" /> Metalust & Subdiskurse: Oktober 2007 Archive

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18.10.07

Mach's wie Knopp '97!

"In der Befreiung der Form, wie alle genuin neue Kunst sie will, verschlüsselt sich vor allem anderen die Befreiung der Gesellschaft, denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis; darum ist die befreite Form dem Bestehenden anstößig. Gestützt wird das von der Psychoanalyse. Ihr zufolge begehrt alle Kunst, Negation des Realitätsprinzips, gegen das Vaterprinzip auf und ist insofern revolutionär. Das impliziert objektiv politische Teilnahme des Unpolitischen. (...) Heute ist das sozialkritische Moment der Kunstwerke zur Opposition gegen die empirische Realität als solche geworden, weil diese zur verdoppelten Ideologie, zum Inbegriff von Herrschaft wurde."


Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995 (13. Auflage), S. 379

15.10.07

Was ich nicht verstehe ...

Es gibt verschiedene Formen des Sprachgebrauchs und unterschiedliche Bedeutungebenen.

1.) Es gibt Aussagesätze - "es ist der Fall, daß p". Es gibt Sätze, die eine moralische Regel als richtig oder falsch bezeichnen - "Es ist richtig, jemandem zuzuhören". Es gibt evaluative Sätze "Donna Summer finde ich super", "MomoRules finde ich bräsig".

Das enstpricht, ganz stark vereinfacht, den 3 Kritiken Kants: Erkenntnistheorie, Moral, Ästhetik, wobei letztere immer schon einen am schwersten zu fassenden, eigenen Sprachbereich für sich in Anspruch nehmen konnte. Auf evaluativen Sprachgebrauch ist sie nicht zu reduzieren, da fängt sie aber gewissermaßen an.

Diese Bereiche sind wechselseitig aufeinander beziehbar, man kann auch moralische Fakten konstatieren, ästhetisch zu Erkenntnissen gelangen oder Kunst moralisieren; Kant hatte gute Gründe, so dicke Bücher dazu zu schreiben, um dergleichen auseinander zu dröseln.

Das sind 3 Rationalitätstypen, die man wohl als die Basis-Typen begreifen kann. Rationalitätstypen sind das deshalb, weil sich jeweils Gründe dafür angeben lassen, warum etwas richtig, wahr oder gut ist.

"Gut" ist freilich insofern ein Problem, weil viele es als Ausgangspunkt für Moral begreifen. Das halte ich für falsch und begründe das hier mal nicht, weil das zu weit führte. Rationalität ist auch nicht auf Begründung reduzierbar, aber Begründung gehört schon mit dazu.

2.) Es gibt den expressiven Sprachgebrauch "Arschloch", "Aua!", "Ich liebe Dich". Das Expressive selbst läßt sich nicht im selben Sinne begründen, wie man eine Regel begründet; man kann aber begründen, warum man wütend, traurig, verstimmt oder bester Laune ist. Nicht immer, aber oft.

3.) Es gibt Befehle, Versprechungen und Beschimpfungen, also das, was man als "performativ" zu begreifen gelernt hat, wenn man sich damit beschäftigt hat.

Einen Sonderstatus dieses Appellativen haben "Soll"-Sätze, die nicht immer, aber oft, sich aus der moralischen Begründung von Handlungsregeln ergeben: "Du sollst nicht töten".

Ebenso können aber aus den anderen Rationalitätstypen solche Imperative abgeleitet werden: "Du sollst eine Hypothese formulieren, bevor Du losforscht", "Du sollst zeichnen lernen, bevor Du mit Ölfarben malst" usw.

Häufig sind diese Imperative auch mit Sanktionsdrohungen verknüpft; als moralisch relevant können primär jene bezeichnet werden, bei denen es um das Verhalten anderen Menschen und wohl auch Tieren gegenüber geht.

Solche Imperative sind auch als Konventionen begreifbar, die ggf. daraufhin abgeklopft werden können, ob sie begründbar sind oder auch nicht und machen wohl einen Teil dessen aus, was wir Kultur nennen.

