" /> Metalust & Subdiskurse: Juli 2007 Archive

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30.07.07

Scholastik oder Zeichenfetischismus: No Way out?

"Es gibt nicht Historischeres - im doppelten Sinne - als ein starkes Zeichen der Befreiung. Damals konnte ein Mann in der Blüte seiner prometheischen Kraft sich den Globus greifen und ihn ficken. Anscheinend war diese Geste für die damaligen jugoslawischen Autoritäten eine der unerträglichsten Provokationen, die sie ausgerechnet mit dem Argument fehlender Logik zurückwiesen: "Niemand kann den Globus ficken!" Das mag uns als Dokument eines guten alten Materialismus rühren, der an realistischen Maß- und Größenverhältnissen festhält, um den frivolen Spielereien des kulturellen Symbolismus zu entgehen - und das mit gutem Grund, denn dieser Symbolismus war ja die Brutstätte des Markenuniversums, das wir heute bewohnen."

Katherine Zakravsky, Pupilija, in: Documenta Magazin Nr. 3, Education, S. 79, Kassel/Köln 2007 - es wird die Performance Pupilija, papa Pupilo pa pupilcki beschrieben, die 1969 von einer Gruppe slowenischer DichterInnen, bilnder KünstlerInnen und LaiInnen inszeniert und in ganz Jugoslawien aufgeführt wurde.

26.07.07

Ein Virus im Mutterleib isses!

Dann hole ich das doch einfach mal rüber - mußte mich zur sehr darüber aufregen, als daß ich noch Lust gehabt hätte, selbst nachzuschlagen (wobei: Ausdrücklich Dankeschön an all die Mitstreiter):

In einem Disziplinarregime hingegen ist die Individualisierung “absteigend”: je anonymer und funktioneller die Macht wird, um so mehr werden die dieser Macht Unterworfenen individualisiert: und zwar weniger durch Zeremonien als durch Überwachungen; weniger durch Erinnerungsberichte als durch Beobachtungen; nicht durch Genealogien, die auf Ahnen verweisen, sondern durch vergleichende Messungen, die sich auf die “Norm” beziehen; weniger durch außerordentliche Taten als durch “Abstände”. In einem Disziplinarsystem wird das Kind mehr individualisiert als der Erwachsene, der Kranke mehr als der Gesunde, der Wahnsinnige und der Delinquent mehr als der Normale. Es sind jedenfalls immer die ersteren, auf die unsere Zivilisation alle Individualisierungsmechanismen ansetzt; und wenn man den gesunden, normalen, gesetzestreuen Erwachsenen individualisieren will, so befragt man ihn immer danach, was er noch vom Kind in sich hat, welcher geheime Irrsinn in ihm steckt, welches tiefe Verbrechen er eigentlich begehen wollte. Alle Psychologien, -graphien, -metrien, -analysen, -hygienen, -techniken und -therapien gehen von dieser historischen Wende der Individualisierungsprozeduren aus. Als man von den traditionell-rituellen Mechanismen der Individualisierung zu den wissenschaftlich-disziplinären Mechanismen überging, als das Normale den Platz des Altehrwürdigen einnahm und das Maß den Platz des Standes, als die Individualität des berechenbaren Menschen die Individualität des denkwürdigen Menschen verdrängte und die Wissenschaften vom Menschen möglich wurden — da setzten sich eine neue Technologie der Macht und eine andere politische Anatomie des Körpers durch."

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp: Frankfurt/M., 1994), 248-250.

Holen wir doch die Highlights noch mal raus aus dem Gedankenwust der Biologisten:

"Hier wird sehr anschaulich beschrieben, dass die sexuelle Orientierung von Menschen und Säugetieren bereits in der vorgeburtlichen Phase festgelegt wird und zwar möglicherweise durch eine von Stress oder Krankheiten ausgelöste Unterversorgung des männlichen Fötus mit Testosteron in einer kritischen Entwicklungsphase. Allerdings ist das Problem noch nicht abschließend geklärt."

Steffen H.

Soso. Problem.

Wie macht man denn das rein methodisch?

Zumindest hält Herr Steffen H. mich schon mal für defizitär und infiziert. Womit eigentlich alles gesagt wäre. Sind ja in der Tat die auch ansonsten am lautetsten proklamierten Klischees bzgl. sogenannter "Homosexueller", deren "Fortpflanzungstrieb" irgendwie ab- umgeleitet ist und nicht da landet, wo er hingehört: In die Möse! Seltsam nur, daß das Klischee des zwanghaft Herumvögelns da keinen Raum findet - aber auch dazu findet Steffen H. schon noch das passende Buch.

Würde mich ja mal interessieren, welche Infektionen heterosexuelle Arschficker so im Mutterleib erlitten. Und ob die Pille die genetische Disposition von Heten deformierte, daß die jetzt auch einfach nur zum Spaß vögeln.

Wenn man auf diesen gedanklichen Müll überhaupt eingeht, macht man ja genau den von Frau Butler angemahnten Fehler: Man reproduziert nur jene als Biologismus getarnte "Hate Speech", die man kritisieren will und geht den Säcken einfach nur auf den Leim. Weil man angesichts der von Foucault bestmöglich analysierten Prämissen eben immer in deren Dispositiv verbleibt. Als sei das Leben nicht eh schon hat genug.

"Das ändert aber nichts daran, dass du als Homo Sapiens Sapiens nichts weiter als ein biochemisches Dingsbums bist, dessen internen Funktionen dein Wunschbild von einer heilen Welt ziemlich egal ist. Die richten sich nach Naturgesetzen und sind diesen ebenso ausgeliefert."
Steffen H.

Na, dann war der 11. September halt nur sowas wie der Wandel des Aggregatzustandes eines biochemischen Dingsbums, Asche zu Asche ... fielen ja auch nach unten, die Trümmer, und nicht nach oben. Das erkennende Subjekt spielt auch keine Rolle mehr angesichts allumfassender Objektivität, Sprache auch nicht, institutionelle Regelungen erst Recht nicht, nee, neuderdings springen die Naturgesetze einfach so in's Hirn derer, die über die ausreichende genetische Disposition hierzu verfügen, und bilden sich da durch reine Anschauung wohl einfach so ab - da hat mit der Virus im Mutterleib wohl auch diesbezüglich schwer erwischt. Lehne ich mich doch einfach mal zurück und warte ab, was die Naturgesetze heute von mir wollen könnten ...

22.07.07

Joni Miitchell, Ölfarben und Liebe lernen

Ich liebe verregnete Sommersonntage!

In der Hoffnung, daß sich jetzt nicht jene beleidigt fühlen, deren Keller gerade überflutet wurden .... man hat den Park fast ganz für sich und könnte den Hund eigentlich nach Herzenslust toben lassen. Wenn der denn toben wollen würde. Sie haßt verregnete Sommersonntage und scheißt sogar nur unter Brücken. Aber die kann ihr Fell ja auch nicht ausziehen.

An solche Tagen muß ich immer an diesen Werbung denken, die ich wirklich gelungen fand: Jene mit dem verregneten Tag in irgendeinem Touri-Hotel, wo alle die Zeit totschlagen, bis die Sonne wieder scheint. Der hat diese sympathische Melancholie richtig gut transportiert, in die man sich dann fallen lassen kann, um sie richtig zu genießen.

Das sind Tage für hohe Frauenstimmen. Caruso an so einem Tag wäre tödlich, das wäre monumentales Niederschmettern der Lust an der Melancholie.

