" /> Metalust & Subdiskurse: September 2007 Archive

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29.09.07

Imperative, systemisch und bildungsbürgerlich und Raum schaffen für das Empfinden der Bedürftigkeit in der Kunst


“Klaus Hoffmann: Wenn ich sing’

Und du hast Pferde gekauft oben im Norden Bamiyans

Hast die Mädchen aus Frankfurt geseh’n,

die ihre Wünsche in die staubige Straße spuckten

Die wollten weiter zu den Gurus nach Goa

Und du warst viele Joints unterwegs von Pantcho nach Tschadscha

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und du hast in dir gesessen viele Nächte im klaren Frost

Den Ochsen in dir gesucht bis er oft greifbar nah war

Warst auf den Märkten von Istanbul und in den Kneipen von Ivano

Mal vegetarisch, mal steakversessen

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und hattes Träume von Castaneda und Bloch

Hast dich in den Nächten wie’s trunkene Schiff durch Sehnsüchte gewälzt

Mit fremden Körpern die Scham bekämpft, die suchten in dir, was du suchtest

Und du hattest am nächsten Morgen den faden Geschmack von Kastanien

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und stand’s so oft an der Wand mit dem hochmütigen Blick des Richters

Du wärst so gern beteiligt gewesen an der Spontaneität der ander’n

Hattest immer ein ABER bereit

Sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken

Erlebtest ein paar Momente des Glücks

Und warst Minuten lang DU …

Wenn ich sing’, ist ein Mantra in mir

Wenn ich sing’, dann sing’ ich mit dir

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, ist die Angst nicht mehr da

Wenn ich sing’, wird ein Augenblick wahr

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt alles heraus,

was kaputt, verboten, zerschlagen, im Aus

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt mein Kopf, mein Schwanz und mein Herz

Wenn ich sing’, singt die Hoffnung, der Krampf, mein Schmerz

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, fliegt ein Stück Unterdrückung heraus

Wenn ich sing’, werden Stimme und Worte zur Faust

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, sing’ ich mit Papa Vignon,

mit Bibi und Robert und mit Rimbaud

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, weiß ich noch immer nicht warum

ich sing’, ich weiß nicht, vielleicht

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, singst DU!”

Quelle

Wie kommt man “sich nah”, und indem man “sich nah” kommt, wird man handelnd die Stimme des Du?

In Zeiten totalisierter Tauschbeziehungen, flächendeckender Agitation gegen Emphathie und programmatischer Instrumentalierung seiner selbst als einziger, noch verbliebener Pflicht gegen sich selbst neben dem flankierenden “Habe Spaß!”, das in “Konsumiere!” mündet, steht sowas wie das oben dann wohl unter Kitsch-Verdacht.

Und trifft’s doch, was zumindest in mir, der ich weder durch den Orient reiste noch kiffe noch Castaneda und Bloch träume, auch vorgeht, wenn ich sie kurz mal los bin: Die ganztägigen Imperativfolgen, fugengleich, die kannibalistisch an einem saugen und zerren und in handelnder Auflösung in Regelwerken jedes Gefühl für’s eigene Wollen, Wahrnehmen und Fühlen durchdringen, neu organisieren und letztlich nix als ‘nen Zombie zurücklassen. Als untotes Echo der Interessen der Imperative selbst hängt man dann in den Seilen und will wenigsten singen wie der Klaus Hoffmann da oben, weil man beim Anderen eh schon lange nicht mehr angekommen ist …

Ein Luxusproblem, verglichen mit Birma und anderswo, klar, aber da wirkt doch die gleiche Geschichte hinter der Geschichte, bringt sie hervor als historisch-transzendental. Neulich fragte hier ein Adornit, was an Habermas denn kritisch sei; ich glaube, das was ich oben geschrieben habe, ist dessen Antwort auf Adorno. Eben die Kolonisierung der Lebenswelt als Versuch des Fortschreibens der Verdinglichungskritik. Wenn also ökonomische Systemimperative wie “Wir müssen viel verkaufen!”, “Maximiere Gewinne!”, “Erfolg hat man nur, wen x” fast schon das Körperinnere durchziehen, als seien es Blutbahnen. Und ergänzend dann die bürokratischen Regeln - “Füllle Reisenaträge aus, die brauchen wir für’s Finanzamt und für die Versicherung!”, “Rauche nicht in Kneipen!”, “Weise nach, daß Dein Hund versteuert wird!” ganztägig Handlungen produzieren und eigentlich nix mehr bleibt, als zum Trost dann ‘ne CD kaufen zu gehen.

Da auch in Birma die Regeln der Macht die Toten produzieren, nix anderes ist das ja. Und da liegt übrigens auch die Verknüpfung von Foucault und Habermas und irgendwie wohl auch Luhmann, und in der Hinsicht ist diese Kritik wohl anknüpfungsfähig - und spannend ist, daß Klaus Hoffmann dem die ganzkörperliche, ästhetische Praxis entgegenstellt. Ja, naiv, lächerlich, zurückschießen, einmarschieren, niedermetzeln, alles effektiver, aber manchmal rede auch ich von Utopie …

Da nämlich hat Habermas, im Zusammenhäng von Ästhetik und Utopie als zu umspielende Versöhnung, dann so gar nix mehr zu bieten gehabt, und laut Adorno Klaus Hofmann auch nicht, meiner Ansicht nach ja schon - wie der die zweckfreie Suche im Gesang selbst dann beim Du enden läßt und nicht an fremden Orten, das ist zwar nicht die Kontemplation, aber wenn man ihn hört, dann eben doch.

Das hat auch Foucault mit seiner “Ästhetik der Existenz” beileibe nicht zu durchdringen vermocht Dank seiner Akzentuierung auf Stilistik und Diätik statt auf Sinnlichkeit und Wahrnehmung, aber das ist das normative Fundament der Kritik an den Systemimperativen, daß dieses möglich sein SOLLE, und das nicht nur des abends beim Volkshochschulen Tai-Chi, das erneut nur fit macht für die Interessen Anderer auf dem Arbeitsmarkt.

