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18.07.07

Etwas Besseres als Deine Alte wirst Du überall finden

"Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes entscheidet, sondern die Angst, keinen neuen Arbeitsplatz zu erhalten."


Na sowas (in der der Diskussion gegenüber, so einer mit 'nem so einem Fußball-Nickname schreibt das, Kommentar 8 oder so).

Da setze man mal andere Begriffe ein. "Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Verlust der Gattin entscheidet, sondern die Angst, keine neue Gattin zu erhalten". "Wobei ich nicht glaube, daß die Angst vor dem Tod meines Yorkshire-Terriers entscheidet, sondern die Angst, keinen neuen Hund zu erhalten."

Was sind das eigentlich für eigentümlich freie Mitarbeiter im liberalen Diskurskosmos?

Solch emotionslose Maschinenwesen möchte ich ja nicht als Kollegen haben. Kein Wunder, daß die Produktivität nicht steigt, wo immer mehr mehr Leute notgedrungen solche Mentalitäten an den Tag legen.

Da verbringen Mensch um die 40 Stunden die Woche an ihren Arbeitsplätzen, und jegliche affektive Bindung erstreckt sich auf den IPod oder den Mittelklassewagen, den man von der Kohle sich dann kaufen kann?

Wenn das so sein sollte, dann liegt das wohl eher an den Jobs selbst, aber Marx hatte ja gute Gründe für sein Werk, einer davon war der Begriff der "entfremdeten Arbeit". Und das müßte eigentlich volkswirtschaftlich messbar sein, was passiert, wenn diese Bindung fehlt. "Drifting" nennt das Richard Sennett. Die komplette Nicht-Identifikation mit dem, was man tut, kann doch in Sachen Produktivität nicht unerheblich sein, die muß schwächen.

Und sei's nur, wie's aktuell ja ist, daß die Kontakte, die zu anderen Menschen man pflegt, eben zum Großteil der gelebten Zeit im Arbeitsleben stattfinden. Muß ja noch nicht mal die Tätigkeit selbst sein. Aber ein prima Betriebsklima oder ein gutes Verhältnis zwischen Kollegen scheint aus der Wirtschaftstheorieagitation irgendwie verschwunden zu sein.

Dabei ließe sich das bestimmt besser quantifizieren als juristische Regeln mit einem spezifischen, materialen Gehalt, da hat der Nörgler schon recht.

Nee, Konkurrenz belebt ja angeblich das Geschäft. Dieses Hauen und Stechen und sich vor Chefs als Geilster aufspielen, das habe ich kurioserweise immer als kontraproduktiv erlebt - und seitdem ich selbst Teams zusmmenstellen kann, vermeide ich genau das, und das hebt unsere Produktivität als auch die Qualität der Produkte ganz immens. Weil eben nicht Angst steuert, sondern wechselseitige Anerkennung.

Nicht so in der liberalen Theoriebildung: Da sind einem Kollegen sowas von scheißegal, daß man nur deshalb Angst hat, 'nen Job zu verlieren, weil man dann keinen anderen findet.

Es gibt wirklich gute Gründe, dieser Denke die "Kälte" zuzusprechen, da können die noch so sehr dagegen polemisieren ...

11.07.07

Sag alles ab, geh einfach weg ....

Och, wo ich Statler mal zustimmen kann, mache ich das doch einfach auch.

Mit dem egoistischen Hintergedanken, Anreize zu setzen, daß mir noch mal jemand erläutert, was die Wirtschaftswissenchaftler mit "pfadabhängig" meinen.

Wenn ich richtig verstehe, dann sind das ja die bisherigen Handlungen (Ausbildungen, Wahl der Branche und des Berufsbildes, als erster 'ne Innovation am Markt eingeführt haben, frühzeitig sonnige Grundstücke mit Seeblick in Kapstadt erworben zu haben, um in der Boom-Phase, also jener, wo die Stadt dann wieder von Schwarzen bereinigt wird, 'nen Vorspung zu haben, wenn man Villen für europäische Ausbeuter bauen will), die zum einen es Konkurrenten schwer macht, da noch zu konkurrieren, zum anderen aber eben auch den, der entscheidet, dann auf einen "Pfad" festlegt?

Oder ist das wir, und das heißt was ganz anderes?

Paßt ja sowohl zu den Bundestagsabgeordneten (wer wechselt schon auf Schleudersitze, wenn er sich auf anderen Feldern 'ne Existenz aufgebaut hat?), scheint mir aber auch individuell ("verschwör Dich gegen Dich, und Deine Schmerzen lindern sich" haben Tocotronic hier eben gesungen, nein, Klaus, ich bekomme kein Geld von denen, das neue Album ist aber einfach super) als auch übergreifend ja kein so unwichtiges Thema zu sein: Wie sattelt man um, wenn man zu tradierten Lebenszeitpunkten gar nicht bestimmte Voraussetzungen erwerben konnte? Und 40-jährigen gibt ja auch niemand eine Lehrstelle ...

Gibt in einem Buch von Richard Sennett dieses gemeine Beispiel von den IBM-Programmierern aus den 80ern, die wegen irgendeiner Software-Revolution erst die Helden waren, dann aber trotz Mega-Qualifikation schlagartig zum alten Eisen gehörten und nur noch rumsaßen.

Ist ja auch der halben DDR so gegangen, wenn nicht mehr als der Hälfte - mich wundert immer, daß einerseits die Slogans vom "lebenslangen Lernen" daher gequasselt werden und alle ihre Flexibilitäts-Diskurse pflegen, aber außer lächerlichen Arbeitsgentur-Kursen, wo dann Leute, die seit Jahren am Computer sitzen, lernen, wie diese anzuwenden sind, das im Grunde genommen gar nicht diskutiert wird.

Die "Formalisten" - Juristen und Ökonomen - können fröhlich zwischen Branchen und Institutionstypen hin und her springen, wobei 'nen Familienrechtler auch Probleme in der freien Wirtschaft haben wird - aber jeder, der wirklich was gelernt hat, sitzt dann da auf seinem Pfad und ist von ihm abhängig....

"Mein Ruin, das ist zunächst etwas das gewachsen ist. Wie eine Welle, die mich trägt und mich dann unter sich begräbt" singen Tocotronic dazu ....

Was ich ja immer schon mal sagen wollte: Auch Polizisten haben die gleichen Rechte wie alle anderen auch!!!! Und da, wo sie mehr haben, z.B. verhaften dürfen, muß das verdammt gut begründet werden!!!

Und das meine ich ganz ernst Habe mich sogar mal gemeinsam mit einem Bundesgrenzschützer über den Spruch "Ich bin nix, ich kann nix, gebt mir eine Uniform" empört! Wirklich!

(... obwohl das, glaube ich, dienstrechtlich gar nicht stimmt, das mit den gleichen Rechten. Als Zivildienstleistender war ich ja auch einer Sondergerichtsbarkeit unterstellt - ist das bei Polizisten eigentlich auch auch so? Und wie sattelt ein Polizist mit 45 noch mal um, ohne einzig die Wahl zum Wachdienst zu haben?)

22.06.07

Wie Märkte nivellieren

Das spaziere ich in die Welt der Kunst, weil ich das eigene, alltägliche "Kunsthandwerk" nicht mehr ertragen kann, will mich transzendieren, indem ich aufsuche, was Welt zu transzendieren vermag, forsche und gucke und genieße - und stoße kurz darauf auf das allerorten Immergleiche:

"Die Verknüpfung von Wirtschaft, Wohlstand und Kunstmarkt und deren Auswirklung auf die Kunst ist keine Erscheinung unserer Zeit. Bereits in den Niederlanden des siebzehnten Jahrhunderts ist der Zusammenhang zwischen Wirtschftsboom, neuem Reichtum und expandierender Nachfrage auf Kunstproduktion nachweisbar."
Piroschka Dossi, Hype! Kunst und Geld, München 2007, S. 46

Damals arbeiteten Künstler übrigens noch mit der Technik der "Weißhöhung", meines Wissens - Untermalungen aus weißer Tempera, über die dann dünne Lasuren aus Ölfarbe gelegt wurden. Das brachte die jeweiligen Stellen des Bildes so richtig schön zum Leuchten. Weil insgesamt die Technik der "Hell-Dunkel-Malerei" angesagt war - daß man also über die Lichter und Schatten, nicht über die Farbe an sich modellierte. Letzteres machten dann erst Künstler wie Cézanne, die räumliche Tiefe z.B. über den Kontrast zwischen warmen und kalten Farben erzeugten.

Und war das nicht auch die Zeit, da Holland jene Institutionen ausbildete, die dabei halfen, von den Kolonien wirklich zu profitieren?

"Die Ausweitung der Nachfrage hatte nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Rückwirkungen auf Kunstproduktion und Kunstkonsum. Das Erreichen neuer Käuferkreise, die zwar über reichlich Geld, nicht aber über genügend Bildung verfügten, um die komplexen Botschaften von Mythologie und Allegorie in Stilleben zu verstehen, führte zu einer schleichenden Erosion des Sinngehaltes der Gemälde. Die rasante Zunahme des Kaufinteresses junger konsumfreudiger Sammler hatte ähnliche Rückkopplungseffekte auf die Kunst. "Die zeitgenössische Kunst hat eine globale Sprache entwickelt", freut sich Samuel Keller, der Leter der Art Basel, "die auch ohne kunsthistorische Bidlung verständlich ist." Intellektuelle Tiefe wird zu einem K.o.-Kriterium. Komplexere Künstler, die komplexere Kunstwerke schaffen, so weiß die erfahrene Sammlerin Ingvild Goetz, haben es heute besonders schwer. (...) Ein Teil der Gegenwartskunst hat bereits kapituliert vor der Dynamik eines schnelllebigen Marktes. Diese Fraktion hisst die weiße Fahne und proklamiert in Ausstellungstiteln die eigene Inhaltslosigkeit: I have no revelations offer to you. Hier wird nichts enthüllt. Die Kunst zeigt sich nackt, und keiner vermisst die neuen Kleider."
Ebd., S. 46-47

Tolles Buch, dieses "Hype!" von Piroschka Dossi. Wer wissen will, wieso materiale Marktanalysen einfach mehr Klarheit schaffen als Formalismen, die eher tarnen als offenbaren, sollte das lesen.

Wobei: Eine globale Sprache, die dann auch jeder verstehen kann, ist ja eigentlich auch nix Schlimmes. Intellektuelle "Tiefe" liest sich auch sehr deutsch, und man kann ja die Nicht-Notwendigkeit kunstgeschichtlichen Wissens auch als Demokratisierung deuten - was sich jedoch schnell selbst sabottiert, dieses Argument, weil jene, die für irgendwelche ekligen Leipziger dann die Euro-Scheine hinblättern, eben diese schmale Schicht der neuen Superreichen ist. Die Kriegsgewinnler der Schlacht gegen "Die da unten" halt.

Aber sonst: Würde im Falle der biologischen Grundlagenforschung jemand nach derlei "Demokratisierung" schreien?

03.06.07

Hähnchenschenkel, Mehrwertsteuer und Ersatzeile der Gegenwart des Imperialismus

Während sich noch alle die Köpfe heiß reden über den Hooliganism in Rostock, den Statler auch gerne bewahren möchte (eine andere Welt will er ja nicht, sondern diese behalten, schreibt er, dazu gehören dann eben auch solche Krawalle), zunehmend aber auch richtig gute Artikel zum Thema in der Blogosphäre auftauchen - angesichts dessen macht's ja vielleicht Sinn, mal wieder hinzuschauen, was "Globalisierung" so alles heißen kann und heißen könnte.

Informative Lektüre hierzu war das Afrika-Spezial der FR vom letzten Freitag. Zwei Texte seien hervorgehoben, die ein wenig Butter bei die Fische und Hähnchenschenkel geben können.

Zum einen der hier vom kenianischen Ökonomen James Shikwati, der, wenn ich's recht verstehe, meinen liberalen Diskussionsfreunden in ziemlich vielen Punkten recht gibt, in anderen aber gerade nicht - Zitat:

"Entwicklungshilfe hat in Afrika ein wirtschaftsfeindliches Klima geschaffen. Mit den Hilfsgeldern im Rücken schikanieren die Regierungen kleine Händler und Bauern. Dagegen hatte eine leichte Liberalisierung des Mobiltelefonsektors einen Zuwachs von 75 Prozent bei den Anbietern zur Folge. Ein Steuersystem ist essenziell für eine eigene Entwicklung. Man könnte das Ziel setzen, den Tee- und Kaffeebedarf von 950 Millionen Afrikanern zu decken. Ein solcher, nach innen gerichteter Ansatz könnte der erste Schritt zu einer mehrwertbesteuerten Industrie sein. Hilfsgelder zementieren nur die alten Bindungen und gefährden wirtschaftlichen Fortschritt.

Der einfache Afrikaner kann nur hilflos zusehen, wenn Entwicklungshelfer und Regierungsbeamte durchs Land fahren und nach Armut Ausschau halten. Ohne Hilfe würden die Afrikaner das Töten von Moskitos kommerzialisieren, die Agrarproduktion verbessern und für effektive Gesundheitsversorgung sorgen. Die Hilfe hat die Lösung der Probleme Afrikas ausgelagert."

Strukturell analog sind diese Argumente tatsächlich zur Sozialstaatsdebatte. Es ist zudem ein Plädoyer für wirklich freien Handel und das Auflösen all der Assymetrien, die weiterhin den Welthandel dominieren. Das Thema kann man vertiefen durch diesen Text hier:


"Es war Mitte der 90er Jahre, als die tiefgefrorenen Hühnerreste erstmals an die Küste schwappten. In riesigen Containern landeten sie im Hafen von Tema und eroberten die Märkte im ganzen Land. Erst waren es 8000 Tonnen, zehn Jahre später schon 90 000. Und es werden immer mehr. Die Armen in Ghana, und das sind viele, nahmen den Segen dankbar an.

Egal wie alt, wie oft aufgetaut und wieder eingefroren: Der Preis für das Billigfleisch schmeckt den Menschen. Lokale Farmer dagegen können ihre Hühner kaum noch verkaufen. Gegen die eiskalte Invasion sind sie machtlos. Unzählige Halter wie Tetteh haben längst aufgegeben. Ersatzteile ist noch der freundlichste Spitzname, den sie für die bleiche Konkurrenz gefunden haben. Manche sagen auch "mortuary meat", mortuary, wie Leiche - oder Begräbnis.

Rund zwei der 20 Millionen Ghanaer konnten früher von der heimischen Geflügelproduktion leben. Es war einmal. "Die Büchse der Pandora ist offen, wir können sie nicht schließen", sagt Kenneth Quartey, der Chef des einheimischen Geflügelverbandes. "Sie waren sehr erfolgreich in ihrem Bemühen, unseren Industriezweig zu töten." Wen er mit "sie" meint, ist unschwer zu erraten: Es sind die Hühnerhändler und ihre Helfer aus dem gelobten Europa."

Laut Statler soll das dann ja auch alles so bleiben - eine andere Welt will er ja nicht, er will ja diese. Im Gegensatz zu den Forderungen des kenianischen Ökonomen ist dies wohl die Realität des Welthandels. Hintergrund ist, daß in Europas hochsubventionierter Landwirtschaft sich die Hühnerbrust am besten verkauft, und somit die ganzen Reste des Geflügels dann auf afrikanische Märkte geschwemmt werden.

Das bestätigt zumindest die These der Liberalen, daß gerade das europäische System mit seiner Kombination aus Subventionen und Protektionismus Afrika schwächt, und auf der anderen Seite spielen sich dann gerade jene, die ein solches System stützen, auch noch in Hilfsorganisationen als die Retter der Menschheit auf - so ja in Kurzfassung die Positionen von Gegenüber. Da habe ich von links bisher auch wenig plausible Antworten gelesen.

Aber halt! Die afrikanischen Hühnerzüchter kommen zu einer ganz anderen Conclusio als zum freien Welthandel:

"Nun ist es nicht so, dass Ghana nicht versucht hätte, sich zu wehren. 2003 beschloss das Parlament, den Zoll für gefrorenes Geflügel auf 40 Prozent zu verdoppeln. Prompt kassierte die Regierung das Gesetz. Weltbank und Internationaler Währungsfonds, die offene Märkte schätzen, hatten mit der Kürzung von Hilfsgeld gedroht. Begründung: Durch steigende Huhnpreise würde Ghanas Armutsbekämpfung konterkariert. "Sie vergaßen zu erwähnen, dass die lokale Hühnchenindustrie vor allem arme Ghanaer ernährt", sagt Verbandschef Quartey bitter. Von Ghanas Regierung erwartet er nun nicht mehr viel.

Vermutlich ist es klüger so. "Ich weiß nicht, wie wir das Problem lösen sollen", sagt Anna Nyamekye, die stellvertretende Landwirtschaftsministerin. "Ihr bezahlt eure Bauern doch dafür, dass sie billig exportieren können." Versuche die Regierung, dem einen Riegel vorzuschieben, werde sie von außen gestoppt. "Natürlich ist das Erpressung!", ruft Nyamekye. "Wissen Sie, warum Venezuela sich wehren kann? Weil es Öl hat. So würden wir es gerne machen." Dann lacht sie, weil sie weiß, dass sich mit Ghanas Kakao wohl kein Handelskrieg gewinnen lässt. Hilfe aus Europa ist auch nicht zu erwarten: Die EU-Kommission ließ wissen, die Afrikaner sollten froh sein, dass sie so billig an proteinhaltiges Fleisch kommen."


Abgesehen vom Zynismus der EU-Komission: Da wird offen Protektionismus, aber eben hinsichtlich einer Abschottung der afrikanischen Binnenmärkte, gefordert.

