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Was ich nicht verstehe ...

Es gibt verschiedene Formen des Sprachgebrauchs und unterschiedliche Bedeutungebenen.

1.) Es gibt Aussagesätze - "es ist der Fall, daß p". Es gibt Sätze, die eine moralische Regel als richtig oder falsch bezeichnen - "Es ist richtig, jemandem zuzuhören". Es gibt evaluative Sätze "Donna Summer finde ich super", "MomoRules finde ich bräsig".

Das enstpricht, ganz stark vereinfacht, den 3 Kritiken Kants: Erkenntnistheorie, Moral, Ästhetik, wobei letztere immer schon einen am schwersten zu fassenden, eigenen Sprachbereich für sich in Anspruch nehmen konnte. Auf evaluativen Sprachgebrauch ist sie nicht zu reduzieren, da fängt sie aber gewissermaßen an.

Diese Bereiche sind wechselseitig aufeinander beziehbar, man kann auch moralische Fakten konstatieren, ästhetisch zu Erkenntnissen gelangen oder Kunst moralisieren; Kant hatte gute Gründe, so dicke Bücher dazu zu schreiben, um dergleichen auseinander zu dröseln.

Das sind 3 Rationalitätstypen, die man wohl als die Basis-Typen begreifen kann. Rationalitätstypen sind das deshalb, weil sich jeweils Gründe dafür angeben lassen, warum etwas richtig, wahr oder gut ist.

"Gut" ist freilich insofern ein Problem, weil viele es als Ausgangspunkt für Moral begreifen. Das halte ich für falsch und begründe das hier mal nicht, weil das zu weit führte. Rationalität ist auch nicht auf Begründung reduzierbar, aber Begründung gehört schon mit dazu.

2.) Es gibt den expressiven Sprachgebrauch "Arschloch", "Aua!", "Ich liebe Dich". Das Expressive selbst läßt sich nicht im selben Sinne begründen, wie man eine Regel begründet; man kann aber begründen, warum man wütend, traurig, verstimmt oder bester Laune ist. Nicht immer, aber oft.

3.) Es gibt Befehle, Versprechungen und Beschimpfungen, also das, was man als "performativ" zu begreifen gelernt hat, wenn man sich damit beschäftigt hat.

Einen Sonderstatus dieses Appellativen haben "Soll"-Sätze, die nicht immer, aber oft, sich aus der moralischen Begründung von Handlungsregeln ergeben: "Du sollst nicht töten".

Ebenso können aber aus den anderen Rationalitätstypen solche Imperative abgeleitet werden: "Du sollst eine Hypothese formulieren, bevor Du losforscht", "Du sollst zeichnen lernen, bevor Du mit Ölfarben malst" usw.

Häufig sind diese Imperative auch mit Sanktionsdrohungen verknüpft; als moralisch relevant können primär jene bezeichnet werden, bei denen es um das Verhalten anderen Menschen und wohl auch Tieren gegenüber geht.

Solche Imperative sind auch als Konventionen begreifbar, die ggf. daraufhin abgeklopft werden können, ob sie begründbar sind oder auch nicht und machen wohl einen Teil dessen aus, was wir Kultur nennen.

4.) Es gibt neben dem "reinen" Sprachgebrauch ein weites Feld von "Mischfomen": Metaphern, Allegorien, Ironie; das jetzt alles aufzuführen, das führte zu weit.

Die alltägliche Sprachverwendung nutzt diese nicht minder intensiv als literarische Techniken; "Heulsuse" ist ja nur teilweise buchstäblich konstatierend gemeint, sondern immer auch expressiv und metaphorisch, als Sprach-Bild.

5.) Es gibt neben der eingangs erwähnten Begründung eines Satzes, einer Regel, einer ästhetischen Vorstellung noch den Typus dessen, was Max Weber "Zweckrationalität" nennt. Bei Habermas ist das die strategische Rationalität, bei Horkheimer/Adorno die instrumentelle Vernunft.

Diese formuliert Mittel, um bestimmte Zwecke zu erreichen, die berühmte Mittel-Zweck-Relation, der Kant dann den Mensch als Zweck an sich selbst in moralischer Hinsicht entgegenstellte.

Man sagt also nicht etwa etwas, weil man das begründet für richtig oder wahr hält, was man sagt, sondern weil man etwas ganz anderes damit erreichen will: Mitarbeiter motivieren, andere Blogger in die Pfanne hauen, Wahlen gewinnen. Man kann die Wahl des Mittels natürlich auch begründen, die Aussage selbst verfolgt aber jenen instrumentellen Zweck (ja, doppelt gemoppelt), der auch wieder begründungsfähig ist.

Das ist zugleich, über Sprache hinausgehend, das Modell des "homo oeconomicus", der Nutzenkalküle anstellt und sich dann fragt, wie er sein Ziel am besten erreicht.

