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24.09.07

Flüchtlingsgeschichte

Das hat mir kurz 'nen Schlag in die Magengrube versetzt. Primär wegen der Aktualität.

Aber nicht nur.Weil der Zusammenhang "Flüchtling" und "Syke" eben auch meine eigene Familiengeschichte betrifft. Was dann einen seltsamen Ebenenmix erzeugt, wo man sich fragt, ob die Benjaminsche Dialektik, die Vergangenheit in die Gegenwart als Jetzt hineinragen sieht, da zutrifft.

Nein, tut sie nicht. Oder doch? Alleine schon Benjamin, der Walter: Über den und in dessen Texten habe ich heute die ganze Zeit gelesen. Das ergänzte Ches Posting dann. Beim Mittag z.B., bei der gegrillten Forelle. Lecker war die, und dann las ich diese Briefe, die zwischen ihm und Horkheimer und Adorno in den 30er Jahren hin- und hergingen, als er am Tropf des Instituts für Sozialforschung hing, da im Pariser Exil, wo er von der Kohle weder richtig leben noch sterben konnte. Ich weiß nicht, was Mythos ist, was Wahrheit, aber dieses Gefühl, daß sie ihn schlicht im Stich ließen, das läßt mich nicht mehr los, lese ich diese Briefe; ein arg beklommenes Gefühl befällt mich dann. Hannah Arendt hat ihn auch unterstützt, und dessen Tod wird so beschrieben in der Wikipedia:

"Nach der Rückkehr aus der Haft im November 1939 schreibt Benjamin seinen letzten Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Benjamin flüchtet nach Lourdes, von wo er zunächst weiter nach Marseille reist, bevor er im September 1940 den vergeblichen Versuch unternimmt, über die Grenze nach Spanien zu gelangen. Im Grenzort Portbou, wo er die Auslieferung an die Deutschen unmittelbar bevorstehen sieht, nimmt er sich in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 durch Morphium das Leben. Die einzige Quelle für seinen Suizid ist der Abschiedsbrief[1] an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland diktierte."

.... an den Tod von Walter Benjamin mußte ich immer denken, als der Asylrechtsparagraph zerstückelt wurde. Noch in den frühen 80ern, zu meiner Schulzeit, war so sonnenklar, daß es ihn gab wegen der Benjamins, die oft als Staatenlose zwischen allen Stühlen zerrieben wurden; erschütternd ja auch der Umgang der Schweiz mit Else Lasker-Schüler und anderen.

Auch dieser Konsens war gebrochen, eingerannt, als sie den Paragraphen änderten, und seitdem unterscheidet die Nation zwischen "Wirtschaftsflüchtling" und "Vertriebenen", ein Hohn - um dem Leid ersterer dann hinterher zu jammern und endlich das Tabu zu brechen, mit ihnen zu leiden; lachhaft, so als jemand, der in seine Kindheit und Jugend immer wieder in Schlesiertreffen geriet, ist die Erfindung dieses Tabus schlicht hanebüchen. Würde mit selber Emphatie der Wirtshaftsflüchtling umarmt, das hätte was, doch wieder sieht man, auf welcher politischen Seite das Tabu wirklich steht und regiert.

Kann ich so locker daherschreiben, Ausgangspunkt war schließlich Syke. Und die Erzählungen wie es war, als meine 7-jährige Mutter im Verschlag auf dem Finanzamtsboden hauste, die haben meine Kindheit doch nachhaltig geprägt. Und ebenso die Erzählungen von der Flucht. Als meine Oma mit zwei Töchtern und ein paar Koffern in der Ferne die Stalinorgel hörte und sie sich auf dem Zug an eine Plattform klammerten, die kein Geländer, in der Mitte jedoch einen Bombeneinschlag hatte. Den Hamburger Feuersturm im Kinderheim im Elbvorort überlebt, und dann Familienwiedervereinigung in Syke. Weil der Opa in einem Auffanglager für Soldaten dort um die Ecke untergebracht war, und irgendwie ergatterten sie den Verschlag auf dem Finanzamtsboden. Und mein Opa ging "hamstern" auf den Höfen. Schnorrer halt.

Mein Bild deutscher Geschichte ist so nachhaltig von Syke geprägt; von den Berichten meiner Großeltern mütterlicherseits, die zum Glück keine Nazis waren, 1933 ihre erste Tochter "Wilfriede" nannten, und das nicht nur, weil das die Zusammensetzung zweier Vornamen war, sondern eben auch, weil sie wußten, was das kommen würde: Der Name war politische Forderung zugleich - Waschlappen halt. Denn einige ihrer Verwandten hatte es dahingerafft im Kriege unter Wilhelm Zwo, mein Uropa hat sich irgendwo im späteren Jugsolawien das Leben genommen.

Und ich kriege das nicht zusammengedacht, die Berichte, die Che über heutige Flüchtlinge postet mit dem, was meine Großeltern berichteteten. Wie kann man bei solch einer Historie so agieren???

Einprägsam zum Beispiel die Geschichte, wie mein Opa, der sich irgendwie von Riga wieder nach Deutschland durchschlug, auf einem polnischen Hof sich versteckte und als Pole ausgab. Irgendwie schnallten sie das, die russischen Soldaten, die ihn dort fanden, daß er das nicht war, und fuhren ihn zur Erschießung auf einen Acker. Ich weiß nicht mehr, wie, er kam davon. Daran muß ich immer denken, wenn jetzt Menschen die Androhung von Folter fordern. Und als Wehrmachtssoldat gehörte mein Opa nun auch zu keiner netten Clique ...

Die Geschichten erzählte er, wenn wir durch den Syker Wald spazieren gingen. Meine Oma flankierte sie mit Berichten über die Aufführung von Wolfgang Borchardts "Draußen vor der Tür" unmittelbar nach dem Krieg da in Syke, als der Satz "Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren" einen Skandal auslöste.

Vielleicht hätte man damals lieber bundesweit "Draußen vor der Tür" aufführen sollen, '93, als der Asylrechtspraragraph geändert wurde, parteiübergreifend und konsensuell. Das war eine Zeitenwende. Da vergaß man jene Geschichten, die meine Großeltern mir erzählten. Die noch sehr harmlosen also, jene Zeit betreffend. Und deutete sie um. Und ersetzte dann irgendwann den Paragraphen durch Zentren für Vertreibung, während man weiter von "Wirtschaftsflüchtlingen" schwadronierte und Menschen an Fluzeugsessel fesselte, bis sie krepierten. Morphium hätten die noch nicht mal bekommen.

Wer weiß, ob jene Frau da in Syke, von der Che berichtet, sich fühlte wie der "Held" in Borchardts "Draußen vor der Tür", als ihn noch nicht mal die Elbe nahm, in der er doch ertrinken wollte. Aber das ist ja auch nur so eine Gutmenschengeschichte, und Kohl hat nicht umsonst Ernst Jünger verehrt.

09.04.07

Endlich frei!

Der Park wurde gekauft. Endlich!!! Jener, in dem ich jeden Tag mit meinem Hund spazieren ging. Damals. Wie alle anderen Grünflächen und Strände der Stadt wurde der jetzt endlich in wohlmeinende Hände gegeben. Eine Inititiative der BILD begleitete das große Verkaufsprojekt: Alleine schon, um die letzten Penner dort von den Bänken zu vertreiben, sei das nötig gewesen. Seltsam - diese ungewaschene Relikte aus grauer Vorzeit hier mitten in der Stadt haben doch richtig Touristenströme gezogen. Aber das widersprach wohl der Präferenz der Finanziers dieser Stadt. Schicksal. Flankiert und finanziert wurde die Kampagne von Investoren, na, und deren Präferenzen sind ja deren gutes Recht..

Der Weg zum Park war eh schon viel zu schwierig, seitdem ich den Bürgersteig-Maut (die Maut?) an diese Baufirma entrichten muß. Den Hund habe ich natürlich erschossen, sowas wollte keiner der Investoren haben auf seinen Bürgersteigen haben, sowas, was Dreck macht. Und zum Park tragen wurde dann auch verboten.

Es haben sich zwar zwei, drei Park-Investoren im Osten der Stadt auf Hundebesitzer spezialisiert, aber da komme ich gar nicht hin, wegen des Bauunternehmers, der eben keine Hunde auf den Bürgersteigern duldet. 'Nen Auto kann ich nicht mehr bezahlen.

Das ist der gleiche, der die neue Stadtmauer gebaut hat, der Bürgersteigbesitzer. Diese Drücker-Kolonnen, die die Kohle für die Stadtmauer eingetrieben haben, die waren schon nervig, aber Polizeieinsätze kann ich mir einfach nicht mehr leisten. Und die Konkurrenz des Bürgersteigbesitzers war halt so naiv zu glauben, sie hätten noch die Zeit, die Polizei zu rufen .... Dummerchen.

Der Sozialbau gegenüber steht derweil leer - in den Kasten wollte keiner mehr investieren, und der Abriß lohnt auch nicht wirklich. Deshalb war ja die neue Stadtmauer nötig: Die, die vorher drin wohnten, hausen jetzt halt in der Lüneburger Heide. Die brauchte aber eh keiner mehr. Ist ein bißchen beklemmend, jetzt auf dem Wilseder Berg spazieren zu gehen, so stacheldrahtumzäunt, mit all den ausgemergelten Gestalten dahinter. Aber immer noch besser als damals, zur Zeit der Moorsoldaten! Damals durften die nicht raus, jetzt dürfen sie nicht rein! Klar, jede Stadt hat jetzt ihr Teneriffa. Aber seitdem diese ganzen Gutmenschengesetzgebungen endlich verschwunden sind, läßt sich dieses Problem ja verhältnismäßig einfach lösen.

Endlich fühle ich mich richtig freii! In einer Demokratie (Social Choice Function), damals, sagten die Wähler nur etwas darüber, welche Alternativen sie besser finden, nicht aber um WIEVIEL . Es gab keinen Preis, mit dem man die eine Alternative gegen die andere aufwiegen konnte. In der Marktwirtschaft jetzt ist dies selbstredend anders. Darüber bin so froh!

Ich konnte sogar schon in Zyonkali-Kapseln anlegen! Seitdem das öffentlich-rechtliche Fernsehen eingestampft ist und Philosophen ja auch keiner mehr braucht, brauchte man eh nie wirklich, nutzlose Esser, konnte ich mir ein kleines Geschäft als Hotelbildmaler aufbauen. Reicht immerhin für ein wenig Essen, die paar Luxus-Hotels, die sich sowas leisten und nicht einfach Drucke an die Wände nageln, die sind ja immer rarer gesät. Na, und so ohne Kinder bleibt halt nix übrig für den Arzt oder die Rente. Der Preis für Zyonkali-Kapseln ist seitdem enorm gestiegen, mußte lange dafür schuften. Soll aber immer noch das sicherste Mittel sein, wenn die Schmerzen dann unerträglich werden ... aber ich fühle mich so frei! Das Primat der Politik wurde abgeschafft! Endlich! War ja eh nur ein Begriff aus der Staatsrechtslehre, daß die Exekutive sich der Legislative zu beugen habe. Und Legislative als Verfahren zu begreifen daß die Leute einfach fragt, welche Rahmenbedingungen für ihr ganz konkretes, je eigenes Leben sie richtig finden, so als Kern des Politischen, das ist ja eh ein Mythos.

Es gibt schließlich nur einerseits DAS KOLLEKTIV und DIE GESELLSCHAFT (die ja schon in den späten 70ern an allem schuld war), und auf der anderen Seite die Individuen. Früher gab's noch DIE GESCHICHTE und DAS SUBJEKT und bei Platon halt DIE IDEEN, Personen waren ja ab einem gewissen Abstraktionsniveau immer schon out, wenn's um DAS DENKEN ging und darum, Pläne zu entwerfen, welche Rahmenbedingungen denn nun sachlich richtig seien, anstatt die Leute einfach zu fragen, was sie wollen.

Deshalb ging das auch einst so ab, daß DIE GESELLSCHAFT gleich als ganze sich politischen Beschlüsse unterzuordnen hatte (wer oder was da DIE GESELLSCHAFT war, die dann in Unterwerfungsgeste dem politischen Beschluß gegenüber stand, das wurde ja nie so recht geklärt). Aber dann kam ja zum Glück DER MARKT, und der Marxsche historische Materialismus war endlich von der Dialektik befreit .... auch diese anstrengende Nummer mit den verschiedenen Büchern ist endlich weg vom Fenster. Bestimmte Bücher entstehen zum Glück gar nicht mehr, weil es sich keiner mehr leisten kann, diese zu schreiben.

Form und Inhalt, Verfahren, deren Vorrausetzung und deren Inhalt mühsam zu unterscheiden, all diese unsinnigen Differenzierungen sind endlich gleichgeschaltet und nivelliert - die Welt ist so schön einfach geworden! Eine wunderschön eindimensionale Erlebnissphäre - aber jetzt muß ich schnell den Neo Rauch kopieren gehen, "Der Vorhang", das "Vier Jahreszeiten" will 'ne überdimensionale Kopie für seine Eingangshalle ....

