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21.05.07

Lack, Leder, Strapse: Stoff für RARsisten, das Forum ist down! (Erik, tu was!)

"Besonders der Fetischbegriff ist unzertrennlich mit Afrika verbunden. Abgeleitet von spätlateinisch "facitius" und portugiesisch "feiticio", "künstlich gemacht", geht er auf die Frühzeit des Endeckungszeitalters zurück. Als die portugiesischen Händler und Missionare sich im 15./16. Jahrhundert an den Küsten Westafrikas etablierten, meinten sie in ihrem religiösen Eifer dort jene Verehrung "künstlicher Gegenstände", also jene Praktiken von Hexerei, Idolatrie und Teufelsanbetung wieder zu finden, deren scharfe Verfolgung zur gleichen Zeit eines der Hauptanliegen der katholischen Kirche in Europa war. "Idol-" bzw. "Fetischverbrennungen" wurden im Gebiet des engsten Verbündeten Portugals, dem Königreich Kongo, veranstaltet, dessen Elite zum Christentum übergetreten war und das frühes Missionsziel war. Seitdem ist der Aufstieg des Fetischs als europäische Projektion des zugleich gefährlich Faszinierenden und Unterdrückten auf Afrika unaufhaltsam. Als die Holländer und andere europäische Mächte den Protugiesen nach Afrika folgten, verfestigte sich die Disqualifizierung aller afrikanischen religiösen Praktiken als Fetischismus, damit als bar jeder Manifestation des reinen Geistes Gottes. Die reale Beschaffenheit, ganz zu schweigen von der Vielfältigkeit, Tiefe und soziopolitischen Implikationen, kosmologischer Vorstellungen und Weltbilder in Afrika diente nicht nur zur Herabsetzung der Afrikaner und ihrer Versklavung, sondern blieb auch weiterhin fest im europäischen Diskurs verwurzelt. Sie stand zunächst im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Katholizismus und Reformation um die Bedeutung der katholischen Sakramente und deren Reliquienkult, in den die Protestanten mit dem Fetischismus verwandte Praktiken sahen und diente dann den Philosophen der Aufklärung als Argument für die Unvernunft der Religion."
Paola Ivanov, Afrika-Europa in den (Kunst)-Objekten, in: Peter Junge (HG.), Kunst aus Afrika, Köln/Berlin 2005, S. 36-37

Einer meiner ersten Comics war "Tim und der Arumbaya-Fetisch", der spielt allerdings bei den "Kopfjägern" im Amazonas-Becken. Und "Tim im Kongo" gibt's ja auch - 'n Belgier halt.

Da denkt man zudem an den adornitischen "Fetischcharakter der Ware" und ruft zugleich innerlich aus: Ran die Sneaker, Norbert Bisky!

PS: Jetzt isses wieder da, das Forum. Macht ja nix. Die meisten lesen ja wahrscheinlich eh hier mit.

31.01.07

Renovieren?

"Die Kunst aber wäre, Heimweh zu haben ob man gleich zu Hause ist. Dazu muß man sich auf Illusion verstehen." Kierkegaard, Sämtliche Werke (recte: Gesammelte Werke) IV ("Stadien auf dem Lebensweg", Jena 1914) p12 Das ist die Formel des Interiereurs."
Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Bd. 1, S. 289, Frankfurt/M. 1989

Eine Kollegin referierte gestern die Perspektive einer Japanerin auf deutsche Lande. Wie unsinnig es doch sei, daß so viele sich über die Amerikanisierung der Kultur beschwerten - eigentlich sei Deutschland doch fest in schwedischer Hand. Da höre ich den Jubel aus der Ecke der Wohlfahrtsstaatsverräter. Doofes Wort, wenn man's durchdenkt,"Wohlfahrtsstaatsverräter", so richtig doof, schamdurchtränkt sitze ich hier nun.

Dolchstoßlegenden sind doch was für die andere Seite, für die die Falken - aber dieses Wort, "Wohlfahrtsstaatsverräter", das hat einen so eigenwilligen Rhythmus, find ich cool, den Rhythmus - außerdem muß ich dann immer an "Feigling, Verräter" von Dschingis Khan denken, auch so ein epochemachendes Stück, daß dann dem Vergessen anheimfiel, und dann bekomme ich gute Laune und werfe ein paar Gläser an die Wand.

Gemeint ist freilich nicht ...

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30.01.07

Ziele

"Ich war in gewisser Weise steckengeblieben; ich kam nicht weiter. Das bewirkte für mich etwas; es machte Komposition, Arrangement, Verhältnisse, Licht und all das dumme Gerede über die Linie, über Farben und Form überflüssig, denn ich wollte etwas Bestimmtes erreichen; ich setzte es (das Image) in die Mitte der Leinwand, denn es gab keinen Grund, es ein wenig zur Seite zu setzen."

