht entweichen:
"Jede Documenta ist ein Angebot. Diese ist vor allem eines zum Herumsitzen. (...) Doch so rätselhaft, humorlos, feministisch und unfröhlich war noch keine Auswahl."
Da hätte sie vermutlich lieber Kraft durch Freude. "Jede Documenta ist ein Angebot" - aber sich über Plattitüden ereifern. Diese eingestreuten Angebot und Nachfrage-Sprechweisen - was sollen die eigentlich signalisieren?

Und dann Hinsetzen - ja, warum denn nicht? Lieber mit den BOTS aufstehen? Stundenlang vor einem Liebermann sitzen kann allemal erfüllender sein, als den großen SAT 1 TV-Roman zu fordern, wie Frau Baier das hier unaufhörlich tut, und den dann auch vom Laufband aus anzuschauen.

Wieso muß eigtlich ständig alles unbedingt humorvoll sein? Das wäre eine interessantere Frage, verwiese es auf die Funktion des Lachens: Des Auslachens, Anlachens, Weglachens, des Zynischen, des Ironischen - und wieso vielleicht tatsächlich gerade jetzt, gerade in der aktuellen historischen Situation, man sich durch alll das erst mal hindurchpflügen muß, um mal wieder sich hinzusetzen und einfach nur hinzuschauen auf das Einzelne, Besondere, und seinen Bezug zum Nebending.

"Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit" ist nicht umsonst einer der besten Sätze Adornos. "Feministisch" wird auch mal eben so eingestreut wie zuvor schon das "Angebot", und daß dieser humorlos sei, das gehört ja zu den dümmsten Stammtischklischees arschgrabbelnder Fettsäcke, lach doch mal, Süße, keine Ahnung, warum eine Frau Baier genau dieses dann übernehmen muß - arschgrabbelnde Fettsäcke beim Bungee-Jumping sind ja auch kein schönes Bild.

"Unfröhlich", "rätselhaft", ja, was erwartet die Frau denn von der Kunst? Die große Erzählung, offenkundig, aber spaßig und eindeutig - den Faust auf lustig, die Sixtinische Kapelle mal auf ganz locker gemalt, Norbert Bisky also, diese ganzen hehren tollen Schinken, aber mit einer Dosis "Witzigkeit kennt keine Grenzen" soll ein Kurator heute vollbringen?

"Die einzelnen Werke wirken darin wie kleine Erzählungen, die eine ganze Welt eröffnen."

Ja und? Ist doch super! Schlimm auch das hier, das riecht nach Lätta- oder Gutfried-Werbung:

"Denn der von vornherein untaugliche Entwurf eines komplett durchsichtigen, gläsernen Hauses der französischen Architekten Lacaton & Vasall wurde nicht verworfen, sondern mit Vorhängen an Decken und Wänden in eine Hölle mit Teerfußboden verwandelt, dessen rostroter Anstrich mehr an Aschenbahnen und all die sinnlosen Wettkampf-Quälereien erinnert als an eine "sinnliche Ausstellung", die Buergel und Noack versprochen hatten."
Mit Verlaub: Ein dümmerer Gegensatz als Sinnlichkeit versus Aschenbahn ist definitiv nicht zu behaupten. Quälerei auf der Aschenbahn ist eine ziemlich gute Metapher für aktuelle Formen der Sinnlichkeit, der eingeschränkte Begriffshorizont der Autorin wird nur einmal mehr überdeutlich - ob Sportabzeichen einst oder "Fit statt Fett" gerade aktuell, so erheblich ist die Differenz da nicht.

Was alles gar nicht so wichtig wäre, würde diese Arroganz der Dummheit, die im Text sich zeigt, nicht sowieso ganz alltäglich meine Daseinslust einschränken - und, wie's mir scheint, eine ganze Journalistengeneration sich im diesem Dünkel bestens aufgehoben fühlen. Aber prägende Jahre unter Kohl gehen halt nicht spurlos an den Lebenden vorbei ....

17.06.07

Das Wort zum Sonntag (liest sich ja wirklich so, egal, ist wichtig)

Es war zugleich die Zeit der ersten "Wehrsportgruppen". In den eingemeindeten Dörfern ringsherum gab es da welche von.

Wir hatten einen Lehrer, Herr K., der immer mit Bundeswehrhosen und Spingerstiefeln den Unterrichtsraum betrat und auch ansonsten ideologisch streng zu riechen schien. Er unterrichtete "Arbeitslehre", ich weiß gar nicht mehr, ob es das Fach heute noch gibt. Wir hatten in dem Jahr eine AG zu gründen und haben dann eine Schülerzeitung gemacht, die wir, dem Projektmotto folgend, den "Pleitegeier" nannten. Ich als höhere Tochter riß mir natürlich den Job des Redaktionsleiters unter den Nagel, so als Klassensprecher von Geburt an (mein Vater war Bürgermeister, sowas tradiert sich, dazu später mehr).

Wir machten sogar erstaunlichen Gewinn und ein mittelmäßiges Blättchen. Irgendwie zogen alle in der Klasse mit, war eigentlich ganz lustig. Herr K. hatte nicht allzu viel zu tun in diesem Jahr, trotzdem betrat er am Ende des Schuljahres den Raum und verteilte Fünfen. Ich bekam eine 1, weil das so meinem Ruf entsprach. Das mit den Fünfen war in der Tat haarsträubend, es war die neunte oder zehnte Klasse, und einigen wäre so der Hauptschulabschluß verhagelt worden. Und "Lehrstellenmangel" war schon damals Riesen-Thema.

