Über Kunstwahrheit
Jetzt schreibt der Dr. Dean schon genau so einen Blödsinn wie der Klassenfeind:
"Denn Adorno war eher ein Literat denn ein Wissenschaftler, dort, wo er Theorien aufstellte (im Grunde genommen enthielt jeder Absatz von Adorno eine separate Theorie), dort waren sie zumeist hochgradig willkürlich."
Selbst wenn man zugesteht, daß Adornos Form der Auseinandersetzung mit Geschichte, Gesellschaft und Vernunft durch die literarische Qualität der Texte eher noch viel cooler ist als Röpcke, Einstein oder Heisenberg: Literatur hat wenigstens keine Atombombe hervorgebracht, aber weil das ja auch kein Argument gegen Wissenschaften ist, ist dennoch die Frage, wieso das, was Positivisten unter Wissenschaft verstehen, ein irgendwie priveligierter Zugang zur "Wahrheit" sein sollte.
Wahrheitskriterium ist intersubjektive Überprüfbarkeit, und bei einer Kommunikationsform wie der Kunst (Gegenthese zu Adorno, übrigens, wenn ich nicht sehr irre) ist die ja zweifelsohne gegeben.
Ich habe bei Georgette Dee oder der Callas mehr über Liebe gelernt als bei experimenteller Psychologie, ganz zu schweigen von den innigen Kontakten mit Harmen, Thomas oder Matthias, das war in der Hinsicht noch viel lehrreicher; ich habe bei Sartres "Chemin de la Liberté" mehr über Freiheit gelernt als bei 60 Seiten von Mises und bei der Anwendung meines indischen Kochbuchs mehr über Sinnlichkeit als bei irgendwelchen Neurobiologen.
Natürlich ist gerade deshalb Adorno oft so viel treffsicherer als diese ganzen experimentellen Hornochsen, gerade weil seine Variante der Dialektik eine auch literarische Praxis war, deshalb muß man den ja auch lesen und kann den mal nicht eben so paraphrasieren, weil die Form und der Inhalt da schon ziemlich gut zusammenpassen und seine ganz spezifische Form des Schreibens und der BEWEGUNG der Gedanken eben selbst schon eine Aussage ist.
Und was machen denn all diese tollen Experimentproduzenten? Sie glotzen auf Ultraschall (zum Glück, dann, wenn da Schlimmes entdeckt wird), arbeiten mit Tabellen und Koordinatenkreuzen, spielen mit Atom-Modellen und etablieren so eine Ästhetik der Sachlichkeit, die eben auch nur Konvention ist, aber manche Konventionen haben ja Gründe.
Aber gerade deshalb weiß man schlicht GAR NIX von der Welt, wenn man den Power-Point-Wissenschaftlern nicht auch 'nen Cézanne an die Seite stellt.
""Sind Natur und Kunst nicht verschieden?" "Ich möchte sie vereinen. Die Kunst ist eine persönliche Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung liegt für mich in der Empfindung, und vom Verstand verlange ich, sie zum Werk zu gestalten." (Merleau-Ponty zietiert hier Gespräche Cézannes mit Emile Bernard, MR)Aber selbst diese Formulierungen räumen den geläufigen Begriffen "Sensibilität", "Empfindung" einerseits, "Verstand" andererseits zu viel Kredit ein, weshalb Cézanne niemanden damit überzeugen konnte und es vorzog, zu malen. Statt Dichotomien auf sein Werk anzuwenden, die im übigen mehr zu den Schultraditionen als zu deren Begründern - Philosophen oder Malern - gehören, sollte man lieber dem eigentlichen Sinn seiner Malerei nachspüren, der gerade darin besteht, sie in Frage zu stellen. Cézanne glaubte nicht, daß er zwischen der Empfindung und dem Denken wählen müßte. Er will die festen Dinge, die unserem Blick erscheinen, nicht von der flüchtigen Weise ihres Erscheinens trennen, er will die Materie malen, wie sie im Begriff ist, sich eine Form zu geben, will die durch eine spontane Organisation entstehende Ordnung malen. Er zieht die Grenze nicht zwischen den "Sinnen" und dem "Verstand", sondern zwischen der spontanen Ordnung der wahrgenommenen Dinge und der menschlichen Ordnung der Ideen und Wissenschaften."
Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, in ders.: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S.9-10
Wer jetzt "Schwurbeln!" schreit, ist ein SA-Mann im Geiste. Wenn ich "schwurbeln" lese, habe ich immer die SS oder SA-Männer vor dem geistigen Auge, die Mühsam die Zähne ausgeschlugen und ihm dann auf dem Clo aufknüpften.