WiIlem de Kooning, zitiert nach: Heinrich Klotz, Kunst im 20. Jahrhundert, München 1999, S. 42

22.01.07

Lebensformen und ihre Voraussetzungen

"Jeden Morgen das gleiche Ritual. Jeden Morgen mein Gesicht in gleicher Qual. Jeden Morgen dieses Fügen vor dem Spiegel und im Bus. Jeden Morgen die Frage, ob ich will und ob ich muß."

Klaus Hoffmann, Die Mittelmäßigkeit

Tja, so geht's einem dann, mehr als 20 Jahre später - damals war's die Angst, so zu werden. Nun ist man so.

Mit Lebensentwürfen ist das ja so eine Sache. Strukturell kennzeichnend für Konservatismus ist ja, Lebensentwürfe und Lebensformen selbst zum Normativen zu erheben. Also nicht etwa Regeln wie "Du sollst nicht töten" oder "Du sollst nicht ausbeuten" zu formulieren, sondern positiv formulierte Regeln, wie man zu leben habe, wahlweise mit Rechtsmitteln oder jenen der sozialen Kontrolle anderen aufzuzwängen. Wenn's irgendetwas gab an den 2,3 Generationen der Linken vor mir, was mich so richtig angekotzt hat, dann war es genau das: Daß da immer Sittenwächter unterwegs waren, die in großem Bogen mit allen Mitteln der Moralisierung, ....

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07.01.07

Die Grundbefindlichkeit der Angst

Zu was verhält man sich eigentlich, wenn man sich zu seinem Zu-Sein verhält? Zu sein hat man, es sei denn, man bringt sich um. Oder man findet sich in Umständen wieder, die einen nicht weiter leben lassen. Passiert weltweltweit entschieden zu oft.

In unseren Breiten kann man aber guten Gewissens sagen: Leben ist zuallerst Sich-Verhalten zum reinen Faktum der Existenz.

Okay. Und Sich-zu-Sich-verhalten? Zu was verhält man sich da?

Zu dem Ich, das ich bin, verhalte ich mich wohl kaum. Was sollte dieses "Ich" auch sein? "Mein Ich sagt mir, daß ich jetzt etwas essen möchte", solche Sätze sagt zwar der eine oder andere manchmal, aber zumeist reicht es wohl, zum Ausdruck zu bringen, daß man etwas möchte, also: "Ich möchte etwas essen".

Spezialfälle sind "Mein Instinkt hat mir gesagt, daß ich jetzt in Aktie A investieren sollte" oder "Mein Trieb will jetzt Sex", also jene seltsamen Regenten irgendwo in mir, die mich dann steuern. Im Strafrecht wäre da wohl das Kriterium der "Nicht-Zurechrechnungsfähigkeit" gegeben, es gibt Tendenzen in den Neurowissenschaften, das zu generalisieren.

Es gibt tradionelle Formen des Sich-zu-Sich-Verhaltens, ...

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24.12.06

Natalität

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"Auch an der Natalität sind alle Tätigkeiten gleichermaßen orientiert, da sie immer auch die Aufgabe haben, für die Zukunft zu sorgen, bzw. dafür, daß das Leben und die Welt dem ständigen Zufluß von Neuankömmlingen, die als Fremdlinge in sie hineingeboren werden, gewachsen und auf ihn vorbereitet bleibt. Dabei ist aber das Handeln an die Grundbedingung der Natalität enger gebunden als Arbeiten und Herstellen. Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln."
Hannah Arendt, Vita Activa, S. 15

Und Handeln geht nur zusammen. Insofern Dank an alle, die hier regelmäßig vorbeischauen - und in diesem Sinne allseits ein frohes Fest!

23.11.06

Amöben oder: Beschimpfungskultur

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Foto: Mikroskopie

Am Millerntor gibt es zumeist ja die Regel: Gerne die gegnerische Mannschaft verulken, aber möglichst nicht beschimpfen. Da kommen gelegentlich ganz tolle Sachen bei raus. Z.B. damals, als Ede Geyer, damals noch Cottbus-Trainer ausgerechnet vor dem Spiel auf unserem heiligen Rasen seinen Spielern unterstellte, sie würden rauchen und rumhuren wie die Nutten auf St. Pauli. Was nun ziemlich deutlich eine Beleidigung der stolzen Huren auf St. Pauli war. Die "Ede in den Puff"-Chöre waren eine gute Antwort. Wir gähnen somit auch immer bei "Scheiß St. Pauli, Scheiß St. Pauli"-Rufen, bei ganz doofen Chören wie "Nazipack St. Pauli" oder "Wir ficken eure Mutter in den Arsch" gibt's auch mal ironischen Applaus.

