Hähnchenschenkel, Mehrwertsteuer und Ersatzeile der Gegenwart des Imperialismus
Während sich noch alle die Köpfe heiß reden über den Hooliganism in Rostock, den Statler auch gerne bewahren möchte (eine andere Welt will er ja nicht, sondern diese behalten, schreibt er, dazu gehören dann eben auch solche Krawalle), zunehmend aber auch richtig gute Artikel zum Thema in der Blogosphäre auftauchen - angesichts dessen macht's ja vielleicht Sinn, mal wieder hinzuschauen, was "Globalisierung" so alles heißen kann und heißen könnte.
Informative Lektüre hierzu war das Afrika-Spezial der FR vom letzten Freitag. Zwei Texte seien hervorgehoben, die ein wenig Butter bei die Fische und Hähnchenschenkel geben können.
Zum einen der hier vom kenianischen Ökonomen James Shikwati, der, wenn ich's recht verstehe, meinen liberalen Diskussionsfreunden in ziemlich vielen Punkten recht gibt, in anderen aber gerade nicht - Zitat:
"Entwicklungshilfe hat in Afrika ein wirtschaftsfeindliches Klima geschaffen. Mit den Hilfsgeldern im Rücken schikanieren die Regierungen kleine Händler und Bauern. Dagegen hatte eine leichte Liberalisierung des Mobiltelefonsektors einen Zuwachs von 75 Prozent bei den Anbietern zur Folge. Ein Steuersystem ist essenziell für eine eigene Entwicklung. Man könnte das Ziel setzen, den Tee- und Kaffeebedarf von 950 Millionen Afrikanern zu decken. Ein solcher, nach innen gerichteter Ansatz könnte der erste Schritt zu einer mehrwertbesteuerten Industrie sein. Hilfsgelder zementieren nur die alten Bindungen und gefährden wirtschaftlichen Fortschritt.Der einfache Afrikaner kann nur hilflos zusehen, wenn Entwicklungshelfer und Regierungsbeamte durchs Land fahren und nach Armut Ausschau halten. Ohne Hilfe würden die Afrikaner das Töten von Moskitos kommerzialisieren, die Agrarproduktion verbessern und für effektive Gesundheitsversorgung sorgen. Die Hilfe hat die Lösung der Probleme Afrikas ausgelagert."
Strukturell analog sind diese Argumente tatsächlich zur Sozialstaatsdebatte. Es ist zudem ein Plädoyer für wirklich freien Handel und das Auflösen all der Assymetrien, die weiterhin den Welthandel dominieren. Das Thema kann man vertiefen durch diesen Text hier:
"Es war Mitte der 90er Jahre, als die tiefgefrorenen Hühnerreste erstmals an die Küste schwappten. In riesigen Containern landeten sie im Hafen von Tema und eroberten die Märkte im ganzen Land. Erst waren es 8000 Tonnen, zehn Jahre später schon 90 000. Und es werden immer mehr. Die Armen in Ghana, und das sind viele, nahmen den Segen dankbar an.Egal wie alt, wie oft aufgetaut und wieder eingefroren: Der Preis für das Billigfleisch schmeckt den Menschen. Lokale Farmer dagegen können ihre Hühner kaum noch verkaufen. Gegen die eiskalte Invasion sind sie machtlos. Unzählige Halter wie Tetteh haben längst aufgegeben. Ersatzteile ist noch der freundlichste Spitzname, den sie für die bleiche Konkurrenz gefunden haben. Manche sagen auch "mortuary meat", mortuary, wie Leiche - oder Begräbnis.
Rund zwei der 20 Millionen Ghanaer konnten früher von der heimischen Geflügelproduktion leben. Es war einmal. "Die Büchse der Pandora ist offen, wir können sie nicht schließen", sagt Kenneth Quartey, der Chef des einheimischen Geflügelverbandes. "Sie waren sehr erfolgreich in ihrem Bemühen, unseren Industriezweig zu töten." Wen er mit "sie" meint, ist unschwer zu erraten: Es sind die Hühnerhändler und ihre Helfer aus dem gelobten Europa."
Laut Statler soll das dann ja auch alles so bleiben - eine andere Welt will er ja nicht, er will ja diese. Im Gegensatz zu den Forderungen des kenianischen Ökonomen ist dies wohl die Realität des Welthandels. Hintergrund ist, daß in Europas hochsubventionierter Landwirtschaft sich die Hühnerbrust am besten verkauft, und somit die ganzen Reste des Geflügels dann auf afrikanische Märkte geschwemmt werden.
Das bestätigt zumindest die These der Liberalen, daß gerade das europäische System mit seiner Kombination aus Subventionen und Protektionismus Afrika schwächt, und auf der anderen Seite spielen sich dann gerade jene, die ein solches System stützen, auch noch in Hilfsorganisationen als die Retter der Menschheit auf - so ja in Kurzfassung die Positionen von Gegenüber. Da habe ich von links bisher auch wenig plausible Antworten gelesen.
Aber halt! Die afrikanischen Hühnerzüchter kommen zu einer ganz anderen Conclusio als zum freien Welthandel:
"Nun ist es nicht so, dass Ghana nicht versucht hätte, sich zu wehren. 2003 beschloss das Parlament, den Zoll für gefrorenes Geflügel auf 40 Prozent zu verdoppeln. Prompt kassierte die Regierung das Gesetz. Weltbank und Internationaler Währungsfonds, die offene Märkte schätzen, hatten mit der Kürzung von Hilfsgeld gedroht. Begründung: Durch steigende Huhnpreise würde Ghanas Armutsbekämpfung konterkariert. "Sie vergaßen zu erwähnen, dass die lokale Hühnchenindustrie vor allem arme Ghanaer ernährt", sagt Verbandschef Quartey bitter. Von Ghanas Regierung erwartet er nun nicht mehr viel.Vermutlich ist es klüger so. "Ich weiß nicht, wie wir das Problem lösen sollen", sagt Anna Nyamekye, die stellvertretende Landwirtschaftsministerin. "Ihr bezahlt eure Bauern doch dafür, dass sie billig exportieren können." Versuche die Regierung, dem einen Riegel vorzuschieben, werde sie von außen gestoppt. "Natürlich ist das Erpressung!", ruft Nyamekye. "Wissen Sie, warum Venezuela sich wehren kann? Weil es Öl hat. So würden wir es gerne machen." Dann lacht sie, weil sie weiß, dass sich mit Ghanas Kakao wohl kein Handelskrieg gewinnen lässt. Hilfe aus Europa ist auch nicht zu erwarten: Die EU-Kommission ließ wissen, die Afrikaner sollten froh sein, dass sie so billig an proteinhaltiges Fleisch kommen."
Abgesehen vom Zynismus der EU-Komission: Da wird offen Protektionismus, aber eben hinsichtlich einer Abschottung der afrikanischen Binnenmärkte, gefordert.
Und es intervenieren genau jene Institutionen, die doch ansonsten für Fairness im Welthandel sorgen sollten oder so tun, als täten sie es. Und nur mal vorgestellt, die staatlichen und überstaatlichen Institutionen gäbe es nicht, es herrschte als wirklich wirklich die komplette Handelsfreiheit - wären dann die Hühnerzüchter wirklich vor diesen Billig-Importen geschützt? Würde sich nicht immer die ökonomische Stärke der ehemaligen Kolonisatoren auch dann noch tradieren, wenn in Europa Subventionen abgebaut würden?
Ein wahrscheinlich völlig falsches Beispiel kommt mir in den Sinn, schreibe es trotzdem, bin ja Blogger in Suchbewegung und nicht Leitartikler einer Wirtschaftszeitung: Nach Zusammenbruch der DDR habe ich mich immer gewundert, daß die Ossis so blöd waren, nun ganz auf West-Produkte zu setzen. Mir in meiner Naivität erschien es immer so, als wäre es durchaus möglich gewesen, trotz des Zusammenbruchs der Absatzmärkte weiter östlich sowas wie eine Binnenwirtschaftsstruktur zu stützen und wenigstens Teile zu retten, ich kaufe ja auch gezielt Gemüse aus den Vier- und Marschlanden hier bei Hamburg.