Aber wieso ist dann eigentlich nicht sowas die Antwort, rein musikalisch, nicht das Event, nein, das “Feeling”, wenn man’s denn ernst nehmen würde, statt “Nur Samstags nachts!” es zu fühlen? Hab bei Adorno neulich sinngemäß gelesen, daß Kunstwerke, die keine Sehnsucht in sich trügen, keine seien; und daß nur da, wo wirkliche Bedürftigkeit in ihnen sich zeige, die des Kindes, das schreit, weil gerade weder Nähe noch Nahrung da sind, des Obdachlosen, der sich in den Eingang zwängt, um dort zu übernachten, sie keine Entkunstung seien.

Diese buchtstäblichen Schilderungen, die ich hier vornehme, wären ihm so nicht als Vorbild der Kunst dienlich, und genau da frage ich mich, wieso denn eigentlich? Mag mein verkitschter Geschmack sein, sowas in der Disco-Hymne noch rauszuhören; glaube jedoch nicht, daß darauf es sich reduzieren ließe, Frau Summer singt da ja auch “Meine Seele brennt!”, nur anders. Denke ich, so ganz naiv. Solange man sich die bewahrt, hat man gegen die Controller nämlich noch nicht verloren …

Als nach Horror-Meetings gestern ich meine Mini-Disc zu Reisezwecken mixte, ganz wie die Cassetten früher, Realtime, weil’s ein Weg ist, ein kleines Stück von sich wiederzugewinnen, diese verbrachte Zeit mit dem Musik-Mix, da kam Frau Sommer dann als Antwort auf den Hoffmann direkt dahinter. Weil ich, seitdem ich Musik höre, das Gefühl nicht los werde, daß es gar nicht nur Webern, Schönberg, Free-Jazz und Sonic Youth - nix gegen irgendwen und irgendwas davon! - sind, die uns die Antwort geben auf die Kolonisierung der Lebenswelt, sondern daß diese manchmal viel, viel näher liegt und man sich nur vor der Angst befreien muß, die Bildunsgdünkel einimpft, nachhaltig und eben auch in Form des Imperativs.

26.09.07

Mein Pakt mit dem Bestehenden - über mein affirmatives Verhältnis zum FC St. Pauli und die Regression der Spielweise unserer Mannschaft

Ja, ich liebe sie trotzdem!

Eigentlich noch viel mehr.

Gibt ja diese wundervolle Textzeile "Nach Auswärtsniederlagen fall ich immer in ein tiefes Loch, wach am nächsten morgen auf und denk: Ich lieb sie doch!" Gut, gestern passierte das dann Zuhause.

Wie wir sie trotz Deklassierung durch einen schier unglaublich und in jeder Hinsicht überlegenen Gegner noch zur Ehrenrunde sangen und sie wie die begossenen Pudel da über den Platz trabten ... seufz ... hinreißend ... charming ... als Felgen-Ralle alias Ralph Gunesch heute mittag im O-Feuer auflief, guckte der immer noch so ... ach, wer will schon ungebrochene Helden sehen, Gladbacher vielleicht, ich finde unsere Truppe einfach viel toller als diese Maschine von Mannschaft da gestern, die uns überrollte.

Kurzfristig hatte ich ja das Gefühl, daß sie so spielen würden, die "Fohlen", wie die politische Philosophie mancher ihrer Anhänger: Eben reintreten in die, die eh schon am Boden liegen und sich auf Kosten (im Falle der politischen Philosophie füge man ein "sozial" oder "ökonomisch" ein) Schwächerer amüsieren, aber gegen Ende waren sie doch gnädig und ersparten uns das durchaus mögliche 0:8.

Also, wenn Gladbach nicht aufsteigt, dann würde mich das doch arg wundern. Die Fans, die mir über den Weg lifen, sahen zwar alle aus wie De Höhner (ätsch!), wieso da am Rhein diese Mode mit den gedrechselten Schnurrbärten herrscht, werde ich ja auch nie verstehen. Hoffentlich habe ich's aber richtig verstanden, daß dieses Spiel gestern ein Dämpfer zu richtigen Zeitpunkt war und wir bitte auch nicht den Rest der Saison damit verbringen werden, immer ganz toll zu spielen und dann doch zu verlieren. Lieber umgekehrt. Na, okay, toll spielen und dann gewinnen, damit könnte schon auch leben ...

Das Schöne ist ja, das man als St. Pauli-Fan sich notfalls immer auf die Position des moralisch Überlegenen begeben kann, wenn's mal wieder weh tut, was auf dem Platz passiert, und natürlich tat das gestern enorm weh, weil ja selbst die BILD-Zeitung schreibt "Kult verliert gegen Kapital". Und wenn ich auch die Kult-Phrase so gar nicht mag, so stimmt die andere Hälfte natürlich (6 gegen 38 Millionen oder so).

Und wenn dann noch dieses unerträgliche Pokerspiel in der Halbzeitpause niedergepfiffen wird, vor dem Spiel ds Transparent vom "Terror gegen die Fans!" wegen dieser unverschämten Anpfiff-Zeit 17.30 h gehisst wird und später eines folgt mit der ewigen Wahrheit "Wer das Geld hat die Macht, und wer die Macht hat, erhält Rechte" oder so ähnlich, dann fühle ich mich eben zu Hause. Und paktiere auch nach Niederlagen voller Wonne mit dem Bestehen des FC St. Pauli.

24.09.07

Flüchtlingsgeschichte

Das hat mir kurz 'nen Schlag in die Magengrube versetzt. Primär wegen der Aktualität.