Nun wäre das wirklich ein Thema für Dissertationen, eine Phänomenologie verschiedener Beschimpfungskulturen zu verfassen. Der Hip Hop hat da ja die alte Kunstform der Schmährede wiederbelebt, manche gefallen sich auch in der Rolle des Pöbelbloggers. "Reine Schmähkritik" ist meines Wissens sogar eine mögliche, juristische Tatsache. Wenn ein schlichtes "Depp" oder "Arschloch" fällt, finde ich das trotzdem in den meisten Fällen völlig in Ordnung, ist halt Ausdruck von Wut, und diese Kultur krankt eh daran, daß eine angemessene Emotionshaushaltsführung nicht möglich ist. Da frage ...

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21.11.06

Laßt ihn nicht fallen!

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Ich habe Samstag Rosen gepflanzt. Auf meinem Balkon. In Rosentöpfe, industriell gefertigt. Scarborough Fair und L.D. Braithwaite, geschaffen von Züchtergott David Austin.

Eigentlich sind Rosen ja einmalblühende Geschöpfe mit gerade mal 5 Blütenblättern. Wunderwerker wie der Herr Austin haben die Tradition der Prachtentfaltung aus dem schlicht Gegebenen perfektioniert. Haben Kitsch und Naturnähe harmonisiert - gewaltige Blüten auf wuchernden Sträuchern. Da sitzt die Farbenpracht nicht aufgesetzt auf steifen Senkrechten, wie's bei den T-Hybriden der Fall ist. Locker und verspielt verteilen sie sich in dichtem Laub, und auch die Töne, das Rot, das Rosa, entbehren jeder Künstlichkeit - kein grelles Gelb wie bei den Dahlien, die ich noch aus Blumensträußen in den 70ern kenne, die wir als Kinder "Spinnenblumen" nannten.

Die Spinennblumen und Baccara-Rosen-Ära: Das war noch die Zeit der orangenen Tapeten, des Plastiks allerorten; eben jenes Wegwerf-Universums, das quietschbunt ...

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19.11.06

Klaus Mann, die Knef und Sartre - und warum in Jacques Brel sie münden

"Sie schreiben mir einen Brief aus der Nähe von Marseille. In den kleinen Badeorten am Golf de Lyon, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris, schreiben Sie, säßen jetzt als Flüchtlinge die jungen Deutschen, die mich und meine Bücher einst so sehr verehrten. Durch Zeitungsnotizen müßten Sie erfahren, daß ich mich dem neuen Staat zur Verfügung hielte, öffentlich für ihn eintrete (...). Sie stellen mich zur Rede, freundschaftlich, aber doch sehr scharf. Sie schreiben: was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, denen das ganze übrige Europa gerade diesen Rang bestreitet? (...) Sie werden doch immer der Intellektuelle, das heißt der Verdächtige, bleiben, und niemand nimmt sie dort auf."
Gottfried Benn, Antwort an die literarischen Emigranten, in ders.: Leben ist Brückenschlagen, S. 94, Wiesbaden 1962 So Gottfried Benn in seiner berühmt-berüchtigten Antwort auf die literarischen Emigranten 1933. Oder war's '34? Eine Antwort ist dies auf Klaus Mann. Wie recht dieser hatte, hat Benn zwei Jahre später erfahren, als er selbst in argen Trouble mit dem neuen Regime geriet, dem er nur durch Flucht in die Wehrmacht entgehen konnte.

Zu Beginn jedoch, als entflammt der große Dichter und politische Idiot sich der "neuen Bewegung" ...

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17.11.06

Der zweifache Sinn von Sinn

"Die "Revolution der Denkart", die Kant innerhalb der theoretischen Philosophie durchführt, beruht auf dem Grundgedanken, daß das Verhältnis, das bisher zwischen der Erkenntnis und ihrem Gegenstande allgemein angenommen wurde, einer radikalen Umwendung bedürfe. Statt von einem Gegenstand als dem Bekannten und Gegebenem auszugehen, müsse vielmehr von dem Gesetz der Erkenntnis als dem allein wahrhaft Zugänglichen und als dem primär Gesicherten ausgegangen werden; statt die allgemeinsten Eigenschaften des Seins im Sinne der ontologischen Metaphysik zu bestimmen, müsse durch eine Analyse des Verstandes die Grundform des Urteils als der Bedingung, unter welcher Objektivität allein setzbar ist, ermittelt und in all ihren mannigfaltigen Verzweigungen bestimmt werden.

(...)

