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Rock'n'Roll-Nigger: Gegenkultur und Exklusion

Gerade wieder irgendwo von "Parallelgesellschaften" gelesen.

Fordere, daß man dieses zum Dümmstwort des neuen Jahrhunderts kürt. Die entstünden durch "Einwanderung in die Sozialsysteme", und perfide wird damit verknüpft, daß so islamistischer Terror sich eben diesem verdanke, was ja dummes Zeug ist, der entsteht aus dem Mittelstand. Stattdessen wollen "wir "natürlich nur reiche und qualifizierte Afrikaner hier haben, und der Rest kann wohl ruhig abgluckern, der Bono und der Grönemeyer veranstalten derweil Konzerte für die, bei denen möglichst kein Afrikaner auftritt, damit der sich nicht gleich beim nächsten Sozialamt anstellt, um zu schmarotzen.

"Parallelgesellschaft" ist Unfug, im Grunde genommen ist eine "Einwanderung in Sozialsysteme" noch als einizge als "Integration" beschreibbar, weil Gesellschaft ja gar nix heißen kann als Institutionen des Rechts und des Staates.

Insofern kann vielleicht im Falle der privaten Krankenkasse tatsächlich sinnvoll von Parallelgesellschaft die Rede sein; habe gestern wieder fast auf den Küchentisch gekotzt, als eine Kollegin von ihrem frisch diagnostizierten Hirntumor berichtete und als einzige Möglichkeit, bei relevanten Spezialisten als "Kassenpatient" zu landen, eben ihre Ärztefamilie sah, weil diese jene ja persönlich kennen würde.

Wo habe ich neulich noch gehört, daß in Frankreich weniger Darmkrebspatienten sterben würden, weil dort die Struktur der Behandlungsmöglichkiten eine andere sei? Na gut, aber bevor dann irgendwelche darmgeschädigten Rentner den Staat dazu legitimieren, Zwang auf arme Besserverdiener auszuüben, ist ja alles in Ordnung ...

Erstaunlich, was so alles rausrutscht aus dem je eigenen, hoffentlich tumorfreien Hirn, wenn man eigentlich über Patti Smith schreiben wollte.

Konkret über "Rock'n'Roll Nigger". Erschienen und performt, kurz bevor im Zuge der "Disco Sucks"-Bewegung in US-Stadien Disco-Platten verbrannt wurden, weil diese ganzen Tucken und Schwatten der Landbevölkerung auf den Geist gingen - Fuck the Parallegesellschaft in New Yok City, sozusagen.

Patti Smith war die Gegenthese zur Disco-Diva, klar, wobei, zur Drag-Variante vielleicht auch nicht; erstaunlich, wenn man die Lyrics heute liest:


"Outside of society,
they're waitin' for me
Outside of society,
that's where I want to be."

Würde das heute irgendein Berliner mit "Migrationshintergrund" rappen, dann würde er wahrscheinlich sofort als "Gefährder" diagnostiziert, und irgendwer würde den finalen Rettungsschuß für ihn proklamieren.

Zusammen mit dem wirklich unglaublich überragenden "Land" von Patti Smith, eine Art Best of-Doppel-Album von 2002, habe ich mir das neue von Hard-Fi zugelegt, toller Pop, kein Ereignis, macht aber Spaß - trotz streckenweise flacher Texte; Auftakt-Hymne ist "Surburbian Knights" über die vergessenen Vorstatdt-Bewohner, und wenn man dann Hard-Fi und die Prä-Punk-Göttin aus New York, die jahrelang mit Mapplethorpe im Chelsea Hotel wohnte und sich mit ihm an den Warhol-Clan ranschmiß, sozusagen nebeneinander hört, dann wundert man sich dennoch. wieso man eigentlich gegen Exklusion anschreibt. Obwohl man ja weiß, daß man's zu recht tut, aber das hier hat ja auch was:


"Those who have suffered,
Understand suffering,
And thereby extend their hand
The storm that brings harm
Also makes fertile
Blessed is the grass
And herb
And the true thorn
And light

I was lost
In a valley of pleasure
I was lost
In the infinite sea
I was lost,
And measure for measure,
Love spewed
From the heart of me
I was lost, and the cost,
And the cost
Didn't matter to me
I was lost, and the cost
Was to be outside society