4.) Es gibt neben dem "reinen" Sprachgebrauch ein weites Feld von "Mischfomen": Metaphern, Allegorien, Ironie; das jetzt alles aufzuführen, das führte zu weit.

Die alltägliche Sprachverwendung nutzt diese nicht minder intensiv als literarische Techniken; "Heulsuse" ist ja nur teilweise buchstäblich konstatierend gemeint, sondern immer auch expressiv und metaphorisch, als Sprach-Bild.

5.) Es gibt neben der eingangs erwähnten Begründung eines Satzes, einer Regel, einer ästhetischen Vorstellung noch den Typus dessen, was Max Weber "Zweckrationalität" nennt. Bei Habermas ist das die strategische Rationalität, bei Horkheimer/Adorno die instrumentelle Vernunft.

Diese formuliert Mittel, um bestimmte Zwecke zu erreichen, die berühmte Mittel-Zweck-Relation, der Kant dann den Mensch als Zweck an sich selbst in moralischer Hinsicht entgegenstellte.

Man sagt also nicht etwa etwas, weil man das begründet für richtig oder wahr hält, was man sagt, sondern weil man etwas ganz anderes damit erreichen will: Mitarbeiter motivieren, andere Blogger in die Pfanne hauen, Wahlen gewinnen. Man kann die Wahl des Mittels natürlich auch begründen, die Aussage selbst verfolgt aber jenen instrumentellen Zweck (ja, doppelt gemoppelt), der auch wieder begründungsfähig ist.

Das ist zugleich, über Sprache hinausgehend, das Modell des "homo oeconomicus", der Nutzenkalküle anstellt und sich dann fragt, wie er sein Ziel am besten erreicht.

Der also z.B. den Kuchen fair aufteilt, weil er eine bestimmte Reaktion des Gegenübers gedanklich antizipiert - und nicht, wie 1.) folgend, darüber diskutiert, welche Teilungsregel mit guten Gründen, z.B. dem "Leistungsprinzip", also: "wer hat zum Backen am meisten beigetragen," denn nun die richtige sei.

Habermas hat auf dieser natürlich eleganter und komplexer begründeten und ausgearbeiten Unterscheidung seine ganze Gesellschaftstheorie aufgebaut. Seiner Ansicht nach ist 5.) genetisch sekundär zu 1.) zu verstehen, und wie er all das nun mit 3.) verknüpft, das lasse ich hier mal offen.

Weil, was ich nicht verstehe, ist z.B., wie man 1.) anhand von 5.) interpretieren kann, wenn man mit jemandem kommuniziert.

Das muß irgendwas mit den Theorien, die man sonst so im Kopf hat, zu tun haben. "Es ist der Fall, daß p" bewegt sich ja noch gar nicht in einer Mittel-Zweck-Relation, man will zunächst nur konstatieren und nicht gleich irgendetwas damit erreichen, daß man etwas konstatiert, man hat einfach nur gute Gründe, es für wahr zu halten.

Für bestimmte, moderne Zeitgenossen scheint das so dermaßen unbegreiflich, daß es sowas gibt, daß sie ganze Abfolgen von Blogeinträgen verfassen um zu belegen, was EIGENTLICH gesagt wird, indem sie irgendwelche Strategien hineininterpretieren. Ich meine, mal ganz im Ernst, das ist doch schrecklich für denjenigen, wenn der schon gar nicht mehr glaubt, daß Andere wirklich das für wahr und richtig halten, was sie sagen und schreiben!

T.Albert hat das jüngst folgendermaßen zusammengefaßt:

“Wie verfangen im eigenen Sprachgebrauch muss man eigentlich sein, bis man im eigenen Kopfe nur noch damit beschäftigt ist, das vermutete Eigentliche herauszufinden, nicht nur bei anderen, sondern sogar bei sich selbst?”

Weil, wenn man auch noch mit sich selbst so umgeht, daß man also ständig die Strategien, denen man eigentlich folgt, während man was sagt, analysiert, dann ist man verdammt nahe an der Psychoanalyse. Das ist ziemlich scheußlich, ich kenne das noch von früher, wenn man so mit sich umgeht.

