"Je weiter sich die Diskussion auf internationaler Ebene entwickelt, desto größer wird die Komplexität der "Frage der Postmoderne". Als ich sie 1979 auf die Frage der "großen Erzählungen zuspitzte, hatte ich die Absicht, diese Komplexität zu verienfachen, jedoch mehr als nötig war."
Jean-Francois Lyotard, Randbemerkungen zu den Erzählungen, in: Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart 1990, S. 49
Manche Kritiker der Elche waren früher keineswegs selber welche, nö, die wissen noch nicht mal, was ein Elch ist.
Aktuell Statler. Wie üblich bin ich ganz ironiefrei dankbar, daß er seine Perspektive auf das Thema hier weiter unten noch mal ausführlich dargelegt hat, obgleich ich die Einwände der Kritiker bei ihm in der Kommentarsektion teile. Soll jetzt aber auch gar nicht Thema sein, noch mal Hähnchenreste zu diskutieren, vielmehr das, was dort drüben steht, was Wissenschaft sei.
"Was ist Globalisierung? Und darf man so eine große Sache wie die Globalisierung analytisch auf eine Stufe mit einer so einfachen Sache wie Wasser kochen stellen? Fangen wir mit der zweiten Frage an: Natürlich darf man das. Und das will ich nicht einmal mit der Spitzfindigkeit begründen, daß Wasser kochen eine ziemlich komplexe Angelegenheit ist, wenn man sie sich mal im kleinsten Detail von Naturwissenschaftlern erklären läßt. Nein, der Grund dafür, daß man das darf, ist einfach der, daß gute Theorie Komplexität soweit wie möglich reduziert. Eine Theorie, die das nicht macht, ist so sinnvoll wie eine Landkarte im Maßstab eins zu eins. Gute Theorie hat eine Fragestellung, und die beantwortet sie auf dem einfachsten gangbaren Weg. Das unterscheidet gute Theorie von weiten Teilen der postmodernen, modischen Sozialphilosophie. Die hat keine präzise Fragestellung, man denkt halt mal darauf los und schaut, wo man rauskommt. Am Ende hat man jede Menge wahnsinnig komplexe Gedankengänge, aber eine Frage beantwortet oder ein Problem gelöst hat man nicht."
Nun ist gegen präzise Fragestellungen nix einzuwenden, wohl aber eine Zugangsweise, die alternative Fragestellungen in völliger Unkenntnis derer mal eben als Mode behauptet, um selbst dann die Struktur des Kolonialismus auf der Ebene der Theorie zu reproduzieren.
Zudem das ja Quatsch ist, nun ausgerechnet die postmodernen Denker als Sucher nach einer Landkarte Maßtstab 1:1 zu behandeln; die meisten hätten Landkarten als Form des Herrschaftswissens disqualifiziert, und das zu diskutieren, wäre ungleich interessanter, weil es ja sinnig oder unsinnig sein kann, diese Behauptung - ob man ein kartographiertes Land besser erobern kann als ein nicht-kartographiertes, z.B., und ob das dann gegen Landkarten als solche spricht oder nicht.
Das Problem an solchen an Zweckmäßigkeit orientierten, wissenschaftlichen Herangehensweisen wie jener Statlers ist, daß sie auf ihre eigenen Erkenntnismodi nicht reflektieren.
Wieso ist nun gerade dieses ein "Problem" in seinen Augen und nicht jenes, wieso ist jene Fragestellung relevant und eine andere nicht, mit anderen Worten, warum selektiere ich so und nicht anders - und auch: Was ist hier überhaupt das Medium der Erkenntnis?
Solche Fragen haben sich Kant und alle seriösen Wissenschaften seit ihm gestellt; wenn man nur das, was Statler über diese schreibt, kennen würde, dann bekäme man ja glatt das Gefühl, das VWL in dieser Hinsicht prämodern das Reflektieren auf's je eigene Tun nicht mehr nötig zu haben glaubt.
Na, Hochmut kommt vor dem Fall, und was Fragestellungen betrifft, ist das bei den großen, postmodernen Denkern eigentlich ziemlich klar: Foucault fragte zunächst nach den formalen, gesellschaftlichen Strukturen, die Sinn konstituieren, behauptete diese im Gegensatz zum Strukturalismus als historisch variant und wendete sich von da aus der Frage zu, wie Macht funktioniert. Derrida fragte sich, wie das Verhältnis von Schrift und gesprochenem Wort ist, und Lyotard, wie Fragen der Legitimität in unserer Kultur beantwortet werden.
Da kommen dann sehr unterschiedliche Theoriemodelle bei raus, Derrida zerlegte Texte, um Gesamtdeutungen zu sabottieren, Foucault lieferte weltweit fruchtbare Ansätze zu einer Ethnologie der eigenen Kultur, na, und Lyotard attackierte die großen Erzählungen, und das ist der Kommunismus wie der Liberalismus wie auch der Islamismus wie auch der Mythos von der alle beglückenden Kraft des freien Marktes wie auch das unspezifische Gerede von der "Globalisierung", die's ja nicht im selben Sinne gibt wie den Baum da vor meinem Balkon.
Wie wenig da "Kleingeld gezahlt" wird im Text von Statler, das macht schon der Ausgangspunkt deutlich. Die Frage nach Wasserkochen ist ja nun tatsächlich aus unterschiedlichen Perspektiven stellbar, Boche führte sie ein als Mittel-Zweck-Relation, und meine Antwort war, daß ein Prozess mit so vielen Beteiligten wie "Globalisierung" nicht im selben Sinne beschrieben werden kann wie eine Säge, z.B.. Das ist eine eher begriffliche Analyse.
