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Flüchtlingsgeschichte

Das hat mir kurz 'nen Schlag in die Magengrube versetzt. Primär wegen der Aktualität.

Aber nicht nur.Weil der Zusammenhang "Flüchtling" und "Syke" eben auch meine eigene Familiengeschichte betrifft. Was dann einen seltsamen Ebenenmix erzeugt, wo man sich fragt, ob die Benjaminsche Dialektik, die Vergangenheit in die Gegenwart als Jetzt hineinragen sieht, da zutrifft.

Nein, tut sie nicht. Oder doch? Alleine schon Benjamin, der Walter: Über den und in dessen Texten habe ich heute die ganze Zeit gelesen. Das ergänzte Ches Posting dann. Beim Mittag z.B., bei der gegrillten Forelle. Lecker war die, und dann las ich diese Briefe, die zwischen ihm und Horkheimer und Adorno in den 30er Jahren hin- und hergingen, als er am Tropf des Instituts für Sozialforschung hing, da im Pariser Exil, wo er von der Kohle weder richtig leben noch sterben konnte. Ich weiß nicht, was Mythos ist, was Wahrheit, aber dieses Gefühl, daß sie ihn schlicht im Stich ließen, das läßt mich nicht mehr los, lese ich diese Briefe; ein arg beklommenes Gefühl befällt mich dann. Hannah Arendt hat ihn auch unterstützt, und dessen Tod wird so beschrieben in der Wikipedia:

"Nach der Rückkehr aus der Haft im November 1939 schreibt Benjamin seinen letzten Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Benjamin flüchtet nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reist, bevor er im September 1940 den vergeblichen Versuch unternimmt, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Im Grenzort Portbou, wo er die Auslieferung an die Deutschen unmittelbar bevorstehen sieht, nimmt er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 durch Morphium das Leben. Die einzige Quelle für seinen Suizid ist der Abschiedsbrief[1] an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland diktierte."

.... an den Tod von Walter Benjamin mußte ich immer denken, als der Asylrechtsparagraph zerstückelt wurde. Noch in den frühen 80ern, zu meiner Schulzeit, war so sonnenklar, daß es ihn gab wegen der Benjamins, die oft als Staatenlose zwischen allen Stühlen zerrieben wurden; erschütternd ja auch der Umgang der Schweiz mit Else Lasker-Schüler und anderen.

Auch dieser Konsens war gebrochen, eingerannt, als sie den Paragraphen änderten, und seitdem unterscheidet die Nation zwischen "Wirtschaftsflüchtling" und "Vertriebenen", ein Hohn - um dem Leid ersterer dann hinterher zu jammern und endlich das Tabu zu brechen, mit ihnen zu leiden; lachhaft, so als jemand, der in seine Kindheit und Jugend immer wieder in Schlesiertreffen geriet, ist die Erfindung dieses Tabus schlicht hanebüchen. Würde mit selber Emphatie der Wirtshaftsflüchtling umarmt, das hätte was, doch wieder sieht man, auf welcher politischen Seite das Tabu wirklich steht und regiert.

Kann ich so locker daherschreiben, Ausgangspunkt war schließlich Syke. Und die Erzählungen wie es war, als meine 7-jährige Mutter im Verschlag auf dem Finanzamtsboden hauste, die haben meine Kindheit doch nachhaltig geprägt. Und ebenso die Erzählungen von der Flucht. Als meine Oma mit zwei Töchtern und ein paar Koffern in der Ferne die Stalinorgel hörte und sie sich auf dem Zug an eine Plattform klammerten, die kein Geländer, in der Mitte jedoch einen Bombeneinschlag hatte. Den Hamburger Feuersturm im Kinderheim im Elbvorort überlebt, und dann Familienwiedervereinigung in Syke. Weil der Opa in einem Auffanglager für Soldaten dort um die Ecke untergebracht war, und irgendwie ergatterten sie den Verschlag auf dem Finanzamtsboden. Und mein Opa ging "hamstern" auf den Höfen. Schnorrer halt.