Bei der DDR handelte es sich freilich um ein ganz anderes Wirtschaftssystem als im Falle der ghananischen Hühnerzüchter, trotzdem: Sind diese beiden Texte nicht Beispiele dafür, daß eher das Ineinandergreifen regionaler und globaler, staatlicher, über-staatlicher und wirtschaftlicher Denkweisen Wege aufzeigt, in die unter aktuellen Bedingungen gedacht werden könnte, und gar nicht diese ewige Denken in Oppositionen - "freier Welthandel" versus "Staat", "national" versus "global"? Das Motto "Think globally, act locally" scheint mir aus der Debatte irgendwie abhanden gekommen zu sein.
Schade - weil eben die aktuelle, imperiale Struktur sowohl staatliches und über-staatliches Handeln als auch ökonomisches bestimmt? Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler fordert ja nicht umsonst staatliche Instrumentarien wie z.B.das Steuerrecht (in den Augen der Liberalen also Enteignung) als Antwort auf aktuelle Probleme. Und um auf die Beine zu kommen, statt sie sich immer neu wegreißen zu lassen, wollen die kenianischen Hühnerzüchter Schutzzölle, die ihnen jedoch im Namen des Freihandels weggerissen werden, um europäischen Firmen den Weg "freizuschießen".
Sund jetzt alles keine weltbewegenden Gedanken, gerade die obige These des Ineinandergreifens nicht - aber wenn ich ebenfalls in der FR lese, wie ein Bono Frau Merkel verbal tätschelt, habe ich irgendwie den Eindruck, der redet am Thema vorbei.
Vielleicht sind diese zwei spezifischeren Texte ja mal eine Möglichkeit, das Ganze weg vom großen, rhetorischen Bogen hin zu konkreten Fragen umzulenken und so eventuell genauer zu bestimmen, was dieser Gipfel überhaupt soll und wieso er kritisierbar ist. Und da ich annehme, daß Andere da schlauer sind als ich, bieten die beiden Texte ja vielleicht Anlaß, das Thema mal pragmatischer zu diskutieren ... weil ich schon gerne eine andere Welt hätte und auch glaube, daß sie möglich ist.

Kommentare
Nur ganz schnell eine Ergänzung zum Hähnchenthema:
Beim Evangelischen Entwicklungsdienst: Nur keine Chicken schicken.
http://www.eed.de/de/de.eed/de.eed.pub/de.eed.pub.all/de.pub.de.148/index.html
http://www.eed.de/de/de.col/de.col.d/de.sub.27/de.sub.news/de.news.361/
und eine Anmerkung: Das funktioniert auch unter Freihandelsbedingungen, zum Beispiel in der NAFTA, USA – Mexiko, kein Unterschied, hier die Brust dort der Rest.
James Shikwati ist für die liberalen Kollegen natürlich der Beleg für ihre eigenen Einschätzungen und war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er vor zwei Jahren aus heftigste propagiert wurde, von Liberal bis Rechtsaußen.
Verfasst von: reiner | 03.06.07 22:13
@Reiner:
Danke für zusätzlichen Links!
Ich dachte mir das, daß das gerade bei "richtigem" Freihandel sich eher noch verschärft, das Problem, deshalb ja das DDR-Beispiel ... der Kolonialismus hat nun mal nachhaltig destruktiv gewirkt, und da dann eine freie Konkurrenz als Lösung zu beschreiben, das kann ja eigentlich nicht funktionieren können.
Umgekehrt fand ich das, was Herr Shikwati schreibt, schon auch ganz überzeugend manchmal haben unsere liberalen Kollegen ja auch recht. Da muß es doch irgendeine "Mitte" geben .... so ist doch auf alles Ebenen das gleiche, eben ein Fortschreiben des Imperialismus, und in dem FR-Heft stellen einige die These auf, daß der ach so durch "Werte" bestimmte Westen nur deshalb anfängt, sich über Afrika Gedanken machen, weil China da so expandiert.
Aber was ich da so in Interview-Schnipseln von Attac-und-so-Seite in Rostock verfolgt habe, war wirklich nur nebenbei, fand ich so überzeugend nun auch nicht ... ich glaube, da wird zu unspezifisch gedacht.
PS: Schön, daß Du bei RAR vorbei geschaut hast! Hoffe, Du kannst damit was anfangen!!!
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 08:17
Dass die Ghanaer natürlich, wenn sie über ihre eigenen Möglichkeiten nachdenken, mit dem Problem umzugehen, nicht für Freihandel sind, ist ja klar. Denn das Einzige, was sie vor Ort selbst machen können, um mit dieser problematischen Situation fertig zu werden, wären ja Zölle und Handelsbeschränkungen.
Freihandel, der den Afrikanern etwas bringt, der müsste hier gemacht werden, in Europa, in den USA, in Japan. Ein Ende der Subventionen für die Landwirtschaft, eine Senkung der Zölle für afrikanische Waren, faire (sprich möglichst freie) Zugangsmöglichkeiten der Ghanaer zu westlichen Märkten. Dann würde der ghanaische Nahrungsmittelmarkt eben nicht mehr von subventionierten Hühnchen überschwemmt, und die Produzenten in Afrika könnten mit realistischen Exportchancen ihre Produktion ausweiten.
Um solch konkrete, praktische Forderungen zu erheben und zu propagieren, ist die Gemeinschaft der Globalisierungskritiker aber viel zu vielgestaltig und konfus. ATTAC etwa fußt erheblich auf den Verteidigern der europäischen Landwirtschaftssubventionen und Einfuhrzölle, wäre ohne José Bové schlechterdings gar nicht denkbar. Und diesem Flügel der Globalisierungskritik geht es ja gar nicht tatsächlich um Afrika, sondern vielmehr um die Bewahrung eigener Pfründe und der Arbeitsplätze in der europäischen Landwirtschaft.
Genau das ist dann auch das Problem, das ich mit ATTAC habe: Ein lockeres Netzwerk, das von Hardcore-Sozialisten und Nationalbolschewisten über Wohlstandschauvinisten und Nationalökonomen bis hin zu Friedensaktivisten und Afrika-Armutsbekämpfern ohne konkrete Lösungsansätze außer "Make Poverty History" jegliche noch so widersprüchliche Form der Kritik an den bestehenden Verhältnissen unter einem Dach vereinigen, gleichzeitig aber auch als Lieferant alternativer Pläne zur Weltwirtschaftsentwicklung ernst genommen werden möchte - das kann nicht funktionieren.
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 08:31
@Karsten:
Du würdest das Hähnchenschenkel-Problem damit aber nicht los. Weil es eben nicht nur so ist, daß Afrika eben beim Langstreckenlauf zu unterernährt ist, um mit europäischen und US-Konzernen mitzuhalten - diese würde sich das Geschäft dort gewinnmaximierend sofort vor Ort unter den Nagel reißen und die die Kohle dann eben trotzdem nach Hause überweisen.
Bei gleichzeitiger Annäherung an afrikanische Verhältnisse in Europa. Auf eine solche globale Klassengesellschaft läuft das doch gerade hinaus - die's bisher ja auch gab, nur anders.
Das ist jetzt weiß Gott kein "Pro Subventionen" in Europa, aber schon was gegen die uneingeschränke Macht der Global Player ... aber bei ATTAC habe ich in der Tat auch noch keine Antworten gefnden, vielleicht habe ich aber nicht lange genug gesucht ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 09:11
Selbst wenn hier alle Subventionen im landwirtschaftlichen Produktionsbereich, der eigentlichen Primärproduktion, abgeschafft würden, mit allen positiven wie auch negativen Folgen, selbst dann wären die Ghanaer mit ihrer Hähnchenproduktion nicht konkurrenzfähig, zumindest nicht in der Form wie sie bisher ihre Vögel produziert haben.
