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Imperative, systemisch und bildungsbürgerlich und Raum schaffen für das Empfinden der Bedürftigkeit in der Kunst


“Klaus Hoffmann: Wenn ich sing’

Und du hast Pferde gekauft oben im Norden Bamiyans

Hast die Mädchen aus Frankfurt geseh’n,

die ihre Wünsche in die staubige Straße spuckten

Die wollten weiter zu den Gurus nach Goa

Und du warst viele Joints unterwegs von Pantcho nach Tschadscha

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und du hast in dir gesessen viele Nächte im klaren Frost

Den Ochsen in dir gesucht bis er oft greifbar nah war

Warst auf den Märkten von Istanbul und in den Kneipen von Ivano

Mal vegetarisch, mal steakversessen

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und hattes Träume von Castaneda und Bloch

Hast dich in den Nächten wie’s trunkene Schiff durch Sehnsüchte gewälzt

Mit fremden Körpern die Scham bekämpft, die suchten in dir, was du suchtest

Und du hattest am nächsten Morgen den faden Geschmack von Kastanien

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und stand’s so oft an der Wand mit dem hochmütigen Blick des Richters

Du wärst so gern beteiligt gewesen an der Spontaneität der ander’n

Hattest immer ein ABER bereit

Sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken

Erlebtest ein paar Momente des Glücks

Und warst Minuten lang DU …

Wenn ich sing’, ist ein Mantra in mir

Wenn ich sing’, dann sing’ ich mit dir

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, ist die Angst nicht mehr da

Wenn ich sing’, wird ein Augenblick wahr

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt alles heraus,

was kaputt, verboten, zerschlagen, im Aus

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt mein Kopf, mein Schwanz und mein Herz

Wenn ich sing’, singt die Hoffnung, der Krampf, mein Schmerz

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, fliegt ein Stück Unterdrückung heraus

Wenn ich sing’, werden Stimme und Worte zur Faust

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, sing’ ich mit Papa Vignon,

mit Bibi und Robert und mit Rimbaud

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, weiß ich noch immer nicht warum

ich sing’, ich weiß nicht, vielleicht

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, singst DU!”

Quelle

Wie kommt man “sich nah”, und indem man “sich nah” kommt, wird man handelnd die Stimme des Du?

In Zeiten totalisierter Tauschbeziehungen, flächendeckender Agitation gegen Emphathie und programmatischer Instrumentalierung seiner selbst als einziger, noch verbliebener Pflicht gegen sich selbst neben dem flankierenden “Habe Spaß!”, das in “Konsumiere!” mündet, steht sowas wie das oben dann wohl unter Kitsch-Verdacht.

Und trifft’s doch, was zumindest in mir, der ich weder durch den Orient reiste noch kiffe noch Castaneda und Bloch träume, auch vorgeht, wenn ich sie kurz mal los bin: Die ganztägigen Imperativfolgen, fugengleich, die kannibalistisch an einem saugen und zerren und in handelnder Auflösung in Regelwerken jedes Gefühl für’s eigene Wollen, Wahrnehmen und Fühlen durchdringen, neu organisieren und letztlich nix als ‘nen Zombie zurücklassen. Als untotes Echo der Interessen der Imperative selbst hängt man dann in den Seilen und will wenigsten singen wie der Klaus Hoffmann da oben, weil man beim Anderen eh schon lange nicht mehr angekommen ist …

Ein Luxusproblem, verglichen mit Birma und anderswo, klar, aber da wirkt doch die gleiche Geschichte hinter der Geschichte, bringt sie hervor als historisch-transzendental. Neulich fragte hier ein Adornit, was an Habermas denn kritisch sei; ich glaube, das was ich oben geschrieben habe, ist dessen Antwort auf Adorno. Eben die Kolonisierung der Lebenswelt als Versuch des Fortschreibens der Verdinglichungskritik. Wenn also ökonomische Systemimperative wie “Wir müssen viel verkaufen!”, “Maximiere Gewinne!”, “Erfolg hat man nur, wen x” fast schon das Körperinnere durchziehen, als seien es Blutbahnen. Und ergänzend dann die bürokratischen Regeln - “Füllle Reisenaträge aus, die brauchen wir für’s Finanzamt und für die Versicherung!”, “Rauche nicht in Kneipen!”, “Weise nach, daß Dein Hund versteuert wird!” ganztägig Handlungen produzieren und eigentlich nix mehr bleibt, als zum Trost dann ‘ne CD kaufen zu gehen.

Da auch in Birma die Regeln der Macht die Toten produzieren, nix anderes ist das ja. Und da liegt übrigens auch die Verknüpfung von Foucault und Habermas und irgendwie wohl auch Luhmann, und in der Hinsicht ist diese Kritik wohl anknüpfungsfähig - und spannend ist, daß Klaus Hoffmann dem die ganzkörperliche, ästhetische Praxis entgegenstellt. Ja, naiv, lächerlich, zurückschießen, einmarschieren, niedermetzeln, alles effektiver, aber manchmal rede auch ich von Utopie …

Da nämlich hat Habermas, im Zusammenhäng von Ästhetik und Utopie als zu umspielende Versöhnung, dann so gar nix mehr zu bieten gehabt, und laut Adorno Klaus Hofmann auch nicht, meiner Ansicht nach ja schon - wie der die zweckfreie Suche im Gesang selbst dann beim Du enden läßt und nicht an fremden Orten, das ist zwar nicht die Kontemplation, aber wenn man ihn hört, dann eben doch.