Es war eine IGS, und damals, in den frühen 80ern, man höre und staune, gab es tatsächlich sowas wie Solidarität. Anstatt "Ätschbätsch!" zu rufen und mit dem Finger auf die "Looser" und "Opfer" und "zukünftig Geringqualifizierten" zu zeigen und ansonsten einen Walkman kaufen zu gehen, legten wir ein Dossier über Herrn K. an und übergaben es der Schulleitung. Darüber, daß der Herr K. so selten im Klassenraum gewesen war, daß er im Grunde genommen die Leistung gar nicht beurteilen konnte - der kam kurz am Anfang der Stunde und war dann weg. Und anhand der Arbeit an der Zeitung und der Darstellung, wer da eigentlich was gemacht hat, konnten wir auch ganz gut zeigen, daß die vermeindlichen Fünfer-Schüler genauso engagiert waren wie alle anderen auch. So gab es hinterher keine Fünferschüler mehr, und die Hauptschulabschlüsse waren gerettet.

Für mich seitdem ein Beispiel dafür, daß Solidarität funktionieren kann. In unserer Klasse konnte keiner den anderen wirklich ausstehen, Grüppchenbildung, und tatsächlich sortierte sich das Ganze weitestgehend nach dem Einkommen und Bildungsniveau der Eltern. Lysis hat gerade einen ausgesprochen erhellenden Text zu diesem Thema in sein Blog gestellt, kann ich nur jedem empfehlen, das zu lesen. Trotzdem führte das IGS-Prinzip dazu, daß man sich an entscheidenden Punkten wechselseitig half. Weil man eben gar nicht umhin kam, das Leben derer, die nicht wie ich im Eigenheim - war nur ein Reihenhaus! - aufwuchsen, mitzuerleben und deren Probleme und Zwänge sehr ernst nahm.


Keine Ahnung, ob das heute auch noch funktionierte, liest man den Text bei Lysis - übrigens eine Anwendung von Sartres Intersubjektivitätstheorie, ob nun absichtlich oder aus Versehen - scheint sich da da doch was gewandelt zu haben.

In den frühen 80ern herrschte zumindest an unserer Schule noch sowas wie ein sozialdemokatischer Grundkonsens, selbst Popper waren irgendwie integriert, und, bevor irgendwer diesen neuerdings wieder populären Einwand bringt (genau dazu den Text bei Lysis genau lesen!!!), nein, es war keine "ethnisch homogene" Schule, sondern eine in dem Vorort einer Großstadt mit allem, was zu Trabantenstädten so dazugehört. Und die Wehrsportgruppenmitglieder waren eher "gegen Linke", wahrscheinlich bloggt der eine oder andere davon heute.

Um die Pointe kurz zu fassen. Wer für's Konkurrenzprinzip plädiert, muß sich nicht wundern, wenn Gewalt allerorten in der Gesellschaft zunimmt. Und nach einem sozialdemokratischen Grundkonsens sehne ich mich zurück ...

14.06.07

Kommentarwirren

Liebe Kommentatoren, falls eine Pics Europe oder so Fehlermeldung erscheint, dann heißt das nicht, daß der Kommentar nicht veröffentlicht wurde!

Ebenso wird aus mir unerfindlichen Gründen derzeit auch der eine oder Kommentar geschluckt, ich weiß auch nicht, warum - das ist dann definitiv kein Versuch der Zensur, des Unwillens oder des Sonstwatts, und für jedes Mal, wo das passieren sollte: 'Tschuldigung!

PS: Ansonsten ist hier auch gerade Spam-Befall, wie auf frisch ausgetriebenen Rosen sich Blattläuse tummeln und Mehltau saugt, vielleicht ist mir ja auch was in die Löschaktion gerutscht - kann mir mal irgendwer erklären, wieso Menschen eine solche Energie entfalten, überall dummes Zeug und eklige Links zu platzieren, wenn sie doch wissen müßten, daß man das eh wieder löscht und eh kein Schwein den Link anklickt? Wie geht das überhaupt technisch - bei mails kann ich mir das ja noch vorstellen, aber bei diesen Kommentarfunktionen?

13.06.07

Graue B-Film-Helden regieren jetzt die Welt ...

“Seit den politischen Aufbrüchen der sechziger Jahre beschreibt sich jugendlicher Protest in der Differenz zum Staat. Die Inhalte mögen inzwischen verschwommen sein, geblieben sind die Zeichen und Symbole des Widerstands, sie gehören zu unserem kollektiven Bildergedächtnis: die nackt von hinten fotografierten Bewohner der Kommune 1 in den Sechzigern, der mit einem schwarzen Motorradhelm bewehrte Joschka Fischer im Frankfurter Häuserkampf in den Siebzigern, die martialisch vermummten Autonomen auf den Dächern der Hafenstraße in den Achtzigern. Bloß für die Neunziger findet sich zunächst kein Bild, bis es, ganz am Ende der Dekade, zu jenen Eruptionen in Seattle kam, die dem “Kampf gegen die Globalisierung” Gestalt gaben.

Die linke Subkultur schien in dem Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung und dem Wegfall “des besseren Deutschlands” nach einer politischen Heimat zu suchen, und die Welterklärer sprachen vom “Ende der Geschichte”. Die Figur des Barrikadenkämpfers - man sah sie kaum noch. Die Akteure aus den siebziger und achtziger Jahren waren immer älter geworden, und mit Techno gab es nun eine neue, eine hedonistische Jugendbewegung, die sich eher über Zustimmung als Ablehnung definierte. In Zeiten der Love Parade langweilte die alte “Latsch-Demo” den ohnehin spärlichen linken Nachwuchs, und dieser schnappte die Echos auf: “Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution.”


Schreibt Philip Oehmke im Spiegel, ich hab's von dort.

Das ist ja ganz spannend, wenn man so durch Blogosphäre surft und all die um die 40-jährigen liest, dann sind das ja tatsählich Bilder und Frontstellungen, die allgegenwärtig Wahrnehmung noch prägen, die Herr Oemke da zusammenfaßt.

