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13.10.07

Über Form und Verständlichkeit oder wie man neue Erfahrungen macht

"Das gelungene Werk führt die Erfahrenden nicht aus der Welt ihrer Erfahrung heraus oder setzt sie von dieser frei: es gibt ihnen die Freiheit, sich zu ihrer Erfahrung erfahrend zu verhalten."
Martin Seel

Was jetzt freilich nur der Rezeption betrifft.

Auf Seiten jeglicher Form von Produktion, sei es nun Kunst,. Wissenschaft. Rechnungswesen oder Rasen harken, ist ja diese regulierte oder freie Tätigkeit jene Erfahrung, zu der ich mich in der Kunstrezeption dann erfahrend verhalte.Insofern trete ich auch nicht aus der Welt heraus, klar, aber ich erkunde sie erfahrend permanent, und wenn ich irgendwas bin, dann eben meine Erfahrungen.

Einige Erfahrungen vergesse ich, andere nicht, einige wollte ich machen, andere nicht, und Medien meiner Erfahrung sind notwendig Sprache, Licht, Stofflichkeit, Luft etc., Vorraussetzung ist Sinnlichkeit.

Es braucht kein konstituierendes Subjekt, kein Ich, um Erfahrungen zu machen, sondern das, was man Selbst oder Ich nennen kann, ist selbst ein Mich-zu-mir-und-meinen-Erfahrungen-Verhalten (Heidegger, Tugendhat usw.). Und Handlungsdispositionen, aber das führte jetzt zu weit.

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Wixen, mich schick anziehen, Zukunftspläne schmieden, über mich grübeln - so oder so ist die Struktur dann reflexiv, ja, auch beim Wixen. Wenn ich aber malend ein Gesicht, eine Figur, eine Fläche, eine Farbe erkunde, dann kann ich das geplant, reflexiv tun, oder eben einfach so. Bei Sartre, Merleau-Ponty und anderen wird dieses "immer schon" des In-der-Welt-Seins (Heidegger) das Präreflexive genannt. Medium der Erfahrung im Beispiel ist dann der Umgang mit Farbe in Relation zu einem Gegenüber.

Wenn ich potenziell, nicht faktisch, anderen diese Erfahrung erklären kann, dann ist sie rational. Wenn nicht, dann irgendetwas anderes. Was ja auch nicht schlimm ist. Ein-Mich-Einlassen auf den 2. Akt von "Tristan und Isolde" kann zu echten Auflösungserscheinungen in dieser Erfahrung führen; ebenso ein LSD-Trip, und der eine oder andere kam ja auch nicht zurück.

Generell ist es aber möglich, sich verstehend zu dem zweiten Akt von "Tristan und Isolde" zu verhalten. Ich glaube mit Herbert Schnädelbach, daß es möglich ist, Rationalität ganz generell als "Verständlichkeit" zu explizieren.

Das heißt nun aber nicht "unmittelbar für jeden gleich und sofort verständlich". Manchmal muß man sich halt auch anstrengen. Etwas als rational begreifen heißt, die prinzipielle MÖGLICHKEIT des Verständlichwerdens einzuräumen.

Verstehe ich vielleicht in konkreten, materialen Analysen von Milton Friedman in Sachen Ökonomie am Anfang kein Wort, so kann kann ich mir dieses Verständnis erarbeiten. Dann wandelt sich für mich die Vielfalt möglicher Erfahrung, und das kann ich verwirrend, toll, bereichernd, wie auch immer finden; an dem, was Herr Friedman beschreibt, ändert sich aber nix.

Mit anderen Worten: Kein Verstehen ohne Vorverständnis. So entstehen auch die meisten Mißverständisse, und Vorverständnisse prägen die Wahrnehmung. Wenn ich glaube, daß alle Menschen anhand von Nutzenkalkülen agieren, dann interpretiere ich deren Handeln eben im Rahmen eines Vorverständnisses von Nutzenkalkülen. Zum Beispiel.

Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn ich mit Burka durch die Gegend laufen würde. Ich, in meiner sozialen Position, würde das wahrscheinlich einerseits als befreiend erfahren: Keiner stiert mehr auf meinen Bauch (macht eh keiner, aber es gibt Tage, da glaubt man das), ich springe auf einmal in eine andere Geschlechtsidentität, kann gucken, aber nicht wirklich gesehen werden, und quälend wären wohl vor allem jene, die mich voller Hass anstarren und glauben, ich hätte 'ne Bombe unter der Bekleidung versteckt. Auch, wenn ich flirten wollen würde, fiele mir das schwer. Egal: Die Erfahung wäre für mich neu, weil ich eine neue Form wählen würde.

Es gibt ja in der ansonsten von mir verhaßten Neurosenlehre die These, daß Neurosen eine permanent Inszenierung des immer gleichen Scheiterns wären. Ein Wiederholungszwang, der einen auch eigentlich neue Situationen, bezogen auf alte Erfahrungen, als bekannt erscheinen läßt. Die aus dem Vorverständnis erwachsende Situationswahrnehmung führt dazu, daß man gar nicht auf sie, sondern auf vorformulierte Schemata reagiert.

Das gleiche gilt meiner Ansicht nah für Sozial- und Wirtschafstwissenschaften wie auch für Humanwissenschaften: daß man deduktiv anhand bisheriger Begriffsmuster vorgeht, und daß die dann auch nur bestimmte Ergebnisse erlauben. Wie in einer Neurose. Weil der Vorteil der Neurose ja ist, daß sie vor neuen Erfahrungen schützt. Neurosen geben Sicherheit. Man erlebt keine unangenehmen Überraschungen. Und die perfektesten Neurosen sind jene, die reproduzierbare Erfahrungen hervorbringen ... sozusagen die Bestätigung im Experiment. In all den Ausführungen steckt übrigens das platonische Menon-Paradox, für die, die's interessiert,

Schon Freud wußte: Da hilft nur eines Nämlich das freie Assoziieren. Das kann ein Verständlich-Werden sein. Das hat eine andere Logik, weil es Erfahrungen anders verknüpft.

Das kenne ich auch aus der Arbeit so: Man reproduziert irgendwann nur noch etablierte Erzählformen und Darstellungweisen und dadurch auch sehr ähnliche Ergebnisse hinsichtlich dessen, was man erzählt. Irgendwann determiniert dann die Form die Darstellung und somit auch das Dargestellte, und man wird so richtig falsch. Gibt ja dieses Bonmot, daß ein Künstler, der seinen Stil gefunden habe, diesen verloren habe, so ungefähr ist das, und deshalb sprach Adorno davon, daß die Kulturindustrie nur noch Stil hervorbringe.

Das Prinzip alles Boulevardesken ist die wertende und klischeebehaftete Personalisierung, und alle Erzählformen, die "menscheln" wollen, sind drum stets in Gefahr, boulevardesk zu sein. Und Kontext und Relationen zu eliminieren. Aus startegischen Gründen: Um zu unterhalten, zu diffamieren, weil das unterhält, usw..

Raus kommt man da nur und ausschließlich über das freie Assoziieren zu dieser Person, die man darstellen will, weil man so Klischees umschifft. Auch, indem man kontextualisiert und Relationen herstellt. Der berühmte Regenschrim auf dem OP-Tisch und der Flaschenständer im Museum sind ja Möglichkeiten, etablierte Erkennntnisweisen aufzubrechen.

Das wußte schon Kafka, dessen Talent habe ich nicht; Neues erfahren will ich trotzdem. Auch schreibend.

Und wenn Anderen das als Verwirrung erscheint, dann habe ich alles richtig gemacht ... dann haben die die Wahl, ihre formalen Klischees sich zu bewahren und in ihren magischen Kreisen stehen zu bleiben oder auch nicht. Und ich bin einen ganz kleinen Schritt weiter ... wer will das Leben schon nur konsumieren? Ich zumindest nicht.

04.10.07

Das Gerede des "Man,", Treu und Glaube: Der Hai von Damien Hirst

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Quelle
(via rebelart)

Wie der Verwirrung Herr werden? Oder warum eigentlich?

Manchmal verbringt man Tage, die wie die Weißwäsche im Schleudergang dann einfach weiter rotieren im eigenen Hirn und nicht zueinander finden.

Total unproduktiv.

Weil man Subkulturen durchforstete und im Zentrum der Stadt auch alle Restaurants dicht hatten. Weil Sonntag war. Das ist wohl so in Zürich, daß nur Steakhäuser offen haben am Sonntag. Zürich ist eine sonntagstote Stadt, und im Steakhaus gucken die Kellner zwischen verschnupft und arrogant, als seien sie Kontrolleure für Integrationskurse in's gehobene Kleinbürgertum. Schon deshalb, weil da lauter Schönlinge wie aus der Ski-Anzug-Werbung ihre stumpfen Tussen ausführen und man dazwischensitzt und Status nicht zu signalisieren bereit ist.

In Steueroasen der Superreichen, Briefkasten-Firmen-Anballungen mit traumhaft kitschigem Seeblick hat man derlei Distinktionsgehabe nicht mehr nötig. Da ist man fast schon liebevoll freundlich zum underdressten Freak aus dem hohen Norden, druckt ihm noch die Zugverbindungen nach Zürich zurück aus und amüsiert sich darüber, daß er mit Schweizer Franken wie mit Geld überhaupt nicht umgehen kann, während er ständig Münzen mit falschen Wertigkeiten auf dem Thresen verteilt und so die richtige Summe nicht trifft.

Dann lauscht man ehmaligen kapitalstarken Ex-Kulturstiftungsvorsitzenden, höchstrangigen Ex-Siemens-Managern, Personalumsattelungsunternehmern und einem Pfarrer, während sie über "Kultur - Spiritualität - Kapitalismus" diskutieren und wähnt sich inmitten der Blogosphäre. Kaum ein Argument, das nicht in irgendeiner Form hier im verbalen Gerangel mit den Liberalen irgendwann erwähnt worden wäre, wird dort im schnieken Kunsthaus ausgestoßen.

Der Pfarrer witzelt darüber, daß eine Marketingagentur als sein "Produkt" die Stille identifiziert habe und verteidigt den Hai von Damien Hirst: Er habe davor gestanden und den als erhaben empfunden. Der ehemalige Kulturstiftungsvorsitzende kann diese Perspektve nicht teilen, findet den Hai von Damien Hirst doof und erläutert ansonsten plausibel, wie das Hire & Fire kontraproduktiv sei aus all den Gründen - Indentifikation mit dem Unternehmen usw. -, die ich ich hier auch immer schilder.


Am pfiffigsten, natürlich, der Ex-Siemens-Manager; er lobt den Personalumsattelungssunternehmer für dessen spirituelle Tätigkeit, weil er ja anderen helfe; fordert das Ersetzen von "Kapitalismus" durch "Marktwirtschaft" im Diskussionsthema, weil alles andere ja ideologisch belegt sei, "Marktwirtschaft" hingegen nicht.

Er hat vorher Definitionen nachgeschlagen, außer für Kultur, was sich rächt, weil konstant "Kunst" und "Kultur" im folgenden durcheinander gewürfelt werden. Einer aus dem Publikum merkt das auch an, viel zu spät im Gerangel der Aussagen, die so allgemein sind, daß sie weder wahr noch falsch sein können; in der Tat ist's wieder Heinz Felsner, Ex-Siemens, der Thesen ausgräbt, mit denen man in der Tat was anfngen kann, ob man sie nun teilt oder nicht: Daß nämlich das Führen eines Unternhemers der Arbeit eines Künstlers gleiche, und daß er in der konkreten, verlinkten Ausstellung etwas über die Betonung des Prozessualen in der Kunst gelernt habe.

Dann sitzt man nach Ende der Veranstaltung mit dem Künstler, der dies alles hochinspirierend als soziale Plastik begreift, diese Diskussion im Museum als solche, in einer holzvertäfelten Kneipe inmitten des Schweizer Kleinstadtidylls; ja, es ist reine Subkultur, dieses Milliardärs-Städtchen, allerreintse "Parallelgesellschaft", zur Integration fordert die jeodch keiner auf; die Barhocker sind mit Kuhfell bezogen, und weiß auch nicht mehr, wie das zum Morgen des selben Tages in Bezug zu setzen ist. Bis es dämmert: Komischerweise wurde bei der Veranstaltung nur über Funktionsbestimmungen von Kultur und Spiritualität und Kapitalismus geredet, aber nicht über Kunstwahrheit, Gott oder Herrschaft. Abgesehen von dem Hai von Damien Hirst und dem Einwurf des Künstlers im Rahmen der Diskussion, daß doch das Anbeten und Beindrucktsein vom gigantischen Preis mancher Kuntwerke fast selbst wie Spiritualität erschiene. Was ja auch als Funktionsbestimmung lesbar ist.

Das war morgens noch anders, im ehemaligen Weintank der Stadt Zürich unweit der Sihlbahnstation Manegg. Da ging man nicht durch perfekt renovierte, Schweizer Stätdchen, sondern schritt selbstgezimmerte Holztreppchen hinab; feucht war's, ist ja klar, im kathedralenhaften Weintank, wo die Ausstellung gerade abgeräumt werden sollte.

Da ging's dann um Bedeutung und die Unmöglichkeit, keine zu stiften, weil Bedeutung immer schon überall ist; um die Möglichkeit der Annäherung an das Absolute in der Kunst, ob das denn möglich sei und ob's das überhaupt gäbe. Über die Schaffung von Tiefe ohne Perspektive im Bild, aber ohne den Kontrast warmer ud kalter Farben, wie Cézanne das dann machte; auch darum, wohin man eigentlich schaut, während man auf die Leinwand sieht - weil sie doch eigentlich nur den Blick auf die Wand dahinter versperrt. Was machen Künstler dazu motivierte, verzweifelt in sie hineinzuschneiden.

Wieso nun der "Off"-Bereich der Künste sowas fragt, während im Kunsthaus eine halbe Stunde weiter weg, man die Funktionsbestimmung umkreiste, das frage ich mich heute morgen noch und wohl auch noch in zwei Jahren. Weil mir die nörgelnden Adorniten da auch nicht weiter helfen.

Und weil eine der Milliardärinnen in ihrem die Runde in Zug prägenden Statement sagte, daß Treu und Glaube doch einfach unverzichtbar seien in "unserer Kultur". Und da ich diese Formulierung seit den 70ern nicht mehr gehört habe, läßt die mich nicht mehr los. Aus rein ästhetischen Gründen. Zunächst. Und ohne jeden Klassenkämpfergeist.

29.09.07

Imperative, systemisch und bildungsbürgerlich und Raum schaffen für das Empfinden der Bedürftigkeit in der Kunst


“Klaus Hoffmann: Wenn ich sing’

Und du hast Pferde gekauft oben im Norden Bamiyans

Hast die Mädchen aus Frankfurt geseh’n,

die ihre Wünsche in die staubige Straße spuckten

Die wollten weiter zu den Gurus nach Goa

Und du warst viele Joints unterwegs von Pantcho nach Tschadscha

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und du hast in dir gesessen viele Nächte im klaren Frost

Den Ochsen in dir gesucht bis er oft greifbar nah war

Warst auf den Märkten von Istanbul und in den Kneipen von Ivano

Mal vegetarisch, mal steakversessen

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und hattes Träume von Castaneda und Bloch

Hast dich in den Nächten wie’s trunkene Schiff durch Sehnsüchte gewälzt

Mit fremden Körpern die Scham bekämpft, die suchten in dir, was du suchtest

Und du hattest am nächsten Morgen den faden Geschmack von Kastanien

Und bist dir kein Stück näher gekommen

Und stand’s so oft an der Wand mit dem hochmütigen Blick des Richters

Du wärst so gern beteiligt gewesen an der Spontaneität der ander’n

Hattest immer ein ABER bereit

Sprangst dann doch mitten hinein, ohne zu denken

Erlebtest ein paar Momente des Glücks

Und warst Minuten lang DU …

Wenn ich sing’, ist ein Mantra in mir

Wenn ich sing’, dann sing’ ich mit dir

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, ist die Angst nicht mehr da

Wenn ich sing’, wird ein Augenblick wahr

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt alles heraus,

was kaputt, verboten, zerschlagen, im Aus

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, singt mein Kopf, mein Schwanz und mein Herz

Wenn ich sing’, singt die Hoffnung, der Krampf, mein Schmerz

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, fliegt ein Stück Unterdrückung heraus

Wenn ich sing’, werden Stimme und Worte zur Faust

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, sing’ ich mit Papa Vignon,

mit Bibi und Robert und mit Rimbaud

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, weiß ich noch immer nicht warum

ich sing’, ich weiß nicht, vielleicht

Wenn ich sing’, wenn ich sing’, wenn ich sing’, dann bin ich dir nah

Wenn ich sing’, dann bin ich mir nah

Wenn ich sing’, singst DU!”

Quelle

Wie kommt man “sich nah”, und indem man “sich nah” kommt, wird man handelnd die Stimme des Du?

In Zeiten totalisierter Tauschbeziehungen, flächendeckender Agitation gegen Emphathie und programmatischer Instrumentalierung seiner selbst als einziger, noch verbliebener Pflicht gegen sich selbst neben dem flankierenden “Habe Spaß!”, das in “Konsumiere!” mündet, steht sowas wie das oben dann wohl unter Kitsch-Verdacht.

Und trifft’s doch, was zumindest in mir, der ich weder durch den Orient reiste noch kiffe noch Castaneda und Bloch träume, auch vorgeht, wenn ich sie kurz mal los bin: Die ganztägigen Imperativfolgen, fugengleich, die kannibalistisch an einem saugen und zerren und in handelnder Auflösung in Regelwerken jedes Gefühl für’s eigene Wollen, Wahrnehmen und Fühlen durchdringen, neu organisieren und letztlich nix als ‘nen Zombie zurücklassen. Als untotes Echo der Interessen der Imperative selbst hängt man dann in den Seilen und will wenigsten singen wie der Klaus Hoffmann da oben, weil man beim Anderen eh schon lange nicht mehr angekommen ist …

Ein Luxusproblem, verglichen mit Birma und anderswo, klar, aber da wirkt doch die gleiche Geschichte hinter der Geschichte, bringt sie hervor als historisch-transzendental. Neulich fragte hier ein Adornit, was an Habermas denn kritisch sei; ich glaube, das was ich oben geschrieben habe, ist dessen Antwort auf Adorno. Eben die Kolonisierung der Lebenswelt als Versuch des Fortschreibens der Verdinglichungskritik. Wenn also ökonomische Systemimperative wie “Wir müssen viel verkaufen!”, “Maximiere Gewinne!”, “Erfolg hat man nur, wen x” fast schon das Körperinnere durchziehen, als seien es Blutbahnen. Und ergänzend dann die bürokratischen Regeln - “Füllle Reisenaträge aus, die brauchen wir für’s Finanzamt und für die Versicherung!”, “Rauche nicht in Kneipen!”, “Weise nach, daß Dein Hund versteuert wird!” ganztägig Handlungen produzieren und eigentlich nix mehr bleibt, als zum Trost dann ‘ne CD kaufen zu gehen.