Und es intervenieren genau jene Institutionen, die doch ansonsten für Fairness im Welthandel sorgen sollten oder so tun, als täten sie es. Und nur mal vorgestellt, die staatlichen und überstaatlichen Institutionen gäbe es nicht, es herrschte als wirklich wirklich die komplette Handelsfreiheit - wären dann die Hühnerzüchter wirklich vor diesen Billig-Importen geschützt? Würde sich nicht immer die ökonomische Stärke der ehemaligen Kolonisatoren auch dann noch tradieren, wenn in Europa Subventionen abgebaut würden?

Ein wahrscheinlich völlig falsches Beispiel kommt mir in den Sinn, schreibe es trotzdem, bin ja Blogger in Suchbewegung und nicht Leitartikler einer Wirtschaftszeitung: Nach Zusammenbruch der DDR habe ich mich immer gewundert, daß die Ossis so blöd waren, nun ganz auf West-Produkte zu setzen. Mir in meiner Naivität erschien es immer so, als wäre es durchaus möglich gewesen, trotz des Zusammenbruchs der Absatzmärkte weiter östlich sowas wie eine Binnenwirtschaftsstruktur zu stützen und wenigstens Teile zu retten, ich kaufe ja auch gezielt Gemüse aus den Vier- und Marschlanden hier bei Hamburg.

Bei der DDR handelte es sich freilich um ein ganz anderes Wirtschaftssystem als im Falle der ghananischen Hühnerzüchter, trotzdem: Sind diese beiden Texte nicht Beispiele dafür, daß eher das Ineinandergreifen regionaler und globaler, staatlicher, über-staatlicher und wirtschaftlicher Denkweisen Wege aufzeigt, in die unter aktuellen Bedingungen gedacht werden könnte, und gar nicht diese ewige Denken in Oppositionen - "freier Welthandel" versus "Staat", "national" versus "global"? Das Motto "Think globally, act locally" scheint mir aus der Debatte irgendwie abhanden gekommen zu sein.

Schade - weil eben die aktuelle, imperiale Struktur sowohl staatliches und über-staatliches Handeln als auch ökonomisches bestimmt? Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler fordert ja nicht umsonst staatliche Instrumentarien wie z.B.das Steuerrecht (in den Augen der Liberalen also Enteignung) als Antwort auf aktuelle Probleme. Und um auf die Beine zu kommen, statt sie sich immer neu wegreißen zu lassen, wollen die kenianischen Hühnerzüchter Schutzzölle, die ihnen jedoch im Namen des Freihandels weggerissen werden, um europäischen Firmen den Weg "freizuschießen".

Sund jetzt alles keine weltbewegenden Gedanken, gerade die obige These des Ineinandergreifens nicht - aber wenn ich ebenfalls in der FR lese, wie ein Bono Frau Merkel verbal tätschelt, habe ich irgendwie den Eindruck, der redet am Thema vorbei.

Vielleicht sind diese zwei spezifischeren Texte ja mal eine Möglichkeit, das Ganze weg vom großen, rhetorischen Bogen hin zu konkreten Fragen umzulenken und so eventuell genauer zu bestimmen, was dieser Gipfel überhaupt soll und wieso er kritisierbar ist. Und da ich annehme, daß Andere da schlauer sind als ich, bieten die beiden Texte ja vielleicht Anlaß, das Thema mal pragmatischer zu diskutieren ... weil ich schon gerne eine andere Welt hätte und auch glaube, daß sie möglich ist.

25.05.07

Das Sagbare und das Unsägliche

In der so großartig angekündigten, neuen/alten Magazin-Beilage von DIE ZEIT steht ganz weit vorne ein Artikel über Sonnenbrillen. Männer würden immer die Falschen kaufen und dann wie Modeopfer durch die Gegend latschen - schicke Marken zum Gegensteuern in Geschmacksfragen werden genannt.

Im Leitartikel schwafelt der Herr der Plattituden, Giovanni di Lorenzo, der sich, wenn ich mich nicht verhört habe, neulich bei 3 nach 9 erfrechte, Schwule als "unappetitliches Thema" einzustufen, über den auch bei den B.L.O.G.s und hier kontrovers diskutierten Artikel von Jürgen Habermas in der SZ.

Am entlarvendsten war drüben bei den B-L.O.G.s wie üblich Zettels Kommentar, der in dem ihm eigenen, eliminatorischen Gestus ihm verhaßte Milieus mundtot machen möchte oder zumindest regelmäßig erfreut darüber sich zeigt, wenn dieses gewissermaßen von selbst passiert, weil dann ja die vermeindliche linke Dominanz in den Medien der Republik endlich beendet würde (ich habe den Artikel Zettels eben nicht gefunden, in dem es um den Kampf um Meinungsdominanz und das Umkippen nach Jahrzehnten linker Dominanz aktuell ging - diesbezügliche Vorwürfe die Nicht-verlinkung sei ein Merkmal magelnder Qualität, sind berechtigt, ich liefer das aber nach) .


"Hm, stimmt denn überhaupt die Voraussetzung?

Wann hat Paul Sethe geschrieben, die Pressefreiheit sei die Freiheit von 400 (oder wieviele waren es?) Reichen, ihre Meinung zu verbreiten?

Mein Eindruck ist, daß es in Deutschland heute um die Pressefreiheit so gut bestellt ist wie noch nie.

Das liegt erstens, trivialerweise, an der Konkurrenz der Neuen Medien. Blogger brauchen kein Geld, um ihre Meinung zu verbreiten.

Zweitens liegt es daran, daß just wegen der härteren Konkurrenz Journalisten nach der Qualität ihrer Arbeit eingestellt und befördert werden, und nicht nach Parteibuch und Meinung.

Es gibt heute ja kaum noch eine Meinungspresse, von den Extremisten abgesehen. In der FAZ kann man das finden, was früher nur in der SZ stand, und vice versa.

Mir scheint, Habermas versucht ein Nicht-Problem zu lösen.

Er verfährt nach dem Schema des Kinderreims:

“Was ham wer doch für’n Glaser

in unserer ollen Stadt.

Der Glaser schmeißt die Scheiben ein,

und sagt: dan müssen neue rein.

Was ham wer doch für’n Glaser ..”


Auch wenn Zettel ja das, was Habermas mit seinem Konzept der Öffentlichkeit meinte, im Gegensatz zu anderen sehr gut verstanden hat, ist das nichtsdestotrotz hanebüchen -mal abgesehen vom Zitat von Paul Sethe.

Es stimmt, daß in den privatwirtschaftlichen Sektoren der Medien Parteibücher an Relevanz verloren haben, ganz im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo man als Grüner beim BR schon immer schechte Karten hatte. "Linke Meinungsdominanz" - die Hetze dort z.B. gegen die Friedessbewegung der frühen 80er war schon extrem.

Mit einem Linkspartei-Parteibuch wird man es in Großverlagen wahrscheinlich auch noch nicht mal allzu schwer haben, vermute ich - solange man trotzdem nicht schreibt, was diese vertritt.

Was dann das Problem ist: In den Medien ist das Politische privat geworden. Zumindest dann, wenn man unter Politik individuelle Perspektiven meint. Siehe den Fall Posener/Dieckmann. Beim fernsehen gilt dieses als Prinzip annähernd total - nur Weichgewaschenes kommt zumeist durch die Abnahme. Die Abwesenheit von Meinung ist eben auch die Abwesenheit explizit gemachter, normativer Kriterien.

Was typisch ist für Re-Mythisierung des Wirklichkeitsverständnisses in Teilen des liberalen und konservativen Lagers: Da regiert dann die berühmte normative Kraft des Faktischen, volkswirtschaftliche Dogmen eben, und alles, was sich diesen nicht fügt, ist entweder Spinner, Romantiker, Extremist oder am besten gleich kriminell.

Alte, deutsche Tugenden, der autoritäre Geist vor 68 ist genau dieser, und wenn man dann anstelle einer mythisch beschworenen, aber nicht näher qualifizierten "Freiheit" und eben jenen ökonomischen Dogmen einfach "Natur" schriebe, dann wäre das Ganze noch deutscher.

Vermeindlich "Faktisches" zu beschwören ist ja nicht nur erkenntnistheoretisch naiv, es klammert auch die Frage nach der Selektion von "Fakten" aus. Ebenso blödsinnig das Beschwören irgendeiner "Qualität", die dann selbst nicht näher qualifiziert wird. Was soll denn das heißen? Herr di Lorenzo beschwört diese ebenfalls und macht auch nicht klar, was er meint - außer, daß sich Anzeigenkunden dann eben auch wohler fühlten und Leser Vertrauen gewönnen. Diese albernen Formalismen sind Ideologie: Suggerieren sie doch einen vermeindlich waltenden objektiven Geist, der dann diktierte, was Qualität sei.

Zurück zu den Sonnenbrillen im Magazin von DIE ZEIT: Klar, im Umfeld einer solchen Story fühlen sich Anzeigenkunden wohl. Qualität? So konzipiert man auch beim Fernsehen ganze Sendungen - eben anhand potenzieller Zielgruppen für Werbung. Berichterstattung als Umfeld für Werbung ist das, was vermeindlichen "Meinungsjournalismus" ersetzt.

So sind einst die Erotik-Magazine aus dem Privatfernsehen verschwunden: Sie hatten gute Quoten, aber die die Werbeblöcke verkauften sich nicht gut, weil Titten und Ärsche offenkundig dem beworbenen Produkt nicht gut bekommen. "Titten und Ärsche" wäre mir übrigens bei annähernd jeder Zetung aus dem Text redigiert worden im Namen der Qualität, weil's nach Gosse riecht für den gemeinen Bildungsbürger und es dessen Dünkel ist, der eben auch über Sagbares und Unsägliches bestimmt. Und noch hat der ja Geld, der Bildungsbürger.

Im Gegensatz zum unapetitlichen Hartz IV-Empfänger, a priori unter Sozialbetrugsverdacht gestellt - ein zentrales Motiv aktueller Quasi-Journaille, die Verdächtigung. Spitzel-Schreiberlinge und -Filmer von Schäubles Gnaden, sozusagen. Die dann als Protagonisten im sogenannten "Unterschichtenfernsehen" sich Sozialamtsschnüffler wählen - würde man sie aus sich heraus verstehen wollen, diese Objekte der Berichterstattung da auf ihren Otto-Katalog-Sofas, könnten ja ebenfalls Werbekunden ausbleiben.

Weil das eben gegen aktuelle Selektionskriterien verstieße, wie man solche Leute zu behandeln hat. Bei Entscheidern in den Sendern löste sowas Unbehagen aus, das käme nicht durch, weil's eben nicht mehr bunt wäre. Da brauchte noch nicht mal ein Werbekunde anzurufen, das passiert schon ganz von selbst.

Klar, daß dann bestimmte Formen von Kritik ausbleiben, was Autoren wie Zettel ja super finden und als Qualitätsmerkmal verstehen. Weil angesichts dieser Orientierung an bestimmten Schichten, den Kaufkräftigen wie z.B. Zettel oder mir, einfach bestimmte Themen nicht behandelt, bestimmte Fragen nicht gestellt, bestimmte Kritikformen nicht formuliert werden.

Der einzige Grund, warum Schwule in Deutschland nicht mehr so offenkundig diskriminiert werden, ist wohl, daß sie als werberelevante Zielpgruppe gelten. Für Kanacken, Asylanten und Flüchtlinge gilt das nicht. Die sind allenfalls als "Schicksalsbericht" erlaubt. Oder als antagonistisches Prinzip zur je eigenen Kultur. Willkommen in Zettels und di Lorenzos schöner, neuer Welt der Qualität und Scheinprobleme!

Hoffen wir mal, daß er bei seiner Diagnose der Wirkung von Blogs recht hat ... obwohl's da freilich die gleiche Schicht ist, die sich artikulieren kann. Eben so Leute wie Zettel und ich.

19.05.07

Wie man Kritik bestätigt, indem man sie zurückweist

Herr Meller ist ja ein Schelm. Der findet, es besteht kein Unterschied zwischen Wladimir Putin, Herrn Stolte, Ex-ZDF-Intendant, und Konrad Adenauer (via B.L.O.G.). Und wirft ebenso unsinnig wie manch Empörungskönig in den Kommentarspalten liberaler Blogs mit dem Wort "totalitär" um sich, daß es nur so scheppert.

Nun wäre ein Adenauer-Putin-Vergleich schon außerordentlich spannend, wenn er denn über die Ebene der Suggestion hinausginge. Eben jener, die implizit in Herrn Mellers Text vorgenommen wird.

Interessant an dem, daß er text-strukturell genau das bestätigt, was Jürgen Habermas hier befürchtet:

"Hörer und Zuschauer sind nicht nur Konsumenten, also Marktteilnehmer, sondern zugleich Bürger mit einem Recht auf kulturelle Teilhabe, Beobachtung des politischen Geschehens und Beteiligung an der Meinungsbildung. Aufgrund dieses Rechtsanspruches dürfen die Programme, die eine entsprechende "Grundversorgung" der Bevölkerung sicherstellen, nicht von ihrer Werbewirksamkeit und der Unterstützung durch Sponsoren abhängig gemacht werden."
Er vertritt dieses in Auseinandersetzung mit einem (annähernd) rein privatwirtschaftlich organisierten Fernsehen in den USA, das, wie überall, wo es diese gäbe, enorme "Flurschäden" hinterlassen habe.

Schwäche seines Textes ist vor allem, daß er eine Situation wie jene aktuelle, daß nationale Medien-Institutionen wie die SZ in die Hände von "Heuschrecken" fallen könnten, insofern als neu beschreibt, daß nunmehr auf einmal und ganz plötzlich die Ökonomie dort regierte. "Heuschrecke" als Begriff hat sich ja eingebürgert, ich verwende den mal ausnahmsweise deskriptiv.

Eigentlich müßte Habermas - einer der für mich wohl wichtigsten Denker - ja diskutieren, wieso privatwirtschaftliche Einheiten wie die SZ oder die FAZ oder der SPIEGEL teils heute noch, teils in ihren "herorischen" Phasen sich, trotzdem es sich um privatwirtschaftliche Einheiten handelt, eben doch einem allgegenwärtigen Popularitätsdruck sich entziehenn konnten und demokratische Wirkung entfalteten. Der SPIEGEL konnte dies allerdings tatsächlich nicht mehr, seitdem das Privatfernsehen Wirkung zeigte, andere schon.

Das macht er nicht, stattdessen fordert er in ganz klassischer Manier ein Ergänzungsverhältnis von Staat und Privatwirtschaft. Eine Variante eben jenes Gedankens, den auch Ordoliberale wie Ludwig Erhardt faßten, als sie sich sowas wie eine "Soziale Marktwirtschaft" ausdachten. Habermas dazu:

"Die hessische Landesregierung hat seinerzeit der Frankfurter Rundschau mit einem Kredit unter die Arme gegriffen - ohne Erfolg. Einmalige Subventionen sind nur ein Mittel. Andere Wege sind Stiftungsmodelle mit öffentlicher Beteiligung oder Steuervergünstigungen für Familieneigentum in dieser Branche. Keines dieser Experimente, die es andernorts schon gibt, ist ohne Folgeprobleme. Aber zunächst ist der Gedanke der Subventionierung von Zeitungen und Zeitschriften selber gewöhnungsbedürftig.

Aus historischer Sicht hat die Vorstellung, dem Markt der Presseerzeugnisse Zügel anzulegen, etwas Kontraintuitives. Der Markt hat einst die Bühne gebildet, auf der sich subversive Gedanken von staatlicher Unterdrückung emanzipieren konnten.

Aber der Markt kann diese Funktion nur solange erfüllen, wie die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht in die Poren der kulturellen und politischen Inhalte eindringen, die über den Markt verbreitet werden."

Hier erwähnt Habermas nebenbei, was ja eigentlich diskussionsbedürftig wäre. Wie geht denn das, daß historisch der Markt die Bühne gebildet hat für jene Emanzipation von staatlicher Bevormundung, daß jetzt hingegen die Ökonomisierung politischer und kultureller Inhalte die Funktionsweise der Öffentlichkeit sabottiert?

Herrn Meller interessiert das bedauerlicherweise einen Scheißdreck. Der putinisiert da vor sich hin in Zuspitzungen, und genau darin hat Habermas dann eben recht: Die popularisierten Formen sind ja das Problem, das Öffentlichkeit sabottiert.

So müßte man ganz wie Adorno, auf den Habermas sich beruft, eben jene Mechanismen untersuchen, die genau dazu führen, zu Texten wie jenem von Herrn Meller.

Ich glaube, daß das nicht nur ökonomische sind, kann das aber auch nur andeuten. Immerhin waren verschwurbelte Stil-Verdreher wie die SPIEGEL-Autoren jahrzehntelang ökonomisch außerordentlich erfolgreich; der "Lieschen Müller"-Stern war es an dem Punkt nicht mehr, wo er Glaubwürdigkeit einbüßte aufgrund der Hitlertagebücher.

Noch eine Schritt zurück - deshalb das Intro mit Adenauer: Dieser wollte bekanntlich das ZDF als Regierungssender gegen die ihm zu freche ARD etablieren und ist damit nicht durchgekommen. Das war nun tatsächlich ein Putinscher Plan. Wie kann's denn sein, daß die ARD, trotzdem sie Staatsrundfunk war in ihrer so hinreißend ineffizienten Struktur, so frech wurde? Und wie kam's, daß Adenauer sich nicht durchsetzen konnte und das ZDF zwar bis heute einen katholisch-konservativen Einschlag hat, Regierungssender aber auch nicht wurde?