Man hat zwar sehr viel mehr Probleme, wenn man z.B. expressiv durch die Gegend spaziert, in unseren Kulturen wird das gar nicht gern gesehen, aber das kann man ja begründet völlig falsch finden.

Wenn man nicht aufpaßt, dann ist es allerdings tatsächlich im freien Wirtschaftsleben so, daß man nur noch strategisch denkt, das macht den Kapitalismus ja so Scheiße. Im Umgang mit der Staatsmacht in der DDR wird das aber noch arg verschäft der Fall gewesen sein.

Genau so grotesk ist es übrigens, 2.). 3.) und 4.) wie 1.) zu interpretieren (um dann am besten das wiederum im Sinne von 5.) zu deuten, Hallejuha; manche machen das den ganzen Tag in Kommunikationen und glauben dann sogar, sie betrieben Metakommunikation; natürlich halten sie für wahr, was sie schreiben, das ist es aber nicht), wie jüngst geschehen.

Z.B. die berühmten Nazi-Vergleiche werden häufig auch im Sinne von 2.), 3.) und 4.) verwendet: Als Beschimpfung, als Metapher oder auch als reiner Gefühlsausdruck.

Im Falle von Beschimpfungen fallen ja oft auch 2.) und 3.) zusammen, weil man z.B. auch wirklich jemanden verletzen will, deshalb sind die ja auch oben schon doppelt aufgeführt. Und häufig, nicht immer, fallen dann auch 3.) und 5.) zusammen.

Bei Imperativen erscheint 5.) auch immer der Fall zu sein, da muß man aber schon noch schauen, ob nun 1.) dem nicht vorgängig ist, das Sollen also selbst begründet ist. Bei 5.) ist die Begründung nicht die eines Satzes, sondern immer die, wie ein Ziel zu erreichen ist.

Ja, und so entstehen dann diverse Dilemmata, gerade in Blog-Diskussionen, wo seltsamerweise Identitätsfragen so dominant sind; wie man aber konstant 1.) und 5.) durcheinander bringen kann und 4.) sowieso nicht zu lesen vermag, das verstehe ich wirklich nicht ...

13.10.07

Über Form und Verständlichkeit oder wie man neue Erfahrungen macht

"Das gelungene Werk führt die Erfahrenden nicht aus der Welt ihrer Erfahrung heraus oder setzt sie von dieser frei: es gibt ihnen die Freiheit, sich zu ihrer Erfahrung erfahrend zu verhalten."
Martin Seel

Was jetzt freilich nur der Rezeption betrifft.

Auf Seiten jeglicher Form von Produktion, sei es nun Kunst,. Wissenschaft. Rechnungswesen oder Rasen harken, ist ja diese regulierte oder freie Tätigkeit jene Erfahrung, zu der ich mich in der Kunstrezeption dann erfahrend verhalte.Insofern trete ich auch nicht aus der Welt heraus, klar, aber ich erkunde sie erfahrend permanent, und wenn ich irgendwas bin, dann eben meine Erfahrungen.

Einige Erfahrungen vergesse ich, andere nicht, einige wollte ich machen, andere nicht, und Medien meiner Erfahrung sind notwendig Sprache, Licht, Stofflichkeit, Luft etc., Vorraussetzung ist Sinnlichkeit.

Es braucht kein konstituierendes Subjekt, kein Ich, um Erfahrungen zu machen, sondern das, was man Selbst oder Ich nennen kann, ist selbst ein Mich-zu-mir-und-meinen-Erfahrungen-Verhalten (Heidegger, Tugendhat usw.). Und Handlungsdispositionen, aber das führte jetzt zu weit.