Da auch in Birma die Regeln der Macht die Toten produzieren, nix anderes ist das ja. Und da liegt übrigens auch die Verknüpfung von Foucault und Habermas und irgendwie wohl auch Luhmann, und in der Hinsicht ist diese Kritik wohl anknüpfungsfähig - und spannend ist, daß Klaus Hoffmann dem die ganzkörperliche, ästhetische Praxis entgegenstellt. Ja, naiv, lächerlich, zurückschießen, einmarschieren, niedermetzeln, alles effektiver, aber manchmal rede auch ich von Utopie …

Da nämlich hat Habermas, im Zusammenhäng von Ästhetik und Utopie als zu umspielende Versöhnung, dann so gar nix mehr zu bieten gehabt, und laut Adorno Klaus Hofmann auch nicht, meiner Ansicht nach ja schon - wie der die zweckfreie Suche im Gesang selbst dann beim Du enden läßt und nicht an fremden Orten, das ist zwar nicht die Kontemplation, aber wenn man ihn hört, dann eben doch.

Das hat auch Foucault mit seiner “Ästhetik der Existenz” beileibe nicht zu durchdringen vermocht Dank seiner Akzentuierung auf Stilistik und Diätik statt auf Sinnlichkeit und Wahrnehmung, aber das ist das normative Fundament der Kritik an den Systemimperativen, daß dieses möglich sein SOLLE, und das nicht nur des abends beim Volkshochschulen Tai-Chi, das erneut nur fit macht für die Interessen Anderer auf dem Arbeitsmarkt.

Aber wieso ist dann eigentlich nicht sowas die Antwort, rein musikalisch, nicht das Event, nein, das “Feeling”, wenn man’s denn ernst nehmen würde, statt “Nur Samstags nachts!” es zu fühlen? Hab bei Adorno neulich sinngemäß gelesen, daß Kunstwerke, die keine Sehnsucht in sich trügen, keine seien; und daß nur da, wo wirkliche Bedürftigkeit in ihnen sich zeige, die des Kindes, das schreit, weil gerade weder Nähe noch Nahrung da sind, des Obdachlosen, der sich in den Eingang zwängt, um dort zu übernachten, sie keine Entkunstung seien.

Diese buchtstäblichen Schilderungen, die ich hier vornehme, wären ihm so nicht als Vorbild der Kunst dienlich, und genau da frage ich mich, wieso denn eigentlich? Mag mein verkitschter Geschmack sein, sowas in der Disco-Hymne noch rauszuhören; glaube jedoch nicht, daß darauf es sich reduzieren ließe, Frau Summer singt da ja auch “Meine Seele brennt!”, nur anders. Denke ich, so ganz naiv. Solange man sich die bewahrt, hat man gegen die Controller nämlich noch nicht verloren …

Als nach Horror-Meetings gestern ich meine Mini-Disc zu Reisezwecken mixte, ganz wie die Cassetten früher, Realtime, weil’s ein Weg ist, ein kleines Stück von sich wiederzugewinnen, diese verbrachte Zeit mit dem Musik-Mix, da kam Frau Sommer dann als Antwort auf den Hoffmann direkt dahinter. Weil ich, seitdem ich Musik höre, das Gefühl nicht los werde, daß es gar nicht nur Webern, Schönberg, Free-Jazz und Sonic Youth - nix gegen irgendwen und irgendwas davon! - sind, die uns die Antwort geben auf die Kolonisierung der Lebenswelt, sondern daß diese manchmal viel, viel näher liegt und man sich nur vor der Angst befreien muß, die Bildunsgdünkel einimpft, nachhaltig und eben auch in Form des Imperativs.

12.09.07

Sei!

Spannend und erhellend ist ja die Frage, wieso die bildende Kunst, so auch die Malerei, für den jüdischen Glauben so problematisch ist.

All jenen, die immer witzeln über Adornos Theorem des "identifizierenden Denkens" könnte man ja auch den strukturellen Antsiemtismus des Geißelns des Bilderverbots unter die Nase reiben, das, man korrigiere mich, im Islam sich dann tradiert (ich glänze mal wieder durch Halbwissen, aber dazu sind Blogs ja da: Zur Exemplifizierung des Diktums des Sokrates "Ich weiß, daß ich nix weiß", und um die daraus entstehende Langeweile zu überbrücken quasselt man dann schriftlich trotzdem vor sich hin). Wie übrigens auch die Derrida-Lästerer sich Gedanken machen sollten, woher das Primat der Schrift und die von diesem diagnosizierte Schriftvergessenheit denn rührt.

Um so verblüffender - hinsichtlich des Bildverbots - ist's, wenn man in dem gar nicht so schlechten Band "Was ist gute Kunst" dann folgende Interpretaion des berühmten "Who's afraid of Red, Yellow and Blue" von Barnett Newman zu lesen:

"Wie den Himmel zerreißende Blitze durchtrennen die Streifen momenthaft den unendlichen Farbraum, verzeitlichen und aktualisieren ihn zum Schauplatz eines erhabenen Geschehens. Derart "elektrisch" aufgeladen, nimmt die entgrenzte rote Farbe selbst die Dimension des Übersinnlichen an, die, objektiv nicht darstellbar, doch in der unmittelbaren Erfahrung des Jetzt zugänglich ist. Im Unterschied zur Kontemplation des zeitlos Schönen "bewegt" die Erfahrung des Erhabenen oder des Chaos "das Gemüt" (Immanuel Kant) durch seine Furcht einflößende und erschütternde Übermacht, indem es das sinnliche Erfassungsvermögen übersteigt. Der jüdische Glaube denkt das sich jedweder Repräsentation entziehende Erhabene als den dramatischen Ausdruck göttlicher Macht. In ihm wird der schöpferische Akt selbst gegenwärtig, wie er sich ausspricht "Es werde Licht" oder im "Sei"., das Newman seit 1949 häufig als Bildtitel (Be) verwendete. Dammit legte er den Akzent auf den Anfang, der im vom Erhabenen ausgelösten Schock der Jetzt-Erfahrung mitschwingt. Als überwältigendes Ereignis bricht sie eruptiv in die Welt der Repräsentaionen ein und erschüttert deren relationales Raum-Zeit-Gefüge."
Interview mit Gudrun Inboden, in: Wolfram Völcker, Was ist gute Kunst?, Ostfildern 2007, S. 26-28

Also, ein bißchen mehr Demut, ihr Abbild- und Warenfetischisten. Das "Jetzt!" bekommt ihr eh nicht in den Begriff.

09.09.07

Über Kunstwahrheit

Jetzt schreibt der Dr. Dean schon genau so einen Blödsinn wie der Klassenfeind:

"Denn Adorno war eher ein Literat denn ein Wissenschaftler, dort, wo er Theorien aufstellte (im Grunde genommen enthielt jeder Absatz von Adorno eine separate Theorie), dort waren sie zumeist hochgradig willkürlich."

Selbst wenn man zugesteht, daß Adornos Form der Auseinandersetzung mit Geschichte, Gesellschaft und Vernunft durch die literarische Qualität der Texte eher noch viel cooler ist als Röpcke, Einstein oder Heisenberg: Literatur hat wenigstens keine Atombombe hervorgebracht, aber weil das ja auch kein Argument gegen Wissenschaften ist, ist dennoch die Frage, wieso das, was Positivisten unter Wissenschaft verstehen, ein irgendwie priveligierter Zugang zur "Wahrheit" sein sollte.

Wahrheitskriterium ist intersubjektive Überprüfbarkeit, und bei einer Kommunikationsform wie der Kunst (Gegenthese zu Adorno, übrigens, wenn ich nicht sehr irre) ist die ja zweifelsohne gegeben.

Ich habe bei Georgette Dee oder der Callas mehr über Liebe gelernt als bei experimenteller Psychologie, ganz zu schweigen von den innigen Kontakten mit Harmen, Thomas oder Matthias, das war in der Hinsicht noch viel lehrreicher; ich habe bei Sartres "Chemin de la Liberté" mehr über Freiheit gelernt als bei 60 Seiten von Mises und bei der Anwendung meines indischen Kochbuchs mehr über Sinnlichkeit als bei irgendwelchen Neurobiologen.

Natürlich ist gerade deshalb Adorno oft so viel treffsicherer als diese ganzen experimentellen Hornochsen, gerade weil seine Variante der Dialektik eine auch literarische Praxis war, deshalb muß man den ja auch lesen und kann den mal nicht eben so paraphrasieren, weil die Form und der Inhalt da schon ziemlich gut zusammenpassen und seine ganz spezifische Form des Schreibens und der BEWEGUNG der Gedanken eben selbst schon eine Aussage ist.

Und was machen denn all diese tollen Experimentproduzenten? Sie glotzen auf Ultraschall (zum Glück, dann, wenn da Schlimmes entdeckt wird), arbeiten mit Tabellen und Koordinatenkreuzen, spielen mit Atom-Modellen und etablieren so eine Ästhetik der Sachlichkeit, die eben auch nur Konvention ist, aber manche Konventionen haben ja Gründe.

Aber gerade deshalb weiß man schlicht GAR NIX von der Welt, wenn man den Power-Point-Wissenschaftlern nicht auch 'nen Cézanne an die Seite stellt.

""Sind Natur und Kunst nicht verschieden?" "Ich möchte sie vereinen. Die Kunst ist eine persönliche Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung liegt für mich in der Empfindung, und vom Verstand verlange ich, sie zum Werk zu gestalten." (Merleau-Ponty zietiert hier Gespräche Cézannes mit Emile Bernard, MR)

Aber selbst diese Formulierungen räumen den geläufigen Begriffen "Sensibilität", "Empfindung" einerseits, "Verstand" andererseits zu viel Kredit ein, weshalb Cézanne niemanden damit überzeugen konnte und es vorzog, zu malen. Statt Dichotomien auf sein Werk anzuwenden, die im übigen mehr zu den Schultraditionen als zu deren Begründern - Philosophen oder Malern - gehören, sollte man lieber dem eigentlichen Sinn seiner Malerei nachspüren, der gerade darin besteht, sie in Frage zu stellen. Cézanne glaubte nicht, daß er zwischen der Empfindung und dem Denken wählen müßte. Er will die festen Dinge, die unserem Blick erscheinen, nicht von der flüchtigen Weise ihres Erscheinens trennen, er will die Materie malen, wie sie im Begriff ist, sich eine Form zu geben, will die durch eine spontane Organisation entstehende Ordnung malen. Er zieht die Grenze nicht zwischen den "Sinnen" und dem "Verstand", sondern zwischen der spontanen Ordnung der wahrgenommenen Dinge und der menschlichen Ordnung der Ideen und Wissenschaften."


Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, in ders.: Das Auge und der Geist, Hamburg 2003, S.9-10

Wer jetzt "Schwurbeln!" schreit, ist ein SA-Mann im Geiste. Wenn ich "schwurbeln" lese, habe ich immer die SS oder SA-Männer vor dem geistigen Auge, die Mühsam die Zähne ausgeschlugen und ihm dann auf dem Clo aufknüpften.

Klar, sowas wie Merleau-Ponty kann man nicht mal eben so in Focus-Kästchen und Frauenzeitschriften zitieren, dennoch: Schwurbler-Kritik ist tatsächlich strukturell antisemitisch, weil eben das Geißeln der fröhlichen Debattenkultur und das Textauslegungs-Disputieren der jüdischen Tradition eine Quelle der westlichen Intellektuellenfeindlichkeit ist, denen dann die eisernen und kreuzernen Gesetze der Hüter ewiger Wahrheiten um die Ohren gehauen wurde - mit bekannten Folgen. Ganz päpstlich.

Zurück zum Text: Merleau-Ponty entfaltet da am Beipiel Cézanne u.a. die Vorstellung des "Präreflexiven", die sich Husserl und der Heideggerschen Figur des "In-der-Welt-Seins" verdankt (und die im übrigen in genau jenen Experimenten, die imer zitiert werden, wenn's gegen die Willensfreiheit geht, Bestätigung fanden. Auch so können differente Zugänge zur "Wahrheit" zueinander in Beziehung treten, sagt euch Onkel Momo).

Mittels umfassender Leiblichkeit, in der die Einzel-Sinne noch nicht geschieden sind von den anderen, bewege ich mich immer schon in sinnlichen Kontexten des Wahrnehmungsganzen, und was Cézanne da machte, war u.a. die Thematisierung genau dessen: Wie mir etwas als Materielles entgegenstritt, das hat er gemalt.

Und das in Kommunkation mit Wissenschaften wie z.B. der Geologie, weil mit die Dinge in ihrer Materialität eben anders erscheinen, wenn ich was wissenschaftliches über diese weiß, als wenn ich's nicht wüßte.

Nun komplett auf den distanzierenden und analysierenden, wissenschaftlichen Blick im Umgang mit Welt umzuschalten, das hieße, ja, hier macht's Sinn, dann eben doch Entfremdung: Dann finde ich's nicht zum Beispiel geil, an Schwänzen zu lutschen, sondern erfahre mich als homosexuell.

Um erstere Erfahrung zu formulieren, zum Ausdruck zu bringen, bietet sich Kunst eben doch eher an als Wissenschaft, und Pornographie distanziert bereits, indem sie verdinglicht.

Insofern ist Kunst als alternative Weltbeschreibung überhaupt nix, was nun defizitär als "nur" schöne Literatur den "harten" Wissenschaften entgegenstünde.

Und wenn man damit auch nicht den Krebs besiegen kann, so doch die eine oder andere Krankheit des Gemüts ...

28.08.07

Sich-Einlassen - auf Inder, auf Dich und auf das Licht im Park!

Gerade ich als gruseliges Gewohnheitstier muß das folgende schreiben.

Gerade ich.

Ist wohl Wunsch.

Macht ja nix.

Gab ja Denker, die Menschen als "Wunschmaschinen" bezeichneten, ekliges Wort. Maschine will ja keiner sein. Auch nicht Motor seiner selbst, in dessen Getriebe dann keiner Sand schütten dürfte. Diese Modelle "negativer Freiheit" halt. Wer will die schon wirklich LEBEN?

Habe keine Ahnung, ob Motor und Getriebe das gleiche sind, so als einer, der sich selbst aus Gründen der Hans-guck-in-die-Luftigkeit den Führerschein entzogen hat - womit ich beim Thema wäre: Auch diese antike Slapstick-Nummer, war's Thales?, vom Philosophen, der so intensiv zum Himmel schaut, daß er stolpert und in's Wasser fällt, die IST ja eine Form des Sich-Einlassens. Auf Gedanken halt. Und das kann ganz wundervoll sein, wenn man nicht mehr aufhören kann zu grübeln, sich im Denken verliert, auflöst, so, wie wenn man einen Krimi liest und ganz eins wird mit der Handlung - im Imaginären, versteht sich.

Mein Philosophie Prüfer, der Martin Seel, der hat mir ja mittels Buch zwei Brocken hingeworfen, die mich seitdem gar nicht mehr loslassen.

Das Buch hat er "Sich bestimmen lassen" genannt, erschienen ist das 2002, und was er darin in diversen Aufsätzen ausformuliert, das ist eben dieses Motiv im Titel, ergänzt durch die Ansätze einer "medialen Erkenntnistheorie". Die, viel zu kurz gefaßt, besagt, daß man in der Reflektion auf die je eigene Erkenntnismöglchkeit erst mal die Medien der Erkenntnis, Licht. Sprache etc., zu analysieren habe, kurz, die Erscheinunungsweise der Dinge und Menschen für uns. Ist eine gute, alte, Kantische Figur, die im Alltag dennoch allseits vergessen sich findet: Wir glotzen und lesen und riechen und schmecken und thematisieren die Akte des Glotzens und Lesens und Riechens und Schmeckens selbst allenfalls in Randbereichen: "Das schmeckt gut", z.B..

Was uns vor allem an einem hindert: Dem Sich-Einlassen. Die Programmatiker der "negativen Freiheit" wettern ja gegen nix mehr an als gegen Sich-Einlassen, weil sie eben Grundsätzliches mit Politischem sowieso konstant vermengen.

Mügeln ist ja auch ein Akt negativer Freiheit: Frei-Sein von Indern, sozusagen. Und diese ganzen Ironisierer gegen "Kulturbereicherung" in der rechten Mitte der Blogosphäre sind eben Nicht-Einlasser und sonst nix: Tupper-Party-Politik wird dort gefordert, Vakuum erzeugt.

Da stimmt dieses alte Lustigmachen über die Teneriffa-Urlauber, die dort nur Filterkaffee trinken und als letztes Moment des Sich-Einlassens wie im Nuala-Song von einst "Sieh mal da - ein Pferdegespann! Daß es sowas heute noch gibt!" ausrufen. "Eleganz von Fiorucci, Seidenscheitel im Haar" haben die damals auch gesungen, Nuala, und das Sich-Einlassen auf das Zerwuscheln von Seidenscheiteln kann ja auch schön sein - dann bin ganz ich bestimmt vom Gefühl der Hände im fremden Haar, und das können ggf. beide genießen.

Diese Art des Sich-Bestimmen-Lassens von dem Anderen oder auch dem Bild von Cézanne und dem Lcht im Park, das könnte ja so richtig bestimmend werden für's je eigene Leben, wenn man nicht ständig damit beschäftigt wäre, anderen Leuten die Taschen voll zu machen ...