Allein schon das Opponieren gegen den Staat: Frage mich ja oft, ob der "liberale" Diskurs der Blogospähre nicht ein inverterter Hybrid von Topoi der frühen 80er ist, linker wie rechter, vereinzelt auch mal liberaler - daß auf einmal Reagan als Wiedergänger durch Blogs geistert erscheint mir da nur symptomatisch. Und die Vorliebe für Sarkozy erinnert mich dann, auch ganz frühe 80er, irgendwie an die Franz-Josef-Strauß-Vorliebe der GegendieLinken damals.

Irgendwie stehengeblieben das Ganze, in den frühen 80ern. Ich auch. Vielleicht ist das hierzulande auch so deutlich, weil eine Kulturrevolution und ein Klassenkampf von oben, wie z.B. Frau Thatcher sie initiierte, ja bis zu Schröder nie stattgefunden hat, insofern medial auch hier prägende Entwicklungen der angloamerikanischen Welt erst zeitversetzt politisch vollzogen wurden. Kam ja auch noch 'ne "Wieder"-Vereinigung dazwischen.

So prallen bei allen Debatten rund um Globalisierung differente nationale Entwicklungen aufeinander, Seattle prallt immer wieder neu auf den Medienkanzler, und Frau Merkel als Mutter Beimar mit Schmunzelfaktor stört dann auch nicht weiter dabei, daß alle immer noch in den Paradigmen der fühen 80er diskutieren, die "Lindenstraße" ist ja aus diesen erwachsen. Auch die Cowboy-Rhetorik gegen George W. Bush ist ja im Fehlfarben-Song noch verhaftet ....

Sind aber die Clown Army und die Radical Sheerleaders wirklich so neu als Antwort dann darauf, wie der verlinkte Text behauptet?

Damals in der Friedensbewegung der frühen 80er gab's auch die Pantomimengeschminkten und Hochradfahrer und jene, die den Polizisten dann Blumen an's Revers hefteten. War das was anderes, oder war's gleich? Ist das nicht einfach die ewgige Widerkehr des Summer of Love, auch so'n Pop-Skript?

Und Sprüche wie "Vermummung ist retro" sagen so viel ja nun auch nicht aus, ebenswowenig der Weg in die Anarchie der Zeichen, das war schon immer das Problem aller dekonstruktiven Praktiken - daß sie zwar aufzulösen vermögen, nix jedoch an die Stelle des Aufgelösten platziert bekommen.

Die erste "Love Parade" hatte ja auch nicht umsonst das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" und trug dann zu nix anderem bei als zu einer weiteren Eventisierung von Politik und ebnete zudem auch noch den kulturellen Boden für die New Economy. Weil in die Lücken, die bleiben, wenn man wegkichert, dann eigentlich immer jene stoßen, die beschwörend "Markt!" rufen, gegen Staat agitieren und dann, sobald sie sich auch nur entfernt an das Joschka Fischer Bild aus der BILD erinnert fühlen, nach der Polizei rufen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Welche Formen politischer Praxis machen denn überhaupt noch Sinn? Klar, die Arbeit am Spezifischen, am Projekt, die bleibt als richtige Antwort der Alternativbewegung bestehen. Reicht das? Bin nach diesem ganzen Scheinheiligendamm-Zirkus ratlos ... aber wahrscheinlich habe ich alles Wichtige und Richtige wie üblich mal wieder nicht mitbekommen, weil ich mich den ganzen Tag auf Märkten bewege, und das war gar kein Zirkus. Trotz Rebel Clowns.

12.06.07

Uff! Yeah! Danke, Erik!

Sorry noch mal an alle, die zu kommentieren versuchten, was dann leider nicht klappte - hier hat ein Update das große Nirvana erzeugt, aber jetzt ist wieder alles gut!

07.06.07

Boulevard, Bildschirme und die Ballermannisierung von Politik

"Da diese Propaganda ganz und gar auf die Mittel abgestellt ist, wird sie selbst zum eigentlichen Inhalt. Das heißt, die Propaganda fungiert als eine Art Wunscherfüllung. Das ist eines ihrer Grundmuster: Die Menschen werden "zugelassen", erhalten vermeintlich Insider-Informationen, werden in's Vertrauen gezogen, als Angehörige einer Elite behandelt, die es verdienen, die schaurrigen Geheimnisse zu kennen, die den Außenseitern verborgen bleiben. Die Lust am Schnüffeln wird angefacht und befriedigt. Immerzu werden Skandalgeschichten erzählt, vor allem über sexuelle Exzesse und Greuel; die Enrüstung über Schmutz und Grausamkeit ist nur eine sehr duchsichtige Rationalisierung des Vergnügens, das diese Geschichten den Zuhörern bereiten.

(...) Die faschistische Propaganda attackiert eher einen Popanz als wirkliche Gegner, das heißt, sie erzeugt Bilder vom Juden und vom Kommunisten und reißt sie in Stücke, ohne sich sonderlich um den Realitätsgehalt der Bilder zu kümmern. (..) Sie folgt keiner diskursiven Logik, sondern läßt sich - besonders bei rhetorischen Darbietungen - eher als eine Art organisierter Gedankenflucht kennzeichnen. Die Relation zwischen Prämissen und Schlußfolgerungen wird durch eine Verknüpfung von Gedanken ersetzt, die auf bloßer Ähnlichkeit beruht und bei der oft ein und dasselbe charakteristische Wort in zwei Behauptungen figuriert, die in keinem Zusammenhang stehen, aber durch dieses Wort assoziativ verbunden werden. Dieses Verfahren entzieht sich nicht nur den Kontrollmechanismen einer rationalen Prüfung, sondern macht es dem Zuhörrer leichter, zu "folgen"."

Theodor W. Adorno, Antisemitismus und faschistische Propaganda, in: Ernst Simmel (Hg.), Antisemitismus, Frankfurt/M. 1993, S. 150-153

Das Buch ist erstmals 1946 auf englisch in New York erschienen und analysiert die Reden amerikanischer "Haßprediger".

