Das Gerede des "Man,", Treu und Glaube: Der Hai von Damien Hirst
Wie der Verwirrung Herr werden? Oder warum eigentlich?
Manchmal verbringt man Tage, die wie die Weißwäsche im Schleudergang dann einfach weiter rotieren im eigenen Hirn und nicht zueinander finden.
Total unproduktiv.
Weil man Subkulturen durchforstete und im Zentrum der Stadt auch alle Restaurants dicht hatten. Weil Sonntag war. Das ist wohl so in Zürich, daß nur Steakhäuser offen haben am Sonntag. Zürich ist eine sonntagstote Stadt, und im Steakhaus gucken die Kellner zwischen verschnupft und arrogant, als seien sie Kontrolleure für Integrationskurse in's gehobene Kleinbürgertum. Schon deshalb, weil da lauter Schönlinge wie aus der Ski-Anzug-Werbung ihre stumpfen Tussen ausführen und man dazwischensitzt und Status nicht zu signalisieren bereit ist.
In Steueroasen der Superreichen, Briefkasten-Firmen-Anballungen mit traumhaft kitschigem Seeblick hat man derlei Distinktionsgehabe nicht mehr nötig. Da ist man fast schon liebevoll freundlich zum underdressten Freak aus dem hohen Norden, druckt ihm noch die Zugverbindungen nach Zürich zurück aus und amüsiert sich darüber, daß er mit Schweizer Franken wie mit Geld überhaupt nicht umgehen kann, während er ständig Münzen mit falschen Wertigkeiten auf dem Thresen verteilt und so die richtige Summe nicht trifft.
Dann lauscht man ehmaligen kapitalstarken Ex-Kulturstiftungsvorsitzenden, höchstrangigen Ex-Siemens-Managern, Personalumsattelungsunternehmern und einem Pfarrer, während sie über "Kultur - Spiritualität - Kapitalismus" diskutieren und wähnt sich inmitten der Blogosphäre. Kaum ein Argument, das nicht in irgendeiner Form hier im verbalen Gerangel mit den Liberalen irgendwann erwähnt worden wäre, wird dort im schnieken Kunsthaus ausgestoßen.
Der Pfarrer witzelt darüber, daß eine Marketingagentur als sein "Produkt" die Stille identifiziert habe und verteidigt den Hai von Damien Hirst: Er habe davor gestanden und den als erhaben empfunden. Der ehemalige Kulturstiftungsvorsitzende kann diese Perspektve nicht teilen, findet den Hai von Damien Hirst doof und erläutert ansonsten plausibel, wie das Hire & Fire kontraproduktiv sei aus all den Gründen - Indentifikation mit dem Unternehmen usw. -, die ich ich hier auch immer schilder.
Am pfiffigsten, natürlich, der Ex-Siemens-Manager; er lobt den Personalumsattelungssunternehmer für dessen spirituelle Tätigkeit, weil er ja anderen helfe; fordert das Ersetzen von "Kapitalismus" durch "Marktwirtschaft" im Diskussionsthema, weil alles andere ja ideologisch belegt sei, "Marktwirtschaft" hingegen nicht.
Er hat vorher Definitionen nachgeschlagen, außer für Kultur, was sich rächt, weil konstant "Kunst" und "Kultur" im folgenden durcheinander gewürfelt werden. Einer aus dem Publikum merkt das auch an, viel zu spät im Gerangel der Aussagen, die so allgemein sind, daß sie weder wahr noch falsch sein können; in der Tat ist's wieder Heinz Felsner, Ex-Siemens, der Thesen ausgräbt, mit denen man in der Tat was anfngen kann, ob man sie nun teilt oder nicht: Daß nämlich das Führen eines Unternhemers der Arbeit eines Künstlers gleiche, und daß er in der konkreten, verlinkten Ausstellung etwas über die Betonung des Prozessualen in der Kunst gelernt habe.
Dann sitzt man nach Ende der Veranstaltung mit dem Künstler, der dies alles hochinspirierend als soziale Plastik begreift, diese Diskussion im Museum als solche, in einer holzvertäfelten Kneipe inmitten des Schweizer Kleinstadtidylls; ja, es ist reine Subkultur, dieses Milliardärs-Städtchen, allerreintse "Parallelgesellschaft", zur Integration fordert die jeodch keiner auf; die Barhocker sind mit Kuhfell bezogen, und weiß auch nicht mehr, wie das zum Morgen des selben Tages in Bezug zu setzen ist. Bis es dämmert: Komischerweise wurde bei der Veranstaltung nur über Funktionsbestimmungen von Kultur und Spiritualität und Kapitalismus geredet, aber nicht über Kunstwahrheit, Gott oder Herrschaft. Abgesehen von dem Hai von Damien Hirst und dem Einwurf des Künstlers im Rahmen der Diskussion, daß doch das Anbeten und Beindrucktsein vom gigantischen Preis mancher Kuntwerke fast selbst wie Spiritualität erschiene. Was ja auch als Funktionsbestimmung lesbar ist.
Das war morgens noch anders, im ehemaligen Weintank der Stadt Zürich unweit der Sihlbahnstation Manegg. Da ging man nicht durch perfekt renovierte, Schweizer Stätdchen, sondern schritt selbstgezimmerte Holztreppchen hinab; feucht war's, ist ja klar, im kathedralenhaften Weintank, wo die Ausstellung gerade abgeräumt werden sollte.