"Die Grundbedeutung des Lassens, das alle Vollzüge meines Tuns muß begleiten können, ist daher die eines Sicheinlassens-auf. Wer sich auf etwas einläßt, lässt etwas zu; er lässt zu, nicht mit Bestimmtheit zu wissen, was ihn im Verlauf seines Handelns geschehen wird. darüber kann er sich täuschen, nicht aber erheben. Jedes Sicheinlassen enthält eine Affirmation des Unbestimmbaren in der Bestimmtheit des Denkens und Handelns. Sich wachen Sinnes auf etwas einzulassen verlangt entsprechend die Fähigkeit, sich in noch unbestimmter Absicht und Erwartung in eine noch offene Situation zu begeben, Es bedeutet, sich in einer offenen Situation aufzuhalten, ohne die Offenheit der Situation ausräumen zu wollen, ob das nun die zu gewinnenden Einsichten, die zu verfolgenden Ziele oder die zu erfüllenden Wünsche betrifft. Es bedeutet, sich unter den Einfluss von Möglichkeiten zu begeben, die einen unwillkürlich bestimmen können. Es bedeutet, sich im eigenen Wüschen und Wollen weiterhin bestimmbar zu halten."
Martin Seel, Kleine Phänomenologie des Lassens, in der.s: Sich bestimmen lassen, Frankfurt/M. 2002, S. 275 Na, wenn das kein Tagesmotto ist! Wohlan, Glückauf! Manchmal muß man sich darauf einlassen, sich selbst zu beschwören. Vielleicht klappt's ja.

14.08.07

Nicht nur in der Kunst ...

"Gegen eine zünftige Künstlerlore ist im Prinzip nichts einzuwenden. Her mit den Geschichten von Anmaßung und Stumpfsinn, Askese und Delirium. Solange man sich nicht darüber hinwegtäuschen lässt, daß Kunst sich trotz aller Legenbildungen grundsätzlicher als alle anderen Kultursparten - darin ähnelt sie den Naturwissenschften - entfernt hat von der Aufgabe, Geschichten zu erzählen, ob diese nun das Einschlafen erleichtern oder das Fürchten lehren."
Jörg Heiser, Plötzlich diese Übersicht, Berlin 2007, S. 17
Der Herr Heiser hat ein Buch geschrieben. Ein sehr anregendes und informatives, wie ich finde. Was aktuell so diskutiert wird an Künstlermaterial und was als prägend gilt, das taucht eher additiv da auf, zusammengehalten von einem Konzept des "Slapsticks".

Irritierend ist, daß 2 der ganz großen Fragen der Kunstgeschichte, Kunstproduktion und Kunstreflektion dort nicht auftauchen (vielleicht habe ich's auch überlesen): Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kunst und Leben und jene, wie denn die verschiedenen Formen der Kunst zusammenhängen.

Der Avantgarde von einst wie den Situationisten und auch Beuys und seiner "sozialen Plastik" wurde ja vorgeworfen, die Differenz zwischen Kunst und Leben aufheben zu wollen. Und selbst den Neuen Wilden haute man um die Ohren, daß das Abbild der je eigenen Gefühlsintensität im Großstadt- und Popkulturerleben doch zu sehr im Einfangen des subjektiven je eigenen Empfindens gefangen bliebe und nur dieses zum Ausdruck brächte, was ja doch ein bißchen wenig sei.

Umgekehrt sind Schlagworte wie Foucaults "Ästhetik der Existenz" oder auch die Produktion und Rezeption des Kunstwerkes bei Adorno etwas, was was mit dem je eigenen Leben macht. Bei Foucault über Stilitisk sehr direkt, bei Adorno über den Umgang mit Material dann vermittelt.

Und warum soll ich durch Museen latschen und mir französische Impressionisten angucken, wenn ich nicht dabei irgendetwas mitnehme, was vorher nicht mit mir war? Gut, ich kann auch eventbetont einfach mitlaufen, damit ich hinterher sagen kann, ich war dabei!, und irgendwas muß man ja mit seiner Zeit anfangen, aber ein wenig ernst nehmen sollte man den Degas und seine Begierde angesichts von Ballett-Tänzerinnen dann schon:

Ein Bild muß mit demselben Gefühl gemacht werden,
mit dem ein Verbrecher seine Tat ausführt.

Edgar Degas, (1834 - 1917)
französischer Maler, Graphiker und Bildhauer

Heiser gibt da folgende Antwort:


"Beim Kunstwerk geht es nicht so sehr um das Was als um das Wie. Nicht um die Geschichte selbst, sondern um das, was diese in Gang setzt oder unterbricht, rhythmisiert oder was aus dieser Geschichte heraushüpft wie ein Frosch aus dem Teich.

All das hat großes Frustpotenzial. Da haben wir gedacht, zeitgenössische Kunst wäre diese Sorte Kultur, die uns eine Story erzählen könnte über das bessere Leben oder wenigstens die schönere Wohnungsausstattung, und dann das. Was wird uns hier nahegelegt? Nichts als ein schwarzes Loch, nichts als peinliche Pausen, komische Stolpersteine, stumme Zwischenstücke.

(....)

Es geht Slapstick als Methode. Slapstick als Technik, Haltung, Vorgehensweise, als etwas, was ins Herz - oder ist es die schwarze, zentrale Leere? - des Kunstmachens und Kunstanschauens selbst vordringt: Slapstick ist nicht Pausenclown, (...) sondern ein zentraler Kippmechanismus, überlegter Trick und spontaner Einfall zugleich (....), der Kunst erst hervorbringt und weiterbringt."

Jörg Heiser, ebd., S. 17-18

Die Geschichte nimmt ihren Lauf: Der Held startet durch, um der Liebsten den Heiratsantrag zu machen, und stolpert auf dem Weg zu ihr über die Teppichkante. So ungefähr meint das der Autor: Die Aussage entsteht druch den Bruch im Plot.

Was natürlich auch eine Antwort zur Relation von Kunst und Leben ist. Nicht, daß man sich zum Affen macht (was man aber stets riskieren sollte), sondern:Wie kriege ich den Stolperer hin, der mich aus meinem bisherigen Trott reißt?

Seltsamerweise führt Herr Heiser genau das nicht aus, wahrscheinlich, weil er befürchtet, sich dann wie in einem billigen Psycho-Ratgeber zum Affen zu machen. Was das eigentlich Irritierende an dem Buch ist: Das, was von der Kunst gefordert wird, nimmt der Autor selbst weder stilitisch noch formal für sich und sein Schreiben in Anspruch.

Dabei würde es da doch gerade spannend. Weil man diesen Slaptsick-Gedanken ganz alltäglich schon mal ernst nehmen sollte, ernster noch, als der Autor das tut - und das muß ja nicht beim Wickeln eines Babys geschehen.

Traurig ist, daß, durch dieses Slapstick-Raster gesehen, dann auch nur ganz bestimmte Formen von Kunst Eingang in die Abhandlung finden. Von Duchamps bis Kippenberger und Albert Oehlen, sozusagen - bei Richter oder Rauch überzeugt es mich nicht mehr so ganz und wirklich, was er schreibt.

Obgleich beide natürlich auch fast zwanghaft sich genötigt sehen, noch irgendwo dann Ironie einzuspeisen - aber warum denn eigentlich?

Was zur zweiten Frage übereitet: Wenn Heiser Kunst schreibt, dann meint er bildende Kunst - Malerei, Video, Installation, Skulptur.

Wenn man dann so an den ollen Hegel und seine Hierarchie der Kunstgattungen zurückdenkt, dann ist das doch etwas dünne.

Literatur z.B.: Er wird ja nicht- und würde das auch nicht, weil der Vergleich fies ist - jetzt Morgenstern oder Heinz Erhardt als gelungener als Paul Celan einordnen. Oder Gottlieb Wendehals doller finden als "Tristan und Isolde". Natürlich geht er kunstimmanent auf guten und schlechten Slapstick ein und nimmt diesen Unterschied auch sehr ernst und nimmt das alles nicht so wörtlich wie ich und würde wahrscheinlich statt Erhardt dann Kurt Schwitters oder Beckett nennen, aber warum denn eigentlich? Erhardt war ein Virtuose des Wie und oft auch viel lustiger als Kippenberger.

Scheint doch nicht nur auf's WIE anzukommen, sondern eben auch auf's WAS.

Und, noch eins drauf:Diese ganze lustige und dabei nachdenklich stimmende Ironie, die Herr Heiser da ausbreitet, wirklich superinteressant ausbreitet, ist die nicht selbst schon viel zu eingeübt, als daß sie noch den gewollten Bruch erzeugen könnte? Kommt da nicht notwendig sowas wie "Bad taste" hinten raus?

Wirklich peinlich berührt ist doch kein Mensch mehr mehr bei Guildo Horn, da weiß man, wo man lacht.

Richtig reinhauen würde es doch viel mehr, wenn man seiner Ex-Geliebten auf y-beliebigen Tonträgern "Könntest Du doch wieder bei mir sein" aus dem "Phantom der Oper" aufnehmen würde und ihr zukommen ließe. Und 'ne Form von Splastick wäre das ja sogar auch.

Und ich werde das Gefühl nicht los, daß es eigentlich darum geht derzeit - nicht nur in der Kunst, und auch nicht nur bei mir ... das Schlimme ist, daß dieses auch die Redakteure des großen "TV Romans" auf SAT 1 behaupten würden.

Womit das Thema unauflöslich wahr geworden wäre. Und geradezu erschütternd lebensnah.

30.07.07

Scholastik oder Zeichenfetischismus: No Way out?

"Es gibt nicht Historischeres - im doppelten Sinne - als ein starkes Zeichen der Befreiung. Damals konnte ein Mann in der Blüte seiner prometheischen Kraft sich den Globus greifen und ihn ficken. Anscheinend war diese Geste für die damaligen jugoslawischen Autoritäten eine der unerträglichsten Provokationen, die sie ausgerechnet mit dem Argument fehlender Logik zurückwiesen: "Niemand kann den Globus ficken!" Das mag uns als Dokument eines guten alten Materialismus rühren, der an realistischen Maß- und Größenverhältnissen festhält, um den frivolen Spielereien des kulturellen Symbolismus zu entgehen - und das mit gutem Grund, denn dieser Symbolismus war ja die Brutstätte des Markenuniversums, das wir heute bewohnen."

Katherine Zakravsky, Pupilija, in: Documenta Magazin Nr. 3, Education, S. 79, Kassel/Köln 2007 - es wird die Performance Pupilija, papa Pupilo pa pupilcki beschrieben, die 1969 von einer Gruppe slowenischer DichterInnen, bilnder KünstlerInnen und LaiInnen inszeniert und in ganz Jugoslawien aufgeführt wurde.

22.07.07

Joni Miitchell, Ölfarben und Liebe lernen

Ich liebe verregnete Sommersonntage!

In der Hoffnung, daß sich jetzt nicht jene beleidigt fühlen, deren Keller gerade überflutet wurden .... man hat den Park fast ganz für sich und könnte den Hund eigentlich nach Herzenslust toben lassen. Wenn der denn toben wollen würde. Sie haßt verregnete Sommersonntage und scheißt sogar nur unter Brücken. Aber die kann ihr Fell ja auch nicht ausziehen.

An solche Tagen muß ich immer an diesen Werbung denken, die ich wirklich gelungen fand: Jene mit dem verregneten Tag in irgendeinem Touri-Hotel, wo alle die Zeit totschlagen, bis die Sonne wieder scheint. Der hat diese sympathische Melancholie richtig gut transportiert, in die man sich dann fallen lassen kann, um sie richtig zu genießen.

Das sind Tage für hohe Frauenstimmen. Caruso an so einem Tag wäre tödlich, das wäre monumentales Niederschmettern der Lust an der Melancholie.

Die Callas hingegen, wenn's gießt: Ein Traum! Oder die Streisand. Oder Katie Melua. Oder Jane Birkin. Oder eben Joni Mitchell. Das "Blue"-Album höre ich schon den ganzen Tag, während ich auf all die Tropfen starre, und das ist schön. Sooo schön.

In den Kommentarspalten hier gibt es ja immer wieder diese Diskussion rund um die Wahrheitsgeltung und das Wahrheitsmonopol der Naturwissenschaften. Leute, die da ganz darauf setzen, müßten bei so einem Wetter dann eigentlich dasitzen und Bücher über Meterologie lesen, um den Tag zu erfassen. Die Freundin über den Lotus-Effekt aufklären ginge auch.

Joni Mitchell wählt anderes Material und andere Form: Die Töne von Klavier und Gitarre und ihre so unglaubliche Stimme. Im Gegensatz zum Meterologie-Buch hüllt sie Worte in ihre anderen Medien, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Mein Philosophie Prüfer Martin Seel ist ja derzeit dabei, auf der Luhmannschen Unterscheidung zwischen Medium und Form eine mediale Erkenntnistheorie aufbauen zu wollen, vielleicht bekommt er ja Gedanken wie die folgenden unter:

"Das Verhältnis des Künstlers zu Medium ist gleichzeitig autoerotisch und selbsterschaffend. Das Medium bereitet vollkommenes Vergnügen, und indem der Künstler mit ihm arbeitet, ist er in der Lage, Konflikte, selbst den tiefsten, grundlegenden Konflikt des Menschen, durchzuarbeiten. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Lebens- und Todestrieben. Indem der Künstler dies tut, erreicht er eine Art Frieden, die selten ist im Leben, und ein Gefühl von scheinbarer unzerstörbarer Integrtität. Ob er mit dem Medium ringt wie Herkules mit dem Nemeischen Löwen oder wie Jakob mit dem Engel Gottes, ob er das Medium als säkular oder heilig erfährt - als Repräsentant einer niederen, physischen Welt, die es zu überwältigen gilt, oder als Repräsentant einer höheren, geistigen Welt, die ihn überwältigen und inspirieren kann -, das Medium wird sowohl zum Test als auch zur Quelle seines Seins, seiner Identität und seiner kreativen Karft. Es wird zu einem Neuanfang, an dem es möglich wird, zu lieben und Liebe so unschuldig und intensiv zu empfinden wie ein Kind."
Donald Kuspit, Identifikation mit dem Medium, in: Miachel Lüthy, Christoph Menke (Hg.), Subjekt und Medium, Zürich/Berlin 2006, S. 131

Ja, jeder könnte ein Künstler sein - es gibt diese herrliche Stelle in einem Chanson von Klaus Hoffmann, wo er seine Kindheit besingt: "Ich hatte nichts und wollte alles geben!". Schade, daß der Herr Kuspit im Fortgang des Textes dann krude in psychoanalytischen Narzißmus-Theorien sich ergeht, die sind wohl sein Material. Krude, weil: Ohne Medium gibt es ja weder Zugang zum Gegenstand noch zum Anderen.

"Autoerotisch" ist deshalb Quatsch: So in Ölfarben panschen und Leinwände liebkosen, das schafft ja erst Bereitschaft, Offenheit - für Joni Mitchell, den Regen, den Hund und den Anderen, der da komme.

19.07.07

Der Blick und die Zeichen

"Der Blick (...) hüllt die sichtbaren Dinge, er tastet sie ab und vermählt sich mit ihnen. So als gäbe es zwischen ihnen und ihm einen Beziehung der prästabilsierten Harmonie, so als wüßte er von ihnen, noch bevor er sie kennt, bewegt er sich auf seine Art in seinem hektischen und gebieterischen Stil, und dennoch sind die erfassten Ansichten nicht beliebig, ich betrachte kein Chaos, sondern Dinge, so dass man schließlich nicht sagen kann, ob der Blick oder die Dinge die Oberhand haben".

Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1994, S. 175, zitiert nach: Peter Gente u.a. Hg..Philosophie und Kunst - Jean Baudrilliard, S. 207

Mit dem Blick hatten sie's ja, die französischen Phänomenologen.

Sartres Abhandlungen über den "Blick des Anderen" gehören zu den wohl großartigsten Passagen philosophischer Literatur überhaupt. Dieses Machtspiel, das er beschreibt - jenes, das entbrennt, wenn abwechselnd und wechselseitig die Subjekte ("Das Für-Sich-Seiende") aufeinanderprallen und sich bemühen, den Anderen zum Objekt der eigenen Anschauung zu machen oder eben von diesem objektiviert zu werden ("Das Für-Andere-Sein"); diese Unmöglichkeit, zugleich anzuschauen und sich angeschaut zu fühlen, diese Beobachtung, daß man entweder den Blick des Anderen sieht oder dessen Augen, aber nicht beides zugleich.

Merleau-Ponty war da immer der sanftere, tastendere in seinen Beschreibungen; um so seltsamer, daß ich ihn das ausgerechnet im Baudrillard-Reader wiederfinde, den als Lektüre zum Mittagsessen im O-Feuer ich mir zulegte.

Da, wo der mir so unerträglich unsympathische BILD-Reporter, für den FC St. Pauli zuständig und auf der Außerordentlichen Mitgliederversammlung öffentlich des Tragens von Nazi-Klamotten, Thor Steinar, bezichtigt, dann unser neues "T + T"-DreamTeam im Mittelfeld zum Interview empfängt (Insider wissen, was T+T heißt, und allein schon der Bezug zu Take That bringt da Glück - als sie beim Konzert für Diana Samstag auf RTL2 "Back for Good" sangen, mußte ich heulen, weinerlich, wie ich nun mal bin, aber ich erzähle jetzt nicht, warum!) und man sich nur einmal mehr wundert, wie jung diese Fußballspieler sind. Weil man das eigene Altern innerlich ja irgendwie verpaßt hat.

Dann liest man den Herrn Weibel und darüber, daß die Leistung Baudrilliards darin bestanden hätte, die Marxsche Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert auf die Zeichentheorie de Saussures übertragen zu haben. Er habe dem Signifikanten, dem Bezeichnenden, den Tauschwert zugeordnet, dem Signifikat, dem Bezeichneten, hingegen den Gebrauchswert, und das findet der wirklich tolle Herr Weibel toll.

Sartre fand an der Phänomenologie Husserls toll, daß dessen Philosophie ermöglicht habe, jenseits von formaler Logik und absolutem Geist auch das Glas Apfelschorle im O-Feuer und die Beziehung des Subjekts zu diesem exakt zu beschreiben und so die Philosophie im Alltag zu verankern. Ich Nachhinein wundere ich mich darüber, weil Sartre mit Sicherheit nie im O-Feuer war, und diese Zuordnung von Gebrauchswert und Tauschwert zu Signifikant und Signifikat finde ich auch ein wenig, na ja, handfest. Viel plausibler wäre doch, den Gebrauchs- und Tauschwert auf der Ebene des Signifikanten selbst anzuordnen und sich dann zu fragen, ob das alles ist, was man mit Zeichen so macht und was Zeichen so sind.