Der Text von Adorno gründet in 3 Studien, die im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Antisemtismus an der Columbia University entstanden sind (keine Ahnung, ob das schon die "Studien zum autoritären Charakter" waren). Er analysierte hier "eine große Menge antidemokratischer und antisemitischer Propaganda (...), vor allem Kurzsschrift-Transkriptionen von Rundfunkansprachen einiger Westküsten-Agitatoren, Pamphlete und Wochenschriften" (ebd. S. 148).

05.06.07

Kolonialismus, die dritte

"Je weiter sich die Diskussion auf internationaler Ebene entwickelt, desto größer wird die Komplexität der "Frage der Postmoderne". Als ich sie 1979 auf die Frage der "großen Erzählungen zuspitzte, hatte ich die Absicht, diese Komplexität zu verienfachen, jedoch mehr als nötig war."
Jean-Francois Lyotard, Randbemerkungen zu den Erzählungen, in: Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990, S. 49

Manche Kritiker der Elche waren früher keineswegs selber welche, nö, die wissen noch nicht mal, was ein Elch ist.

Aktuell Statler. Wie üblich bin ich ganz ironiefrei dankbar, daß er seine Perspektive auf das Thema hier weiter unten noch mal ausführlich dargelegt hat, obgleich ich die Einwände der Kritiker bei ihm in der Kommentarsektion teile. Soll jetzt aber auch gar nicht Thema sein, noch mal Hähnchenreste zu diskutieren, vielmehr das, was dort drüben steht, was Wissenschaft sei.

"Was ist Globalisierung? Und darf man so eine große Sache wie die Globalisierung analytisch auf eine Stufe mit einer so einfachen Sache wie Wasser kochen stellen? Fangen wir mit der zweiten Frage an: Natürlich darf man das. Und das will ich nicht einmal mit der Spitzfindigkeit begründen, daß Wasser kochen eine ziemlich komplexe Angelegenheit ist, wenn man sie sich mal im kleinsten Detail von Naturwissenschaftlern erklären läßt. Nein, der Grund dafür, daß man das darf, ist einfach der, daß gute Theorie Komplexität soweit wie möglich reduziert. Eine Theorie, die das nicht macht, ist so sinnvoll wie eine Landkarte im Maßstab eins zu eins. Gute Theorie hat eine Fragestellung, und die beantwortet sie auf dem einfachsten gangbaren Weg. Das unterscheidet gute Theorie von weiten Teilen der postmodernen, modischen Sozialphilosophie. Die hat keine präzise Fragestellung, man denkt halt mal darauf los und schaut, wo man rauskommt. Am Ende hat man jede Menge wahnsinnig komplexe Gedankengänge, aber eine Frage beantwortet oder ein Problem gelöst hat man nicht."
Nun ist gegen präzise Fragestellungen nix einzuwenden, wohl aber eine Zugangsweise, die alternative Fragestellungen in völliger Unkenntnis derer mal eben als Mode behauptet, um selbst dann die Struktur des Kolonialismus auf der Ebene der Theorie zu reproduzieren.

Zudem das ja Quatsch ist, nun ausgerechnet die postmodernen Denker als Sucher nach einer Landkarte Maßtstab 1:1 zu behandeln; die meisten hätten Landkarten als Form des Herrschaftswissens disqualifiziert, und das zu diskutieren, wäre ungleich interessanter, weil es ja sinnig oder unsinnig sein kann, diese Behauptung - ob man ein kartographiertes Land besser erobern kann als ein nicht-kartographiertes, z.B., und ob das dann gegen Landkarten als solche spricht oder nicht.

Das Problem an solchen an Zweckmäßigkeit orientierten, wissenschaftlichen Herangehensweisen wie jener Statlers ist, daß sie auf ihre eigenen Erkenntnismodi nicht reflektieren.

Wieso ist nun gerade dieses ein "Problem" in seinen Augen und nicht jenes, wieso ist jene Fragestellung relevant und eine andere nicht, mit anderen Worten, warum selektiere ich so und nicht anders - und auch: Was ist hier überhaupt das Medium der Erkenntnis?

Solche Fragen haben sich Kant und alle seriösen Wissenschaften seit ihm gestellt; wenn man nur das, was Statler über diese schreibt, kennen würde, dann bekäme man ja glatt das Gefühl, das VWL in dieser Hinsicht prämodern das Reflektieren auf's je eigene Tun nicht mehr nötig zu haben glaubt.

Na, Hochmut kommt vor dem Fall, und was Fragestellungen betrifft, ist das bei den großen, postmodernen Denkern eigentlich ziemlich klar: Foucault fragte zunächst nach den formalen, gesellschaftlichen Strukturen, die Sinn konstituieren, behauptete diese im Gegensatz zum Strukturalismus als historisch variant und wendete sich von da aus der Frage zu, wie Macht funktioniert. Derrida fragte sich, wie das Verhältnis von Schrift und gesprochenem Wort ist, und Lyotard, wie Fragen der Legitimität in unserer Kultur beantwortet werden.

Da kommen dann sehr unterschiedliche Theoriemodelle bei raus, Derrida zerlegte Texte, um Gesamtdeutungen zu sabottieren, Foucault lieferte weltweit fruchtbare Ansätze zu einer Ethnologie der eigenen Kultur, na, und Lyotard attackierte die großen Erzählungen, und das ist der Kommunismus wie der Liberalismus wie auch der Islamismus wie auch der Mythos von der alle beglückenden Kraft des freien Marktes wie auch das unspezifische Gerede von der "Globalisierung", die's ja nicht im selben Sinne gibt wie den Baum da vor meinem Balkon.

Wie wenig da "Kleingeld gezahlt" wird im Text von Statler, das macht schon der Ausgangspunkt deutlich. Die Frage nach Wasserkochen ist ja nun tatsächlich aus unterschiedlichen Perspektiven stellbar, Boche führte sie ein als Mittel-Zweck-Relation, und meine Antwort war, daß ein Prozess mit so vielen Beteiligten wie "Globalisierung" nicht im selben Sinne beschrieben werden kann wie eine Säge, z.B.. Das ist eine eher begriffliche Analyse.