Mein Bild deutscher Geschichte ist so nachhaltig von Syke geprägt; von den Berichten meiner Großeltern mütterlicherseits, die zum Glück keine Nazis waren, 1933 ihre erste Tochter "Wilfriede" nannten, und das nicht nur, weil das die Zusammensetzung zweier Vornamen war, sondern eben auch, weil sie wußten, was das kommen würde: Der Name war politische Forderung zugleich - Waschlappen halt. Denn einige ihrer Verwandten hatte es dahingerafft im Kriege unter Wilhelm Zwo, mein Uropa hat sich irgendwo im späteren Jugsolawien das Leben genommen.

Und ich kriege das nicht zusammengedacht, die Berichte, die Che über heutige Flüchtlinge postet mit dem, was meine Großeltern berichteteten. Wie kann man bei solch einer Historie so agieren???

Einprägsam zum Beispiel die Geschichte, wie mein Opa, der sich irgendwie von Riga wieder nach Deutschland durchschlug, auf einem polnischen Hof sich versteckte und als Pole ausgab. Irgendwie schnallten sie das, die russischen Soldaten, die ihn dort fanden, daß er das nicht war, und fuhren ihn zur Erschießung auf einen Acker. Ich weiß nicht mehr, wie, er kam davon. Daran muß ich immer denken, wenn jetzt Menschen die Androhung von Folter fordern. Und als Wehrmachtssoldat gehörte mein Opa nun auch zu keiner netten Clique ...

Die Geschichten erzählte er, wenn wir durch den Syker Wald spazieren gingen. Meine Oma flankierte sie mit Berichten über die Aufführung von Wolfgang Borchardts "Draußen vor der Tür" unmittelbar nach dem Krieg da in Syke, als der Satz "Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren" einen Skandal auslöste.

Vielleicht hätte man damals lieber bundesweit "Draußen vor der Tür" aufführen sollen, '93, als der Asylrechtspraragraph geändert wurde, parteiübergreifend und konsensuell. Das war eine Zeitenwende. Da vergaß man jene Geschichten, die meine Großeltern mir erzählten. Die noch sehr harmlosen also, jene Zeit betreffend. Und deutete sie um. Und ersetzte dann irgendwann den Paragraphen durch Zentren für Vertreibung, während man weiter von "Wirtschaftsflüchtlingen" schwadronierte und Menschen an Fluzeugsessel fesselte, bis sie krepierten. Morphium hätten die noch nicht mal bekommen.

Wer weiß, ob jene Frau da in Syke, von der Che berichtet, sich fühlte wie der "Held" in Borchardts "Draußen vor der Tür", als ihn noch nicht mal die Elbe nahm, in der er doch ertrinken wollte. Aber das ist ja auch nur so eine Gutmenschengeschichte, und Kohl hat nicht umsonst Ernst Jünger verehrt.

Kommentare

Das Sein bestimmt wohl doch das Bewusstsein. Du hast die Geschichte Deiner Familie; ich bin selbst Flüchtling, ungefähr das Alter Deiner Mutter, also diesen Erlebnishorizont. Wir können uns eben gut in diese Menschen hineinversetzen. Aber wer nicht so einen Hintergrund hat, steht diesen Schicksalen offenbar völlig kühl gegenüber.
Ich war einmal hell entsetzt, als ich mit Mitarbeiterinnen dienstlich einen Besuch bei der hiesigen Ausländerbehörde zum Erfahrungsaustausch machte. Alle nett und freundlich, die Mitarbeiter wurden uns vorgestellt, und von einem sagte der Leiter: "Das ist der, der von allen sehr beneidet wird: er darf viel reisen, er begleitet die Abgeschobenen im Flugzeug." !!! Ich musste nach Luft schnappen, brachte schließlich heraus: "Das ist doch schrecklich, und gar nicht beneidenswert", und erntete verständnislose Blicke. Im heimischen Büro sprach ich mit meinen eigenen Mitarbeiterinnen darüber - sie reagierten genau so verständnislos.
Was soll man da noch sagen!...

Meine Güte, die ist aber wirklich heftig, die Geschichte - mir ist dieser totale Mangel an Emphatie schlicht unverständlich. Selbst mein Vater, der Ex-Pimpf, noch beide Beine gehabt hätte und meine Mutter nicht aus Pommern geflüchtet wäre, ich glaube, es wäre mir trotzdem unbegreiflich ...

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