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Mission Statement und die Identität von Organisationen

Das "Mission Statement".

Dazu gab's "bei uns in der Firma" sogar mal eine Findungsarbeitsgruppe. Im Gegensatz zu CDU-Grundsatzprogrammfindungskommissionen, wie derzeit sie tagen, ist das auch so eine Art "Verdichtung von Zeichen", wenn auch in einem ganz anderen Sinne, als dies bei afrikanischer Kunst der Fall ist.

Die "Unternehmensphilosophie" in einem Satz, sozusgen. Marketing nach innen, so ähnlich wie ein Fahneneid, der dann bei entsprechender Größe auch in machtvollen Portalen prangt, ganz so, wie in der Humboldt-Uni das Marxsche Diktum (in Gold) hängt, es ginge nicht darum, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Bei Sartres Früh-Philosophie wäre das Mission Statement "Das Für-Sich-Seiende ist nicht, was es ist, und ist, was es nicht ist", allerdings eine Attacke auf alle Identitätsmodelle, auf Personen bezogen.

Sowat wie das "Mission Statement" ist dann gewissermaßen das gottgleiche Einhauchen einer Seele in sein Unternehmen durch den Unternehmer. Wie Schöpfergötter beackern diese Führer ja die Böden des Universums und schaffen Gutes, während sie ihre Visionen über die Menscheit bringen, und Tocotronic haben da sogar ein Lied draus gemacht.

""Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren". Nach einem Album bei der Universal-Tochterfirma MOTOR MUSIC waren wir so weit, diesen weisen Worten Worten Gilles Deleuzes' (Postskriptum über die Kontrollgesellschaft, in Gilles Deleuze, Unterhandlungen, 1972-1990, Suhrkamp 1993) Glauben zu schenken und sie flugs in einem Protestsong zu verbraten."

Aus dem Booklet zum Best of-Album. Und jetzt kehren sie zur Universal zurück. Hoffentlich ist's nicht neu beseelt, das neue Album, das da kommt ...

Kommentare

Ein gutes Mischen Stäitment muss aber schwammig genug sein, um jeden Mist der Unternehmensleitung noch in sich aufzunehmen...

Ich halte sowas für schlicht für Unfug und einen Ausdruck von Hilflosigkeit. Klar haben gut geführte Unternehmen so eine Art Kitt, der sie im Innersten zusammenhält, meist in der Form ungeschriebener Gesetze, die durch Versuch und Irrtum sowie die Organisation geformt und bestätigt werden. Beim eignergeführten Unternehmen ist der Kitt meist der Patriarch selbst - man tickt wie der oder man geht. Auch bei börsennotierten Unternehmen hängt viel vom Vorturner ab, aber dazu gesellen sich durch Größe und Geschichte bedingt eben noch diese informellen Gesetze.

Jetzt haben hilflose Manager oder findige Berater auch schon davon gehört, versuchen aber quasi von oben diese Gesetze neu und verbindlich zu formulieren. Es wird dann oft oberpeinlich, wenn dieser schriftlich fixierte Kodex krass vom Verhalten des Vorturners selbst und von den ungeschriebenen Gesetzen abweicht.

Meiner Meinung nach lässt man sowas lieber bleiben und konzentriert sich besser aufs organisatorische Gestalten, die Auswahl der richtigen Leute und das Vormachen.

Sehe ich ja auch so ... das ist hinsichtlich der ganzen Identitätsthemen, die so durch diverse Diskussionen schwirren, aber gar nicht so unwichtig.

Bei Stiftungen heißt das dann ja "Leitbild", Lammert redet nicht umsonst von "Leitkultur" und traditionell war ja z.B. Firmenzugehörigkeit identitätsstiftend - die "Volkswagenfamilie", z.B.

Drüben beim Che hatten wir neulich eine recht umfassende Diskussion dazu, was denn dieses "sich identifzieren mit" bedeutet, und das "Mission Statement" ist ja ein ziemlich schwachsinniger Versuch, solche Strukturen zu etablieren.

Allgemeiner gesprochen hängt da aber schon eine größere Frage dran - was für eine Art von Sätzen isses denn, die sowas wie "identifzieren mit" ermöglicht, und in welchen gesellschaftlichen Bereichen finden die statt? Ihr habt ja eure liberalen "Meme" (kurz mal bei den Adbiusters was geklaut), traditionell galt "Klassenbewußtsein" als identitätssiftend, andere erinnern sich als "westlich", und welche Rolle spielt dann in all dem noch der ökonomische Alltag?