Statler fügt dem noch die Möglichkeit einer physikalischen Erklärung hinzu - bevor man theoretisch loslegt, hat man ja eigentlich zumindest zu erläutern, welche Perspektive man einnimmt und eben auch, was nun gerade Medium der Erkenntnis ist, es sei noch einmal betont. Bei der Physik gibt's Geräte, wie macht das denn die VWL?

Beantwortet Statler nicht. Der fordert stattdessen die Nivellierung und das Ausgrenzen.

Noch nicht einmal eine Analyse der Instrumente, die Einsatz finden im Zuge dessen, was man "Globalisierung" nennt, erfolgt systematisch - das wird da verquirlt in einem Brei, in dem mal die Subvention in's Spiel kommt, mal der für den Konsumenten dufte Wettbewerb, mal die WTO - noch nicht einmal eine Betrachtung unterschiedlicher Handlungstypen wird in Betracht gezogen.

Sind ja je unterschiedliche: Zwischen Interventionen des Weltwährungsfonds oder ähnlichen Institutionen, bilateralen Handelsabkommen und der Eroberung eines Marktes für Hühnerersatzteile besteht zunächst mal ein Unterschied.

Nun kann man natürlich Komplexität soweit reduzieren (übrigens eine Floskel des "Sozialphilosophen" Niklas Luhmann), daß man nur noch den je eigenen, politischen Interessen dient, das dann noch als Wissenschaft zu behaupten, das finde ich schon tollkühn.

Strunznaiv wird es dann bei der Definition dessen, was denn Globalsierung sei:

"Globalisierung ist das rapide Sinken von entfernungsabhängigen Transaktionskosten, verursacht vor allem durch technischen Fortschritt und den politischen Abbau von Handels- und Mobilitätsschranken. Punkt. Das war’s. Das verursacht dann natürlich jede Menge andere Dinge, aber diese sind eben die Folgen der Globalisierung und nicht die Globalisierung selbst."
Mit anderen Worten: Der Sklavenhandel, eine der Keimzellen dessen, was wir heute subsummierend "Globalisierung" nennen, ist gar nicht die Globalsierung selbst und deshalb auch nicht relevant.

Naiv ist das deshalb, weil eine platte Ontologie auf einmal an die Stelle der vorgängigen Selektion im Rahmen einer Fragestellung tritt, eine Eingrenzung des Gegenstandsfeldes als dessen Wiklichkeit behauptet wird und eine u.U. wissenschaftliche Definition auf einmal 1 zu 1-Entsprechungen in der Realität haben soll. Und dieses "Basta" bzw. "Punkt" macht ja auch nur den autoritären Gestus dieses Denkens deutlich, das dann vor allem eines hinaus läuft: Scheiß auf die afrikanischen Hühnerzüchter, der Markt ist wichtiger als sie. Was der Hühnerzüchter will, ist schnurz, viel wichtiger ist eine genuin europäische Vorstellung dessen, wie Märkte zu funktionieren hätten. Das ist die Struktur des Kolonialismus: Selbsverständnisse und Eigeninteressen der "Eingeborenen" zu negieren und denen dann vorzuschreiben, wie sie die Welt zu sehen hätten. Basta. Wie eine solche Position auf der anderen Seite noch Indiviudalrechte behaupten will, das ist mir ein Rätsel. Die schaffen Markt und Wettbewerb schon ab.

Mit anderen Worten: Der spezifische Fragestellungstypus des Volkswirtschaftlers Statlers ist nicht etwa eine mit Sicherheit immer notwendige Reduktion von Komplexität, sondern eben das Ausklammern potenzieller Widersprüche in der Theorie selbst. Nicht etwas deren Auflösung. Das nennt man wohl klassisch Ideologie.

Insofern kommt dem auf den Statlerschen Diskrus eben jene Funktion zu, die Lyotard den "großen Erzählungen" zuweist (ich wiederhole mich, muß aber zum Ende überleiten):

"Diese großen Erzählungen sind keine Mythen im Sinne von Fabeln (..). Zwar haben sie wie die Mythen das Ziel, Institutionen, soziale und politische Praktiken, Gesetzgebungen, Ethiken, Denkweisen zu legitimieren. Aber im Unterschied zu den Mythen suchen sie die Legitimität nicht in einem urpsrünglichen Akt , begründenden Akt, sondern in der einzulösenden Zukunft, das heißt in einer noch zu verwirklichenden Idee. Diese Idee (der Freiheit, der "Aufklärung", des Sozialismus usw.) hat legitimierenden Wert, weil sie allgemeine Gültigkeit besitzt. Sie ist richtungsweisend für alle menschlcihen Realitäten. Sie verleiht der Moderne ihren charakteristischen Modus: das Projekt - jenes Projekt, von dem Habermas sagt, es sei unvollendet geblieben und müsse wieder aufgenommen werden."
Ebd., S. 50

Und so ließe sich dann alles rechtfertigen.

Da packt mich die Sehnsucht nach dem guten, alten politischen Interessenausgleich im Spezifischen bei gleichzeitigem Abschaffen von Zwangsbefugnissen - und ansonsten wäre es wohl an der Zeit, Motive aus Hayeks "Wege in die Knechtschaft" auf die große Erzählung des Freihandels selbst anzuwenden.

04.06.07

Deutschland, einig Retro-Show

Die FDOG hat den "Geh doch nach drüben"-Spruch wiederentdeckt.

Absurd, wie all diese verbaltetesterongeschwängerten Jungspunde, insofern so etwas die kommunikative Äquivalenz zu den Hools in Rostock, immer mehr zur Generation meiner Eltern mutieren, also den Jahrgängen 20 - 38 oder so.