Klar, sowas wie Merleau-Ponty kann man nicht mal eben so in Focus-Kästchen und Frauenzeitschriften zitieren, dennoch: Schwurbler-Kritik ist tatsächlich strukturell antisemitisch, weil eben das Geißeln der fröhlichen Debattenkultur und das Textauslegungs-Disputieren der jüdischen Tradition eine Quelle der westlichen Intellektuellenfeindlichkeit ist, denen dann die eisernen und kreuzernen Gesetze der Hüter ewiger Wahrheiten um die Ohren gehauen wurde - mit bekannten Folgen. Ganz päpstlich.
Zurück zum Text: Merleau-Ponty entfaltet da am Beipiel Cézanne u.a. die Vorstellung des "Präreflexiven", die sich Husserl und der Heideggerschen Figur des "In-der-Welt-Seins" verdankt (und die im übrigen in genau jenen Experimenten, die imer zitiert werden, wenn's gegen die Willensfreiheit geht, Bestätigung fanden. Auch so können differente Zugänge zur "Wahrheit" zueinander in Beziehung treten, sagt euch Onkel Momo).
Mittels umfassender Leiblichkeit, in der die Einzel-Sinne noch nicht geschieden sind von den anderen, bewege ich mich immer schon in sinnlichen Kontexten des Wahrnehmungsganzen, und was Cézanne da machte, war u.a. die Thematisierung genau dessen: Wie mir etwas als Materielles entgegenstritt, das hat er gemalt.
Und das in Kommunkation mit Wissenschaften wie z.B. der Geologie, weil mit die Dinge in ihrer Materialität eben anders erscheinen, wenn ich was wissenschaftliches über diese weiß, als wenn ich's nicht wüßte.
Nun komplett auf den distanzierenden und analysierenden, wissenschaftlichen Blick im Umgang mit Welt umzuschalten, das hieße, ja, hier macht's Sinn, dann eben doch Entfremdung: Dann finde ich's nicht zum Beispiel geil, an Schwänzen zu lutschen, sondern erfahre mich als homosexuell.
Um erstere Erfahrung zu formulieren, zum Ausdruck zu bringen, bietet sich Kunst eben doch eher an als Wissenschaft, und Pornographie distanziert bereits, indem sie verdinglicht.
Insofern ist Kunst als alternative Weltbeschreibung überhaupt nix, was nun defizitär als "nur" schöne Literatur den "harten" Wissenschaften entgegenstünde.
Und wenn man damit auch nicht den Krebs besiegen kann, so doch die eine oder andere Krankheit des Gemüts ...

Kommentare
Sehr schön! Dir ist aber klar, dass Du die armen Objektivisten jetzt völlig überforderst? Mensch, das ist ja mitten aus dem Leben, mit subjektiven Zügen, das geht doch nicht, wo ist die Abstraktion....
Verfasst von: che2001 | 09.09.07 18:28
Ja, merci. Cool!
Im übrigen kommt alle Wissenschaft aus dem Sprechen und Zeichnen, Mimesis ist eine menschliche Fähigkeit, ohne die es nicht geht, wie die Fähigkeit zu transzendieren. Das versuchen wir. Wer bei mir mal zeichnen lernt, wird`s kapieren, sag ich jezz mal ironisch autoritär.
Verfasst von: T. Albert | 09.09.07 18:36
@Che:
Ich liebe es, Objektivisten zu überfordern ;-) ...
@T. Albert:
Als ich diesen bis zu den Freud-Exegesen ja wirklich großartigen Aufsatz fand, mußte ich ja gleich an Dich denken, wegen Zeichnen als Form des Denkens ... wie der Merleau-Ponty das herausarbeitet, das isteinfach sensationell.
Kein Wunder, daß der bei dem ganzen Marktgeschrei irgendwie untergegangen ist als einer der ganz Großen des 20. Jahrhunderts ...
Verfasst von: MomoRules | 09.09.07 18:56
Statt Schwurbeln kannst du auch Jargon sagen.
Verfasst von: Nemesis | 09.09.07 20:07
Nachtrag: Einstein und Heisenberg waren beide sehr musikalisch und der "Vater der Atombombe", Oppenheimer, war ein hervorragender Dichter. Wenn ich mich bei den wirklich "großen" der Naturwissenschaft umsehe, dann habe ich den Eindruck, dass eine künstlerische Neigung geradezu eine Vorsetzung für gute, d. h. die Grenzen des Hergebrachten erweiternde, Naturwissenschaft ist. Zum reinen Faktensammeln braucht man nicht sonderlich kreativ zu sein, aber schon für ein sinnvolles Experiment, von einer neuen Theorie gar nicht zu reden, bedarf es eines ausgeprägt kreativen Geistes. Ohne Phantasie ist ein Forscher aufgeschmissen. Einstein meinte sogar, dass für seine wissenschaftliche Arbeit Phantasie wichtiger als Wissen sei. Bei bekannten Soziologen, Psychologen, Historikern, Archäologen und natürlich Philosophen habe ich ebenfalls erstaunlich viele musische Menschen unter den "großen ihres Faches" entdeckt. Wie das bei Wirtschaftswissenschaftlern aussieht, müsste ich erst prüfen.