01.04.07

Malerei "Out of Time"

"Ihre Geisteshaltung (die der 68er, MR) war ein Luxusphänomen. Sie war nur möglich in einer Phase der Prosperität, die sich aus Marshallplan und Aufbauwillen speiste. Sie waren die frühen Wohlstandsverwahrlosten."

Christoph Schwennecke, Mehr geschadet als genützt, in: Cicero April 2007, S.72

""Ulrike Krüger aus Kassel gehört zu den Opfern. Mehrere Polizisten dreschen auf sie ein. "Die hatten doch verzerrte, entfesselte Gesichter", sagte sie später. "Die wußten doch, daß ich weglaufen wollte, und die haben trotzdem geknüppelt". Ich finde sie auf einer Wiese an der Krummen Straße, sie windet sich in Krämpfen, ihr Gesicht ist blutüberströmt, die Kleider sind verschmutzt. Später diagnostizierten sie im Westend-Krankenhaus eine Nierenpürellung. Dort fallen auch Äußerungen wie diese: "Die dreckigen Studentinnen. Denen braucht man nur unter die Röcke zu sehen." Als Ulrike Krüger am nächsten Tag starke spastische Schmerzen bekommt und der ärztliche Notdienst gerufen wird, weigert sich der Bereitschaftsarzt: "Wenn das mit der Prügelei zu tun hat, kann ich aus juristischen Gründen nicht kommen"."

Jürgen Zimmer, Der Plan Füchsejagen, in: DIE ZEIT vom 9.6. 1967, zitiert nachCarsten Seibold (Hg.), Die 68er, München 1988, S. 140-141


"Arno Rink, der ehemalige Leiter der Dresdener Akademie, meinte gegenüber der "Times", in dieser Hinsicht sei die Berliner Mauer ein ästhetischer Vorteil gewesen."Sie erlaubte uns, in der Tradition von Cranach und Beckmann weiterzuarbeiten. Sie bewahrte die Kunst vor dem Einfluß von Josef Beuys."

Graham Bader, Deuttsche Farbe - Amerikanische Augen - Eine Globale Gegenwart, in: Christoph Tannert, New German Painting, Müchen - Berlin - London - New York 2007, S. 54

26.03.07

Jawollja!

"In diesem Zusammenhang ist vor allem aufschlußreich, daß Kant das Grundprinzip des Rechts - und damit das Programm der Emanzipation - auch bestimmt als die "Freiheit für jeden, seine Glückseligkeit selbst, worin immer er sie setzen mag, zu besorgen, nur daß er anderer ihrer gleich rechtmäßigen Freiheit nicht Abbruch tut." Aus dieser Formulierung wird unmittelbar deutlich, daß der Entwurf der rechtlichen Gleichheit bei Kant formalen Charakter hat. Die Grundregel des Rechts zielt bloß auf eine Gleichheit der Möglichkeiten ab, d.h., auf die gleiche Möglichkeit aller, ihren individuellen Bestrebungen nachzugehen; dementsprechend hat die restriktive Funktion des Rechts die Bedeutung, diese Gleichheit der Möglichkeitehn sicherzustellen. Das heißt aber nicht weniger, als daß die Pointe der Rechtsphilosophie Kants gerade in der Absicherung und Beförderung von Pluralität liegt."
Herta Nagl-Docekal, Das heimliche Subjekt Lyotards, in: Manfred Frank u.a. (Hg.): Die Frage nach dem Subjekt, S. 236

21.03.07

Herr Lüpertz und das Sofa

Immer dieser Terror der Mobilität.

Wobei Kurz-Trips nach Berlin den Vorteil haben, daß man wenigstens mal wieder zum Nachmittagsschläfchen kommt. Das vermisse ich ja am meisten, seitdem die 40+-Stundenwoche mein Leben beherrscht wie ein zwanghafter Diktator. Allerdings ist es immer das gleiche: Sobald man eingeschlafen ist im ICE, kommt irgendeine schlecht frisierte Schaffnerin mit sächsischem Akzent und weckt. Wahrscheinlich, weil sie zuvor irgendwelchen 1.-Klasse-Reisenden 'nen Kaffee bringen mußte. Oder 'n Likörchen.

Markus Lüpertz empfände diese Gedanken wohl als Frevel. Aber der hat vermutlich auch was anderes als eine 40-Stunden-Woche. Vor einem halben Jahr schrieb er in Cicero (wie gesagt, aktuelle Berichterstattung ist hier von nun an tabu):

"Gegenstände signalisieren eine geistige Haltung. Ich mag es, wenn der Gedanke frei durch den Raum schweift, statt Platz zu nehmen. Deshalb habe ich kein Sofa – weil es eine Form von Gefangensein vermittelt, ein Vereinnahmtwerden, das mir zutiefst suspekt ist. Der besitzergreifende Anspruch des Sofas erschreckt mich geradezu.

Wenn man ein Sofa betrachtet, wirkt es unsympathisch. Es sieht wie ein Lebewesen aus, starrt uns mit den beiden Lehnen-Augen an und beherrscht den Raum. Das Sofa lähmt die Menschen. Es vermittelt ihnen das angebliche Recht auf Freizeit und Bequemlichkeit. In diesen Kontext gehört das „Fläzen“, das „Kerzenlicht“, das „Abschalten“, allesamt Begriffe für ein Lebensgefühl, das mir völlig fremd ist."


Ach Gottchen! Vollkommen infiziert vom neoliberalen Pilz (Neo Rauch hat den gemalt, da verstecken sich Soldaten drunter), der Mann. Schon dieses ganze Künstlerdarstellungsgetue, na gut, ist penetrant, aber hat ja einen hohen Unterhaltungswert. So gut wie der Lagerfeld isser aber noch nicht. In der Hinsicht hat ein Designer mehr Know How, allen Unkenrufen zum Trotz. Aber wahrscheinlich hat Herr Lüpertz dem Herrn Schröder Hartz IV eingeredet. Und klammheimlich setzen sich Dank der Kraft Lüpertscher Imagination nunmehr Gedanken fest bei höheren Beamten, den Empfängern der 345,- EURO das Sofa aus der Wohnung zu schaffen, damit die nicht auf dumme Gedanken kommen ...

Unterscheidet man mit Martin Seel eine korresponsive, eine kontemplative und eine imaginative Ästhetik, so wird hier mit den Mitteln der Imagination unter Bezugnahme auf das Korresponsive die Kontemplation attackiert.

Korresponisiv heißt: Korrespondierend mit anderen Sphären, also z.B, ein Sofa passend zur Wandfarbe und dem Bild, das darüber hängt. Lieber in die Oper gehen als Hip Hop hören, um sich von den Prolls zu unterscheiden. 'Nen Windsor-Knoten zum Bewerbungsgespräch schnüren und kurzärmelige Hemden Scheiße finden.

Kontemplativ heißt ganz gegenteilig: Sich dem Funktionszwang entziehen und sich einfach einlassen auf das, was einen Bruch in meiner Wahrnehmung erzeugt (oder auch nicht). Hingabe an das Leben, das Sein und den Rest, Fließen, zur Irritation und Erschütterung bereit sein und ganz im Augenblick verbleiben. Sich auf das Material einlassen und ihm folgen.

Imaginativ hingegen bedeutet, Weltbezüge zu transzenieren, indem man sie kraft der eigenen Vorstellungskraft gestaltet. Wer wie Lüpertz sich selbst das Sofa unterm Arsch wegzieht, kann der noch mit Mitteln der Imagination Werke hervorbringen, die der Kontemplation dienlich sind? Wahrscheinlich landet er notwendig bei einer Ästhetik der Korrespondenz und dürfte kunstmarkttauglich sein ... so bleibt man halt stehen statt sitzen.

01.03.07

Das Flackern des Zeichens

"Der Mythos besteht darin, die Kultur in Natur oder zumindest das Gesellschaftliche, das Kulturelle, das Ideologische und das Historische in ein "Natürliches" zu verkehren: was nur ein Produkt der Klassenteilung und ihrer moralischen, kulturellen und ästhetischen Folgen ist, wird als "selbstverständlich" hingestellt (geäußert); die gänzlich kontingenten Grundlagen der Aussage werden unter der Auswirkung der mythischen Verkehrung zum "Gesunden Menschenverstand", zum "guten Recht", zur gängigen "Meinung", kurz, zur Endoxa (dem weltlichen Bild des "Ursprungs").

(...)

Was den Mythos betrifft, und obschon diese Arbeit noch aussteht, kann oder wird die neue Semiologie - oder die neue Mythologie - nicht mehr so leicht den Signifikanten vom Signifikat, das Ideologische vom Phraseologischen trennen können. Nicht, daß diese Unterscheidung falsch oder wirkungslos wäre, sie ist jedoch gewissermaßen mythisch geworden: Kein Student, der nicht den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Charakter einer Form (des Lebens, Denkens, Konsumierens) anprangerte; anders ausgedrückt, ist eine mythologische endoxa entstanden: Die Anprangerung, die Entmystifizierung (oder Entmythifizierung) ist selbst zu einem Diskurs, einem Korpus von Phrasen, einer katechistischen Aussage geworden; dem gegenüber kann die Wissenschaft vom Signifikanten sich nur verlagern und (vorläufig) in einiger Entfernung halten - nicht mehr bei der (analytischen) Aufspaltung des Zeichens, sondern bei seinem Flackern als solchem: Nicht mehr die Mythen gilt es zu demaskieren (das übernimmt die endoxa), sondern das Zeichen selbst gilt es ins Wanken zu bringen: nicht die (latente) Bedeutung einer Aussage, eines Merkmals, einer Erzählung enthüllen, sondern Risse in die eigentliche Darstellung der Bedeutung schlagen; nicht die Symbole ändern oder reinigen, sondern das Symbolische selbst fragwürdig werden lassen."

Roland Barthes, Mythologie heute, in ders.: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt/M. 2006, S. 73-74 - der Text wurde erstmals abgedruckt 1971 in "Esprit" und stellt rückblickend neue Fragen zum 1957 erschienenen "Mythen des Alltags" des selben Autors (wenn man das bei Barthes so schreiben darf, "Autor")

28.02.07

"Nicht die Treue zu doktrinären Elementen ist der Faden ...

... , der uns mit der Aufklärung verbinden kann, sondern die ständige Reaktivierung einer Haltung - das heißt eines philosophischen Ethos, das als permanente Kritik unseres historischen Seins beschrieben werden könnte."

Michel Foucault

Na, das hole ich ganz borniert einfach mal rüber von Gegenüber:

"In den Geisteswissenschaften ist die Lage anders: Ihre Einsichten sind wenig gefragt und für den Alltag der meisten Bürger ohne Belang. So wird es zur Existenzbedingung von Philosophen, Philologen, Soziologen, sich mit einem einschüchternden Wortschatz gegen den Verdacht zu wappnen, sie hätten wenig zu sagen. Da findet dann gerne eine “Flucht in die terminologische Überlast und die Theoriehexerei” statt, wie die Neue Zürcher Zeitung 1994 in einem zeitlos gültigen Grundsatzartikel schrieb: “Unverständlichkeit ist nicht selten ein fein zurechtgeschneidertes Kleid, das unter dem Signum der Wissenschaftlichkeit viel Leere und Bedeutungslosigkeit verbirgt… Der Ausweis der Wissenschaftlichkeit erfolgt durch den Nachweis der Unverständlichkeit.”

Wolf Schneider, “Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte”, Reinbek 2007, S. 178 (Taschenbuchausgabe)


Hole ich rüber, schon weil ich's da drüben jetzt mal war, der - immerhin! - erst ab dem 80. Kommentar - relativ spät eigentlich - den Totalitarismus-Vorwurf erhob. Hat das nicht irgendwer mal untersucht, daß bei längeren Diskussionen in den Kommentarsektionen von Blogs irgendwann unter Garantie irgendwer wahlweise den Nazi oder den Totalitarismus-Vorwurf aus der Tasche zieht? Jetzt war ich's, Schande über mich.

Hole ich auch rüber, weil Herr Schneider in Fragen geisteswissenschaftlicher Begriffsbildung eine echte Autorität, ein Schwergewicht, darstellte. So als Talkshow-Moderator. Wurde dem eigentlich irgendwann eine Germanistik-Professur verwehrt? Da spiegelt sich ja der ganze Hass auf den wirklichen Klassenprimus ... und das zitieren dann ausgerechnet jene, die ansonsten bei jeder Gelegenheit den "Neid" irgendwelcher anderen Leute beschwören.

Aber wieso fallen mir bei dem Zitat von Schneider die Diskussionen um "entartete Kunst" ein? Natürlich würde weder Herr Schneider noch jene, die ihn zitieren, jemals in's Nazi-Horn tuten und auch sonst, das meine ich völlig aufrichtig, man verstehe mich nicht falsch, ganz weit weg von diesem Denken sich aufhalten. Warum nur im konkreten Fall dann nicht?

Der Vergleich zur entarteten Kunst würde mehr als nur hinken, wird wahrscheinlich entgegenet. Totschlagargument. Aber warum eigentlich? Bitte begründen. Man muß schon Kunstwahrheit in Frage stellen, um das durchzuhalten. Und Wahrheit auf Naturwissenschaftlichkeit beschränken. Dann adieu, lieber Liberalismus. Und liebe VWL gleich mit.