Und Bono beruft sich auf Willy Brandt (da wurde andernorts schon gewitzelt, ein Typo-Fehler habe sich eingeschilchen, da müßte ein "s" statt eines "f" in die Headline) - echte Ikonen-Schändung, das hat mein Willy nicht verdient (sage ich jetzt aus reinem Ressentiment - neulich zufällig in diesen legendären Rockpalast aus den frühen 80ern gezapppt, retro!!!, damals der Durchbruch von U2 hierzulande .... da waren die noch richtig klasse).

Irgendwas stimmt da nicht. Es gibt keine geschichtsbezogene Aktualität mehr, sondern ein Gegeneinanderverschieben von willkürlich herausgepickten Erinnerungen, wie bei frei treibenden Eisschollen. Ansonsten nur Spotlights und Ausblendungen - wie bei einer Retro-Show.

Ich glaube, deren Erzählprinzip hat Deutschland fest im Griff. Wahrscheinlich zieht Oliver Geißen die Fäden der politischen Debatte.

03.06.07

Hähnchenschenkel, Mehrwertsteuer und Ersatzeile der Gegenwart des Imperialismus

Während sich noch alle die Köpfe heiß reden über den Hooliganism in Rostock, den Statler auch gerne bewahren möchte (eine andere Welt will er ja nicht, sondern diese behalten, schreibt er, dazu gehören dann eben auch solche Krawalle), zunehmend aber auch richtig gute Artikel zum Thema in der Blogosphäre auftauchen - angesichts dessen macht's ja vielleicht Sinn, mal wieder hinzuschauen, was "Globalisierung" so alles heißen kann und heißen könnte.

Informative Lektüre hierzu war das Afrika-Spezial der FR vom letzten Freitag. Zwei Texte seien hervorgehoben, die ein wenig Butter bei die Fische und Hähnchenschenkel geben können.

Zum einen der hier vom kenianischen Ökonomen James Shikwati, der, wenn ich's recht verstehe, meinen liberalen Diskussionsfreunden in ziemlich vielen Punkten recht gibt, in anderen aber gerade nicht - Zitat:

"Entwicklungshilfe hat in Afrika ein wirtschaftsfeindliches Klima geschaffen. Mit den Hilfsgeldern im Rücken schikanieren die Regierungen kleine Händler und Bauern. Dagegen hatte eine leichte Liberalisierung des Mobiltelefonsektors einen Zuwachs von 75 Prozent bei den Anbietern zur Folge. Ein Steuersystem ist essenziell für eine eigene Entwicklung. Man könnte das Ziel setzen, den Tee- und Kaffeebedarf von 950 Millionen Afrikanern zu decken. Ein solcher, nach innen gerichteter Ansatz könnte der erste Schritt zu einer mehrwertbesteuerten Industrie sein. Hilfsgelder zementieren nur die alten Bindungen und gefährden wirtschaftlichen Fortschritt.

Der einfache Afrikaner kann nur hilflos zusehen, wenn Entwicklungshelfer und Regierungsbeamte durchs Land fahren und nach Armut Ausschau halten. Ohne Hilfe würden die Afrikaner das Töten von Moskitos kommerzialisieren, die Agrarproduktion verbessern und für effektive Gesundheitsversorgung sorgen. Die Hilfe hat die Lösung der Probleme Afrikas ausgelagert."

Strukturell analog sind diese Argumente tatsächlich zur Sozialstaatsdebatte. Es ist zudem ein Plädoyer für wirklich freien Handel und das Auflösen all der Assymetrien, die weiterhin den Welthandel dominieren. Das Thema kann man vertiefen durch diesen Text hier:


"Es war Mitte der 90er Jahre, als die tiefgefrorenen Hühnerreste erstmals an die Küste schwappten. In riesigen Containern landeten sie im Hafen von Tema und eroberten die Märkte im ganzen Land. Erst waren es 8000 Tonnen, zehn Jahre später schon 90 000. Und es werden immer mehr. Die Armen in Ghana, und das sind viele, nahmen den Segen dankbar an.

Egal wie alt, wie oft aufgetaut und wieder eingefroren: Der Preis für das Billigfleisch schmeckt den Menschen. Lokale Farmer dagegen können ihre Hühner kaum noch verkaufen. Gegen die eiskalte Invasion sind sie machtlos. Unzählige Halter wie Tetteh haben längst aufgegeben. Ersatzteile ist noch der freundlichste Spitzname, den sie für die bleiche Konkurrenz gefunden haben. Manche sagen auch "mortuary meat", mortuary, wie Leiche - oder Begräbnis.

Rund zwei der 20 Millionen Ghanaer konnten früher von der heimischen Geflügelproduktion leben. Es war einmal. "Die Büchse der Pandora ist offen, wir können sie nicht schließen", sagt Kenneth Quartey, der Chef des einheimischen Geflügelverbandes. "Sie waren sehr erfolgreich in ihrem Bemühen, unseren Industriezweig zu töten." Wen er mit "sie" meint, ist unschwer zu erraten: Es sind die Hühnerhändler und ihre Helfer aus dem gelobten Europa."

Laut Statler soll das dann ja auch alles so bleiben - eine andere Welt will er ja nicht, er will ja diese. Im Gegensatz zu den Forderungen des kenianischen Ökonomen ist dies wohl die Realität des Welthandels. Hintergrund ist, daß in Europas hochsubventionierter Landwirtschaft sich die Hühnerbrust am besten verkauft, und somit die ganzen Reste des Geflügels dann auf afrikanische Märkte geschwemmt werden.

Das bestätigt zumindest die These der Liberalen, daß gerade das europäische System mit seiner Kombination aus Subventionen und Protektionismus Afrika schwächt, und auf der anderen Seite spielen sich dann gerade jene, die ein solches System stützen, auch noch in Hilfsorganisationen als die Retter der Menschheit auf - so ja in Kurzfassung die Positionen von Gegenüber. Da habe ich von links bisher auch wenig plausible Antworten gelesen.