Aber nicht nur.Weil der Zusammenhang "Flüchtling" und "Syke" eben auch meine eigene Familiengeschichte betrifft. Was dann einen seltsamen Ebenenmix erzeugt, wo man sich fragt, ob die Benjaminsche Dialektik, die Vergangenheit in die Gegenwart als Jetzt hineinragen sieht, da zutrifft.

Nein, tut sie nicht. Oder doch? Alleine schon Benjamin, der Walter: Über den und in dessen Texten habe ich heute die ganze Zeit gelesen. Das ergänzte Ches Posting dann. Beim Mittag z.B., bei der gegrillten Forelle. Lecker war die, und dann las ich diese Briefe, die zwischen ihm und Horkheimer und Adorno in den 30er Jahren hin- und hergingen, als er am Tropf des Instituts für Sozialforschung hing, da im Pariser Exil, wo er von der Kohle weder richtig leben noch sterben konnte. Ich weiß nicht, was Mythos ist, was Wahrheit, aber dieses Gefühl, daß sie ihn schlicht im Stich ließen, das läßt mich nicht mehr los, lese ich diese Briefe; ein arg beklommenes Gefühl befällt mich dann. Hannah Arendt hat ihn auch unterstützt, und dessen Tod wird so beschrieben in der Wikipedia:

"Nach der Rückkehr aus der Haft im November 1939 schreibt Benjamin seinen letzten Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Benjamin flüchtet nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reist, bevor er im September 1940 den vergeblichen Versuch unternimmt, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Im Grenzort Portbou, wo er die Auslieferung an die Deutschen unmittelbar bevorstehen sieht, nimmt er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 durch Morphium das Leben. Die einzige Quelle für seinen Suizid ist der Abschiedsbrief[1] an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland diktierte."

.... an den Tod von Walter Benjamin mußte ich immer denken, als der Asylrechtsparagraph zerstückelt wurde. Noch in den frühen 80ern, zu meiner Schulzeit, war so sonnenklar, daß es ihn gab wegen der Benjamins, die oft als Staatenlose zwischen allen Stühlen zerrieben wurden; erschütternd ja auch der Umgang der Schweiz mit Else Lasker-Schüler und anderen.

Auch dieser Konsens war gebrochen, eingerannt, als sie den Paragraphen änderten, und seitdem unterscheidet die Nation zwischen "Wirtschaftsflüchtling" und "Vertriebenen", ein Hohn - um dem Leid ersterer dann hinterher zu jammern und endlich das Tabu zu brechen, mit ihnen zu leiden; lachhaft, so als jemand, der in seine Kindheit und Jugend immer wieder in Schlesiertreffen geriet, ist die Erfindung dieses Tabus schlicht hanebüchen. Würde mit selber Emphatie der Wirtshaftsflüchtling umarmt, das hätte was, doch wieder sieht man, auf welcher politischen Seite das Tabu wirklich steht und regiert.

Kann ich so locker daherschreiben, Ausgangspunkt war schließlich Syke. Und die Erzählungen wie es war, als meine 7-jährige Mutter im Verschlag auf dem Finanzamtsboden hauste, die haben meine Kindheit doch nachhaltig geprägt. Und ebenso die Erzählungen von der Flucht. Als meine Oma mit zwei Töchtern und ein paar Koffern in der Ferne die Stalinorgel hörte und sie sich auf dem Zug an eine Plattform klammerten, die kein Geländer, in der Mitte jedoch einen Bombeneinschlag hatte. Den Hamburger Feuersturm im Kinderheim im Elbvorort überlebt, und dann Familienwiedervereinigung in Syke. Weil der Opa in einem Auffanglager für Soldaten dort um die Ecke untergebracht war, und irgendwie ergatterten sie den Verschlag auf dem Finanzamtsboden. Und mein Opa ging "hamstern" auf den Höfen. Schnorrer halt.

Mein Bild deutscher Geschichte ist so nachhaltig von Syke geprägt; von den Berichten meiner Großeltern mütterlicherseits, die zum Glück keine Nazis waren, 1933 ihre erste Tochter "Wilfriede" nannten, und das nicht nur, weil das die Zusammensetzung zweier Vornamen war, sondern eben auch, weil sie wußten, was das kommen würde: Der Name war politische Forderung zugleich - Waschlappen halt. Denn einige ihrer Verwandten hatte es dahingerafft im Kriege unter Wilhelm Zwo, mein Uropa hat sich irgendwo im späteren Jugsolawien das Leben genommen.

Und ich kriege das nicht zusammengedacht, die Berichte, die Che über heutige Flüchtlinge postet mit dem, was meine Großeltern berichteteten. Wie kann man bei solch einer Historie so agieren???

Einprägsam zum Beispiel die Geschichte, wie mein Opa, der sich irgendwie von Riga wieder nach Deutschland durchschlug, auf einem polnischen Hof sich versteckte und als Pole ausgab. Irgendwie schnallten sie das, die russischen Soldaten, die ihn dort fanden, daß er das nicht war, und fuhren ihn zur Erschießung auf einen Acker. Ich weiß nicht mehr, wie, er kam davon. Daran muß ich immer denken, wenn jetzt Menschen die Androhung von Folter fordern. Und als Wehrmachtssoldat gehörte mein Opa nun auch zu keiner netten Clique ...

Die Geschichten erzählte er, wenn wir durch den Syker Wald spazieren gingen. Meine Oma flankierte sie mit Berichten über die Aufführung von Wolfgang Borchardts "Draußen vor der Tür" unmittelbar nach dem Krieg da in Syke, als der Satz "Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren" einen Skandal auslöste.

Vielleicht hätte man damals lieber bundesweit "Draußen vor der Tür" aufführen sollen, '93, als der Asylrechtspraragraph geändert wurde, parteiübergreifend und konsensuell. Das war eine Zeitenwende. Da vergaß man jene Geschichten, die meine Großeltern mir erzählten. Die noch sehr harmlosen also, jene Zeit betreffend. Und deutete sie um. Und ersetzte dann irgendwann den Paragraphen durch Zentren für Vertreibung, während man weiter von "Wirtschaftsflüchtlingen" schwadronierte und Menschen an Fluzeugsessel fesselte, bis sie krepierten. Morphium hätten die noch nicht mal bekommen.