Die einzige Möglichkeit wäre eine Produktion in industriellem Maßstab, das wäre für die Mehrzahl (>99%) ebenfalls das Ende der Erwerbsmöglichkeit, genauso wie in den industrialisierten Nationen allen Kleinproduzenten verschwunden sind, von einigen Ausnahmen mit lokalen Märkten (Selbstvermarkter) mal abgesehen.
Bei uns würde das vielleicht dazu führen, dass der eine oder andere Großmäster von einem noch größeren geschluckt wird, mehr nicht.
Bezüglich der Subventionen bitte ich doch zu unterscheiden, Subventionen direkt an die Bauern sind schon etwas anderes als Subventionen zur künstlichen Verbilligung der Exporte, ursprünglich erdacht um Überproduktion zu verklappen ohne zu bedenken, dass bei den existierenden komparativen Kostenvorteilen bei der industriellen Massenproduktion ein weiterer Produktionsschub entsteht. Ich will hier die Subventionen an unsere Landwirtschaft nicht "auf Teufel komm raus" verteidigen nur sehe ich auch die möglichen positiven Effekte für die Erhaltung einer bäuerlichen Struktur in unseren Ländlichen Räumen und da spielen eben noch andere Faktoren eine Rolle als lediglich die Urproduktion: Erhaltung der natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden oder auch Biodiversität, ebenso die Erhaltung der Kulturlandschaft, wer fährt noch in den Schwarzwald, den Hunsrück oder die Eifel, wenn diese Regionen nur noch mit Stangenplantagen bedeckt sind? (Ich fahre grundsätzlich nur in Regionen in Urlaub mit Kühen auf der Weide)
Noch eins: so pi mal Daumen liegen die Subventionszahlungen für rund 80% unserer Betriebe unter 5.000€. Schade, dass diese Kollegen sich ebenso wie die Subventionsgewinnler mit Händen Füssen gegen die Offenlegung der Zahlen wehren, es würde deutlich werden, für welche Zahlungen und Empfänger der Durchschnittsbauer mitverhaftet wird. Der bäuerliche Familienbetrieb sitzt letztendlich mit dem Ghanaer in einem Boot, ist leider nicht in der Lage diese zu realisieren.
Für Bové und andere aus den bäuerlichen Basisbewegungen wie Viacampesina steht ganz eindeutig die Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft im Vordergrund, diese Leute gehören mit Sicherheit nicht zu den Subventions-Großempfängern.
Allerdings darf man durchaus die Frage stellen: Warum soll man etwas offensichtlich ökonomisch Ineffektives wie die klein strukturierte Landwirtschaft erhalten? Siehe oben und vor allem, weil diese Form der Landwirtschaft produktiver ist als die Industrielle Landwirtschaft, nicht unbedingt bezogen auf den Ertrag einer Hauptfrucht, wohl aber in Bezug auf den Gesamtertrag je Flächeneinheit und dieses dürfte in Zuwohl an Bedeutung zunehmen auch in Anbetracht eines auf weniger als 60 Tage zusammengeschmolzenen Getreidevorrates weltweit. Hinzu kommt eine ganz einfache Frage: Was machen wir mit den "freigesetzten" mehr als 900 Mill. Kleinbauern + Familien, wenn unser effizientes System global umgesetzt wird?
'tschuldigung, leider etwas lang und unstrukturiert - werd mir mal etwas ausführlichere Gedanken zum Thema machen.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 09:52
@reiner:
Sehr aufschlußreiche Zeilen, danke. Dann würde ich sagen, es wäre zunächst einmal sehr schön, wenn die kleinen Bauern realisieren würden, dass es nicht wirklich sie sind, die von den Subventionen profitieren, und sich vielleicht gegen diese wenden würden.
Wenn ihre Produktivität aber höher ist als die landwirtschaftlicher Großbetriebe, müsste sich das nicht in einem größeren Erfolg dieser Art des Wirtschaftens niederschlagen und folglich dazu führen, dass sie eigentlich unabhängiger von Subventionen sind? Müssten sie also im Ergebnis nicht gegen die Subventionitis eintreten?
Was schließlich die Erhaltung der natürlichen Ressourcen und die Biodiversität angeht - bei ersterem Ziel denke ich, dass wir vielleicht noch mehr als bisher zu einer Beachtung des Verursacherprinzips kommen müssen, also die Verschmutzer und Verderber von Ressourcen für diese Folgen haftbar gemacht werden müssen. Bei letzterem bin ich mir nicht sicher, inwieweit dies überhaupt ein Ziel an und für sich ist. Angesichts der touristischen Betrachtungsweise, die Du eingebracht hast, besteht hier dann aber durchaus ein Interesse der Erhaltung bestimmter Landschaften in ihrer bisherigen Form, dem vermutlich vor allem Kommunen bzw. Landschaftsverbände nachkommen müssen. Gegen ein Verständnis des Landwirtes als Pfleger einer attraktiven Landschaft (im Gegensatz zu einem als Produzent bestimmter Nahrungsmittel) hätte ich nichts, und es würde vermutlich zu besseren Ergebnissen führen als die bisherige Subventionspolitik.
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 10:24
@reiner:
Nachgeschoben noch: Mit den freigesetzten Kleinbauern müsste man wohl das gleiche machen, das man auch mit den durch die bisherigen landwirtschaftlichen Revolutionen freigesetzten Landarbeitern gemacht hat: Anderswo in den Produktionsprozess integrieren. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein historischer Prozess.
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 10:26
@Reiner:
Danke für all die Infos! Fand ich weder zu lang noch zu unstrukturiert, solche Infos und Gedanken sind für mich Gold wert - zudem es eben die Frage dahin lenkt, wie man eher die kleineren, die Binnen-Einheiten eben vor den größeren schützt, strukturell übrigens ein Gedanke, den die Liberalen - ich habe heute meinen versöhnlichen Tag - auf politischer Ebene ja durchaus auch verfechten. Nur habe ich manchmal die Befürchtung, daß sie das machen, um freie Fahrt für die ganzen Monstren auf ökonomischer Ebene frei zu machen (außer Rayson, der wettert auch gegen letztere).
Das bestätigt mich auch meiner Position, daß die VWL-Formalismen nicht allzu viel aussagen. Moral hat formal anzusetzen, nicht die Analyse des Ökonomischen, aber seit Adam Smith und Herrn Bentham geht das einfach durcheinander (auch wenn Smith da sauber trennte) - es braucht einfach viel mehr materiale und qualitative Analysen.
Und die Fragen, die Du stellst, sind eben doch nur politisch zu beantworten.
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 10:29
@Karsten:
Das mit den "freigesetzten" Bauern, die dann in Fabriken schuften müssen, das ist doch gerade der Grund, warum ich eben finde, daß ein Kapitalismus, in den niemand hinein interveniert, eben auch nix mit Freiheit zu tun hat.
Ich hatte neulich einen für mich außerordentlich erhellenden Mailwechsel mit 'nem Kollegen, der sich sehr gut in afrikanischer Geschichte auskennt. Da behauptete ich in meiner europäische Naivität - die auch eine Form von Rassismus ist -, daß es ja wahrscheinlich dem Berliner Proletarier in den 20ern immer noch besser gegangen sein als dem durchschnittlichen Bewohner von Burundi. Da lachte der mich aus und entgegnete, daß das vor Einsetzen der Brutalität des Kolonialismus in Burundi gewesen sei und es den Leuten da noch um einges besser ging als den Bewohnern von Zilles "Milljöh". Analoge Umbrüche in China soll's ja auch gegeben haben.