Jimi Hendrix was a nigger
Jesus Christ and Grandma, too
Jackson Pollock was a nigger
Nigger, nigger, nigger, nigger,
Nigger, nigger, nigger"

Hendrix, Pollock, Jesus Christus - alle freilich klängst integriert in den Kanon, damit auch ja niemand sie mehr versteht. Und die Kategorie Leid ist ja irgendwie unappetitlich geworden, da fordert man lieber Freiheit, natürlich immer zu recht, aber das erledigt ja andere Themen nicht, Frau Lengsfeld, da haben Sie neulich im "Cicero" aber Intelligenteres geschrieben - und das alles nur, um sich mit diesem weibischen Gewäsch nicht auseinandersetzen zu müssen ...

Kommentare

ja, völlig unklar, dieses Gerede von den Parallelgesellschaften. ICh habe ja schon lange denEindruck, dass es durchaus darum geht, Nachbarschaftlichkeit, wie ich sie z.B. mal im dortmunder Norden, dem berühmten, kennengelernt habe, kaputt zu kriegen, seit ich vor 10 Jahren Artikel darüber in der Zeit und im Spiegel gelesen habe. Ich las da über ein ganz anderes Quartier, ein quasi-arabisches Dorf voller Fundamentalisten und verprügelten Töchtern in Burkas. Die Metapher der Angst des Journalisten vor dem urbanen Leben. Es gab dort eine Zeit, in der die Armut wegen der ruhrgebietlichen Massenentlassungen aus Berg-und Stahlwerken so gross wurde, dass würdige deutsche und türkische Männer Kippen vom Trottoir auflasen, so toll wirkte das Sozialsystem, in dem deutsche Gemütlichkeit herrschen soll. Ich weiss nicht, mich macht dieses Gequatsche auf Kosten anderer Leute, die nicht mehr arbeiten dürfen, langsam echt sauer. ( Es gibt im übrigen jede Menge Stadtviertel, die nur wegen der türkischen parallelgesellschaftlichen KMU-Gründungen in den Achtzigern und Neunzigern nicht so weggebrochen sind, wie es in allen möglichen Planer-Studien erwartet wurde. Is auch nich recht?)

Grandma? Wenn damit die keineswegs naive Naive Malerin "Grandma Moses" Anna-Mary Robertson gemeint sein sollte, wäre es genial, sie als "Nigger" zu bezeichnen.

"Parallelgesellschaft" - ein Wort, um Verhältnisse zu verschleiern. Ein ideologischer Begriff. Abgesehen davon, dass "Parallelgesellschaft" nur dann ein zutreffender Begriff wäre, wenn sie völlig autark irgendwo in einem abgelegenen Gebirgstal leben würden. Ob "Subkultur" ein besserer Begriff wäre?

Wir sind heute zivilisierter als im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit, als es "unehrliche Berufe" und "unehrliche Leut" gab ("unehrlich" im Sinne von "nicht ehrenwert")
- der wandernde Sänger und der wandernde Dieb auf eine Stufe gestellt, der Wundarzt und der Henker gleichermaßen auf die hinterste Kirchenbank verbannt. Man kann auch sagen, unsere Vorfahren waren ehrlicher, wenn sie Menschen, die nicht in das ausgeklügelte Stände-, Klassen-, Zünfte-, Gilden-, Gemeindesystem ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft passten, als "unehrliches Volk" bezeichnete. Ungeachtet ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Wichtigkeit. (Gut, über die "Wichtigkeit" eines Diebes kann man geteilter Ansicht sein. Ohne Abdecker, Wundärzte, Hirten, Bader usw. wäre die damalige Gesellschaft zusammengebrochen.)

Damit sind wir bei einem Punkt angelangt, wo ich der Lengsfeld zubillige, dass sie gar nicht so falsch liegt. Jedenfalls im Prinzip.
Die spätmittelalterliche / frühneuzeitliche Sozialordnung war ein überaus fürsorgliches und viel "Halt" und "Nestwärme" vermittelndes System - natürlich nur für die, die "drin" waren. ("Draußen" waren außen den Varganten und anderen "unehrlichen" Leuten auch leibeigene Bauern, also ein großer Teil der Bevölkerung.) Und denn Verdacht, dass die "heimliche Utopie", das Leitbild, wie einen Gesellschaft aussehen sollte, zumindest in Deutschland der "guten alten Zeit" des Ständegesellschaft, der Zunftordnung und der Einteilung in "ehrliche" und "unehrliche" Berufe verblüffend ähnlich sähe.