Der Gehalt des Geistes erschließt sich nur in seiner Äußerung; die ideelle Form wird erkannt nur an und in dem Inbegriff der sinnlichen Zeichen, derer sie sich zum ihrem Ausdruck bedienen. Gelänge es, einen systematischen Überblick über die verschiedenen Richtungen dieser Art des Ausdrucks zu gewinnen - gelänge es, ihre typischen und durchgängigen Züge sowie deren besondere Abstufungen und innere Unterschiede aufzuweisen, so wäre damit das Ideal einer "allgemeinen Charakteristik" (...) für das Ganze des geistigen Schaffens erfüllt. Wir besäßen als/dann eine Art Grammatik der symbolischen Funktionen als solcher, durch welchen deren besondere Ausdrücke und Idiome, wie wir sie in der Sprache und in der Kunst, im Mythos und in der Religion vor uns sehen, umfaßt und generell mitbestimmt würden."


Ernst Cassirer, Philosophie der smbolischen Formen, Band 1, Die Sprache, Darmstadt 1964, S. 9 + 19

Und da gibt es Leute, die der Geisteswissenschaft den Geist austreiben wollen ... andere, die die Welt auf Gier und Liebe reduzieren ...

Madonnen-Statue, Warhol-Siebdruck, mathematische Formel oder ein Satz ... eine Senderlogo, eine Zahnpasta-Verpackung oder einer, der auszog, das Fürchten zu lernen ... Homer und Houdini, Paulus und Passolini ...

Das Animal symbolicon in seiner quasi-transzentalen Bedeutung fortzuschreiben, das wäre mal wieder ein Projekt. Vielleicht in Form einer Medientheorie - die symbolischen Formen wären dann Medien, die in verschiedenen Formen sich ausdifferenzieren. Cassirer hätte es verdient. Wirtschaft, Recht, Politik und nicht nur Kunst als Weisen des Zeichengebrauchs zu verstehen, das war mal trendy, es sollte es wieder werden ... "Stehen sie auf, wenn der Richter den Saal betritt" ... haltet die Klappe angesichts der Weltformeln der Ökonomen ... ihr Semiotiker von einst, lieber Roland Barthes, im Durchgang durch Cassirer würden wir euch wiederentdecken. Let's do it. Mein Weg ist mein Weg ist mein Weg ...

15.11.06

Medialität und Realität

"Bestimmte Preise können nur festgelegt werden, wenn es ein Spektrum unterschiedlicher Geldbeträge gibt, bestimmte Sätze können nur formuliert werden, wo ein mehr oder weniger reichhaltiges Vokabular zur Verfügung steht. Medien sind also keine Instrumente, mit denen etwas erreicht oder zugänglich wird, das auch anders erreicht werden könnte. Medien sind konstitutiv für die Handlung, die in ihrem Element ausgeführt wird. Ohne Licht hätten wir nichts zu sehen, ohne Sprache hätten wir nichts zu sagen. Medien, mit einem Wort, sind Elemente, ohne die es das in einem Medium artikulierte nicht gibt.

(...)

Aus der internen Verbindung von Medialität und Realität folgt also nicht, dass alle Wirklichkeit im Grunde eine mediale Konstruktion ist. Es folgt lediglich, daß es mediale Konstruktionen sind, durch die uns oder überhaupt jemandem so etwas wie Realität zugänglich ist. Realität ist nicht als mediale Konstruktion, sondern allein vermöge medialer Konstruktion gegeben."

Martin Seel, Medien der Realität - Realität der Medien, in ders.: Sich bestimmen lassen, Frankfurt/M. 2002, S. 124 + 133

24.10.06

Was man meinen kann, wenn man "Heimat" sagt ...

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Foto: Heino Strunk

Manchmal rieche ich ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, Grünkohl und deftige Erbensensuppe, spüre feuchte Luft und fühl mich ganz, ganz tief im Innern einfach nur Zuhause. Habe dieses wohlige Gefühl im Magen, das man hat, wenn man nach dem Waldspaziergang etwas Warmes ißt. Und das alles nur, weil Rayson was über Niedersachsen schreibt ...

Habe nie die Leute verstanden, die gegen einen Begriff von "Heimat" polemisierten. Dumm nur, daß hierzulande zumeist die Ekligen ihn sich anheften. Und Revanchisten damit ihre eigenen Sehnsüchte boykottierten. Dabei ist das doch eigentlich nur ein Gefühl des Hingehörens, wo man ist. Des gerne dort seins. Oder auch des gerne wieder dort sein Wollens.

Ist bei mir jetzt Hamburg, dieses gerne dort sein. Aber noch nicht mal das ganze Hamburg. Hamm oder Barmbek oder gar Wellingsbüttel, selbst Eppendorf, das ist schon was immer auch Fremdes. Othmarschen nicht, weil's an der Elbe liegt. Heimat ist schon was Eigenes, nicht eine Tracht. Ist eine Perspektive. Und erlebte Zeit.

Wenn ich so per Zug oder ...

