Über Form und Verständlichkeit oder wie man neue Erfahrungen macht
"Das gelungene Werk führt die Erfahrenden nicht aus der Welt ihrer Erfahrung heraus oder setzt sie von dieser frei: es gibt ihnen die Freiheit, sich zu ihrer Erfahrung erfahrend zu verhalten."
Martin Seel
Was jetzt freilich nur der Rezeption betrifft.
Auf Seiten jeglicher Form von Produktion, sei es nun Kunst,. Wissenschaft. Rechnungswesen oder Rasen harken, ist ja diese regulierte oder freie Tätigkeit jene Erfahrung, zu der ich mich in der Kunstrezeption dann erfahrend verhalte.Insofern trete ich auch nicht aus der Welt heraus, klar, aber ich erkunde sie erfahrend permanent, und wenn ich irgendwas bin, dann eben meine Erfahrungen.
Einige Erfahrungen vergesse ich, andere nicht, einige wollte ich machen, andere nicht, und Medien meiner Erfahrung sind notwendig Sprache, Licht, Stofflichkeit, Luft etc., Vorraussetzung ist Sinnlichkeit.
Es braucht kein konstituierendes Subjekt, kein Ich, um Erfahrungen zu machen, sondern das, was man Selbst oder Ich nennen kann, ist selbst ein Mich-zu-mir-und-meinen-Erfahrungen-Verhalten (Heidegger, Tugendhat usw.). Und Handlungsdispositionen, aber das führte jetzt zu weit.
Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wixen, mich schick anziehen, Zukunftspläne schmieden, über mich grübeln - so oder so ist die Struktur dann reflexiv, ja, auch beim Wixen. Wenn ich aber malend ein Gesicht, eine Figur, eine Fläche, eine Farbe erkunde, dann kann ich das geplant, reflexiv tun, oder eben einfach so. Bei Sartre, Merleau-Ponty und anderen wird dieses "immer schon" des In-der-Welt-Seins (Heidegger) das Präreflexive genannt. Medium der Erfahrung im Beispiel ist dann der Umgang mit Farbe in Relation zu einem Gegenüber.
Wenn ich potenziell, nicht faktisch, anderen diese Erfahrung erklären kann, dann ist sie rational. Wenn nicht, dann irgendetwas anderes. Was ja auch nicht schlimm ist. Ein-Mich-Einlassen auf den 2. Akt von "Tristan und Isolde" kann zu echten Auflösungserscheinungen in dieser Erfahrung führen; ebenso ein LSD-Trip, und der eine oder andere kam ja auch nicht zurück.
Generell ist es aber möglich, sich verstehend zu dem zweiten Akt von "Tristan und Isolde" zu verhalten. Ich glaube mit Herbert Schnädelbach, daß es möglich ist, Rationalität ganz generell als "Verständlichkeit" zu explizieren.
Das heißt nun aber nicht "unmittelbar für jeden gleich und sofort verständlich". Manchmal muß man sich halt auch anstrengen. Etwas als rational begreifen heißt, die prinzipielle MÖGLICHKEIT des Verständlichwerdens einzuräumen.
Verstehe ich vielleicht in konkreten, materialen Analysen von Milton Friedman in Sachen Ökonomie am Anfang kein Wort, so kann kann ich mir dieses Verständnis erarbeiten. Dann wandelt sich für mich die Vielfalt möglicher Erfahrung, und das kann ich verwirrend, toll, bereichernd, wie auch immer finden; an dem, was Herr Friedman beschreibt, ändert sich aber nix.
Mit anderen Worten: Kein Verstehen ohne Vorverständnis. So entstehen auch die meisten Mißverständisse, und Vorverständnisse prägen die Wahrnehmung. Wenn ich glaube, daß alle Menschen anhand von Nutzenkalkülen agieren, dann interpretiere ich deren Handeln eben im Rahmen eines Vorverständnisses von Nutzenkalkülen. Zum Beispiel.
Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn ich mit Burka durch die Gegend laufen würde. Ich, in meiner sozialen Position, würde das wahrscheinlich einerseits als befreiend erfahren: Keiner stiert mehr auf meinen Bauch (macht eh keiner, aber es gibt Tage, da glaubt man das), ich springe auf einmal in eine andere Geschlechtsidentität, kann gucken, aber nicht wirklich gesehen werden, und quälend wären wohl vor allem jene, die mich voller Hass anstarren und glauben, ich hätte 'ne Bombe unter der Bekleidung versteckt. Auch, wenn ich flirten wollen würde, fiele mir das schwer. Egal: Die Erfahung wäre für mich neu, weil ich eine neue Form wählen würde.
Es gibt ja in der ansonsten von mir verhaßten Neurosenlehre die These, daß Neurosen eine permanent Inszenierung des immer gleichen Scheiterns wären. Ein Wiederholungszwang, der einen auch eigentlich neue Situationen, bezogen auf alte Erfahrungen, als bekannt erscheinen läßt. Die aus dem Vorverständnis erwachsende Situationswahrnehmung führt dazu, daß man gar nicht auf sie, sondern auf vorformulierte Schemata reagiert.
Das gleiche gilt meiner Ansicht nah für Sozial- und Wirtschafstwissenschaften wie auch für Humanwissenschaften: daß man deduktiv anhand bisheriger Begriffsmuster vorgeht, und daß die dann auch nur bestimmte Ergebnisse erlauben. Wie in einer Neurose. Weil der Vorteil der Neurose ja ist, daß sie vor neuen Erfahrungen schützt. Neurosen geben Sicherheit. Man erlebt keine unangenehmen Überraschungen. Und die perfektesten Neurosen sind jene, die reproduzierbare Erfahrungen hervorbringen ... sozusagen die Bestätigung im Experiment. In all den Ausführungen steckt übrigens das platonische Menon-Paradox, für die, die's interessiert,
Schon Freud wußte: Da hilft nur eines Nämlich das freie Assoziieren. Das kann ein Verständlich-Werden sein. Das hat eine andere Logik, weil es Erfahrungen anders verknüpft.
Das kenne ich auch aus der Arbeit so: Man reproduziert irgendwann nur noch etablierte Erzählformen und Darstellungweisen und dadurch auch sehr ähnliche Ergebnisse hinsichtlich dessen, was man erzählt. Irgendwann determiniert dann die Form die Darstellung und somit auch das Dargestellte, und man wird so richtig falsch. Gibt ja dieses Bonmot, daß ein Künstler, der seinen Stil gefunden habe, diesen verloren habe, so ungefähr ist das, und deshalb sprach Adorno davon, daß die Kulturindustrie nur noch Stil hervorbringe.
Das Prinzip alles Boulevardesken ist die wertende und klischeebehaftete Personalisierung, und alle Erzählformen, die "menscheln" wollen, sind drum stets in Gefahr, boulevardesk zu sein. Und Kontext und Relationen zu eliminieren. Aus startegischen Gründen: Um zu unterhalten, zu diffamieren, weil das unterhält, usw..
Raus kommt man da nur und ausschließlich über das freie Assoziieren zu dieser Person, die man darstellen will, weil man so Klischees umschifft. Auch, indem man kontextualisiert und Relationen herstellt. Der berühmte Regenschrim auf dem OP-Tisch und der Flaschenständer im Museum sind ja Möglichkeiten, etablierte Erkennntnisweisen aufzubrechen.
Das wußte schon Kafka, dessen Talent habe ich nicht; Neues erfahren will ich trotzdem. Auch schreibend.
Und wenn Anderen das als Verwirrung erscheint, dann habe ich alles richtig gemacht ... dann haben die die Wahl, ihre formalen Klischees sich zu bewahren und in ihren magischen Kreisen stehen zu bleiben oder auch nicht. Und ich bin einen ganz kleinen Schritt weiter ... wer will das Leben schon nur konsumieren? Ich zumindest nicht.