Nun gibt es freilich kein Zurück in die Romantik (das hätte jetzt irgendwer geschrieben, und ab Kommentar 25 wäre ich aufgrund dessen Nazi), aber da muß doch auch andere Wege geben.
Was ja zudem immer vergessen wird, ist, daß die bürgerlche Industrialisierung eben auch auf ein Sklavenhaltersystem sicht aufpropfte, den Feudalismus halt ... das so am Rande.
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 10:44
@ Karsten
Irgendwie wusste ich, dass diese Antwort kommt. Bei uns hat es einigermaßen funktioniert – in Phasen des wirtschaftlichen Wachstums, nur wie wir das bei fast der Hälfte der Weltbevölkerung geregelt bekommen, bleibt mir schleierhaft. Die Landwirtschaft ist global betrachtet der Haupterwerbsgeber, durch was soll das ersetzt werden? Du schreibst richtig, dass es sich dabei um einen historischen Prozess handelt – Frage: wie viel Zeit haben wir? Und was steht am Ende? Bereits heute stellen die durch physische oder auch nur ökonomische Gewalt freigesetzten Kleinbauern die Masse der Zuwanderer in die Slums der großen Städte. Mit dem Verlust der Landwirtschaftlichen Arbeitsplätze geht ja auch ein Verlust von Erwerbsmöglichkeiten im vor und nach gelagerten Bereich einher. Was helfen vielleicht 10 Erwerbsmöglichkeiten auf einem Großbetrieb wenn dafür hunderte von Kleinbauern ihre Bündel packen müssen, anschließend die Reste des Regenwaldes niederbrennen oder die Slums bevölkern?
Momo hat da völlig Recht, diese Fragen müssen politisch gelöst werden. Lösungen müssen ganz unten ansetzen, auf der lokalen und regionalen Ebene, stärken wir die Kleinbauern, stärken wir damit auch das Umfeld. Die Verbesserung der landwirtschaftlichen Erwerbsmöglichkeiten führt direkt zu einer besseren lokalen Infrastruktur, zu lokaler Nachfrage, zu Beschäftigungsmöglichkeiten für Landlose oder Kleinstparzellenbesitzern, besserer Gesundheitsvorsorge und auch zu höheren Einschulungsquoten, kurz gesagt zu einer verbesserten Zukunftsfähigkeit. Nur was hilft das, wenn wir gleichzeitig die Öffnung der Märkte erzwingen und damit das Erreichte in Frage stellen?
Wir können weder unsere Produktionsbedingungen 1:1 übertragen, noch darauf vertrauen, dass sich schon irgendeine andere Erwerbsmöglichkeit finden wird. Von den langfristig zu erwartenden Versorgungsengpässen im Grundnahrungsbereich ganz abgesehen. Eigentlich für die Bauern positive Entwicklungen wie steigende Weltmarktpreise, werden sich dann ins Gegenteil verkehren, allein aus dem Grund, dass die Mehrzahl dann nicht mehr Anbieter sondern Nachfrager ist. Siehe die Entwicklung des Maissektors in Mexiko seit Einführung der NAFTA. Erst wurden die Mexikanischen Kleinproduzenten mit, weit über den vereinbarten Quoten liegen Importen aus den USA aus dem Markt geworfen, heute geht der US Amerikanische Mais den kürzeren Weg in die Ethanolraffinerien und die Tortillapreise haben sich seit 96 vervielfacht, logischerweise steigt seitdem auch wieder Zahl der Mangelernährten.
Ich bin nicht gegen einen Markt, nur muss die Möglichkeit von regionalen Schutzzonen bestehen oder eventuell müssen bestimmte Warengruppen einfach aus dem Regelwerk der WTO rausgenommen werden – eine der Kernforderungen z.B. von Bové und da bin ich mit ihm völlig einer Meinung.
Nachtrag - bin einfach zu langsam
@Momo:
Welche Fabriken? Die gab es bei uns und es hat ja auch einigermaßen funktioniert, wenn man 'nen Job beim Daimler gekriegt hat und dann gibt es noch die ganz schlauen, die uns vorrechnen, dass 1900 vielleicht 10% der Weltbevölkerung oberhalb unserer Armutskriterien gelebt hätten.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 11:26
@Reiner:
Fabriken: Ich meine die, in die im Zuge der Industrialisierung damals das Proletariat ging ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 11:33
Nur mal zwei ins Unreine skizzierte Fragen:
Sind die Hähnchenproduzenten deckungsgleich mit den Hähnchenkonsumenten? So dass höhere Hähnchenpreise ohne Verlust in Kauf genommen werden können?
Fall nein: Was machen die ghanaischen Konsumenten mit dem Geld, das sie durch den Kauf günstigerer Hähnchen einsparen?
Da scheint ja unter dem Strich herauszukommen, dass man als Hähnchenesser in Ghana nun wie vorher Hähnchen auf dem Teller und zusätzlich auch noch Geld übrig hat.
Und noch eine Idee:
Offensichtlich scheint die Agrarsubvention im Fall der Hähnchen wie klassische Entwicklungshilfe zu wirken:
Unser Steuergeld wird (über den Umweg subventionierter Landwirtschaft, wovon unsere Landwirte natürlich profitieren - auf Kosten der einheimischen Landwirte) in ärmere Länder transferiert und findet sich dort in den Portemonnaies der Konsumenten wieder.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 11:48
@Boche:
Klar, den Kontext muß man auch aufmachen. Kann ich jetzt freilich nicht beurteilen, dazu kenne ich mich zu wenig aus, ob da wirklich mehr Geld in der Tasche bleibt oder für an sich Arme nun was zu essen da ist, wo vorher der Teller schlicht leer blieb.
Das Ergebnis bleibt aber ja so oder so, daß man eben am Tropf je größerer, ökonomischer Einheiten hängen bleibt oder aber ihn gerät -ob nun als Konsument oder vom Markt gefegter Hühnchenzüchter.
Züchstest Du nicht überhaupt auch Hühner?
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 12:09
Nur eine Anmerkung: Unsere Landwirtschaft produziert sehr wenig Hähnchen und wenn dann nur für einen sehr begrenzten Markt im Inneren. Es gibt natürlich immer die Unverbesserlichen, die im Agroindustriellen Komplex einen Teil der Landwirtschaft sehen. Das ist ähnlich wie mit den Think Tanks, nur halt umgekehrt, die behaupten permanent, sie seien nicht Teil der PR Industrie.
Vordergründig und sehr Gruppenspezifisch betrachtet hat unser Verbraucherschützer natürlich Recht, die Hähnchen sind für die Stadtbevölkerung etwas billiger, fragt sich nur wie lange – siehe Tortilla. Außerdem, wie wirkt sich das ganze in nationalem Maßstab aus? Welche Auswirkungen hat es auf die regionalen und lokalen Märkte da sich die Ex Hähnchenmäster weder Hähnchen noch sonst was leisten können? Welche Auswirkungen hat es auf die Gesellschaft insgesamt, welche Folgekosten oder Kollateralschäden treten auf, bis hin zur Destabilisierung des Systems? Mit einer reinen gruppenspezifischen und zeitlich begrenzten Betrachtungsweise komm ich da nicht weiter, wir sollten uns langsam angewöhnen in Systemen zudenken.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 12:27
Ja, war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich Boche bei einem Hühner-Thema ins Gespräch einklinkt... ;)
@reiner:
Natürlich musste diese Antwort kommen, denn sie liefert uns ein historisches Beispiel (eines unter vielen sogar) für Deine Frage, anstatt nur theoretisch daherzuschwadronieren. Sozusagen empirische Daten für eine mögliche Problemlösung.