Aber halt! Die afrikanischen Hühnerzüchter kommen zu einer ganz anderen Conclusio als zum freien Welthandel:

"Nun ist es nicht so, dass Ghana nicht versucht hätte, sich zu wehren. 2003 beschloss das Parlament, den Zoll für gefrorenes Geflügel auf 40 Prozent zu verdoppeln. Prompt kassierte die Regierung das Gesetz. Weltbank und Internationaler Währungsfonds, die offene Märkte schätzen, hatten mit der Kürzung von Hilfsgeld gedroht. Begründung: Durch steigende Huhnpreise würde Ghanas Armutsbekämpfung konterkariert. "Sie vergaßen zu erwähnen, dass die lokale Hühnchenindustrie vor allem arme Ghanaer ernährt", sagt Verbandschef Quartey bitter. Von Ghanas Regierung erwartet er nun nicht mehr viel.

Vermutlich ist es klüger so. "Ich weiß nicht, wie wir das Problem lösen sollen", sagt Anna Nyamekye, die stellvertretende Landwirtschaftsministerin. "Ihr bezahlt eure Bauern doch dafür, dass sie billig exportieren können." Versuche die Regierung, dem einen Riegel vorzuschieben, werde sie von außen gestoppt. "Natürlich ist das Erpressung!", ruft Nyamekye. "Wissen Sie, warum Venezuela sich wehren kann? Weil es Öl hat. So würden wir es gerne machen." Dann lacht sie, weil sie weiß, dass sich mit Ghanas Kakao wohl kein Handelskrieg gewinnen lässt. Hilfe aus Europa ist auch nicht zu erwarten: Die EU-Kommission ließ wissen, die Afrikaner sollten froh sein, dass sie so billig an proteinhaltiges Fleisch kommen."


Abgesehen vom Zynismus der EU-Komission: Da wird offen Protektionismus, aber eben hinsichtlich einer Abschottung der afrikanischen Binnenmärkte, gefordert.

Und es intervenieren genau jene Institutionen, die doch ansonsten für Fairness im Welthandel sorgen sollten oder so tun, als täten sie es. Und nur mal vorgestellt, die staatlichen und überstaatlichen Institutionen gäbe es nicht, es herrschte als wirklich wirklich die komplette Handelsfreiheit - wären dann die Hühnerzüchter wirklich vor diesen Billig-Importen geschützt? Würde sich nicht immer die ökonomische Stärke der ehemaligen Kolonisatoren auch dann noch tradieren, wenn in Europa Subventionen abgebaut würden?

Ein wahrscheinlich völlig falsches Beispiel kommt mir in den Sinn, schreibe es trotzdem, bin ja Blogger in Suchbewegung und nicht Leitartikler einer Wirtschaftszeitung: Nach Zusammenbruch der DDR habe ich mich immer gewundert, daß die Ossis so blöd waren, nun ganz auf West-Produkte zu setzen. Mir in meiner Naivität erschien es immer so, als wäre es durchaus möglich gewesen, trotz des Zusammenbruchs der Absatzmärkte weiter östlich sowas wie eine Binnenwirtschaftsstruktur zu stützen und wenigstens Teile zu retten, ich kaufe ja auch gezielt Gemüse aus den Vier- und Marschlanden hier bei Hamburg.

Bei der DDR handelte es sich freilich um ein ganz anderes Wirtschaftssystem als im Falle der ghananischen Hühnerzüchter, trotzdem: Sind diese beiden Texte nicht Beispiele dafür, daß eher das Ineinandergreifen regionaler und globaler, staatlicher, über-staatlicher und wirtschaftlicher Denkweisen Wege aufzeigt, in die unter aktuellen Bedingungen gedacht werden könnte, und gar nicht diese ewige Denken in Oppositionen - "freier Welthandel" versus "Staat", "national" versus "global"? Das Motto "Think globally, act locally" scheint mir aus der Debatte irgendwie abhanden gekommen zu sein.

Schade - weil eben die aktuelle, imperiale Struktur sowohl staatliches und über-staatliches Handeln als auch ökonomisches bestimmt? Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler fordert ja nicht umsonst staatliche Instrumentarien wie z.B.das Steuerrecht (in den Augen der Liberalen also Enteignung) als Antwort auf aktuelle Probleme. Und um auf die Beine zu kommen, statt sie sich immer neu wegreißen zu lassen, wollen die kenianischen Hühnerzüchter Schutzzölle, die ihnen jedoch im Namen des Freihandels weggerissen werden, um europäischen Firmen den Weg "freizuschießen".

Sund jetzt alles keine weltbewegenden Gedanken, gerade die obige These des Ineinandergreifens nicht - aber wenn ich ebenfalls in der FR lese, wie ein Bono Frau Merkel verbal tätschelt, habe ich irgendwie den Eindruck, der redet am Thema vorbei.

Vielleicht sind diese zwei spezifischeren Texte ja mal eine Möglichkeit, das Ganze weg vom großen, rhetorischen Bogen hin zu konkreten Fragen umzulenken und so eventuell genauer zu bestimmen, was dieser Gipfel überhaupt soll und wieso er kritisierbar ist. Und da ich annehme, daß Andere da schlauer sind als ich, bieten die beiden Texte ja vielleicht Anlaß, das Thema mal pragmatischer zu diskutieren ... weil ich schon gerne eine andere Welt hätte und auch glaube, daß sie möglich ist.

01.06.07

Café Deutschland, audiovisuell

Einen Nachruf auf Jörg Immerdorff konnte ich hier nicht verfassen, dafür habe ich mich viel zu wenig mit ihm beschäftigt. Richtg sympathisch ist er mir geworden, da Christoph Tannert ihn in der Einleitung zu "New German German Paintings" deftig und primitiv anfeindete und auch in anderen Texten Immendorff/Richter/Meese als Gegenspieler zu den Leipzigern Stalinisten aufgebaut sich fanden. Solchen Antagonismen gehe ich ja gerne auf den Leim, dem Leben fehlt halt einfach die dramatische Musikuntermalung, Herr von Dannen.