Wie üblich schreibe ich wirr, hatte nur das Gefühl, daß das wichtig sein könnte ...

Kurz noch zum Schöpfergott-Individuum: Das ist so ein Motiv, das in kunstkritischen Texten oft auftaucht - daß Künstler als säkulariserter Ersatz für das Schöpferische als solches wahrgenommen würden, nach Deinem Eintrag neulich zu Kunst und Unternehmertum fragte ich mich, ob Du da nicht ähnlich rangehst ...

Da stimme ich Rayson zu - man könnte die Vermutung äußern, dass so ein Mission Statement der vergebliche Versuch einer Erzwingung von Identifikation ist, ausgeführt durch jene, deren Empathie und Führungsfähigkeiten nicht ausreichen, um diese Identifikation durch ihr Handeln hervorzurufen.

Zur Identität gab's ja kürzlich was von Sen, als Anti-Huntington geschrieben: "Die Identitätsfalle", wo er, ohne mich in seiner Spitze gegen die Gegner islamistischer Bedrohung restlos zu überzeugen, zu Recht darauf hinweist, dass niemand auf eine einzige Identität festzulegen ist, es aber immer wieder Versuche von Ideologen gibt, genau dies zu tun.

Und was das Verhältnis von Kunst und Unternehmern angeht: Ja natürlich, entweder sieht man, so man Fortschritt beschreiben will, ein "Intelligent Design" am Werk oder eine Evolution. Meine Meinung ist nunmal, dass die Dinge sich am besten evolutorisch entwickeln und nicht über bewusstes Gestalten, auf das man sich wie auch immer geeinigt hat. Die Rolle der Mutation, die ja auch erst mal eine Abweichung von der Norm, eine Störung, ist, aber die einzige Chance auf Neuerung, übernehmen dann eben solche Querulanten wie es Unternehmer und Künstler oft sind. Leute, die etwas machen, von dem alle anderen zunächst sagen: "Das haben wir ja noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen, und überhaupt: Wo kämen wir denn da hin?"

So wie der Banause vor dem Kunstwerk steht und behauptet, das könne sein Dreijähriger auch, so gibt es beim Unternehmer auch zig Leute, die nicht müde werden zu betonen, er selbst habe ja nichts geleistet, sondern sein Erfolg sei vor allem seinen Vertragspartnern zu verdanken.

@Karsten:

Formal ist das wohl richtig, das gehört halt nur in diesen ganzen blödsinnigen Motivations-Kladderadatsch, der in Arbeitsfeldern wie dem meinem echt wirksam ist .... frei nach dem Motto: Cooles Mission Statement, dafür weniger Gehalt. Und da fallen tatsächlich Leute drauf rein ...

@Rayson:

Dieses Sen-Buch muß ich mir auch unbedingt besorgen, bin ja eigentlich strikter Gegner von all dem Identitätsdenken, aber so ganz ignorieren kann man das ja trotzdem nicht.

Und das mit dem Evolutionären, jetzt mal nicht-biologisch verstanden: da bin ich ja immer am Schwanken, ob da nicht der Hegelianismus durch die Hintertür eingeschmuggelt wird - der absolute Geist ist dann eben die Evolution.

Ist zudem die Makro-Perspektive - kann ja schlecht, wenn ich ein Projekt anschiebe, drauf warten, was die Evolution so mit ihm vorhat ...

Unternehmer, die den Teamwork-Gedanken ersnt nehmen, sind mir aber ja eh am liebsten.

Mission Statement: Als ich eben diesen Begriff las, da dachte ich im ersten Moment nicht an einen auf eine "Kernsatz" verdichtete "Unternehmensphilosophie", sondern an ein Motto, unter dem eine bestimmte "Mission" (im Sinne eines zeitlich begrenzten Unternehmens mit definiertem Ziel) gestellt wird.
Genauer gesagt: das Wort "Mission Statment" brachte mir in freier Assoziation folgende Worte ins Gedächtnis: "Her five year mission: to find strange new worlds, to seek out new life and new civilisations, to boldly go where no man has gone before." DAS ist es, was ich spontan unter einem "Mission Statement" verstehe! (Wobei das Wort "enterprise" sich für einige englischsprachige Wortspiele auf Kosten von Unternehmen anböte, die sich (kollektive?) "Visionen", "Leitbilder" und ähnliches zulegen. Das führt aber zu Weit.) Immerhin: es kann meiner Ansicht nach sinnvoll sein, ein Projekt unter ein griffiges Motto zu stellen; bei einem Unternehmen kommt dabei im besten Falle eine Art Wappenspruch heraus, im Schlechtesten ein Art Glaubensbekenntnis, eine in wenigen Worten zusammengefasste Ideologie. Das Unternehmen als eine Art Kirche.
Deshalb musste ich beim Tocotronic-Song an eine andere Bedeutung des Wortes "Mission" denken, bzw. das davon abgleitete Wort "Missionierung". Bei manchen Unternehmensberatern werde ich ohnehin den Verdacht nicht los, dass sie auch als Missionare für irgendeine fundamentalistische Sekte arbeiten könnten (während ich mir PR-Spezialisten mühelos als TV-Evangelisten vorstellen könnte).