Man könnte ja auch sagen, dass die Kritiker der landwirtschaftlichen wie der industriellen Revolution sich damals ebensowenig vorstellen konnten, wie man die Hälfte der deutschen Bevölkerung in neue Lebensverhältnisse bringen könnte, wie Du es Dir heute mit der Hälfte der Weltbevölkerung nicht vorstellen kannst. Für diesen Mangel an Vorstellungskraft gibt es übrigens auch reichliche Belege... und auch damals war es zunächst so, dass die "freigesetzte" Landbevölkerung zunächst in die Slums und Elendsviertel der Städte einwanderte, bevor sie sinnvoll in den Produktionsprozess integriert werden konnte.
Was ist übrigens gegen die ganz Schlauen einzuwenden, wenn sie recht haben? Es ist doch wohl tatsächlich so, dass der klassische Armutsbegriff sehr dehnbar ist; immer, wenn es den Menschen an der Spitze der Pyramide besser geht, rutschen noch mehr Menschen in die Armut, ohne dass ihre tatsächlichen Lebensumstände sich verändert haben; manchmal haben sie sich sogar verbessert. Das ist auf jeden Fall ein Armutsbegriff, den ich sehr bedenklich finde. Gerade auch, weil er den Blick auf wirkliche Not und echte Armut verstellt.
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 12:33
@reiner:
Bei aller Vorliebe für systemische Ansätze: Man bekommt die handlungstheoretisch so schwer in den Begriff.
Und man landet dann zu selten bei der Interferenz zwischen unterschiedlichen Systemlogiken, wie z.B. jener zwischen Politik und Wirtschaft. Jetzt alles als Kritik an Luhmann verstanden.
Weil eben System als das, was die Interdependenz zwischen systemimmanenten Elementen bestimmt, nur im Sinne sich schließender gesellschaftlicher Subsysteme bisher sinnvoll beschrieben wurde, man aber im Grunde genommen für deren Öffnung plädieren müßte.
Also im Grunde genommen für die Auflösung der System-Umwelt-Differenz, um andere Handlungsmöglichkeiten zu erschließen.
Wenn man dann aber in der Beschriebung von Systemen verbleibt, dann findet man den Punkt oft nicht, wo man ansetzen kann.
Siehe Boche Statement: Systemisch beschrieben ist das immer alles dufte, weil so'n paar Hühnerzüchter weniger eben über die prinzipielle Operationweise und Logik des ökonomischen Spiels nix aussagen.
Wohingegen materiale und qualitative Kriterien, glaube ich, gar keinen Systemcharakter annehemen können. Dann muß man aber auch Mehr als das System beschrieben, sonst kann's dieses Mehr ja gar nicht geben.
War das jetzt wirr? Ich denke gerade "laut" ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 12:41
@MR
"Das Ergebnis bleibt aber ja so oder so, daß man eben am Tropf je größerer, ökonomischer Einheiten hängen bleibt oder aber ihn gerät -ob nun als Konsument oder vom Markt gefegter Hühnchenzüchter."
Hängengeblieben wird doch vermutlich am günstigeren Anbieter. Sobald die teurer (oder schlechter) sind als andere Alternativen, nützt denen die Größe doch gar nichts.
"Züchstest Du nicht überhaupt auch Hühner?"
Züchten wäre übertrieben. Ich habe sie mehr als Mitbewohner und Eier- sowie gelegentliche Hähnchenlieferanten angeschafft. Aber ich schwöre, dass keines der bei mir geschlüpften Hähnchen je die Grenzen unseres Dorfes verlassen hat! ;-)
@reiner
"Es gibt natürlich immer die Unverbesserlichen, die im Agroindustriellen Komplex einen Teil der Landwirtschaft sehen."
Entschuldige! Landwirtschaft ist natürlich nur das, was die Guten betreiben. Hatte ich vergessen.
"Mit einer reinen gruppenspezifischen und zeitlich begrenzten Betrachtungsweise komm ich da nicht weiter, wir sollten uns langsam angewöhnen in Systemen zudenken."
Genau das war letztlich mein Gedanke, als ich diese doch recht isolierte Hähnchen-Story las. Deshalb mein in Frageform daherkommender Einwand.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 12:42
@Boche:
Angesichts der realen Assymetrie zwischen den Großen des Welthandels und den Hühnerzüchtern in Ghana ist das doch kein Argument - natürlich sind die Großen dann billiger. Haben bessere Beziehungen und reale Macht zudem - guck Dir doch an, was die Politik hier in Hamburg rund um Airbus treibt.
Daß zudem diese Tendenz zu immer größeren, wirtschaftlichen Einheiten und somit de facto immer weniger Konkurrenz besteht, das kann man ja nicht mal eben so abstreiten. Und dann bestimmen halt die "Big Player", wo's langgeht.
"Entschuldige! Landwirtschaft ist natürlich nur das, was die Guten betreiben. Hatte ich vergessen."
Laß doch solche Polemiken heute, nur heute einfach mal sein ... ist sonst Teil Deines Stils, soll's ja auch gerne bleiben, macht Dich einzigartig, aber bitte heute nicht ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 12:52
@MR
Dass die Großen immer günstiger sind - das wage ich doch als generelles Gesetz mal zu bezweifeln. Das hängt doch ziemlich stark mit jeweiligen Produkt und dem jeweiligen Markt zusammen.
Auch dein Gefühl der ständig zunehmenden Größe der wirtschaftlichen Einheiten in allen Ehren - aber weder bin ich (da allerdings Laie wie du) davon überzeugt, dass es tatsächlich so stimmt. Noch denke ich, dass es - falls es stimmen sollte - ein echtes Problem darstellen muss. Was gab es nicht alles für Riesenunternehmen in der Geschichte, die es längst nicht mehr gibt. In Deutschland beobachten wir übrigens gerade die Diversifizierung in den Bereichen Telekommunikation und Postdienste.
Zur Polemik: Ok, ich halte mich zurück. Allerdings hat (nänänänänäänääää) der reiner angefangen, Herr Lehrer...! ;-)
Verfasst von: Boche | 04.06.07 13:01
Interessante Debatte. Bezeichnend finde ich, bei allen Beiträgen, dass der sonst so viel zitierte Aspekt "Ökologie" fast völlig fehlt.
Mal ein Bespiel von reiner: "Erhaltung der natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden oder auch Biodiversität, ebenso die Erhaltung der Kulturlandschaft, wer fährt noch in den Schwarzwald, den Hunsrück oder die Eifel, wenn diese Regionen nur noch mit Stangenplantagen bedeckt sind?"
Das Wort "natürliche Ressourcen" zeigt es genau: ohne "Ressourcen" keine Produktion. Das Beispiel "Fichtenplantage" zeigt es: seit einigen Jahren werden kaum noch neue Fichtenschonungen angelegt. Fichtenplantagen sind zwar viel effizienter zur Produktion von Papier, Brennholz und "Verbrauchsholz" (z. B. für Betonverschalungen, Verpackungen) als "naturnahe" Wälder, aber letzten Endes gibt es auch einen Markt für "Qualitätsholz" - das dürfte der historische Grund gewesen sein, weshalb es überhaupt noch aus langsam wachsenden Buchen oder noch langsamer wachsenden Eichen bestehende Wirtschaftswälder gibt. Der "Abschied von Stangenwald" hat aber "ökologische" Gründe, bzw. biologische Faktoren wirken sich direkt auf die Nadelbaum-Monokulturen aus: sie sind anfälliger gegen Schädlinge, Trockenheit und Windbruch. Die großen Waldverluste während des Orkans "Lothar" liefen sichtbar nach dem "Dominoprinzip" ab - kippt eine Randfichte, zieht sie gleich eine ganze Reihe der gleichgroßen, in gleichen Abständen gepflanzten, gleich tief bzw. flach verwurzelten Fichten mit sich. Aus Gründen der Biodiversifizität der deutschen Wälder wären mehr Orkantiefs ein glatter Segen - mehr Trockenperioden im Sommer übrigens auch (das mögen Fichten mit ihren flachen Wurzeln gar nicht).