Noch eins drauf: Die SPIEGEL-Affäre. Das Vorgehen des Herrn Strauß war nun wirklich ein totalitäres Agieren, er ist damit aber nicht durchgekommen. Hier nun zeigte sich genau die Oppposition "des Marktes" gegen bevormundende Staats-Agenten. Oder doch nicht nur?

Der Einfluß von Parteien auf das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ist ja unbestritten. Es führt aber im wesentlichen zum Interessen-Ausgleich - wenn Du zwei CDUler im Interview hast, müssen eben auch zwei SPDler und je ein Grüner, FDPler und neuerdings, zähneknirschend, auch einer von der Linkspartei her. Bei Gysi knirscht allerdings keiner mit den Zähnen, der hat eben Unterhaltungswert, das ist gut für die Quote. Eine Frau Engelen-Käfer hätte keine Chance in Unterhaltungssendungen, Gewerkschaften gelten auch als nicht mehr einzubeziehen. Kein relevanter Machtfaktor mehr. Und die GRÜNEN werden sich bei Programmdirektoren schon melden, wenn sie glauben, daß man sie vergessen hätte - da spreche ich aus Erfahrung.

"Totalitär" wird das Ganze doch nur, wenn die O-Ton Geber auf einmal alle das gleiche sagen würden, liebe Volkswirtschaftler. Wenn also alle fänden, ihr hättet recht. Alle. was übirgens tatsächlich zu einem potenziell totalitären Kern der Habermasschen Theorie überleiten würde, wo eben ein Sich-Einigen auf Wahrheits- und wahrheits-analoge Fragen im Zentrum steht. Durch die Psäsupppositionen argumentatver Rede könnte dieser sich allerdings nie entfalten.

Bei CDU und SPD z.B. kann man ja tatsächlich nur noch Binnennuancen ausmachen, und das macht mir auch viel mehr Angst als staatlich subventionierte Zeitungen.

Das hat Habermas selbst implizit mit seiner Unterscheidung zwischen "System" und "Lebenswelt", letzteres ergänzt durch ein normatves Konzept der Öffentlichkeit, bestens vorbereitet, das zu denken.

Wie "Lebenswelt" und "Öffentlichkeit" zueinander in Bezihung stehen, das kann man ja im verlinkten Essays nachlesen. Weiter habermasisierend kann man behaupten: Gesellschaftliche Handlungssysteme neigen dazu, sich zu schließen und dann z.B. im Falle der Politik Wähler nur noch als zu beherrschende Umwelt zu betrachten, im Falle der Wirtschaft sind diese Umwelt Kunden und Konkurrenten, ggf,. auch die Mitarbeiter selbst, die zu beherrschen wären.Das ist die These von der "Kolonisierung der Lebenswelt" durch Wirtschaft und Bürokratie.

Meiner Ansicht nach ist insofern aktuell das Problem, daß

1.) die "politische Klasse" sich als "Expertensystem" versteht, das dann den dummen Wählern z.B. Hundegesetze verordnet, weil sie's eben besser weiß. Herr von Beust agitiert aus dieser Perspektive ja sogar gegen Volksentscheide. Das ist eine Abkopplung von dem, was die Grünen in den frühen 80ern durch das "imperative Mandat" zu lösen suchten. Würde man jetzt staatlich gestützte Zeitungen haben, dann würde diese Struktur sich eben reporduzieren. Aktuell haben wir in Hamburg jedoch den gegenteiligen Fall: Die BILD gibt vor, was der Senat enstcheidet - so stellt sich das mir zumindest dar. Demokratisch ist das auch nicht.

2.) natürlich bei Investoren, die irgendwo in London sitzen, ein Interesse an der Struktur demokratischer Öffentlichkeiten gar nicht mehr bestehen kann. Wieso denn? Die gucken halt auf Zahlen. Würden sich kommunistische Postillen bestens verkaufen, dann würde wahrscheinlch sogar dort investiert. Konträres spielt sich jedoch in Redakteursköpfen ab: Wer kritisiert schon die Wirtschaft, von der er selbst lebt? Und vor allem die großen Anzeigenkunden? Mir ist aber auch ein Rätsel, wie dergleichen aufzulösen wäre: Angenommen, man gründet Kunstvereine und will sich Ausstellungen von Kulturbehördern fördern lassen, an deren Spitze Senatorinnen sitzen, deren Politik man verachtet: Was denn dann?

3.) Der Herr Meller übersetzt Habermas Text in dramatiserte, antagonistische Prinzipien und ignoriert dabei Binnedifferenzen. Weil Habermas eben von staatlichem Flankieren ausgeht, z.B. in Form von Stiftungen, und nicht Wirtschaft durch Staat ersetzen will. Das dann antagonistisch zu strukturieren macht sich immer gut und liest sich spannender, so schreibt man ja auch Drehbücher. Was ich hier schreibe, wäre dem Schlußredakteur auch viel zu kompliziert - "Mach das mal knackiger. Komm, erklär mal den Habermas für böse"
!" Dabei kommen dann Sätze wie der folgende raus:

"Ich hoffe inständig, dass das gnostische Schema von Gut und Böse, dass Sie leichtfertig auf Liberalismus und Neoliberalismus anwenden, nicht zur Ideologie wird, die sich irgendwann auf Sie beruft."

Wehret den Anfängen! Nietzsche! Wagner! Hitler!

Das ist Lichterketten-Rhetorik und zudem unsinnig. Das hat dem wahrscheinlich ein Investor diktiert ;-) ....

Das verweist aber noch auf ein ganz anderes Problem: Will man all diese popularisierenden Zuspitzungen vermeiden, dann hört einem keiner mehr zu, gucken wenige, und kaufen tut's schon gar keiner mehr.

Da dann als Antwort selbst ein journalistisches-Elitesystem als Kompensation aufzubauen, das ist ja selbst nicht so einfach zu begründen. Weil eben anders als in der Wissenschaft Medien über Auflage, Reichweite, Zielgruppenspezifik oder Quote als Markt-Analogie funktioneiren, auch im Rahmen des Öffentlich-Rechtlichen selbst.

Aber wie man aus der Nummer raus kommt, das überlasse ich mal der Dikskussion - es ist auf jeden Fall das zentrale Problem der Theorie von Habermas selbst, wo doch der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" historische Siege erzielen können soll ...


17.05.07

Irre ich?

Das und das müßte man einfach mal systematisch vergleichen - dazu fehlt mir aktuell die Kondition.

Abgesehen von der diagnostizierten Internalisierung der Herrschaft und den daraus folgenden "umgekehrten Vorzeichen" ist das doch deskriptiv ziemlich nah beieinander? Nur, daß die einen schlimm finden, was der Statler gut findet? Affirmativ versus kritisch, sozusagen? Und kritisieren tun sie dann auch noch ganz Ähnliches, nur wiederum mit konträren Bewertungen als Grundlage der Kritik und somit komplett entgegengesetzten Folgerungen? Oder bin ich ich einfach noch nicht ganz wach und lese mich mal wieder um Kopf und Kragen?

Wenigstens muß ich mich jetzt nicht mehr dafür schämen, in dieser Diskussion hier dem "aergernis" keine Gründe geliefert zu haben, nach Heiligendamm zu fahren.Uff! Schade nur, daß zwei ewig lange Kommentare von mir dort im SPAM-Filter gelandet sind ... und meine mail, die darauf hinwies, dann wahrscheinlich auch.

14.05.07

Verfrachtet sie in Callcenter!

Na gut, R.A. ist ja auch ein leichtes Opfer. Trotzdem. Da kommentiert der Rayson außerordentlich verständnisvoll den Brief eines Telekomm-Mitarbeiters, in denen all die Erfahrungen stecken, die ich auch seit Jahren mache. Und dann kommt die Meute, wittert Gewerkschaft, und plädiert für "fit statt fett":

"Das fängt schon an mit dem Selbstbild der Mitarbeiter. Natürlich gab/gibt es dort engagierte, fleißige und kompetente Leute. Aber deutlich weniger als bei anderen Firmen. Es waren nämlich NICHT die ehrgeizigen Leute, die etwas bewegen wollten, die zur Post gingen. Sondern eher die, die einen ruhigen Beamtenladen schätzten, in dem man sich nicht überarbeitete und in dem sich möglichst wenig änderte. Wenn der Typ schreibt: “die wir immer und immer wieder unser Privatleben den Interessen der Telekom und der Kunden untergeordnet haben” dann muß er in einem anderen Paralleluniversum gearbeitet haben. In der realen Telekom wurde doch schon der Betriebsrat alarmiert, wenn die Frühstückspause wg. Kunden um 10 Minuten verschoben werden mußte."
Als Belegschaften noch Rechte hatten ... diese Klischeesauce ist mindestens genau so beknackt, wie ein General-Haß gegen jede Form des Managements. Rayson plädiert für wechselseitige Perspektivenübernahme, und die Antwort ist: Ach, die müßten nur mal ordentlich die Peitsche spüren, charakterloses Volk, und ich sag denen jetzt mal, wie sie sich sehen sollten! Faules Pack!

Fällt da eigentlich keinem der liberalen Freunde auf, daß das genau die gleiche Créme Fine-Sauce ist wie die allseits zu Recht gegeißelte "Ernährungsoffensive" der Ministranten da in Berlin? Wenn ich diese hysterisierten, überkandidelt freundlichen, penetrant frischen Callcenter-Stimmen höre, die einem alle 2 Tage irgendwelche neuen Telefontarife aufzwängen wollen, dann sehne ich mich so richtig nach der guten, alten Telekomm-Grummeligkeit. Wo man seinen Telefonanschluß übrigens sehr schnell bekam, wenn man Bereitschaftsdienst in der Behinderarbeit hatte ;-) ...

Das ist ja ein uralter Hut, daß Metaphoriken aus der Gutfried-Lätta-Welt "Unternehmensreforrmen" prägen, die Verschlankung und die Gesundheit verweisen auf mythische Kerne der Rhetorik der Super-Persona, die so ein "Organismus" wie ein Unternehmen sei. Die übrigens auch dem Nationalismus und seinem Volkskörper inhärent ist.

Also ein Hinaufprojizieren individueller Selbstverhältnisse und Handlungsformen auf ein - im besten Falle - Kooperationsgeschehen ganz vieler. Da kommt dann die gleiche "Erziehungsberechtigung" bei raus, die am paternalistischen Staate so lautstark attackiert wird.

Daß Menschen wollen, daß sie auch noch Privatleben haben und ihr Leben eben selbst gestalten, statt es von Managements gestalten zu lassen; daß vereinbarte Regeln eingehalten werden und der schwächere Part sich Interessenvertretungen sucht, ist dann Zeichen mangelnden Ehrgeizes. Und wenn schon!

Ich kenne das selbst, Dienstleister, wo unsere Hardcore-Unternehmenskultur der permanenenten Unterordnung des Eigenen unter "Flexibilität" und Handlungs-Fitness schlicht aufläuft, oft tatsächlich ältere Firmen, die schon länger am Markt sind.

Und da ereifert man sich dann gerne als New Economy-Deformierter, weil man die freiwillige Selbstausbeutung gewöhnt ist, die dazu führt, daß Andere einen nach 15 Jahren nicht mehr wiedererkennen (gut, Everybodys Darling war ich nie, trotzdem). Steht da wie Rumpelstilzchen und ist im Grunde genommen einfach nur neidisch, daß Andere sich die Räume schaffen, in denen Lebensqualität dann möglich ist - und man selbst schlicht zu blöd dafür ist.

Aber dafür gibt's ja nun das Selbstbild von Managements, dem Pöbel die Flausen ordentlich auszutreiben. Wie damals der ostelbische Junker.

Wann gründen sie den neuen Ostmarkenverein? Ach, braucht man ja gar nicht mehr. Heutzutage geht das ja anders.

08.05.07

Ich bin verdammt zu warten im Investorengarten ...

Ich wurde verkauft! Als Teil einer Produktpalette! Andere Leute kaufen sich Wohnungseinrichtungen, meine neuen Herrscher dann eben mich als hübsche Farbe am äußersten Rande des Angebots.

Nicht, daß ich irgendwas davon hätte, die Kohle - immerhin zweistelliger Millionenbetrag - wird an andere Leute überwiesen. Wobei ich zweien davon das von ganzem Herzen gönne, anderen kein Stück. Weil die sich vor allem dadurch auszeichneten, allerlei Kontrollinstanzen zu stützen, die mich ganztägig an der Arbeit hindern. Und dafür bekommen die dann Jahre später Millionen überwiesen. Und die Kontrollinstanzen verdienen das doppelt bis sechsfache von mir. Irgendwas mache ich falsch.

Habe ich jetzt eigentlich noch normale Bürgerrrechte, so als nach Britannien Verkaufter? Die sollen ja sowieso ersetzt werden, die Bürgerrechte - durch Besitzrechte. Weil dann alle reich werden und es allen besser geht.

Das mit dem reich werden habe ich jetzt ja gerade durchleben dürfen .... ich schufte mich tot, werde alt und fett, und derweil freut sich irgendwer an der Themse über die hübschen Acessoires, die ich gestalte, im Vorgarten seines Imperiums ... nix gegen Briten, was wäre ich ohne deren Popkultur, ein Häufchen Fred Bertelmann oder so, 'nen lachender Vagabund allenfalls ... dannn doch lieber englische Rosen, L.D. Braithwaite kann ich z.B. jedem empfehlen, und meine Produkte inmitten derer als irgendwas Kleines, Getöpfertes, Handgemachtes, 'nen Frosch oder 'ne Deko-Kugel in preußischblau, umgeben von all den industriell gezogenen Petunien und Hibiski (ist Hibiski das Plural von Hibiskus?) - entzückend!

01.05.07

Zur Psychologie des Budgetverwaltens

Seltsamerweise heißt auf der Saturn "Groove Edition" ein Act "Stargard". Da ist meine Mutter geboren, in Pommern.

Manches fällt einem ja erst auf, wenn man als Hund mal nicht arbeitet und sich treten läßt, sondern einfach faul auf dem Balkon liegt und frisch gepflanzte Petunien anglotzt. Latent debil.

Nach lauter schlaflosen Nächten, weil man sich über die Finanzverwalter aufregt, die ihre Tendenz, destruktiv zu agieren und, je destruktiver sie agieren, desto erfolgreicher sich zu fühlen, immer skrupelloser ausleben.

Grauenhaftes Volk. Bei uns tobt alltäglich ein Kampf zwischen Produkt und Produktgewinnlerei. Letzteres ist sowas ähnliches wie Kriegsgewinnlerei; wäre Waffengebrauch bei uns nicht verboten, würden schön längst Leichen die Controller-Flure säumen - für Gewinn ist halt jedes Mittel recht, Hauptsache, es ist billig.

Deren Sadismus, jener der Budgetierungsfraktion, ist ja in sich schon reine Lust an der Herrschaft, wer macht denn bitte auch sonst so einen Job, dann sollen sie sich aber bitte auch richtige Masos suchen. Da dann aber all diese Paradoxien auftreten, daß eigentlich der Maso die Macht hat, weil er die Grenzen setzt, leben sie lieber gleich richtige Faschisten-Mentalität und quälen jene, die wenigstens richtig drunter leiden. Das meinten ja Horkdorno mit der instrumentellen Vernunft, die beim Hartz IV-Sachverwalter in ähnlicher Form sich Bahnen bricht wie bei der Stasi oder eben den Budgetbeauftragten der je eigenen Firma: Das Gegenüber zur Sache machen, über die man dann verfügt.

Geradezu typisch, gleich und gleich gesellt sich gern, haben die in meiner Firma sich jetzt mit den Budgetverwaltern des Kunden verbunden mit dem einzigen Ziel, diese aufgeblasenen Kreativen so richtig zu quälen. Das ist die selbe Nummer wie jene, daß man beim Progrom - Pogrom? - dann eben zuerst jenen vor's Maul gibt, die immer schon irgendwie aufgefallen sind und es wagten, ihren Kopf etwas höher zu strecken.

Budgetverwalter sind eben jene Mitte, die immer schon den Brillenträger heimlich auf dem Schulclo verprügelten und dem Langhaarigen die Haare abschneiden wollten im Schullandheim. Jene, die den schnorrenden Punks an der Sternschanze immer schon zuriefen: "Geh doch mal arbeiten!", aus tiefer Volksseele dringt das dann heraus.

So verhalten sie sich auch eben jenen gegenüber, die die Produkte erstellen, während sie Gewinne abschöpfen bei gleichzeitiger Verweigerung von Gehaltserhöhungen, weil sie das Geld lieber an sich selbst und an andere Leute, Aktionäre z.B., überweisen.

Ist schön verblüffend, wie gut das klappt, daß die identischen Systemlogiken auf Dienstleister-Ebene und an Kundenschreibtischen sich fusionieren, um jene, die die Produkte bauen, dann ununterbrochen mit ihren lächerlichen Formalismen zu nerven und überall da Kohle zu streichen, wo man sie eben bräuchte, um ein gutes Produkt zu schaffen.

3-4 Tage die Woche diskutiert man dann über Budgets, um Freitags und am Wochenende zwischendurch mal dazu zu kommen, auch mal was zu machen. Sie erfinden gemeinschaftlich Formulare - es ist Quatsch, daß freie Wirtschaft Bürokratie verhindere, je größer der Overhead, desto gewaltiger die Formularflut, und dann wird noch telefonisch höhnisch durchgegeben, daß es ja wohl selbstverständlich sei, daß außerhallb der eigentlichen Arbeitszeit diese ausgefüllt würden - und derweil erfinden sie Personalstrukturen, die unsinnig sind, dann aber gelten, weil sie sich ja so gut verstehen und das irgendwie budgeter gerade richtig finden, prozessunabhängig.