Ich finde ja zunehmend weniger, daß man griffige Sprüche braucht, sondern eher vieldeutige Symbole.

Fast jedes Mal, wenn ich Titel für die von mir zu verantwortenden Produkte suche, scheiter ich, wenn ich versuche, da wirklich die Inhalte zusammenzufassen.

Selbst gut funktionierende Claims - "Es kann nur einen geben!" - gehen ja indirekt auf die Sache zu, und "Pril" ist eben immer noch besser "Das blaue Spülmittel".

Bei einem Mission Statement funktioniert das aber irgendwie anders als beim Branding, und genau da zeigt sich wohl auch der Zusammenhang zum Missionieren: Die sind implizit am Imperativ, nicht an literarischen Stilmitteln orientiert.

Womit ich jetzt Markengetue und - Macht nicht schönreden will, aber das ist auch interessant, wenn man diese Differenz, Imperativ versus symbolisch in diesem Sinne oder auch narrativ, auf Deinen Artikel zum zerstückelten Riesen bezieht ... und daß beide Formen eben nicht konstatierend sind, also nicht die propositionale Struktur "Es ist der Fall, daß p" haben, was dann wieder ganz spannend für das Identitätsthema ist ...

@MR

"der absolute Geist ist dann eben die Evolution."

Na ja, irgendwie müssen sich die Dinge ja entwickeln, wenn sie sich entwickeln. Der Unterschied ist nur: Zur kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Evolution kann jeder beitragen, die fällt nicht vom Himmel. Und je freier die Gesellschaft, um so mehr entwickelt sich.

"kann ja schlecht, wenn ich ein Projekt anschiebe, drauf warten, was die Evolution so mit ihm vorhat ..."

Eben. Deswegen besteht diese Welt aus Versuch und Irrtum. Vielleicht trägt also dein Input zur Entwicklung bei - jedenfalls mehr, als wenn du ihn nicht gewagt hättest. Das ist ja Unternehmertum: Die Chance zu scheitern ist viel, viel größer als die, Erfolg zu haben. Was weiß ich, wieviele gescheiterte Mutationen denen gegenüberstehen, die wir heute als biologische Evolution erleben. Ich schätze, ganz so krass ist das sozio-kulturell nicht, weil unsereins ja lernt, aber wenn die Sache Erfolg haben soll, muss sie krass bleiben.

Wir brauchen die ständigen Ausbrüche aus dem Gewohnten, und auch deswegen bin ich Liberaler.

Es ist schon traurig, dass "mission statements" so einen schlechten Ruf haben, sind sie doch sinnvoll, um auszudrücken wohin die Reise gehen soll.

Eines der besten MS, die ich jemals "gelesen" habe ist das der IBM Consulting gewesen: "Vorne ist da, wo sich niemand auskennt", hiess es da.
Sinnigerweise meint so ein Statement dann nämlich auch Richtung und Format für eine Unternehmenskultur. Für das Beipiel IBM dann eben die Möglichkeit auszuprobieren, Fehler zuzulassen. Ob das dann auch so war, weiss ich leider nicht - wäre aber mal interessant dies zu recherchieren.

Für das uns gemeinsam bekannte Unternehmen könnte das MS heissen: "Auf ewig jung" oder "mit Haut und Haaren" - daraus lässt sich dann einiges an Kultur ableiten - und verstehen worauf man sich da einlässt ;))

"Sinnigerweise meint so ein Statement dann nämlich auch Richtung und Format für eine Unternehmenskultur. Für das Beipiel IBM dann eben die Möglichkeit auszuprobieren, Fehler zuzulassen. Ob das dann auch so war, weiss ich leider nicht - wäre aber mal interessant dies zu recherchieren."

Aber eben das ist doch der Lackmus-Test. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Geist im Unternehmen ist so - dann brauche ich kein Mischen Stäitment. Oder er ist nicht so - dann ist das Mischen Stäitment kontraproduktiv.