Wer weiß, ob jene Frau da in Syke, von der Che berichtet, sich fühlte wie der "Held" in Borchardts "Draußen vor der Tür", als ihn noch nicht mal die Elbe nahm, in der er doch ertrinken wollte. Aber das ist ja auch nur so eine Gutmenschengeschichte, und Kohl hat nicht umsonst Ernst Jünger verehrt.

15.09.07

Vierter! Na, für zwei Nächte ... aber immerhin!

unterwasser.jpg

Quelle: DD/MM/YYYY

""Ich verstehe nicht, wie sich die Leute so verführen lassen" sagt Monika Baer beim Interview auf ihrem Balkon hoch über dem Prenzlauer Berg in Berlin und lacht ein bißchen."

Elke Buhr, Verführung wider Willen, in art Nr. 7/2007, S. 65

Tja, das kommt davon, wenn man auf dem Prenzlauer Berg wohnt und nicht auf St. Pauli oder eben unweit dessen. Ich verstehe das nämlich schon, angesichts des gestrigen Spiels unserer Mannnschaft. Ich finde unsere Jungs einfach super. Tolles TEAM.

Natürlich ist's kein Zauberfußball, so als Aufsteiger; das klar bessere Team hatten wir dennoch und eben phasenweise wieder diese Energie, diesen Willen und diesen seltsamen Zauber, der auch in Pokal-Spielen das Millerntor zum magischen Ort macht.

Ganz so schlimm wie oben auf dem Foto war's nicht, aber doch sehr, sehr naß - sitze ja zum Glück überdacht und konnte das so auch genießen, dieses ereignishafte Wettergeschehen.

Das sieht nämlich fast schon erhaben aus, wenn das Flutlicht im starken Regen breite, wabernde Lichtvorhänge bildet, die dem Wind folgen - und der hohe, dunkle, Hamburger Himmel bildet dazu einen vortrefflichen Hintergrund. Fast goldene Schlieren vor blaugrauer Tiefe, und dann laufen da noch lauter durchtrainierte Männer in komplett durchnässten Trikots über den Platz, um diesem so wundervollen, so einzigartigen, ja würde es gehen, würde ich ihn umarmen, Danke, Herr Tomte-Sänger, Mikrokosmos FC St. Pauli 'nen Super-Sieg zu schenken, Leute, dagegen ist Performance Art dann doch ein Witz.

""Meine Bilder sind Austragungsorte, Konfliktffelder, auf mehreren Ebenen", erklärt Monika Baer. Das Sujet selbst liefert eine Art von Spannung, weil es vielleicht zu eindeutig aussieht oder zu offensiv ist oder in Richtung Kitsch geht - wobei ich das immer ernst mein. Gleichzeitig sind die Bilder völlig inhomogen gedacht und gemacht. Da stoßen Zonen aufeinander, die nichts miteinander zutunn haben. Diese Grenzen und Brüche sind Räume, die für mich aufgehen.""
Ebd. S. 66

So ungefähr kann man auch die Spiele am Millerntor beschreiben. Paddy Borger stieß leider einmal ganz heftig an seine Grenze und erzeugte so einen Bruch im Spiel, der zum 1:1 führte, und die nächsten 10 Minuten mußte man dann heftig zittern. Auf einmal ging gar nix mehr. Aber die Jungs haben die Kurve gekriegt, auch und insbesondere Dank Alexander Ludwig, und deshalb dürfte das gestrige Spiel so wichtig gewesen sein, psychologisch. Daß eben nicht wie in Fürth der eine Patzer alles zunichte machte.

Zum Schluß, die letzten 5 Minuten, stand die Haupttribüne, und einmal mehr möchte ich dieser ganzen FC St. Pauli-Welt zurufen:

I have nothing, nothing, nothing, if I don't have you!

Ja, witzelt nur rum "der hat ja sonst nix ...". St. Pauli-Fantum ist Reichtum an sich.

14.09.07

Rock'n'Roll-Nigger: Gegenkultur und Exklusion

Gerade wieder irgendwo von "Parallelgesellschaften" gelesen.

Fordere, daß man dieses zum Dümmstwort des neuen Jahrhunderts kürt. Die entstünden durch "Einwanderung in die Sozialsysteme", und perfide wird damit verknüpft, daß so islamistischer Terror sich eben diesem verdanke, was ja dummes Zeug ist, der entsteht aus dem Mittelstand. Stattdessen wollen "wir "natürlich nur reiche und qualifizierte Afrikaner hier haben, und der Rest kann wohl ruhig abgluckern, der Bono und der Grönemeyer veranstalten derweil Konzerte für die, bei denen möglichst kein Afrikaner auftritt, damit der sich nicht gleich beim nächsten Sozialamt anstellt, um zu schmarotzen.

"Parallelgesellschaft" ist Unfug, im Grunde genommen ist eine "Einwanderung in Sozialsysteme" noch als einizge als "Integration" beschreibbar, weil Gesellschaft ja gar nix heißen kann als Institutionen des Rechts und des Staates.

Insofern kann vielleicht im Falle der privaten Krankenkasse tatsächlich sinnvoll von Parallelgesellschaft die Rede sein; habe gestern wieder fast auf den Küchentisch gekotzt, als eine Kollegin von ihrem frisch diagnostizierten Hirntumor berichtete und als einzige Möglichkeit, bei relevanten Spezialisten als "Kassenpatient" zu landen, eben ihre Ärztefamilie sah, weil diese jene ja persönlich kennen würde.