Man spürt deren Haifischgrinsen in jeder mail, dieses ach so gute Feeling, es den Schwätzern endlich so richtig zu zeigen. Ist ein symbolisches Äquivalent zum Zähneausschlagen.

Und die "Kreativen" auf Kunden- wie auf Produzentenseite leiden tatsächlich. Kurioserweise ist uns ja das Produkt wichtig, und das noch bei den seltsamsten dieser Art. Durch von Budgetverwaltern gewünschte, maschinell-industrielle Arbeitsweise wird freilich jegliche Inspiration getilgt und das Produkt schlecht. Abgesehen davon, daß bei einer solchen Rangehensweise an Produkte irgendwann die Aufträge ausbleiben, weil diese eben nicht die Budgetverwalter vergeben - Wirtschaftlichkeit wird so zum Selbstzweck und ist zu nix mehr da, als eben dazu, Andere zu beherrschen.

Eine These, die gerne als Plattitüde gekennzeichnet wird, ist jedoch nix anderes als These Max Webers, daß totalisierte Zweckrationalität letztlich irrational wird. Horkdorno wußten schon, warum sie die Kritik der instrumentellen Vernunft in den Mittelpunkt ihrer Herrschafts-Analysen stellten ... und das schlimmste ist, daß diese Budgetverwalter dann irgendwann alle gleich, austauschbar werden. "Leute, die ganz harmlos scheinen, werden über nacht zum Schwein" haben Die Skeptiker ihre Wende-Erfahrung in Worte überführt - noch die größten Sympathen mutieren zur Austauschbarkeit des Verhaltens, wenn die Verwaltungslogik praktischer Ökonomie sie erst kompromitiert und dann schluckt und letztlich nivelliert wieder ausspuckt. Das liegt an der Verhaltenslogik selbst in der verwalteten Welt ....

26.03.07

Ein Lob dem Kompromiß!

Impressionen schweben sommerblau da am Himmel Deines Lebens doch Du weißt genau dieses wolkenlose Traumbild Deiner Sympathie ... na, undsoweiter, Alexandra ... seltsam, daß man sich geräderter fühlt nach einem Abend im Vereinsparlament als nach ganz normalen Arbeitstagen ....

Bin ja Sitzungen und Gremien gewöhnt, aber so eine außerordentliche Mitgliederversammlung des FC St. Pauli, das ist schon, wie von einer Dampfwalze überrollt zu werden, dauert nur länger. Und hinterläßt Geschmäcker aller Couleur (so ein blödes Bild muß mir erst mal jemand nachmachen!). Gibt wohl doch die Entsprechung zwischen Mikro- und Makrokosmos.

Immerhin: Ein Lob der Demokratie. Ja, trotz allem. Gilt doch manchen auch als Vorbild menschlichen Handelns, mit Befehlsgewalt ausgestattet Menschen durch die Gegend zu scheuchen und sich selbst dann die Kohle zu überweisen, Unternehrmertum halt (ja, war nur die halbe Wahrheit, die andere Hälfte kommt ja noch) - das gestern war trotz allem Gejohle und Standing Ovations und Buh-Rufen dann doch besser als 'ne Diktatur des Kapitals oder so.

Es gab Realos und Fundis, ganz viele Staatsanwälte und Inquisitoren, Laiendarsteller und professionelle Darsteller, denen dann allein aufgrund dieser Tatsache alles Authentische abgesprochen wurde.

Was wirklich der Hammer ist, wie Teile einer Mitgliederversammlung die BILD-Headline samt Fummeltrinenfoto "St. Pauli braucht keinen Tuntenpräsidenten" bruchlos fortschreibt. Daß Corny Littmann - na, Schauspieler würde ich das noch nicht mal nennen, eher Komiker oder sowas, ist, ist ja Leitfaden all der großen Erzählungen rund um den Verein geworden. Kein Print- oder TV-Beitrag, der nicht mit "Vorhang auf" oder "Bühne frei" begänne, keine Kritik der Littmann-Gegner, die nicht auf "Show" verwiese.

Wie hier mal eben nebenbei ein ganzer Berufsstand in den Dreck getreten wird, das merken die noch nicht mal. Und an der "Tunte" ist ja auch das "unechte" das, was den Mehrheitsgesellschaftler dann zugleich in's Pulverfaß (eine Travestie-Show, für Nicht-Hamburger) treibt und besoffen Lust auf's Verprügeln macht - daß sich dann auch noch empört wird, daß Littmann nebenbei darauf hinweist, seine neu gewonnenen Investoren würden nicht Teil "homosexueller Netzwerke" sein, setzt dem ganzen erst recht die Narrenkappe auf: Ist ja ein eigentümllicher Standardvorwurf, gerade in Hamburg, das "schwule Netzwerk". Wie kann der nur auf seine Homosexualität verweisen! Wird sich heute noch im St. Pauli-Forum drüber aufgeregt - alter Topos der Meherheitsgesellschaftler: Da bildet der sich auch noch was drauf ein! Der ist doch'n Mensch wie Du und ich! Na, schön wär's, wenn das immer so liefe ...

Was nur wieder gnadenlose Naivität offenbart: Von heterosexuellen Netzwerken spricht eben kein Schwein, weil diese als solche gar nicht wahrgenommen würden. Das ist wie mit dem "Homosexuellenmilieur".

Wir hatten selbst mal den Fall in unserer Firma, daß ein schwuler Herstellungsleiter auf einmal verdächtigt wurde, nur noch Schwule einzustellen und in finsteren, homosexuellen Managernetzwerken zu agieren. Da bekommt der normale Mehrheitsgesellschaftler ja Angst, auf einmal nicht mehr Mehrheit zu sein - die heterosexuellen Manager-Netzwerke, die sich im Borchard und anderswo besaufen (und nicht nur das), sind halt normal, ebenso Personalleitungen, die vor allem Heterosexuelle einstellen.

Okay, ein Randaspekt, Thema war eigentlich eines, das zentrales Thema dieses Blogs zeitweise war: Unternehmertum versus Demokratie.

Wir hatten ein, wenn alle Darstellungen richtig sind, außerordentlich erfolgreiches Präsidium. Wir sind im Plus, haben keine unsinnigen Schulden, sogar ein neues Stadion wird peu a peu gebaut.

Und wir hatten einen Aufsichtsrat, der auf die Vereinssatzung pochte und sich verarscht und übergangen fühlte. Das Präsidium agierte, wie man das so macht im Geschäftsleben - Entscheidungen treffen, Verträge schließen, Sub-Organisationen gründen usw..

Der Aufsichtsrat als Kontrollgremium der Mitglieder wollte seine Aufgabe wahrnehmen, und mal abgesehen davon, daß ich mich von den konkreten Personen auch nicht kontrollieren lassen wollen würde, machte er eben das, was Vereinsleben definiert und attestierte dem Präsidium permanente Satzungsverstöße. Einige räumte das Präsidium ein und sah sie als im normalen Wirtshaftsleben unvermeidbar an.

Mit anderen Worten: Zwei Systemlogiken trafen aufeinander - "Legitimation durch Verfahren", die in Gremien, vereinsinternen Institutionen, verkörpert sind: Ehrenrat, Kassenprüfer, Aufsichtsrat, Amateurvorstand usw.. Und unternehmerisches Handeln auf der anderen Seite: Flexibel sein, auch mal ein Risiko fahren, ein umfassendes Sich-Auskennen im Umgang mit Behörden, Auflagen und ganz realen Prozessen, die nun mal sich vollziehen, wenn man z.B. ein Stadion baut: Verzögerungen, Langfristigkeit von Verträgen und Ähnliches. Gestalten wollen und nicht sabbeln, die Nummer halt.

Das führte auf der Gegenseite zum steten Verdacht - der übrigens durch nix belegt wurde und im Grunde genommen eine Frechheit ist - die "Unternehmerseite" könnte sich perspektivisch auf Kosten des Vereins persönlich bereichern wollen und zudem vereinsinterne Demokratie abschaffen wollen. Die andere Seite wiederum empfand, so schien es mir, tatsächlich diesen ganzen Gremienkladderadatsch als irgendwie lästige Umwelt des eigenen Projektgeschäftes und amüsierte sich wahrscheinlich, vermute ich nur, im kleinen Kreise über die wirtschaftliche Naivität der Aufsichtsräte. Und, wie's mir schien, wohl völlig zu recht ... kann mich irren.

Wie oben, so unten: Irre ich, daß da im Kleinen die großen Themen, die gesellschaftlich so diskutiert werden, aufscheinen?

Interessant ist, daß das Eigentumskriterium sich anderes definiert als im Falle einer Firma - der Verein "gehört" eben den Mitgliedern, und genau deshalb habe ich Demokratie jetzt wieder lieb: Immerhin hat das Präsidium auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung gedrängt, um das eigene Handeln legitimieren zu lassen, mehr Demokratie wagen geht nicht. Was dann natürlich als "Show" diskreditiert wurde, im anderen Leben nennt man das "Populismus". Während zudem das Kontrollgremium zunehmend in eine hohepriesterliche Quasi-Theologie der Vereinssatzung verfiel, und sich als Organ des Vereins als solchem verstand, eben als Hüter der heiligen Schrift, und wenn die Mitglieder das nicht auch so sehen, sind die ungläubig.

Das ist demokratietheoretisch nun wirklich nicht irrelevant, daß das möglich ist: Daß also das Verfahren selbst über allem anderen stehen solle. Bevor jetzt aber die Falschen applaudieren: Jene demokratischen Verfahren, die idealerweise Grundlage staatlichen Handelns sein sollten, beruhen auf den Grundrechten. Sie legitimieren sich also nicht gewissermaßen selbst, sondern verweisen ihrerseits auf eine Begründung durch Menschenwürde, freie Entfaltung der Persönlichkeit etc.

Ich glaube nicht, daß es im Falle eines Vereins sich ähnlich verhält. Das spielt vielmehr ein eigentumsanaloges Kriterium eine Rolle: Die Mitgliedschaft. Das ist, nun wieder auf die Makro-Ebene übertragen, dann sowas wie Staatsbürgerschaft, und das macht ja tiefsinnig, mich zumindest, dieser Gedanke ...

So standen sich also Effizienz und Satzungstheologie recht unversöhnlich gegenüber, und raus kam, was eben das eigentlich tolle ist an Demokratie: Der Kompromiß. Der ist ja allseits verhaßt, aber ein solcher "Handel" ist doch eigentlich das beste Mittel gegen jeden Extremismus - sei's nun einer des Unternehmertums oder einer der Selbstzweckhaftigkeit von Verfahren ... ich mag praktischen Pragmatismus.

24.03.07

Crossblogging: Kunst und Softporno

Na, dann schreibe ich das doch einfach mal weiter:

"Den gab an diesem langen Tag der Hamburger Künstler Jonathan Meese. Der selbst ernannte Prophet einer metaphysischen Kunst-Revolution, die in fünf Jahren in Deutschland stattfinden werde, ist in seiner parolenstarken Sprache eine lustig sprudelnde Quelle für Schlagzeilen und Werbe-Slogans."
Ja, wen gab er denn nun? Kann ja jeder selbst nachlesen. Da steht viel Gutes (es sei denn, man tut es, ich weiß).

In aktuellen Zeitungen würde man sowas überlesen, so ganz auf*'s Ereignis fixiert, mit dem man dann anfängt. Und weil dieses Gerede von Demokratisierung durch Web 2.0 doch eh nur die hommes infâmes oder wie die heißen nach oben spült, Stasi-Arschgeiger ("Arsch mit Ohren" war kurioserweise in meiner Kindheit ein beliebtes Schimpfwort, ebenso "3 mal um den Kirchturm gewickelte Wüstensau", weiß auch nicht, warum) und Nachplapperer und so, kann man ja hier lesen, ständig Zitate, die man in jedem Soziologie-Seminar besser hören könnte. So hätte man die diesbezüglichen Passagen zitiert und die viel besseren Pointen vor lauter Selbstbezüglichkeit glatt ignoriert. Hätte sich an diesem marketingorientierten Demokratie-Begriff gerieben und dann irgendwas zitiert von Leuten, die jede neue Platte von Maximo Park und Bloc Party sofort kaufen.

Nee, das war jetzt gemein. Die von Bloc Party habe ich mir ja auch gekauft. Die Plattenfirmen sind ja zu geizig mittlerweile, einen mit sowas zu bemustern, wenn's bereits so dermaßen etabliert ist, daß volkswirtschaftliche Seminare zu solchen Soundtracks ausgearbeitet werden. Adieu Dissidenz. Diedrichsen, ich habe Dich trotzdem lieb. Trotz dieser Geschichte mit den 39 Clocks damals in DIE WOCHE, als es die noch gab. Der Haenjes hat immerhin sogar mal meine Texte layoutet - aber das führt jetzt zu weit, und da war ich noch blutjung.

Die erste CD von Bloc Party wurde mir noch auf allen Kommunikationskanälen eingeprügelt von entfesselten Promoterinnen, die immer wieder betonten, daß der Sänger doch ein Schwarzer sei. Und das beim "Britpop"! Na sowas!

Insofern läßt sich folgende Frage von Barthes/Bataille eigentlich ganz einfach beantworten:

""Der "Beginn" ist eine rednerische Idee: Auf welche Weise soll man mit einer Rede beginnen? Jahrhundertelang wurde das Problem erörtert. Bataille stellt die Frage nach dem Beginn dort, wo man sie nie gestellt hat: Wo beginnt der menschliche Körper? Das Tier beginnt beim Maul ..."
Roland Barthes, Die Ausgänge des Textes, in ders.: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt/M. 2006, S. 269 Na, bei Britopopsängern im Falle der Devianz z.B. bei der Hautfarbe. Bei Muslima ggf. mit dem Kopftuch, beim deutschtürkischen Knackarsch, jenem mit so wundervollen Wimpern und appetitlich engen T-Shirts und sexy Macho-Gang, nicht etwa bei all diesem, sondern bei der Kapuze und dem Blick - wenn irgendwo Babys aus Hochhäusern geworfen werden, macht die BILD ja kurz drauf eine Foto-Session mit finster blickenden deutschtürkischen Hip Hoppern vor eben diesen. Und Jonathan Meese fängt bei den Haaren an.


Ich fange ja immer mit den Ohren an beim Malen, was regelmäßig dazu führt, daß der Rest dann auch nicht stimmt. Wobei ja in der Malerei wie überall sonst gilt: Man muß nur seine eigenen Fehler und Schwächen kultivieren, ausarbeiten. Dann ist man Inputgeber und hat Stil.

"Während er stetig auf den Zehenspitzen wippt und begründet, warum er als "Tierbaby" das "Recht" habe, eine Revolution zu fordern, sagt der verschrobene, langhaarige Erfolgskünstler einen dankbar aufgenommenen Markensatz nach dem anderen: "Der Kristall muss in der Zukunft leuchten" etwa, oder: "Wir haben die Pflicht, durch das Tal der Lächerlichkeit zu gehen!". Den größten Applaus erntete Meese aber, als er erklärte: "Dieses Land ist absoluter Scheiß. An jeder Ecke wird einem Scheiße angeboten"."

Na denn ... da dieser SZ-Artikel in seiner aggressiven Lakonie wirklich gut ist, überlasse ich ihm den Schluß, wo die Frage nach dem Anfang ja jetzt geklärt ist:

"Kunst ist der große Ideenbringer der Werbung und Gestaltung, aber das gilt auch für den Soft-Porno."

23.03.07

Bloß keine Blamage-Ängste!

"M: Wir haben verlernt zu spielen! Weil wir immer gleich eine Note haben wollen für das, was wir tun! Dabei sollten wir einfach mal experimentieren, auch Scheiße machen, Unsinn labern. Ist doch wunderbar! Gerade ein Künstler, der Unsinn redet! R: Das ist ja zum Beispiel komplett verschwunden, nicht? Der Unsinn redende Künstler ist wirklich verschwunden! Wo der Künstler doch immer der Clown der Gesellschaft war! Jetzt ist er noch nicht mal mehr das!

Was ist der Künstler denn heute?

R: Heute ist der Künstler die Blaupause für den nomadisierenden, sich selbst ausbeutenden jungen Dienstleistungs-Kapitalisten. Das ist der Typ, den man mit Laptop unterm Arm aus dem Flugzeug steigen sieht, wie er von Projekt zu Projekt hetzt. Eine Mischung aus Ingenieur, Lifestyle-Designer und Agamben-Zitierer. Oder was weiß ich, wen er gerade zitiert. Du hörst dir das an und denkst: »Mann, das kann ich in jedem Soziologie-Seminar besser hören!«"


Weiß man ja eigentlich spätestens seit Schiller: Der Mensch ist nur im Spiel er selbst. Danke, Herr Meese, Danke, Herr Richter. Ich zitier trotzdem weiter. Bin ja kein Künstler.

Kenne ich alles aus meiner Alltagspraxis. Da hat man ein gigantisches und eigentlich tolles Projekt vor der Nase, und schon tobt der blutige Kampf mit Controllern, Finanzverwaltern, kaufmännischen Leitungen und anderen Schließern im offenen Vollzug, der freie Wirtschaft heißt. Panik und Schweiß bricht ihnen aus, während sie bis ins Jahr 2009 planen wollen. Der Buisness-Plan ist halt Stalinismus im Kleinen. Investoren stehen hinter ihnen und tippen strafbewehrt auf Schultern: Betriebwirtschaft in ihrer realen Ausprägung ist wie Jura eine Angstwissenschaft. Da kommt dann immer Kontrolle hinten raus. Zumindest in jenen Bereichen, in die ich Einblick habe.