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20.10.06

Versuch der Einfühlung (wahrscheinlich scheiternd)

Sie haben mich zum Verbrecher gemacht! Zum schändlichen Verbrecher!

Ja, ich weiß, 17 Jahre ist das jetzt her. Da war ich gerade mal 18. Da haben sie es mir eingepflanzt, dieses ganze, falsche Bewußtsein. Schande: Die Jugendweihe fand ich sogar schön. Ich schäme mich so. Bin aber oller Pathos mitspaziert und habe "Wir sind das Volk" gerufen. Na, erst kurz vor Schluß. Als man es sich trauen konnte. Und auch "Wir sind ein Volk" habe ich dann gegröhlt. Das war lustig, so mit all den anderen. Und endlich mal ohne blaues Hemd mit den anderen was singen ...

Habe wie alle dann die Sex-Shops besucht. Und wußte endlich, was es hieß, wenn da so viele Joghurt-Sorten im Regal stehen. Hatte Muttern erzählt, von den Joghurtsorten, die durfte kurz vor Schluß immer mal rüber, West-Verwandschaft besuchen.

Und von diesen höhnischen Sprüchen dieser ganzen linken Drecksbande da drüben hat sie berichtet, Sprüche wie "Denkste, der normale Wilhelmsburger kann da beim Einkaufen jeden Tag aus den Vollem schöpfen und sich erst mal 'ne Pallette Luxus-Joghurt nach Hause liefern lassen?" Zynische Drecksäcke. So'n Student war das. So einer, der auf Staatskosten nur Phrasen drischt und sich seine Ideologie-Produktion auch noch von ehrlichen Arbeitern finanzieren ließ.

Morgens, wenn ich aufwache, habe ich immer Schulgefühle. Daß es mir überhaupt weh tat, als Walter, mein Vater, mit abgewickelt wurde. Der Versager. Dabei hatte er mindestens 3 Kredite laufen - für's Auto, die Einbauküche und ...

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03.10.06

Cluster Dir einen!

Brunella Brunnen.jpg

Foto: Oeko-Energie

Diese Gehirnhälften-Theorien finde ich ja blöd. Jene, die behaupten, die eine Hälfte sei für das Analytisch-Begriffliche, die andere für das Bildhaft-Assoziative zuständig. Dennoch hat sie allerlei Leute dazu animiert, durchaus genußvolle Methoden zu entwickeln, wie man jenseits des Analytisch-Begrifflichen zu anderen Formen der Wahrnehmung durchdringt, die man normalerweise gar nicht nutzt.

So auch Frau Dr. Gabriele Rico, die eben solche bezüglich des literarischen Schreibens entwickelt hat. Habe ich mir gestern zugelegt, ihr Werk, auch wenn der doofe Titel "Garantiert schreiben lernen!" mit Sicherheit nicht anhand der im Buch beschriebenen Techniken gefunden wurde.

Kann gerade Blogger durchaus bereichern, die Aufgaben in dem Buch mal durchzuspielen. Lustige Übungen finden sich darin, und bei denen kommen dann ...

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02.10.06

Komm, sag es allen weiter ...

Katholiken aus Norddeutschland raus!

Sie haben es so gewollt, daß man solche Sprüche schreibt. Ich nicht, sondern der hier. So einer wie der Herr Jaschke paßt hier auch nicht her, nicht nach Hamburg, nicht nach Hannover. Wie der sich schon anzieht. Das sollte ich mir mal erlauben, mit so einem Purpur-Käppi zur Arbeit zu gehen. Da passen Somalis, Litauer und Türken einfach besser in einen profane, vor Ole von Beust einst noch weltoffene Hafenstadt als diese Provinzler mit ihrem barocken Tand. Religion ist eben immer auch eine Frage der Ästhetik, und wer da konservieren will, den bestraft das Leben.

Wie es so um den aktuellen Stand des Protestantismus hierzulande bestellt ist, zumindest in Hamburg-Hamm, das hat mich gestern auch nicht gerade beglückt. Der Erwachsenen-Taufe eines guten Freundes durfte ich zuschauen in einem gelben Backsteinbau - gut, Hamm gehört meines Wissens zu jenen Regionen der Stadt, in der die Feuerstürme am heftigsten wüteten, da stehen dann halt keine historischen Bauten. Ein Stadtteil, der komplett neu aufgebaut wurden. Aber diese doch außerordentlich hohe, gelbe Backsteinmauer, auf die man da starrte ... nee, meditativ fand ich das nicht.

Dachte sehnsüchtig an das Kirchenschiff aus dem 17. Jahrhundert in meiner Heimatgemeinde zurück - das war eine Zeit lang schon so etwas wie ein Zuhause. Der Kirchturm war das älteste Gebäude der Stadt, aus unerfindlichen Gründen ist bei mir hängen geblieben, daß er aus "Raseneisenstein" bestand, so die Grundschullehrerin. Aus dem 12. oder 13. Jahrhundert war der.