Wo habe ich neulich noch gehört, daß in Frankreich weniger Darmkrebspatienten sterben würden, weil dort die Struktur der Behandlungsmöglichkiten eine andere sei? Na gut, aber bevor dann irgendwelche darmgeschädigten Rentner den Staat dazu legitimieren, Zwang auf arme Besserverdiener auszuüben, ist ja alles in Ordnung ...

Erstaunlich, was so alles rausrutscht aus dem je eigenen, hoffentlich tumorfreien Hirn, wenn man eigentlich über Patti Smith schreiben wollte.

Konkret über "Rock'n'Roll Nigger". Erschienen und performt, kurz bevor im Zuge der "Disco Sucks"-Bewegung in US-Stadien Disco-Platten verbrannt wurden, weil diese ganzen Tucken und Schwatten der Landbevölkerung auf den Geist gingen - Fuck the Parallegesellschaft in New Yok City, sozusagen.

Patti Smith war die Gegenthese zur Disco-Diva, klar, wobei, zur Drag-Variante vielleicht auch nicht; erstaunlich, wenn man die Lyrics heute liest:


"Outside of society,
they're waitin' for me
Outside of society,
that's where I want to be."

Würde das heute irgendein Berliner mit "Migrationshintergrund" rappen, dann würde er wahrscheinlich sofort als "Gefährder" diagnostiziert, und irgendwer würde den finalen Rettungsschuß für ihn proklamieren.

Zusammen mit dem wirklich unglaublich überragenden "Land" von Patti Smith, eine Art Best of-Doppel-Album von 2002, habe ich mir das neue von Hard-Fi zugelegt, toller Pop, kein Ereignis, macht aber Spaß - trotz streckenweise flacher Texte; Auftakt-Hymne ist "Surburbian Knights" über die vergessenen Vorstatdt-Bewohner, und wenn man dann Hard-Fi und die Prä-Punk-Göttin aus New York, die jahrelang mit Mapplethorpe im Chelsea Hotel wohnte und sich mit ihm an den Warhol-Clan ranschmiß, sozusagen nebeneinander hört, dann wundert man sich dennoch. wieso man eigentlich gegen Exklusion anschreibt. Obwohl man ja weiß, daß man's zu recht tut, aber das hier hat ja auch was:


"Those who have suffered,
Understand suffering,
And thereby extend their hand
The storm that brings harm
Also makes fertile
Blessed is the grass
And herb
And the true thorn
And light

I was lost
In a valley of pleasure
I was lost
In the infinite sea
I was lost,
And measure for measure,
Love spewed
From the heart of me
I was lost, and the cost,
And the cost
Didn't matter to me
I was lost, and the cost
Was to be outside society

Jimi Hendrix was a nigger
Jesus Christ and Grandma, too
Jackson Pollock was a nigger
Nigger, nigger, nigger, nigger,
Nigger, nigger, nigger"

Hendrix, Pollock, Jesus Christus - alle freilich klängst integriert in den Kanon, damit auch ja niemand sie mehr versteht. Und die Kategorie Leid ist ja irgendwie unappetitlich geworden, da fordert man lieber Freiheit, natürlich immer zu recht, aber das erledigt ja andere Themen nicht, Frau Lengsfeld, da haben Sie neulich im "Cicero" aber Intelligenteres geschrieben - und das alles nur, um sich mit diesem weibischen Gewäsch nicht auseinandersetzen zu müssen ...

12.09.07

Sei!

Spannend und erhellend ist ja die Frage, wieso die bildende Kunst, so auch die Malerei, für den jüdischen Glauben so problematisch ist.

All jenen, die immer witzeln über Adornos Theorem des "identifizierenden Denkens" könnte man ja auch den strukturellen Antsiemtismus des Geißelns des Bilderverbots unter die Nase reiben, das, man korrigiere mich, im Islam sich dann tradiert (ich glänze mal wieder durch Halbwissen, aber dazu sind Blogs ja da: Zur Exemplifizierung des Diktums des Sokrates "Ich weiß, daß ich nix weiß", und um die daraus entstehende Langeweile zu überbrücken quasselt man dann schriftlich trotzdem vor sich hin). Wie übrigens auch die Derrida-Lästerer sich Gedanken machen sollten, woher das Primat der Schrift und die von diesem diagnosizierte Schriftvergessenheit denn rührt.

Um so verblüffender - hinsichtlich des Bildverbots - ist's, wenn man in dem gar nicht so schlechten Band "Was ist gute Kunst" dann folgende Interpretaion des berühmten "Who's afraid of Red, Yellow and Blue" von Barnett Newman zu lesen:

"Wie den Himmel zerreißende Blitze durchtrennen die Streifen momenthaft den unendlichen Farbraum, verzeitlichen und aktualisieren ihn zum Schauplatz eines erhabenen Geschehens. Derart "elektrisch" aufgeladen, nimmt die entgrenzte rote Farbe selbst die Dimension des Übersinnlichen an, die, objektiv nicht darstellbar, doch in der unmittelbaren Erfahrung des Jetzt zugänglich ist. Im Unterschied zur Kontemplation des zeitlos Schönen "bewegt" die Erfahrung des Erhabenen oder des Chaos "das Gemüt" (Immanuel Kant) durch seine Furcht einflößende und erschütternde Übermacht, indem es das sinnliche Erfassungsvermögen übersteigt. Der jüdische Glaube denkt das sich jedweder Repräsentation entziehende Erhabene als den dramatischen Ausdruck göttlicher Macht. In ihm wird der schöpferische Akt selbst gegenwärtig, wie er sich ausspricht "Es werde Licht" oder im "Sei"., das Newman seit 1949 häufig als Bildtitel (Be) verwendete. Dammit legte er den Akzent auf den Anfang, der im vom Erhabenen ausgelösten Schock der Jetzt-Erfahrung mitschwingt. Als überwältigendes Ereignis bricht sie eruptiv in die Welt der Repräsentaionen ein und erschüttert deren relationales Raum-Zeit-Gefüge."
Interview mit Gudrun Inboden, in: Wolfram Völcker, Was ist gute Kunst?, Ostfildern 2007, S. 26-28

Also, ein bißchen mehr Demut, ihr Abbild- und Warenfetischisten. Das "Jetzt!" bekommt ihr eh nicht in den Begriff.