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wixen, mich schick anziehen, Zukunftspläne schmieden, über mich grübeln - so oder so ist die Struktur dann reflexiv, ja, auch beim Wixen. Wenn ich aber malend ein Gesicht, eine Figur, eine Fläche, eine Farbe erkunde, dann kann ich das geplant, reflexiv tun, oder eben einfach so. Bei Sartre, Merleau-Ponty und anderen wird dieses "immer schon" des In-der-Welt-Seins (Heidegger) das Präreflexive genannt. Medium der Erfahrung im Beispiel ist dann der Umgang mit Farbe in Relation zu einem Gegenüber.

Wenn ich potenziell, nicht faktisch, anderen diese Erfahrung erklären kann, dann ist sie rational. Wenn nicht, dann irgendetwas anderes. Was ja auch nicht schlimm ist. Ein-Mich-Einlassen auf den 2. Akt von "Tristan und Isolde" kann zu echten Auflösungserscheinungen in dieser Erfahrung führen; ebenso ein LSD-Trip, und der eine oder andere kam ja auch nicht zurück.

Generell ist es aber möglich, sich verstehend zu dem zweiten Akt von "Tristan und Isolde" zu verhalten. Ich glaube mit Herbert Schnädelbach, daß es möglich ist, Rationalität ganz generell als "Verständlichkeit" zu explizieren.

Das heißt nun aber nicht "unmittelbar für jeden gleich und sofort verständlich". Manchmal muß man sich halt auch anstrengen. Etwas als rational begreifen heißt, die prinzipielle MÖGLICHKEIT des Verständlichwerdens einzuräumen.

Verstehe ich vielleicht in konkreten, materialen Analysen von Milton Friedman in Sachen Ökonomie am Anfang kein Wort, so kann kann ich mir dieses Verständnis erarbeiten. Dann wandelt sich für mich die Vielfalt möglicher Erfahrung, und das kann ich verwirrend, toll, bereichernd, wie auch immer finden; an dem, was Herr Friedman beschreibt, ändert sich aber nix.

Mit anderen Worten: Kein Verstehen ohne Vorverständnis. So entstehen auch die meisten Mißverständisse, und Vorverständnisse prägen die Wahrnehmung. Wenn ich glaube, daß alle Menschen anhand von Nutzenkalkülen agieren, dann interpretiere ich deren Handeln eben im Rahmen eines Vorverständnisses von Nutzenkalkülen. Zum Beispiel.

Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn ich mit Burka durch die Gegend laufen würde. Ich, in meiner sozialen Position, würde das wahrscheinlich einerseits als befreiend erfahren: Keiner stiert mehr auf meinen Bauch (macht eh keiner, aber es gibt Tage, da glaubt man das), ich springe auf einmal in eine andere Geschlechtsidentität, kann gucken, aber nicht wirklich gesehen werden, und quälend wären wohl vor allem jene, die mich voller Hass anstarren und glauben, ich hätte 'ne Bombe unter der Bekleidung versteckt. Auch, wenn ich flirten wollen würde, fiele mir das schwer. Egal: Die Erfahung wäre für mich neu, weil ich eine neue Form wählen würde.

Es gibt ja in der ansonsten von mir verhaßten Neurosenlehre die These, daß Neurosen eine permanent Inszenierung des immer gleichen Scheiterns wären. Ein Wiederholungszwang, der einen auch eigentlich neue Situationen, bezogen auf alte Erfahrungen, als bekannt erscheinen läßt. Die aus dem Vorverständnis erwachsende Situationswahrnehmung führt dazu, daß man gar nicht auf sie, sondern auf vorformulierte Schemata reagiert.

Das gleiche gilt meiner Ansicht nah für Sozial- und Wirtschafstwissenschaften wie auch für Humanwissenschaften: daß man deduktiv anhand bisheriger Begriffsmuster vorgeht, und daß die dann auch nur bestimmte Ergebnisse erlauben. Wie in einer Neurose. Weil der Vorteil der Neurose ja ist, daß sie vor neuen Erfahrungen schützt. Neurosen geben Sicherheit. Man erlebt keine unangenehmen Überraschungen. Und die perfektesten Neurosen sind jene, die reproduzierbare Erfahrungen hervorbringen ... sozusagen die Bestätigung im Experiment. In all den Ausführungen steckt übrigens das platonische Menon-Paradox, für die, die's interessiert,

Schon Freud wußte: Da hilft nur eines Nämlich das freie Assoziieren. Das kann ein Verständlich-Werden sein. Das hat eine andere Logik, weil es Erfahrungen anders verknüpft.