Auch diese Geschichte, daß die Kirchturmuhr die einzige Uhr in der Stadt gewesen sei, so hätten die Bauern beim Geläut gewußt, wann es Zeit ist, das Feld zu verlassen, hat mich kleinen Pöks mit der frisch erhaltenen Digitaluhr am Handgelenk nachhaltig beeindruckt. Allein die schlichte Tatsache, daß die Bauern keine Armbanduhren gehabt hätten.

Der Weihnachts-Vorabend, an dem ich sie geschenkt bekam, die Digitaluhr - ich glaube, da schaute noch der Diakon bei meinem Vater vorbei auf ein Glas Wein. Dieser Gemeinde-Gedanke, den fand ich ja immer super. So eine Art Ur-Solidarität. Fand es sehr beruhigend, daß der selbe Pastor, der mich konfirmiert hatte, auch meinen Vater unter die Erde brachte. Über den Gemeindegedanken redet allerdings kein Schwein, wenn's aktuell um das "christliche Menschenbild" geht, was immer das sein soll - jenes der Erbsünde? Ich lese viel zu solchen Themen, spezifiziert habe ich es nirgends gefunden, das christliche Menschenbild. Das wird leidglich beschworen, ganz besonders die Rolle der Frau - und über die Rippe redet dann keiner außer diesem einem Kolumnisten am rechten Rand der Blogosphäre.

Und nun bin ich also mal wieder in der Kirche gewesen. Daß mir der christliche Glaube durchaus viel bedeutet, das habe ich ja hier schon häufiger geschrieben. Nach dem Gottesdienst frage ich mich, ob's wirklich der christliche ist.

In einer Kirche drinnen, bei einem Gottesdienst, war ich tatsächlich seit 1992 nicht. Da war die Beerdigung meines Großvaters. Und so findet man sich in einer schwul-hetero gemischten Gruppe von Menschen zwischen 25 und 45 wieder in einer Wohnung in Hamm, um zur Taufe zu gehen, und alle, die man anspricht, waren das letzte Mal bei einer Beerdigung in der Kirche. Einer ist dabei, der sogar Theologie studiert hat, ähnlich wie ich in der Friedensbewegung der frühen 80er kirchlich sozialisiert. Der ist dann mitten im Examen abgebogen in ein anderes Leben, weil er als Homo Berufsverbot als Pastor erhalten hätte. Keine Ahnung, wie das heute so ist bei uns Evangelen, aber damals gab es einige, solche Fälle. Und so spazieren wir in die Backsteinkirche und schauen dem Erntedankgottesdienst mit integrierter Taufe und integriertem Abendmahl zu ...

Irgendwie hat mich der Gottesdienst seltsam berührt - gerade in der Hinsicht, die ich damals in frühen 80ern als Teenie so toll fand. Der Pastor gab sich betont locker, das ging auf Kosten des Feierlichen. In seine Predigt zur Dankbarkeit angesichts des Reichtums der Schöpfung stieg er ein, indem er über Klimawandel und Umweltzerstörung referierte. Paßt ja, inhaltlich; die Forderung nach einem spirituellen Umgang mit dem Kreatürlichen, den er durchaus beschwor, ...

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21.09.06

Päpstliches, noch mal

Na, dann hat's ja doch noch jemand anders gemerkt, was in dieser Papst-Rede neben einem außerordentlich seltsamen Einweben der Zitate von Leuten, die von anderen Bloggern als "Türkenschlächter" bezeichnet werden (womit Che wohl Recht hat, ich weiß nix über diesen Kaiser), so alles drinnen steckt. Die Jungle World weiß zu vermelden:

"Die religionspolitischen Aufgeregtheiten haben es verhindert, die geistesgeschichtliche Sensation dieser Vorlesung überhaupt wahrzunehmen. Mit dem Logos als Vermittlungsbegriff fordert Benedikt einen Begriff von Vernunft, wie er in der deutschen Philosophie zuletzt von Horkheimer und Adorno, von Marcuse und dem jungen Habermas vertreten wurde. Habermas klagte im deutschen Positivismusstreit über einen »positivistisch halbierten Rationalismus«. Diese damals »linke«, »emanzipatorische« Position ist nun die des Papstes: »In diesem Sinn gehört Theologie (…) als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein. Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen"."
Was die Jungle World freilich ignoriert, ist, wie Benedikt über die Kritik an einer positivistisch halbierten Vernunft (die übrigens nicht nur den frühen Habermas, sondern dessen ganzes Werk prägt) sofort zu einer Rationalisierung des Glaubens und einer Spiritualisierung der Vernunft übergeht.