09.09.07

Über Kunstwahrheit

Jetzt schreibt der Dr. Dean schon genau so einen Blödsinn wie der Klassenfeind:

"Denn Adorno war eher ein Literat denn ein Wissenschaftler, dort, wo er Theorien aufstellte (im Grunde genommen enthielt jeder Absatz von Adorno eine separate Theorie), dort waren sie zumeist hochgradig willkürlich."

Selbst wenn man zugesteht, daß Adornos Form der Auseinandersetzung mit Geschichte, Gesellschaft und Vernunft durch die literarische Qualität der Texte eher noch viel cooler ist als Röpcke, Einstein oder Heisenberg: Literatur hat wenigstens keine Atombombe hervorgebracht, aber weil das ja auch kein Argument gegen Wissenschaften ist, ist dennoch die Frage, wieso das, was Positivisten unter Wissenschaft verstehen, ein irgendwie priveligierter Zugang zur "Wahrheit" sein sollte.

Wahrheitskriterium ist intersubjektive Überprüfbarkeit, und bei einer Kommunikationsform wie der Kunst (Gegenthese zu Adorno, übrigens, wenn ich nicht sehr irre) ist die ja zweifelsohne gegeben.

Ich habe bei Georgette Dee oder der Callas mehr über Liebe gelernt als bei experimenteller Psychologie, ganz zu schweigen von den innigen Kontakten mit Harmen, Thomas oder Matthias, das war in der Hinsicht noch viel lehrreicher; ich habe bei Sartres "Chemin de la Liberté" mehr über Freiheit gelernt als bei 60 Seiten von Mises und bei der Anwendung meines indischen Kochbuchs mehr über Sinnlichkeit als bei irgendwelchen Neurobiologen.

Natürlich ist gerade deshalb Adorno oft so viel treffsicherer als diese ganzen experimentellen Hornochsen, gerade weil seine Variante der Dialektik eine auch literarische Praxis war, deshalb muß man den ja auch lesen und kann den mal nicht eben so paraphrasieren, weil die Form und der Inhalt da schon ziemlich gut zusammenpassen und seine ganz spezifische Form des Schreibens und der BEWEGUNG der Gedanken eben selbst schon eine Aussage ist.

Und was machen denn all diese tollen Experimentproduzenten? Sie glotzen auf Ultraschall (zum Glück, dann, wenn da Schlimmes entdeckt wird), arbeiten mit Tabellen und Koordinatenkreuzen, spielen mit Atom-Modellen und etablieren so eine Ästhetik der Sachlichkeit, die eben auch nur Konvention ist, aber manche Konventionen haben ja Gründe.

Aber gerade deshalb weiß man schlicht GAR NIX von der Welt, wenn man den Power-Point-Wissenschaftlern nicht auch 'nen Cézanne an die Seite stellt.

""Sind Natur und Kunst nicht verschieden?" "Ich möchte sie vereinen. Die Kunst ist eine persönliche Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung liegt für mich in der Empfindung, und vom Verstand verlange ich, sie zum Werk zu gestalten." (Merleau-Ponty zietiert hier Gespräche Cézannes mit Emile Bernard, MR)

Aber selbst diese Formulierungen räumen den geläufigen Begriffen "Sensibilität", "Empfindung" einerseits, "Verstand" andererseits zu viel Kredit ein, weshalb Cézanne niemanden damit überzeugen konnte und es vorzog, zu malen. Statt Dichotomien auf sein Werk anzuwenden, die im übigen mehr zu den Schultraditionen als zu deren Begründern - Philosophen oder Malern - gehören, sollte man lieber dem eigentlichen Sinn seiner Malerei nachspüren, der gerade darin besteht, sie in Frage zu stellen. Cézanne glaubte nicht, daß er zwischen der Empfindung und dem Denken wählen müßte. Er will die festen Dinge, die unserem Blick erscheinen, nicht von der flüchtigen Weise ihres Erscheinens trennen, er will die Materie malen, wie sie im Begriff ist, sich eine Form zu geben, will die durch eine spontane Organisation entstehende Ordnung malen. Er zieht die Grenze nicht zwischen den "Sinnen" und dem "Verstand", sondern zwischen der spontanen Ordnung der wahrgenommenen Dinge und der menschlichen Ordnung der Ideen und Wissenschaften."


Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, in ders.: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S.9-10

Wer jetzt "Schwurbeln!" schreit, ist ein SA-Mann im Geiste. Wenn ich "schwurbeln" lese, habe ich immer die SS oder SA-Männer vor dem geistigen Auge, die Mühsam die Zähne ausgeschlugen und ihm dann auf dem Clo aufknüpften.

Klar, sowas wie Merleau-Ponty kann man nicht mal eben so in Focus-Kästchen und Frauenzeitschriften zitieren, dennoch: Schwurbler-Kritik ist tatsächlich strukturell antisemitisch, weil eben das Geißeln der fröhlichen Debattenkultur und das Textauslegungs-Disputieren der jüdischen Tradition eine Quelle der westlichen Intellektuellenfeindlichkeit ist, denen dann die eisernen und kreuzernen Gesetze der Hüter ewiger Wahrheiten um die Ohren gehauen wurde - mit bekannten Folgen. Ganz päpstlich.