Da ging's dann um Bedeutung und die Unmöglichkeit, keine zu stiften, weil Bedeutung immer schon überall ist; um die Möglichkeit der Annäherung an das Absolute in der Kunst, ob das denn möglich sei und ob's das überhaupt gäbe. Über die Schaffung von Tiefe ohne Perspektive im Bild, aber ohne den Kontrast warmer ud kalter Farben, wie Cézanne das dann machte; auch darum, wohin man eigentlich schaut, während man auf die Leinwand sieht - weil sie doch eigentlich nur den Blick auf die Wand dahinter versperrt. Was machen Künstler dazu motivierte, verzweifelt in sie hineinzuschneiden.
Wieso nun der "Off"-Bereich der Künste sowas fragt, während im Kunsthaus eine halbe Stunde weiter weg, man die Funktionsbestimmung umkreiste, das frage ich mich heute morgen noch und wohl auch noch in zwei Jahren. Weil mir die nörgelnden Adorniten da auch nicht weiter helfen.
Und weil eine der Milliardärinnen in ihrem die Runde in Zug prägenden Statement sagte, daß Treu und Glaube doch einfach unverzichtbar seien in "unserer Kultur". Und da ich diese Formulierung seit den 70ern nicht mehr gehört habe, läßt die mich nicht mehr los. Aus rein ästhetischen Gründen. Zunächst. Und ohne jeden Klassenkämpfergeist.


Kommentare
Danke für diesen Expeditionsbericht in eine Welt, die ich vermutlich niemals betreten werde. Es beruhigt mich, dass ich anscheinend nichts versäumt habe, wenn die Diskussionen auf dem selben Niveau ablaufen, wie die in Kleinbloggersdorf. Entzauberung der Welt der Reichen & Mächtigen.
Verfasst von: MartinM | 06.10.07 23:46
bloß: da geht es halt um die Verteilung von Kohle. Am Kunstmarkt zeigt sich exemplarisch, dass der Kapitalismus eine religiöse Struktur aufweist. Besonders im Stiftungswesen tritt das ja zutage. Da treten alte Muster der Heilsökonomie mit den Eigentumsverhältnissen und manchmal auch echter Kunstkennerei zu einer Konstellation zusammen, die eines nicht kennt: Ästhetische Erfahrung. Weil es das Chock-Moment im Eigentum (es stößt mir nicht mehr unvermittelt zu, denn es ist ja längst schon meins), in der Frage des Glaubens (woran? an wen? an was?) und in der Treue (zu wem? wozu?) suspendiert.
Verfasst von: lars | 08.10.07 11:30
Dieses Fehlen der Komponente ätshetischer Erfahrung hat mich ganz kirre gemacht ... und Treu und Glaube war im wertkonservativen Sinne globalsierungskritisch als Statement gegen entfesseltes Profitstreben gemeint. Habe ich sowahl unter Bezug auf's Christentum als auch im Sinne von Zuverlässigkeit, Nachhaltigkeit (wofür auch der Ex-Siemens-Manager sich einsetzt) etc. verstanden - gegen reine Wegwerfgesellschaft. Was in einem solchen Kontext irgendwie paradox wirkte ...
Verfasst von: Momo>Rules | 08.10.07 15:55
Dass die Dimension der ästhetischen Erfahrung fehlt, wundert mich nicht. Auch wenn im klassischen Kapitalismus eher die protestantische Ethik wirkt, weist die umstrittene Äußerung von Kardinal Meissner über Kultur, die religiös gebunden sein müsse, um nicht zu degenerieren / entarten, in die Richtung, die ich meine. Kultur ist in dieser Betrachtungsweise niemals Selbstzweck, oder gar sinnstiftend, sondern Mittel zum Zweck. Erst recht gilt das für die Kunst, die in dieser Weltsicht stets Mittel zum Zweck ist; die Frage, ob es ein schönes (aufwühlenden, ansprechendes, schockierendes, stimmungsvolles, dekoratives usw.) Kunstwerk ist völlig nachrangig, die Frage ist: erfüllt es seinen Zweck? Oder, nicht ganz so radikal: Hat das Bild einen Sinn?
Deshalb auch diese (für mich) merkwürdig freischwebenden Debatte um Bedeutung und die Unmöglichkeit, keine zu stiften, weil Bedeutung immer schon überall ist. Selbstverständlich gibt es Kunst ohne Bedeutung, Kunst, bei der die berüchtigte Lehrer-Frage "Was will der Künstler uns sagen?" ehrlicherweise mit "nichts" zu beantworten ist, und die Frage, warum der Künstler das Werk schuf, mit "nur mal so" beantwortet werden müsste.
Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, dann fällt mir ein, dass ästhetische Fragen auch da schon eine völlig untergeordnete Rolle spielten - wer eine gute Note in Textinterpretation (Deutsch) oder Bildinterpretation (Kunst), der spürte besser versteckten Absichten, versteckten Botschaften hinterher, am besten noch was mit "gesellschaftlicher Relevanz", anstatt sich in ästhetischen Betrachtungen zu ergehen.
Verfasst von: MartinM | 09.10.07 06:40