Also, im Prinzip hat die Lengsfeld recht: die weit verbreitete Sehnsucht nach der Geborgenheit einer nach so edlen Prinzipien wie: "Jedem das Seine", "Schuster bleib bei deinen Leisten", "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", "Holt die Wäsche von der Leine, Musikanten sind im Land" usw. funktionierenden Gesellschaft ist eine Sehnsucht nach der Unfreiheit. Es ist allerdings infam, die Abkehr von der Politik der "harten Einschnitte" (in soziale Netze) absichtlich mit dieser fatalen Flucht vor den Zumutungen der Freiheit zu verwechseln.

Denn gerade diese Politik der "harten Einschnitte" stempelt die, die "draußen" sind, wieder zu "unehrlichen Leuten".

@T. Albert:

Ich glaube auch, daß das dazu dient, gewissermaßen Spaltpilze in Binnensolidaritäten zu pflanzen, damit keiner merkt, was die wahren "Parallelgesellschhaften" sind, das ist nämlich z.B. die Börse, der Lions-Club etc., aber ebenso das "Pik As", ein Obdachlosenasyl hier in Hamburg ...

Übrigens ist das durchaus auch völkisch-ökonomisch motiviert: Bin kein Experte und lasse mich gerne korrigieren, aber wenn ich mir Köln-Mühlheim so anschaue, gibt's da ja eine durchaus florierende Binnenwirtschaft türkischstämmiger Migranten, in Hamburg z.B. auch auf der Ebene der Gemüsehänlder, was abermit keinem Wort erwähnt wird, das die im Grunde genommen den "Tante Emma-Laden" neu erfunden haben. Stattdessen stellen sich dann die Leute vor eine intakte Struktur und schreinen "Integriert euch!"´und "ihr wandert in unsere Sozialssysteme ein!".

Lächerlich. Und Asylbewerber dürfen nicht arbeiten und nicht ihren Wohnort wechseln. Ist doch einfach nur übel, das alles ...

@Martin:

Es macht nur wenig Sinn, immer "Freiheit!" zu kreischen, wenn andere Leute Geborgenheitwollen. Warum denn nicht? Was mich kirre macht, ist ja nicht die Forderung nach mehr Freheit, sondern daß diese instrumentalsiert wird, um z.B. das Vorhandensein von Leid zu übertünchen.

Na, und "Subkultur" - bin mir zunehmend unsicher, ob der Begriff Sinn macht. Ich glaube, "wir" haben einfach so schon sehr viele Kulturen. Wenn ich mir die Hamburger Upper Class angucke, dann hat das rein gar nix mit meinem Leben zu tun, zum Beispiel. Aber der Durchschnittsarbeitslose in Harburg, das ist noch mal wat anderes.

"Subkultur" macht ja nur Sinn, wenn es eine wie auch immer definierte, zentrale Kultur gibt, auf die das dann beziehbar belibt, und nach allem, was mir so erzählt wurde, gibt's die noch nicht mal in Teheran, aber sehr wohl im Bible Belt ...

In meinem bisherigen Leben - immerhin schon 45 Jahre - habe ich immer wieder vor der Alternative "mehr persönliche Freiheit" oder "Geborgenheit" gestanden. Und ich ärgere mich darüber, dass ich allzu oft die "Geborgenheit" versprechende Alternative wählte. "Einsamkeit ist der Preis meiner Freiheit" - ich habe ihn allzu oft nicht bezahlen wollen.
Aber das ist die persönliche Ebene. Und wenn ich Focault richtig verstehe, dann ist es sogar gesellschaftlich bestimmt, dass "man" - Eltern, Schule, Vorgesetzte, Freunde, Lebens- (-abschnitts-)-gefährten, Behörden, und sogar Therapeuten - mich vor diese Alternative stellten - und ich diese Alternative als "alter Naiver" so leicht schlucke.
Denn tatsächlich schließen sind "Geborgenheit" und "Freiheit" nicht zwangsläufig aus.
Erst recht nicht in der Sozialpolitik. Denn der Anspruch darauf, genug zum Überleben zu haben, ohne gegängelt zu werden, hat ja erst mal nichts mit "Geborgenheit" zu tun. Ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ebenfalls. Tatsächlich führt die Vorhandenheit von einer "Grundsicherung ohne viele Fragen" und von Krippenplätzen zu mehr "Freiheit" beim Betroffenen. Diese Freiheit ist offensichtlich politisch von "wirtschaftsliberaler" Seite nicht gewollt. Nur Reichtum macht in diesem System frei. Freiheit als (mögliche) Belohnung für Anpassung. Ein perfides Paradoxon.