Außerdem könne doch jeder machen, was er wolle, wäre ein weiterer möglicher Konter. Er müsse aber ggf. damit leben, wahlweise kritisiert oder verhohnepiepelt zu werden.

Okay, dem Zitierenden sei das zugestanden, Herrn Dräger nicht. Und immerhin wird mit solchen Schneiderschen Stammtisch-Parolen, die im wesentlichen in Denkfaulheit gründen (Schachtel!), Politik betrieben.

Da können die neuen Staatskritiker, die oft genug völlig zu recht Staat kritiseren, noch so sehr sehr die betenden Dürer-Händchen (Klar erkennbar! Verständlich! Toll!) in Unschuldslammblut waschen: Es sind ihre Argumente, auf die Herr Dräger (ganz sexy übrigens, der Mann) sich ... beruft, wenn er ...

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27.02.07

Was ist das denn?

Balou??????

25.02.07

Laßt uns Barbaren sein!

"IV. Der Banause verwechselt das ästhetische Urteil mit dem Urteil der Vorliebe. Der Ästhet dagegen verläßt sich nur auf sein eigenes Urteil: worauf er sich besonders viel einbildet, wenn es keiner mit ihm teilt ("alles Banausen!").

(...)

VI. Die ästhetische Kritik des Banausen erschöpft sich darain, zu erzählen, wie es ihm hierbei und damit erging. Die Kritik des Ästheten klammert sich an das vielsagende Detail. Der Banause kennt die Lust des Verreißens nichts. Der Ästhet hat beim Verriß das höchste Vergnügen: gnadenlos wühlt er in den Wunden des mißglückten Moments.

(...)

XIII Der Ästhet flieht die ungebrochene Situation wie der Teufel das Weihwasser. Der Banause meidet die Anschauung seiner Situation wie der Fromme die Versuchung.

XIV. Der Ästhet trägt all seine Erfahrungen den Markt der Kunst. Der Banause verspielt seine Erfahrungen sogleich auf der Börse des nächstmöglichen Glücks.

(...)

XVI. Der Ästhet erwirbt die Welt, indem er sie verliert. Der Banause tilgt die Welt, indem er sie erwirbt.

XVIII. Beide, der Ästhet und der Banause, sind tief beunruhigt vom Verhalten dessen, den sie sie den Barbaren nennen. Der Ästhet und der Banause sagen: Der Barbar in seiner blinden Unschuld versündigt sich am wahren Dasein. Nach der Definition des Ästheten ist der ein Barbar, der die Kunst und das Leben - am Ende gar wissentlich - durcheinanderbringen will. Der Banause gibt eine schlichtere Bestimmung: Der Barbar will nicht - kann nicht? - einsehen, wie der Hase nun mal läuft.

(...)

XIX. Der Barbar nimmt das freundlich zur Kenntnis: und formuliert die Lehre des Barbaren. Sie enthält vier Grundsätze, die er nächtelang zu erläutern versteht. Ihr verspielt eure Freiheit, wenn ihr alles in eine Form der Erfahrung kehrt.Der Mensch hat mehrere Leben in einem. Er ist nur da ganz Mensch, wo er darauf verzichtet, immer den ganzen Menschen zu spielen."

Martin Seel, Die Kunst der Entzweiung, Frankfurt/M. 1997, S. 315-317, Hervorhebungen von mir, MR

09.02.07

Kulturnation versus Partizipation

Da hat der Statler trotz rhetorischen Überschwangs mal auf ein wirklich existierendes Problem hingewiesen - daß ich ihn hier ständig verlinke, sei als Ausdruck der Anerkennung verstanden, da wird wenigstens was gesagt und nicht nur lamentiert: Wie ist Solidarität möglich, wenn man gar nicht so genau weiß, mit wem denn nun eigentlich? Die Frage also, wer zur "Solidargemeinschaft" dazu gehört.

Statlers Ausführungen machen dann Sinn, wenn man sie auf Konservative bezieht.da bekommt er schlicht etwas durcheinander. Und sie sind ansonsten einfach nur typisch deutsch, wobei's Gemeinschaftsgetümel auch anderenorts gibt: Es ist ein deutscher Nationsbegriff, der Nation auf eine vorgängige Gemeinschaft bezieht, zumeist unter Berufung auf eine geteilte "Kultur". Von hier aus lassen sich dann auch direkte Linien in's "Dritte Reich" ziehen; es ist übrigens auch ein ähnlich konstruierter Kulturalismus, den die "ProWestler" im allgemeinen zugrundelegen.

Historisch ist er in Deutschland darin begründet, daß dieses als "verspätete Nation"eben die "Kleinstaaterei" überwinden wollte und sich dann fragte: Hallelujah, aber was is'n denn eigentlich "deutsch", wenn man schon Deutschland gründen will? Bei Frankreich war das kein allzu großes Prorblem, das gab's ja schon ewig. Im Falle Spaniens, Italiens oder selbst Großbritanniens ist das bis heute eines.

Die Antwort war zumeist: Es ist die Sprache! Zunächst wurde dann aus dieser Perspektive zum Problem, daß Sprach - und Landesgrenzen nicht übereinstimmten. Bis hin zu Bismarcks Reichsgründungskriegen gab es drum die Diskussion, ob nun die großdeutsche oder die die andere deutsche Lösung anzustreben sei, ob also Österreich nun eigentlich auch deutsch sei oder nicht. Weiß man ja, wie Hitler das dann gesehen hat.

Das ist jedoch nur ein möglicher Nationsbegriff; interessant ist's übrigens, wenn man den Übergang von der "Kleinstaaterei" hin zu NATO und EU mal systematisch auf Identität und Differenz zu dieser Entwicklung hin abklopft.

Das ist freilich nur ein möglicher Nationsbegriff: Der mit der ungleich angenehmeren Wirkungsgeschichte ist der klassisch-republikanische, der "Nation" gar nicht über Gemeinschaftsgefühle und Kulturalismen begründet, sondern über politische Partizipation. Demokratie halt. Wer mit abstimmt, ist a priori in ein Solidarnetz eingewoben. Weil man sich eben, statt sich wechselseitig die Köppe einzuhauen, drauf einigt: Kommt, Leute, machen oder beschließen wir doch mal dies oder jenes zusammen. Aufeinander angewiesen sind wir doch sowieso.

Statlers Kritik trifft dieses Modell nicht. Das kommt ohne alles Gemeinsschafstgetümel in materialer Hinsicht aus. Daß er es nicht erwähnt, läßt auf einen Mangel an politischer und historischer Bildung schließen - macht ja nix, ist ja nicht sein Fach. Daß er de facto gegen jene Demokratie wettert, in deren Namen er sogar Kriege führen will, das ist jedoch schon erstaunlich.

Und der Internationalismus: Dem liegt die Idee der Solidarität jedes Einzenen mit jedem Einzelnen zugrunde. Interessant ist insofern, daß jemand, der den Irak-Krieg befürwortete, u.a. mit dem Argument der Durchsetzung der Menschenrechte, das nicht sehen will. Will er die nun rein pragmatisch deuten, die Menschenrechte? Die sind die Grundlage jeder Demokratie in Form von Grundrechten. Diese ganze laut verkündete Solidarität mit dem irakischen Volk gegen den Schlächter Hussein - war das etwa doch gar keine?

04.02.07

Sehnsucht nach der Tuntenbewegung! Für Sissies im deutschen Fußball! (und nicht nur da)!

So, jetzt ziehe ich gleich zum ersten Mal in meinem Erwachsenen-Leben zum sonntäglichen Parkspaziergang ein Kleid an und klebe mir künstliche Wimpern an. Obwohl - meine Wimpern zumindest sind auch nach 14 Jahre kapitalitischer Arbeit noch ganz gut in Form, da muß heute Tusche reichen ...

Kann mir mal jemand erläutern, warum man eigentlich immer die Blogs liest, über man sich besten aufregt?

Dieses Realsatireblog hier gehört zu jenen hinzu - nur formelhafte FDOG-Versatzstücke. Das wirkt immer wie ein Textbautstein-Computer-Blog. Die sind bestimmt gar nicht wirklich "gay", sondern von irgendeiner Marketing-Klitsche als Modul für FDP-Parteiwerbung schlicht gefaket. Reine Vermutung meinerseits, versteht sich. Vielleicht sind sie auch einfach nur jung und unschuldig.

"Schwule Identität" war mir ja eh schon immer ein Rätsel, bei Formulierungen, irgendjemand oder irgendeine Gruppe sei "nicht repräsentativ" für die Schwulen als solche, wie sie sich dort gelegentlich finden, darf man sich über den folgenden Gedankengang nicht wundern:

"

"Was wäre los mit den ganzen Werbeverträgen, wenn Michael Ballack plötzlich Tante Ballack wäre?"

Da bleibt uns nur noch eine Frage, Herr Waschke: Was wäre los mit ihrem ganzen Weltbild, wenn ein Schwuler plötzlich ein ganz normaler Mann wäre?"

Kontext kann man ja am anderen Ufer (ja, ungefähr in solchen Niveaus wie jene, die vom "anderen Ufer" reden - hier der Westen und Israel, da die Kanacken - , bewegt man sich im Blog gegenüber, aber natürlich nur ungefähr) nachlesen.

Was sind denn bitte ganz normale Männer? Mit anderen Worten: Wie kann man sich freiwillig selbst normalisieren und dann noch dummdreist von Freiheit daherquatschen?

Problem ist doch, daß "Tante Ballack" eben uncool wäre und deshalb als Werbeträger nix taugt, nicht, daß Schwule ja auch "normale Männer" sind. An dem Punkt, wo eine "Tante Ballack" als Werbeträger taugt, wäre ja mal wirklich was erreicht.

Adoptionsrecht für alle "Tante Ballacks" dieser Welt unabhängig davon, ob man sich nun im Rahmen einer "Homo-Ehe" assimiliert oder auch nicht, das wäre (politische) Freiheit. So werfen sie nur jenen die Klinke in die Hand, die auf dem Schulhof andere als "Opfer" beschimpfen - und schlimmeres tun ...

So, jetzt gehe ich ein paar Heten klatschen, um mich als ganz normaler Mann zu fühlen ...

PS: Gleich kommt bestimmt Rainer Lang hier vorbeispaziert und erläutert mir, wie deviant ich sei ...

19.01.07

Deutschland sucht den Superstar

"Indem der Egoismus der von dem bürgerlichen Führer geleiteten Massen sich nicht befriedigen darf, indem ihre Forderungen zurückgedrängt werden auf innere Läuterung, Gehorsam, Ergebung, Opferbereitschaft, indem Liebe und Anerkennung vom Individuum weg zu dem zum Popanz aufgebauschten, zu erhabenen Symbolen, großen Begriffen gerichtet und das eigene Sein mit seinem Anspruch vernichtigt wird - dahin tendiert die idealistische Moral -, wird auch das fremde Individuum als ein Nichts erfahren und das Individuum überhaupt, sein Genuß und Glück, verachtet und verneint.

Das Gefühl der absoluten Nichtigkeit, das die Mitgleider der Masse beherrscht, entspricht exakt der puritanischen Ansicht, "daß praktischer Erfolg zugleich das Zeichen und den Lohn der ethischen Überlegenheit bedeutet. ... Die Lehre, Elend sei ein Beweis von Schuld, obgleich sie ein seltsames Licht auf das Leben der christlichen Heiligen und Weisen wirft, ist stets bei den Reichen beliebt gewesen" (R.H. Tawney, Religion an the Rise of Capitalism, London o.J., S. 267) Daß der Arme in wirklichkeit nichts wert ist, wird ihm jeden Tag Tag aufs neue demonstriert; im Grunde weiß er es von Anfang an. (...) Der Humanismus, der die Geschichte des neueren Geistes durchzieht, zeigt sein doppeltes Gesicht. Er bedeutet unmittelbar die Verherrlichung des Menschen als des Schöpfers seines eigenen Schicksals. Die Würde des Menschen liegt in seiner Kraft, unabhängig von den Mächten der Natur in und außer ihm, sich selbst zu bestimmen, sie liegt in seiner Macht zu handeln. In der Gesellschaft, in der sich dieser Humanismus ausbreitete, ist jedoch die Macht der Selbstbestimmung ungleich verteilt; denn die inneren Energien hängen jedenfalls weniger vom äußeren Schicksal ab als dieses von den Energien. Je weiter der vom Humanismus verklärte Begriff des Menschen von ihrer wirklichen Lage entfernt war, desto erbärmlicher mußten die Individuen der Masse sich selbst erscheinen, desto mehr bedingte die idealistische Vergottung des Menschen, die in den Begriffen der Größe, des Genies, der begnadeeten Persönlichkeit, des Führers usw. sich bekundet, die Selbsterniedrigung, Selbstverachtung des konkreten Einzelnen."

Max Horkheimer, Egoismus ud Freiheitsbewegung, in ders.: Traditionelle und Kritische Theorie, S. 106-107, Frankfurt/M. 1992; erstmal erschienen in der Zeitschrift für Sozialforschung Paris 1936

05.01.07

Wie erfindet man sich neu?