Das kommt dann raus, wenn man die sprachanalytisch-sprachpragmatische Entwicklung der Kritik der instrumentellen Vernunft nicht mehr rezipieren mag - trotz der ausdrücklichen Betonung des biblischen "Am Anfang war das Wort", auf das Benedikt sich beruft.

Das zeigt einfach nur, daß Benedikt sich mental immer noch in den 60er Jahren aufhält, denn die von ihm formulierten Problemstellungen sind im Grunde genommen Teile dessen, was im Umfeld der oft gescholtenen '68er diskutiert wurde oder auf sie geantwortet wurde: Die Relation Subjekt und Gesellschaft, die Verortung des Guten in konkreten Lebenformen, die ihrerseits normative Kraft entfalteten, sowie die Attacken auf eine liberale Ideologie, die im Egoismus sich erschöpfen würde. Er ...

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21.07.06

Stellt das nicht das Problem auf den Kopf?

Via MartinM bin ich bei einer Diskussion gelandet, die an eine andere hier im Blog anknüpft. Gefragt wird, wenn ich's richtig verstehe, ob der Typus des armen Poeten zu wirkungsmächtig als Vorbild für "Kunstschaffende" sei - und wieso so viele es als schlimm empfänden, daß man mit "Kunstschaffen" auch Geld verdiene.

Nun wird "Kommerzialität" wohl in einer starken und einer schwachen Weise als Beurteilungskriterium verwendet: Einmal einfach rein-ästhetisch als Kriterium für "Gefälligkeit", "Massenkompatibilität" etc., eben nicht wirklich qulitativ hochwertig, sowas wie Lidl. Da kann dann die ganze Nummer mit den Distinktionsgewinnen anknüpfen, daß man sich also nur über eine reine Abgrenzung zur tumben Masse selbst als ästhetische Elite begreifen will. In dieserV Relation kann man sich als armer Poet ganz gut selbst bestätigen.

Die andere, stärkere Verwendungsweise setzt er bei der Frage an, was es mit den "Kunstwerken" selbst macht, wenn sie für einen Markt produziert werden - sie liegt also der ersten sozusagen zugrunde. Und ebenso, was es mit dem Künstler macht, wenn er beginnt, sich an Kundenwünschen zu orientieren.

Das ist viel komplizierter, weil es Fragen des Authentischen, des Expressiven, auch kunstgeschichtliche Fragen sowie die Möglichkeit einer wie auch immer "unverfälscht" auftretenden Kunst aufwirft, und ebenso jene der Möglichkeit einer sehr weit zu verstehenden "Aussage" des "Kunstwerkes". Wie auch die Frage, ob man diese denn produzieren kann, wenn man die Verkäuflichkeit antizipiert: Weil Märkte für kreative Leistungen in der Regel temporär, je nach "Angesagtem", bestimmte Formen vorgeben, die einfach nur gesellschaftlich Dominierendes reproduzieren und meistens die konkrete Form dann auch "abnutzen" (Paradebesipeil sind hier immer Punk und die Neue Deutsche Welle in den frühen 80ern). Das Ergebnis ist dann die "Kommerzialität" als ästhetisches Kriterium, jedoch nicht einfach nur so, sondern in einer Kritik der politischen Ökonomie ganz klassisch bbegründet.

Dann ist aber gar nicht die Frage, ob man nun Geld verlngen sollte für kreative Leistungen, sondern in der Tat, ob Kunst in Märktverhältnissen möglich ist. Dann muß man aber die uralte Frage beantworten, was Kunst denn sei, und das ist eine andere Frage als die nach der Entlohnung ... und ebenso läßt sich die Frage, was Kunst wert sei, so zumindest nicht mehr ausschließlich monetär beantworten.

11.07.06

Nachschlag zum Erhabenen

Dieses mal-eben-so-in-Beziehung-Setzen des Kantischen Begriffs des Erhabenen zu schlechthin großem Fußballspiel kann ich hier freilich nicht einfach so stehen lassen. Lassen wir zunächst Adorno kommentieren:


"Zur Invasion des Erhabenen in die Kunst trug einst der Naturbegriff der Aufklärung bei. Mit der Kritik der absolutistischen, Natur als ungestüm, ungehobelt plebejisch tabuierenden Formenwelt drang in der europäischen Gesamtbewegung gegen Ende des des 18. Jahrhunderts in die Kunstübung ein, was Kant als erhaben der Natur reserviert hatte."

Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1995, 13. Auflage, S. 292

Um diesem kantischen Erhabenen, daß er angesichts von Naturerscheinungen beschrieb, gerecht zu werden, müßte man hier das ganze System referieren; was es mit Vernunft, Verstand, Anschauung etc. auf sich hat und auch den Verlauf der Argumentation Schritt für Schritt nachvollziehen. Ein Blog überfordert das. Diese Passagen ...