Die Callas hingegen, wenn's gießt: Ein Traum! Oder die Streisand. Oder Katie Melua. Oder Jane Birkin. Oder eben Joni Mitchell. Das "Blue"-Album höre ich schon den ganzen Tag, während ich auf all die Tropfen starre, und das ist schön. Sooo schön.

In den Kommentarspalten hier gibt es ja immer wieder diese Diskussion rund um die Wahrheitsgeltung und das Wahrheitsmonopol der Naturwissenschaften. Leute, die da ganz darauf setzen, müßten bei so einem Wetter dann eigentlich dasitzen und Bücher über Meterologie lesen, um den Tag zu erfassen. Die Freundin über den Lotus-Effekt aufklären ginge auch.

Joni Mitchell wählt anderes Material und andere Form: Die Töne von Klavier und Gitarre und ihre so unglaubliche Stimme. Im Gegensatz zum Meterologie-Buch hüllt sie Worte in ihre anderen Medien, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Mein Philosophie Prüfer Martin Seel ist ja derzeit dabei, auf der Luhmannschen Unterscheidung zwischen Medium und Form eine mediale Erkenntnistheorie aufbauen zu wollen, vielleicht bekommt er ja Gedanken wie die folgenden unter:

"Das Verhältnis des Künstlers zu Medium ist gleichzeitig autoerotisch und selbsterschaffend. Das Medium bereitet vollkommenes Vergnügen, und indem der Künstler mit ihm arbeitet, ist er in der Lage, Konflikte, selbst den tiefsten, grundlegenden Konflikt des Menschen, durchzuarbeiten. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Lebens- und Todestrieben. Indem der Künstler dies tut, erreicht er eine Art Frieden, die selten ist im Leben, und ein Gefühl von scheinbarer unzerstörbarer Integrtität. Ob er mit dem Medium ringt wie Herkules mit dem Nemeischen Löwen oder wie Jakob mit dem Engel Gottes, ob er das Medium als säkular oder heilig erfährt - als Repräsentant einer niederen, physischen Welt, die es zu überwältigen gilt, oder als Repräsentant einer höheren, geistigen Welt, die ihn überwältigen und inspirieren kann -, das Medium wird sowohl zum Test als auch zur Quelle seines Seins, seiner Identität und seiner kreativen Karft. Es wird zu einem Neuanfang, an dem es möglich wird, zu lieben und Liebe so unschuldig und intensiv zu empfinden wie ein Kind."
Donald Kuspit, Identifikation mit dem Medium, in: Miachel Lüthy, Christoph Menke (Hg.), Subjekt und Medium, Zürich/Berlin 2006, S. 131

Ja, jeder könnte ein Künstler sein - es gibt diese herrliche Stelle in einem Chanson von Klaus Hoffmann, wo er seine Kindheit besingt: "Ich hatte nichts und wollte alles geben!". Schade, daß der Herr Kuspit im Fortgang des Textes dann krude in psychoanalytischen Narzißmus-Theorien sich ergeht, die sind wohl sein Material. Krude, weil: Ohne Medium gibt es ja weder Zugang zum Gegenstand noch zum Anderen.

"Autoerotisch" ist deshalb Quatsch: So in Ölfarben panschen und Leinwände liebkosen, das schafft ja erst Bereitschaft, Offenheit - für Joni Mitchell, den Regen, den Hund und den Anderen, der da komme.

20.07.07

Neues von mir ...

... jetzt auch hier.

19.07.07

Der Blick und die Zeichen

"Der Blick (...) hüllt die sichtbaren Dinge, er tastet sie ab und vermählt sich mit ihnen. So als gäbe es zwischen ihnen und ihm einen Beziehung der prästabilsierten Harmonie, so als wüßte er von ihnen, noch bevor er sie kennt, bewegt er sich auf seine Art in seinem hektischen und gebieterischen Stil, und dennoch sind die erfassten Ansichten nicht beliebig, ich betrachte kein Chaos, sondern Dinge, so dass man schließlich nicht sagen kann, ob der Blick oder die Dinge die Oberhand haben".

Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1994, S. 175, zitiert nach: Peter Gente u.a. Hg..Philosophie und Kunst - Jean Baudrilliard, S. 207

Mit dem Blick hatten sie's ja, die französischen Phänomenologen.

Sartres Abhandlungen über den "Blick des Anderen" gehören zu den wohl großartigsten Passagen philosophischer Literatur überhaupt. Dieses Machtspiel, das er beschreibt - jenes, das entbrennt, wenn abwechselnd und wechselseitig die Subjekte ("Das Für-Sich-Seiende") aufeinanderprallen und sich bemühen, den Anderen zum Objekt der eigenen Anschauung zu machen oder eben von diesem objektiviert zu werden ("Das Für-Andere-Sein"); diese Unmöglichkeit, zugleich anzuschauen und sich angeschaut zu fühlen, diese Beobachtung, daß man entweder den Blick des Anderen sieht oder dessen Augen, aber nicht beides zugleich.

Merleau-Ponty war da immer der sanftere, tastendere in seinen Beschreibungen; um so seltsamer, daß ich ihn das ausgerechnet im Baudrillard-Reader wiederfinde, den als Lektüre zum Mittagsessen im O-Feuer ich mir zulegte.

Da, wo der mir so unerträglich unsympathische BILD-Reporter, für den FC St. Pauli zuständig und auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung öffentlich des Tragens von Nazi-Klamotten, Thor Steinar, bezichtigt, dann unser neues "T + T"-DreamTeam im Mittelfeld zum Interview empfängt (Insider wissen, was T+T heißt, und allein schon der Bezug zu Take That bringt da Glück - als sie beim Konzert für Diana Samstag auf RTL2 "Back for Good" sangen, mußte ich heulen, weinerlich, wie ich nun mal bin, aber ich erzähle jetzt nicht, warum!) und man sich nur einmal mehr wundert, wie jung diese Fußballspieler sind. Weil man das eigene Altern innerlich ja irgendwie verpaßt hat.

Dann liest man den Herrn Weibel und darüber, daß die Leistung Baudrilliards darin bestanden hätte, die Marxsche Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert auf die Zeichentheorie de Saussures übertragen zu haben. Er habe dem Signifikanten, dem Bezeichnenden, den Tauschwert zugeordnet, dem Signifikat, dem Bezeichneten, hingegen den Gebrauchswert, und das findet der wirklich tolle Herr Weibel toll.

Sartre fand an der Phänomenologie Husserls toll, daß dessen Philosophie ermöglicht habe, jenseits von formaler Logik und absolutem Geist auch das Glas Apfelschorle im O-Feuer und die Beziehung des Subjekts zu diesem exakt zu beschreiben und so die Philosophie im Alltag zu verankern. Ich Nachhinein wundere ich mich darüber, weil Sartre mit Sicherheit nie im O-Feuer war, und diese Zuordnung von Gebrauchswert und Tauschwert zu Signifikant und Signifikat finde ich auch ein wenig, na ja, handfest. Viel plausibler wäre doch, den Gebrauchs- und Tauschwert auf der Ebene des Signifikanten selbst anzuordnen und sich dann zu fragen, ob das alles ist, was man mit Zeichen so macht und was Zeichen so sind.