@Rayson:

Das mit der Evolution ist so einfach aber nicht ... man muß dann zuminest viele, kleine Evolutiönchen zu denken bereit sein und auf die ganz große Erzählung schon verzichten, wenn man nicht Hegel folgen will. Ansonsten ist eben der Verzicht auf teleologische Denke eigentlich die Haupt-Differenz, und da bin ich mir nicht so sicher, ob eure Variante es Liberalismus wirklich so funktioniert ....

Und diese biologischen Sprachwelten - nee, da komme ich dann immer gar nicht mehr mit. Kann aber im konkreten Fall geschmäcklerisch sein.

@Erik:

Das ist dann aber eher sowas wie die "Affirmation" in den Tarot-Büchern, so'n psychologischer Leitspruch. Dann kannste auch "Cape Diem" als Mission-Statement verkaufen ....

hi Erik,
versuche den "mission statement generator" bei dilbert.com/games, z.b.:
"Our mission is to continue to synergistically coordinate principle-centered services because that is what the customer expects"
so sei es

Ich habe ja geahnt, dass mein Hang mich immer als adv. diab. aufzuspielen, Reaktionen hervorruft, die ich immer mitunterschreiben kann ;)

@rayson: das kann durchaus Sinn machen. Nämlich wenn man neue Mitarbeiter an die bestehende Kultur heranführen will.

@Momo: das ist ja eben die Kunst, so allgemein zu bleiben, dass es passt und so speziell, dass eben kein Club der Toten Dichter dabei herauskommt. Wobei Film- und Musikzitate da schon etwas ausdrücken können.

Wie z. B. "Wohin führt diese Treppe? Nach oben!"

Mir kommt das trotzdem wie Kalendersprüche vor ... dann kannste ja auch "Gib Acht!" als Mission-Statement von Wachdiensten verkaufen ...

@MR

"man muß dann zuminest viele, kleine Evolutiönchen zu denken bereit sein"

Ja, natürlich, wie funktioniert denn Evolution auch anders als ungeplant, vielfältig, graduell und ohne klare Richtung? Aber auch "viele, kleine Evolutiönchen" sind zusammen eben wieder "die Evolution", ohne dass am Horizont auch nur irgendein Härchen eines Hegel auftauchen würde.

@Erik

"Neue" haben dann aber immer auch noch das Intepretationsproblem, das sich wieder nur auf die informelle Art und Weise lösen lässt.

Beispiel: "Fehler zulassen" ist schön und gut, aber was heißt das konkret? Jeden Fehler zulassen? Immer ohne jegliche Konsequenzen für den Fehlenden? Ganz sicher nicht. Also, wo fängt es an und wo endet es?

Und umgekehrt: Werden woanders etwa keine Fehler zugelassen? Offiziell "Null Fehler", Six Sigma und was weiß ich. Und doch wird jeden Tag wieder aufs Neue heftigst geirrt.

Ein Mischen Stäitment sagt eigentlich nur etwas über den aus, der es verfasst ("Ich bin ein Depp, der sich von Beratern alles Mögliche andrehen lässt" oder "Ich will, dass ihr alle so und so seid!"). Als Instrument der internen Kommunikation hat es dann doch einen Sinn.

Hmm, ich frage mich, ob wir da die Kraft eines MS überschätzen, oder auch seine Aufgabe.

Einerlei.

Übrigens denke ich bei MS immer an die Rede von diesem englischen König da im Wald in Frankreich, und seine Rede vor der Schlacht. Irgendwas mit "... soll fortan mein Bruder heissen" ist da noch in meinem Kopf.

Sinnstiften hängt ja eben wesentlich von demjenigen ab, der die Losung ausgibt.

Ich gebe mir meine Losungen lieber selbst ;-) ...

Mission Statements sind doch eher sowas wie verkaufsstrategien nach innen. Und wie es so mit Werbung ist, traut ihr der Kunde nie ganz. Die Kritische Theorie sprach damals von den "gewitzigten Konsumenten".
Und dann sollte man zumindestens das Postscriptum von Deleuze nicht in die Identitätsecke schieben. Es geht da doch um diese ganzen kleinen Kontrollpraktiken, deren Wirksamkeit gar nicht davon abhängt, ob man daran glaubt oder nicht, sondern davon, dass sie ausgeübt werden. Diese ganzen Verfahren des TQM oder des 360°-Feedbacks in den Unternehmen, die Institutionalisierung von Supervisison oder NLP in der Sozialen Arbeit usw. Das ist mit der Seele des Unternehmens gemeint und nicht damit, dass die Leute an die Losung glauben, die sie verkaufen.

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