Das kenne ich auch aus der Arbeit so: Man reproduziert irgendwann nur noch etablierte Erzählformen und Darstellungweisen und dadurch auch sehr ähnliche Ergebnisse hinsichtlich dessen, was man erzählt. Irgendwann determiniert dann die Form die Darstellung und somit auch das Dargestellte, und man wird so richtig falsch. Gibt ja dieses Bonmot, daß ein Künstler, der seinen Stil gefunden habe, diesen verloren habe, so ungefähr ist das, und deshalb sprach Adorno davon, daß die Kulturindustrie nur noch Stil hervorbringe.

Das Prinzip alles Boulevardesken ist die wertende und klischeebehaftete Personalisierung, und alle Erzählformen, die "menscheln" wollen, sind drum stets in Gefahr, boulevardesk zu sein. Und Kontext und Relationen zu eliminieren. Aus startegischen Gründen: Um zu unterhalten, zu diffamieren, weil das unterhält, usw..

Raus kommt man da nur und ausschließlich über das freie Assoziieren zu dieser Person, die man darstellen will, weil man so Klischees umschifft. Auch, indem man kontextualisiert und Relationen herstellt. Der berühmte Regenschrim auf dem OP-Tisch und der Flaschenständer im Museum sind ja Möglichkeiten, etablierte Erkennntnisweisen aufzubrechen.

Das wußte schon Kafka, dessen Talent habe ich nicht; Neues erfahren will ich trotzdem. Auch schreibend.

Und wenn Anderen das als Verwirrung erscheint, dann habe ich alles richtig gemacht ... dann haben die die Wahl, ihre formalen Klischees sich zu bewahren und in ihren magischen Kreisen stehen zu bleiben oder auch nicht. Und ich bin einen ganz kleinen Schritt weiter ... wer will das Leben schon nur konsumieren? Ich zumindest nicht.

08.10.07

Angst essen Seele

Irgendjemand witzlte ja schon vor dem Spiel drüben im Fan-Fourm, daß wir sowieso wieder so spielen wie Dortmund. Vom Ergebnis her. War dann ja wirklich so, erstaunlich.Wie eigentlich das ganze Spiel erstaunlich war.

In der ersten Halbzeit hätten wir 5 bis 10 zu 0 führen und eigentlich nicht nur einen, sondern 3 Elfmeter erhalten müssen, Charles Takyi gab den Verteiler-Gott und Kuru ergänzend den Chancentod, Marvin Braun war Mann des Spiels, und glaubt man Bernd Heiser, was schon Tschechow wußte, daß nämlich Slapstick, das inszenierte Scheitern am eigenen Unvermögen, das Stolpern und so, der Entkunstung der Kunst flieht, dann haben unsere Jungs da eine Mega-Performance hingelegt.

Weil nach 35 Minuten aus unerfindlichen Gründen die Angst Seele auffraß, und was vorher tatsächlich noch lustig war, wurde sooo kläglich.

Da aber wahrer Kunst die Bedürftigkeit inhärent ist, war das eine wirklich außerordentlich ausgefeilte, soziale Plastik am Millerntor. Auch die Dummheit und Willkür der Macht war der Dramarturgie bestens integriert: Der Linienrichter da vor unserer Haupttribüne versagte völlig, und so einen Heimschiedsrichter habe ich in all den Jahren auch noch nicht gesehen: Wie der den Paderborner Kader dezimierte, da war schon erstaunlich, insbeondere, weil deren Nummer 9 von uns gar nicht zu zähmen war, daß er nun ausgerechnet den vom Platz stellte, das erstaunte in der Tat.

Die Rettung war's trotzdem nicht, je weniger die Paderborner wurden, desto besser spielten sie, und unsere Helden mutierten zum mobilen Elendhaufen - zwei mehr und doch doppelt so schlecht.