Sartre und Merleau-Ponty wurde im Nachhineien ja immer vorgeworfen, de Saussure und diese ganze Sprachtheorie, die dann Strukturalismus und Post-Strukturalismus ermöglichte, nicht rezipiert zu haben. In "Das Sein und das Nichts" taucht Sprache im Rahmen der Verführungskunst auf, und das könnte ja der Grund sein, warum der de Saussure nicht so wichtig fand ...

Denn da saß gestern dieser einfach unbeschreibliche Mann draußen vorm O-Feuer, der mit diesen unglaublich hellblauen Augen und einem Blick, der ein tiefes Loch in mein Sein riß. Obwohl er gar nicht mich anguckte.

Und das sind dann ja die Situationen, wo man sich fragt, welche Zeichen denn in einer solchen Situation Gebrauchs- und Tauschwerte ermöglichen könnten.

Und beibt natürlich doch nur stumm da sitzen und läßt die Blicke so schweifen, so, daß er es möglichst nicht merkt ...

14.07.07

Dieter Bohlen, die Wahrheit des Stils?

Fragen, die mich verfolgen und hinter jeder dunklen Ecke lauern, sind ja manchmal etwas seltsam. Zugegegeben.

Nein, es ist nicht jene, die mich umtreibt, also nicht die, ob es denn in Ordnung sei, daß ich aktuell neben dem wundervollen Andrew Bird und den tollen Tocotronics und so das Mark Medlock-Album hoch und runter höre. Natürlich ist das in Ordnung, bin ja kein Stil-Faschist.

Nee, was hat der, der Medlock, mit der Malweise von Neo Rauch oder sonstwem, den man auf den ersten Blick erkennt, zu tun?

Nämlich wahrscheinlich gar nicht das, was man glaubt. Eben nicht Kunst versus Kommerz. Dieses von Bohlen zusammenverhackstückte Album, proppevoll mit Disco- und Soul-Zitaten und - Klischees und dem schlimmsten Gitarrensound der Musikgeschichte funktioniert super, macht Spaß, läßt fröhlich in Tage gleiten, gerade weil es vertonte Stereotypen sind. Und weil eben diese wirklich unglaubliche Stimme des Superstargewinners mir zumindest ganz tief unter die Haut und zwischen die Beine und mitten in's Herz geht.

Worin sich nun eigentlich so ein individueller, stimmlicher Ausdruck von dem Stil eines Malers unterscheidet, das verfolgt mich. Daß eine Knef, ein Sven Regener, eine Marianne Faithful oder ein Joe Strummer mit Stimmen von unvergleichlichem Wiedererkennungswert gesegnet sind, das ist ja sozusagen nix, wofür die was können. Die können das kultivieren, damit arbeiten, es ausarbeiten, aber ansonsten ist das wohl eher sowas wie ein einzigartiger Augenausdruck, siehe Frau Streisand.

Ganz anders, wenn man so durch's Museum spaziert und vor sich hin murmelt "ach ja, ein Feininger!". "Oh, ein Kandinsky!" Manchmal liegt man natürlich daneben, weil irgendjemand anders so malt wie Mondrian, aber ist genau das dann nicht sowas wie Bohlen, der sich bei Lionel Richie und Otis Redding irgendwas zusammenklaut?

Ist natürlich die uralte Frage nach "Selbstausdruck" und "Individualität", und sie sei ergänzt druch die Beobachtung von Frau Dossi, die dieses höchst erhellende Buch "Hype" geschrieben hat - daß aktuell auf dem Kunstmarkt jene, die über einen hohen Wiedererkennungswert verfügen und möglichst fix möglichst viel Ware nachliefern, die besten Chancen haben. Guckt man sich nun die Entwicklung eines Neo Rauch an, dann zitiert der ja im Grunde genommen immer nur sich selbst und entwickelt "seinen Stil" weiter. Was aber hat das mit Individualität zu tun?

Eigentlich, auch im Fall der Abstraktion, ist Malerei ja ein Medium, sich Gegenständen anzunähern - und sei's nur der Farbe selbst bei monochromer Malerei (und von mir aus auf diesem Wege auch Gott). Eine alternative Weltsicht. Und in der Tat spaziert man ja anders durch einen Park, wenn man sich vorher einen Monet genau angeguckt hat.

Ist die Subjekt-Objekt-Relation, die mir da zu schaffen macht. Wenn so ein Rauch dann jedem möglichen Gegenstand immer die selbe, von mir aus auch in hehren, Bodo Straußschen Kämpfen dem Schicksal abgerungene, Form und denselben Stil der Welt überbügelt, ganz egal, welchen Gegenstand er behandelt, ist das dann nicht Lüge? Und was zum Teufel ist daran noch "individuell"? Die Weltlosigkeit?

Ist das nicht so, als würde man mit lauter verschiedenen Frauen und Männern immer den gleichen Sex haben wollen? Das hat irgendwas mit Adornos Warenfetisch-Kritik zu tun, und mit dem Freiheitsbegriff der Liberalen nicht minder ... "negative Freiheit" heißt ja auch: "Sag mir bloß nicht, was Du willst!" im Bett. Oder auf dem Küchentisch. Oder im Darkroom ... masturbiert der Neo Rauch da nur und ist aus Opposition zur "freien Liebe" konservativ?

13.07.07

Ode an Neptun: Ich kann's nicht mehr ertragen, ich will die Nacht an allen Tagen ...

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Foto von Erik, unserem Vorsitzenden!

Wie heißt noch der Komponist, der diese "Bilder einer Ausstellung" komponierte?

Immerhin fiel mir gestern auf, daß Emil Nolde ja streckenweise einfach nur ordinär malte. Kein Wunder, daß der Nazi wurde.

Trotzdem: Wie gut, daß es die Moderne gab. Ob's sie noch gibt, halte ich ja für unbeantwortet. Nachdem irgendwelche strukturellen NeoNationalisten sich für aufgeklärt-modern und alle anderen in totalitärer Absicht wahlweise für vormodern oder totalitär erklärt haben, kann man ja nur noch für den Flow plädieren.

Jenen, der entsteht, wenn man auch nicht weiß, wie man zusammendenken soll, daß man das "Zombie"-Album von Kante viel zu spät für sich entdeckt hat und zugleich Gewaltfantasien entwickelt, wenn altkluge Schülerinnen vor ekelerregender, "klassischer" Saucenmalerei, widerliche Weibsbilder in edlen Stoffen vor so richtig blauem Himmel halt da auf den Bildern in einer Halle in der Kunsthalle, ausrufen "toll, das ist alles so exakt gemalt!".

Während man doch selbst kurz zuvor noch vor einem der zwei Picassos in den hehren Räumen neben dem Hauptbahnhof niederknien wollte. Dann fließt man weiter durch die eigene Wahrnehmung, landet bei der These, daß Kunst an die Stelle der Schöpfergottverehrung getreten sei und findet das auf einmal völlig in Ordnung, daß das so ist, zumindest dann, wenn's um Picasso, Ernst Luwig Kirchner und Max Beckmann geht. Schon toll.

Im Raum mit den "exakt gemalten Bildern" hingegen schaudert's, da steckt eben all dieser objektivistische, kitschige Quatsch drin, der heute als "Evolutionssoziologie" und schlimmeres auftritt. Und dann sieht man dieses fast designartige, dekorative Picasso-Bild von der Türkin mit dem Turban, vor allem breite, blaue Linien, in die irgendwas Ornamentales reingeritzt ist, und sieht und weiß und reflektiert, daß der Mann eben doch "näher an der Wahrheit" war als Einstein.

Und daß man unter Markt-Bedingungen ganz schön laut schreien muß, damit das jemand hör, das sieht man auch. Wenn man vor diesen kleinformatigen Klassikern steht - bei den so oft beschriebenen Auktionen hätten die keine Chance mehr, wenn nicht der Künstlername zur Marke stilsiert worden wäre und der Mythos der Kunst, ja, auch von Picasso tatkräftig befördert, nicht in die falschen Räume gewechselt wäre.

Sich so einen Max Ernst anzuschauen, nachdem man zuvor noch mal die monumentalen 2 x 4 m oder so Bilder des Daniel Richter ansah, das wirkt irgendwie piefig. Und wat mußte der Daniel in den Farbtopf greifen und auf Effekte setzen, um diesen Status zu ereichen, den er jetzt hat!

Großartig sind die nichtsdestotrotz, wenn man vor seinem "Süden" steht, dann kommt sie auf, diese seltsam verzweifelt flirrende Tristesse, die man in südlichen Urlaubsregionen anhand von Bauruinen dann empfinden kann, wenn zwischen denen alle trotzdem in verordneter, guter Laune tanzen wie die Doofen.

Und diese flimmernde Polzeikette mit den Hunden davor, die haut schon rein - aber eben durch die Wahl der maximal möglichen Mittel. Jetzt noch ein verprügelter Demonstrant oder eine Miß Wet-T-Shirt, und der Effekt wäre gar nicht mehr maximal.

Wie Markt das Serielle präferiert und USP ("unique selling prophecy") als Stil mißversteht, das konnte man dann auch gleich beobachten, als im Keller bei der ziemlich öden "Seestücke"-Ausstellung dann irgendein juveniler Heini die Richtersche "vom Hellen in Dunkle malen" -Technik adaptiert. Kann ja sein, daß der gar nicht juvenil ist, seit 1960 schon so malt und Daniels Lehrer ist, das ist schnurz. Im zementierten Flow des Warenabgebots verwischen solche Bezüge und man sieht nur, wie Technik eben jene Erfahungsdimension ersetzt, die in seinen guten Bilder der Daniel Richter noch aufzuheben vermag. Was in Zeiten, da "Freiheit" nicht mehr als die mögliche Vielfalt von Erfahrungsdimensionen gedacht wird, sondern in Slogans selbstbezüglich sich ergeifert anstatt sich zu erfinden, eben wehtut.

Und dann hört man dieses viel zu spät entdeckte "Zombie"-Album von Kante, liest so in die Texte hinein, wo Verliebtsein als schleichendes Gift erfahren wird und unbeschriebene Blätter ersehnt zu hören sind, seltsame, im Grunde genommen impressionistisch-phänomenologisch-symbolistische Text-Techniken, wo auf einmal die Eindrücke beim Durchgang durch die Städte sich beschrieben finden, "die Häuser sind Leichen verblassender Träume , bleiche Ruinen von möglichen Räumen" - und stellt fest, daß eben genau diese Technik komplett abhanden gekommen ist im Dschungel festgelgeter Zeichen. Da hilft's auch nicht, diese dann dynamisieren zu wollen.

So erinnere ich mich an ein Interview mit Matthie Carriére aus den 80ern, wo dieser diesen Gegensatz zwischen dem Apollinischen und Dionysischen in Nietzsches "Geburt der Tragödie" referiert und letzteres auf den Rausch der Nacht bezieht - war schon schön damals, besoffen Udo Jürgens "Ich weiß, was wich will" nachts um 3 in der Wunderbar zu hören, und heute sitzt man stattdessen im System der institutionalisierten Gier und erholt sich kaum noch von der Jagd, die einst wenigstens noch auf Körper sich richtete ... und will auf einmal jenes Empfinden trinken, daß Monet gehabt haben muß, als er Licht in seiner Vielfarbigkeit malte. So gar nicht exakt ....

04.07.07

Pure Vernunft darf niemals siegen!

Wobei freilich nicht oft genug betont werden kann, daß auch Vernunftkritik nur im Medium der Vernunft selbst möglich ist, sonst isses keine.

Macht nix: Für Jazzfans und andere - virtuelles Actionpainting!

(via zeichenblog)

29.06.07

Über Licht

Nee, nicht den Peter. Den mag ich zwar auch sehr, und wenn ich nicht da bin, bin auch ich auf dem Sonnendeck und singe das Lied vom Ende des Kapitalismus. Nee, ich meine das, weshalb wir sehen können. Weshalb es Malerei und Fotografie und gibt. Und das, was den Norden vom Rest Deutschlands unterscheidet. Berge machen dumm, und wir haben die Weite, sozusagen ... (... sorry nach Zürich, für die Schweiz gilt das natürlich nicht ;-) ...).

Mitte der Woche bin durch's Berliner Sturmtief getapert. Eigentlich eine ganz schöne Ecke, die ich zu meiner Schande noch gar nicht kannte: Mehringdamm und Bergmannstraße und so, das ehemalige 61. War bisher immer nur auf der Ecke rund um die Oranienstraße, wo der Mariannenplatz einst blau war, so viel Bullen waren da. Und die mag ich ja auch gerne. Nicht die Bullen, diese Ecke von Kreuzberg, meine ich.

Schon eine Gegend zum Wohlfühlen, da rund um's Schwule Museum, glaube ich.Trotzdem - auch wenn sich da zu meiner Überraschung mal das eine oder andere Haus in einer richtigen Farbe befand, eines hatte z.B. einen sehr charmanten Orangeton, mein Hotel war sogar richtig rot, ein hübsches Bordeaux - dieser Eindruck blieb, den ich da immer habe, daß das Licht in Berlin ein wenig so ist, als habe man über Pisa einen Staubsaugerbeutel ausgeschüttet.

Zumindest in jenen Gegenden, wo nicht all die Nachkriegsarchitekturen ihr teilweise ja eigentümlich pittoreskes Spiel mit dem Rechteck betreiben - in Steglitz, Prenzlauer Berg und manchen Ecken Schönebergs und Kreuzbergs also, wo noch des Kaisers Architektur sichtbar blieb, dominert dieses seltsam gebrochene Ocker und warme Grau, das mich auf Dauer rammdösig machen würde. Es ist aber auch nicht so widerlich milchig wie in Köln oder so stumpf warm wie in Freiburg, sondern nur im Sommer, im Winter riecht man in Berlin ja eher Stalingrad, wirkt es da, als wolle man Mediteranes karrikieren. Dabei waren erstaunlich wenig Leute auf der Straße, hier ist auch in Seitenstraßen mehr los.

Dienstag war aber was anders, wegen des Sturmtiefs. Wollte schon immer "Hamburger Wetter, wir haben Hamburger Wetter" anstimmen, trau ich mich aber immer nicht im Ausland. Es gibt ja so viele Lieder und Filme über den Himmel über Berlin, und erstmals habe ich das verstanden. Ein so seltsam deckendes Mittelblau hatte ich selten gesehen, nachts um 11. Klar, die längsten Tage des Jahres, und so zogen stürmisch graue Wolken vor einem derart intensiven, wie mit Weiß abgemischten Farbton entlang, das war schon toll. So saß ich dann mit Walkman am Hotelzimmerfenster und hörte tolle Musik, glotzte auf dieses Blau und verstand ganz plötzlich: Klar, ich guckte nach Nordwesten. Richtung Hamburg halt ...

Wäre jetzt 'ne gute Pointe gewesen, aber zu diesem Sfumato-Leben Süddeutscher muß ich ja doch noch was schreiben. Sfumato ist der Effekt, durch den Leonardo da Vinci berühmt wurde, diese immer neu Übereinanderlegen von Lasuren auf Hell/Dunkel-Untermalung, so daß gleichermaßen ein Verschwimmen der Konturen und enorme Plastizität entsteht - irgendwie "wolkig", weil nicht mehr die Linie bestimmt, was man wahrnimmt, sondern im Grunde genommen das Licht, die Atmosphäre selbst (ja, physikalisch gilt das generell, aber wir nehmen ja nicht physikalisch wahr). Man munkelt ja, das könnte er von der Linse haben, bevor man die scharf stellen konnte - gab ja damals die Camera Obscura, die dann unscharfe Bilder projizierte, und in der Tat wirkt das dann wie dieses berühmte Sfumato.

Meine Schwester sagt immer, wenn man von Süden nach Nordern fährt, dann würde ab Hannover der Himmel aufgehen. Ist auch so. Süddeutschland beginnt ja für mich eh auf der Deister-Linie, Göttingen ist schon Nordhessen und deshalb nicht mehr Norddeutschland, und es ist immer wieder verblüffend festzustellen, wie Franzosen und Süddeutsche völlig überfordert sind von diesem klaren Licht hier oben.

Die Frau eines Freundes von mir, eine Französin, bekommt immer fast einen Nervenzusammenbruch, wenn sie an ostfriesische Inseln denkt, z.B.. Bin mir sicher, daß das daran liegt, daß das Verwischte fehlt, dieses Sfumato halt, das Flirren in der Luft. Ähnlich geht es Leuten aus bergischen Ländlen, wenn die auf einmal weit gucken können, ohne daß Milchigkeit der Luft ihnen die Sicht versperrt, und so viel Weitsicht sind die dann einfach nicht gewöhnt. Das kennen die sonst nur, wenn sie auf Berge klettern und von oben herab die Welt beäugen.

Als ich gestern abend um 11 h noch mal mit dem Hund draußen war, da war's noch am Dämmern, im Nordwesten, Richtung Island halt, da war's noch richtig hell. Wundervolle Blautöne, aber eben nicht mit weiß abgewischt. Wie mit reinem Pigment gemalt. Richtung Island geguckt spürte man die Mittsommernacht ... nach Island muß ich unbedingt mal hin!

20.06.07

Der große TV-Roman

Uta Baier hat's ja drauf. Die darf für DIE WELT schreiben, wahrscheinlich, weil das sonst auch gar keiner wollen würde, und ist über die Documenta geschlendert. Ich habe keine Ahnung, wie's da wirklich ist, derzeit in des Eichels Heimat; lustig ist dennoch die Erwartungshaltung der Kritikerin, weil sie vor kollektiven Wahrnehmungsklischees fettig glänzt und talgig tropft. Es ist die Sicht des konsumorientierten Event-Touristen, die sich nicht zugibt. Beispiel gefällig?

"Begeisterte Ausstellungsbesprechungen erschienen schon vor der ersten umfassenden Vorbesichtigung der Schau. Doch diese beschäftigten sich mit Einzelwerken oder Räumen, die viel von autonomen Kunstwerken erzählten, aber wenig über die Ausstellung sagen, die eher eine Essay-Sammlung ist als ein Roman."