Statler fügt dem noch die Möglichkeit einer physikalischen Erklärung hinzu - bevor man theoretisch loslegt, hat man ja eigentlich zumindest zu erläutern, welche Perspektive man einnimmt und eben auch, was nun gerade Medium der Erkenntnis ist, es sei noch einmal betont. Bei der Physik gibt's Geräte, wie macht das denn die VWL?
Beantwortet Statler nicht. Der fordert stattdessen die Nivellierung und das Ausgrenzen.
Noch nicht einmal eine Analyse der Instrumente, die Einsatz finden im Zuge dessen, was man "Globalisierung" nennt, erfolgt systematisch - das wird da verquirlt in einem Brei, in dem mal die Subvention in's Spiel kommt, mal der für den Konsumenten dufte Wettbewerb, mal die WTO - noch nicht einmal eine Betrachtung unterschiedlicher Handlungstypen wird in Betracht gezogen.
Sind ja je unterschiedliche: Zwischen Interventionen des Weltwährungsfonds oder ähnlichen Institutionen, bilateralen Handelsabkommen und der Eroberung eines Marktes für Hühnerersatzteile besteht zunächst mal ein Unterschied.
Nun kann man natürlich Komplexität soweit reduzieren (übrigens eine Floskel des "Sozialphilosophen" Niklas Luhmann), daß man nur noch den je eigenen, politischen Interessen dient, das dann noch als Wissenschaft zu behaupten, das finde ich schon tollkühn.
Strunznaiv wird es dann bei der Definition dessen, was denn Globalsierung sei:
"Globalisierung ist das rapide Sinken von entfernungsabhängigen Transaktionskosten, verursacht vor allem durch technischen Fortschritt und den politischen Abbau von Handels- und Mobilitätsschranken. Punkt. Das war’s. Das verursacht dann natürlich jede Menge andere Dinge, aber diese sind eben die Folgen der Globalisierung und nicht die Globalisierung selbst."
Mit anderen Worten: Der Sklavenhandel, eine der Keimzellen dessen, was wir heute subsummierend "Globalisierung" nennen, ist gar nicht die Globalsierung selbst und deshalb auch nicht relevant.
Naiv ist das deshalb, weil eine platte Ontologie auf einmal an die Stelle der vorgängigen Selektion im Rahmen einer Fragestellung tritt, eine Eingrenzung des Gegenstandsfeldes als dessen Wiklichkeit behauptet wird und eine u.U. wissenschaftliche Definition auf einmal 1 zu 1-Entsprechungen in der Realität haben soll. Und dieses "Basta" bzw. "Punkt" macht ja auch nur den autoritären Gestus dieses Denkens deutlich, das dann vor allem eines hinaus läuft: Scheiß auf die afrikanischen Hühnerzüchter, der Markt ist wichtiger als sie. Was der Hühnerzüchter will, ist schnurz, viel wichtiger ist eine genuin europäische Vorstellung dessen, wie Märkte zu funktionieren hätten. Das ist die Struktur des Kolonialismus: Selbsverständnisse und Eigeninteressen der "Eingeborenen" zu negieren und denen dann vorzuschreiben, wie sie die Welt zu sehen hätten. Basta. Wie eine solche Position auf der anderen Seite noch Indiviudalrechte behaupten will, das ist mir ein Rätsel. Die schaffen Markt und Wettbewerb schon ab.
Mit anderen Worten: Der spezifische Fragestellungstypus des Volkswirtschaftlers Statlers ist nicht etwa eine mit Sicherheit immer notwendige Reduktion von Komplexität, sondern eben das Ausklammern potenzieller Widersprüche in der Theorie selbst. Nicht etwas deren Auflösung. Das nennt man wohl klassisch Ideologie.
Insofern kommt dem auf den Statlerschen Diskrus eben jene Funktion zu, die Lyotard den "großen Erzählungen" zuweist (ich wiederhole mich, muß aber zum Ende überleiten):
"Diese großen Erzählungen sind keine Mythen im Sinne von Fabeln (..). Zwar haben sie wie die Mythen das Ziel, Institutionen, soziale und politische Praktiken, Gesetzgebungen, Ethiken, Denkweisen zu legitimieren. Aber im Unterschied zu den Mythen suchen sie die Legitimität nicht in einem urpsrünglichen Akt , begründenden Akt, sondern in der einzulösenden Zukunft, das heißt in einer noch zu verwirklichenden Idee. Diese Idee (der Freiheit, der "Aufklärung", des Sozialismus usw.) hat legitimierenden Wert, weil sie allgemeine Gültigkeit besitzt. Sie ist richtungsweisend für alle menschlcihen Realitäten. Sie verleiht der Moderne ihren charakteristischen Modus: das Projekt - jenes Projekt, von dem Habermas sagt, es sei unvollendet geblieben und müsse wieder aufgenommen werden."
Ebd., S. 50
Und so ließe sich dann alles rechtfertigen.
Da packt mich die Sehnsucht nach dem guten, alten politischen Interessenausgleich im Spezifischen bei gleichzeitigem Abschaffen von Zwangsbefugnissen - und ansonsten wäre es wohl an der Zeit, Motive aus Hayeks "Wege in die Knechtschaft" auf die große Erzählung des Freihandels selbst anzuwenden.