Sartre und Merleau-Ponty wurde im Nachhineien ja immer vorgeworfen, de Saussure und diese ganze Sprachtheorie, die dann Strukturalismus und Post-Strukturalismus ermöglichte, nicht rezipiert zu haben. In "Das Sein und das Nichts" taucht Sprache im Rahmen der Verführungskunst auf, und das könnte ja der Grund sein, warum der de Saussure nicht so wichtig fand ...

Denn da saß gestern dieser einfach unbeschreibliche Mann draußen vorm O-Feuer, der mit diesen unglaublich hellblauen Augen und einem Blick, der ein tiefes Loch in mein Sein riß. Obwohl er gar nicht mich anguckte.

Und das sind dann ja die Situationen, wo man sich fragt, welche Zeichen denn in einer solchen Situation Gebrauchs- und Tauschwerte ermöglichen könnten.

Und beibt natürlich doch nur stumm da sitzen und läßt die Blicke so schweifen, so, daß er es möglichst nicht merkt ...

18.07.07

Etwas Besseres als Deine Alte wirst Du überall finden

"Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes entscheidet, sondern die Angst, keinen neuen Arbeitsplatz zu erhalten."


Na sowas (in der der Diskussion gegenüber, so einer mit 'nem so einem Fußball-Nickname schreibt das, Kommentar 8 oder so).

Da setze man mal andere Begriffe ein. "Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Verlust der Gattin entscheidet, sondern die Angst, keine neue Gattin zu erhalten". "Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Tod meines Yorkshire-Terriers entscheidet, sondern die Angst, keinen neuen Hund zu erhalten."

Was sind das eigentlich für eigentümlich freie Mitarbeiter im liberalen Diskurskosmos?

Solch emotionslose Maschinenwesen möchte ich ja nicht als Kollegen haben. Kein Wunder, daß die Produktivität nicht steigt, wo immer mehr mehr Leute notgedrungen solche Mentalitäten an den Tag legen.

Da verbringen Mensch um die 40 Stunden die Woche an ihren Arbeitsplätzen, und jegliche affektive Bindung erstreckt sich auf den IPod oder den Mittelklassewagen, den man von der Kohle sich dann kaufen kann?

Wenn das so sein sollte, dann liegt das wohl eher an den Jobs selbst, aber Marx hatte ja gute Gründe für sein Werk, einer davon war der Begriff der "entfremdeten Arbeit". Und das müßte eigentlich volkswirtschaftlich messbar sein, was passiert, wenn diese Bindung fehlt. "Drifting" nennt das Richard Sennett. Die komplette Nicht-Identifikation mit dem, was man tut, kann doch in Sachen Produktivität nicht unerheblich sein, die muß schwächen.

Und sei's nur, wie's aktuell ja ist, daß die Kontakte, die zu anderen Menschen man pflegt, eben zum Großteil der gelebten Zeit im Arbeitsleben stattfinden. Muß ja noch nicht mal die Tätigkeit selbst sein. Aber ein prima Betriebsklima oder ein gutes Verhältnis zwischen Kollegen scheint aus der Wirtschaftstheorieagitation irgendwie verschwunden zu sein.

Dabei ließe sich das bestimmt besser quantifizieren als juristische Regeln mit einem spezifischen, materialen Gehalt, da hat der Nörgler schon recht.

Nee, Konkurrenz belebt ja angeblich das Geschäft. Dieses Hauen und Stechen und sich vor Chefs als Geilster aufspielen, das habe ich kurioserweise immer als kontraproduktiv erlebt - und seitdem ich selbst Teams zusmmenstellen kann, vermeide ich genau das, und das hebt unsere Produktivität als auch die Qualität der Produkte ganz immens. Weil eben nicht Angst steuert, sondern wechselseitige Anerkennung.

Nicht so in der liberalen Theoriebildung: Da sind einem Kollegen sowas von scheißegal, daß man nur deshalb Angst hat, 'nen Job zu verlieren, weil man dann keinen anderen findet.

Es gibt wirklich gute Gründe, dieser Denke die "Kälte" zuzusprechen, da können die noch so sehr dagegen polemisieren ...

16.07.07

Arbeitshypothesen über die Linse

Angesichts der Diskussion drüben beim Che grübelt man ja weiter. Wieso kommen Leute eigentlich auf die Idee, die Intelligenz von "Schwarzen" in Relation zu "Weißen" zu untersuchen?

Bei Chinesen, Juden oder Indern käme man auf die Idee wahrscheinlich gar nicht. Sind ja auch "Hochkulturen", nicht wahr, lieber Zettel? Ist mir zumindest nicht bekannt, daß hinsichtlich jener Gruppen jemand solche Frage stellt. Klar, damals vor Adolf gab's auch Schädelvermessungen bei Juden, ist ja aus erschreckend guten Gründen out seitdem.

Dabei ist der Hautton von Indern so weit weg nun auch nicht von jenen aus manchen Regionen Afrikas. Bei Indianern wird es sowas auch gegeben haben, solche Untersuchungen über deren mindere Intelligenz. Warum also immer auf die Schwatten?

Kam ja neulich mal auf die wahrscheinlich falsche, aber vielleicht doch bedenkenswerte Idee, daß es an der Linse liegt.

Also nicht dem natürlichen Auge, das Farbnunancen sehr genau wahrnehmen kann, sondern daran, daß irgendwelche alten Meister irgendwann anfingen, durch Linsen Personen zu projizieren, um deren Umrisse bestens zeichnen zu können.

Camera Obscura nannte sich das. Dazu braucht es sehr viel Licht, um solche Projektionen zu erzeugen; was dabei rauskommt, kann man allerbestens bei Caravaggio betrachten: Dieses tiefe Schwarz, aus dem die hellen Körper sich dann erheben als Sieger über das Dunkel.

Hell-Dunkel-Malerei nannte man das nicht umsonst, Rembrandt war deren Meister, und bis die Impressionisten und Cézanne dann Bilder aus Farbe aufbauten, galt diese Weise der Darstellung als das Wahre, Gute und Schöne.

Man möge mich technisch korrigieren, aber Film und Fotografie basieren auf eben den gleichen Prinzipien wie die Hell-Dunkel-Malerei. Und in der Tat ist es schwierig, einen Schwarzen gut auszuleuchten beim Fernsehen - die Haut spiegelt stärker, und wenn man nicht ordentlich Stoff gibt, suppt das Gegenüber weg.

Macht man das richtig, sind die "Lichter", also die Reflexe auf der Haut, zugleich stärker, je dunkler die Haut ist. Setzt man beispielweise rotes Licht, so löst sich die Konttur fast auf; bei "Weißen" hingegen wird einfach nur "Weichgezeichnet".

Bei weißem Licht wirkt der Kontrast der Lichter zur Hautfarbe "unnatürlich", wenn man ihn nicht per Linse, sondern per Augenschein malt.

Modelliert man malend sehr stark mit weiß, um Volumen zu erzeugen, wird das Dargestellte im Falle schwarzer Gesichter und Körper zu hell - dann also, wenn man mit der Suggestion von Licht, durch eine Linse betrachte, mit weichen Übergängen, wie die Projektion sie erzeugt, arbeitet.

Unsere gesamte Wahrnehmung ist durch und druch von dem Prinzip der Linse geprägt; ich behaupte einfach mal, daß Feld- Wald und Wiesen-Warhrheitsbegriffe im Grunde genommen an dieser Version des Abbildes, wie es bei Caravaggio, Ingres und anderen findet, sich orientiert. Nicht umsonst halten viele Fernsehbilder für realer als das, was sie sehen, wenn sie Bus fahren, und im Bus muß man richtig "umschalten", um sich Gesichter genau anzugucken, weil man meistens sieht, was man weiß oder zu wissen glaubt - z.B. aus dem Fernsehen.