Zurück zum Text: Merleau-Ponty entfaltet da am Beipiel Cézanne u.a. die Vorstellung des "Präreflexiven", die sich Husserl und der Heideggerschen Figur des "In-der-Welt-Seins" verdankt (und die im übrigen in genau jenen Experimenten, die imer zitiert werden, wenn's gegen die Willensfreiheit geht, Bestätigung fanden. Auch so können differente Zugänge zur "Wahrheit" zueinander in Beziehung treten, sagt euch Onkel Momo).

Mittels umfassender Leiblichkeit, in der die Einzel-Sinne noch nicht geschieden sind von den anderen, bewege ich mich immer schon in sinnlichen Kontexten des Wahrnehmungsganzen, und was Cézanne da machte, war u.a. die Thematisierung genau dessen: Wie mir etwas als Materielles entgegenstritt, das hat er gemalt.

Und das in Kommunkation mit Wissenschaften wie z.B. der Geologie, weil mit die Dinge in ihrer Materialität eben anders erscheinen, wenn ich was wissenschaftliches über diese weiß, als wenn ich's nicht wüßte.

Nun komplett auf den distanzierenden und analysierenden, wissenschaftlichen Blick im Umgang mit Welt umzuschalten, das hieße, ja, hier macht's Sinn, dann eben doch Entfremdung: Dann finde ich's nicht zum Beispiel geil, an Schwänzen zu lutschen, sondern erfahre mich als homosexuell.

Um erstere Erfahrung zu formulieren, zum Ausdruck zu bringen, bietet sich Kunst eben doch eher an als Wissenschaft, und Pornographie distanziert bereits, indem sie verdinglicht.

Insofern ist Kunst als alternative Weltbeschreibung überhaupt nix, was nun defizitär als "nur" schöne Literatur den "harten" Wissenschaften entgegenstünde.

Und wenn man damit auch nicht den Krebs besiegen kann, so doch die eine oder andere Krankheit des Gemüts ...

06.09.07

Mit der Callas 'nen Sherry trinken ...

Nu isser hin. Ich trauer. Um den barocken Pomp in seiner Aura. Dieses Monument gegen den Schlankheitswahn, diese Stimme ... ich habe sogar die "3 Tenöre"-CD geliebt, heiß und innig. Am meisten dieses hyperkitschige "Dein ist mein ganz Herz, wo Du nicht bist, will ich nicht sein" (habe ich bei Youtube, ganz angemessen, nur solo gefunden). Man muß das nur im richtigen Zusammenhang hören ... schluchz ... na, neben dem, an die ich mich sonst so erinner, schön war's, z.B. auf die "Map" von Jasper Johns dabei gucken, dabei ergeben sich dann ganz andere Zusammenhänge ...

Na, und "Pavarotti & Friends", das kann man Giganten wie ihm sogar verzeihen. Ruhe sanft und geh sofort mal mit der Callas 'nen Sherry trinken. Jetzt darfst Du ja wieder.

05.09.07

"Heute hier, morgen da" (lief gerade, von Wader das Lied,. meine ich - schön wär's)

"Gleichwohl behaupte ich, daß das Nichtidentische bei Adorno kein Begriff ist, sondern nur ein Begriffssymbol: eine Leerstelle für einen Begriff oder (um den von Adorno verachteten Jaspers zu zitieren) eine Chiffre. Der Ausdruck "das Nichtidentische" ist heute zum magischen Wort geworden, das in zahlreichen Adorno-Paraphrasen meist nur beschwörend gebraucht wird; geradezu expressive Anziehungskkraft gewinnt es dort durch sein begriffliches Ungefähr, das schon bei Adorno selbst vom "A ist nicht A" über das Ding an sich zum "ganz Anderen" negativer Theologie reicht. Diesen Bedeutungshof auszuleuchten ist ein Unterfangen, mit dem man sich dem (einmal tödlichen) Vorwurf des Undialektischen aussetzt. Meine These ist: Adornos "Nichtidentisches" ist eine logische Metapher, deren Faszination auf lauter nichtanalysierten Assoziationen beruht, die sie nahelegt. Will man die Intention retten, für die diese Metapher steht, muß man sie auflösen."
Herbert Schnädelbach, Zur Konstruktion des Rationalen bei Adorno, in ders.: Vernunft und Geschichte, Frankfurt/M. 1987, S. 183 Na, dann mal an an den Speck - für "Dr. House"-Gucker ist das nix, die werden, fasziniert durch den wohlinszenierten Klischee- und Koventions-Bruch, der zur Kulturindustrie dazugehört wie Rosamunde Pilcher, es über die Kategorie "Geschmack" hinaus niemals schaffen, während sie Viren zählen.

Oppositionelles Serien-Gucken gibt's gar nicht, Herr Fiske. Aber das Kollektiv der Lacher parodiert eben auch heute noch die Menschheit ...


"Derselbe Warencharakter aber, vermittelte Herrschaft von Menschen über Meneschen, fixiert die Subjekte in ihrer Unmündigkeit; ihre Mündigkeit und die Freiheit zum Qualitativen würden zusammengehen. Stil offenbart unterm Scheinwerfer der modernen Kunst selbst seine repressiven Momente. Das von erborgte Bedürfnis nach Form betrügt über deren Schlechtes, Zwanghaftes. Form, die nicht in sich selbst vermöge ihrer durchsichtigen Funktion ihr Lebensrecht beweist, sondern nur gesetzt wird, damit Form sei, ist unwahr und damit unzulänglich auch als Form."

Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/M. 1973, S. 101

Und wer Skripdoktoren auf den Leim geh, der sollte von "Mündigkeit" vielleicht doch lieber schweigen und stattdessen einkaufen gehen? 'nen verrätselten Neo Rauch vielleicht? Dessen Wert wird nicht sinken, wenn die Kunstmarkt-Blase platzt, der hat die deutsche Mythologie für sich gepachtet ... und die verkauft sich immer gut.

02.09.07

Eliten ausbeuten!!!