Ach, seufz, dann bringe ich den doch:

"F.A. Hayek hat das anschauliche Beispiel gegeben, daß z.B. ein Bergsteiger, der in eine Felsspalte gestürzt ist, im negativen Sinne frei ist, herauszukommen, weil ihn niemand daran hindert, während er im positiven Sinn nicht frei ist herauszukommen, weil er es nicht kann."
Ernst Tugendhat, Probleme der Ethik, Frankfurt/M. 1993, S. 359

Ja, gähn. Will ja eigentlich nicht so enden wie andere Blogger, die man so liest, um mich nur noch selbst zu zitieren. Am Jahresanfang hat man dann ja doch das Bedürfnis, also ich zumindest, sich mal wieder neu zu erfinden. Und surft dann so rum durch die Blogosphäre auf der Suche nach Inspiration, und findet fast überall das Gleiche. "Liberale" Blogeinträge könnte ich mittlerweile sowieso schon selbst schreiben, die drei Thesen kriege ich auch noch hin - einzig Statlers linksliberale Wende war da ja mal was neues. Wobei ich mich schon auch dabei ertappte, mich vor allem darüber zu freuen, daß da jemand schreibt, was ich schon 1991 studiert habe.

Natürlich reichlich dekadent, so eine Haltung - natürlich werden auch weiterhin Besitzlose national ...

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30.12.06

Nachschlag zur Gerechtigkeit

Da sach ich doch mal "Danke!" für die ausführliche Antwort auf die 3 Steinvorth-Fragen drüben bei Statler & Waldorf. Würde dort ja auch kommentieren, wenn ich nicht ständig mein Passwort vergessen würde und auch nie weiß, welche e-mail-adresse ich gerade angegeben habe.

Die Antwort ist deshalb so spannend, weil sie sehr viele Schnittmengen zwischen "linksliberalen" Positionen (ich lasse mal außen vor, daß der Begriff "linksliberal" außerordentlich umstritten ist) und jenen, die eher am freien Spiel der ökonomischen Kräfte sich orientieren, klar stellt.

Es gab ja hier den einen oder anderen Kommentator, der sich wunderte, warum ich mich so intensiv in die Diskussion mit Liberalen hinein begeben habe. Neben virtueller Sympathie für einige der Protagonisten ist genau das der Grund, was man aktuell bei Statler lesen kann. Nicht, daß ich allem zustimmen würde; aber das dort formulierte Programm ist ja nix Böses und eine Super-Basis für weitere Diskussionen. Und selbst dieser kleine rhetorische Trick, auf eine Rawls-"Widerlegung" anzuspielen, die dann nur angedeutet, nicht jedoch ausgeführt wird, sei verziehen.

Viel interessanter sind andere Punkte, wenn ich's denn richtig verstehe: Z.B. die Frage des Eigentumsschutzes wird nicht, wie Boche das hier in der Diskussion tut, moralisch begründet, sondern funktional: Eine Institution wie Privateigentum und deren Schutz mehre den Wohlstand aller. Das mag dem einen trivial vorkommen, dem nächsten anti-marxistisch, dem dritten selbstverständlich angesichts des Zusammebruchs des "Ostblocks": Wichtig ist, was für eine Art von Argument das ist. In manchen Diskussionen wird ja so so getan, als sei die "Enteignung durch Steuern" von der Qualität des sexuellen Mißbrauchs oder der Körperverletzung, die Empörung ist dann ja oft größer als beim Nierenhandel in der dritten Welt oder Hungern in Burundi.

Als funktionales Argument eingeführt diskutiert sich das gleich ganz anders. Was jetzt freilich eine Darstellung erfordern würde, wieso "funktional" im Gegensatz zu Moralität steht und eine rein konseqauentialistische Moral gar keine ist, das verschiebe ich auf folgende Einträge. Wichtiger die Pointe:

" (...) wenn man etwas mehr Effizienz nur mit etwas weniger Freiheit bekommen kann, dann entscheiden sich Liberale eher für die Freiheit."
Darauf wird zurückzukommen sein. Und
"Wenn Liberale von Gerechtigkeit reden, dann beurteilen sie damit niemals konkrete Verteilungen, sondern sie beurteilen die Gerechtigkeit von Regeln."
Ja. Ja!!! Endlich. Eben. In der Antwort auf Frage 3 wird dann "alllgemeine Zustimmungsfähigkeit" als Kriterium für die Verbindlichkeit einer Regel formuliert. Reinster Habermas. Die Anspielung auf den "Schleier des Unwissens" von Rawls, von dem Habermas vieles übernommen hat - meines Wissens eine Reformulierung jener Lehren, die einen fiktiven Naturzustand zur Herleitung maßbeglicher Regeln eines gelingenden Miteinanders formulieren - jetzt mal außen vorgelassen, ist das Ergebnis der Überlegungen ein ganz anderes, als normalerweise in der liberalen Blogosphäre üblich.

Normalerweise gibt es da ein Individuum, das seine Interessen durchsetzen will, und was ihm dabei im Wege steht, ist böse und zumeist der Staat oder die Gewerkschaften oder Kurt Beck oder "Ökofaschisten". Das ...

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28.12.06

Wie man sich selbst regiert (und stürzt)

Gerade mit dem Hund draußen gewesen. Seit sie Opfer einer Beißattacke wurde, haben wir abwechselnd Angst: Mal läßt sie den Schwanz hängen, wenn auch nur jemand laut niest in 10 Meter Entfernung. Mal werde ich, wie gerade eben, ganz nervös und flüchte mit ihr um Häuserblöcke, wenn ein mir unbekannter, großer, schwarzer Hund unangeleint in Sicht kommt und mir die Besitzer nicht geheuer erscheinen. Was die Sache auch nicht besser macht, könnte sich auf die Kleine übertragen.

Problemverschärfend kommt hinzu, daß ich 11 Jahre meiner Kindheit und Jugend damit verbracht habe, in ständiger Angst davor zu leben, daß unser Hund gebissen werden könnte - da hat meine Mutter ganze Arbeit geleistet, solche Furcht zu schüren. Unser armer Köter damals hatte kaum Kontakt zu anderen Hunden und wurde drum tatsächlich garstig und verhaltensgestört. Insbesondere Schäferhunde hassten ihn aus mythischen Gründen und er sie. Das Gefühl, durch dunkle Straßen mit einem zerrenden Hund zu gehen und dabei in ständiger Angst vor anderen, großen Hunden zu leben, das ist mir sehr vertraut von einst. Flashback.Dumm gelaufen.

"Diese Veränderungen, welche das Regieren des Wirtschaftslebens im Kern betreffen, stehen im Zusammenhang mit einem allgemeinen Wandel, der die Art und Weise betrifft, wie Individuen sich selbst regieren. Dabei zeichnen sich neue Formen ab, diejenigen, die regiert werden sollen, als Subjekte zu verstehen, zu klassifizieren und zu steuern. Mit diesen ...

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20.12.06

Gerechtigkeit

Mit dem Gerechtigkeitbegriff wird insofern viel Schindluder getrieben, daß oft gerade jene, die jegliche Vorstellung von Gerechtigkeit mal eben so unter Totalitarismusverdacht stellen, in der Regel eine außerordentlich starke Gerechtigkeitstheorie vertreten. Ebenso insofern, daß jene, die bevorzugt mit diesem Begriff operieren, ihn oft nicht spezifizieren, sondern eher diffus-emotionale Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit formulieren, ohne diese dann präzisieren zu können.

Klar ist, daß der historische Liberalimus eines Locke z.B. als Gerechtigkeitstheorie aufgetreten ist. Resultat ist eine egalitäre (!) Vorstellung, daß eines jedes Freiheit und Eigentum gleichermaßen zu achten und somit unantastbar sei.

Setzt man diese prinzipielle Vorstellung dann um in politisches Handeln, ergeben sich daraus u.U. Regeln wie jene des allgemeinen Wahlrechts (für jeden einzelnen, und jede Stimme zählt gleich) oder auch jene der Gleichheit vor dem Gesetz (wenn Ackermann besser oder schlechter behandelt wird als Hans Meier aus Wuppertal, dann ist das ungerecht). Jene Instanzen. - z.B. ein Staat, muß aber gar nicht sein -, die sich darum kümmern, daß niemand verletzt, betrogen oder beraubt wird, haben im wesentlichen die Funktion, Eigentums- und Freiheitsrechte zu schützen.

Lassen wir die Eigentumsfrage, die seit Enstehung der Arbeitsteilung, also eigentlich immer schon, die eigentlich interessante ist, mal außen vor: Bei alledem darf man ja die genuin kritische Stoßrichtung dieser Doktrinen nicht vergessen. Richten sie sich doch ursprünglich gegen gottgegebene Ordnungen wie eine Vorherrschaft des Adels und der Kirche. Im Grunde genommen sind sie somit anti-konservativ. Hat ja schon Marx ausgiebig gewürdigt.

Im behaupte jetzt einfach - These -, daß bei der Beantwortung der folgenden, von Ulrich Steinvorth in "Philosophie - ein Grundkurs" (Hg: H. Schnädelbach, E. Martens, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 229-230) formulierten Fragen eine Kritik vieler "neoliberaler" (ich nenne das nur pragmatisch so, braucht sich niemand angesprochen fühlen) Positionen im Netz (und nicht nur da) anhand dieses grob skizzierten Gerechtigkeitsbegriffes möglich ist:

(a) Warum sollen bestimmte Gerechtigkeitsregeln anderen, die mit ihnen konkurrieren, vorgezogen werden?
(b) Warum darf die Einhaltung von Regeln erzwungen werden?
(c) Warum können Regeln überhaupt verbindlich sein?

Na, dann mal los! Aus dieser etwas eitlen und historisch ignoranten, politischen Sortierweise, die glaubt, alles und jedes auf eine Opposition zwischen Liberalismus und Etatismus reduzieren zu können, ist man damit ziemlich schnell raus ...

14.12.06

Das Bogart-Theorem

"Der Name steht als Abkürzung für die durch einige klassische Filme mit Humphrey Bogart geleistete Apologie des zweideutig guten Menschen (...). In seiner allgemeinsten Form besagt das Theorem, dass der gute menschliche Charakter, der deutliche Züge eines bösen menschlichen Charakters enthält, besser ist als derjenige menschliche Charakter, der diese Züge nicht enthält.

(...)

Echte moralische Motivation (...) ist etwas ganz anderes als reine moralische Motivation: Wer den Geboten der Moral nur um dieser Gebote willen gehorcht, gehorcht der Moral nur, anstatt freies Subjekt seines moralischen Handelns zu sein.

(...)

Auch der Bogart-Typus widersteht der moralischen Konvention, und auch er weigert sich, die Verbindung der Moral und dem Belieben zu vergessen. Auch bei ihm hat es das erste Wort. Nur nicht das letzte. (...) Sein Belieben ist so verfaßt, daß er es nicht ausstehen kann, wenn anderen mit Gewalt die Freiheit ihres Beliebens genommen wird. Deswegen rafft er sich nur, wenn es sein muß, zur riskanten moralischen Handlung auf. Aus Gründen der Selbstachtung bleibt ihm nichts anderes übrig.

(...)

Eine Theorie der Tugend, die sich aus an dem aktuellen Tugend-Kitsch nicht beteiligen will, kann sich an dieses Ideal halten. Sie erhebt nicht die schöne Seele zum Vorbild, die es zu einer Entzweiung von Pflicht und Neigung gar nicht gebracht hat, sondern den unwilligen Guten, der sich zur auffällig moralischen Handlung erst überwinden muß - der die moralische Tat nicht mit einem Lied, sondern mit einem Fluch auf den Lippen übernimmt."


Martin Seel, Über das Böse in der Moral, in ders.: Sich bestimmen lassen, Frankfurt M. 2002, S. 246 + 250-51 + 252

30.11.06

Der Thesenreigen zu "Tätigkeit"" und "Ich kann" - niemals alleine im Wohnzimmer zu tanzen, aber bloß nicht mit Sky DuMont. Obwohl der zweifelsohne ein cooler Typ ist!

Der Seinsvollzug ist Tätigkeit.

Als Mensch hat man zunächst "zu sein", man ist, man existiert.

Zum schlichtem Faktum des Zu-Seins gehört die Möglichkeit, sich zu diesem zu verhalten.

Verhalten zum Zu-Sein kann begriffen werden als Reflektion auf das Wie des Vollzugs. Im Wie des Vollzugs kann man "Tätigkeiten" und "Handlungen" unterscheiden. Tätigkeiten tätigt man um ihrer selbst willen, mit Handlungen erreicht man Ziele.

Die Pointe sitzt, ich habe sie aus Ernst Tugendhats Heidegger-Rezeption in "Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung". Ein und dasselbe Verhalten kann man als Tätigkeit und Handlung gleichermaßen betrachten: Das Schreiben dieses Eintrages kann ich als Tätigkeit in ihrem Vollzug genießen, kann dabei aber auch das Ziel verfolgen, mal ein wenig zu vertiefen, was man sinnvoll mit "Freiheit" meinen kann.