Vergleicht man mit dieser europäischen Tradition afrikanische Kunst, so fällt auf, daß deren Darstellungstraditionen eher am Stoff und an der Skulptur, auch an der Performance orientiert sind, somit am Raum - nicht jedoch am Licht.

Und am belebten Raum orientiert, die Maske setzt man auf und bewegt sich mit ihr. Die statische Zentralperspektive, bis heute als heroischer Durchbruch gefeiert zu Zeiten der Renaissance gefeiert, findet im gelebten Raum, auf Leiblichkeit verweisend, keine Entsprechung.

Und nicht am Abbild sich reibend, sondern auf die "Verdichtung von Zeichen" zielend arbeitet afrikanische Kunst : Der Elefant auf der Stoffdecke bedeutet dann sehr viel, nicht einfach nur "Elefant". Da wird eine in Relation viel höhere Abstraktionsleistung vollbracht als bei der Linse, die Kunst ist aktiver, eingewobener in den Alltag. Lediglich Kunst als Statussymbol, da treffen sich der "der Westen" und "Afrika".

Interessant wäre der Vergleich zwischen afrikanischen Weisen der Verdichtung von Zeichen und jener in einer wissenschaftlichen Formel. Ich vermute mal, daß die "Afrikaner" uns da schon immer ein paar Schritte voraus waren.

Die Licht-Metapher zieht sich durch alles, was "uns" heilig ist. Man bedenke nur, was "Aufklärung" heißen kann. Auch Wasser, daß "klar" wird, klar; die Licht-Metapher steckt auch da mit drin.

Ergänzt durch diesen Platonismus, der, ob im Renaissance-Gemälde oder beim Claudia-Schiffer-Portraitauf RTL, die Idealiserung erschafft, ist man in all diesen Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen mittendrin in jener Logik, die Rassismus erzeugt und so blödsinnige Fragen wie jene, ob denn "Schwarze" dümmer seien, hervorbringt.

Boticelli prachtweiße Geburt der Venus - zum Glück haben dann Derain, Matisse, Picasso und andere mal genau hingesehen und uns anderes Wahrnehmen gelehrt. Natürlich schauen die meisten da einfach weg, aber eine Kultur, die "Zentralperspektiven" an den "Ursprung" ihrer "Größe" setzte, ist eben vor allem eines: Bräsig und ignorant.

14.07.07

Dieter Bohlen, die Wahrheit des Stils?

Fragen, die mich verfolgen und hinter jeder dunklen Ecke lauern, sind ja manchmal etwas seltsam. Zugegegeben.

Nein, es ist nicht jene, die mich umtreibt, also nicht die, ob es denn in Ordnung sei, daß ich aktuell neben dem wundervollen Andrew Bird und den tollen Tocotronics und so das Mark Medlock-Album hoch und runter höre. Natürlich ist das in Ordnung, bin ja kein Stil-Faschist.

Nee, was hat der, der Medlock, mit der Malweise von Neo Rauch oder sonstwem, den man auf den ersten Blick erkennt, zu tun?

Nämlich wahrscheinlich gar nicht das, was man glaubt. Eben nicht Kunst versus Kommerz. Dieses von Bohlen zusammenverhackstückte Album, proppevoll mit Disco- und Soul-Zitaten und - Klischees und dem schlimmsten Gitarrensound der Musikgeschichte funktioniert super, macht Spaß, läßt fröhlich in Tage gleiten, gerade weil es vertonte Stereotypen sind. Und weil eben diese wirklich unglaubliche Stimme des Superstargewinners mir zumindest ganz tief unter die Haut und zwischen die Beine und mitten in's Herz geht.

Worin sich nun eigentlich so ein individueller, stimmlicher Ausdruck von dem Stil eines Malers unterscheidet, das verfolgt mich. Daß eine Knef, ein Sven Regener, eine Marianne Faithful oder ein Joe Strummer mit Stimmen von unvergleichlichem Wiedererkennungswert gesegnet sind, das ist ja sozusagen nix, wofür die was können. Die können das kultivieren, damit arbeiten, es ausarbeiten, aber ansonsten ist das wohl eher sowas wie ein einzigartiger Augenausdruck, siehe Frau Streisand.

Ganz anders, wenn man so durch's Museum spaziert und vor sich hin murmelt "ach ja, ein Feininger!". "Oh, ein Kandinsky!" Manchmal liegt man natürlich daneben, weil irgendjemand anders so malt wie Mondrian, aber ist genau das dann nicht sowas wie Bohlen, der sich bei Lionel Richie und Otis Redding irgendwas zusammenklaut?

Ist natürlich die uralte Frage nach "Selbstausdruck" und "Individualität", und sie sei ergänzt druch die Beobachtung von Frau Dossi, die dieses höchst erhellende Buch "Hype" geschrieben hat - daß aktuell auf dem Kunstmarkt jene, die über einen hohen Wiedererkennungswert verfügen und möglichst fix möglichst viel Ware nachliefern, die besten Chancen haben. Guckt man sich nun die Entwicklung eines Neo Rauch an, dann zitiert der ja im Grunde genommen immer nur sich selbst und entwickelt "seinen Stil" weiter. Was aber hat das mit Individualität zu tun?

Eigentlich, auch im Fall der Abstraktion, ist Malerei ja ein Medium, sich Gegenständen anzunähern - und sei's nur der Farbe selbst bei monochromer Malerei (und von mir aus auf diesem Wege auch Gott). Eine alternative Weltsicht. Und in der Tat spaziert man ja anders durch einen Park, wenn man sich vorher einen Monet genau angeguckt hat.

Ist die Subjekt-Objekt-Relation, die mir da zu schaffen macht. Wenn so ein Rauch dann jedem möglichen Gegenstand immer die selbe, von mir aus auch in hehren, Bodo Straußschen Kämpfen dem Schicksal abgerungene, Form und denselben Stil der Welt überbügelt, ganz egal, welchen Gegenstand er behandelt, ist das dann nicht Lüge? Und was zum Teufel ist daran noch "individuell"? Die Weltlosigkeit?

Ist das nicht so, als würde man mit lauter verschiedenen Frauen und Männern immer den gleichen Sex haben wollen? Das hat irgendwas mit Adornos Warenfetisch-Kritik zu tun, und mit dem Freiheitsbegriff der Liberalen nicht minder ... "negative Freiheit" heißt ja auch: "Sag mir bloß nicht, was Du willst!" im Bett. Oder auf dem Küchentisch. Oder im Darkroom ... masturbiert der Neo Rauch da nur und ist aus Opposition zur "freien Liebe" konservativ?

13.07.07

Ode an Neptun: Ich kann's nicht mehr ertragen, ich will die Nacht an allen Tagen ...

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Foto von Erik, unserem Vorsitzenden!

Wie heißt noch der Komponist, der diese "Bilder einer Ausstellung" komponierte?

Immerhin fiel mir gestern auf, daß Emil Nolde ja streckenweise einfach nur ordinär malte. Kein Wunder, daß der Nazi wurde.