Meine Vermutung: Kunst und Wissenschaft sind komplementäre Größen - sie ergänzen sich.
Verfasst von: MartinM | 09.09.07 20:15
@Nemesis:
Die, die ich meinte, sagen aber "Schwurbeln" und meinen was anderes.
@Martin:
Okay. Zugestimmt. Ändert aber nix an dem, was ich sagen wollte ;-)
Verfasst von: MomoRules | 09.09.07 20:24
Schwurbler! ;)
Kunst als Weltbeschreibung, gut und schön. Prinzipiell könnte ich mich auch mit dem Gedanken anfreunden, Kunst und Wissenschaft als gleichwertige Möglichkeiten der Welterfahrung zu betrachten. Allerdings eignet sie sich doch für die politische Verwendung erheblich weniger als die Wissenschaft, oder? Ihr fehlt diese... wie war das Wort?... Intersubjektivität. Kunst wirkt auf unterschiedliche Menschen auch unterschiedlich, auf manche gar nicht.
Verfasst von: Karsten | 09.09.07 22:32
@Karsten:
Du koppelst "Wahrheits"-Fragen sofort an funktioanle Fragen, wennn Du auf "verwendung von" abzielst. Das ist ja zumindest für mich erst der zweite Schritt - Du screibst oben zuerst "Welterfahrung", wenn ,man dabei bliebe, würde ich auch gar nicht unbedingt "gleichwertig" sagen, das sind einfach verschiedene, alternative Zugangsweisen, und wenn man davon dann eine Seite wegläßt und die andere totalisiert, dann wird's schlicht unwahr ...und in Sachen Politik ist Ästhetik schon jezt so ungeheur maßgeblich, da bräuchte ich das noch nicht mal fordern, glaube nur, das sie da in schlicht falschen Bereichen stattfindet ... wobei's ja auch in den seltensten Fällen dann Kunst ist.
Verfasst von: MomoRules | 09.09.07 23:18
Ach so: Und Intersubejktivität fehlt ihr auch nicht, der Kunst. Ist halt 'ne Ausdrucksform, die anderen etwas zeigt, und das ist ja in den seltensten Fällen reiner Selbstausdruck.
Verfasst von: MomoRules | 09.09.07 23:21
Oh, ich ging davon aus, dass es schon in der Anlage um die funktionalen Fragen ging. Dann habe ich Deinen Text nicht verstanden, sorry, das fällt mir ja immer etwas schwer... Worum geht es Dir denn dann eigentlich, wenn Du auf die andere Welterfahrung abhebst? Wo wird denn die ästhetische Erfahrung weggelassen und die wissenschaftliche totalisiert? Wo soll sich das ändern? Oder ist das jetzt auch schon wieder ein Stellen von funktionalen Fragen?
Alles übrigens ernsthafte, neugierige Fragen von mir.
Verfasst von: Karsten | 10.09.07 00:53
Aktueller Anlaß waren Dean und Statler, weil letzterer ebenfalls meinte, bei Adorno handelte es sich nur um "schöne Literatur". Was dann natürlich keine Rolle spielt.
Und wie kommst Du auf's Funktionale? Der Schlußsatz oben verweist auf's Funktionale, aber sonst eigentlich nix im Text oben ...
Und erzähl mir mal irgendeinen Bereich jeneseits des Gerede über Kunstmärkte, wo künstlerische Zugangsweisen zu Welt Relevnaz zukommt .... die Leute laufen wie die Bekloppten durch die MoMa-Ausstellung, um mal Promis wie Renoir zu gucken, aber das war's doch eigentlich.
Verfasst von: MomoRules | 10.09.07 08:16
Aber genau das ist doch meine Frage - wo und in welcher Form soll den der künstlerische Zugang Relevanz für was bekommen? Das ist mir einfach unklar.
Verfasst von: Karsten | 10.09.07 11:46
Na, zu wissen, wie Welt ist ... sie zu erfahren ...
Verfasst von: MomoRules | 10.09.07 12:51
wieso fehlt der kunst intersubjektivität? völlig unklar.
Verfasst von: T. Albert | 10.09.07 14:25
hat jemand ne Idee, wie diese heutige naturwissenschaftliche Totalisierung im Konzert mit künstlerischer (Selbst?)Banalisierung zustande kam, irgendwie in den 60er und 70 er (wenn man die 80 er und 90 er v.a. als Zitat erlebt hat :)
War jemand von euch dabei?