Schon der erste Trick ist so dermaßen billig, daß es mich schaudern läßt - wenn alle was toll finden, falle ich dadurch auf, daß ich es eben nicht toll finde. Die Logik der exlusiven Modemarken und erste Stufe der Distinktion.

Und dann die Sehnsucht nach dem Roman, dem Lauten, Schrillen Bunten, der Sinnlichkeit der Musical-Aufführung, die dort durch den Text schillert: Man unterhalte sie gefälligst, anstatt zu "belehren".

"Didaktisch" ist ja das schlimmste Schimpfwort innermedialer Schaffensprozesse geworden, ein totaler Killer in jedem Meeting, wo man Neues konzipiert - wem's zugesprochen wird, der hat verloren. Da muß man immer aufpassen, daß man der erste ist, der's sagt. Gleich danach kommt nicht zufällig "Kunstkacke". Kunstmärkte und Künstler sind jederzeit okay, eben alles, wo die Romanstruktur von Heldenreisen, Größe, Geld und Macht sich ausbreiten darf - das Essays hingegen, das locker strickt und nicht allem und jedem die gleiche Struktur überbügelt, nee, geht gar nicht. Bei Frau Baier liest sich das so:

"Buergel und seine Kuratorin Ruth Noack setzen nicht nur auf die Lust der Betrachter, ihren Gedanken zu folgen, sondern sie fordern sie ein."

Nein! Das geht ja gar nicht! War neulich auch bei SpOn zu lesen, der "Rohrstock" oder ähnlich der Ausstellungsmacher, der dann "undemokratisch" sei - sowas wie einfordern dürfen defintionsgemäß nur Filialleiter, Vorstände, Familienministerinnen und Hartz IV-Sachbearbeiter, aber doch keine "Unterhaltungskünstler" wie die Documentamacher - "Unterhaltungskünstler" übrigens das DDR-Fachvokabular u.a. für Schlagersänger und Rockmusiker. Noch eins drauf:

"Doch dieser rote Faden ist eine Fata Morgana, denn es gibt nur Assoziationen und Beziehungen, die als Seminararbeitsthema vielleicht ganz interessant sind, in einer Kunstschau aber doch ein wenig platt daher kommen."
Auch so'n selbst platter Vergleich: Das Seminararbeitsthema. Was ist das eigentlich für ein seltsames Verständnis universitärer Bildung, das Prozesse und Ergebnisse eben dieser als Sinnbild des Verstaubten und Irrelevanten proklamiert? Frau Baier wäre vielleicht beim Bungee-Jumping besser aufgehoben als auf der Documenta, dann würden ihr Sätze wie die folgenden nicht entweichen:
"Jede Documenta ist ein Angebot. Diese ist vor allem eines zum Herumsitzen. (...) Doch so rätselhaft, humorlos, feministisch und unfröhlich war noch keine Auswahl."
Da hätte sie vermutlich lieber Kraft durch Freude. "Jede Documenta ist ein Angebot" - aber sich über Plattitüden ereifern. Diese eingestreuten Angebot und Nachfrage-Sprechweisen - was sollen die eigentlich signalisieren?

Und dann Hinsetzen - ja, warum denn nicht? Lieber mit den BOTS aufstehen? Stundenlang vor einem Liebermann sitzen kann allemal erfüllender sein, als den großen SAT 1 TV-Roman zu fordern, wie Frau Baier das hier unaufhörlich tut, und den dann auch vom Laufband aus anzuschauen.

Wieso muß eigtlich ständig alles unbedingt humorvoll sein? Das wäre eine interessantere Frage, verwiese es auf die Funktion des Lachens: Des Auslachens, Anlachens, Weglachens, des Zynischen, des Ironischen - und wieso vielleicht tatsächlich gerade jetzt, gerade in der aktuellen historischen Situation, man sich durch alll das erst mal hindurchpflügen muß, um mal wieder sich hinzusetzen und einfach nur hinzuschauen auf das Einzelne, Besondere, und seinen Bezug zum Nebending.

"Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit" ist nicht umsonst einer der besten Sätze Adornos. "Feministisch" wird auch mal eben so eingestreut wie zuvor schon das "Angebot", und daß dieser humorlos sei, das gehört ja zu den dümmsten Stammtischklischees arschgrabbelnder Fettsäcke, lach doch mal, Süße, keine Ahnung, warum eine Frau Baier genau dieses dann übernehmen muß - arschgrabbelnde Fettsäcke beim Bungee-Jumping sind ja auch kein schönes Bild.

"Unfröhlich", "rätselhaft", ja, was erwartet die Frau denn von der Kunst? Die große Erzählung, offenkundig, aber spaßig und eindeutig - den Faust auf lustig, die Sixtinische Kapelle mal auf ganz locker gemalt, Norbert Bisky also, diese ganzen hehren tollen Schinken, aber mit einer Dosis "Witzigkeit kennt keine Grenzen" soll ein Kurator heute vollbringen?

"Die einzelnen Werke wirken darin wie kleine Erzählungen, die eine ganze Welt eröffnen."

Ja und? Ist doch super! Schlimm auch das hier, das riecht nach Lätta- oder Gutfried-Werbung:

"Denn der von vornherein untaugliche Entwurf eines komplett durchsichtigen, gläsernen Hauses der französischen Architekten Lacaton & Vasall wurde nicht verworfen, sondern mit Vorhängen an Decken und Wänden in eine Hölle mit Teerfußboden verwandelt, dessen rostroter Anstrich mehr an Aschenbahnen und all die sinnlosen Wettkampf-Quälereien erinnert als an eine "sinnliche Ausstellung", die Buergel und Noack versprochen hatten."
Mit Verlaub: Ein dümmerer Gegensatz als Sinnlichkeit versus Aschenbahn ist definitiv nicht zu behaupten. Quälerei auf der Aschenbahn ist eine ziemlich gute Metapher für aktuelle Formen der Sinnlichkeit, der eingeschränkte Begriffshorizont der Autorin wird nur einmal mehr überdeutlich - ob Sportabzeichen einst oder "Fit statt Fett" gerade aktuell, so erheblich ist die Differenz da nicht.

Was alles gar nicht so wichtig wäre, würde diese Arroganz der Dummheit, die im Text sich zeigt, nicht sowieso ganz alltäglich meine Daseinslust einschränken - und, wie's mir scheint, eine ganze Journalistengeneration sich im diesem Dünkel bestens aufgehoben fühlen. Aber prägende Jahre unter Kohl gehen halt nicht spurlos an den Lebenden vorbei ....

01.06.07

Café Deutschland, audiovisuell

Einen Nachruf auf Jörg Immerdorff konnte ich hier nicht verfassen, dafür habe ich mich viel zu wenig mit ihm beschäftigt. Richtg sympathisch ist er mir geworden, da Christoph Tannert ihn in der Einleitung zu "New German German Paintings" deftig und primitiv anfeindete und auch in anderen Texten Immendorff/Richter/Meese als Gegenspieler zu den Leipzigern Stalinisten aufgebaut sich fanden. Solchen Antagonismen gehe ich ja gerne auf den Leim, dem Leben fehlt halt einfach die dramatische Musikuntermalung, Herr von Dannen.

Habe schon eine instensive Erinnerung daran, einst als Neu-Hamburger in die Kunsthalle spaziert zu sein und nachhaltig fasziniert vor einem Bild der "Café Deutschland"-Reihe gestanden zu haben. Und in sein "La Paloma" am Hans-Albers-Platz, klar, da ging man auch hin. Wenn ich mich recht entsinne, wurde das bald die Speerspitze irgendwelcher Bad-Taste-Schlager-Heten-Veranstaltungen, wo dumpfe Bierprolls im Hirn, also knackärschige Gymnasiasten, die auch in der AOL-Arena zwischendurch verbal mal so richtig die Sau rauslassen, während sie kraft Herkunft beste Zukunftsaussichten haben, daß diese dann schlagerbetüddelt rumgröhlten an der Ecke zur Friedrichstraße, Nutten schrill fanden und den Camp-Gedanken brutalstmöglich karrikierten. So wie Heten das halt imer machen, wenn mal ein Motiv schwuler Kultur zu ihnen durchdringt: Da kommt dann sowas wie "Mamma Mia" hinten raus.

Dieser mehrfach recyclete Immendorff-Nachruf auf dem WDR hat mich trotz dieses Wissens um popkulturhistorische Entwicklungen erschreckt. Da hat eine außerordentlich um Senisbilität und Achtung vor dem Gegenüber bemühte Autorin trotz alledem diesen seltsamen Voyeurismus angesichts schwerkranker Menschen im Fernsehen bedient, und das Schreckliche ist die Unvermeidbarkeit dessen, wenn man ein Thema wie Krankheit in den Mittelpunkt des Plots pflanzt. Da wird dann die Rosamunde-Pilcherisierung der Emphatie Programm, und das kann man als Autor auch gar nicht vermeiden, das ist das Gesetz des Mediums. Wer weiß, ob die Autorin diese Art des Geschichtenerzählens wollte, eine solche Form der Dramatisierung kann ja auch Senderwunsch sein.
Wenn im Pressetext schon steht:

"Erstmals erzählen die Mutter des Künstlers, Irene Immendorff und die erste Ehefrau Chris Reinecke vor laufender Kamera von ihren Erlebnissen mit dem Künstler."
... dann kann man sicher sein, daß diese Interveiws mit Sicherheit berühren, und in der Tat, so war's. Aber würdigt man das Werk eines Verstorbenen, indem man seine Mutter als faszinierende, empfindsame und beeindruckende Frau zeigt?

So entstand ein Lehrstück darüber,wie man durch "Menscheln" die Kunst erdrückt und diese so gar nicht mehr zum Atmen kommen läßt. Vorgeführt wurde ein Immendorf mit Atmungsgerät in der Luftröhre - das immerhin die guten Passagen, auch einen mit einem solchen Instrument Versehenen ganz un-verschämt zu Worte kommen zu lassen. Aber ansonsten blieb's halt nicht bei dieser Selbstverständlichkeit.

So wurde diese weiße Röhre geradezu symbolträchtig für die Rollle der Kunst in den audiovisuellen Medien: 's röchelt.

Ansonsten gilt: Man suche Stars und bügele denen einen wiederholbaren Entwicklungsroman über. Der Daniel Richter aus der Hafenstraße, der als Ex-Punk nunmehr zu den Bestverkauften und Teuersten gehört und dieses natürlich schaffte, indem er von der Abstraktion zum Figurativen überging. Der Neo Rauch, der bei seinen sozialistischen Lehrern wenigstens noch richtig malen gelernt hat. So eben auch der Immendorff, der als Rebell startete, um dann angeblich anders als alle Anderen sich dem Thema "Nation" zu widmen - er tat dieses zur selben Zeit, als die Neue Deutsche Welle aufkam! "Tanz den Adolf Hitler"!, und eine Friedensbewegung endlich das andere, nicht kriegeirsche Deutschland sein wollte! - und dann wurde er gleichzeitig krank und Staatsmaler. Und das war's.

Seine künstlerischen Formen, sein Sich-Annähern an die Neuen Wilden, sein Sich-Öffnen dem Pop, nö - man sieht ihn im Portrait mal kurz mit dem Lüppertz und dann auch mit dem Meese, ohne daß auch nur ein Wort über die spezifischen Formen fällt, die er künstlerisch wählte und die ihn mit Meese und Lüppertz dann verbinden könnten oder auch nicht.

Noch nicht einmal, daß sein Kanzler-Portrait gold ist, wurde jenseits simpler Prädikation erwähnt - nein, da ist dann die Kumpelei mit Schröder von Bedeutung, und daß eben der Kranke den Presserummel nicht mehr ertrug. Allenfalls ein Bezug zu einem Clint Eastwood-Film angesichts roter Ausstellungswände wurde zwischendrin erwähnt - und auch der Einfluß von Beuys, seinem Lehrer, zu Anfang des Films. Doch worin der bestand, das war der weiteren Analyse nicht wert, es ging ja um "zwischenmenschlche Beziehungen".

Kurioserweise war ausgerechnet der Heute Journal-Nachruf konträr. Aber natürlich viel zu kurz. Da wurde z.B. die These aufgestellt, daß die Malerei des Künstlers gegenläufig zur schweren Krankheit eigentümlich leicht geworden sei gegen Ende. Immerhin ein Gedanke. Und das mitten im Fernsehen ...


Erstmals erzählen die Mutter des Künstlers, Irene Immendorff und
die erste Ehefrau Chris Reinecke vor laufender Kamera von ihren
Erlebnissen mit dem Künstler.

27.05.07

Das ...

... klaue ich jetzt einfach mal da drüben (toller Text, jetzt nicht, weil er auch auf Einträge hier Bezug nimmt, sondern vor allem dieser Passus unmittelbar vor dem Adorno-Zitat über die Konstruktion seiner selbst als Selbstbetrug, über die "große Erzählung" der je eigenen Biographie) :

"Das geschlossene Kunstwerk ist das bürgerliche, das mechanische gehört dem Faschismus an, das fragmentarische meint im Stande der vollkommenen Negativität die Utopie."
Theodor W. Adorno

23.05.07

Mehr als nur Realitätsprinzip!

"Der schönste Satz in Raysons Kommentar zu Björns Artikel: Wenn alles Bestehen auf Saldengleichungen Neoliberalismus ist. Den nehme ich mit in die nächste Diskussion mit den linken Romantikern."
Schreibt Stefanolix hier. In den Kommentaren schreibt er das.
"Stell Dir vor, damit ein fischen-jagen-kritisieren-Tag einigermaßen erträglich ist, muss man auch eine Produktion organisieren, die bei erträglicher Arbeit genug abwirft, damit man ansonsten seinen Hobbies nachgehen kann. Und dafür braucht man - Zahlen und Berechnungen."
Antwortet mir Richard dort. Den habe ich gerade erst kennengelernt. Ist ja ganz pfiffig, der Mann, dann macht es mir auch nix aus, mit eigentümlichen Verdrehungen konfrontiert zu werden, vielleicht sind es ja auch gar keine. Wäre ganz interessant, die von Rayson diagnostizierten und dem von ihm zitierten Björn aufgezeigten Mechanismen mal auf die Diskussion da drüben bei Lysis anzuwenden.

Auffällig ist zudem, daß die Argumente gegen Adorno von ganz weit links schon wieder so ganz ähnlich sind wie jene der Liberalen: Spinner! Und zudem auch noch ein von den Bösen adaptierter Spinner, in diesem Fall von den Antideutschen, und schon allein deshalb in die Tonne zu treten. "Ehrenrettung deplatziert".

Ändert jetzt auch nix dran, daß Lysis auch weiter zu meinen Lieblingsbloggern gehören wird - auch wenn rein strukturell da in mir nachhallt, wie Filbinger und Sontheimer im "deutschen Herbst" die Kritische Theorie dann für die RAF verantwortlich machen wollten. Sage mir, wer welchen Denker rezipiert, und ich sage Dir, was für ein Denker das ist. So auch Statler, der einst den Teddy mit Albert der "Flachköpfigkeit" bezichtigte.

Da dringt immer die gleiche Überheblichkeit gegen eine bestimmte Form der Intellektualität durch, die mich gruseln läßt. Habe dann immer den verstörten Adorno angesichts der aufgebrachten Studenten '68 vor Augen, wie er da kahlköpfig und verwirrt stand und der Situation ganz offensichtlich gar nicht gewachsen war. Habermas suchte die direkte Konfrontation, und Adorno blinzelte daneben nur und schien die Welt nicht mehr zu verstehen. Da hätte ich ihn knuddeln mögen, genau diese Form der Ohnmacht macht sein Denken so grandios.

Erstaunt die Augen reibe ich mir trotzdem, daß ein Denker wie Adorno, der in einem ja tatsächlich unhaltbaren dialektischen Universum schwebte und trotzdem so viel Erstaunlichesund Großartiges zu schreiben wußte, die Gemüter so erregen kann, und das so komplett unterschiedliche Gemüter.

Habe neulich in irgendeinem Dreifach-Künstler-Portrait auf dem ZDF-Dokukanal einen Performance Artist erzählen hören, wie er den Weg in die Künste fand. Die Fernsehzeitung war's, die ihn hinein führte. Da war dann irgendwo hinten - kenne ich auch noch aus der HÖRZU - immer die Witzseite, wo regelmäßig geunkt wurde über den Maler, der ein Portrait malt. Der Witz bestand darin, daß dieses dann aussah wie ein Werk des späten Picasso. Total lustig also. Aber es ist ja falsch zu behaupten, daß wer Visionen habe, eben zum Arzt gehen solle. Dieser Perfomance-Künstler spürte der Witzseite an, daß dieser Weg, den auch Picasso ging, eben Verhältnisse ganz anders in Frage stellt als Formen der Wissenschaft.

Wer sich auf die ästhetische Dimension des Werks Adornos nicht einläßt, sagt einfach nix Sinnvolles über diesen aus.

Das ändert in der Tat nix daran, daß nun gerade Picasso auf dem explodierenden Kunstmarkt bestens funktioniert - das verweist jedoch auf Möglichkeiten des Mensch-Seins, die Gründe liefern, sowas wie Kapitalismus überhaupt zu kritisieren. Oder, spiegelbildlich, verweist auf die Absurdität, von allen konkreten Verhältnissen abstrahierte und formalisierte Freiheit zu fordern, die über gelebtes Leben gar nix anderes auszusagen vermag, als daß italienische Oldtimer eben auch als Fetisch taugen.

Und wenn ich Debatten im liberalen und im kommunistischen Lager lese, dann finde ich genau solche Fragen und solche Antworten immer nicht ...gut, erster Schritt ist immer völlig zu Recht die Minderung von Leid, was ja Liberale und Kommunisten gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen.

Dennoch: Habe mich mein post-pubertäres Leben lang erst mit Sartre, dann mit Focualt gegen jede Form des Glücks-Diskurses gewehrt und beginne doch langsam zu begreifen, wieso der alternde Foucault das Stichwort von der "Ästhetik der Existenz" formulierte. Und ohne Adorno kann man diese gar nicht denken, glaube ich ... ja, ein Luxusproblem und im Falle s´der Landlosen Brasiliens nicht relevant. Nur randständig isses trotzdem nicht ...

22.05.07

Ausnahmsweise wirklich frei

P1010001.JPG

Wenn der Lars das macht, dann mache ich das jetzt auch.