Wie kommt sowas? Gruppenpsychologie ist ja eigentlich ein ganz spannendes Thema, wie Triebsubblimierung des sozialen Systems kam mir das auch nicht vor, eher gegenteilig, also, Jungs, wen Furcht vor dem Verlieren prägt, der tut das zumeist auch, wenn nicht zufällig ein Schiedsrichter hilft, und wer nix mehr zu verlieren ha, so wie die Paderborner gestern, wird wahr und gut und schön. Völlig verdient haben die sich unserern Applaus vor dem Clubhaus, als deren Bus von dannen fuhr, und irgendwie hätte man denen ja schon noch 'nen Punkt gegönnt.Nicht beim Blick auf die Tabelle, aber so ganz grundsätzlich.

Daß unsere Mannschaft das alles dann wenigstens ganz ähnlich sah und wohlweislich auf die Welle verzichtete, das versteht sich von selbst. Ebenso die ganzen Che-Flaggen auf der Gegengeraden. In Mönchengladbach schwenkt man wahrscheinlich Batista ...

04.10.07

Das Gerede des "Man,", Treu und Glaube: Der Hai von Damien Hirst

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Quelle
(via rebelart)

Wie der Verwirrung Herr werden? Oder warum eigentlich?

Manchmal verbringt man Tage, die wie die Weißwäsche im Schleudergang dann einfach weiter rotieren im eigenen Hirn und nicht zueinander finden.

Total unproduktiv.

Weil man Subkulturen durchforstete und im Zentrum der Stadt auch alle Restaurants dicht hatten. Weil Sonntag war. Das ist wohl so in Zürich, daß nur Steakhäuser offen haben am Sonntag. Zürich ist eine sonntagstote Stadt, und im Steakhaus gucken die Kellner zwischen verschnupft und arrogant, als seien sie Kontrolleure für Integrationskurse in's gehobene Kleinbürgertum. Schon deshalb, weil da lauter Schönlinge wie aus der Ski-Anzug-Werbung ihre stumpfen Tussen ausführen und man dazwischensitzt und Status nicht zu signalisieren bereit ist.

In Steueroasen der Superreichen, Briefkasten-Firmen-Anballungen mit traumhaft kitschigem Seeblick hat man derlei Distinktionsgehabe nicht mehr nötig. Da ist man fast schon liebevoll freundlich zum underdressten Freak aus dem hohen Norden, druckt ihm noch die Zugverbindungen nach Zürich zurück aus und amüsiert sich darüber, daß er mit Schweizer Franken wie mit Geld überhaupt nicht umgehen kann, während er ständig Münzen mit falschen Wertigkeiten auf dem Thresen verteilt und so die richtige Summe nicht trifft.

Dann lauscht man ehmaligen kapitalstarken Ex-Kulturstiftungsvorsitzenden, höchstrangigen Ex-Siemens-Managern, Personalumsattelungsunternehmern und einem Pfarrer, während sie über "Kultur - Spiritualität - Kapitalismus" diskutieren und wähnt sich inmitten der Blogosphäre. Kaum ein Argument, das nicht in irgendeiner Form hier im verbalen Gerangel mit den Liberalen irgendwann erwähnt worden wäre, wird dort im schnieken Kunsthaus ausgestoßen.

Der Pfarrer witzelt darüber, daß eine Marketingagentur als sein "Produkt" die Stille identifiziert habe und verteidigt den Hai von Damien Hirst: Er habe davor gestanden und den als erhaben empfunden. Der ehemalige Kulturstiftungsvorsitzende kann diese Perspektve nicht teilen, findet den Hai von Damien Hirst doof und erläutert ansonsten plausibel, wie das Hire & Fire kontraproduktiv sei aus all den Gründen - Indentifikation mit dem Unternehmen usw. -, die ich ich hier auch immer schilder.