Habe schon eine instensive Erinnerung daran, einst als Neu-Hamburger in die Kunsthalle spaziert zu sein und nachhaltig fasziniert vor einem Bild der "Café Deutschland"-Reihe gestanden zu haben. Und in sein "La Paloma" am Hans-Albers-Platz, klar, da ging man auch hin. Wenn ich mich recht entsinne, wurde das bald die Speerspitze irgendwelcher Bad-Taste-Schlager-Heten-Veranstaltungen, wo dumpfe Bierprolls im Hirn, also knackärschige Gymnasiasten, die auch in der AOL-Arena zwischendurch verbal mal so richtig die Sau rauslassen, während sie kraft Herkunft beste Zukunftsaussichten haben, daß diese dann schlagerbetüddelt rumgröhlten an der Ecke zur Friedrichstraße, Nutten schrill fanden und den Camp-Gedanken brutalstmöglich karrikierten. So wie Heten das halt imer machen, wenn mal ein Motiv schwuler Kultur zu ihnen durchdringt: Da kommt dann sowas wie "Mamma Mia" hinten raus.

Dieser mehrfach recyclete Immendorff-Nachruf auf dem WDR hat mich trotz dieses Wissens um popkulturhistorische Entwicklungen erschreckt. Da hat eine außerordentlich um Senisbilität und Achtung vor dem Gegenüber bemühte Autorin trotz alledem diesen seltsamen Voyeurismus angesichts schwerkranker Menschen im Fernsehen bedient, und das Schreckliche ist die Unvermeidbarkeit dessen, wenn man ein Thema wie Krankheit in den Mittelpunkt des Plots pflanzt. Da wird dann die Rosamunde-Pilcherisierung der Emphatie Programm, und das kann man als Autor auch gar nicht vermeiden, das ist das Gesetz des Mediums. Wer weiß, ob die Autorin diese Art des Geschichtenerzählens wollte, eine solche Form der Dramatisierung kann ja auch Senderwunsch sein.
Wenn im Pressetext schon steht:

"Erstmals erzählen die Mutter des Künstlers, Irene Immendorff und die erste Ehefrau Chris Reinecke vor laufender Kamera von ihren Erlebnissen mit dem Künstler."
... dann kann man sicher sein, daß diese Interveiws mit Sicherheit berühren, und in der Tat, so war's. Aber würdigt man das Werk eines Verstorbenen, indem man seine Mutter als faszinierende, empfindsame und beeindruckende Frau zeigt?

So entstand ein Lehrstück darüber,wie man durch "Menscheln" die Kunst erdrückt und diese so gar nicht mehr zum Atmen kommen läßt. Vorgeführt wurde ein Immendorf mit Atmungsgerät in der Luftröhre - das immerhin die guten Passagen, auch einen mit einem solchen Instrument Versehenen ganz un-verschämt zu Worte kommen zu lassen. Aber ansonsten blieb's halt nicht bei dieser Selbstverständlichkeit.

So wurde diese weiße Röhre geradezu symbolträchtig für die Rollle der Kunst in den audiovisuellen Medien: 's röchelt.

Ansonsten gilt: Man suche Stars und bügele denen einen wiederholbaren Entwicklungsroman über. Der Daniel Richter aus der Hafenstraße, der als Ex-Punk nunmehr zu den Bestverkauften und Teuersten gehört und dieses natürlich schaffte, indem er von der Abstraktion zum Figurativen überging. Der Neo Rauch, der bei seinen sozialistischen Lehrern wenigstens noch richtig malen gelernt hat. So eben auch der Immendorff, der als Rebell startete, um dann angeblich anders als alle Anderen sich dem Thema "Nation" zu widmen - er tat dieses zur selben Zeit, als die Neue Deutsche Welle aufkam! "Tanz den Adolf Hitler"!, und eine Friedensbewegung endlich das andere, nicht kriegeirsche Deutschland sein wollte! - und dann wurde er gleichzeitig krank und Staatsmaler. Und das war's.

Seine künstlerischen Formen, sein Sich-Annähern an die Neuen Wilden, sein Sich-Öffnen dem Pop, nö - man sieht ihn im Portrait mal kurz mit dem Lüppertz und dann auch mit dem Meese, ohne daß auch nur ein Wort über die spezifischen Formen fällt, die er künstlerisch wählte und die ihn mit Meese und Lüppertz dann verbinden könnten oder auch nicht.

Noch nicht einmal, daß sein Kanzler-Portrait gold ist, wurde jenseits simpler Prädikation erwähnt - nein, da ist dann die Kumpelei mit Schröder von Bedeutung, und daß eben der Kranke den Presserummel nicht mehr ertrug. Allenfalls ein Bezug zu einem Clint Eastwood-Film angesichts roter Ausstellungswände wurde zwischendrin erwähnt - und auch der Einfluß von Beuys, seinem Lehrer, zu Anfang des Films. Doch worin der bestand, das war der weiteren Analyse nicht wert, es ging ja um "zwischenmenschlche Beziehungen".

Kurioserweise war ausgerechnet der Heute Journal-Nachruf konträr. Aber natürlich viel zu kurz. Da wurde z.B. die These aufgestellt, daß die Malerei des Künstlers gegenläufig zur schweren Krankheit eigentümlich leicht geworden sei gegen Ende. Immerhin ein Gedanke. Und das mitten im Fernsehen ...


Erstmals erzählen die Mutter des Künstlers, Irene Immendorff und
die erste Ehefrau Chris Reinecke vor laufender Kamera von ihren
Erlebnissen mit dem Künstler.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de