Was ich mit diesem Beispiel sagen will: der Weg in eine "bessere Zukunft" führt vielleicht über eine Reihe ökologischer Krisen.
Übrigens, auch wenn Manager von Öl-Megakonzernen das anders darstellen:
http://www.antibuerokratieteam.de/2007/06/03/genug-oel-fuer-mehrere-generationen/
(Genug Öl für mehrere Generationen): schon die ansteigenden Förderkosten für fossile Energieträger werden sich langfristig zugunsten erneuerbarer Energieträger auswirken (die tendenziell stets billiger werden). Das Problem liegt, wie so oft, im Wort "langfristig". Auf kürzere Sicht gesehen lohnen sich die "Erneuerbaren" fast immer nur, wenn sie subventioniert werden.
Das selbe Problem sehe ich auch bei den Hänchenschenkeln: langfristig bricht das "Leichenfleisch"-System ohne Subventionen und Schutzzölle zusammen, und seine historische Enstehung ist ohne Agrar-Subventionen nicht erklärbar, aber auf mittlere Sicht würde schon der "unfaire Startvorteil" der europäischen und nordamerikanischen Agrarindustrie (weniger einst in der Kolonialzeit als in jüngerer Vergangenheit, durch Subventionen erworben) dafür sorgen, dass das System erst einmal erhalten bleibt.
Wie es auch immer kommt: eine nahe Zukunft, in der transnationale Megakonzerne auf der einen, politisch totalitäre, aber ökonomisch marktwirtschaftliche, von den Megakons abhängige Staaten die Erde beherrschen, erscheint mir sehr wahrscheinlich zu sein. Es hat schon seine Gründe, weshalb in den letzten Jahre eine "Science Fiction-Flaute"-herrscht, jedenfalls für alles, was oberhalb des "Star Wars"- Niveaus liegt - nein, es liegt nicht daran, dass den Autoren die Ideen ausgegangen wären! Und auch nicht an irgendwelcher Zensur "von oben".
Verfasst von: MartinM | 04.06.07 13:13
@Boche:
Ich glaube, die Diversifizierung setzt immer ein, wenn technologischer Fortschritt stattfindet - siehe Telekommunkationsmarkt. In meiner Branche ist das auch gerade so, daß die Digitalisierung auf einmal die "Majors" in die Bredouille bringt. Aber ist es ansonsten nicht Kapitalmarktvorgabe, daß man ständig expandieren muß druch immer neue Aufkäufe, z.B.? Wird mir immer so erzählt.
@Martin:
Ja!
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 13:21
@MR
Was dir über Kapitalmarktforderungen so erzählt wird, kann ich mangels Fachwissen nicht beurteilen.
Aber Beispiele wie DaimlerNichtmehrChrysler scheinen zu belegen, dass Größe kein Wert an sich ist. Die von dir genannten, Elefanten-feindlichen Effekte technischen Fortschritts kommen da ja noch hinzu.
Martins pessimistische Zukunftsschau teile ich übrigens nicht. Weil sich Marktwirtschaft ud politischer Totalitarismus meines Erachtens nicht lang vertragen.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 14:00
Zu dem Gemüse aus den Vier- und Marschlanden:
Mir wurde mal erzählt, dass nächtens sich da holländische LKW, nun quasi die Klinke in die Hand gäben, um ihr Gemüse - vielleicht ;) - anzuliefern.
Honi soit qui mal y pense -- dann wird eben schneller als Du piep sagen kannst aus niedersächsischen Hühnerleichen, ghanaisches Frischfutter. Bitter, aber plausibel.
Verfasst von: Erik | 04.06.07 14:12
@Boche:
So eine Firma, die ich ganz gut kenne, will jetzt von der Börse weg, weil sie keine weiteren Expansionsmöglichkeiten sieht. Deren Geschäftsführer ist's, der mir diese Regel mal erläuterte ...
@Erik:
Kann ja alles so sein. Aber der Grundgedanke des Stützens der regionalen Ökonomie kann ja trotzdem richtig sein ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 15:00
@Martin – nicht als abwatschen verstehen
Stangenplantagen sind durchaus auch mit anderen Spezies machbar aber Du hast Recht, in erster Linie denkt man an die. Ob aus einer Anpflanzung eine Stangenplantage entsteht ist in erster Linie, neben den benutzten Spezies, von der Pflege abhängig und selbst wenn Du mit viel Aufwand oder mit noch mehr Zeit (natürliche Sukzession) mehrstufige Wälder aufbaust – sie bleiben langweilig und auch relativ Artenarm wenn die Übergangszonen zu anderen Ökosystemen fehlen. Da schweben mir, einem ausgesprochenen Freund der halboffenen Weidelandschaften, ganz andere Konzepte vor auch in Anbetracht des sich abzeichnenden Klimawandels. Den Rest Deines bemerkenswerten Beitrags muss ich erst noch überdenken, she doch eine Menge ähnlicher Einschätzungen.
@ Karsten
Der Strukturwandel vollzog sich bei uns doch in einer sehr abgemilderten Form, die meißten ausscheidenden Landwirte gingen bereits vor Ausscheiden aus der Landwirtschaft einer anderen Tätigkeit nach. Vollzogen hat sich dieser Wandel hauptsächlich nach Ende des zweiten Weltkrieges und da wanderte kaum jemand in irgendwelche Slums ab. Natürlich gab es da Unterschiede je nach Land und Region, ganz besonders was die Erwerbsmöglichkeiten in erreichbarer Ferne betraf. Unter besonderen Umständen wie z.B. den Dirty Thirties in den USA, mit einem verstärkten zwangsweisen Ausscheiden aus der Produktion, kann das wohl eher der Fall gewesen sein, woraufhin auch entsprechend reagiert wurde. Anders sieht es auch aus wenn man die Gesamt AK in der LW betrachtet, da führte der technische Fortschritt doch zu einem erheblichen Verlust von Arbeitsplätzen für lohnabhängig Beschäftigte. Bis heute, wurde alles aufgefangen in einem System in welchem ca. 20% der Weltbevölkerung rund 80% der Ressourcen verbrauchen, eine Übertragung erscheint mir deshalb nicht machbar.
Strukturwandel wird auch in der Dritten Welt weiter stattfinden, nur ich würde es gerne anders sehen als es sich im Zuge einer Marktöffnung abzeichnet, keine Freisetzung und dann irgendwo oder auch nicht eine andere Erwerbstätigkeit finden, sondern ausgehend von der Entwicklung der Lokalen Ökonomien ausgehend von einer Stärkung der lokalen Landwirtschaft. Habe auf meiner eigenen Site auf NERICA hingewiesen, leider macht sich kaum einer die Mühe dem Link zum African Rice Center zufolgen, diese stille Revolution zeigt ganz deutlich das Potential das in angepassten Lösungen steckt. Insgesamt sind wir vielleicht gar nicht so weit auseinander, wie es den Anschein hat.
@Momo
Naja, ich hab Boche ja auch ziemlich bewusst provoziert.