Trotzdem: Wie gut, daß es die Moderne gab. Ob's sie noch gibt, halte ich ja für unbeantwortet. Nachdem irgendwelche strukturellen NeoNationalisten sich für aufgeklärt-modern und alle anderen in totalitärer Absicht wahlweise für vormodern oder totalitär erklärt haben, kann man ja nur noch für den Flow plädieren.

Jenen, der entsteht, wenn man auch nicht weiß, wie man zusammendenken soll, daß man das "Zombie"-Album von Kante viel zu spät für sich entdeckt hat und zugleich Gewaltfantasien entwickelt, wenn altkluge Schülerinnen vor ekelerregender, "klassischer" Saucenmalerei, widerliche Weibsbilder in edlen Stoffen vor so richtig blauem Himmel halt da auf den Bildern in einer Halle in der Kunsthalle, ausrufen "toll, das ist alles so exakt gemalt!".

Während man doch selbst kurz zuvor noch vor einem der zwei Picassos in den hehren Räumen neben dem Hauptbahnhof niederknien wollte. Dann fließt man weiter durch die eigene Wahrnehmung, landet bei der These, daß Kunst an die Stelle der Schöpfergottverehrung getreten sei und findet das auf einmal völlig in Ordnung, daß das so ist, zumindest dann, wenn's um Picasso, Ernst Luwig Kirchner und Max Beckmann geht. Schon toll.

Im Raum mit den "exakt gemalten Bildern" hingegen schaudert's, da steckt eben all dieser objektivistische, kitschige Quatsch drin, der heute als "Evolutionssoziologie" und schlimmeres auftritt. Und dann sieht man dieses fast designartige, dekorative Picasso-Bild von der Türkin mit dem Turban, vor allem breite, blaue Linien, in die irgendwas Ornamentales reingeritzt ist, und sieht und weiß und reflektiert, daß der Mann eben doch "näher an der Wahrheit" war als Einstein.

Und daß man unter Markt-Bedingungen ganz schön laut schreien muß, damit das jemand hör, das sieht man auch. Wenn man vor diesen kleinformatigen Klassikern steht - bei den so oft beschriebenen Auktionen hätten die keine Chance mehr, wenn nicht der Künstlername zur Marke stilsiert worden wäre und der Mythos der Kunst, ja, auch von Picasso tatkräftig befördert, nicht in die falschen Räume gewechselt wäre.

Sich so einen Max Ernst anzuschauen, nachdem man zuvor noch mal die monumentalen 2 x 4 m oder so Bilder des Daniel Richter ansah, das wirkt irgendwie piefig. Und wat mußte der Daniel in den Farbtopf greifen und auf Effekte setzen, um diesen Status zu ereichen, den er jetzt hat!

Großartig sind die nichtsdestotrotz, wenn man vor seinem "Süden" steht, dann kommt sie auf, diese seltsam verzweifelt flirrende Tristesse, die man in südlichen Urlaubsregionen anhand von Bauruinen dann empfinden kann, wenn zwischen denen alle trotzdem in verordneter, guter Laune tanzen wie die Doofen.

Und diese flimmernde Polzeikette mit den Hunden davor, die haut schon rein - aber eben durch die Wahl der maximal möglichen Mittel. Jetzt noch ein verprügelter Demonstrant oder eine Miß Wet-T-Shirt, und der Effekt wäre gar nicht mehr maximal.

Wie Markt das Serielle präferiert und USP ("unique selling prophecy") als Stil mißversteht, das konnte man dann auch gleich beobachten, als im Keller bei der ziemlich öden "Seestücke"-Ausstellung dann irgendein juveniler Heini die Richtersche "vom Hellen in Dunkle malen" -Technik adaptiert. Kann ja sein, daß der gar nicht juvenil ist, seit 1960 schon so malt und Daniels Lehrer ist, das ist schnurz. Im zementierten Flow des Warenabgebots verwischen solche Bezüge und man sieht nur, wie Technik eben jene Erfahungsdimension ersetzt, die in seinen guten Bilder der Daniel Richter noch aufzuheben vermag. Was in Zeiten, da "Freiheit" nicht mehr als die mögliche Vielfalt von Erfahrungsdimensionen gedacht wird, sondern in Slogans selbstbezüglich sich ergeifert anstatt sich zu erfinden, eben wehtut.

Und dann hört man dieses viel zu spät entdeckte "Zombie"-Album von Kante, liest so in die Texte hinein, wo Verliebtsein als schleichendes Gift erfahren wird und unbeschriebene Blätter ersehnt zu hören sind, seltsame, im Grunde genommen impressionistisch-phänomenologisch-symbolistische Text-Techniken, wo auf einmal die Eindrücke beim Durchgang durch die Städte sich beschrieben finden, "die Häuser sind Leichen verblassender Träume , bleiche Ruinen von möglichen Räumen" - und stellt fest, daß eben genau diese Technik komplett abhanden gekommen ist im Dschungel festgelgeter Zeichen. Da hilft's auch nicht, diese dann dynamisieren zu wollen.

So erinnere ich mich an ein Interview mit Matthie Carriére aus den 80ern, wo dieser diesen Gegensatz zwischen dem Apollinischen und Dionysischen in Nietzsches "Geburt der Tragödie" referiert und letzteres auf den Rausch der Nacht bezieht - war schon schön damals, besoffen Udo Jürgens "Ich weiß, was wich will" nachts um 3 in der Wunderbar zu hören, und heute sitzt man stattdessen im System der institutionalisierten Gier und erholt sich kaum noch von der Jagd, die einst wenigstens noch auf Körper sich richtete ... und will auf einmal jenes Empfinden trinken, daß Monet gehabt haben muß, als er Licht in seiner Vielfarbigkeit malte. So gar nicht exakt ....

11.07.07

Sag alles ab, geh einfach weg ....

Och, wo ich Statler mal zustimmen kann, mache ich das doch einfach auch.

Mit dem egoistischen Hintergedanken, Anreize zu setzen, daß mir noch mal jemand erläutert, was die Wirtschaftswissenchaftler mit "pfadabhängig" meinen.

Wenn ich richtig verstehe, dann sind das ja die bisherigen Handlungen (Ausbildungen, Wahl der Branche und des Berufsbildes, als erster 'ne Innovation am Markt eingeführt haben, frühzeitig sonnige Grundstücke mit Seeblick in Kapstadt erworben zu haben, um in der Boom-Phase, also jener, wo die Stadt dann wieder von Schwarzen bereinigt wird, 'nen Vorspung zu haben, wenn man Villen für europäische Ausbeuter bauen will), die zum einen es Konkurrenten schwer macht, da noch zu konkurrieren, zum anderen aber eben auch den, der entscheidet, dann auf einen "Pfad" festlegt?

Oder ist das wir, und das heißt was ganz anderes?

Paßt ja sowohl zu den Bundestagsabgeordneten (wer wechselt schon auf Schleudersitze, wenn er sich auf anderen Feldern 'ne Existenz aufgebaut hat?), scheint mir aber auch individuell ("verschwör Dich gegen Dich, und Deine Schmerzen lindern sich" haben Tocotronic hier eben gesungen, nein, Klaus, ich bekomme kein Geld von denen, das neue Album ist aber einfach super) als auch übergreifend ja kein so unwichtiges Thema zu sein: Wie sattelt man um, wenn man zu tradierten Lebenszeitpunkten gar nicht bestimmte Voraussetzungen erwerben konnte? Und 40-jährigen gibt ja auch niemand eine Lehrstelle ...