Krasser ist die Differenz im Fall dessen, was man undifferenziert "berufliche Tätigkeit" nennt: Ich weiß nicht, ob ein Finanzamtssachbearbeiter tätig ist. In meinem alltäglichen Verhalten zu meinem Zu-Sein in meinem Job gab es immer wieder Phasen, wo ich sowohl tätig war als auch handelte. Das ist dann Glück.

Vorraussetzung dessen ist das "Ich kann". Ein "Ich will" ohne ein "Ich kann" ist eine menschliche Tragödie.

Wie erwirbt man jedoch Können? Das ist die eigentliche Frage, wenn's um Freiheit geht.

"Ich kann"-Sätze sind ja verflucht scheußlich schnell falsizifierbar, was ein Kuriosum ist im Falle praktischer Sätze. "Ich will" ist nur dann falsizierbar, wenn ein Psychoanalytiker sich selbst einen Freibrief zur Manipulation ausstellt und ein Unbewußtes behauptet, das den eigentlichen Willen enthält, der dem artikulierten Willen widersprechen würde. Oder behauptet, ...

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26.11.06

Wenn man über "Verlierer" lacht: Das existentialistische Drama der Pubertät

"Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die Konsequenzen zu tragen! Kein Politiker hat das Recht Gesetze zu erlassen, die mir Dinge verbieten. (...)Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nunmal keinen Platz für Individualisten. (...) Jeder hat frei zu sein!"
Quelle: leckse

Liest sich ja, zwischendurch mal so zusammengekürzt, wie ein liberales Manifest. Die Herrschaft der Masse über das Individduum, demokratiekritisch gewendet kennt man das als "Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit". Ist auch eine Form von Populismuskritik. Formuliert eine Theorie negativer Freiheit als Kritik staatlichen Zwangs.

Insofern ist ja schon bemerkenswert, wer hier was hervorhebt aus dem allseits und oft verstümmelt zitierten Abschiedsbrief. Natürlich kriegen dann auch die Sozialarbeiter oder Verfechter der Musiktherapie nebenbei eins auf die Glocke, was meinen Eindruck bestätigt, daß es oft gar nicht um große Politik geht, sondern um Aversionen gegen ein bestimmtes Milieu, was Leitartikler und solche, die es gerne wären, dann der Welt verkünden.

Sind einfach die großen Topoi des Existentialismus und somit radikal gelebter Pubertät, die der Selbstmordattentäter da in wilder Wut verkündet: Existentielle Einsamkeit, Eigentlichkeit, Freiheit, Sinnstiftung aus sich selbst heraus, weil objektiv kein Sinn gegeben ist - somit müsse man die Rolle Gottes einnehmen, eine Denkfigur, die bei Sartre oft sich findet. Die Objektivierung durch den Blick des Anderen, die Suche nach dem Authentischen, der Ausweg in Heroische: Alles ganz klassisch.

Daß diese Art von Tat dem Briefe folgen würde, das ist doch das eigentlich Erstaunliche: Wer kennt denn bitte keine Rachebedürfnisse? Wäre ja nicht minder ungesund, als diese auszuleben - was dann zweifelsohne verwerflich ist. Hat sogar Weltliteratur hervorgebracht: Den "Graf von Monte Christo" kennt ja jeder.

Wer hat sich denn bitte nicht schon mal als Opfer der Verhältnisse gefühlt? Gerade das liberale Gejammer über den vermeindlich antiamerikanischen und antikapitalistischen Mainstream und die unterjochende Bürokratie ist doch auch nix anderes. Womit ich ausdrücklich nicht gesagt haben will, daß man unterjochende Bürokratie nicht kritisieren solle: Muß man, soll man.

Wer pubertiert hat, ohne wenigstens mal kurz "die Gesellschaft" oder das, was er für diese hält, in Frage zu stellen, ist doch schlicht nicht individuiert. Bemerkenswert auch der Exkurs über die "massenhafte Einwanderung in die Sozialsysteme":

"HipHopMuchels und Kleingangster; Sie kommen nach Deutschland weil die Bedingungen bei ihnen zu hause zu schlecht sind, weil Krieg ist... und dann kommen Sie nach Deutschland, dem Sozialamt der Welt, und lassne hier die Sau raus".
"Das Sozialamt der Welt" - na, schon mal gehört? Und liest man die ganzen Litaneien über die angebliche "linke Dominanz" ...

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17.09.06

"Versteher": Freiheit, das heißt auch Sich-Einfühlen und Hingabe. Eine kleine Geschichte gesellschaftlicher Evolution.

Weicheier, alle miteinander. Sich-Einfühlen gilt ja neuerdings als Symptom der Unfreiheit.

Da ist auch was dran: Natürlich bestimmt das Mich-Einfühlen oder zumindest der Versuch dessen mich in meinen Handlungen, meinem Denken und meinen Gefühlen (Martin Seel). Das fängt schon bei der Erkenntnis von etwas an: Der Gegenstand einer Aussage bestimmt deren Form und Gehalt. Ich kann einen Baum nicht so beschreiben wie einen Stein, wenn ich etwas wahres sagen oder schreiben will.

Früher nannte man sowas Subjekt-Objekt-Relation, Heidegger führte die Figur des In-der-Welt-Seins in die Philosophie ein: Immer schon finde ich mich in allerlei Relationen verwoben, die mich bestimmen. Kann man nix gegen machen. Relationen zu Subjekten, Personen, Individuen einerseits - und zu Dingen andererseits. Diese Differenz ist konstitutiv für alles Handeln, bei Sartre tritt sie auf in Hegelschen Termini als Für-Sich-Sein und An-Sich-Sein, und das Für-Andere-Sein gibt's bei ihm auch.

Die Haltung zu Dingen, Menschen und zu sich selbst - die ist konstitutiv für unser jeweiliges Weltverständnis und Gegenstand der Tugendlehren. Das Verhältnis zu Tieren wird in unserer Kultur bis ...

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05.09.06

Analytisch impotent oder: Rastlose Landschaften und die Freiheit

Ja, die Überschrift ist doof. Aber eine der Linien, an denen entlang man in ästhetischen wie auch erkenntnistheoretischen Fragen balancieren kann, besagt: Die Darstellung hat sich ihrem Gegenstand anzuähneln. Außerdem habe ich gestern eine Deutschlandradio-Kritik zu "Die vierte Hand" von John Irving gelesen, und da war jedes fünfte Wort "Ständer". Das hat mich phallisiert, ich hoffe, das wird verziehen.

Als ein solches Stilmittel des Sich-Anähnelns an den Gegenstand sei auch das Zuspätkommen dieses Eintrages verstanden, reagiert er doch auf zwei bereits Sonntag in der Wams erschienene Artikel.

Wie so oft in dieser Zeitung werden längst versunkene Städte neu aufgebaut, und wackelig stehen die dann in einer rastlosen Medienlandschaft herum und gucken trotzig. Rastlose Landschaften sind solche, wo rumgehühnert und rumgewieselt wird und schnell wieder versiegende Sturzbäche und Wirbelstürmchen in der grünen Heide wuchern, und diese Wüstenpflanzen, die man noch auch alten Western kennt, wehen da auch durch leere, staubige Straßen.

Auch der Kommentarchef der Wams ist in seiner gedanklichen Experimentierfreude - die ich sehr schätze - zu immer neuem Extremwuchs fähig. Extremwuchs ist in rastlosen Landschaften ein plötzliches Aufsprießen efeuartiger Ranken vor den je eigenen Füßen, die sich bedrohlich vor dem Wanderer aufbauen und imponieren wollen. In rastlosen Landschaften herrscht das männliche Prinzip vor dem Weiblichen, da gilt Status, nicht Beziehung, deshalb stirbt auch immer schnell alles wieder ab.

Extremwuchs entsteht zumeist in modernden Palisaden. Also da, wo versucht wurde, von Menschenhand den ...

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22.08.06

Wie die Tiere ...

"Es ist der kalte, berechnende Haß gegen Recht, Gesittung und Ordnung, es ist der Neid der Asozialen, die Zerstörungswut total negativer Elemente, die ihre kriminelle Einstellung zur Gesellschaft mit politischen Motiven tarnen ... Der Bürger, der uns sein Vertrauen schenkt, erwartet von uns, daß wir unsere Legitimation endlich nutzen, um den radikalen Staats- und Gesellschaftsverneinern das Handwerk zu legen."

Franz Josef Strauß, Bayernkurier 28.9. 1969, zitiert nach: Manfred Behrendt, Franz Josef Strauß - Eine politische Biographie, Köln 1995, S. 131


"Diese Personen nützen nicht nur alle Lücken der Paragraphen eines Rechtstaates aus, sondern benehmen sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gemachten Gesetze nicht möglich ist."

Franz Josef Strauß, Der Spiegel, 28.7. 1969, zitiert nach: Manfred Behrendt, Franz Josef Strauß - Eine politische Biographie, Köln 1995, S. 131

20.08.06

Mal was Vernünftiges zu Grass

Alan Posener hat sich rehabilitiert.

Informationen aufnehmen, statt Erzählungen zu lauschen

Spannend, was der Peter Bürger hier schreibt. Kleiner Exkurs in die ästhetische Theorie, der auch viel mit dem Bloggen zu tun hat - implizit. Ein Auszug:


"Benjamin fundiert das traditionale Erzählen im Vermögen, Erfahrungen auszutauschen, wie es sich in vormodernen Gesellschaften bei Bauern und Seeleuten herausgebildet hat, und charakterisiert es als eine kollektive Praxis, die stets auch einen Nutzen mit sich führt. Für die Moderne nun diagnostiziert er einen sich in Schüben vollziehenden Niedergang des kollektiven Erfahrungsaustauschs, «weil nicht mehr gewebt und gesponnen wird». Am Ende dieser Entwicklung steht dann das atomisierte Individuum, das Informationen aufnimmt, statt Erzählungen zu lauschen."

18.08.06

"So wurde die Vergangenheit zur neuen Gegenwart"

Na, langsam finden sich sogar in der Interims-Kampf-Dreckschleuder Die Welt mal wieder diskussionsfähige Ansätze mit Ausfällen. Der hier z.B.:

"Den starken, siegreichen Vater, den er sich gewünscht haben mag, hat es nicht gegeben. Wenn er zurückgekehrt war, dann abgerissen, unbewaffnet, besiegt, entehrt und hoffnungslos."

Das mag in Literatur aus dem 68er-Umfeld gegeben haben, ansonsten könnte es ja sein, daß da die Neocon-Forderungen nach Kampfstärke und "Männern statt Memmen" frisch und fröhlich projiziert werden. Mir zumindest ist ein Wolfgang Borchardt-Bashing der '68 nicht bekannt, kann aber eine Wissenslücke sein. Nebenbei: Sätze wie "Der Mond schien wie der Bauch einer Schwangeren" galten in den neuerdings entschieden entmieften 50ern als skandalös, und mich würde interessieren, wie im Bible Belt oder auf einem Republikaner-Parteitag die Reaktionen auf "Draußen vor der Tür" ausfallen würden. By the way.

Ansonsten wende man die Analyse mal auf die Hysterisierten selbst an, die diesen Text verlinken. Geht ziemlich gut. Also jene aufgegeilten Extrem Pro-Westler, die beim Hören des Names Grass nun verbal Amok laufen und gar nicht merken, wie sie den ganzen, lieben, langen Tag die von ihnen verkündeten "Werte" sabottieren ...

Der Soundtrack für verspätetes 68er-Bashing

Gut, neu ist das nicht. Ja, man kennt es auch. Nein, man darf es Freddy Quinn noch nicht einmal zu Vorwurf machen, der hat ja sonst tolle Sachen gesungen, eine irre Biographie hat er auch, und so Dinger wie "Melodie der Nacht" hat keine noch so gehypte Indie-Band der 80er zustande gebracht. Wer völlig zu Recht "Love will tear us apart" von Joy Division liebt, braucht die "Melodie der Nacht" als Ergänzung. Und das "Juanita", so wie er es gesungen hat in "Die Gitarre und das Meer" - unerreicht!

Trotzdem ist sein Song "Wir" dann wohl der Song, der das diskursive Umfeld der aktuellen Grass-Debatte ganz gut auf den Punkt bringt. Hier nur Auszüge, der ganze Songtext findet sich hier.

"Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR!
Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR!

(...)

Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren (Gruß an das Transatlantic-Forum!),
und muß vor euch jede Achtung verlieren? WIR! WIR! WIR!

Denn jemand muß da sein, der nicht nur vernichtet,
der uns unseren Glauben erhält,
der lernt, der sich bildet, sein Pensum verrichtet,
zum Aufbau der morgigen Welt.

(...)

Auch wir sind für Härte,
auch wir tragen Bärte,
auch wir geh?n oft viel zu weit.
Doch manchmal im Guten,
in stillen Minuten,
da tut uns verschiedenes leid."

Fast rührend. Da sieht man sie vor Topflappen sitzen, in Berlin und Anderswo, und ihre Fantasie springt an ... stotternd wie ein alter VW-Motor.

17.08.06

Die Reihen fest geschlossen!