@Boche
Natürlich hab ich eine andere Vorstellung von Landwirtschaft als der Herr Hühnerbaron aus Niedersachsen aber das ist natürlich auch eine Frage der persönlichen Erfahrung zum Beispiel mit dem "Produktionsmittel" Tier. Für mich waren das eher Kumpels als reine Betriebsmittel, selbst wenn sie letztendlich geschlachtet wurden. Ein ziemlicher Spagat, ich weis und sicherlich einer der Gründe die mir einen Ausstieg erleichtert haben, übrig geblieben sind vor allem viele schöne Erfahrungen und Kuhgeschichten aber auch die vielleicht etwas idealisierte Vorstellung von Landwirtschaft, von dem was sie kann, soll und darf.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 15:06
Zu Erik: das habe ich auch gehört (die Vier- und Marschlande liegen von mir aus gesehen in bequemer Fahrrad- und machbarer Spaziergangs-Entfernung). Ob das Gerücht stimmt, konnte ich bisher nicht verifizieren (abgesehen davon, die Straßenverhältnisse in den Vier- und Marschlanden absolut ungeeignet für die typischen niederländischer Gemüse-Groß-LKWs sind. Ich weiß allerdings mit einiger Zuverlässigkeit, wer solche Gerüchte streut: Lebensmittel-Einzelhändler, die wenig oder keine Ware aus der Region im Sortiment haben. (Die neuesten Horror-Geschichten über Gift im konventionellen Gemüse und über Krankheiten durch "Gen-Gemüse" hört ich ja auch immer am "Demeter"-Stand auf dem Wochenmarkt.)
Etikettenschwindel sind im Hühner-Fall eher unwahrscheinlich, da ja in erster Linie tiefgehühlte "Hühnerkarkassen" nach Ghana gehen. (Schenkel und Brustfleisch - beides bei uns gut zu vermarkten - bleiben ja hier.) Wenn sich allerdings, wie in den USA, bei uns Hähnchen-Nuggets und Hähnchen-Formfleisch genauso durchsetzen, wie sich einst die Fischstäbchen durchsetzten, dann könnten sich die Afrika-Exporte bald nicht mehr lohnen. Sie lohnen sich sowieso nur Aufgrund schlechter Frachtraten nach Afrika - zurück nach Europa sind die Schiffe nämlich gut ausgelastet. Eine Alternative, die ich praktiziere, wäre die Rückkehr zum "Komplett-Brathänchen" (und zum unpanierten Fisch).
Zu Rayson: Marktwirtschaft und politischer Totalitarismus vertragen sich nicht lange, da stimme ich Dir zu, "Marktwirtschaft" in Anführung sehr wohl - denn Oligopolisten und Kartelle fühlen sich in Diktaturen erfahrungsgemäß sehr wohl.
Verfasst von: MartinM | 04.06.07 15:18
@reiner
Gegen kumpelhafte Beziehungen zum lieben Vieh wollte ich nichts gesagt haben. Von meinen neun Hühnern tragen ja manche auch Namen. Und selbst das Schlachten findet nur dann statt, wenn der Hoffrieden durch geflügelten Männerüberschuss gefährdet ist.
Aber wichtiger fand ich ja eigentlich deinen Einwand, dass man besser ein gesamtes System betrachten sollte. Und genau da gebe ich dir ja Recht: Die Hähnchen-Story scheint mir aus genau diesem Grund nicht aussagekräftig genug zu sein. Unter Umständen macht der Wohlstandsgewinn vieler die berufliche Umorientierung mancher eben mehr als wett.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 15:33
@Martin
Ich wars. ;-)
Trotzdem teile ich deinen Pessimismus nicht. Die Globalisierung scheint mir ein geeignetes Gegenmittel gegen diese Tendenzen darzustellen.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 15:39
Kaufe zwar weder Fischstäbchen noch Hühnereinzelteile aber: Fischstäbchen werden im Gegensatz zum Seemannsschnitzel aus Fischfilet hergestellt.
Herkunftsverfälschung: Ähnliches hörte ich vor schon vor zwei Jahren in Bezug auf Spargel. Für den Kunden kaum bemerkbar der Unterschied: Beelitzer Spargel - das Original und Beelitz Spargel die Fälschung ziemlich weit aus dem Osten.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 15:42
@Boche
was verstehst Du genau unter Globalisierung?
Verfasst von: reiner | 04.06.07 15:50
@Boche:
"Die Globalisierung scheint mir ein geeignetes Gegenmittel gegen diese Tendenzen darzustellen."
Jetzt gibt man sich hier redlich Mühe, mal spezifisch zu werden, und wutsch, kommt wieder so ein Allgemeinplatz und das Beispiel ist falsch ... die Globalisierung ist kein Mittel zu irgendwas, sondern allenfalls ein Prozess.
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 15:52
@reiner
Das Hinzustoßen von immer mehr selbstbestimmten Teilnehmern zum globalen wirtschaftlichen Tauschgeschäft. So in Kürze mal gesagt.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 15:55
@Reiner:
Da hatten wir wohl den gleichen Gedanken ;-) ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 15:56
@MR
Ein Prozess kann doch aber ein Mittel zu irgendetwas sein. Der Prozess des Wasserkochens ist mir Mittel zum gekochten Ei (um nahe beim Ursprungsthema zu bleiben).
Verfasst von: Boche | 04.06.07 15:58
Sind es denn tatsaechlich noch die europaeischen Huehnerpreoduzenten, die nach Afrika exportieren??
Wie sieht es denn mit Brasilien und Thailand aus?
Verfasst von: James | 04.06.07 16:06
@Boche:
Du willst doch jetzt aber nicht allen Ernstes behaupten, das die Globalisierung sowas wie Wasser kochen ist?
Diese Aktor-Mittel-Objekt-Relation ist doch sowas Komplexem wie "Globalisierung" nicht angemessen ... ist, by the way, übrigens der zentrale Kritikpunkt der Kritischen Theorie (Adorno, Horkheimer, Habermas) an Denkmodellen wie "euren", dieses "instrumentelle Verfügen eines Subjekts über ein Objket" als Basismodell menschlichen Handelns überhaupt zu begreifen ... allein schon, weil kochendes Wasser ja auch schön ist.
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 16:12
@MR
Na, dann stell dir einfach vor, ich kochte meine Eier in einem Feuer, das von einem in meinem Apfelbaum eingeschlagenen Blitz entfacht wurde. Ob ich das Wasser selbst zum Kochen bringe oder es durch externe Einflüsse zum Kochen gebracht wurde, kann mir doch für das Beispiel egal sein.
Natürlich ist das, was man Globalisierung nennt, etwas recht komplexes. Warum dieser Umstand aber bedingen sollte, dass diese so benannten Entwicklungen nicht absehbar zu vorteilhaften Effekten führen sollten, ist mir nicht klar geworden.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 16:21
@Boche:
So sagt das ja - zumindest hier - auch keiner, daß da nicht auch Gutes hinten raus kommen könnte. These ist ja eher, daß man genau hinschauen muß, wo welche Ebene der Globalisierung wie greift und wo Interventionen Sinn machen und wo nicht, und auf Pauschal-Rezepte doch tunlichst verzichten sollte.
Was jetzt in der Allgemeinheit auch schon wieder trivial ist, aber eben was anderes als Pro und Contra Globalsierung, weil die eben auf verschiedenen Ebenen teils einfach so stattfindet, teils bestimmte Instrumente geschaffen wurde, die sie forcieten oder aber zu regulieren trachteten, über deren Sinn, Unsinn und Wirksamkeit man dann auch im Spezifischen streiten kann ... aber der jetzt zuzutrauen, daß die das schon schafft, das scheint mir ein wenig religiös gedacht.
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 16:28
MR,
ich habe ja gar nichts dagegen, die globalen Tauschbeziehungen zu gestalten. Zum Beispiel mit den Freihandel fördernden Maßnahmen. Gegenseitiger Verzicht auf Zölle, Subventionen etc. fiele mir da zuerst ein. Vereinbarungen grundlegender Rechtsgarantien für Handel und Austausch auch.
Und dass freier Austausch freier Menschen grundsätzlich eher Nutzen bringt - das mag ja eine quasi religiöse Hoffnung sein. Sie scheint mir aber nicht ganz fern der Realität zu sein.
Verfasst von: Boche | 04.06.07 16:40
@Boche:
Komm, soeben noch war die Globalisierung ja fast Akteur.