Am pfiffigsten, natürlich, der Ex-Siemens-Manager; er lobt den Personalumsattelungssunternehmer für dessen spirituelle Tätigkeit, weil er ja anderen helfe; fordert das Ersetzen von "Kapitalismus" durch "Marktwirtschaft" im Diskussionsthema, weil alles andere ja ideologisch belegt sei, "Marktwirtschaft" hingegen nicht.

Er hat vorher Definitionen nachgeschlagen, außer für Kultur, was sich rächt, weil konstant "Kunst" und "Kultur" im folgenden durcheinander gewürfelt werden. Einer aus dem Publikum merkt das auch an, viel zu spät im Gerangel der Aussagen, die so allgemein sind, daß sie weder wahr noch falsch sein können; in der Tat ist's wieder Heinz Felsner, Ex-Siemens, der Thesen ausgräbt, mit denen man in der Tat was anfngen kann, ob man sie nun teilt oder nicht: Daß nämlich das Führen eines Unternhemers der Arbeit eines Künstlers gleiche, und daß er in der konkreten, verlinkten Ausstellung etwas über die Betonung des Prozessualen in der Kunst gelernt habe.

Dann sitzt man nach Ende der Veranstaltung mit dem Künstler, der dies alles hochinspirierend als soziale Plastik begreift, diese Diskussion im Museum als solche, in einer holzvertäfelten Kneipe inmitten des Schweizer Kleinstadtidylls; ja, es ist reine Subkultur, dieses Milliardärs-Städtchen, allerreintse "Parallelgesellschaft", zur Integration fordert die jeodch keiner auf; die Barhocker sind mit Kuhfell bezogen, und weiß auch nicht mehr, wie das zum Morgen des selben Tages in Bezug zu setzen ist. Bis es dämmert: Komischerweise wurde bei der Veranstaltung nur über Funktionsbestimmungen von Kultur und Spiritualität und Kapitalismus geredet, aber nicht über Kunstwahrheit, Gott oder Herrschaft. Abgesehen von dem Hai von Damien Hirst und dem Einwurf des Künstlers im Rahmen der Diskussion, daß doch das Anbeten und Beindrucktsein vom gigantischen Preis mancher Kuntwerke fast selbst wie Spiritualität erschiene. Was ja auch als Funktionsbestimmung lesbar ist.

Das war morgens noch anders, im ehemaligen Weintank der Stadt Zürich unweit der Sihlbahnstation Manegg. Da ging man nicht durch perfekt renovierte, Schweizer Stätdchen, sondern schritt selbstgezimmerte Holztreppchen hinab; feucht war's, ist ja klar, im kathedralenhaften Weintank, wo die Ausstellung gerade abgeräumt werden sollte.

Da ging's dann um Bedeutung und die Unmöglichkeit, keine zu stiften, weil Bedeutung immer schon überall ist; um die Möglichkeit der Annäherung an das Absolute in der Kunst, ob das denn möglich sei und ob's das überhaupt gäbe. Über die Schaffung von Tiefe ohne Perspektive im Bild, aber ohne den Kontrast warmer ud kalter Farben, wie Cézanne das dann machte; auch darum, wohin man eigentlich schaut, während man auf die Leinwand sieht - weil sie doch eigentlich nur den Blick auf die Wand dahinter versperrt. Was machen Künstler dazu motivierte, verzweifelt in sie hineinzuschneiden.

Wieso nun der "Off"-Bereich der Künste sowas fragt, während im Kunsthaus eine halbe Stunde weiter weg, man die Funktionsbestimmung umkreiste, das frage ich mich heute morgen noch und wohl auch noch in zwei Jahren. Weil mir die nörgelnden Adorniten da auch nicht weiter helfen.

Und weil eine der Milliardärinnen in ihrem die Runde in Zug prägenden Statement sagte, daß Treu und Glaube doch einfach unverzichtbar seien in "unserer Kultur". Und da ich diese Formulierung seit den 70ern nicht mehr gehört habe, läßt die mich nicht mehr los. Aus rein ästhetischen Gründen. Zunächst. Und ohne jeden Klassenkämpfergeist.

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de