« Was ich nicht verstehe ... | Hauptseite

Mach's wie Knopp '97!

"In der Befreiung der Form, wie alle genuin neue Kunst sie will, verschlüsselt sich vor allem anderen die Befreiung der Gesellschaft, denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis; darum ist die befreite Form dem Bestehenden anstößig. Gestützt wird das von der Psychoanalyse. Ihr zufolge begehrt alle Kunst, Negation des Realitätsprinzips, gegen das Vaterprinzip auf und ist insofern revolutionär. Das impliziert objektiv politische Teilnahme des Unpolitischen. (...) Heute ist das sozialkritische Moment der Kunstwerke zur Opposition gegen die empirische Realität als solche geworden, weil diese zur verdoppelten Ideologie, zum Inbegriff von Herrschaft wurde."


Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995 (13. Auflage), S. 379

Kommentare

"...denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis; darum ist die befreite Form dem Bestehenden anstößig..."

Diese Analogie kann man vertreten, muß man aber nicht - ich sehe im Moment nicht, dass dies mehr vorbereitet als die Pointe am Schluss des Zitats.

Ich finde die umgekehrte Blickrichtung interessanter: woher stammt in der (europäischen?) Tradition der Kunstinterpretation der Drang, die Ästhetik der betrachteten Form mit allerlei politisch-sozialen Kategorien kurzzuschließen - am liebsten wenig aussagekräftige Begriffe (Harmonie, Existenzkampf, Entwicklung, Evolution, Natürlichkeit, Wettbewerb, ...)

"...Ihr zufolge begehrt alle Kunst, Negation des Realitätsprinzips,..."

Wie das? Ich dachte Kunst IST Realität, nur eine ALTERNATIVE und eben nicht diejenige, die ein Natur- oder Wirtschaftswissenschaftler sich erlaubt im Rahmen seiner ontologischen oder epistemologischen Axiome, sprich Glaubenssätze, zu benennen?

uups, statt "Harmonie" wäre "Kräfte-Gleichgewicht" in meiner Aufzählung passender. Dieser Versuch beweist mir aber immerhin wie sehr ästhetische Begriffe für die Beschreibung des Sozialen gebräuchlich sind - aber muß ich deshalb gleich die Form mit der Konstruktion des Sozialen gleichsetzen?

Na, das sagt schon 'ne Menge, das mit der Form. Als jemand, der auch mit ästhetisierten Formen sein Geld verdient, kann ich Dir bestätigen: Das trifft aber sowas von zu.

Und das RealitätsPRINZIP ist ja nicht die Realität, sondern sowas wie ein Filter, durch den man diese wahrnimmt. Somit ist alternativen Thematisierungen von Realität oder das Sich-Entziehen eben dieser Thematisierung immer schon etwas Politisches eingeschrieben, weil sich Politik auch über Wahrnehmungsfilter konstituiert. Und wenn man Darstellung verweigert, verweigert man eben auch negierend die Macht der Darstellung von Faktizität in anderen, gesellschaftlichen Feldern. Steht schon in der Bibel, eigentlich ;-) ...

Ich verstehe, an welches Beispiel Du hier denkst - nur scheint mir der Knackpunkt dann doch im "Als jemand, der auch mit ästhetisierten Formen sein Geld verdient..." zu liegen - mit dieser zusätzlichen Randbedingung wird das obige Zitat verständlich.

Wenn dagegen das Kunstwerk nicht im wirtschaftlichen Kontext (oder in einem der politischen Kommunikation / Repräsentation) steht, dann ist die obige Aussage einfach in ihrer Allgemeinheit erklärungsbedürftig.

"Somit ist alternativen Thematisierungen von Realität oder das Sich-Entziehen eben dieser Thematisierung immer schon etwas Politisches eingeschrieben, (...) verweigert man eben auch negierend die Macht der Darstellung von Faktizität in anderen, gesellschaftlichen Feldern."

Demnach ginge es um das *öffentlich gezeigte* Kunstwerk? Zumindest in einer ebenso bürokratisch wie gewinnorientiert gestalteten Form von Öffentlichkeit kann ich mir die von Dir angedeutete Kombination aus Machtausübung und Realitätsprinzip ausmalen.

Ich sehe dennoch noch nicht, wie Deine Interpretation mit dieser Aussage einhergeht : "...verschlüsselt sich vor allem anderen die Befreiung der Gesellschaft, denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis..." - im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sicherlich schon - aber jenseits davon?

In der Befreiung der Form verschlüsselt sich die, diese Befreiung, weil Formkritik eben die Verdoppelung aufbricht. Und setzt so auch ggf. das Einzlene, das Besondere frei von dem Diktat der sozialen Verhältnisse.

Der zugrundeliegende Kunstbegriff ist natürlich selber etwas an eine bestimmte historische Epoche Gebundenes. Vor der Moderne wäre er nicht denkbat gewesen, Dürer hätte man mit l´art pour l´art nicht kommen können, für Leonardo fielen individueller künstlerischer Ausdruck, Aufragskunst, Ingenieurwesen und Waffenkonstruktion in eins. "@darum ist die befreite Form dem Bestehenden anstößig" erklärt allerdings auch die Wahrnehmung des Historismus durch Teile der Kunsthistorie als reaktionär und der atonalen, zwölftonalen usw. Musik von Schönberg bis Ligety als progressiv. Ist auch mein Ansatz immer gewesen, in unseren postmodernen Zeiten (oder sind wir schon post-postmodern?)stellt sich aber die Frage, ob sich dies heute noch aufrechterhalten lässt. Und wie lassen sich neben der künstlerischen Avandgarde, die Adorno im Auge hatte, Subkulturen einordnen? Ist Punk nicht viel mehr widerständige Volkskunst (bzw. in diesem Fall Volxkunst) als das, was die Manifeste der Gruppe COBRA oder SPUR propagierten?

@Che:

Na, die Form vertritt eben in jeder historischen Phase die sozialen Verhältnisse, und auch ein Caravagggio hat ja z.B. mit Idealisierungen gebrochen. Glaube nicht, daß das an einen bestimmten Kunstbegriff gekoppelt ist. Auch das Sfumato von daVinci ist ja was anderes als Giotto. Und selbst der "Realismus" des Caravaggio ist ein Bruch mit dem bis dato geltenden Realitätsprinzip, daß das Heilige eben idealisiert sei und nicht etwa im Profanen aufzuspüren.

Glaube auch nicht, daß wir noch in postmodernen Zeiten leben, wir sind eher in einer hochgradig restaurativen Phase, einer der Re-Mythisierung, und da ist's eher nötig, an die philosophische Postmoderne mal wieder ganz deutlich zu erinnern ... und nicht an Aristoteles.

Punk ist der Versuch des Bruchs in der Kulturindustrie selbst, würde ich eher sagen, aber genau die von Horkdrono diagnostizierte Vereinnahmung erfolgte dann ja auch von Anbeginn an. Mal "The Great Rock'n'Roll Swindle" geguckt?

Kommentar schreiben

Mit freundlicher Unterstützung durch:
ringfahndung.de