Immerhin glotzt mich der da oben seit Wochen an und ich weiß auch nicht, was ich mit dem anfangen soll. Sieht auch so ganz anders aus als das, was sonst passiert, wenn ich in Farben pansche.

Jahrelang lagen die Tuben eh auf dem Weg zu Trockenheit und Staub zu Staub in meinem Tchibo-Rollkasten-System, bis der Thomas ungewollt erneut mich animierte .... und dann kam als erstes der da oben dabei raus, weiß gar nicht mehr wie, ich wollte nur spielen und rumprobieren, als ich noch gar nicht wieder wußte, wie man den Pinsel hält.

Und der wollte so bleiben. So'n Bild will ja was von einem, selbst die miesesten Zeichnungen und schlechtesten Schmiereien wollen irgendwas.

In meinem sonstigen Leben ist das meist schnurz, was der Gegenstand so wollen könnte, da muß dann kundenadäquate Form ihm übergestülpt werden. Na, in den Peripheriezonen nicht immer, aber im Zentrum. Da schreien dann rummelplatzinspirierte Hintergründe den Zugucker an, weil schrill und geschmacklos irgendein Chef sie wollte. So genießt man ergebnisunabhängig den Weg hin zu solchen wie dem da oben und fühlt sich ausnahmsweise mal wirklich frei. Die Adorno-Basher von weiter links begreifen ja genau das, genau diesen Prozeß nicht.

Und dann diskutiert man andernorts über Masken und fragt sich, ob man da eigentlich auch eine gemalt hat. Die afrikanischen waren z.B. Teil eines Initiationsritus, zum Teil zumindest - als Jünglinge in finstere Höhlen und Wälder gesteckt wurden und hungern und leiden mußten, um so die Erfahrung zu bestreiten, die den Weg zum Erwachsensein ebnet. Und da hingen dann auch Masken um sie herum, oder besorgte Eltern schauten zwischendurch maskiert vorbei, um zu erschrecken. Konfirmation und solche Sachen waren hier mal Ähnliches, die Frage ist, ob das heute nun die Abiturprüfung, das Casting bzw. Bewerbungsgespräch oder der erste Hartz IV-Antrag ist, der hiesige Initiationsritus? Das erste Besäufnis, der erste Sex, der erste entfernte Leberfleck, was isset wohl?

Der da oben guckt ein wenig so, als sei er ein Gutachter für gelungene Initiationen. Als sei er die Prüfung. Wollte ihn ja erst "Der Investor" nenne, aber das war mir dann doch zu plump und blöde und falsch. Irgendwas hat der aber trotzdem mit Masken zu tun. Er sagt mir nur nicht, was ... vielleicht heißt er auch nur "Der da oben".

16.05.07

Zeichnen

Kommentar 71 da unten fand ich so gut, den hole ich - in der Hoffnung, daß T. Albert nix dagegen hat, einfach Bescheid sagen - jetzt einfach mal als Eintrag hier hoch:


"Bei Wahrnehmungsfragen hilft Zeichnen sehr sie zu stellen. Die Antwort, die man dabei immer wieder findet ist, dass wir nicht wissen können wie ein Gegenstand "objektiv" aussieht. Altes Thema der Impressionisten und Cezannes. Oder Giacomettis.
Aber es sind die Psychologen, die die Künstler und ihre Wahrnehmung untersuchen. Umgekehrt kommt das nicht vor. Ist institutionell auch weder wissenschaftstheoretisch noch kunstbetrieblich vorgesehen."

T. Albert

04.05.07

Nxi gegen Salomé, bitte!

Aber ansonsten schön, was Daniel Richter da über Hamburg sagt:

"Es gibt eine kleine Szene, und die ist sehr produktiv, das war immer so. Deshalb sind Berliner Phänomene, wie Bushido oder Sido oder solche Schwachköpfe, oder Salomé in der Malerei, in Hamburg nie möglich gewesen, weil es in der Stadt immer diesen extremen Reflexions- und Argumentationsdruck gab. Und der färbt auf dich ab, ob du nun Maler bist oder Rapper. Weil es eine andere Genealogie gibt. Und du kommst ja nicht aus der raus, wenn du in einer Stadt bist, in der Nossack und Jahn und Fichte gewesen sind, und unter den Künstlern Polke, Büttner, Oehlen, und unter den Rappern die Absoluten Beginner oder die Bands der Hamburger Schule. Und das zurrt ja immer auch einen Kern fest, um den herum sich ganz viele Leute argumentativ gruppieren. Das sind ja nicht nur diese einzelnen Figuren, sondern das sind die Szenen, die sie umgeben. Die Bands und die hundert Leute, mit denen sie reden."
Mehr zur Ausstellungseröffnung gestern abend in der Kunsthalle später - lohnt sich in jedem Fall, aktuell durch's "Museum der Gegenwart" zu latschen. Vor allem, wenn's nicht so eklig voll ist wie gestern abend, wo BILD-Diekmann und Lindenberg fast in Arm zwischen Hasenstrafen-Veteranen rumspazieren, und niemanden scheint's zu stören ... aber ebensowenig gegen Lindenberg wie gegen Salomé. Und der böse Herr mit den Gel-Locken und der Brille, die ihm nicht steht, soll mal ruhig nach Berlin gehen, da paßt er hin ... wer Agenda-Setting braucht ...

24.04.07

Scheitern dürfen sollen!

Gestern abend in irgendeiner Nachrichtensendung einen Beitrag über eine Emil Nolde-Ausstellung in Bremen gesehen.

Dessen Bilder kannte ich ja, Schande über mein Haupt, daß ich gar nicht wußte, daß der ganz heftig mit Nazis schmuste, miese antisemitische Motive in seine Bilder einbaute, in die Partei eintrat und sogar Ämter innehatte oder innehaben sollte - um dann doch aufgrund seines mangelnden Heroismus und Realismus der Entartung bezichtigt zu werden und ziemlich verstört am Strand zu verbleiben.

Für mich war das ja, naiv und unbelehrt, wie Moralphilosophen auf solchen Gebieten völlig zu Unrecht sind und in einem Umfeld verortet, in dem bis zu dieser Explosion des Kunstmarktes "Kunstkacke" gängiges Totschlargument zur Kritik audiovisueller Medienproduktion war - jetzt habe ich gerade einen Kaffee geholt und weiß auch nicht, wie ich diesen Satz zuende bringen soll, ich fange einfach mal einen neuen an.

Also: Unwissend, wie ich bin, wußte ich Details im Umgang mit russischen, deutschen und anderen Avantgarden nicht, insbesondere war mir auch die "Formalismus"-, na, Diskussion kann man das ja schlecht nennen, -Hatz unter Stalin entgangen. Klar, auch ich wußte um die Unterdrückung all dessen, was von sozialistisch-realistischer Darstellung abwich, aber daß im Begriff "Formalismus" als Attacke gegen Abstraktion sich das bündelte, das ist mir erst jetzt als altem Sack über den Weg gelaufen. Obwohl T. Albert hier in den Kommentaren immer wieder darauf hinwies. Wer als "Formalist" gebrandmarkt wurde, hatte schlicht verloren.

Und was sagt Guido Westerwelle dazu?

""Die von mir sehr geschätzten Neo Rauch, Norbert Bisky, Tim Eitel oder Ulf Puder sind auch international hoch angesehen, eben weil in ihren Werken etwas spezifisch Deutsches erkannt wird: Ihr neuer Realismus fürchtet sich nicht vor der Ästhetik des Gegenständlichen,. Heute ist das Gegenständliche als die Zuwendung zur realen Welt zu verstehen. Gegenständliche deutsche Malerei ist nicht Flucht vor der Realität."
In der aktuellen art läßt er das veröffentlichen, auf S. 56. Dann schiebt er noch die Auseinandersetzung mit "totalitären" Regimes der Künstler hinterher und merkt wie üblich nicht, was er da, willkommen auf der Erfolgsschiene, gerade sagt. Anpacken! Rauf auf'n Trecker und auf Kombinatsfeldern - wie hieß das noch unter Stalin? Kolchosen oder so? - Realität beackern.

Bazon Brock, bei dem ich gar nicht weiß, was ich von dem halten soll, aber Lars wollte mir das gestern abend auch nicht mehr erläutern, vielleicht berufe ich mich gerade auf was ganz Übles, dann weise man mich zurecht, hat viel Interessanteres zum Thema zu sagen:

"Bad painting als Strategie des Scheiterns im Gelingen ist etwa das, was Cézanne praktiziert hat: er versuchte sein ganzes Leben lang, nicht "gut" im akademischen Sinne malen zu können, um zu einer neuen Malerei zu kommen. 20 Jahre lang bemühte er sich, einige Äpfel, ein paar Zitronen auf einem Tisch zu fixieren, und es ist ihm bekanntermaßen bis zu seinem Lebensende nicht gelungen, das zu meistern. Cézanne ist als Maler gescheitert, und darin lag seine Bedeutung."

Bazon Brock, Hoppla, Heilsversprecher. Scheitern als Gelingen – durch Erfolg zerstört

Ja! Scheitern als Chance liest sich ja ein wenig nach Thorwald Dethlefsen oder wie der sich schreibt und solchen Heinis, aber das ist nun mal wirklich was Vernünftiges, es zum Programm zu erheben! Zudem dieser Opposition "figurativ" versus "Abstraktoion" eben das Wie derselben entgegengestellt wird, anstatt jetzt den "Eskapismus" vermeindlich weltfremder Künstler zu geißeln.

Wird doch nix mehr attackiert aktuell als das Scheitern, ist halt nicht profitabel - scheiternde Ehen, Versager am Arbeitsmarkt, im Bett und sonstwo, dieses ganze "ERFOLG!"-Geschreie ist irgendwie auch antiformalistisch. Ich weiß schon, warum ich Cézannes Äpfel so liebe.
Insofern ist's völlig korrekt, daß Isabelle Graw und André Rottmann von der Zeitschrifft "Texte zur Kunst" den Westerwelle gleich links daneben in der art zusammenrüffeln:


""Deutsch" ist keine analytische Kategorie, sondern die immer schon fehlgeleitete - nicht etwa erst durch die Globalsierung überholte - Zuschreibung eines Nationalcharakters inklusive problematischer Klischees wie "tiefsinnig" oder "schwermütig". Eine solche Zuweisung vermeintlicher nationaler Eigenschaften findet auf dem Kunstmarkt hingegen ungebrochene Verwendung: beispielsweise wenn die "neue deutsche Malerei" oder die "deutsche Fotografie" eben national eingeordnet und dadurch marktförmig gemacht wird. Oftmals liegt hier nichts weiter als die Beobachtung zugrunde, dass "deutsch" in bestimmten Marktsegmenten immer wieder eine konjunktur erlebt (...)."

Na, dann behaupte noch mal jemand, Markt und Nation seien Gegensätze. Was nun, Christoph Tannert?

19.04.07

Kunst und Moral

"Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert war die Geschichte einer strittigen Autonomie der Kunst. Sobald die Kunst das Spannungsfeld einer geforderten Identität mit dem Leben aufgibt, drohte sie Dekoration zu werden, sobald sie sich mit dem Leben vereinte, verlor sie sich selbst."
Heinrich Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert, München 1999, S.191

Nun ist es - gruselig! - durchaus möglich, Amokläufe als soziale Skulptur zu betrachten. Bevor Stürme der Entrüstung sich erheben: Nein, ich vertrete das überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Für mich ist das eher ein Beleg dafür, daß eine totale Autonomie der Kunst, z.B. im Sinne der Unabhängigkeit von allen moralischen Kriterien, nicht denkmöglich ist, wenn man weiterdenkt, über die reine Anschauung hinaus.

Dann ist schon der eingangs formulierte Gedanke einer, wo einfach nur der Atem stockt und Empörung, wohl auch Wut als Gefühl höchst treffsicher bewertet. Tarrantino hätte ja auch keiner dolle gefunden, wenn nicht alle genau wüßten, daß das Fiktion ist, was der zeigt - und doch verweist er ja auf was, wie auch die "Natural Born Killers".

Dann stellt sich jedoch die Anschlußfrage, wieso manche glauben, Kriege seien moralisch vertretbar und in der Wirtschaftstheorie oder Politik hätten Fragen der Moralität keine Rolle zu spielen. Was ich jetzt nicht schreibe, um mal mal nebenbei irgendwem an's Bein zu pissen, sondern weil mich die Frage aufrichtig beschäftigt, wie verschiedene Rationalitäten aufeinander beziehbar bleiben, ohne daß letztlich die Welt wie von einem schwarzem Loch von einem einem gigantischen, moralischen Ausrufezeichen aufgesogen werden könnte. Ohne jedoch ebenso dem totalen Funktionalismus Raum gewähren zu wollen. Ich habe da keine Antwort, aber die Frage wird man ja stellen dürfen.

Moralinsaure Bilder sind ja ungeheuer nervtötend und können trotzdem Kunst sein. Kann man z.B. am Picasso der frühen Jahre beobachten. Sein früher Entwurf, da war er 13 oder so, über "Wissenschaft und Barmherzigkeit" ist, na, schwer nur erträglich in seiner Bedeutungsschwangerschaft - ein moralisches Statement ist's definitiv.

Die Armutsbilder der "blauen Periode" hingegen sind so unglaublich umwerfend gemalt, daß mir zumindest der Atem stockt - und sie berühren mich zutiefst. Kann man aber sowas wie Armut so schön malen dürfen? Zudem da der Geruch von "Sozialkitsch" schon drüber schwebt, wobei ich, während ich schreibe, mich dann schon frage, was zum Teufel mich reitet, einen Begriff wie "Sozialkitsch" zu verwenden. Als hätte ich dann doch diesen unerträglichen Zynismus der 90er aufgesogen.

Betrachtet man hingegen "Guernica", kann man nur noch verstummen. Um dann auch nicht zu wissen, wie man noch mit seinen Gefühlen umgehen können soll, wenn einen beim Anschauen dieses unsägliche "Gutmenschen"-Wort in den Ohren klingelt wie ein Echo aus dem Alltag.

In keinem Fall ist Kunst autonom: Sie verbleibt beim Gegenstand und verbleibt beim Gefühl des Kunstschaffenden wie auch bei dem des Betrachters, und sie ist verortet inmitten eines moralischen Raums. "Guernica" thematisiert auch die Undarstellbarkeit dessen, was da geschah, bildet insofern nicht ab - verbleibt doch aber nichtsdestotrotz inmitten des Lebens, indem es so und in dieser Form auf dessen brutalstmögliches Ende zeigt.

Wohin mit Gefühlen? Gerade da scheint mir doch Kunst der Weg zu sein. Das ist mit Sicherheit eine kunstkonservative Position, aber wär's nicht besser gewesen, der Amokläufer hätte seine Wut und Frustration gemalt, anstatt komplett befreit von jeder Emphatie so zu agieren und auch noch ein Medienereignis daraus machen zu wollen? Aber wenn das so ist - wieso soll dann in allerlei anderen Bereichen Emphatie auf einmal nur noch dysfunktionales "Gutmenschengetue" sein und nicht etwa handlungsleitend? Ich frag ja nur ...

16.04.07

Kulturindustrie und Stil

"Bis zu Schönberg und Picasso haben die großen Künstler sich das Mißtrauen gegen den Stil bewahrt und im Entscheidenden sich weniger an diesen als an die Logik der Sache gehalten. (...) Indem das Ausgedrückte durch Stil in die herrschenden Formen der Allgemeinheit, die musikalische, malerische, verbale Sprache eingeht, soll es mit der Idee der richtigen Allgemeinheit sich versöhnen. Dies Versprechen des Kunstwerks, durch Einprägung der Gestalt in die gesellschaftlich tradierten Formen Wahrheit zu stiften, ist so notwendig wie gleißnerisch. Es setzt die realen Formen des Bestehenden abolut, indem es vorgibt, in ihren ästhetischen Derivaten die Erfüllung vorwegzunehmen. Insofern ist der Anspruch der Kunst stets auch Ideologie. Auf keine andere Weise jedoch als in jener Auseinandersetzung mit der Tradition, die im Stil sich niederschlägt, findet Kunst Ausdruck für das Leiden. Das Moment des Kunstwerks, durch das es über die Wirklichkeit hinausgeht, ist in der Tat vom Stil nicht abzulösen; doch es besteht nicht in der geleisteten Harmonie, der fragwürdigen Einheit von Form und Inhalt, Innen und Außen, Individuum und Gesellschaft, sondern in jenen Zügen, in denen Diskrepanz erscheint, im notwendigen Scheitern der leidenschaftlichen Anstrengung zur Identität. Anstatt diesem Scheitern sich auszusetzen, in dem der Stil des großen Kunstwerks seit je sich negierte, hat das schwache immer an die Ähnlichkeit mit anderen sich gehalten, an das Surrogat der Identität. Kulturindustrie endlich setzt Imitation absolut. Nur noch Stil, gibt sie dessen Geheimnis preis, den Gehorsam gegen die gesellschaftliche Hierarchie."
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 2004 (15. Auflage)

13.04.07

Korbstuhl und Grafffittti

"Viele Kunstwerke mögen in ihrer Heimat kraftvoll wirken. Sobald man sie aber in ein westliches Museum schafft, erscheinen sie nicht selten als purer Ethno-Kitsch. Dieser Falle wollten Buergel und Noack entgehen. Um nicht nach großen Namen fahnden zu müssen und auch nicht nach landestypischen Merkmalen, besannen sie sich auf das, was die Kunst ausmacht: auf ihren Formen. Auf die unendlichen Beipiele, wie sich diese Formen fortpflanzen, wie sie die Grenzen überspringen und noch die unterschiedlichsten Kulturen für sich einnehmen."
Hanno Rauterberg, Revolte in Kassel, Die Zeit 12.4. 2007, S. 49 - Buergel und Noack sind die Kuratoren der kommenden Documenta

Säulendiagramm, Tabelle, Törtchen-Grafik: Ich sach mal, Erkenntnis , die den Inhalt will, will die Utopie.

Als ich neulich Adornos Text über die Hotelbildmaler las, die ohne Van Gogh, Miro und Monet ja auch nicht wüßten, was sie pinseln sollten, wußte ich's kaum noch zu unterscheiden, das Säulendiagramm von der Klimmt-Parodie.