Das hat auch Foucault mit seiner “Ästhetik der Existenz” beileibe nicht zu durchdringen vermocht Dank seiner Akzentuierung auf Stilistik und Diätik statt auf Sinnlichkeit und Wahrnehmung, aber das ist das normative Fundament der Kritik an den Systemimperativen, daß dieses möglich sein SOLLE, und das nicht nur des abends beim Volkshochschulen Tai-Chi, das erneut nur fit macht für die Interessen Anderer auf dem Arbeitsmarkt.

Aber wieso ist dann eigentlich nicht sowas die Antwort, rein musikalisch, nicht das Event, nein, das “Feeling”, wenn man’s denn ernst nehmen würde, statt “Nur Samstags nachts!” es zu fühlen? Hab bei Adorno neulich sinngemäß gelesen, daß Kunstwerke, die keine Sehnsucht in sich trügen, keine seien; und daß nur da, wo wirkliche Bedürftigkeit in ihnen sich zeige, die des Kindes, das schreit, weil gerade weder Nähe noch Nahrung da sind, des Obdachlosen, der sich in den Eingang zwängt, um dort zu übernachten, sie keine Entkunstung seien.

Diese buchtstäblichen Schilderungen, die ich hier vornehme, wären ihm so nicht als Vorbild der Kunst dienlich, und genau da frage ich mich, wieso denn eigentlich? Mag mein verkitschter Geschmack sein, sowas in der Disco-Hymne noch rauszuhören; glaube jedoch nicht, daß darauf es sich reduzieren ließe, Frau Summer singt da ja auch “Meine Seele brennt!”, nur anders. Denke ich, so ganz naiv. Solange man sich die bewahrt, hat man gegen die Controller nämlich noch nicht verloren …

Als nach Horror-Meetings gestern ich meine Mini-Disc zu Reisezwecken mixte, ganz wie die Cassetten früher, Realtime, weil’s ein Weg ist, ein kleines Stück von sich wiederzugewinnen, diese verbrachte Zeit mit dem Musik-Mix, da kam Frau Sommer dann als Antwort auf den Hoffmann direkt dahinter. Weil ich, seitdem ich Musik höre, das Gefühl nicht los werde, daß es gar nicht nur Webern, Schönberg, Free-Jazz und Sonic Youth - nix gegen irgendwen und irgendwas davon! - sind, die uns die Antwort geben auf die Kolonisierung der Lebenswelt, sondern daß diese manchmal viel, viel näher liegt und man sich nur vor der Angst befreien muß, die Bildunsgdünkel einimpft, nachhaltig und eben auch in Form des Imperativs.

Kommentare

Ja!

Sehr treffender Text von Hoffmann übrigens.
Weißt Du zufällig, ob das Gedicht schon verton t ist?

Dumme Frage bei einem Liedermacher; habe das glatt übersehen, dass das DER Klaus Hoffmann ist ...

Den Anfang spricht er aber tatsächlich, das ist auch auf mehreren Alben mit drauf, u.a. auf "Live '90". Singen tut er erst ab "Wenn ich sing" ;-) ...

ich bin ganz zufälligerweise hier vorbeigekommen und jetzt augenblicklich vom lesen der hin- und herspringenden gedanken so benommen, dass ich mir nun nach langer zeit mal wieder das lied (vielleicht auch mehr) von klaus hoffmann anhöre - übrigens nicht ohne das futuristische bild einer mühelos über abgründe von wider-, haupt- und nebenwidersprüchen springenden und hüpfenden achterbahn aus den augen zu verlieren....

und alles wegen der spielweise des fc st.pauli? hab ich das richtig verstanden?


"In Zeiten totalisierter Tauschbeziehungen, flächendeckender Agitation gegen Emphathie und programmatischer Instrumentalierung..."

Die Begriffe haben sich wohl geändert, das Jammern über die böse, kalte Welt dürfte aber seit Jahrhunderten den selben Klang haben.
Aber vermutlich braucht mancher das als kontrastschärfendes Mittel, wenn er weltab- und sichselbstzugewandt nach dem Wesen des Ich sucht.

Wunderschöner Text von Hoffmann, übrigens.

@Wildwuchs:

Nö, um St. Pauli ging's eigentlich mal nicht ;-) .... das mit dem Benommensein ist aber durchaus gewollt!

@Boche:

Alles ist Ewigkeit .... was für'n Wesen des Ich?

Ja, das Lied ist superschön ... begleitet mich seit 25 Jahren oder so, und ich lieb's immer noch wie beim ersten Hören ... kein Quatsch, ist so ...

"was für'n Wesen des Ich?"

Na, meins.

Na, Liberale haben den Abstieg vom "Ich" zum "ich" halt noch nicht vollzogen und sind irgendwo um Fichte rum stehengeblieben, glaube ich ;-) ...

Fichte? Wald? Hä?
;-)

Das Ich, das sich setzt!

Schopenhauer hat 'nen Stuhl neben die Fichte-Vorlesungsmitschrift gemalt ;-) ...

In der DDR gabs was auf die Finger, wenn man in Büchern rum malte. Ich sach ja: Es war nicht alles schlecht ...

Jetzt verstehe ich Deine sonstigen, politischen Ansichten glatt besser ;-) ...

Pschyschologisch, meinst du?

Nee, inhaltlich ...

Sicher? Das ist ja wunderbar!

Boche, Du schwächelst!

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