Aktuell wäre ich ja fast dafür, afrikanischen Staaten Protektionismen zu gönnen, die EU aber viel stärker zu öffnen ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 16:55
Du meinst also, die Afrikaner haben günstigere Preise durch frei verfügbare Importware noch nicht verdient?
(Es wird Abend, die Polemik kommt wieder durch...)
Verfasst von: Boche | 04.06.07 17:04
Was heißt hier "fast dafür"? Scheint mir der realistischste Ansatz zu sein. Genau das versteh ich unter Rgionalen Schutzzonen. Freier Zugang zu billigen Waren ist ja 'ne feine Sache, nur wenn dabi die eigene Volkswirtschaft auf der Strecke bleibt, hört der Spaß auf.
Wenn Boche von den Afrikanern spricht, so trifft das lediglich für den kleineren Teil der Gesellschaften zu, den kleinen Teil Erste Welt, den wir in allen Gesellschaften vorfinden. In Anbetracht der aktuellen und mehr noch der kommenden Probleme (Stichwort Klimawandel) trifft es der Begriff "Polemik" nur unzureichend. Wie wär's mit Zynismus?
Verfasst von: reiner | 04.06.07 17:19
@Boche:
Ich gönne es einfach jeder afrikanischen Community, auf eigenen Füßen zu stehen, ja.
@Reiner:
Das "fast" ja nur, weil ich damit heute erstmals wirklich beschäftigt habe, gebe ich ja zu - trotzdem ich eifriger Leser Deines Blogs bin, manchmal muß ich da selbst noch mal ran und losgrübeln.
Und weil mir z.B. diese Anti-Polen-Rhetorik in Deutschland auf den Senkel geht (in Sachen Verlagerung von Arbeitsplätzen, nicht in Sachen Katholizismus und Homophobie) und ich innereuropäisch statt auf Protektionismen dann doch eher auf sowas wie eine europäische Gewerkschaftsbewegung hoffe, die den Leuten klar macht, daß es wenig Sinn macht, sich ständig gegeneinander ausspielen zu lassen ... und trotzdem glaube, daß das kein Widerspruch zur Stärkung des Regionalen wäre.
Vorhin hatten wir die wahnwitzige Idee, Meck-Pomm einfach zur Schutzone zur erklären, in das dann einfach all die Güter, die dort selbst entstehen könnten, nicht mehr importiert werden dürften. Kämen die dann alle nach Hamburg und Niedersachsen? Oder würde sich die Binnenwirtschaft regenerieren? Ich bitte ausdrücklich darum, das als Gedankenexperiment und nicht als politische Forderung zu lesen ...
Verfasst von: MomoRules | 04.06.07 17:29
@reiner:
Wir reden wohl von unterschiedlichen Dingen, Du von der Zeit nach dem Weltkrieg, ich von der Landwirtschaftlichen Revolution. Und ähnliche Vorgänge lassen sich auch schon in der Folge des Überganges zur Dreifelderwirtschaft diagnostizieren. Beides waren keine "sanften" Übergänge, sondern dramatische Veränderungen.
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 17:57
http://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaftliche_Revolution
Das ist der Link, den die Software hier leider verschluckt hat...
Verfasst von: Karsten | 04.06.07 18:22
Bis zur Einführung der Dreifelderwirtschaft wollte ich eigentlich nicht zurückkehren, obwohl der Vergleich mit mittelalterlichen Szenarien vielleicht nicht völlig verkehrt ist. Sollte doch ein Grund sein, genau dieses nicht zu wiederholen.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 18:25
Sorry, der Link kam zu spät, sonst hätte ich gewußt welchen Zeitabschnitt Du meinst.
Verfasst von: reiner | 04.06.07 18:28
@reiner
Dir schwebt so ungefähr Albanien als Modell vor? Weil sich geschichtlich erwiesen hat, dass abgeschottete Volkswirtschaften besonders erfolgreich wachsen?
@MomoRules
Definiere "afrikanische Community" und "auf den eigenen Füßen stehen". Und zwar so, dass es im Zusammenhang Sinn ergibt.
Verfasst von: Boche | 05.06.07 09:30
@Boche:
Was das so mit Definitionen auf sich hat, das müssen wir bei Gelegenheit noch mal vertiefen ...
"Community" - Gemeinschaft, subjektiv, also eine, die durch das Gefühl der Dazugehörigkeit definiert ist, nicht eine Beschreibung von außen, die vermeindlich objektive Kriterien anlegt. In Afrika haste ja das Problem, daß "Nation" sich anders definiert als z.B. im Falle Frankreichs. Die Grenzen sind ja keine "gewachsenen", sondern von den Kolonisatoren verordnete, und die jeweiligen "Communities" haben auch eine je eine eigene Geschichte im Kontext der Kolonialisierung, die fortwirkt - siehe Hutus und Tutsis in Ruanda.
"Afrikanisch" - jene, die dort leben in diesem Zusammenhang.
"auf den eigenen Füßen stehen" - Metapher für Eigenständigkeit, Selbstbestimmung, die Abwesenheit von Abhängigkeit.
Verfasst von: MomoRules | 05.06.07 10:32
@MomoRules
Oh, diese Fleißarbeit wollte ich dir gar nicht abnötigen! ;-)
Mir ging es eher darum zu erfahren, weshalb höhere Lebensmittel- oder was auch immer für Preise die "afrikanische Community" eher auf eigenen Füßen stehen lässt.
Und dann könnten wir auch noch gemeinsam drüber sprechen, ob Abhängigkeit (hier ja: wirtschaftliche) schlecht oder gut oder vielleicht einfach Normalzustand einer Wissen und Waren tauschenden Welt ist.
Verfasst von: Boche | 05.06.07 10:43
@Boche:
Du hattest nach Definitionen gefragt ;-) ...
Ich glaube, daß die Abhängigkeit im Falle afrikanischer Staaten strukturell anders gebaut sind als im Falle innereuropäischer Handelsbeziehungen.
Dazu waren die Kommentare zu Statlers Antwort noch mal ganz erhellend. Ansonsten plädiere ich ja in der Tat für das Grundeinkommen im europäischen Kontext statt dieser Assymetrien fortschreibenden Versicherungssysteme, weil das eben mehr Wahlfreiheit ermöglichen würde.
Das ist jetzt aber nicht auf das aktuelle Afrika übertragbar. Da finde ich ja den Text des Kenianers auch nicht schlecht - der macht da ja ganz konkrte Vorschläge. Das finde ich aber ja so ärgerlich an Statlers Antwort - daß der die mangelnde Eigenständigkeit, indem alle billige, europäische Importe essen, während ihre Landwirtschaft über den Jordan geht, gar nicht als Problem anerkennen will.
Perspektivisch geht's mir aber jetzt nicht darum, daß afrikanische Staaten endlich mal Hitlers Autarkie-Vorstellungen übernehmen sollten (ich mußte jetzt einmal Hitler erwähnen, wir sind schon über Kommentar 50 hinaus), sondern daß man all die Assymetrien langfristig abbaut - und zwar auf Wegen, die die Afrikaner selbst bestimmen, und nicht auf welchen, die man ihnen vorschreibt.
Verfasst von: MomoRules | 05.06.07 11:04
Das ist doch ein gutes Schlusswort (wo der Adolf inzwischen auch schon erwähnt wurde):
Lassen wir die Afrikaner selbst entscheiden.
Wer von ihnen weniger für Hähnchen ausgeben will, soll das tun.
Wer lieber dafür sorgen möchte, dass die nationalen Hähnchenzüchter bei ihrem Geschäft bleiben, soll auch dafür mehr Geld ausgeben können.
Und wir sorgen hier dafür, dass niemand dafür Geld bekommt, irgendetwas zu produzieren. Außer vom Käufer des Produzierten natürlich.
Verfasst von: Boche | 05.06.07 11:12