In einer Ausgabe der Lettre International wies Nadine Gordimer Kunst neulich die Aufgabe der Zeugenschaft zu. Und auch wenn ich mich auf Neo Rauch und all die Leipziger als Feindbild gedanklich eingeschossen habe - wenn man sich das hier zitierte "Lösung" so anguckt, dann ist das vermutlich schon Zeugnis der Datscha-Kultur der Ex-DDR. Und die Amis mögen das als deutschen Ethno-Kitsch, wenn so auf der einen Seite der Rauch an der Wand hängt und "Rätsel!" brüllt, während auf der anderen Seite die Sonne Kaliforniens im Meer versinkt, bella, bella, bella Marie, Herr Lanza.

Und wenn das so ist; daß es da um Datschen geht, dann ist es eine Karrikatur. Wie man sowieso das Gefühl hat, daß das, was derzeit so an Malerei in Bildbänden zu finden ist, sehr oft den Geist der Karrikatur atmet - weil das Formenrepertoire "des Westens" erschöpft zu sein scheint, und das ja spätestens seit den 60ern, uralte Diskussion. Und trotzdem bezieht sich kaum jemand auf Van Gogh oder Kirchner, alle eher auf die neue Sachlichkeit der 20er, auf Otto Dix und so. Als wäre die Kraft zu gering, die neuen, totalen Formen, sei's Anzug, Hochhaus oder Säulendiagramm, noch einmal zu durchbrechen. Die Traningsjacke von Herrn Meese ist ja auch nur das Kreativen-Äquivalent zum Anzug.

Und weltweit machen fast alle mit bei der durchgesetzten und zuende gebrachten Neu-Formatierung, die sich's leisten können und nicht gerade durch Favellas toben: Wenn auf diesen Gruppenbildern von Staatschefs neben 'nem Anzug auch mal ein afrikanisches Gewand auftaucht, dann nimmt man es wahr als Einbruch des wahlweise positiv oder negativ konnotierten Wilden, pittoresk!, in die Zivilisation, der Folklore in funktionale Sachlichkeit.

Die Fortschreibung der Datscha-Kultur in's heute hat Odo Marquard einst als Theorie der Kompensation formuliert: Weil all die moderne Kultur so schröcklich überfordere, seien dann Geisteswissenschaften und Künste zur Kompensation dieser Überforderung da. So hängt sich ggf. der Datscha-Besitzer im Geiste auch mal einen Druck von ein paar Nutten aus Avignon an die Wand, die Demoiselles d'Avignon von Picasso halt, die das Wilde formal sich einverleibt haben, weil da afrikanische Masken zitiert werden.

Darüber denke ich so vor mich hin, während zugleich der Satz "deutsche Vorstädte haben Schuppen" mir im ICE sitzend durch den Kopf schießt. "Wenn ein Ruck durch unser Land geht und Du sitzt im ICE" hat Funny van Dannen das so schön besungen, und gestern fuhr ich dann verlangsamt mal mitten durch durch Falkensee hindurch kurz vor Berlin - sonst rauscht man nur dran vorbei, gestern Baustelle.

Diese Formenvielfalt teils verrottender Gartenschuppen hat mich schon beeindruckt. Da standen dann Frauen im blauen Kittel und starrten auf's Unkraut, die bläulich getönte Dauerwelle-ab-60 auf dem Kopf und die Hand in die schmerzende Hüffte gestützt, dicke Jungs in roten Trikots dribbelten mit kleinen Brüdern um die Wette, und überall diese schwarzbraunen Schuppen.

Auf den Punkt brachte das ganze dann der einsame Korbstuhl zwischen vielen Linien leerer Gleise, unkrautdurchwuchert waren die, stillgelegt; und, mit einen gaaaaanz langen Schuppen dahinter, ein Korbstuhl mit ganz viel Platz um sich herum, und auf diesem glomm freundlich ein rotes Grafitti.

Würde man darauf basierend Säulendiagramme für Powerpoint-Präsentationen in China erstellen, die billiges Personal für Luxustaschenproduktion werben wollen (der Reinerlös der Post-Maoisten würde dann in Afrika re-investiert): Wäre das Zeugenschaft und formale Innovation? Oder lauter kleine, verrotende Schuppen als Form der Pixel von Röntgen-Bildern? Und das Grafitti zeigt den Lungenkrebs-Flecken, "Guck mal!" steht da gesprüht? Rattan-Gestänge als Linie der Tabelle des Anteils alleinerziehender Mütter an der der Gesamtbevölkerung? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem gilt, was gestern ich nur überflog:

"In der Medizin wird die Bedeutung der Bilder, die unsere Geräte erzeugen, nicht mehr hinterfragt."


Sagt Ernst Pöppel, Hirnforscher und Psychologe, in der Zeitschrift "Der blaue Reiter - Journal für Philosophie" auf S. 41. Was immerhin ein Schritt in eine mögliche Richtung ist, die ewige Karrikatur, das ewige Zitat und die ewige Parodie mal zu transzendieren.

Denn erstaunlicherweise hinterfragt sogar das Fernsehen seine Bilder, man glaubt es kaum, wenn auch anhand oft seltsamer Kriterien - warum macht das nicht z.B. auch die Volkswirtschaft oder das Bundesamt für Statistik?

Es spricht viell für eine mediale Erkenntnistheorie. Ich bin dabei, Herr Seel. Und jene, die ihren eigen Darstellungsmittel nicht hinterfragen, sind schlicht prä-modern.

10.04.07

Children of the Eighties: Diana Ross!

Ostern hat man damit zu verbringen, die Bachschen Passionen zu hören und dabei Fenster zu putzen. Dieses Eier-Gesuche erzieht die Kinder doch eh nur dazu, sich nicht um ihr eigenes Glück zu kümmern, sondern darauf zu warten, daß Andere es ihnen verstecken.

Ich persönlich mag die Johannes- ja ungleich lieber als die Matthäus-Passion (rein musikalisch, nicht daß mir jetzt jemand mit der Wirkungsgeschichte des Johannes-Evangeliums um die Ecke kommt). Die ist ungleich expressiver, leidenschaftlicher, geht eher in die Spitzen als in die Breite - der pure Horror des Fensterputzens, der bei mir den Charakter eines intensiven Wutanfalls hat, der wird dadurch gewissermaßen spirituell unterfüttert.

Ja, und da putzt man da so vor sich hin und kommt zunehmend zur Überzeugung, daß bei einer Bestimmung sinnvoller Denk- und Handlungsrahmen, die der Aktualität und damit zusammenhängend Virtualität gerecht werden könnten, man langsam einfach mal da weitermachen sollte, wo so um '81/'82 herum aufgehört wurde.

Weil Kohl/Thatcher/Reagan alles plattgesessen, niedergefackelt und abgebrannt haben. Musikalisch ist ja sogar der eine oder Liberale noch dort verortet, ob Punk oder Jazz, war ja beides trendy damals - wobei man doch konstatieren muß, daß bei dem einen dann die Toten Hosen, bei dem anderen Matt Bianco bei raus kamen, sozusagen Kohlsche und Thatchereske Varianten eigentlich toller Sachen. Die Expression ausgetrieben und durch Dummheit, Arroganz und Affirmation zur Klassengesellschaft ersetzt - man gut, daß meine Diskussionsfreunde von gegenüber bei den Originalen ansetzen und nicht bei den Wirkungen! Meine ich ganz ernst!

Weil: Im Falle wohlverstandenem Punkrocks und richtig gutem Jazz landet man auch bei ziemlich cooler Malerei. Punkrock treibt's wohl eher figurativ, intendiert genial dilletantisch, na nicht nur, aber möglich ist das; beim Jazz kommt wohl eher Abstraktes dabei raus (ich liebe Feuilletonismus, wenn ich selbst ihn betreibe!). Der Farbrhythmus in späten Cèzanne-Bildern der Provence oder auch ein cooler Kandinsky hat den Jazz ja sozusagen vorweggenommen, deshalb gehören Dizzy Gillespie und der abstrakte Expressionismus ja auch untrennbar zusammen.

Aus diesem Grunde verstehe ich's nicht, wieso alle aktuell auf den "Neuen Wilden" der späten 70er so rumhacken - die vom Moritzplatz, Fetting und Salomé und so. Egal, welches Buch man aufschlägt, mit wem man redet: Deren Preisverfall, mangelnde Technik ("bad painting"), Opulenz, Suche nach reinem Selbstausdruck etc. wird Handwerksgewixe, neuer Beschiedenheit und dem fortwährenden Lob, daß Leute Illustriertenfotos abmalen und darin die Beziehungs- und Orientierungslosigkeit darstellen würden, geopfert (Schachtel!). Andere feiern "Neofolk" als supertolle Ignoranz des Medialen, als wären Bilderfunde auf dem Flohmarkt nicht ebenso medial - da finde ich ja jeden Fettingschen Indianer utopischer. Nix gegen all die neuen Figurativen als solche, schlimm ist der Diskurs, der sich um sie rankt und die Leute zum Verharren und zur verrätselten Ratlosigkeit verdammen soll. Also: Im Gegenzug neu aufbrechen! Jazz und Punk machen! Und Diedrich Diedrichsen ernst nehmen, der 1982 schrub:

"Dennoch: Tränen sind nicht genug! Humanismus ist ein Euphemismus für Polizeistaat und Verbrüderung, die Mausefalle, in die Linke, Hippies und Alternative vor zehn Jahren stapften. Diana Ross leuchtet aber über solche Lügen hinweg. Seelenkitzel und Bewußtseinsvollspüllung, Intensitäten, die sich der Namensgebung entziehen. Soul erhebt sich mitten im allerkonventionellsten Rahmen wie ein Hubschraber oder die fliegenden Menschen in de Sicas "Wunder von Mailand" über alle Rahmen und Konventionen."
Diedrich Diedrichsen, Diana, Documenta und all die Anderen, in: Kerstin Gleba, Eckhard Schumacher (Hg.), Pop seit 1964, Köln 2007, S. 98-99 Aus der Perspektive von Punkrock und Jazz Diana Ross hören und Soul lieben - laß uns doch da einfach weitermachen! Ungeachtet all dessen, was daraus wurde ....

05.04.07

Stempel

Da mantsche ich zwei Wochen lang in rot, orange und blau, lasiere mir einen (schlug teils fehl), ziehe mich auf's Motto der "genialen Dilletanten" zurück, um Würde zu wahren (habe lebenslang den Fehler gemacht, nur das weiter auszubauen, was ich eh schon konnte, damit muß langsam mal Schluß sein), verhunze "Dolce & Gabbana"-Werbung ganz wie die doofen Leipziger und schäme mich dafür, grübel Tag für Tag, wie ich dieses Rechteck mit Farbe drauf nun nennen soll, fange neue Bilder an, die technisch ein ganz klein wenig "besser" wirken, frage mich, ob ich's nicht noch expressiv garnieren soll mit allerlei die Form aufweichenden Linien und Wischern und entscheide mich, das Bruchstückhafte, Kindliche zu wahren - und da passiert's: Ich schreibe den nunmehr ergrübelten Namen auf's Bild "Verrutscht (Jagd 1)" und signiere, und prompt wirkt's autorisiert. Wie auf eine andere Ebene gehoben. Mit "ich" macht man sich allenfalls identifizierbar, aber so eine Signatur und ein Titel unten links, die adeln (obwohl man Titel ja eigentlich nicht auf Bilder schreibt - oder?). Der Effekt ist erstaunlich, wie ein Stempel auf dem Amt. So'n Eigenname entspannt, läßt Fragen ungestellt - und deshalb muß er einfach falsch und unwahr sein. Ja, auch im Fall der "Getreidemutter", auch wenn der Name natürlich viel besser ist dank Staatshermetik ...

01.04.07

Treffpunkt Keller

"Beispielhaft für diese Pop-Nostalgie in der bildenden Kunst sollen hier Arbeiten von Kai Althoff, Mark Leckey und Mathias Poledna behandelt werden. In ihnen gelingt es, zugleich die Prekärität und die Potenzialität vergangener Pop-Momente aufscheinen zu lassen. Ohne sich in das geschützte Pop-Außen der "High Art" zu begeben, markieren sie sehr präzise den für die Nostalgie entscheidenden sozialen Kontext als einen brüchigen. Pop dient hier nicht als Emblem für Hipness, wie das bei manch anderen künstlerischen Arbeiten der Fall ist. Denn anstatt glamouröse "goldene Zeiten" zu erinnern, zeigen einige ihrer Arbeiten prekäre und bedrohte Übergangsmomente und öffnen so den nostalgischen Rückbezug für gleichsam "schwache" Pop-Soziotope. Während nostalgische Marketingstrategien der Popmusik den Rezipienten platzieren und mnemotechnische Soundsignaturen immer häufiger den Wunsch nach "retrogressiver" Selbstvergewisserung des Hörers bedienen - man denke an Electroclash und Achtziger-Synthie-Pop -, führen Althoff, Leckey und Poledna eine emotionale Dissonanz in die Pop-Erinnerung ein, indem sie an die Bedrohtheit kollektiver Aufbrüche erinnern. Diese Unterwanderung einer das Individuum stabilisierenden Nostalgie fällt mit bildgebenden Verfahren ungleich leichter als mit den Mitteln des Sounds allein."
Aram Lintzel, Spiralen der Erinnerung, in: Texte zur Kunst Nr. 60

Langsam wird das hier 'n reiner Zettelkasten, aber wenn irgendwann sowas wie bei Luhmann hinten raus kommt, kann's ja vielleicht nicht schaden ... und mit der im Text formulierten "Programmatik" kann ich mich durchaus anfreunden ...

29.03.07

"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben" (Daniel Richter)

"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"
"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"
"Weil ihr alle ausseht wie alte beschissene Malerei, müssen Wir alle sterben"

"(...) hier zeigt die Kunst Neigungen, sich das hohe Auflöse- und Rekombinationsvermögen gesellschaftlicher Tatsachen zueigen zu machen und ihre Darstellung mit der Kraft ihrer eigenen Rigidität hier einzuprägen. Über Gelingen und Mißlingen gibt es natürlich kein einheitliches Urteil; aber man könnte sich mehr als bisher mit den spezifischen Schwierigkeiten befassen, die sich aus einem solchem Kunstprogramm ergeben. Denn daß die Gesellschaft als System ihrer eigenen Operationen kein Medium ist (da sie ja nur in strukturell komplexer, selektiv kombinierter Form überhaupt erst aktualisiert werden kann), versteht sich von selbst. Die Frage ist dann, wie eigentlich Gesellschaft hinter die Gesellschaft projiziert werden kann, so daß die Formwahl der Gesellschaft grimassenhaft sichtbar wird; und wie das in der spezifischen Weise der Kunst geschehen kann, so daß die Auswahl der Form überzeugt, und nicht nur als Gesellschaftskritik von einem momentanen boom in "Alternativen" lebt. Die behandelten Beispiele legen es nahe, die Evolution von Kunst zu beschreiben als Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, als Entwicklung immer neuer Medien-für-Formen. (...) Wenn das zuträfe, dann wäre die Verwendung der Gesellschaft als Medium der logische Abschluß einer solchen Entwicklung, ihr non-plus-ultra. Denn da die Kunst als Kommunikation selbst Gesellschaft ist, könnte sie sich dann auch selbst als Medium verwenden unnd in einer Art von logischem Kurzschluß kollabieren."
Niklas Luhmann, Das Medium der Kunst, in ders.: Aufsätze und Reden, Stuttgart 2001, S. 208-209

Uff. Wie üblich bei Luhmann weiß und spürt man, daß er da entschieden Wichtiges schreibt, und bleibt doch verwirrt vor dem Text stehen und fragt sich, ob er da nicht aus reinem Spaß den theoretischen Taschenspielertrick des uneingestandenen und bestens getarnten, permanenten Ebenenwechsels vollzieht.

Zudem er jene Beispiele, die mir hier relevant erscheinen, gerade nicht bringt: Kann dieses Kollabieren im logischen Kurzschluß nicht im Grunde genommen nur auf Ideen wie jene der "sozialen Skulptur" von Beuys zutreffen, bestimmte Formen des "Happenings"? Vielleicht noch die Situationisten oder auch Focuaults Ästhetik er Existenz, dann, wenn man diese als Kunstform betrachten will, "Lebenskünstler"?

Medien sind bei Luhmann ja so Sachen wie Geld oder Licht, unendlich zerstückelbares, jedoch nicht aus dem Einzelding heraus Erklärbares, das dann als Medium für eine Form fungiert - die Münze ist eine mögliche Form von Geld, jedoch ebenso der Kontoauszug. Jetzt mal ganz plump zusammengefaßt - er selbst bringt das Beispiel "Sand", der eben nicht durch die einzelnen Körner definiert ist und auch kein Plural kennt (das Plural von Licht sagt ja auch etwas anderes aus als eben "Licht" und bringt allenfalls ein "Lichtermeer" hervor). Dieser kann dann auch Sandburg, Muschel (dank des Kindes, das ihn mittels Plastikschälchen eine Form bringt) oder Sandstrahl zur Grafitti-Säuberung sein.

Gesellschaft ist Kommunikation, und Gesellschaft als Medium mißverstanden wäre dann ja die Formung eben dieser Kommunikation. Liest sich totalitär, und darauf spielt vermutlich Luhmann implizit auch an; das vollbringen seine Subsystem-Logiken aber sowieso - also die nach binären Codes strukturierten Operationen in Recht, Wirtschaft etc..

Dann würde aber Kunst eine Form der Kommunikation wie alle anderen auch, unterschiede sich nicht mehr von der Durchsage auf einem Bahnhof, man möge doch den Bahnsteig wechseln, der Zug führe auf einem anderen Gleis ein - meint er das? Daß also eine Thematisierung von Gesellschaft im Rahmen der Kunst entweder nix anderes macht als Journalisten und Soziologen auch - soziale Tatsachen, und sei's auch kritisch, zu kommentieren, oder aber selbst eingreifen will in Kommunikationen und diese formen wie andere, gesellschaftliche Subsysteme auch? Und das würde der Kunst dann das Spezifische rauben? Meint er das?

Argumente für das hermetische Sich-verschließens der Kunst, wie bei Adorno sie sich finden, ließen sich ja trotz der Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren (Watzlawick), daraus durchaus ableiten ... ist Leben ein Medium?