Keine Ahnung, warum nun auch den ansonsten sehr geschätzten Alan Posener es dazu treibt, sich aus ernstzunehmenden Diskussionen zu verabschieden. Das muß eines Hysterie des Siegestaumels sein, den manche angesichts der Beichte des Nobelpreisträgers befällt. Der Mann muß sie nachhaltig beeindruckt haben. Das sind ja Reaktionen wie bei einem Vatermord. Muß ihnen schwer gefallen sein, dessen Schattten zu entrinnen. Der scheint als Stachel im teilzeitliberalen Selbst ganz tief drinnen zu stecken. Anders ist nicht zu erklären, warum Herr Posener sowohl diesen agitatorischen Denk-Kram als auch einen wirklich unerträglich demagogischen Text in der Financial Times Deutschland als "scharfsinnig" klassifiziert. Das ist diese Zuschreibungsweise von scharfsinnig zu allem, was man zufällig auch gerade findet.

Dabei ist der Text dumm, keine Ahnung, ob's der Autor auch ist. In sich widersprüchlich und eher Symptom denn Denken: Für diesen Schulterschluß der gedanklich Gleichgeschalteten, wenn es nach US-Vorbild um die Diskreditierung eines verhaßten Milieus geht, daß dann durch und durch antikapitalitisch, antiamerikanisch und antisemitisch sei.

Nicht nur, daß in dieser Hetz-Schrift in Deutschlands führendem Witzblatt in Sachen Finanzwesen und Wirtschaftsmythisierung mal eben nebenbei Müntes Heuschrecken, die nun nicht gerade zu den Glanzpunkten politischer Rhetorik gehören, zu "jüdisch-amerikanischen Finanzinvestoren" mutieren. Das liest sich ja wie Goebbels. Kann mich gar nicht daran erinnern, daß der Münte das so gesagt hat. Wie kommt der Herr Münchau darauf? Gerade mal wieder in "Mein Kampf" geblättert? Lustig auch das - erst wird Grass zum Gegner freiheitlich-demokratischer Politik erklärt, und dann das:

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15.08.06

Stopft ihnen das Maul, den Linken, den Dichtern, den Intellektuellen! Schafft sie ab! Macht Kinder, gründet Unternehmen! Schließt literaturwissenschaftliche Fakultäten!

Leute wie den hier sollte man vielleicht mal dezent darauf hinweisen, daß Intellektuellenfeindlichkeit auch zur Geschichte des Prä-Faschismus gehört. Was für ein Wortmüll! Wie kommt man denn auf sowas?

"Seine Verurteilungen der politischen Gegner, sein manichäisches Weltbild, sein unbewältigter, unbearbeiteter Hass auf das andere - auch jetzt im Interview: "Wir hatten Adenauer, grauenhaft, mit all den Lügen, mit dem ganzen katholischen Mief" - das alles zeugt von einer NS-geprägten Mentalität. NS-geprägt nicht im Sinne des verbrecherischen Elans, der dieser politischen Bewegung eigen war. NS-geprägt in der Unfähigkeit, Ambivalenz zuzulassen und auch den Mitmenschen, die anders denken, Ambivalenz zuzugestehen. Vor allem, wenn diese Mitmenschen der bürgerlichen Sphäre zuzuordnen sind."

Da hat ganz offensichtlich jemand seine eigene Vergangenheit nicht bewältigt, geschweige denn die Gegenwart der Zeitung, in der er schreibt. Grass war mir eigentlich zeitlebens ziemlich egal, und zweifelsohne gibt's in allen politischen Lagern die Unfähigkeit, Ambivalenzen zuzulassen. Grass' moralinsaueres Gehabe hat mich auch oft genervt, aber daß nun ausgerechnet in Die Welt, der Speerspitze des Neocon-Freund/Feind-Denkens, nun auf einmal für Ambivalenzen gestritten wird anläßlich des hochnotpeinlichen Zu-Spät-Outings des Nobelpreisträgers, das ist ja wohl der blanke Hohn.

Ebenso, daß nun Wettern gegen katholischen Mief mal eben mit genereller Anti-Bürgerlichkeit kurzgeschlossen wird, und ein Stöhnen angesichts einer Mentalität, innerhalb derer Mädels Selbstmord begingen, weil sie ein uneheliches Kind erwarteten, dann als Nazi-Attitude zu bezeichen - was gehen mir diese Demagogen auf den Sack!

Und daß dann implizit auch noch ganz wie in den Kommentaren bei PI, von den Konservativen als einzig nennenswerten Widerständlern die Rede ist, da könnte ich dann kotzen. So ein Erich Mühsam war auch schnell massakriert, 1933 inhafttiert, direkt nach dem Reichstagsbrand, 1934 ermordet, Ossietzky ging's auch nicht so doll damals, andere waren im Exil - was ist denn das für eine Verdrehung?

Da kann ich hiermit schon mehr anfangen, ausnahmsweise mal - alleine schon, weil diese Bezugnahme auf Antiamerikanismus zum Schluß ein so herrliches, logisches Verunglücktsein darstellt. Sonst gut, der Text, trotz Antideutsch. Ansonsten wird man Ausschwitz auch nicht damit los, daß man gegen Intellektuelle hetzt, die sich damit auseinandergesetzt haben ...

14.08.06

Zustimmen können - teilweise

Na, angesichts des sonstigen Hickhacks und der Teilzeit-Argumentationsverweigerung von Seiten mancher liberaler Diskussionsteilzeitfreunde, kann man, ja muß man ja zwischendurch mal wieder zustimmen. Teilweise. Dem hier z.B..

Es ist reichlich krude, eine monokausale und kontextbefreite Gleichung in die Welt zu posaunen, daß der Islam, Koran oder das Muslim-Sein als solches so etwas wie eine Veranlagung zum Terrorismus mit sich brächte. Vielmehr wird genau diese Behauptung neben sehr vielen anderen Motiven dazu beitragen, daß manch einer sich dem Terrorismus zuwendet oder zu sympathisieren beginnt, was diese Hinwendung oder das Sympathisieren als ein Element eventuell zu erklären, nicht jedoch auch nur minimal zu rechtfertigen vermag. Diese Hinwendung ist verwerflich, klar ist sie das. Das alles habe ich hier auch schon mit dem Telegehirn diskutiert.

Wenn mein deutsch- iranischer, muslimischer Kumpel sich darüber empört, am Flughafen (auch vor London) als erster aus der Warteschlange gezogen zu werden, fragt er - in Deutschland aufgewachsen und nicht minder säkular als ich - sich dann regelmäßig, was es denn mit der so lautstark verkündeten Toleranz und auf sich hat. Das kann man jetzt richtig oder falsch finden, das ist aber der Fall.

Das fragt er sich auch, wenn inmitten Berlins bei einem Konflikt im Straßenverkehr ihm zugerufen wird: "Geh doch in den Busch, da wo Du herkommst!" Das hat sich auch ...

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10.08.06

Die Ablehnung der Güte als Sicherheitsrisiko

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"Heute nacht da sehen Sie mich Gläser austrinken und ich gehe in's Bett mit jedem!"

Na, das eine oder andere Bonmot von ihm hat man dann doch parat, und sei's auch nur von Georgette Dee verballhornt. Irgendjemanden kennt ja jeder, der mal in einer Schulaufführung ein Brecht-Drama bestritten hat. Meine Schwester hat mal eine der Huren in der Dreigroschenoper gespielt, und im hannöverschen Mittwochstheater von einst, da auf dem Lindener Berge, habe ich auch mal ein Stück von ihm gesehen. Das mit dem Kongreß der Weißwäscher, und da für diesen Eintrag wichtig ist, an was man sich nicht so genau erinnert, recherchier ich jetzt ganz absichtlich nicht nach, ob's so ein Stück nun gibt oder auch nicht. Auch die Geschichte vom Herrn Keuner, der erbleicht, als man ihm sagt, daß er sich nicht verändert habe, ist mir noch präsent - nicht minder der Ausspruch, daß die Regierung sich doch ein neues Volk wählen solle. Nach dem dem 17. Juni hat Brecht, der Kommunist, das geschrieben.

Ansonsten erstaunt es mich eher, wie völlig unwichtig der Bertolt Brecht für mich und meinen geistigen Werdegang war. So'n "Moon of Albama" vor sich hin zu trällern, das gilt ja nix. Von den Dramatikern waren eher Ioneso, Sartre oder Shakespeare (seltsames Trio, eigentlich) für mich bedeutsam, und jetzt, wo zum fünfzigsten Todestag es allerorten von Brecht nur so wimmelt, scheint's mir, als hätte ...

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04.08.06

Hoch die internationale Solidarität

"Auf dem Wege zum rein existenziell-ästhetischen Ekel sind der Linken die politischen Talente verloren gegangen. Dieses Talent besteht nämlich gerade in der Annahme der Gespaltenheit und notwendigen kognitiven Dissonanz politischer Arbeit. Nur wer eine radikale Kritik denken kann, ist zu einer akzeptablen pragmatischen Position befähigt.

Nur wer eine akzeptable pragmatische Position unterstützen kann, kann wirklich radikale Kritik entfalten. Um beides tun zu können, muss man unauthentisch sein können. Die berechtigte Frage der alten Gegenkultur, was Politik mit Leben zu tun hat, verdient bessere und kompliziertere Antworten als das Ideal der authentischen Identität oder der ästhetischen Angemessenheit. Peinlich ist oft immer noch besser als authentisch. Authentisch war Hitler."

So Diedrich Diedrichsen vor einer Woche in der Jungle-World (via Rosa Rauschen). Einer dieser Texte, die alles in die Pfanne hauen und als Antwort das hehre Rätsel wählen - und das wohlwissentlich im Rahmen genau jener Raster, die per Analyse denunziert sich finden. Was ja den Text nicht weniger gut macht, alte Adorno-Tricks seien wachen Veteranen wie diesem hier gern zugestanden. Wobei ich den als Pointe guten Schluß doch vehement bestreite: Weil ich schon noch zwischen Authentisch und Inszenierung unterscheiden würde, ...

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28.06.06

Hannah Arendt: Zur Renaissance des Politischen

So findet man sogar mal - erstaunlich - via FDOG was Spannendes. In der Weltwoche: Ein sehr guter Text über die hier schon mehrfach behandelte Hannah Arendt. Der Text macht klar, wann's Sinn macht, wirklich von Freiheit zu reden: Nämlich dann, wenn eine Person wie Hannah Arendt alle Doktrinen abschüttelt, mutig selber denkt, verblüffende Bezüge zwischen Unvereinbarem herstellt und dabei doch den Respekt vor der Tradition des Denkens nicht verliert, das Neue in Auseinandersetzung mit dieser sucht. Stimme keineswegs in allem mit ihr überein - aber die Kraft dieses Denkens und wohl auch der Persönlichkeit, die sich hierin zeigt, beeindruckt mich immer neu.

Von ihr haben wirklich alle auf die Glocke bekommen, und das brilliant. Insbesondere ihr Begriff des Politischen bedarf einer Renaissance, behaupte ich, und die folgende Passage sei drum zitiert:


"Macht ist nicht trennbar von Freiheit. Ein Herrschaftssystem kann sich auch auf Zwang und Unterdrückung stützen, aber es besitzt dann keine Macht im eigentlichen Sinne. Die erwächst nur aus der Fähigkeit, durch Überzeugung zu gewinnen. Das Beunruhigende an der Entwicklung moderner Politik besteht für Arendt jedoch darin, dass nicht nur der Marxismus, sondern auch sein Gegenspieler, der Liberalismus, keinen Begriff mehr hat von Macht. Zwar ist Liberalismus auf Freiheit ausgerichtet. Aber, sagt Arendt, «politische Freiheit wird mit Freiheit von Politik verwechselt». (...) Es bedeutet aber auch nicht, dass politische Freiheit ein Gut wäre, welches schon dadurch gesichert wird, dass man es vor staatlicher Beschneidung schützt. Freiheit entsteht für Arendt nur in einem Raum der Auseinandersetzung, in dem über Güter und Werte gestritten wird. Jürgen Habermas mag Recht haben, wenn er der grossen Dame vorwirft, sie habe einen zu «emphatischen Politikbegriff». Trotzdem behält der von Arendt an den Anfängen der europäischen Geschichte freigelegte Sinn politischen Handelns eine unabweisbare Evidenz: Worum soll es denn gehen in einer Demokratie, wenn nicht um die Frage, was eine Gemeinschaft eigentlich will?"

Eben.

22.06.06

Eine Callas lebt in jedem von uns!

Maria Callas.jpg

Neulich lief auf dem ZDF eine Doku über Mussolini. Die war gruselig vor allem deshalb, weil der Duce als eine Art Operetten-Fürst gzeichnet wurde, der so einem richtig bösen Diktator wie Hitler dann doch nicht das Wasser reichen konnte - fast wie unterschwelliger Nationalstolz wirkte das. Klar, so explizit wurde das nicht gesagt, als Subtext war es stets präsent und fomuliert so auch eine Fragestellung, die sich durch alle WM-Blogs, bei allen ...