Parallel paralysiert sich der Kunde freiweillig und in vorauseilendem Gehorsam selbst, weil er Angst vor dem Feuilleton hat. Wie doof: Dazu haben meine neuen Lieblingskünstler auch was Gutes zu zu sagen:

"M: Diese ganzen Leute, die zu übervorsichtig sind, hab ich nie geschätzt. R: Ich auch nicht. Das ist die Blamage-Angst. Die ist immer ein großes Problem des Hipstertums gewesen."
Da sitzen doch eh größtenteils frustrierte und aufgeblasen-ahnungslose Inquisitoren im Feuilleton rum, die mißgünstig den Spaß der anderen betrachten. Am schlimmsten die pop- und spaßorientierten: Deren verkrampfte Lockerheit war ja immer schon das Gegenteil von Spaß. Das ist und bleibt Spaßarbeit, Amusement. Warhols Marilyn ist da nicht minder "immer schon" die Mahnung gewesen: Spaß macht die ja wirklich nicht. Der Effekt verpufft, und dann hängt da ein Denkmal im Wortsinne. Ein Zeigefinger. Eine kunstpädagogische Lektion. Ein Sück Design. Eine Stil-Beratung, die noch nicht mal Camp ist ... danke, Frau Sontag. Dann doch lieber gleich richtige Pornographie.

Deshalb, genau deshalb waren die 90er das spaßbefreiteste Jahrzehnt der jüngeren Geschichte. Wer behauptet, er habe Spaß auf der Loveparade gehabt, der lügt, oder er hatte ihn trotzdem.

22.03.07

Die Colaflaschisierung der Prostitution

Eigentlich soll man ja keine Chinesen mehr kaufen. Glattes Überangebot. Sind ja auch so viele. Wenn die erst mal alle malen, dann bricht der Markt zusammen. Außerdem näht dann ja niemand mehr unsere Schuhe und Designer-Taschen.

Irgendwo habe ich gestern gelesen, Warhol habe sich begeistern können dafür, daß Coca Cola überall auf der Welt das gleiche sei - das gleiche Zeuch in den gleichen Falschen. Und dann wurde über einen chinesischen Künstler berichtet, der Coca Cola-Flaschen im Stile altchinesischer Kunstpraktiken, Keramik und so, umgestalte, und das sei doch toll. Das zeige doch, daß Vielfalt und Differenz nun überall angekommen seien im Zuge der Gloablisierung.

Die Antwort eines chinesischen Künstlers auf diese These: Hier (bei diesen aktuellen Geschichten traue ich mir urheberrechtstechnisch nicht, sie ins Blog zu holen). Ein Plädoyer für ein positives Menschenbild, sozusagen. Nicht wie diese griesgrämigen Altlinken, die immer alles nur nieder machen.Bald schon werden chinesische Menschen Texte denken wie den hier - wahrscheinlich haben sie das aber immer schon -:

"Am schlimmsten ist das Konzert. Das Konzert ist die Uererfahrung, mit wem du deine Musik teilst. Wenn neben dir Stumpfstudenten stehen, die jede Zeile mitsingen, weil sie es witzig finden, und selbstironisch mitzusingen - dann ist das eine ganz harte Grenzerfahrung."
Eckhart Nickel, in: Das popkulturelle Quintett, in: Kerstin Gleba, Eckhard Schumacher, Pop seit 1964, Köln 2007, S. 307 Dagegen war die Kulturrevolution ein Scherz, gegen solche Grenzerfahrungen. Ich sehe im Geiste das angestrengte Grienen dessen, der da spricht. Herr von Stuckrad-Barre, die arme Wurst, wer kennt den eigentlich noch?, erläutert anschließend, wie Rocko Schamoni und der Pudel Club ihn aus Hamburg geekelt hätten, schon wegen der Toiletten im Pudel Club, und dafür muß man der Institution und dem Sänger ja ewig dankbar sein.

In China sind die Toiletten vermutlich sauber, dafür aber die Prostituierten dreckig, weiß Monopol zu berichten:

"Nicht nur der unbekannte Bieter, der am 6. Februar bei Phillips de Pury in London 36 000 Pfund für Qi Zhilongs "Consumer Icons Nr. 3" bezahlt hat, darf einem jetzt schon leid tun. Auch der Käufer von He Sens "Girl on Bed" (... - das in Monopol abgebildete "Girl on Bed" ist nicht beim Verlinkten dabei, MR) wird eines Tages aufwachen und, von sich selbst enttäuscht, auf eine wertlose Leinwand starren, die ihm 50.000 Pfund wert war. (...) Sens Portrait einer Halbnackten mit Pillendöschen sieht aus, als hätte es ein sehschwacher Bordellbesitzer für sein Wartezimmer in Auftrag gegeben."
Cornelius Tittel, Das halbnackte Grauen, in: Monopol 3/(2007, S. 18 Und das geht ja gar nicht. Billige Nutten zeigt man einfach nicht wie billige Nutten, wenn's um Märkte geht (ja, ich weiß, ich hätte "Huren" schreiben müssen und "billig" somit umschreiben sollen, aber hier geht's mir um den Blick des Marktes selbst). "Sehschwache Bordellbesitzer" sind ja gewissermaßen des Marktes Schatten, im jungianischen Sinne, meine ich, und daß der Autor auch noch "Tittel" heißt oder zumindest sich so nennt, das toppt ja noch dessen Ausführungen. Geht noch weiter:
"Vielleicht dämmert ihnen ja bereits, daß der China-Hype alles hat, was eine Blase braucht: Gierige Künstler, gierige Galeristen und gierige Sammler, die ohne den geringsten Beistand von Kritikern und Kuratoren agieren."
Ebd.

Manchmal haben die Instituionalisten eben doch recht. Nicht der Neigung folgen, sondern der Pflicht. Sozusagen.

13.02.07

Ideell Finanziell Tendenziell Goldig

ell-kurve-341.jpg

Nicht die Quelle

"Hier ist dargestellt, wie viel Kilogramm Gold beispielswiese zum Erwerb der teuersten Gemälde Picassos über einen langen Zeitraum aufgewendet werden musste. (...) In Gold ausgedrückt, mussten bereits 1930 durchschnittlich rund drei Kilogramm und fast stetig steigend schließlich 2005 fast die unglaubliche Summe von über 4000 Kilogramm zum Kauf eines Spitzenwerkes aufgebracht werden.

Über dieses erstaunliche Ergebnis hinaus vermittet die Grafik aber noch weitere Erkenntnisse: In den Jahren zwischen 1970 und 1980 stagnierte oder sank die Goldmenge, die zum Kauf eines Spitzenwerkes von Picasso aufgewendet werden mußte. In dieser Phase trabender internationaler Inflation konnte der ideelle Wert Kunst, am Beispiel Picasso betrachtet, materiell gesehen, nicht mit der Sachwertentwicklung mithalten.

Untersuchungen für andere Künstler bestätigen dieses Phänomen: In Inflationsphasen sinkt der materielle Sachwert von Kunstobjekten ganz allgemein gegenüber Sachwerten. Fest steht jedoch: Topp-Qualitätsgemälde Picassos konnten sich innerhalb von 75 Jahren etwa vertausendfachen. Derr ideelle Wert Kunst ist deshalb dem Sachwert über einen langen Zeitraum betrachtet, auch in finanzieller Hinsicht, überlegen."

Wolfgang Wilke, Kunst in Gold aufgewogen, in: artinvestor, 6/2006, S. 14

Hilfe!!!!!!!!!!!!!!! Hätte der Kittler doch bloß nicht das "sich" getilgt!

07.02.07

Die Tyrannei der "Leistungselite": So eine Art "Antidiskriminierungsgesetz" von oben

"Es ließe sich daher gut rechtfertigen, bei Finanzierungs-, Ausgaben- und Regulierungsentscheidungen des Bundestages zusätzlich eine (einfache) Mehrheit unter denjenigen Abgeordneten zu verlangen, die nicht aus dem öffentlichen Dienst stammen (Prinzip der doppelten Mehrheit)."
Schreibt jemand aus dem öffentlichen Dienst (via che via Nachdenkseiten). Sitzt sich da - der ist doch noch an der Uni? - in von mir finanzierten Universitäten den Arsch breit, freut sich auf seine nicht minder breite, von mir finanzierte Pension und lamentiert von "Leistungseliten". Seinen eigenen Ausführungen zufolge gehört er selbst ja schon mal nicht dazu. Zahlt ja noch nicht mal Sozialabgaben, meines Wissens, der Mann. Ich möchte jetzt, daß er proportional zu meinem Anteil am Steueraufkommen auch meine Positionen vertritt. So als indirekter Kunde, der ich bin.

Und dann plädiere ich schon mal für Einschränkung des Grundrechts der Meinungsfreiheit für ihn aus eben dem selben Grunde. Ist doch nun wirklich schnurz, welche Grundrechte man einschränkt, ob nun das auf freie, gleiche Wahl im Sinne einer repräsentativen Demokratie, oder das auf Meinungsfreiheit. Wer im öffentlichen Dienst ist, der kann die Welt ja sowieso nicht objektiv beurteilen können, folgt man Herrn Vaubel, sondern ist a priori Interessenvertreter.

Weise Urteile fällen können nur jene, die jeweils ihren eigenen Besitz vor Augen haben. Und wer keinen hat, der hat eh keine Meinung zu haben, zumindest nicht zu Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Das kann man ja dann verfassungsrechtlich festschreiben, wer zu welchem Thema sich sinnvoll äußern können darf - oder auch nur, wessen Aussagen dann Einfluß auf Entscheidungen haben dürfen, okay. Plappern ist vielleicht okay, enstcheiden nicht. Kann man ja bei ihm selbst lesen, daß dieses die Prinzipien vernünftiger und effizienter Politik sind.

Natürlich meint er das alles gar nicht so, sondern diskutiert im Gegensatz zu unteren Schichten interessefrei und neutral Fragen der politischen Theorie. Dazu sind Nicht-Leistungseliten ja eh zu doof oder zu parteiisch.

Er selbst als Nutznießer des Systems ist doch aber davon gar nicht betroffen, deshalb: Quassel Du nur. Grundsätzlich sollten sowieso alle, die nicht selbst von etwas betroffen sind, zum Thema sowieso per Gesetz verordnet allenfalls quasseln dürfen. Das ist eine Variation des folgenden Prinzips:

"Aus ökonomischer Sicht könnte es effizient sein, das Quorum bei Ausgabenentscheidungen an der Steuerbelastung festzumachen, denn die Staatsausgaben sind – wie Wicksell darlegt – zu hoch, wenn die Entscheidungen nicht von denen getroffen werden, die dafür bezahlen müssen."
Wieso paßt dieses Gerede nur so gut zu den Broderschen Ausführungen gestern bei Maischberger, daß der Rechtsstaat einem Problem wie dem Terrorismus sowieso nicht gewachsen sei?

Und vor allem: Wie löst man denn eine solche Frage im Sinne des Herrn Vaubel auf? Also eine Frage wie jene des Terrorismus? Besitzlose in den Krieg schicken, die anderen schützen? Hätte ja Tradition, diese Lösung ....

Die Vaubelsche Intervention würden nur dann Sinn machen, wenn er denn selbst eben jene demokratischen Prozesse und ihre normativen Voraussetzungen, die er selbst angreift, in Anspruch nimmt. Dann kann er aber guten Gewissens gar nicht mehr so argumentieren.

"Mehr Schutz bietet der Föderalismus, denn er zwingt die Politiker, um die Gunst der Leistungseliten zu konkurrieren."

Im Sinne der Freiheit als Abwesenheit von Zwang ist das natürlich lustig: Warum struktureller Zwang für Politiker, aber nicht für "Leistungseliten", was immer das ist? Klar ist auch, daß der Rest der Bevölkerung aus der Politik dann wohl verschwinden soll, womit sich auch die Distanzierung des Herrn Vaubel von der Sklaverei erklärt: Viel zu viel Verantwortung. Das ist ineffizient.

06.02.07

"Selfness" - darauf einen dreifachen: Horx, Horx, Horx!

"In meinem kleinen Unternehmen, dem Zukunftsinstitut, arbeiten eine Menge Praktikanten. Wir zahlen schlecht, zögern mit Verlängerungen, trennen uns von vielen wieder. Die Gründe sind nicht Globalisierung und Neoliberalismus, sondern die substanzielle Veränderung von Arbeit. Viele Tätigkeiten im Institut sind nicht wirklich "kommandierbar". Sie entwickeln sich erst durch die Personen, die sie ausüben und langsam in sie hineinwachsen. Ständig entstehen neue Herausforderungen, Berufsbilder, Lernprozesse. Deshalb kommt es sehr stark auf den Charakter an, auf Kommunikationsfähigkeit, Motivation, Lernfähigkeit, "Selfness", also die Fähigkeit, sich selbst zu kennen und realistisch einzuschätzen."
Mathias Horx, Lang lebe das Prekariat (via: GBlog)

Das Schlimme ist: Das ist ja wahr ... das ist bei uns auch so. Gilt insofern auch nur für bestimmte Branchen. Man stelle sich das Ganze mal bei UPS oder Opel vor, diese kreativen Selbstechniken, in denen die "Persönlichkeiten", die ausübend die Tätigkeit kreieren, in die sie dann erst hineinwachsen, Lenkräder montieren. Hey, guck mal, assymetrisch! Komm, ist mein Stil!

Bei unserem Praktikanten-Bewerbungs-Marathon neulichst wollte ich drum irgendwann nur noch die verstockten, griesgrämigen, defensiv-agressiven Bewerber. Nicht, um sie umzuerziehen. Ganz im Gegenteil. Ich hatte auf einmal dieses masochistische Bedürfnis, mich anspucken zu lassen, wenn ich die Jungs und Mädels zum Kopierer schicke ...

Ich konnte diese ganzen vollmotivierten Fressen und ihren inneren Zwang zum Geständniszwang des eigenen, gestyleten Lebenslaufes, dieses qualvoll-lustvolle Begehren, sich so richtig deftig ausnutzen zu lassen und für ihre "durchgezogene" Anpassungsleistung nun enldich belohnt zu werden, einfach nicht mehr ertragen.

Diese süddeutschen MedienunibewerberInnen, ...

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04.02.07

Der Herr Schmidt aus HH

Was mich ja ein wenig wundert ist, daß dieses lange - ist das schon ein Essays? Ein Artikel? - na, dieser Text von Helmut Schmidt in der aktuelllen Die Zeit mir in den regelmäßig frequentierten Blogs gar nicht über den Weg gelaufen ist. Vielleicht habe ich ja auch was überlesen.

Wenn ich's richtig verstehe, kenne da die Theoriegeschichte nur ungenügend, ist's der Versuch, den Ordoliberalismus in Zeiten der Globalsierung weiterzudenken unter starker Betonung der nationalstaatlichen Ebene - Patriotismus, Moral, Pflichtgefühl sind, wie bei Schmidt üblich, hierbei Begriffe, die im Mittelpunkt stehen. "Bändigt den Raubtierkapitalismus", "Setzt den Hedge Fonds und Private Equitiy Companies Grenzen!" und "Macht nationale Banken stärker!" wären die abzuleiitenden Slogans, die sich stark aus der Auseinandersetzung mit Währungspolitik speisen. Ein Auszug:

"Wohl aber könnten die Regierungen der großen OECD-Staaten den Banken und Versicherungen im eigenen Lande verbieten, privaten Finanzinstituten Kredite zu geben, die sich durch einen rechtlichen Sitz auf jenen Inseln der Aufsicht der eigenen Regierung entziehen. Unsere Regierungen können darüber hinaus im eigenen Land ganz allgemein die Kreditaufnahme von Hedgefonds, Private Equity Fonds und dergleichen beschränken. Sie könnten jeden, der im Inland einen Fondsanteil, ein Zertifikat oder Ähnliches zum Kauf anbietet, unter den gesetzlichen Zwang stellen, das damit verbundene Risikopotenzial zu veröffentlichen. Mit einem Wort zusammengefasst: Die Regierungen der großen Staaten der Welt könnten Rahmenbedingungen fixieren und ihre Befolgung beaufsichtigen lassen. Bisher gibt es allerdings keinen ernsthaften Willen, in dieser Richtung gemeinsam vorzugehen."
Spannend ist's, wenn man das auf diese Diskussion und vor allem den Text hier bezieht. Die beim "freien Markt" skizzierte Vision ist mir alles andere als fern, habe, als ich noch jung und pubertär war, auch mal einen anarchistischen Gedichtsepos mit dem Titel "Es müssen nur mehr probieren" verfaßt! Allerdinigs eher eine sozialistische Variante und von Erich Mühsam beeinflußt, egal, Analogien gibt es da trotzdem.

Aber man ziehe jetzt mal bei allem, was Helmut Schmidt beschreibt, den Staat ab - bliebe dann wirklich so eine Schrebergartenidylle des wechselseitig-einvernehmlichen Handelns, so eine eine Art verwirklichter Diskursethik mit vorausgesetztem Eigentumsschutz, übrig? Die Antwort ist tatsächlich ganz unangenehm konservativ, das sei zugegeben, aber man wird ja fragen dürfen ...

03.02.07

Ist dies Blog Kunst?

"Der höchste Zweck finalisierter postautonomer Kunst, ihrer Objekte und Institutionen besteht in der Ermöglichung besonderer Kommunikationen. Allem anderen kommt nur der zweite Rang einer dafür notwendigen Bedingung zu. Kunst lebt heute nicht mehr in den Werken, sondern durch die Kommunikation über die Produktionen, die Werke genannt werden.