Der also z.B. den Kuchen fair aufteilt, weil er eine bestimmte Reaktion des Gegenübers gedanklich antizipiert - und nicht, wie 1.) folgend, darüber diskutiert, welche Teilungsregel mit guten Gründen, z.B. dem "Leistungsprinzip", also: "wer hat zum Backen am meisten beigetragen," denn nun die richtige sei.

Habermas hat auf dieser natürlich eleganter und komplexer begründeten und ausgearbeiten Unterscheidung seine ganze Gesellschaftstheorie aufgebaut. Seiner Ansicht nach ist 5.) genetisch sekundär zu 1.) zu verstehen, und wie er all das nun mit 3.) verknüpft, das lasse ich hier mal offen.

Weil, was ich nicht verstehe, ist z.B., wie man 1.) anhand von 5.) interpretieren kann, wenn man mit jemandem kommuniziert.

Das muß irgendwas mit den Theorien, die man sonst so im Kopf hat, zu tun haben. "Es ist der Fall, daß p" bewegt sich ja noch gar nicht in einer Mittel-Zweck-Relation, man will zunächst nur konstatieren und nicht gleich irgendetwas damit erreichen, daß man etwas konstatiert, man hat einfach nur gute Gründe, es für wahr zu halten.

Für bestimmte, moderne Zeitgenossen scheint das so dermaßen unbegreiflich, daß es sowas gibt, daß sie ganze Abfolgen von Blogeinträgen verfassen um zu belegen, was EIGENTLICH gesagt wird, indem sie irgendwelche Strategien hineininterpretieren. Ich meine, mal ganz im Ernst, das ist doch schrecklich für denjenigen, wenn der schon gar nicht mehr glaubt, daß Andere wirklich das für wahr und richtig halten, was sie sagen und schreiben!

T.Albert hat das jüngst folgendermaßen zusammengefaßt:

“Wie verfangen im eigenen Sprachgebrauch muss man eigentlich sein, bis man im eigenen Kopfe nur noch damit beschäftigt ist, das vermutete Eigentliche herauszufinden, nicht nur bei anderen, sondern sogar bei sich selbst?”

Weil, wenn man auch noch mit sich selbst so umgeht, daß man also ständig die Strategien, denen man eigentlich folgt, während man was sagt, analysiert, dann ist man verdammt nahe an der Psychoanalyse. Das ist ziemlich scheußlich, ich kenne das noch von früher, wenn man so mit sich umgeht.

Man hat zwar sehr viel mehr Probleme, wenn man z.B. expressiv durch die Gegend spaziert, in unseren Kulturen wird das gar nicht gern gesehen, aber das kann man ja begründet völlig falsch finden.

Wenn man nicht aufpaßt, dann ist es allerdings tatsächlich im freien Wirtschaftsleben so, daß man nur noch strategisch denkt, das macht den Kapitalismus ja so Scheiße. Im Umgang mit der Staatsmacht in der DDR wird das aber noch arg verschäft der Fall gewesen sein.

Genau so grotesk ist es übrigens, 2.). 3.) und 4.) wie 1.) zu interpretieren (um dann am besten das wiederum im Sinne von 5.) zu deuten, Hallejuha; manche machen das den ganzen Tag in Kommunikationen und glauben dann sogar, sie betrieben Metakommunikation; natürlich halten sie für wahr, was sie schreiben, das ist es aber nicht), wie jüngst geschehen.

Z.B. die berühmten Nazi-Vergleiche werden häufig auch im Sinne von 2.), 3.) und 4.) verwendet: Als Beschimpfung, als Metapher oder auch als reiner Gefühlsausdruck.

Im Falle von Beschimpfungen fallen ja oft auch 2.) und 3.) zusammen, weil man z.B. auch wirklich jemanden verletzen will, deshalb sind die ja auch oben schon doppelt aufgeführt. Und häufig, nicht immer, fallen dann auch 3.) und 5.) zusammen.

Bei Imperativen erscheint 5.) auch immer der Fall zu sein, da muß man aber schon noch schauen, ob nun 1.) dem nicht vorgängig ist, das Sollen also selbst begründet ist. Bei 5.) ist die Begründung nicht die eines Satzes, sondern immer die, wie ein Ziel zu erreichen ist.

Ja, und so entstehen dann diverse Dilemmata, gerade in Blog-Diskussionen, wo seltsamerweise Identitätsfragen so dominant sind; wie man aber konstant 1.) und 5.) durcheinander bringen kann und 4.) sowieso nicht zu lesen vermag, das verstehe ich wirklich nicht ...

Kommentare

Ich wiederum verstehe noch nicht genau, warum du deinen vorherigen Blog-Eintrag nicht auch auf Fragen des Sprachgebrauchs/-verstehens beziehst: auch im Gebrauch der Sprache selbst ist ein"Vorverständnis" notwendig, oder nicht?

Ja, klar. Ich kann doch bei eh so langen Dingern nicht immer gleich alles diskutieren ;-) ...

Merci!

merci woll!

@T. Albert + Erik:

De rien!

(schreibst sich das so? Man, ist das alles lange her ...)

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