Gibt in einem Buch von Richard Sennett dieses gemeine Beispiel von den IBM-Programmierern aus den 80ern, die wegen irgendeiner Software-Revolution erst die Helden waren, dann aber trotz Mega-Qualifikation schlagartig zum alten Eisen gehörten und nur noch rumsaßen.

Ist ja auch der halben DDR so gegangen, wenn nicht mehr als der Hälfte - mich wundert immer, daß einerseits die Slogans vom "lebenslangen Lernen" daher gequasselt werden und alle ihre Flexibilitäts-Diskurse pflegen, aber außer lächerlichen Arbeitsgentur-Kursen, wo dann Leute, die seit Jahren am Computer sitzen, lernen, wie diese anzuwenden sind, das im Grunde genommen gar nicht diskutiert wird.

Die "Formalisten" - Juristen und Ökonomen - können fröhlich zwischen Branchen und Institutionstypen hin und her springen, wobei 'nen Familienrechtler auch Probleme in der freien Wirtschaft haben wird - aber jeder, der wirklich was gelernt hat, sitzt dann da auf seinem Pfad und ist von ihm abhängig....

"Mein Ruin, das ist zunächst etwas das gewachsen ist. Wie eine Welle, die mich trägt und mich dann unter sich begräbt" singen Tocotronic dazu ....

Was ich ja immer schon mal sagen wollte: Auch Polizisten haben die gleichen Rechte wie alle anderen auch!!!! Und da, wo sie mehr haben, z.B. verhaften dürfen, muß das verdammt gut begründet werden!!!

Und das meine ich ganz ernst Habe mich sogar mal gemeinsam mit einem Bundesgrenzschützer über den Spruch "Ich bin nix, ich kann nix, gebt mir eine Uniform" empört! Wirklich!

(... obwohl das, glaube ich, dienstrechtlich gar nicht stimmt, das mit den gleichen Rechten. Als Zivildienstleistender war ich ja auch einer Sondergerichtsbarkeit unterstellt - ist das bei Polizisten eigentlich auch auch so? Und wie sattelt ein Polizist mit 45 noch mal um, ohne einzig die Wahl zum Wachdienst zu haben?)

10.07.07

Sorry!!!

Wegen Inkompatibilität von Server + Software oder so ging hier ein paar Tage gar nix. Jetzt ist aber alles wieder gut!

06.07.07

Müßiggang als aller Laster Anfang?

Gehe flanieren Hanging around!

Ist ja spätetens seit den Situationisten programmatische Forderung derer, die meinen, jegliche nutzbringende Tätigkeit im Rahmen des Kapitalismus würde das System nur stützen.

Erinner mich noch gut an die Forderungen in APPD-Programmen, wo zu Zeiten der Teilung Deutschlands die Teilung Deutschlands gefordert wurde - in einen Zone derer, die unbedingt arbeiten wollen, und eine andere, in der man in Ruhe abhängen kann. Zyniker mögen behaupten, daß genau dieses Ziel ja längst erreicht sei. Und die Zone des Müßiggangs läßt sich dann von den Anderen finanzieren. Da Knappheit ja Preise bestimmt, graduell, gab's jüngst auch wieder die Forderung, daß gefälligst die Arbeitenden die Nicht-Arbeitenden deutlich besser dafür bezahlen sollten, daß sie ihnen keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt machen.

Irgendwie damit zusammhängen muß, daß im Umfeld der Hamburger Schule, anders als bei den Leipzigern, immer wieder Menschen vorgeworfen wird, daß sie mit Malerei, Musik oder ähnlichen Tätigkeiten Geld verdienen wollen. Hat der Diedrichesen neulich hier im Kunstverein verkündet (Link liefere ich nach, muß gleich zur Arbeit), haben Tocotronic, die können sich's ja auch leisten, gerade wieder im Rolling Stone beklagt, und das betont der Daniel Richter auch immer, daß er ja nicht zu malen begonnen hätte, um Geld damit zu verdienen.

Auf ihrem aktuellen Album scheinen Tocotronic das zum Programm erhoben zu haben, glaubt man der gestrigen DIE ZEIT.

"Warum, bitte schön, läuft diese Musik nicht im Frühstücksradio?Morgens, wenn die Moderatoren ihrem Auftrag nachkommen, den noch in Lohn und Brot stehenden Teil der Bevölkerung akustisch fit zu spritzen, wenn ein Heer der Schläfer sein Lager verläßt, um sich vor dem Spiegel mühsam in tagaktive, verantwortliche Gesellschaftswesen zu verwandeln - morgens also, inmitten dieser gigantischen Volksermunterungsveranstaltung, die sich Rundfunk nennt, wäre sie ein wirksames Gegengift.

Eine schöne Vorstellung, beim Rasieren Dirk von Lotzows Märchenonkelstimme zuzuhören, wie sie dem Müßiggang das Wort redetl. Eine erheiternde Idee, den Morgenkaffee zu Titeln namens "Sag alles ab" oder "Mein Ruin" zu schlürfen. "Mein Ruin ist mein Triumph, Empfindlichkeit und Unvernunft", werbefinanziert in den Äther hinausgeblasen, das wär' doch was."

Thomas Gross, Projekt Flausen, in: Die Zeit Nr. 28, 5. Juli 2007, S. 51


So, ich geh dann mal duschen ...

05.07.07

"Kultureller Rassismus"

Lysis sollte sich häufiger auf mündliche Prüfungen vorbereiten ...

04.07.07

Pure Vernunft darf niemals siegen!

Wobei freilich nicht oft genug betont werden kann, daß auch Vernunftkritik nur im Medium der Vernunft selbst möglich ist, sonst isses keine.

Macht nix: Für Jazzfans und andere - virtuelles Actionpainting!

(via zeichenblog)

03.07.07

Mission Statement und die Identität von Organisationen

Das "Mission Statement".

Dazu gab's "bei uns in der Firma" sogar mal eine Findungsarbeitsgruppe. Im Gegensatz zu CDU-Grundsatzprogrammfindungskommissionen, wie derzeit sie tagen, ist das auch so eine Art "Verdichtung von Zeichen", wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als dies bei afrikanischer Kunst der Fall ist.

Die "Unternehmensphilosophie" in einem Satz, sozusgen. Marketing nach innen, so ähnlich wie ein Fahneneid, der dann bei entsprechender Größe auch in machtvollen Portalen prangt, ganz so, wie in der Humboldt-Uni das Marxsche Diktum (in Gold) hängt, es ginge nicht darum, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Bei Sartres Früh-Philosophie wäre das Mission Statement "Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es nicht ist", allerdings eine Attacke auf alle Identitätsmodelle, auf Personen bezogen.

Sowat wie das "Mission Statement" ist dann gewissermaßen das gottgleiche Einhauchen einer Seele in sein Unternehmen durch den Unternehmer. Wie Schöpfergötter beackern diese Führer ja die Böden des Universums und schaffen Gutes, während sie ihre Visionen über die Menscheit bringen, und Tocotronic haben da sogar ein Lied draus gemacht.

""Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren". Nach einem Album bei der Universal-Tochterfirma MOTOR MUSIC waren wir so weit, diesen weisen Worten Worten Gilles Deleuzes' (Postskriptum über die Kontrollgesellschaft, in Gilles Deleuze, Unterhandlungen, 1972-1990, Suhrkamp 1993) Glauben zu schenken und sie flugs in einem Protestsong zu verbraten."