Wenn das Kunstobjekt zum Kommunikationsprogramm werden soll, muß es sich auf die jeweiligen für seine Positionierung wichtigen Kommunikationsbedingungen einlassen. Dazu gehört es etwa, bestimmte Orte, Personen oder Handlungen und andere je spezifische situative Gegebenheiten in das künstlerische Konzept einzubeziehen. Soweit dies geschieht, bestimmt sich die Form der Objekte nach den Formen, die ihre ästhetische Kommunizierbarkeit ermöglichen. Kunst besteht in der Schaffung von Formen, die als Medium für die Beobachtung und Teilnahme an ästhetischer Kommunikation fungieren."


Michael Lingner, Kunst der Kommunikation. Kommunikation der Kunst

29.01.07

Volkswirtschaftliche Normalisierung, Teil 1

Wie entstehen eigentlich Fragestellungen? Am offenkundigsten blödsinnig ist ja jene, wie denn Homosexualität entstünde. Da kommen dann eigentlich immer Elektroschocks und ähnliches hinten raus. Lustig auch immer neu die These, daß sie dann zustande käme, wenn Müttern während der Schwangerschaft ein Schock wiederführe. Was geht in Hirnen vor, die in so eine Richtung überhaupt forschen?

Jetzt mal außen vorgelassen, daß sowas wie "Homosexuaität" eh nur ein normierendes Konstrukt ist und nicht etwa eine Art zu leben: Wie entsteht denn eine solche Fragestellung?

Und wieso wird da in der Darstellung des Problems vor allem das "zentralistische Moment", das Dirigistische, hervorgehoben, und nicht etwa die Kooperation hervorgehoben? Ein lustiger Brei kommt dann - zumindest im Eintrag, wahrscheinlich strotzt das Verlinkte nur so vor Tiefsinn und Differenzierung - dabei raus: Eine Frage wie jene nach Tarifverträgen wird dann in einem Atemzug mit dem Fluzeugbau als Ziel der Steuerung von Produktionen genannt. Kein Wunder, daß die Antwort dann ganz analog zur Frage nach der Homosexualität so wirkt, als solle kooperatives Handeln nach US-Vorbild möglichst, den Hohepriesterweihen der Volkswirtschaft folgend, normalisiert werden. Und zwar so, daß es möglichst nicht mehr stattfindet, das kooperative Handeln.

Nein, das war keine Aussage über die USA, da gilt ja weiterhin, daß diese zumeist als Projektionsfläche für das, was hier gerade paßt oder auch nicht paßt, je nachdem, wer spricht, herhalten muß. Dort gibt es ja nicht nur auf der Ebene der Antidiskriminierung Entwicklungen, die konträr zu jenen in Europa laufen - in jenen Regionen, die analog zu manchen europäischen Wirtschaftszonen aufgrund der De-Industrialisierung brach liegen, Detroit z.B., formiert sich gerade eine Bewegung, die in die Fußstapfen dessen, was mal die europäische Arbeiterbewegung war, tritt. Ja, ich lasse mich dafür prügeln, die Quelle jetzt nicht parat zu haben. Liefer ich nach.

Auch sonst steckt in der Terminologie der Trick: Da leidet auf einmal ...

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28.11.06

System, Medien und das gute Geld

Manchmal darf man ja als "Gscheitlhuber" (I. Way war's, glaube ich, der mir dies nette Wörtle überzustülpen suchte) seine eigene Ahnungslosigkeit und die schlichte Tatsache, daß man ständig wortreich Halb- bis Zwölftelwissen in die Welt hinausposaunt, auch nicht verschweigen.
Man weiß sich da in der Blogosphäre in guter Gesellschaft, da geht's den meisten auch nicht anders, und genau das ist's dann, was für ungebremste Lebensfreude sorgt. Und das ist ja was Schönes.

Die wenigsten Begriffe, die man so vor sich hin verwendet, sind einem auch nur ansatzweise wirklich klar, und in frei flottierenden Sprachfeldern finden sich dann viele Wurzeln seltsamer Verwachsungen zwischen Pflänzchen, die sich wechselseitig den Platz im Sonnenlichte rauben.

Für mich sind das Begriffe wie "Medien" z.B.. Damit kann zum einen schlicht das Mittel zu etwas gemeint sein, dann - damit zusammenhängend - ein Informations- oder Bedeutungsträger (solche, die sich dadurch auszeichnen, daß es Information - oder Bedeutung ohne sie auch gar nicht gäbe). Oder auch die Vervielfältigungsmaschinerien von Informations- oder Bedeutungsträgern.

Auch so'n Begriff: "System". Weil das so ist, setzte ich mich soeben zur Entspannung auf mein durchgesessenes Sofa, um mal wieder in Habermas' Theorie des kommunkativen Handelns dessen Rezeption von Talcott Parsons Systemtheorie ...

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16.11.06

Der Wirtschaftsnobelpreisträger mit S.

Hier isser: Joseph Stiglitz heißt er. Ein Buch über die Chancen der Globalisierung, die zu ergreifen seien, hat er geschrieben - und diese stünden nur offen, läßt man die Kritik des reinen Wirtschaftsliberalismus auch zu.

Den habe ich hier schon häufiger in den Kommentaren erwähnt, nun hat Die ZEIT die Rezension, in der ich auf ihn stieß, online gestellt. Ist jetzt der dritte Wirtschaftswissenwissenschaftler, der mir im letzten Jahr über den Weg lief, seitdem ich hier mit Liberalen diskutiere, der über die totalisierte Immanenz des Marktes hinaus - und einen Platonismus, der reale Annäherung an die Vollkommenheit desselben fordert, angreifend - Mehrdimensionalität in der Analyse nicht begrifflich retouchieren will, sondern durchführt - wie eben auch Armartya Sen und Douglas C. North. Wer suchet, der findet dann doch:

"Globalisierung ist für Stiglitz kein Schicksal; sie ist das Ergebnis politischer Steuerung und der Durchsetzung ökonomischer Theorien. Wären die Weichen anders gestellt worden, wäre es heute um die Welt besser bestellt. Entsprechend trostlos fällt in seinem neuen Buch Die Chancen der Globalisierung die Bilanz aus. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen oft arm geblieben. Die Globalisierung hat weniger Menschen zu Wohlstand gebracht als erhofft; nur Indien und China bilden die spektakulären Ausnahmen. »Obgleich der Prozentsatz der in Armut lebenden Menschen rückläufig ist, steigt die absolute Zahl der Armen weltweit.«"

Na sowas. Chef-Volkswirt der Weltbank war der Mann und schickt sich an, die verkrusteten Strukturen ...

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13.11.06

Das Reagieren auf Unterbrechungen als eigentliche Arbeit

Ich habe es gewagt. Ich habe gestern das Handy ausgestellt. Mitten in einer Produktion. Einfach so. Trotz regen E-Mail-Verkehrs mit einem Kunden. Aber auch da habe ich mich einfach nur alle 3 Stunden kurz eingeloggt, in die E-Mail. Konsequent nur noch per E-Mail dann kommuniziert, wenn ich es wollte.

In der aktuellen Augabe von Die ZEIT findet sich ein gleichermaßen köstlicher wie eigentlich schrecklicher Artikel (leider nicht online) über den Kommunkationsterror dank Handy und e-mail. Spätestens nach 11 Minuten erfolgt die Störung, steht da. Durchschnittlich. Milliardenverluste z.B. für die US-Wirtschaft ergäbe das. Keiner macht mehr was zuende. Jeder ist ständig damit beschäftigt, in jene Tätigkeit zurückzufinden, die vor dem Anruf, der SMS, der e-mail gerade anlag.

"Wissenschaftler am Londoner King's College wollten voriges Jahr herausfinden, wie leistungsfähig die Empfänger hereinströmender E-Mails sind. Zum Vergleich verabreichten sie einer Kontrollgruppe Marihuana und stellten beiden Gruppen dieselben, mittelschweren Aufgaben. Die Kiffer schnitten besser ab. (Wenn auch dramatisch schlechter als Nüchterne ohne E-Mails)."
Das Ganze führt zum Gleichzeitiggetue von Allerlei - bei der Produktion einer ständigen Erwartungshaltung, daß gleich sowieso eine Unterbrechung folgte:
"Der durchschnittliche Büroarbeiter unterbricht sich selbst genau so oft, wie er von außen unterbrochen würde. Es ist eine Art vorauseilender Unterbrechung. Je länger man sich in den ...

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11.11.06

Die Liquidierung des Individuums: Ob Prosa oder Soja, alles eine Sauce

"Im Warenfetischismus neuen Stils, im "sadomasochistischen Charakter" und im Akzeptieren der heutigen Massenkunst stellt sich die gleiche Sache nach verschiedenen Seiten dar. Die masochistische Massenkultur ist die notwendige Erscheinung der allmächtigen Produktion selber. Die affektive Besetzung des Tauschwertes ist keine mystische Transsubstantiation. Sie entspricht der Verhaltensweise des Gefangenen, der seine Zelle liebt, weil nichts anderes zu lieben ihm gelassen wird. Die Preisgabe der Individualität, die in die Regelhaftigkeit des Erfolgreichen sich einpaßt; das Tun dessen, was jeder tut, folgt aus dem Grundfaktum, daß von der standartisierten Produktion der Konsumgüter in weiten Grenzen jedem dasselbe angeboten wird. Die marktmäßige Notwendigkeit zur Verhüllung dieser Gleichheit aber führt zum manipulierten Geschmack und zum individuellen Schein der offiziellen offiziellen Kultur, der notwendig proportional mit der Liquidierung des Individuums wächst."
Theodor W. Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens, in: Kritische Kommunikationsforschung, München 1973, S. 277

Heute morgen hat irgendein Irrer das Musikprogramm des sonst so angenehm betulichen NDR2 zusammengestellt. Unerträglich. Rumtatata und Schweinerock. Mitklatschen, marschieren, Sinne malträtieren und zum Gleichschritt animieren: Nur Huey Lewis & The News und Genesis-Tour-Vorberichterstattung. Akustische Verbrechen. Nein, ich will keine Zensur ... aber morgens auch nix Status Quoeskes hören müssen: "Rockin' all over the world", Kotz.

Kein Wunder, daß die "American Psycho"-Verfilmung, jene Dokumentation über die Wahrheit der Wallstreet, mich gar nicht mehr losläßt. "Lady in Red" von Chris de Burgh habe ich sowieso schon immer, ganz wie es sich gehört, gehaßt - seitdem ich diesen Film sah, muß ich immer an den grienenden Killer mit dem Walkman auf den Ohren denken, wenn ich's höre. Manchmal hört man das halt, ob man will oder nicht ...und der Austausch von Visiten-Karten kommt mir dann in die Sinne.

Warum wettern eigentlich immer jene gegen Populisten, die für die Privatisierung der Medien agitieren? Sind doch einfach Erfolgreiche auf dem Meinungsmarkt, die Populisten. Pop kommt von populär.

Gut, im Zentrum des öffentlich-rechtlichen läuft's ja auch nicht anders. Weil Konkurrenzdruck eben nicht für Differenzen sorgt, sondern für Gleichförmigkeit und wechselseitige Anpassungsprozesse. Für Nachgejammerei und Nachgehetzerei und das Austreiben der Melodie durch den Rhythmus. Immer auf die Eins. Backbeat verboten ... Swing getilgt.

Manchmal frage ich mich ja, ob die CSU-gesteuerte Berichterstattung ...

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03.11.06

Pop-Ökonomie

Wer einmal erlebt hat, wie Dr. Hubert Burda vorfährt und von einem hochkarätigen Haufen, bestehend aus Unternehmenssprechern anderer Großverlage und Chefredakteuren außerordentlich auflagenstarker Blätter, empfangen, hofiert und verehrt wird, der hat 'ne Erfahrung gemacht. Und wenn dieser dann noch mit der geballlten Prinit-Mächtigkeit eine Jam-Session hinlegt und dabei Trompete spielt ... das alles auch noch in einem holzvertäfelten Saal des ehemaligen DIE WELT-Gebäudes, das gerade zu Abrißzwecken entkernt wird, überall Staub und rausgerissene Kabel ... aber lassen wir das.

Herr Burda hat den schon drauf, den großen Auftritt, obwohl's ein körperlich eher Kleiner ist ... eine außerordentlich sympathische und souveräne Majestät ist er an jenem Frühlingstag auf jeden Fall gewesen, bei jener Band-Probe. Ganz unabhängig davon, wie man das Wirken seines Verlages ansonsten beurteilt.

Auf der Homepage von DIE ZEIT ist aktuell ein ziemlich langes Interview mit ihm. Habe es eben gar nicht ...

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28.10.06

Der Einzige und sein Eigentum,

Hieß das so, das Stirner-Buch, das Marx dann kritisierte? Eine ganz spannende, rechtsphilosophische Analyse eines Teil-Aspektes des anvisierten, neuen Urheberrechts von Ottfried Höffe ist heute in der FR zu lesen:

"Der neue Paragraph 52 b des Urheberrechtsgesetzes soll öffentlichen Bibliotheken, Museen und Archiven erlauben, urheberrechtlich geschützte wissenschaftliche Literatur zu digitalisieren und an beliebig vielen elektronischen Arbeitsplätzen auf Bildschirmen zugänglich zu machen. (...) Der Verdacht ist nicht unberechtigt, dass die Kreativen "geschröpft" werden sollen, um anderen, beispielsweise der Computerindustrie, ihre Interessenverfolgung zu erleichtern. (...) Dieses Vorhaben widerspricht dem wohletablierten Grundprinzip des Urheberrechts, dass ein Werkautor ein umfassendes Bestimmungsrecht darüber hat, auf welche Art sein Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. (...) Es liegt auf der Hand, dass die Verbreitung durch die Bibliotheken mittels Bildschirmen die Verkäufe der entsprechenden Bücher und Zeitschriften erheblich einschränken wird. Sinken auf diese Weise die Druck- und Verkaufsauflagen, so gerät ihre Finanzierung in Gefahr, mit der voraussehbaren Folge, dass auch solche Bücher und Zeitschriften nicht mehr erscheinen."
Um nur ein paar Highlights zu zitieren, sonst würde ich mich ja genau dessen schuldig machen, was Ottfried Höffe da analysiert.

Auch der DJV macht seit geraumer Zeit Front gegen die Novelle. Interessant ist daran ja nicht nur das, was meine liberale Diskussionsfreunde erfreuen wird, daß nämlich hier de facto der Staat indirekt enteignet, indem er Eigentumsschutz auflöst.

Die Frage ist ja eher, welche Interessen und Argumente diese Novellierung stützen. Ich weiß das tatsächlich nicht, kann mich da jemand aufklären?

Sind es die Nutznießer der Computertechnologie? Gerade Youtube ...

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19.10.06

Mutationen schweben sommerblau dort am Himmel unseres Lebens und man weiß nicht genau ...

Na, das hier verlinke ich doch gerne! Und zwar nicht, weil ich Gentechnik-Experte wäre oder das Dargestellte en detail beurteilen könnte - sämtliche Tatsachenbehauptungen, die sich dort finden, könnte ich gar nicht aufstellen, weil ich da zu wenig Ahnung von habe.

Es gibt aber dieses gut begründbare Theorem, daß man nur in einem Rahmen handeln solle, innerhalb dessen die Handlungsfolgen revidierbar und kontrollierbar bleiben. Hätten sich die Atomspalter mal daran gehalten, dann hätte man heute auch nicht die gleichen Probleme mit den Irren in Teheran und Nordkorea. Ich meine die Präidenten oder wie auch immer sich deren politische Ämter nun genau nennen, nicht die Bevölkerung. Und ein paar Kids und anderen rund um Tschernobyl ginge es deutlich besser ...

Wenn also völlig unklar ist, wohin dieses ganze Gott-Gespiele führt, sollte man es doch lieber bleiben lassen.Da man die moralische Verantwortung für zukünftige Generationen auch nicht dadurch los wird, daß man sich auf den Markt beruft ...

PS: Jetzt witzelt bestimmt gleich irgendeiner in den Kommentaren über die Linken und die Risikogesellschaft ...

04.10.06

Seufz!

Da robbt man des morgens aus dem Bett nach dem Feiertage und dem Wochenende davor und träumt von der Marxschen Utopie und somit der Freiheit ... ächz, stöhn, Sisyphos ... der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht ...

"Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden."

Die deutsche Ideologie. Marx/Engels, MEW 3, S. 33, 1846/1932

27.09.06

Preisbildung

Ein erhellendes Interview zur ganz realen Funktionsweise von Märkten war gestern in der FR zu lesen. Konkret: Zum Medikamentenmarkt. Professor Peter Schönhöfer, Mitherausgeber des "arznei-telegramms", ehemals Abteilungsleiter im Bundesgesundsheitsamt wie auch Leiter des Institus für Pharmakologie in Bremen, nimmt die Preisdiktatur der Produzenten unter die Lupe:


"Arzneimittelpreise fußen nicht auf Kostenberechnungen. Man sieht sich an, was der Konkurrent nimmt. Wenn man meint, ein besseres Mittel zu haben, wird der Preis erhöht. Um wieviel hängt davon ab, was der Markt hergibt. Es werden Phantasiepreise aufgerufen."

Eines der Modelle, die man aus dem Werk von Amartya Sen herauslesen kann, ist, daß bestimmte Aufgaben staatliche bleiben sollte. Den Rest könne man Märkten getrost überlassen. Zentral ist bei ihm immer die Rolle von Bildung und Gesundheit, und daß diese staatliche zu bleiben haben, hat sehr viel mit der Menschrechtsproblematik zu tun. Die komplexe Begründung dessen kann ich hier nur andeuten, kurzgefaßt ist zu sagen, daß Menschen ja nicht Träger natürlicher Rechte sind, sondern sich diese bestenfalls begründet wechselseitig zugestehen. Eine Rechtsordnung ist dann dazu da, diese zu gewähren und zu schützen.