Es macht deshalb tatsächlich nur wenig Sinn, immer "Freiheit" zu kreischen, wenn andere Leute "Geborgenheit" wollen. Weil sie vielleicht beides haben wollen.

Eben, das ist einfach unsinnig, ständig alles, was einem gerade nicht in den Kram paßt, gegen "Freiheit" ausspielen zu wollen ... gibt ja doch mehr als nur ein Wort auf dieser Erde ...

"...irgendwo von "Parallelgesellschaften" gelesen [...] Die entstünden durch 'Einwanderung in die Sozialsysteme', und perfide wird damit verknüpft, daß so islamistischer Terror sich eben diesem verdanke"

Aha. "Perfide" mein lieber Momo (oder von mangelnder Lesekompetenz geprägt, was ich aber in Deinem Fall nicht annehme) ist der Link nach "irgendwo" zu diesen Zeilen: Nein, ich habe nicht geschrieben, dass die Parallelgesellschaften wegen der Zuwanderung entstünden. Nicht an dieser und nicht an anderer Stelle. Und das folgende G'schmarr über Afrikaner, das Du in Anführungszeichen setzt (und damit den Eindruck eines Zitats oder zumindest einer gelungenen Adaption des Gelesenen erweckst) hat ja nun *überhaupt* nichts mit der Intention des Textes zu tun. Ach, was reg ich mich über dieses von Vorurteilen triefende Betroffenheitsgesülze auch noch auf...

Eben, Jo@chim, wer gegen "Betroffenheitsgesülze" wettert, der ist sowieso irgendwo verortet, wo Aufregung keine Rolle mehr spielt ...

@jo@chim:

"Nein, ich habe nicht geschrieben, dass die Parallelgesellschaften wegen der Zuwanderung entstünden. "

Was hast du denn geschrieben?

Das hast du geschrieben:

"Ich will ja gar nicht behaupten, dass die Auswirkungen der weltweiten Migrationsbewegungen mit einfachen Rezepten kontrollierbar wären: eben nicht.

Ein Zuwanderungsrecht, das vor allem Zuwanderer in die Sozialsysteme statt qualifizierte, motivierte Einwanderer anzieht, ist in der Tat problematisch.

Die Parallelgesellschaften, aus denen die islamistischen Kämpfer von der Kultur- & Terrorfront rekrutieren, sind Realität."

Betroffenheitsgesülze ist es, wenn man anderer Auffassung ist?

Nee, T. Albert, das ist wie bei von Mises: Das Zitat meint gar nicht, was es sagt ;-) ...

ja, wer meint denn nur noch was? die zitate sind scon zitate nach zitaten, da kommt dann kein eigentlicher mehr durch.

Ohne die tatsächliche Probleme kleinreden zu wollen:
Wenn man sich so ansieht, aus welchen Gesellschaftsschichten sich die islamistischen Kämpfer (sowohl die wortmächtigen "Kulturkämpfer" wie die Terroristen) wirklich rekrutieren, dann stammen sie gerade nicht aus "Einwanderer-Ghettos". Im Gegenteil, die Parallelen zu den aus "bildungsbürgerlichen" Kreisen kommenden RAF-Terroristen ist nicht zu übersehen. Hat meiner Ansicht sehr viel mit utopischem Denken plus Praxisdefizit zu tun. (Das Beschreibt die Situation in Europa, im Irak, im Libanon, in Palästina usw. sehen die Verhältnisse jeweils anders aus.)

So sehr ich Patti Smith liebe, so was gibt es auch aktuell. Man höre sich mal Raptexte an wie "Angst eregiert" von Mastino oder auch Niggas with Attitude bzw. Bitches with Attitude. Und Dear Mr. President von Pink ist auch nicht ohne.

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