Aus dem Booklet zum Best of-Album. Und jetzt kehren sie zur Universal zurück. Hoffentlich ist's nicht neu beseelt, das neue Album, das da kommt ...

02.07.07

Es macht mich wild vor Wut wenn eine Burschenschaft durch mein Gemüsebeet marschiert ....

Dann mache ich doch gleich mal 'ne Tocotronic-Woche. Das neue Album erscheint ja am 6.7., und alleine schon der Vergleich Hamburger versus Leipziger Schule erschien mir doch recht lohnensreich im Vollzug des gestrigen Nachmittags. Außerdem habe ich da was aufzuarbeiten.

Klar, man hörte sich die an, hat sich mit denen irgendwie beschäftigt, hatte lauter Freunde, die Fans waren, ein Konzert habe ich auch mal gesehen - am Hafen war das und hatte irgendeine politische Bedeutung, welche, habe ich vergessen.

Bei dem Konzert damals bin ich fast eingeschlafen vor Langeweile. Hatte um den Dreh herum ein Interview mit Kim Franck, Sänger von "Echt", der Tocotronic als langweiligste Band der Welt bezeichnete. Gut, der ist bis heute nicht gerade der Knaller in Interviews und hat musikalisch auch nix mehr gerissen, seitdem er Franz Plaza oder wie der hieß verließ, aber damals hörte ich tatsächlich lieber "Echt" als diese ganzen mir verkopft erscheindenden Hamburger Bands. Fand Konzerte mit explodierenden Teenies einfach leidenschaftlicher als dieses Geschrammel.

Wahrscheinlich, weil ich Musik eher höre, um mich loszuwerden und mit Mitte 20 meine erste Midlife-Crisis hatte, die so richtig nie wieder versiegte. Wahrscheinlich war's einfach zu nah dran, und ich mußte erst mal 2 Jahre bloggen, um wieder halbwegs zu begreifen, was noch so alles in mir fortlebt nach all diesen Deformationen, die das ganz normale, kapitalistische Mediengeschäft so mit sich bringt. Wobei ich ja die Knef oder Element of Crime als ganz nah dran auch seit Jahrzehnten höre. Letztere freilich gerade mal so 2 Jahrzehnte.

Dann sitze ich neulich bei einer schier unglaublich leckeren Fisch-Lasagne mit Safran-Sauce in der Hamburger Neustadt mit jemandem zusammen, der eines der Tocotronic-Alben produziert hat, man quasselt über Musik, stundenlang, supernett war's, und dann wirft der ständig ein "Das ist genau wie bei Dirk von Lowtzow, der braucht das auch so, musikalisch!". Was mich dann doch frappierte.

Und dann lese ich heute morgen das hier, als erster Kommentar steht's da:

"Der hohe Anteil der Akademikerkinder an den Studierenden in Deutschland rührt m.E. von einer verwässerter Statistik her. Die meisten dieser sog. “Studenten” sind Studenten der Geisteswissenschaften, besonders viele Studierende sind Lehreramtsstudenten. Daneben gibt es natürlich noch die ganzen Gartenbauer und Sozialpädagogen etc. Das hat m.E. nicht viel mit einem Studium zu tun. Die wissenschaftlichen Anforderungen in diesen Fächern gehen gegen Null. In den Lehramtsfächern darf man. z.B. die Wikipeda oder MS Encarta zitieren. Lächerlich.

Wenn man die ganze pseudo-Studiengänge rausrechnen würde, sähe die Statistik wahrscheinlich ganz anders aus."

Und kotze natürlich erst mal quer über den Tisch. Hat der hier geschrieben, der mir stilistisch in seinen Blog-Einträgen eigentlich ganz gut gefällt. Schön schnodderig.

Wie Neo Rauch hört der die White Stripes, und noch 'n anderer Satz vom Staatsmaler fällt mir dazu ein: Daß, was die Leipziger Schule verbinden würde, doch einzig sei, daß dort "Qualität" geschaffen würde.

Und noch was ganz anderes erinniert mein frei flottierender Bregen: Daß Bushido die Typen, die er nicht abkann, als "schwule Studenten" bezeichnet. Verweichlichte Emo-Boys mit zotteligen Haaren und Gitarre vor dem weichen Bauchgewebe, intellektualisiert statt phallisch - also ungefähr so, wie Mark Steyn sich die dekadenten Alt-Europäer als solche vorstellt. Jene, die sich nicht mehr vermehren und nicht mehr kämpfen wollen. Kapitulation halt. Der Bushido meint da noch nicht mal sexuelle Orientierungen primär, und mit Analverkehr haben's diese Berliner Rapper ja eh. Nee, der meint wie Mark Steyn vor allem die Attitude.

Das bildet freilich alles einen dicken Brocken Scheiße, so einen, wie mein Hund ihn absondert, wenn er Verstopfung hat und sich lange immer wieder, immr wieder krümmt, bevor's plumpst: Diese Gesabbel über Pseudo-Studiengänge, über Leipziger "Qualität", Bushidos ausrasierter Hinterkopf und der Haß auf die "schwulen Studenten". Im Grunde genommen ist Bushido ein Neocon. Weiß nicht, ob Markus Oliver auch einer ist, aber der paßt auch sonst ganz gut zu Bushido - Zitat:

"Wenn man glaubt, es ginge nicht mehr weiter bergab, dann kommt garantiert ein neuer Tiefpunkt. So auch beim DSF. Unbedingt bitte einmal um 23:40 Uhr DSF einschalten. Da steht doch tatsächlich so eine Titten-Schlampe und preist ihr Verarschungs-Ratespiel an. Dabei sind die Brustwarzen ihrer Silikon-Titten zu sehen. lch fasse es nicht."

Na, und Bushido moderiert jetzt The Dome und krakeelt dabei rum wie dieser Box-Ansager, der eine zeitlang hip war - und daß ich Tocotronic nicht früher intensiver hörte, das liegt wahrscheinlich einzig dran, daß die Pop-Sauce, in der schon so lange ich schwimme, eben jene fettaugengetränkte ist, die auf den industriell gefertigten Neocon-T-Bone Steaks blubbert.

War's Degenhardt, der einst das Blubbern fetter Saucen besang?

Ich bin für ein Degenhardt-Revival, und Tocotronic sollten mal ein Album mit dessen Songs einspielen ...

01.07.07

Was hält zusammen?

Neo Rauch: Was soll ich von einem chinesischen Maler halten, der wie Baselitz malt? Es gibt in China jetzt viele Maler, die an die europäische Szene anzuknüpfen versuchen. Das ist eine schreckliche Egalisierung.

Interviewerin: Das klingt konservativ.

Ist aber im Grunde genommen die gleich Firgur, wie einst sie den deutschen Hip Hoppern um die Ohren gehauen wurde: Hey, ihr seid weder in South Central noch in der Bronx!

Tocotronic sangen stattdessen zu Zeiten des erblühenden, deutschen Hip Hops "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!", fühlten im Nachhinein sich mißverstanden und erklärten die Enstehungsgeschichte ihres Songs so:

"Es entstand weder im Strassenkampf, noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung als ein "Strukturalistisches Diagramm" auf einem Stück Papier. Mehr Theorie als Praxis, mehr Form als Inhalt, doch das war Anfang der neunziger Jahre vielleicht die beste Art, sich solch einem Thema zu nähern. Es klingt etwas lächerlich, ist aber wahr: Anstatt "Heisse Riffs" zu proben, schmökerten wir lieber in Merve-Bändchen."
So steht's im Booklet zu ihrem Best of (mit einem f)-Album. Da waren auch gerade Aerosmith in den Charts, so um den Dreh zumindest, und "Crazy" mochte ich schon sehr gerne. Nicht ganz so toll wie "November Rain" von Guns'n'Roses, aber immerhin.