Es gibt Begründungstypen der Menschenrechte, die nicht bei dem reinen Recht auf körperliche Unversehrtheit stehen bleiben, sondern Gesundheit als Vorraussetzung von Freiheit (mit Wundbrand im Bein bin ich ja auch nicht frei) je nach medizinischem Stand der Dinge als jedem zu gewähren begreifen - im Rahmen der jeweiligen Rechtsordnung. Ich teile diese Position. Ob das nun Pflichten gegen sich selbst impliziert, z.B. nicht zu rauchen oder Motorrad zu fahren, ist dann ein Folgeproblem. Viel wichtiger jedoch ist es, daß es meiner Ansicht nach nicht möglich ist, Freiheitsrechte und das Recht auf medizinische Versorgung gegeneinander auszuspielen, weil beides zusammenhängt. Und wer das macht, ist entweder ein bißchen dumm oder hat einfach nicht genug nachgedacht - weil Gesundheit eben ein Menschenrecht in diesem Sinne ist.

Die Briten sehen das ähnlich, ...

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25.09.06

Flaneur sein: Das ökonomische Ballett

"Marx stellt den Kausalzusammenhang zwischen Wirtschaft und Kultur dar. Hier kommt es auf den Ausdruckszusammenhang an. Nicht die wirtschaftliche Entstehung der Kultur, sondern der Ausdruck der Wirtschaft in ihrer Kultur ist darzustellen."

Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Bd. I, Frankfurt/M. 1983, S. 573-574

Das hätte ja mal was. Bei der Skyline von Frankfurt ist dies eine leichte Übung, ebenso beim Foyer von Bayer oder der Autostadt in Wolfsburg.

Schwieriger schon die GMX-Rechnung als Lektüre: Diese unpersönliche Botschaft in ihrer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit per e-mail, da könnte man schon länger drüber grübeln. Beim Karosserie-Design den Statusbericht herauszulesen, das ist unkompliziert - aber eine Reisekostenrichtlinie, folgt sie eher der machtvollen Ästhetik wilhelminischer Bürokratie oder doch den Schaltplänen des Stromkreislaufes eines Mehrfamilienhauses? Auch ...

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24.09.06

"Wenn immer nur über Fluzeugabstürze berichtet wird, entsteht Flugangst"

Brauche wahrscheinlich nur den Namen zu nennen, und die Diskreditierung wird starten: Peter Bofinger. Na, dann mal los...

Da wird wahrscheinlich in bewährter, wirtschaftliberaler Alchemie mal nicht Blei in Gold gewandelt, sondern der Anti-Keynes beschworen. Da zischelt's im Erlenmeier-Kolben. Und die Person angegriffen - wahrscheinlich als eine, die in den USA sowieso niemand zitiert.

Bofinger ist der Opponent, der Dissident im magischen Zirkel der Wirtschaftsweisen (hier eine Kritik eines seiner Bücher in Die Zeit). In der aktuellen Süddeutschen - leider nicht online - findet sich ein ziemlich großartiges Interview mit ihm. In diesem geht's eher um Psychologie denn um Ökonomie, wobei niemand bestreiten wird, daß beides zusammenhängt. Wundervolle Pointen auf einer Seite verteilt, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll mit dem Zitieren. Vielleicht hiermit?


"Wenn ich meinen Mitarbeitern immer nur erzähle, dass ihre Arbeit zu einem Zehntel des Lohns in Indien gemacht werden könnte, dann macht das Angst und demotiviert ohne Ende."

Peter Bofinger über Angst, in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 23./24.9. 2006, S. VIII

Ja, das kenne ich aus dem eigenen Arbeitsleben. Einige verdammt gute Mitarbeiter sind so abhanden gekommen. Dabei gilt doch:

"(...) zusammen mit meinen Kollegen im Sachverständigenrat haben wir zum Beispiel in unserem Jahresgutachten 2004 dargestellt, wie gut die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist. Das wurde aber kaum wahrgenommen. Wenn ich bei Vorträgen erzählt habe, wie gut Deutschland international dasteht, sahen mich die Leute mißtrauisch an. Wenn dagegen Professor Sinn von der Basarökonomie redete, wurde das begierig aufgegriffen. Dabei impliziert dieser Ausdruck ja, daß nur noch Ramsch und Tand und Trödel produziert und gehandelt wird. Das Gegenteil ist der Fall: Wir produzieren wie kaum ein anderes Land High-Tech-Produkte, die uns überall aus den Händen gerissen wird."
Ebd.

Was in einem Begriff wie Basar-Ökonomie noch so alles drinsteckt, auch in der Beschreibung von Herrn Bofinger, das lasse ich mal lieber unkommentiert. Trotzdem kann ja gelegentlich daran erinnert werden, daß eine Subvention wie der Marshall-Plan unter unbestritten außergewöhnlichen Bedingungen ja auch nicht gerade der Todesstoß für die deutsche Volkswirtschaft war. Daß der rheinische Kapitalismus ...

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20.09.06

Schafft Hungersnöte!

Wie man bei wortreichem Gequassel möglichst nix sagt, falsche Fragen stellt und ansonsten durch außerordentlich schlicht geklöppelte Meinungsgirlanden für den eigenen Seelenfrieden die Sicht auf Probleme versperrt, das demonstriert eindrucksvoll Roger Köppel in die Welt (via Antibürokratieteam):

"Die Antennen sind in den Industriestandorten des Westens nach innen, aufs "Soziale" gerichtet, man versammelt sich um ein verglimmendes Lagerfeuer, das man durch Abschottung vor äußeren Einflüssen schützen will. Die Rechnung wird nicht aufgehen, und das ist die gute Nachricht. Die aufstrebenden Wirtschaftssupermächte in Asien werden den Reformdruck erzeugen, den die europäisch-westlichen Industrienationen und ihre konservativen Führer nicht aufbringen."

Führer! Da haben wir's wieder. Das gilt wohl insbesondere für den wachsenden Erfolg maoistischer Parteien in Indien und das so glorreiche politische System in China, was er da über Asien köppelt ... wie war noch diese gut belegte These von Armartya Sen, daß Hungersnöte nie in Demokratien ausgebrochen seien, weil Regierende eben wiedergewählt werden wollen? Mit dieser These im Kopf sollte man den Artikel mal durchlesen und vor dem geistigen Auge die Selbstmorde überschuldeter Bauern in Indien aufscheinen lassen ... was Herrn Köppel in seiner Staats-Mystik wahrscheinlich einen Scheißdreck interessiert. Die werden uns schon dazu zwingen, daß Bauern das hier auch bald tun, und er findet das augenscheinlich richtig. Liest sich zumindest so.

Diese Denke eines Herrn Köppel ist so erschütternd, weil sie jenseits einer Staat-Nicht-Staat-Entgegensetzung überhaupt nix zu sagen hat und um diese kreist wie Fichte um seine Ich versus Nicht-Ich Relation. "Staat" und "Abgabenquote" sagen schlicht nix aus, wenn nicht spezifiert wird, wie und wo eigentlich was staatlich organisiert ist.

Liest man sich z.B. diesen Text durch, kann man anfangen, sinnvoll zu diskutieren: Da wird die Wirkung einer Rechts-Institution beschrieben, aber so, wenn ich's richtig verstehe, daß von freischaffenden Inividuen ausgegangen wird, denen man dann schleunigst ihre Urheberrechte limitieren sollte. Ich will ausdrücklich nicht gegen den Text polemisieren, weil hier ein Beispiel genannt wird, ...

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18.09.06

Gründet Genossenschaften!

Wer NPD wählt, ist ein Nazi. So einfach ist das. Selbst wenn man Gründe und Ursachen findet, warum es Nazis gibt - im Falle des NPD-Wählens muß das Prinzip des Wählerbeschimpfens gelten. Natürlich hat Feynsinn mit der Nennung möglicher Ursachen Recht, das liest sich aber ein wenig, nur ein ganz klein wenig, wirklich nur ein ganz klein wenig wie ein heroisierender Opferdiskurs. Hier gilt das gleiche wie auch bei den Pariser Riots: Die Erklärung von etwas ist keine Rechtfertigung von etwas. Aber so sieht Feynsinn das wahrscheinlich auch.

Natürlich hat man die Lebenssituation von Menschen zu beschreiben, die's zum NPD-Kreuz an die Urne treibt und die etablierten Parteien für den langen Abschied vom Politischen zu kritisieren. Aber "Protestwahl" oder Arbeitslosigkeit als Schein-Legimation vorzuschieben, oder wie Ringstdorff oder wie der sich schreibt Verführungshypothesen zu formulieren: Nee, is' nicht. Die wissen schon ziemlich genau, was sie tun, die Leute in Mecklenburg-Vorpommern.

Erstaunlich, wie wenig mich das gestern berührt hat, dieses Wahlergebnis. Schäme mich dafür. Schlimm, daß da ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Schlimm auch, daß man mit keiner Partei mehr mitfiebert und stattdessen über FDP-NPD-Korrelationen sinniert: Je mehr FDP-Wirtschafts-Politik, desto mehr Nazis, sozusagen. Daß erstere dann ebenfalls zulegen, das ist somit auch kein Zufall. Wobei mir jetzt irgendjemand empört erläutern wird, daß doch gerade im Falle einer rot-roten Regierung die FDP zu attackieren völliger Blödsinn sei. Und vielleicht stimmt das sogar. Irgendwie aber nur.

Daß dieses sozialtechnokratische Gewurschtel von SPD und PDS auch keine Antwort sein kann und durch Protektionismen und Autoritarismen auf allen Mentalitätsebenen auch nur NPD hinten rauskommt, das erschöpft bei mir alle politischen Energien. Daß aber, wofür die CDU denn nun eigentlich steht, ich mittlerweile auch nicht mehr beantworten könnte in Zeiten, da alle den gleichen Wirtschaftsweisen nur noch in Varianten nachplappern und Politik als Steuerung der Bevölkerung durch "Anreize" begreifen, all das ist doch nur noch tragisch. Was haben wir einst gejubelt, damals, in den frühen 80ern, als die Grünen in die Parlamente einzogen. Nach 7 Jahren rot-grün fragte man sich dann: Warum eigentlich? Und findet keine Antworten mehr ...

08.09.06

Mythos und Todessehnsucht

Die Freiheitsfabrik mag ich ja. Die suhlen sich zwar vorzugsweise in unterkomplexen, libertären Schweinereien, aber das wenigstens lustig. Lustig geschrieben, meine ich. Weil's so scheiß-arrogant daherkommt.

Die Identifikation mit dem Skelett aus einem Witz ist kein Zufall, wenn es um die Auseinandersetzung mit Formen des Sozialen geht; ersetzt bei solchen Leuten doch der MARKT die GESCHICHTE bei Marx oder das LEBEN im antidemokratischen Denken der Weimarer Republik, dessen Nacholger dann auch das Libertäre ist. Dieser metaphysische Vitalismus hat bekanntlich viel Unheil geboren, und eine Formulierung wie die folgende ist nix als ein Symptom:

".. zumal sorglich die Frage ausgeblendet wird, wer an solchem arbeitsrechtlichen Herumgeeiere die Schuld trägt; wer dafür sorgt, dass ein zu Tode strangulierter Arbeits’markt’ seine Funktion nicht mehr wahrnehmen kann."

Markt als revolutionäres Subjekt, als handlungsfähiges Wesen, das stranguliert werden könnte bis zum Tode - das ist noch nicht mal mehr Literatur. Da können nur noch Psychoanalytiker helfen. Vielleicht ist's aber auch ein Herzfehler ...

Aus gegebenem Anlaß

"Eine überaus wichtige Stelle zum Begriff des "Schöpferischen" ist eine Bemerkung von Marx zum Anfang des ersten Satzes des Gothaer Programms: "Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur": "Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn gerade aus der Naturbedingheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein anderes Eingentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben." Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei ed Korsch Berlin Leipzig 1922 p 22"

Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Frankfurt/M. 1982, S. 808

29.08.06

What's up ... Entschleunigung!

Heute waren's die 4NonBlondes mit "What's up?"

Manchmal frage ich mich, ob der Song, den man morgens als erstes im Radio hört, das Tagesgeschehen ankündigt. "Wie oben, so unten", das wissen wir ja seit Hermes oder wie der hieß.

"What's up?" löste 1993 Culture Beats Mr. Vain auf Platz 1 der deutschen Charts ab (habe ich gerade im "jetzt.de"-Tagesticker gelesen). Alle redeten von "Jurassic Park" und hatten sich fast schon daran gewöhnt, daß "Ausländer abfackeln" so eine Art Trendsport war damals, in Solingen oder Hoyerswerda. Die waren wahrscheinlich heimliche Muslime, so eine Art Vorhut, denn nur die sind ja gewalttätig, anders als europide Phänotypen. Gott, wenn man sowas schreibt, liest sich selbst die Ironie noch so plump wie die Rhetorik fäkaltrunkener Kampfschreier. Wie war das noch mit der Analität des Bösen?

'93 traten die grauen Männer in mein Leben. Jene aus Michael Endes "Momo", die, die die Stundenblumen sammeln. "Momo" liest ein Kollege gerade seinen Kindern vor. Ob die dadurch fit werden für den Lohnsklavenmarkt?

Zwischen '68 und heute scheint ja manchem nichts gewesen (ich meine die Kommentare), aber die "Unendliche Geschichte" und "Momo" gab es ja z.B. auch noch. Damals ...

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16.08.06

Schwedischer Unternehmergeist einmal mehr von den Linken gestoppt!

Siehe hier - ein so dolles Projekt, Vorbild für Service-Agenturen, Arbeitsvermittler und Ähnliche einfach böswillig gestoppt! Dabei wäre dieses Modell doch ausbaufähig als Geschäftsmodell, jenem der Zeitarbeitsfirmen folgend: Derart agierende Arbeitsvermittler könnten dann einfach noch mal 'n paar Euro draufschlagen, und durch die Re-Investition dieser Gewinne würde wieder andere reich, und der Wachtsumsmotor spränge an! Herr Norberg, übernehmen Sie!

Mehr zum Thema linke Propagnda in der stalinistischen Hetzpresse fand sich gestern in der der FR. So ein gewerkschaftsnaher Betonkopf von einer Fachhochschule, die in den USA sowieso niemand zitiert und die allein schon deshalb schleunigst geschlossen werden sollte, behauptet solchen Unsinn:

"Die Krise wirkt aber nicht in allen Märkten, Branchen und Unternehmen mit gleicher Härte, so dass es zu strukturdifferenzierenden Veränderungen in der Wirtschaft kommt. Ob die Unternehmen auf hochkonzentrierten, mehr inländischen oder mehr ausländischen Märkten agieren, ist im Krisenprozess ein wichtiges Kriterium. Insbesondere international agierende Konzerne können den durch Lohndrückerei verursachten binnenwirtschaftlichen Nachfrageausfall weitgehend an den Exportmärkten kompensieren."
Und dann natürlich der alte Hut mit der Binnennachfrage - ist die nicht gerade erstmals seit 5 Jahren gestiegen? Hä? Ein Schelm, wer da an die kommende Mehrwertsteuererhöhung denkt:
"Die umverteilungsbedingte Binnenmarktschwäche kann nicht durch einen extrem hohen Exportüberschuss beseitigt werden, wenn dieser - wie im Fall Deutschlands - lediglich fünf Prozent der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht und 85 Prozent der Arbeitsplätze von der Inlandsnachfrage abhängig sind."
Papperlapapp. Das rechnen wir schon irgendwie weg. Diese 85% sind schließlich auch nur möglich, weil Inder und Thai-Boys - und Girls billiger sind und dort erzielte Gewinne hier re-investiert werden können. Völlig abstrus dann die Behauptung, Märkte hätten was mit Macht zu tun:

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11.08.06

Was ist eigentlich so schlimm am Krankfeiern?

Könnte ja sein, daß man danach wieder topfit ist und super-motiviert wieder an die Arbeit ginge und viel produktiver wäre, als wenn man nicht krankgefeiert hätte. Ein automatisches Sabottical von 3 Monaten alle 5 Jahre z.B. ließe sich betriebswirtschftlich im Falle meines Jobs ohne weiteres einrichten. Was als Fragstellung nur Sinn macht, wenn man von langfristigen Arbeitsverhältnissen ausgeht. Beim NDR ist sowas möglich.

Aber diese Gedanken stützen natürlich nur die Nix-Tuer, die sich der protestantischen Arbeitsethik verweigern, um sich dann in Parteien organisieren, die jene auszubeuten, die schuften. Der ganz süße Herr Norberg stellt das in einem langen Text vermeindlich klar, den der weniger süße Herr Wergin - rein subjektives Empfinden meinerseits - ins Netz gestellt hat. Das wird dieses Bild der passiven, rassistischen Schweden gemalt, das im Zuge der Gehirnverwaschung durch Vereinzelung von oben mittels sogenannter "Think Thanks" - nannte man im ersten Weltkrieg nicht Panzer Tanks? - Verbreitung finden soll. Den völlig berechtigten Einwand Dr. Deans, daß man Parteilichkeit doch auch als solche kennzeichnen solle, wischt der nicht ganz so süße Herr Wergin so vom Tische:

"Sie werdens vielleicht nicht glauben, aber die Aufgabe von Think Tanks ist es, Probleme der Politik aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Man nennt das Pluralismus und es soll eine der wichtigsten Elemente demokratischer Gesellschaften sein..."