"Dabei ist zu beachten, dass Begriffe im politischen und kulturellen Sektor nicht unbedingt im gleichen Sinn verwendet werden und es daher fraglich ist, ob symbolische Herausforderungen auf dem Sektor der Kultur die ihnen zugeschriebene politische Wirkung haben.So gibt es z.B. im politischen Bereich Versuche von konservativer Seite, "Elite" aufzuwerten, sei es bildungspolitisch, sei es im Sinne einer generellen Legitimation ungleicher Machtverteilung. Im kulturellen Bereich wird solche Kunst als "elitär" abgewertet, die kein größeres Publikum erreichen kann. Hier wird von denselben, die gesellschaftspolitisch für Eliten plädieren, dieselbe Vokabel populistisch oder marktradikal als negativer Wert verwendet und gegen öffentlich subventionierte, "unbequeme" oder verstörende Kunst eingesetzt. Somit kann es passieren, dass die Verteidgung dieser "elitären" Kulturen zu einer unbeabsichtigten generellen Aufwertung des Elite-Begriffs beiträgt, die unter Umständen politisch wirksam wird."

Frank Illing, Kitsch, Kommerz und Kult, Soziologie des schlechten Geschmacks, Konstanz 2006, S. 187-188

Cooles Buch, trotz RTL2-Allliteration im Titel. Guter Überblick über verschiedene Positionen ästhetischer Theorie zum "Geschmacksurteil", vertiefend dann die Theorien Mukarovskys (zu dem ein anderenmal mehr), das "Kulturindustrie"-Konzept Horkdornos, die "feinen Unterschiede Bourdieus und Ergebnisse der Cultural Studies aufbereitend, mit einem Anhang über "Das Modische und die Mode", "Kult-Kultur", "Kommerziell", "Kitsch", Camp" und "Trash" - ach, das sind ja ästhetische Welten, Kitsch, Trash und Camp, da fühle ich mich durchaus wohl.

Da vergißt man bei der spannenden Lektüre glatt, daß unsere Helden trotz 1:0-Führung dann in Fürth wegen Torwart-Patzers in der allerletzten Minute doch noch 1:2 verloren haben. Und daß der eklige Verein mit dem Stadion mit unaussprechlichen Namen jetzt schon wieder glaubt, diese Saison die Champions League zu gewinnen, obwohl sie doch nur UEFA-Cup spielen, und das nur, weil sie unentschieden spielten - Rote Socken sind ja nix gegen Rothosen, und Uwe Bahn, der meiner Ansicht nach unausstehlichste Radio- und TV-Moderator der Rundfunk-Geschichte, der kriegte sich auch schon wieder gar nicht mehr ein wegen eines jämmerlichen Tores gegen die Bayern eben auf NDR2.

Wir schießen aktuell zwar immer nur ein Tor pro Spiel, aber wir sind ja auch ein armer Aufsteiger mit Mini-Etat. Und ansonsten konsequent anti-elitär. Die Buisness-Seats-Sitzer und Lounge-Besitzer, die demnächst auf der Sübtribüne an uns rumschmarotzen wollen, die beuten wir halt einfach nur aus. Wird ja Zeit, daß sich das mal wieder wirklich umkehrt.

01.09.07

"Du urteilst über Menschen, aber Du hörst keinem zu"

HE_Rollen.jpg

Quelle: Schmidt's Tivoli

Ach, da packt's einen und man möchte Hymnen auf Heidi Kabel schreiben.

In die 960. Vorstellung habe ich's dann doch auch endlich geschafft. Macht Spaß, die heiße Ecke! Ein Zoten-Reigen voll schlechter Msuik, aber lustig!

Weil genau das getroffen ist, was auch meine Haupttribünenmitbewohner auszeichnet: Diese einzigartige Mischung aus trockenem Witz und Mitmenschlichkeit, die da von Pointe zu Refrain sich hangelt - gibt's das eigentlich ansonsten noch, dieses sozialdemokratische Theater, das dem Volk auf's Maul schaut und nicht bei allem unterhalb gewisser Prominenz- und Einkommensschwellen dann walhweise den Mob, Sozialbetrug oder Angst vor Arbeitslosigkeit wittert?

Klar, Figuren wie Atze Schröder, selbst Mario Barth und "Hausmeister Krause", die tun so - aber da witter ich immer die Boshaftigkeit ungebremsten Distinktionswilllens, im Grunde genommen eine tiefe Verachtung für die Figur, über die man lacht statt mit ihr. In einem Song tauchte gestern der Satz auf "Du urteilst über Mensche aber Du hörst keinem zu", Mann, da packt man sich nicht nur selbst an die Nase, da weiß man auch, daß die Habermassche Utopie der Verständigung eben kein dummes, utopische Gerede ist.

Klar wurden auch Atze Schröder und Konsorten gestern sogar zitiert - die 3 Vollprolls, die Junggesellenabschied feiern, die waren dessen Steigerung und ziemlich boshaft gezeichnet, aber das ja zu Recht ;-) ... zudem ich den T-Shirt-Spruch "Schade, daß man Bier nicht ficken kann" schon auch lustig finde, ich bekenne mich schuldig.

Aber ansonsten ward da ein Milieu sehr liebevoll auf die Bühne gebracht - der Zocker, die Huren, der von Muttern dominierte Student, der Hehler, an dem St. Pauli wie Blei hängt, die Castingteilnehmer für all die Musicals, und die unbestritten Heldinnen waren dann die Imbiss-Vekäuferinnen und ihre trockenen Sprüche. Toll. Mir geht sowas ja an's Herz.

Und die dümmsten Deppen waren der Werbefuzzi und natürlich die Bayern. Schön.

Im Grunde genommen klassisches Volkstheater mit Musik zum Mitklatschen, aber war nicht auch das Ohnesorg-Theater viel cooler als Rosamunde Pilcherscher Neo-Feudalismus, wie er auch in jedem Boulevard-Magazin zelebiert wird?

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de