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13.06.06

Frankreisch, Frankreisch Teil 1

NizzaAltstadt1.jpg

Foto: Urlaube-Info


„Ich bin dem Maße Knecht, in dem ich in der Tiefe meines Seins von einer Freiheit abhängig bin, die nicht die meine ist und die doch die Bedingung meines Seins ist. Soweit ich Gegenstand von Wertungen bin, die mich qualifizieren, ohne dass ich auf diese Qualifikation Einfluß nehmen oder sie auch nur kennenlernen kann, bin ich in Knechtschaft. Zugleich bin ich aber in Gefahr, soweit ich Hilfsmittel für Möglichkeiten bin, die nicht meine Möglichkeiten sind, deren bloße Anwesenheit jenseits meines Seins ich nur vermuten kann, die meine Transzendenz verneinen und mich zu einem Mittel für Zwecke machen, die ich nicht kenne. Und diese Gefahr ist kein unangenehmer Zufall, sondern die dauernde Struktur meines Für-Andere-seins.“

Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, Reinbek bei Hamburg 1962, S. 356

Ein Platz in Nizza, in der Altstadt. Ein Bierchen noch unweit der Promenades des Anglais süppeln – es war heiß, obwohl schon dunkel war. Auf dem Wege dorthin, den Boulevard entlang, der Spruch eines Passanten, verächtlich: „Ou est le cheval?“. Weil ich eine „Reiterhose“ trug, das war damals trendy. Auch meine blondierten Haare ernteten seltsame Blicke – der französische Schick kam ohne Ohrring und Post-Punk-Zitate aus. Deren Habitus: Frisch gebügelt, aber immer verspielt. Stil demonstrierend. Charme in der Mimik und die Geste immer ein ganz klein wenig zu groß. Manchmal auch viel zu groß. Meistens sehr liebenswert ... weil alles aufgehoben wird durch das Spiel.

Vormittags Unterricht mit frisch gekündigten Reemstma-Managern, ...

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07.06.06

Von nix kommt nix: Selbstbestimmung, Teil 1

Man, Man, Man. Die liberale Diskurspolizei betet ihre Dogmen einem Kanon gleich nach und schreitet prompt ein, wenn's gilt, Denken zu unterbinden. Aktuelles Beispiel: Die Kommentare zu einem Eintrag von Dr. Dean. Dieser hat das folgende Zitat von Hannah Arendt zur Diskussion gestellt:


"Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden."

Weitere Elemente zählt er auf, die zu einem Begriff der "positiven Freiheit" führen könnten, die jenem der von Isiah Berlin verkündeten der "Negativen Freiheit" entgegenstünde. Und, wer hätte das gedacht, Entgegnungen wie die folgenden folgen prompt:

Karsten:

"Ich halte den Versuch, den Begriff Freiheit auf Felder auszudehnen, die außerhalb der Abwesenheit von Zwang liegen für falsch."

Mathias B:


"Leider muss man wieder feststellen, daß "die Freiheit" wieder mal als "negative Freiheit" bezeichnet und Abhängigkeitsverhältnisse in den Freiheitsbegriff miteinbezogen werden.

Materieller Wohlstand und Freiheit vor Not sind in dem Sinne überhaupt keine Freiheitsquellen sondern Ansprüche auf Leistungen von anderen und stellen höchstens ein Abhängigkeitsverhältnis dar. Als Beispiel könnte man den wohlversorgten Haussklaven eines Großgrundbesitzers erwähnen, der zwar über materiellen Wohlstand verfügt, der aber keineswegs über (negative) Freiheit verfügt."

Und, etwas besser:

"Individiuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen."

Rayson:

"Es wäre in meinen Augen eine Begriffsverwirrung und -inflationierung, die Lösung des Problems der Ressourcenknappheit unter Freiheitsaspekten zu diskutieren. Da bin ich ganz bei Benny und Matthias.

Aber auch bei Karsten. Denn wenn wir einmal geklärt haben, was Freiheit ist, was sie ausmacht und was sie bedroht, dann können wir auch über Einschränkungen von Freiheit nachdenken. Nur bitte nicht zuviel."

Na, dann fragt sich ja doch, wer hier eigentlich verwirrrt - und inflationiert, was ja immer auch Entwertung durch zu häufige Wiederholung eines Produktionsvorganges bedeutet. Weiter hilft im flotten Reigen des mythischen Wiederholungszwangs ein Kommentar ...

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02.06.06

Das Recht, Rechte zu haben

Akut ist meine Verzweiflung darüber, daß Hayek-etc.-Fans irgendwann die Deutungshoheit über einen Begriff wie "Totalitarismus" gewinnen könnten - bei aller Sympathie für und zum Teil auch inhaltlichen Nähe zu einigen der Protagonisten. Auch wenn am Rande plötzlich angemerkt wird, Ökonomie sei ja keine Anthropologie - das Denken der atomisierten Nutzenmaxierer und ihr zwanghaftes auf staatlichen Zwang bezogen sein erscheint doch allzu verkürzt und hat dennoch den politischen Diskurs bereits nachhaltig infiziert.

So habe ich gestern abend mal wieder über Hannah Arendt und in deren Werk herumgeblättert. Leider ist mir "Vita Activa" zu wenig geläufig, jenes Werk, in der sie unterschiedliche Tätigkeiten wie Arbeit, Herstellen und Handeln zu differenzieren sucht. In der Sekundärliteratur, die ich hier noch aus heißgeliebten, längst vergangegen Tagen herumstehen habe, geht jedoch die alles entscheidende Pointe deutlichst hervor: Handeln ist Arendts Ansicht nach überhaupt nur zusammen mit Anderen und im Bezug auf diese möglich, nicht auf individuelles Nutzenmaximieren oder gar Tauschverhältnisse reduzierbar.

Beim weiteren Blättern zum Sound von Jessye Normans Songsbooks entdeckte ich's dann wieder, das .

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31.05.06

Herbert Schui über Herrn von Hayek

Na, immerhin findet der Crossover statt.

Che 2001 hat heute einen hochinteressanten Aufsatz eines eremitrierten Professors von der Hamburger HWP verlinkt. Bei dessen Lektüre wundert es nicht, daß der aktuelle Hamburger CDU-Senat die HWP auflösen will - weiß gar nicht, ob's ihm jetzt gelungen ist, da gab's noch ein Volksbegehren ...

Herbert Schui bemüht sich unter der Überschrift "Bemerkungen zur Nähe von Neoliberalismus und Rechtsextremismus" um den Nachweis eben dieser Nähe, indem er sich mit den Schriften Hayeks und seiner Schüler auseinandersetzt und diese z.B. mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" konfrontiert.

Was da im einzelnen steht, kann ja jeder selbst nachlesen - Leute, die sich der Welt von Nozick und Hayek besser auskennen, werden beurteilen können, wie korrekt deren Gedanken wiedergegeben sind. Mir sind sie zumindest fragmentarisch ...

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29.05.06

Denken, Freiheit und Vielfalt

Zu mehr als Zitaten reicht's bei mir aktuell nicht, bin chronisch überarbeitet. Dafür heute besonders schöne aus diversen tagesaktuellen Anlässen von Michel Foucault:


"Wogegen ich mich wende, ist die These, daß zwischen der Sozialgeschichte und der Geistesgeschichte ein Bruch bestehe. Demnach soll die Sozialgeschichte beschreiben, wie Menschen handeln ohne zu denken, und die Geistesgeschichte soll beschreiben, wie Menschen denken ohne zu Handeln. Aber jeder Mensch handelt und denkt zugleich. Das Handeln und die Reaktionen von Menschen sind mit ihrem Denken verknüpft."

Foucault, Michel, Wahrheit, Macht, Selbst, in: der. u.a., Hg., Technologien des Selbst, Frankfurt/M. 1993, S. 221

Trivial ist das nicht. Foucaults Hauptfeind waren immer bestimmte, humanwissenschaftlich konstituierte und in Institutionen und Praktiken wirkende und sich verfestigende Menschenbilder. Zu seiner Zeit waren das bestimmte Spielarten des Humanismus, die, zumeist durch Varianten der Psychonaylse freudianischer Prägung und marxistisch modifiziert, den Diskurs bestimmten. Foucalt in die Gegenwart zu transferieren, hieße zu prüfen, welche Menschenbilder heute im selben Sinne normativ wirken. Ist's "Der Unternehmer", "der Moslem", "der Gutmensch", "der Kulturalist"? Was auch immer man findet, trage man ein in's folgende Zitat:

"Was mir am X nicht behagt, ist, daß er eine bestimmte Form unserer Ethik zum Muster und zum Prinzip der Freiheit erklärt. Ich glaube, daß es mehr Geheimnisse gibt, mehr mögliche Freiheiten und weitere zukünftige Erfindungen, als wir uns dies im Rahmen von X vorstellen können (...)." Michel Foucault, a.a.O., S. 22

21.05.06

Das Wozu: Nachtrag zu den positiven Freiheiten nach Sen

Habe heute morgen nur sehr allgemein positive Freiheiten als Möglichskeitsbedingungen für's je individuelle Wohlergehen im Anschluß an Armatya Sen skizziert, hier seien sie zur potenziellen Diskutierbarkeit noch vertieft.

Sen beginnt negativ: Skizziert zunächst Formen der Unfreiheit. Diese sind in einem Diskussionsklima, da Staat zunehmend als Zwang nur noch definiert wird, wieder ausgiebig zu thematisieren - es ist politisch gefährlich, wenn Einzelne nur noch die Freiheit, die je eigenen Interessen durchzusetzen, als zwangfrei definieren wollen und damit das jeder Individualität vorgängige, geteilte soziale Leben schlicht zu negieren suchen. Da kommen dann am anderen Ende der Skala bestenfalls Sturzkonservative, schlimmstenfalls lauter kleine Nazis raus.


"Sogar in reichen Ländern leben stark benachteiligte Menschen mit schlechter Gesundheitsfürsorge, fehlender Berufsausbildung, ohne einen gutbezahlten Arbeitsplatz und ohne wirtschaftliche und soziale Absicherung."


Sen, Amartya, Ökonomie für die Menschen, München 2005, 3. Auflage, S. S. 26

Ungleichheit der Geschlechter, ...

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Distributive Gerechtigkeit versus positive Freiheit

"Jeder von ihnen könnte und sollte jeden Arbeitslosen, jeden Rentner und jeden Studenten danach fragen, mit welchem Recht er davon ausgeht, daß er ihm den Lebensunterhalt, die Rente oder das Studium bezahlt. Das könnte etwas Licht ins Dunkel bringen."

Martin M schiebt eine Mischung aus Blues, Verzweiflung und ohnmächtiger Wut, wenn er solche Zeilen irgendwelcher Leitartikler liest, die sowieso durch ein Netzwerk bester Beziehungen vortrefflich getragen werden. Um dann Leuten, die eh schon die Arschkarte gezogen haben, auch noch den Marsch zu blasen. MartinM schiebt völlig zu Recht den Blues.

Würde mich mal interessieren, auf welchem Wege Konrad Adam Leitartikler wurde. Martin hat auch völlig Recht damit, daß die reale Funktionsweise von dem, was einst noch "Arbeitsamt" hieß, mehr Wege versperrt als eröffnet - würde mich sowieso mal interessieren, ob's nicht billiger wäre, dieses ganze Drangsalieren und Verwalten von Leuten einfach bleiben zu lassen, und dafür gezielt Anlaufstellen für jene, die sich weiter qualifizieren wollen, zu schaffen. Ansonsten einfach überweisen. Punkt.

Martin hat des weiteren Recht, daß im Rahmen des Versicherungssystems ja, abgesehen von den Studenten, alle auch eingezahlt haben, die nummehr empfangen. Mein Studium habe ich mehrfach refinanziert, und ich habe persönlich auch kein Problem mit der Abgabenhöhe und finde, daß jeder ein Recht auf diese Zahlungen hat. Im Gegensatz zu Herrn Adam, der sich dann mal dafür rechtfertigen soll, warum er z.B. auf auch von mir bezahlten Straßen Auto fährt, obwohl ich doch keines habe - usw.. Und ob nicht auch er einen Zusammenhang zwischen gewalttätiger werdenden Kulturen auf deutschem Terrotrium und einer permanenten Infragstellung von Individualrechten sieht.

Er legt freilich einen Finger in Wunden, die man aus ganz anderen als aus Finanzierungsfragen nicht einfach ignorieren kann. Thatcher, Reagan und ihre Apologeten haben ja längst gesiegt - die Entsolidarisierung und Atomisierung ist extrem weit fort geschritten, die Rütli-Schule nur ein Symptom für eine Welt, die Leute wie Adam offensichtlich für das Wahre, Gute und Schöne halten. Daß hier noch irgendjemand an so etwas wie einen allem zugrunde liegenden ""Gesellschaftsvertrag" - oder wie auch immer man das nennen will - ...

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16.05.06

Die durchsichtige Bluse von Wünsch-Dir-Was

Gerädert auferstanden aus den Ruinen des gestrigen Tages. Ein wichtiger Kunde hat uns ein Drittel des Budgets gekürzt. Jetzt schauten wir uns gemeinsam das Ergebnis an, und, kein Wunder, es gefiel ihm nicht wirklich. Es fehlte was. Weil dieses Drittel Budget eben nicht zur Verfügung stand. Und wir eh schon Miese machen. Sozialabgaben spielen im konkreten Fall budgeter kaum eine Rolle. Alle Festangestellten sind auf so viele Projekte verteilt, daß sie budgeter kaum zu Buche schlagen. Und ohne Festangestellte gäb's gar keine Aufträge. "People's Buisness" nennen das immer die, die das Geld, das ich erwirtschafte, dann an ihre Investoren verteilen.