Ist natürlich ein wenig simpel, wenn der Text selbst, der da veröffentlicht wird, seinen Perspektivismus nicht offen zugibt. Normalerweile kommt ja die rhetorische Nummer ja von den Liberalen, daß sie lieber Quellen und Denker angreifen, als sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Das will ich hier aber nicht nachmachen, der Text gibt wenigstens mal Butter bei die Fische, was das berühmte "skandinavische Modell" betrifft. Suggestiv agiert er nichtsdestotrotz - durch Weglassungen und uneingestandene Prämissenbildung. Mag auch ...

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28.06.06

Sens "Identity an Violence", zweite Rezension

Das bislang nur auf englisch erschienene Buch "Identity and Violence" von Armartya Sen hatte ich hier neulich schon am Wickel - zumindest eine Rezension zu diesem.

Es scheint bedeutend zu sein, weil es viele Einsichten der "Postmoderne" verarbeitet, die man immer auch als Angriff auf jegliches Identitätsdenken verstehen kann - dabei jedoch nicht in Kulturrelativismen, der Ignoranz des Ökonomischen und einem frei flottierenden Spiel der Zeichen mündet. Sondern, daß Sen stattdessen die Einsichten der postrukturalistischen Denker mit Mitteln klassischer Ideologiekritik kombiniert, somit die Perspektive einer Kritik der politischen Ökonomie (und auch der unpolitischen) formuliert, die "liberal" im Sinne der US-Liberals ansetzt.

Das ist schon enorm, selbst wenn die Rezensenten darauf hinweisen, daß vieles schon vorher sich mehrfach wiedergekäut fand - bündelt es doch Einflüsse verschiedener Weisen kritischer Theorie, die sonst häufig als Gegenspieler auftreten (die Vertreter der reine Lehre der Kritischen Theorie auch nicht als solche akzeptieren würden).

Folgende Frage ließe jedoch Sen offen, so die taz in einer heute erschienenen Besprechung des Buches - und sie gibt gleich selbst eine Antwort:


"Was sind dann aber die genaueren Bedingungen dafür, dass Menschen sich mit einer ihrer vielen Zugehörigkeiten so total identifizieren, dass sie bereit sind, für diese Identität zu sterben und zu töten? Und was könnte man dagegen tun? Wenn es um Identität und Gewalt geht, scheint diese Frage zentral. Allerdings bleibt sie bei Sen vielleicht auch deswegen weitgehend unadressiert, weil die überzeugendste Antwort auf sie ganz unspektakulär ist - und bereits frustrierend häufig benannt wurde. Wenn mangelnde Bildung, soziale Verzweiflung und gewissenlose Führerfiguren zusammentreffen, droht Unheil.

Wer ihm abhelfen will, muss etwas gegen die Ursachen tun."

20.06.06

Mag erst mal keinen Kakao mehr trinken und weiß, daß das falsch ist ...

Nachdem ich Didier Drogba hier so blumig verabschiedet habe, ebbt die Diskussion nicht ab. Deshalb. Der Fußballgott macht Werbung für Kakao von seiner Côte d'Ivoire, auch, um die "Planteurs" dort zu unterstützen.

Seltsam erscheint schon, daß Schwarze in der Werbung vorzugsweise halb- oder ganz nackt oder mit wackelnden Ärschen dargestellt werden. Gut, auch Poldi, Beckham und andere werden erotisiert und sexualisiert - aber dann eher in der Parfum-Werbung oder auch im Falle des Fast Foods.

Würde eine High-Tech oder Edel-Marke sich Drogbar als Werbe-Ikone aufbauen? Ich weiß es nicht, aber ich habe bei der ersten Ansicht des Spots noch nicht mal im Ansatz an implizite Rassismen gedacht , was sehr, sehr gut an meinem noch ungeübten Blick liegen kann - der Hinweis auf die Edelmarke verweist u.U. auf Anderes: Eben jene Bedingungen, unter denen einst der Kakao angebaut wurde und auch heute noch wird. Diese kann man in dem Spot implizit zitiert sehen: Den schwarzen, schwitzenden Körpern im Kontext kolonialer Herrschaft - organisierte Unmenschlichkeit der brutalsten Form also (im konkreten Falle kolonialen Produzierens über eine Kritik der Arbeitswertlehre das Faktum der Ausbeutung zurückweisen zu wollen, das würde - vermute ich - nur wenigen einfallen).

"Das verwerfliche an dieser Werbung ist für mich, dass ein nackter schwarzer Mann dazu herhalten muss einen postkolonialen Wirtschaftskreislauf zu kaschieren bzw. zu legitimieren", so sah es ein Kollege heute in einer mail zum Thema.

Kolonialismus war auch, vielleicht primär ein politisches Phänomen, klar - auf welche Art jedoch Wirtschaft und Politik sich in postkolonialen Ländern heute noch durchdringen, das kann man in einem ...

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31.05.06

Drei Links von Rayson

Der Rayson hat mir hier in der Diskussion rund um den Segen des Marktes, den Fluch der Politik und die Möglichkeit der Globalisierung von Sozialstandards drei hochinformative Links zur Verfügung gestellt, Danke!

Nr. 1 thematisiert den weltweiten Rückgang der Kinderarbeit. Zitat:

"Vor allem das gewachsene Problembewusstsein der einzelnen Regierungen habe insgesamt zu der positiven Entwicklung der vergangenen Jahre beigetragen, sagte Günther. Zudem hätten fast alle ILO-Mitgliedsländer die Konvention gegen Kinderarbeit ratifiziert. Günther verwies auf den Teufelskreis zwischen fehlender Bildung und Armut. Kinder, die am Schulbesuch gehindert würden, hätten später keine Chance auf eine qualifizierte Tätigkeit."

Das bestätigt nun gerade nicht die segensreiche Wirkung des Marktes, sondern ebenso die Erfolgschancen politischer Intervention. Auch die Notwendigkeit eines breiten Bildungssystems zur Wohlstandmehrung, auf die Armatya Sen immer verweist, läßt sich anhand dessen belegen. Ebenso stellt der zweite Link, eine NTV-Meldung, fest:

"Als Grund für den Rückgang nannte die zu den Vereinten Nationen (UN) gehörende Organisation zum einen eine größere Entschlossenheit der Regierungen, gegen das Problem vorzugehen. Dies sei vor allem in großen Entwicklungsländern wie Brasilien und China der Fall. Zum anderen habe die stärkere Weltwirtschaft einen positiven Effekt gehabt, indem sie den Druck auf arme Familien reduzierte, ihre Kinder zum Arbeiten und Geldverdienen zu zwingen."

Hier wirken nun Politik und ein starke Weltwirtschaft ergänzend.

Des weiteren schickte er mir den Link zu einer Animation auf der alten B.L.O.G.-Seite, die belegt, daß der Wohlstand weltweit zugenommen habe - vielleicht habe ich was übersehen, nicht weit genug geklickt habe, weil ich zur Arbeit muß, aber da wurde lediglich die Zunahme des Wohlstandes gezeigt, ohne daß klar wurde, wie's kommt. Zudem wurde nicht differenziert zwischen Einkommengefällen z.B. innerhalb der USA und den Unterschieden zwischen Afrika und OECD-Ländern, was bei Sen immer ein sehr wichtiger Punkt in seiner Utilitarismus-Kritik darstellt.

Für mich belegt all dieses zumindestt nicht, daß ein Verzicht auf Politik da alleine schon wirken würde, sondern es formuliert eher, daß ein "Wozu", auf das Menschen sich einigen können, schon auch mit dazu gehört ...

29.05.06

Na sowas!

Das ist dann ja doch ganz spannend. Ich fühle mich bestätigt. Da mag man schon wieder gar nicht groß rumkommentieren oder irgendwas aus dem Zusammenhang reißen. Na, vielleicht doch das hier:

"Es gibt keine schlüssigen Beweise, wonach ein Staat wegen der hohen Sozialausgaben wirtschaftlich weniger stark wäre als ein Land mit einem schmalen Wohlfahrtsbudget. Die schädlichen Auswirkungen von Sozialprogrammen auf das Wirtschaftswachstum sind fast null."

Schön beschrieben ist, wie völlig differente Faktoren beeinflussen, was wirtschaftlich geschieht. Eben nicht ein idealisierter Markt, der dann im Realen durch Nebenbedingugen verzerrt, verbeult und verbogen wird, sondern Komponenten wie z.B. Mentalitäten, einflußreiche, gesellschaftliche Gruppen, auch Ideologien und unterschiedlichen Formulierungen dessen, was als jeweils als Eigeninteresse verstanden wird, bilden den Rahmen für die Beschreibung wirtschaftlicher Prozesse. Geht doch!

23.05.06

Kooperationsentzug

Wie es so meine Art ist, poste ich hier ja auch gerne mal das Gegenteil dessen, was ich noch zwei Tage vorher behauptet habe.

In den Debatten rund um Hartz IV und die Legitimation solcher "Sozialleistungen" habe ich und auch Kommentatoren im lawblog die Position vertreten, es sei u.a. klug im Sinne des Verfolgens von Eigeninteressen, diese Systeme aufrechtzuerhalten. Weil es einen eben auch treffen könne. Zudem habe ich Position des wechselseitigen Aufeinandergewiesenseins aller auf alle vertreten.

Ulrich Steinvorth hat für eine solche Position nur bitteren Spott übrig, und dafür ...

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18.05.06

Worte eines Nobelpreisträgers - der muß wohl zum Arzt ...

"Verschiedene Gesellschaften und verschiedene Überzeugungssysteme, verschiedene Kulturen - sie alle unterscheiden sich hinsichtlich der Art und Weise, wie ihr Blick auf die Welt verfaßt ist, und deshalb verfügen sie auch über verschiedene Anreizsysteme. Wenn wir also versuchen, institutionelle Rahmenbedingungen zu gestalten, die hinsichtlich der Regelung des Spiels leisten, was wir von ihnen erwarten, dürfen wir keineswegs außer Acht lassen, daß das jeweilige Anreizsystem zumindest ein Stück weit, wenn nicht gar vollständig, eine abhängige Variable des kulturellen Erbes einer bestimmten Gesellschaft ist. Dies ist einer der Gründe, warum Wirtschafswissenschaftler als Berater anderer Länder so oft falsch liegen. Sie gehen davon aus, daß ein und dasselbe Wirtschaftsmodell überall anwendbar ist. Aber das kulturelle Erbe, das dafür verantwortlich ist, inwieweit wir dieses Modell als ein sinnvolles betrachten, ist eben nicht universal. (...)

Während die Wirtschaftswissenschaften lange Zeit weder den Institutionen Beachtung geschenkt, noch die komplexen Strukturen in der von uns hervorgebrachten Welt untersucht haben, sind uns in diesem Punkt die Soziologen weit voraus. Ein Blick auf soziologische Netzwerkanalysen zeigt, daß die Wechselbeziehungen, die Teil der Struktur sind, einen hohen Grad an Komplexität aufweisen."

Douglass C. North, Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis des wirtschaftlichen Wandels, in: Max Miller, Welten des Kapitalismus, Frankfurt/New York 2005, S. 137-138 + 140

01.05.06

Mayday: Prekäre Lagen

Andere haben es schon früher mitbekommen. Ich unbefristet Festangestellter - so eine Art Fossil, gefunden irgendwo auf den zerklüfteten Baustellen des Arbeitsmarktes - muß wieder erst DIE ZEIT lesen, um vom "Prekariat" zu erfahren. Ist wie der Frühling: Dauert etwas länger, bis es nach Norden kommt.

Heute ist er da, der Frühling, und DIE ZEIT schreibt über's Prekariat. Über die ungesicherten, die neu ausgebeuteten, die Tagelöhner, die Generation Praktikum, die Zwangsflexibilisierten.

Kurios ist, parallel einen Coverversion von Dylans "like a Rolling Stone" zu hören. Kurios zudem, daß das Prekariat heute den "Mayday" ausruft - wie eine nachholende Kritik an der Generation Techno, die mit ihrem blinden und zugedröhnten Hedonismus, ihrer Attitude des "Spaß Konsumierens" und ihrer Inszenierung FDPhafter Pluralität auch nicht viel mehr erreicht hat als die Prozentzahlen auf derSchuhsohle von Guido Westerwelle. FDP-Pluralität war's, weil's eben Verkaufen auf dem Fleischmarkt der Eitelkeiten und der medialen Aufmerksamkeit war.

Es ist ja falsch, immer den Grünen ...

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27.04.06

"Soziale Leistungsgesellschaft"?

Huch? Was'n das? "Soziale Leistungsgesellschaft"? Durkheim vielleicht - Arbeit(Leistung)s-Teilung (sozial) schafft Solidarität? Perspektive Deutschland - auch schon blöd, dieser Name, macht's doch nur deutlich, daß es sich in diesem Fall um die subsystemspezifische Perspektive McKinseys auf Deutschland handelt - faßt Ergebnisse einer Internetumfrage so zusammen (via B.L.O.G. und Reformstaub):


"Die Mehrheit der Deutschen fordert eine energische Modernisierung ihres Landes. Drei Viertel der Bundesbürger sind der Meinung, dass die Reformen der vergangenen Jahre nicht ausreichen. Große Einigkeit auch bei der Richtung der Veränderung: 83 Prozent sprechen sich für eine bessere Belohnung von Leistung aus, 54 Prozent plädieren für weniger Staat mit einer stärkeren privaten Risikoabsicherung. Gleichzeitig wünscht sich der Großteil mehr sozialen Ausgleich und nimmt den Staat in den Bereichen Gesundheit, Rente und Bildung in die Pflicht."

Abgesehen davon, daß ich das politische Programm als Antwort auf diese Kollektivbedürfnisse ja gestern schon entworfen habe, finde ich vor allem ...

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26.04.06

"Handlungsfähiger Staat" versus "Weniger Staat, mehr Freiheit"

Nun diskutieren sie über Grundsatzprogramme, die großen Volksparteien. Bemerkenswert erscheint mir vor alllem das fast schon Blog-typische Allgemeinheitsniveau der Diskussion. Als sei Politik das Gegenüberstellen irgendwelcher leeren Grundbegriffe, die sich sich dann wie Figuren auf einem Schachbrett gegenüberstehen und hohl anglotzen.

Beck hat in der ihm eigenen Leutseligkeit, die ja nix schlechtes ist, meines Wissens zwei konkrete Punkte genannt, die er unter "handlungsfähiger Staat" subsummiert. Sie folgen unterschiedlichen Logiken: Das Bildungssystem und die betriebliche Mitbestimmung. Ersteres ist im staatlichen Institutionengefüge zu verorten, das zweite eine Rechts-Institution, die Handlungsspielräume in nicht nicht-staatlichen Organisationen erschließt (und andere einschränkt). Ersteres will er ausbauen, das zweite bewahren.

Frau Merkel hat - außerordentlich erfrischend und denkoffen übrigens noch dem Brutalo-Konservatismus einer ..

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31.03.06

Kids, Konsum, Kultur

"Die progressiven Absichten hinter den neuen Gesetzen sind leicht zu erschließen: Arbeitslosigkeit wird nachhaltig bekämpft. Sitzt ein großer Teil der Jugendlichen erst einmal im Gefängnis, verschwinden sie aus den jeweiligen Statistiken und es sinkt die Jugendarbeitslosigkeitsquote. Gleichzeitig wird die Geburtenrate einen signifikanten Anstieg erfahren, da jede Familie bestrebt sein wird, durch hohe Kinderzahl die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wenigstens ein Kind ohne Vorstrafe durch die Kindheit zu bekommen."

Völlig zweckentfremdestes und brutalstmöglichst aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus einem Hartz4all-Blogeintrag. Ich hoffe, Mischa Mandl verzeiht mir - paßt nur so herrlich als Einstieg in das so gar nicht herrliche oder lustige Thema der Berliner Schulgewalt (außerdem fand ich den Eintrag so dermaßen komisch, daß ich nicht nur lange schallend lachte, mein Hund guckte schon schief, sondern ihn mir auch gemerkt habe). Ziemlich gut ...

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13.03.06

Untertanengeister

In Frankreich tobt derzeit der Kampf gegen eine neue gesetzliche Regelung, die es erlaubt, als Arbeitgeber Berufseinsteiger möglichst schnell wieder feuern zu können, wenn die's nicht bringen. Girl weist darauf hin, daß dies im Koalitionsvertrag hierzulande als generelle Regelung bei Neueinstellungen ebenfalls geplant ist (via Hartz4all). Habe das zwar nicht gegenrecherchiert, liest sich aber außerordentlich realistisch ...

Hier wird sie auf fruchtbareren Boden fallen als in Frankreich, diese Reform: Ist doch der Wihelminismus das eigentlich relevante, gesellschaftliche Paradigma hierzulande, zumindest innenpolitisch gesehen, den "Platz an der Sonne", z.B. an der aufgehenden, suchen ja derzeit allenfalls Investoren.

Es darf wieder stolz gebuckelt werden! ist der Konfuzianismus nicht sowieso so was ähnliches wie Wilhelminismus? Mir ist der Taoismus ja näher ...

Das Zeitalter der flachen Hierarchien und des Teamgeistes, letzteres ja sowieso dem liberalen Individuum ein Gräuel, wird versinken ... Hauptsache, die altbewährte Gutsherrenart setzt erneut sich durch. Warum noch begründen müssen, wenn man feuert? Recht gründet auf Machterhalt in autoritären Systemen ...

Ein Dreiklassenwahlrecht brauchen wir gar nicht wieder einführen, gesellschaftlich relevante Fragen werden sowieso schon diesem Muster folgend entschieden: 1.) Geldadel, 2.) junge und alternde "Performer" und 3.) dann noch der dreckige Rest, der eh nur per Sozialsystem den Leistungsträgern das Geld aus der Tasche zieht ...

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