Verfasst von: Fragezeichen | 11.09.07 20:28
@?
klar, ich war dabei, mit etwas Bewusstsein seit 1972, 73 und mit etwas mehr Bewusstsein seit 77, 78. Die 60er bezieh ich einfach mit ein, weil vieles davon erst in den 70ern wichtig wurde. Ausserdem hab ich ja in den 60ern mit etwas weniger Bewusstsein seit 59 auchh schon gelebt, in einem Haus der künstlerischen Selbstaufwertung, sozusagen.
Was meinste denn mit Selbstbanalisierung in den 60ern? Das war doch alles superspannend bis 1985, um mal irgendein Datum zu markieren.
Verfasst von: T. ALBERT | 11.09.07 23:52
@T. Albert
Mit "Selbstbanalisierung" meine ich die Differenz zw. der inhaltsreichen Kritik nicht nur am (damals formal schon in sich widersprüchlichen) "Positivismus", sondern v.a. auch am "Repräsentationalismus" (Rorty) von Naturwissenschaft und Technologie, welche nach dem 2. WK formuliert wurde (u.a. nur als Schlagworte mit Strukturalismus, Konstruktivismus, Dekonstruktion etc. wer sich da besser auskennt, korrigiere mich :) und dem was davon heute noch einem breiteren Publikum vermittelt wird - den "Marktzwängen" als z.B. Museum nachzugeben, obwohl ein so mächtiger kritischer Apparat zur Verfügung steht/stand wirkt auf mich wie "Selbst-Entleibung". Oder kürzer: warum ist das von MR ausgeführte der selbstbewußte Kampfruf jeder Ausstellung, offensiv vertreten und dem Laien verständlich gemacht?
was in den 60er und 70er los war ist mir eigentlich nicht ganz klar - sozusagen der Ünergang von den ersten großen Kritiken hin zu dem was ich in den 80 er nur noch als Zitat und in den 90er als Verbeugung vor der Reaktion empfunden habe
Verfasst von: Fragezeichen | 12.09.07 09:31
Ups, soll heißen
"warum ist das von MR ausgeführte NICHT der selbstbewußte Kampfruf jeder Ausstellung, offensiv vertreten und dem Laien verständlich gemacht?"
Verfasst von: Fragezeichen | 12.09.07 09:34
Ich kann nur Nemesis zustimmen, der kreative Wissenschaftler ist erstaunlich oft ein musischer Mensch.
Nemesis nannte Einstein. Einstein hat zum Beispiel bei Max Planck gespielt. Der war als Musiker so begabt, daß er selbst komponieren und mit Joseph Joachim Kammermusik spielte. Die Aufführungen im Hause Planck waren legendär. Daran beteiligten sich auch andere Naturwissenschaftler, zum Beispiel Max von Laue.
Ich weiß nicht, ob dir der Name Hans Günther Sohl etwas sagt, bis 1973 Chef bei Thyssen und auch BDI-Chef. Der fragte jeden jungen Ingenieur, ob er Klavier spielen könnte. Wenn du das verneinen mußtest, war er enttäuscht. Er spielte sehr gut Klavier und komponierte auch. Zum Beispiel das Lied, daß bei seiner Hochzeit gespielt wurde.
Es gibt allerdings auch Wissenschaftler, die ohne die geringste musische Begabung sehr kreativ sein können.
In einem Punkt hast du recht. Ein aktives musisches Interesse ist unter heutigen Naturwissenschaftlern und Ingenieuren eher selten.
Verfasst von: Libero | 24.09.07 14:20
Libero! Welcome! Habe Dich neulich auch verwechselt, als ich drüben bei den B.L.O.G.s schrub, daß ich nicht gedacht hätte, Dir zustimmen zu können! Da hatte ich jemand anderes im Kopf.
Paßt auch ziemlich gut in mein eigenes Weltbild, was Du schreibst.
Was mich ja immer nur ärgert, das ist diese so weit verbreitete Attitude, Faktenhuberei und unmittelbare Verwertbarkeit einerseits und Kreativ-Musisches andererseits gegeneinander auszuspielen. Und das treibt mich dann immer dazu, mich auf die Seite des Musischen zu schlagen. Im Grunde genommen ist das aber tatsächlich verschränkt, und die doofen Positivisten wollen einfach nur herrschen ;-) .... was für Einstein eben nicht galt.
Verfasst von: MomoRules | 24.09.07 21:48
Ich hab am Anfang bei BLOG immer Libero und Llarian verwechselt. Könnte bei Dir auch der Fall gewesen sein. :)
Wenigstens verstehe ich jetzt aber, was Dean meint.
Verfasst von: Karsten | 25.09.07 08:14