Und das mit den Merve-Bändchen kenne ich auch, bis heute. Weiß gar nicht, ob jemand mal die Bedeutung dieser Büchlein für mehrere Generationen von Post-Jugend-Früh-Erwachsenen-Kulturen und Jung-Akademikern systematisch untersucht hat, sie dürfte immens sein.

Mein letztes, gekauftes ist "Das Rhizom" von Deleuze/Guatarri, wenn man Begonien auf dem Balkon hat, verbindet das die spießigen Sehnsüchte eines jeden gekonnt mit der Innovation von Textstrukturen.

Keine Ahnung, ob man diese Bändchen wie die BRAVO auch in die DDR schmuggelte und dann Jeans oder sowas dafür bekam, wie man sie angeblich für Alf-Poster erhielt (Preise sind der Beweis dafür, daß es Knappheit gibt).

Welcher allgemeinen Bewegung man sich da anzuschließen hatte, die Frage stellt sich ja nicht wirklich, '89 in der DDR, und jetzt singen Tocotronic hier gerade "Let there be Rock" und zitieren passend zu dem, was ich gerade schreibe, diese eklige Fanfare aus ""The Final Countdown" von Europe, aber das "Let there be Rock" hatten unsere Brüder und Schwestern im Osten dann ja irgendwann aufgegeben und haben stattdessen "Wir sind ein Volk" skandiert. Ist diese berühmte, semantische Wende damals wohl aus Erfahrungen wie der folgenden erwachsen?


"Was ist eigentlich so negativ an einer konservativen Haltung? In der DDR war ich Indoktrinationen ausgesetzt, denen zufolge das Konservative mit blutrünstigen, reaktionären, kapitalistischen Hyänen verbunden war. Das System selbst definierte sich als progressiv, dabei war es im Gegenteil eine Spießerverschwörung. Wer damit nicht einverstanden war, der musste sich, ohne rückwärtsgewandt zu sein, als Konservativer verstehen.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn."

Ist ja an sich schon zentraler Topos des Konservativen - daß man irgendwas muß.

Trotzdem: Habe ja nun mein Leben lang mit Ossis zu tun gehabt, die hatten damals Ärger mit der Stasi, weil sie Frisurenshows zur Abrüstung machten und als Gorbatschow verkleidet die Bühne betraten, konservativ fanden die aber gar nicht dolle.

Diese merkwürdigen Conclusiosisse, die dann wie naturgegeben als Reaktion auf Totalitarismus proklamiert werden, als MÜSSE da dann irgendwas sein als Antwort, die erstaunen mich immer neu, wahrscheinlich, weil ich ganz freiheitlich, das meine ich ohne jede Ironie, in meinen Merve-Bändchen blättern durfte.

Aber Handlungen in Abgrenzung zum Totalitären zu legitimieren, das eint wohl alle politischen Lager, ist ja auch nie falsch, manchmal frage ich mich dennoch, wo denn das Postive bleibt, das Jenseits der Abgrenzung, Herr Rauch. Darin, daß Bilder eine Geschichte erzählen?

Die kurioseste und gruseligste Deutung neuer Antitotalitarismen zitiert Jacques Ranciére im 3. Band dieser Taschen-Bücher zur Documenta:

"Der Individualismus soll angeblich die in Gesellschaft und und Geschichte verwurzelten gemeinschaftlichen Strukturen aufgebrochen und dadurch den Ausbruch des Terrors begünstigt haben. Genau dieses Schema hat etwa Jean-Claude Milner in seinem Buch "Die kriminellen Tendenzen der europäischen Demokratie" wiederbelebt, wobei er als Grundlage die Lacan'sche Theorie der symbolischen Ordnung hernimmt. Demzufolge sollten die Juden deshalb ausgelöscht worden sein, weil sie gegenüber der Demokratie die Tradition und die Überlieferung verkörperten. Es ist unschwer zu erkennen, dass diese Sichtweise den Nazismus gleichsam in ein Instrument der modernen Demokratie verwandelt."
Jacques Ranciére/ Christian Höller, Entsorgung der Demokratie, in: Documenta Nr. 3, 2007, Education, Köln 2007, S. 20-21

Da reibt man sich verwirrt die Augen, erinnert sich an die Entgegensetzungen von "Gemeinschaft" und "Gesellschaft", die u.a. in der Volksgemeinschaft, und zwar so richtig völkisch, mündeten, mit Führer und so.

Und ist's eigentlich grundsätzlich konservativ, wenn man sich auf Traditionen und Überlieferungen beruft? Die Frage ist doch wohl eher, welche man aktualisiert, sehe mein Denken ja auch in der Tradition von Kant und Foucault ...

Herr Rauch malt lieber anschwellenden Bocksgesang - mit Botho Strauß möchte er, oder hat er schon, ein Buch herausbringen und telefoniert gelegentlich mit dem, zumindest zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Ausstellungskataloges, in dem ich gestern blätterte, und Ernst Jünger liebt er auch. Der habe direkt in sein Werk hineingewirkt.

Der gehört ja auch zu jenen, um die ich lebenslang lieber einen Riesenbogen machte, taucht Jünger doch an so zentraler Stelle von "Sontheimers "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" auf, und eher in meinem Hinterhirn stapeln sich dann Begriffe wie "Der Arbeiter" oder "Stahlgewitter", bei denen mir ganz schummerig wird.

So ähnlich geht's mir ja auch, wenn ich Neo Rauch Ausstellungskatologe durchgucke. Nachdem er jahrelang großformatige Zeichnungen colorierte, hat er auch irgendwann angefangen zu malen, und das ist schon enorm suggestiv, diese seltsame Mythologie ohne Namen, die er da malt. Dem kann man sich nicht wirklich entziehen, ob man das nun mag oder gut heißt oder auch nicht. Eigenwillige Märchen-Illustrationen von erschreckender Emotionslosigkeit im Bilde selbst; das Unbehagen, das sie hervorrufen, ist allerdings intensiv, so als Gefühl,.ebenso wie dieses "Farbklima", das alle beschwören, Unwohlsein hervorbringt, läßt man sich von ihm bestimmen.

Im Interview, dem Austellungskatalog vorangestellt, grinst er sich einen, weil er da sagt, daß seine Ästhetik mit dem Sozialistischen Realismus gar nix gemein habe, vielmehr mit der amerikanischen Pop-Art und US-Comics aus den 60ern, aber, keine Lüge, das war für mich immer schon das eigentlich gruslige, wenn Pop-Elemente dann aussehen wie sozialistischer Realismus und man das Gefühl nicht los wird, daß er die mag, diese Welt, die er erzeugt. Ich vermute, Herrn Rauch fehlten einfach die Merve-Büchlein in prägenden Phasen, aber da kann er ja nix für ...

Und bei Tocotronics "Pure Vernunft darf niemand siegen" hört man ja auch Tanja Bergs "Komm wieder, wenn Du frei bist" durch, ganz egal, ob die das kannten oder nicht ... so, und jetzt höre ich lieber mein neues Babra Streisand Live-Album.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
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