Obwohl wir alle Zulieferer und Dienstleister eh schon massiv gedrückt hatten, hat die Kohle trotzdem nicht gereicht. Meine Finanzverantwortlichen schrieben mir bitterböse mails, "Ich bin tief enttäuscht von Dir!", wörtlich (war 'ne Frau, klar), als ich eine geringfügige Kostenentscheidung dann einfach getroffen habe, im Sinne des Produkts. (Meine liberalen Blog-Freunde dürfen mich gerne anmailen, worum's ging, für die wäre das lustig. Können's aber auch bleiben lassen)

Vielleicht bekommt den Auftrag dann demnächst jemand anders, und wenn er Pech hat, geht er daran pleite. Das ist sehr wahrscheinlich. Ist vielen passiert, vor allem 2001/2002, passiert vielen immer wieder. Der Kunde ist mächtig.

Das Verhältnis zu ihm ist sehr freundschaftlich, so man kann wenigstens vernünftig über alles reden. Es gibt auch Loyalitäten, Bindungen, eine gemeinsame Geschichte, man mag sich. Man geht auch gerne mal 'n Bier zusammen trinken oder lecker essen, kann offen miteinander kommunizieren. Doch auch bestimmte inhaltliche Fragen, da ...

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15.05.06

Kleines Grundsatzreferat ...

... das mir eben in der Diskussion bei freilich.ch mit Christian Hoffmann und Robert Nef passiert ist, aber das vielleicht ja der eine oder andere auch hier lesen wollen könnte, wer weiß?

"Ich spiele jetzt mal kurz den Habermas-Vertreter, einfach, um klar zu machen, was der andere Christian meint.

Bei Habermas ist Demokratie ein vernünftiges Sich-Einigen, das die potenzielle Zustimmungsmöglichkeit aller von den zu beschließenden Maßnahmen Betroffenen zu berücksichtigen hat - potenziell, weil's eben praktisch ganz schön schwierig ist, ...

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14.05.06

Männerbilder, Frauenmoral: Zur Kritik der "Negativen Freiheit" aus Sicht des Feminismus der frühen 80er Jahre

In den Diskussionen bei den B.L.O.G.s rund um die Arbeiter-Ethos-Intervention des Münte, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen solle, fiel sie mir wieder ein: Carol Gilligan. In männlich dominierten Universitäten hat sie meiner Ansicht nach nie jenes Gewicht erlangt, daß einem Rawls, Habermas, Rorty oder auch Sen zugesprochen wurde.

In Auseinandersetzung mit der Kohlbergschen Entwicklungspsychologie fomulierte sie einst einen "weiblichen" Moraltypus der "Fürsorge", der der abstrakten Prinzipienethik Kantischer Tradition entgegenstünde bzw. diese ergänze.

In populariserter Form findet sich diese heute in jeder Frauenzeitschrift. Meiner Ansicht nach muß man die von ihr entwickelten Modelle zweier Moraltypen strukturell verstehen und von der Geschlechterfrage insofern lösen, daß es hier nicht um eine "Natur" des Mannes oder der Frau geht, sondern um zwei Modi von Interaktionsstrukturen. Wobei (wenn ich's richtig verstanden habe, ist 'ne Weile her, meine Auseinandersetzung mit diesen Positionen dank meiner feministischen Cousine) diese Idealtypen-Konstruktion ja eh in der Behauptung differenter Sozialisationsbedingungen gründet. Selbst Herr Schirrmacher nimmt implizit diese Moral in Anspruch, wendet sie jedoch konservativ in der Behauptung, daß Frauen dann in Zukunft eben ...

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10.05.06

Marktliberalismus als Beobachtung dritter Ordnung

Den Robert Nef hatte ich ja hier schon mal am Wickel. Der ist gegen Chancengleichheit und zudem ein Dualist. Das ist immer das Erbe von Religionen, der Dualismus, Gut und Böse halt.

Würde beide Kategorien auch nie zurückweisen, was z.B. PI schreibt, ist meiner Ansicht nach abgrundtief böse, Katholizisten auch im evangikalen Lager passiert das häufig, weil sie Spiritualität falsch verstehen - letztlich taugt's aber nicht zur weltumspannenden Dichotomie, ein solches Begriffsduo als Zentrum von allem und jedem in den Mittelpunkt des Denkens zu stellen. Sowas machen ja nicht umsonst bevorzugt iranische Präsidenten. Bei Nef taucht das ganze als Dualismus Zwang versus Privatautonomie auf:

"Die Gesellschaft ist nicht dreigeteilt in “Staat” “Wirtschaft” und “Sozio-Kultur”, sondern unterliegt zwei grundverschiedenen aber aufeinander bezogenen Steuerungsprinzipien: Zwang und Privatautonomie." (in den Kommentaren bei freilich.ch zu finden).

Das liest sich wie die Beschreibung Luhmannscher "binärer Codes" - z.B. Information/Nicht-Information im Falle des gesellschaftlichen Subsystems "Medien". Der Luhmann war jedoch schlau genug, diverse Kommunikationssysteme ...

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09.05.06

Bürgerbegehren, Kultur und Individualrechte

So, dann nutze ich doch mal die Gelegenheit, auf den nutellafarbig und nicht minder fettig glänzenden Rand der Blogosphäre Bezug zu nhemen, ohne ihn direkt verlinken zu müssen. Weil Statler auf einen dortigen Eintrag Bezug nimmt, meiner Ansicht nach jedoch in seiner Kritik haarscharf am eigentlich wichtigen Thema vorbeischrammt.

PI, allseits berüchtigt, beklagt, daß Volksbegehren gegen den Bau von Moscheen nicht stattgegeben würde. Daß dieser Protest dann in rechte Ecke gestellt würde - ja, wohin denn sonst? Köln-Ehrenfeld, Berlin-Heinersdorf und München sind die Schauplätze des Geschehens - ein empörter Bürgermob ...

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05.05.06

Gerechtigkeit und gutes Leben

Die Woche der Philosophen-Zitate in diesem Blog - heute: Martin Seel.

"Ein gutes Leben (für jene, die ein selbstbestimmtes, personales Leben führen können) besteht darin, in der Dauer ihres Lebens einen bestimmten Gebrauch dieser Fähigkeit zu machen - den einer freien, vollzugsorientierten und weltoffenen Lebensführung, die Zugang zu gelingender Interaktion, gelingender Arbeit, gelingendem Spiel und gelingender Betrachtung hat. Unparteiliche und allgemeine Rücksicht auf diese Lebensmöglichkeit (...) macht den Kern einer Moral der wechselseitigen personalen Anerkennung aus."

Martin Seel, Versuch über die Form des Glücks, Frankfurt/M. 1995, S. 249

Für mich hat das auch politische Implikationen - und zeigt, daß Kooperation eben die Möglichkeitsbedingung von Freiheit ist, nicht deren Einschränkung (man vergleiche die Diskussion in den Kommentaren hier).

20.04.06

"Liberals": Ein Plädoyer für den Pro-Amerikanismus in einer bestimmten Hinsicht

Wo jetzt schon von Liberalen in kritischer Absicht auf mich als Liberalen, als der ich mich nur in bestimmten Hinsichten fühle, sehe oder definieren würde, gelinkt wird, mische ich mich doch einfach mal wieder in Grundsatzfragen des Liberalismus ein.

Das Antibürokratieteam verlinkt auf einen ganz spannenden und gründlichen Artikel eines Schweizer "Liberalen Instituts", der ironischerweise vor einer Amerikanisierung des Liberalismus warnt.

Gemeint sind Positionen wie jene von John Rawls oder Ronald Dworkin, die in der Tat, u.a. vermittelt u.a. über Jürgen Habermas und sein Umfeld, nachhaltig jene Positionen geprägt haben, die ich hier regelmäßig vertrete. Es ist ein politischer Liberalismus, insofern er eben nicht glaubt, daß Markt-Automatismen das Wahre, Gute und Schöne schon ganz von selbst hervorbrächten ...

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16.04.06

Das ist Demokratie: Langweilig wird sie nie!

So, jetzt muß ich ja doch noch meinen erweiterten Senf zur Popetown-Debatte dazu geben, bißchen spät - aber wo ich hier gerade auf die etwas eigenwilligen Ausführungen bei Freedomwatch verwiesen wurde, einem mir bis dato unbekannten Weblog, hoffentlich linke ich jetzt nicht aus Versehen auf irgendwas aus der PI-Bruderschaft, kann ich ja nicht an mich halten.

Eigenwillig an der Position ist zweierlei:

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10.04.06

Konkurrenz versus Teamgeist

Ja, ich weiß. Wenn man behauptet, der Mannschaftsgeist stünde mit auf dem Platz, begeht man einen Kategorienfehler. Das hat Gilbert Ryle der Philosophie schon irgendwann in den 40ern um die Ohren gehauen. Und "Team", das klingt je nach Perspektive wie eine faustdicke New Economy-Lüge oder provoziert, daß irgendjemand "Kollektiv!" dann kreischt.

Der Anlaß, das zu schreiben: Stefanolix Kommentar hier unter diesem sehr guten Eintrag von Marian Wirth bei den B.L.O.G.'s:


"Ich habe mich dazu gerade in der letzten Woche bei ’spreeblick’ an einer Diskussion beteiligt. Ich bin der Meinung, dass Motivation und Leistungswille bei Eltern und Schülern eine wichtige Grundlage für den Bildungserfolg sind.

Dann kam dort ziemlich heftiger Gegenwind mit Argumenten, die ich nicht erwartet hatte. Offenbar scheinen einige Leute dort die Begriffe “Leistung” und “Wirtschaft” für sich als Feindbild aufzubauen. Spreeblick ist ja das Blog mit der höchsten Reichweite in Deutschland und es wunderte mich schon, dass dort solche Meinungen die Mehrheit hatten."

Meine These, daß wir irgendwo in den frühen 80ern stecken geblieben sind, belegt das: Diese "Leistung muß sich wieder lohnen" Sätze wurden ja damals schon gegen die laschen und jugendverderbenden Sozis in Feld geführt. Auch "Feindbild" war ein gern genutzter Begriff. Was nicht heißen soll, daß sie das nicht solle, die Leistung sich lohnen, meine ich. Kommt aber immer drauf an, wie man beschreibt, wie sie zustande kommt. Was heißen soll, daß ein liberaler Atomismus diesen Begriff gar nicht fassen kann (was man spätestens seit Marx und Durkheim eigentlich auch weiß, liebe Ex-DDR-Bürger). Bin dem Link ...

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06.04.06

Kräftig applaudieren!

Ein herrliche Replik auf den Herrn Baring - wie war noch dieses Bonmot? Er altert schlecht? - findet sich heute bei SpOn (ich bekenne mich dazu, SpOn-Verlinker zu sein!). Zitat:

"Liebe Konservative: Kapiert endlich, dass dieses Herkunftsland Deutschland heißt. Multikulti ist eine Realität. Es gibt keinen Weg zurück zu einem "ethnisch begradigten" Deutschland. Liebe Große Koalition: Ihr seid dabei, die Chance auf die zweite deutsche Einheit zu verspielen - die republikanische Einheit der Einwanderungsrepublik Deutschland. Liebe Sozialdemokraten: Wie soll man eigentlich Euer dröhnendes Schweigen in dieser wichtigen Zukunftsdebatte deuten? Es gibt Wege aus der Multikulti-Krise. Man muss sie nur gehen wollen. Wie wäre es denn mal mit einem Gesetz zur automatischen Einbürgerung jedes in Deutschland geborenen Kindes? Das wäre doch mal ein echtes Angebot."

(http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,409905,00.html, heute abend wird richtig verlinkt)

Voll zustimmungsfähig, der Text.

Auch klasse ist ...

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Das Problem der Willensfreiheit, Teil 1

Ach, den Gedanken übernehme ich jetzt einfach mal und starte hier in loser Folge eine Eintragsreihe zum Thema "Freiheit". Kann's ja nicht hinnehmen, daß es Positionen gibt, die das Denken hierüber Leuten wie Milton Friedmann überlassen wollen und glauben, jede Alternative dazu als "Sozialismus" diskreditieren zu können - wie war das noch mit Chile und den Chicago Boys (das war jetzt ein Einschub auf dem Niveau dieses Eintrages dort bei meinen Lieblings-Mitdiskutanten von den B.L.O.G.s)?

Dabei ist Sozialismus ja gar keine Diskreditierung, weil der real-existierende sowieso keiner war (habe ich auch schon vor dem Mauerfall so vertreten!) und z.B. Lafontaine in letzter Zeit wohl tatsächlich dem Nationalbolschewismus näher steht als sozialiistischen Idealen, sei's drum, das ist ein anderes Thema.

Das Problem der Willensfreiheit ist ja philosophiehistorisch auch nicht ganz neu, traditionell ...

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