27.03.07

Manchmal wäre man ja doch gerne in Karlsruhe!

Um sich das hier anzugucken, z.B.. Die Ästhetik naturwissenschaftlicher Visualisierungen ist ja eh ein ganz spannendes Thema, nicht minder als jene von Bilanzen. Diese ganzen hübschen Bildchen, die sich dann als "objektiv" verstehen, powerpointpräsentationsfähiggeformt oder so, und meinen, auf vorgängig wahres zu verweisen, halten sich wohl für Varianten der Röntgen-Apparatur, vermute ich - dem dann das I Ging entgegenzustellen, das finde ich schon ziemlich gut.

Daß dieses mit digitalen Codes kompatibel scheint und strukturelle Analogien zur DNA-Struktur da hineinprojiziert werden können, das ist ja ein alter Hut - auflösen kann man solche Projektionen jedoch wahrscheinlich wirklich nur über eine visualisierende Transformation.

"Karsten K. Panzer PerZan wiederum entwickelt synthetisierende 3D-Farbsysteme, die auf dem genetischen Code der DNA und der altchinesischen Struktursprache des I-Ging basieren. Er schafft transdisziplinäre und interkulturelle Konzepte zu einer Metasprache von Kunst und Naturwissenschaft."
Crossmediale Verweise sind wohl tatsächlich auch weiterhin die aktuell möglichste Variante einer Erkenntnistheorie, vermute ich. Man gut, daß Moral sich anders situiert ...

19.03.07

Pop, Kunst,, Medien, Bodyguard: I have nothing!

Ich habe jetzt den unbändigen Ehrgeiz, alle relevanten Künstler der letzten 30 Jahre nach und nach zu verlinken ...

"So lästert Albert Oehlen über Kippenbergers "Frauenmusikgeschmack": Lieblingslieder hört er hundertmal hintereinander auf Repeat, im Atelier im Schwarzwald beispielsweise ununterbrochen den Soundtrack von "The Bodyguard" , bei dem er laut die Strophen von Whitney Houston mitsang."
Barbara Gärtner, Großer Bruder, St. Martin, Rumpelstilzchen, in: Monopol Nr. 3/20007, S. 101, es handelt sich um den Auszug einer Buchbesprechung zum jüngst erschienenen "Kippenberger - Der Künstler und seine Familien" von Susanne Kippenberger

18.03.07

Attacke! Aber eigentlich Fragen über Fragen ....

Na, machen wir doch weiter oder fangen einfach mal an:

"Der 1968 in Augsburg geborene geborene Martin Eder, Absolvent der Dresdner Akademie, antwortet in neueren Arbeiten auf das gelackte Luder-Posing in Film und Fernsehen mit einer über die Handschrift des Künstler-Ich gebrochenen Melancholie. Gerade hier handelt es sich nicht um das altkonservative Dandymodell eines Bohemisten, der mit süßlicher Geste verunklart, sondern um den Einsatz von Kitsch im Sinne eines Appropriationsmodells. Schon in seinen Hasenblut-Death-Metal-Installationen wusste Eder die Spezifik eines trübsinnigen subkulturellen Machtpotentials spaßig vorzuführen. Und das soll neokonservativ sein?

Ganz anders als im Schulterschluss von Jörg Immendorf, Daniel Richter und Jonathan Meese und ihrer auf agitatorischer bis wilder Geste beruhenden, diffusen Kapitalismuskritik scheint bei den (ehemaligen) Dresdnern, Thomas Scheibitz, Eberhard Havekost, Frank Nitsche, und den Leipzigern ein Vergewisserungsimpuls auf, der ständig neue Motive sucht, um Übereinkünfte zu destabilisieren. Bei diesen jungen Künstlern haben wir es mit einem Abstandsverhalten gegenüber der infantilen Lachsack-Kultur zu tun. Zu erleben sind Positionen einer Malerei, die sehr bewusst die Bildwelten der Werbung, der Fernseh- und Videoästhetik und der Fotografie wahrnimmt, die sich aber immer auch des eigenen historisch-medialen Unterbaus bewusst ist."

Christoph Tannert, Agieren in der Etappe, FREITAG, 25.02. 2005

Gegenfrage: Landet man bei der Darstellung von "Luderhaftigkeit" und einem Apell gegen - oder einer Distanznahme zur - Verlachsackung nicht automatisch, wenn man, an Pop und offenkundig ja auch sehr viel Hockney orientierten, stilistische Praktiken (zumindest bei den letzten zweien, da oben Zitierten) Fotos aus Massenmedien abmalt?

Ich mache das ja auch gerade hier in meiner Hobbymalerei, das Andächtige, Stille, Steife, das kommt dann ebenso selbstverständlich und automatisch dabei raus wie auch der Kitsch, wenn man Handwerk übt. Wie von selbst.

Und was sollen die albernen Sottisen gegen Immendorff und Daniel Richter - soll da, wie in den 60ern, noch mal die Schlacht Pop- gegen "Hochkultur" geschlagen werden, und das auf dem Pop-Feld selbst?

Müßte doch eigentlich mit dem Sieg des Punk über Art- und Progressive-Rock erledigt worden sein, das Thema. Und "Hochkultur", der alle Bourdieau-Fans jetzt auch schon seit geraumer Zeit den Distinktionsgewinn um die Ohren hauen - ist die nicht längst, wie auch manche, ach, die meisten Felder des Pop, nur noch Verdoppelung des je eigenen Mythos, die Pose? Und wie kommt man voran, wenn man verdoppelt?

Lustig, daß ein Mark Madlock das gerade bircht, und das meine ich ganz ernst .... na gut, leichte Haar-Risse sind's, die er herbei singt, aber die sind für das Terrain nicht schlecht.

Womit sich angesichts des Freitag-Artikel die außerordentlich banale Frage stellt, was Kunstmarkt mit Castingshow zu tun hat, und ob das nicht die Ebene ist, auf der die Thesen des Freitag-Artikels sich bewegen.

Außerdem ist es an der Zeit, sich in diesem Blog der Aktualität zu verweigern. Eigentlich ist das schrecklich, wie Blogs diese Folter des "Jetzt!" auch noch reproudzieren .... Chance vertan. Also liber nur noch Yesterdays Papers - oder Tomorrows, irgendwann ...

15.03.07

Der Ekel

Warum der eine oder andere eine Oper auch gar nicht durchstehen würde (und wenn, dann wohl nur, um in Bayreuth gleich um die Ecke über das Kleid von Frau Merkel zu lästern), warum wieder andere schon wissen, wieso sie sich von Kunst lieber fernhalten, während wieder dritte sich still darüber ärgern, daß man nicht endlich sie als geistige Elite und Avantgarde anerkennt und nach ihren Vorstellungen statt jenen dumpfer Kulturpolitiker Gesellschaft umgestaltet (dabei passiert das ja schon längst, aber das anzuerkennen, hieße ja, den eigenen, selbstgefälligen Widerständler-Gestus des armen Unterdrückten aufzugeben, Selbstopferisierung betreiben ja immer nur die Anderen - reale,kulturindustrielle Prozesse müssen so auch noch nicht mal verstanden werden, weil man ja sowieso immer dagegen ist), auf daß Kunst wieder in die Hofnarren-Rolle sich zurückzieht, die Mäzene und Sonsoren ihr zugestehen - sowas erklärt ja doch niemand besser als Adorno.

Es ist ja kein Wunder, daß angesichts einer allseits dominierenden Controller-Nomenclatura, daß angesichts derer Mentalität - nicht im Falle der konkreten Individuen, aber eben jener Systemlogik folgend, die ihr Verhalten formt (sie nennen das Freiheit, sie nennen das Markt)-, dann ausgerechnet Adaptionen des Sozialistischen Realismus enstehen und auf Kunstmärkten Höchstpreise erzielen. Die Kindheit erinnert in Comic-Haftigkeit, von Fingerfarben träumen ...

"In der niederen Kunst oder Unterhaltung von einst, die heute von der Kulturindustrie verwaltet, integriert, qualitativ umgemodelt wird, läßt das am sinngefälligsten sich konstatieren. Denn jene Sphäre gehorcht nie dem selbst erst gewordenen und späten Begriff reiner Kunst. Stets ragte sie als Zeugnis des Mißlingens von Kultur in diese hinein, machte es zu ihrem eigenen Willen, daß sie sie mißlinge, sowie es aller aller Humor besorgt, in seliger Harmonie seiner traditionellen und gegenwärtigen Gestalt. Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß - nicht dessen eigene Unwahrheit - unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was ein Kunstwerk war. Sie drängen zur Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden: das ist die subjektivierte Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests."
Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995 (13. Auflage), S. 32

12.03.07

Eingewöhnung

Matthew Barney läßt sich von Horror- und Splatter-Movies wie "Freitag der 13." inspirieren (Umsatz im letzten Jahr laut "artinvestor 01/2007": Mehr als eine Million Euro, wobei Umsatz hier wohl anderes heißt als sonst so - oder doch nicht?), Jake & Dinos Chapmann hängen zerstückelte Leichen auf, Michael Borremans (den ich ja großartig finde) läßt Köpfe zurechtschneiden, damit sie in Kisten passen. Zeichnerisch, versteht sich. Und schreibt auf zerschossene Jünglingsbrüste "People must be punished".

Cindy Shermann deformiert lustvoll, ganz effektiv, den Sammler freut's. Wer hängt sich schon einfach so eine anachronistische Ästhetik des Schönen an die Wand, man ist ja nicht seine Oma und hat den Gelsenkichener Barock der WG der Tochter gespendet. Norbert Bisky läßt aufreizende Jünglinge auf Südseeinseln menschliche Beine verspeisen (finde das Bild nicht wieder, vielleicht ist es ja gar nicht von ihm). An guten Tagen malt er jedoch bescheidener niedliche Turnschuhfetischisten auf Sneakerhaufen, und ich vermute, er glaubt, durch seine Analogisierung von westlicher Werbung und sozialistischem Realismus würde er Konsumkritik betreiben. Oder sowas in die Richtung

Das Motiv stammt durch die Linse, von der Timeline ab und schmiegt sich an die DVD. Das Wie ist das Plakative mit inszeniertem Bruch (außer bei Borremans). Sind aber alles Profis.

"So ist das Amateurphoto auf den ersten Blick nicht viel mehr als die Konsumtion der im Apparat enthaltenen Bildkapazität, und in der unendlichen Dialektik der sich verwirklichenden Begriffe ist es zugleich die Konsumtion eines Stands der Objekte und Kenntnisse - und ruft damit bereits nach einem neuen Stand. Auf diese Weise steht der Amateur im Dienste der Experimente, die von den Labors durchgeführt und von den Banken finanziert werden. Das Ende der Erfahrung ist zweifellos auch das Ende des subjektiv Unendlichen; als negatives Moment in der Dialektik der Forschung konkretisiert es jedoch ein anonym Unendliches, das Kapital als Willen: unaufhörlich organsiert und desorganisiert es die Welt; das individuelle Subjekt ist, auf welcher Stufe der sozialen Hierarchie es auch immer stehen mag, nur mehr sein freiwilliger oder unfreiwilliger Diener."


Jean Francois-Lyotard, Vortsellung, Darstellung, Undarstellbarkeit, in ders.: Das Inhumane, Wien 2006 (3. Auflage), S. 143-144

Die Asche auf meiner Tschibo-Tatstatur sieht aus wie Kreide und fühlt sich auch so an ...

09.03.07

Weil das Auge keine Linse ist ...

bougereau-50.jpeg

Quelle: Newyorkkartworld

Ist das Verdinglichung? Also das, was der Monsieur Bougereau da oben gemacht hat?

Die arme Sau hat sich ja maßlos Mühe gegeben mit seinen altmeisterlichen Maltechniken, und dann kamen so Leute wie Monet. Cèzanne und Van Gogh um die Ecke, und er war out. Kitsch, Kunsthandwerk, lächerlich buchstäblich, "akademisch" raunte man angesichts seiner Bilder - und während Franz Hals bis heute seine Bewunderer findet, kennt den Bougereau kein Mensch mehr.

Gut, so um den Dreh, da er sich mühte, wurde die Fotografie ausgearbeitet und machte all das Darstellen etwas müheloser, dennnoch: Was macht diesen Style aus heutiger Perspektive so lächerlich? Könnnen auch die Motive sein, dieses angestrengte "klassische" - immerhin hat's seitdem auch immer neue Wellen fotorealistischer Darstellungen gegeben, die dann Klaus und andere vor den Galerien in Staunen versetzen. Wow! Toll! Der kann was! Der verdoppelt! Auch altmeisterliche Techniken feiern immer neue Renaissancen, doch eher als kunstgeschichtliches Zitat. Lassen wir Otto Dix mal außen vor. Und reden lieber gar nicht erst von Dali.

Einer der Gründe, warum Adorno, Derrida und die anderen bis heute diese dumpfen, hochaggressiven, eliminatorischen Reaktionen hervorrufen, ist ja schlicht und ergreifend, daß sie an der meines Wissens genuin jüdischen Tradition des Bilderverbots festhalten. Das macht die Leute irre, wenn man nicht verdoppelt. Es könnte sich ja was ändern. Van Goghs Sonnenblumen erkennt man ja noch wenigstens und weiß ja, daß sie Kunst sind, und Mondrian sieht wenigstens aus wie ein Tapeten- oder Sofa-Muster. Oder Badezimmer-Kacheln.

Würde man jetzt diese von manchem Liberalen gerne angewandten Theorien adaptieren, die besagen, daß jede Kapitalismuskritik strukturell antisemitisch sei, dann würde das ja auch für Adorno- und Derrida-Kritiker gelten. Natürlich nur, wenn man an's Abbild glaubt. Und dann ist man immer irgendwo im Dunstkreis von Monsieur Bougereau verortet. Und deshalb sollte man das auch lieber bleiben lassen, solchen Quatsch zu behaupten.

Weil das Auge keine Linse ist ... und Sprache wächst wie eine Stadt, und wir können nicht anders, als in ihr zu wohnen. Und weil wir abbilden, was wir wissen, nicht das, was wir sehen. Es sei denn, wir drehen das Motiv auf den Kopf ...

05.03.07

Sich in die Welt vergucken wollen ...

.... und doch wieder nur am Computer und Telefon sitzen, Befehle empfangen, andere Leute durch die Gegend schicken, kommentieren und kritisieren und "positiv verstärken", was funktioniert - statt auszuprobieren, was Mimesis so alles heißen könnte ... will nicht jemand die MomoRules-Stiiftung gründen, die einzig dazu da ist, mich zu finanzieren? Mäzene bitte melden unter der im Impressum angegebenen E-Mail-Adresse!

"Ich habe im Augenblick die Hellsichtigkeit oder die Blindehit eines Verliebten. Diese Welt voller Farben ist für mich etwas völlig Neues, das mich unglaublich erregt. Was die Kunst heute braucht, ist ein Werk von beinahe gewaltsamer Kraft in glutvollen, strahlenden Farben."
Vincent van Gogh, Arles 1888
"Ich habe Angst vor Farben. Starke Farben sind aggressiv. Sie sind verletzend, so wie zu laute Musik."
Michael Borremans, Gent 2006, zitiert nach: art Nr. 2/Februar 2007, S. 56

27.02.07

Der Länge Würze

"Vor allem aber: Eine Reihung kurzer Sätze ist wie Ochsentrott (Storz); sie kann leicht die "Banalitätsschwelle" unterschreiten und dadurch einschläfern (Früh). Mackensen spricht von Hackstil, Reiners warnt vor Zwergsätzen und Asthmastil."
Wolf Schneider, Deutsch für Profis, Hamburg 1984, S. 83

Das ist nicht nett jenen gegenüber, die gelegentlich röcheln - gegen ihren Willen, versteht sich. Und doch: Ansonsten ist es schlicht wie wahr.

Die Ideologie der Kürze ist wie schlechter Techno: Die baut nix auf, sondern zerstückelt - im schlimmsten Fall die Melodie. Die kommt zu schnell. Dabei ist doch so schön am Deutschen dessen Varianz - die Möglichkeit, auch Kurven; Ecken, Kanten scharf zu konstruieren, um dann gemächlich im Tal der Langatmigkeit auch mal ein stilistisches Picknick einzulegen und einfach zu genießen! Sich daran zu laben, daß Honig langsam nur auf's Brötchen fließt. Goldig! 's lockt! Wie's lockt!

Ja, selbst ein Diktum wie "Weg mit den Adjektiven", lieber Herr Schneider, pflastert nur dosiert den Weg zur Leckerei: Man muß in ihnen schwelgen dürfen, heilfroh, nicht ständig durch "Est-ce que" oder andere Post-Latinismen sich erquälen zu lassen oder in Journalistenschulleiter- Formen grausam zu ersticken.

Es lebe die Freiheit des Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitäns! Kein Lied war je so schön! Und von Konsumentenlogiken läßt man sich eh nicht leiten, wenn's um das Sagen und das Schreiben geht ... Macht man sich das klar, dann weiß man sie zu schätzen, die Lehr-Sätze des stilbildenden Stilgebildeten:

"Das Optimum an eingängigem und attraktivem Deutsch läßt sich durch einen lebhaften Wechsel von mäßig kurzen und mäßig langen Sätzen erzielen."
Ja, so einfach kann das Leben sein. An kurzen Sätzen werkelt der Autor länger, belehrt der Meister noch. Diese müsse man sich erarbeiten - die Länge rotzt sich leichter raus. Kommt drauf an - aber falsch ist das nicht.

"Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer", ein Satz Heinrich Manns, den Schneider anschließend zitiert, lebt ja nicht nur von seiner Kürze. Sondern von einem ziemlich plumpen Kontrast - aber auch das läßt sich üben. Ist ZDF-Hautprogramm-Masche Nr. 1, Sätze so zu bauen. Ein großer Schritt für Menschheit ...

"Bleiben Sie in Deckung, Senor, sagt der junge Mestize leise", noch so ein Schneider-Beispiel: Auch nicht nur aufgrund des Stils so spannungsbildend, sondern ein schlichter Krimi-Trick. Form und Inhalt treffend zu unterscheiden, das ist des Schneiders Sache nicht immer. Macht ja nix. Lesen sollte ihn trotzdem jeder. Unbedingt. Pflicht. Schon wegen der Beispiele:

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