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05.06.06

Für ein altes, neues Verständnis des Christentums

Bin ja vehement gegen die Verquickung von Religion und Politik. Was dabei rauskommt, kann man ja in einigen Blogs lesen, die behaupten, sie seien christlich: Forderungen nach Ausgrenzung, der Wunsch nach Erniedrigung Anderer und kulturalistisches Schlachtgeheule, das blanke Verhöhnen und Dämoniseren ganzer Bevölkerungsgruppen.

Daß sich das so gar nicht mit meinem Verständnis des Christentums deckt, irritiert mich gelegentlich. Damals, als ich selbst 2, 3 Jahre mich in einer evangelischen Gemeinde engagierte, sahen wir eher Ähnlichkeiten zwischen einem wohlverstandenen, also sich über Solidarität definierenden, egalitären Kommunismus und dem Urchristentum, als daß sich dessen aktuell partiell proklamiertes Antlitz uns erschlossen hätte - das einer aggressive Doktrin, die unter einer Religion der Liebe Haßtiraden gegen Schwule und Muslime versteht und sich ansonsten als Legitimationsideologie für die Stigmatisierung von ökonomische Schwächeren definiert. Indem sie "Familienwerte" statt "Sozialsystem" fordert und so als kulturelle Kompensation für Ausbeutung und soziale Exklusion der Nicht-Nivelleirten fungiert. Was weiß Gott nix gegen Familienwerte ist, aber gegen den Rest schon.

So freut es den Halbwissenden dann doch, daß laut SpOn in den USA sich nun eine Gegenbewegung zum Verständnis des Christentums formiert, wie George W. Bush es proklamiert.

"An der Spitze der bunten Bewegung, in der sich schwarze Kirchen, moderate Protestanten, liberale Katholiken und religiöse Friedensaktivisten tummeln, stehen Reverend Jim Wallis und Rabbi Michael Lerner. Wallis, ein prominenter linker Evangelikaler, berät Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in spirituellen Angelegenheiten. Sein Buch "Gottes Politik: Warum die Rechte sie falsch versteht und die Linke sie nicht versteht" wurde zum Bestseller. Lerner schmiedet schon seit 2004 Allianzen zwischen progressiven Geistlichen aller Glaubensrichtungen, auch sein Buch "Die linke Hand Gottes" findet derzeit reißenden Absatz. "Die Rechte ist nicht mehr die einzige Stimme", sagt Jim Wallis. "Diese Ära ist vorbei." Das Erscheinen der religiösen Linken auf der politischen Bildfläche ist in Wirklichkeit eine Wiederauferstehung. Der Glaube spielte in der amerikanischen Geschichte bei progressiven Anliegen oft eine entscheidende Rolle, etwa bei der Abschaffung der Sklaverei oder in der Bürgerrechtsbewegung mit dem betont religiösen Martin Luther King an der Spitze."

Das erinnert man sich an einst, da die katholische Soziallehre noch Politiker wie Norbert Blüm nachhhaltig beeinflußte. Das geht ja sogar Benedikt so - entgegen der kompensatorischen Leistung von US-Protestanten fordert er derzeit auch im Namen verschiedener Formen der Liebe Solidarität ein. Nur schade, daß er Schwule dabei ausschließen will. Insofern schön auch das folgende:

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19.05.06

Rätselwort Kultur, Teil 3

Heute: Gesellschaft und Kultur, Teil 1.

Den Douglass C. North hatte ich gestern schon am Wickel in reiner Zitatform. In der außerordentlich empfehlenswerten Ausatzsammlung "Welten des Kapitalismus", herausgegeben von Max Miller, findet eher am Rande eine kleine Kontroverse zwischen Johannes Berger und Douglass C. North statt über den Begriff der "Institution" statt.

Berger empfindet den Begriff von Douglass C. North als unscharf, weil dieser nicht ausreichend zwischen "Kultur" und "Institution" unterscheiden würde. Max Miller stimmt dem in der Einleitung zu, was insofern nicht erstaunt, daß es sich bei Berger und Miller um Gesellschaftswissenschaftler handelt, Institution dort zentraler Begriff ist, und eine "Kultursoziologie", die's ja gibt, sich immer in Gefahr begibt, von den Kulturwissenschaften geschluckt zu werden und ggf. den eigenen Gegenstandsbereich abzuschaffen. Es gibt aber auch gute, sachliche Gründe, beides zu unterscheiden - aber anders, als Berger glaubt, was nun gezeigt werden soll.

Max Miller schreibt in der Einleitung zur Aufsatzsammlung zur wirtschaftswissenschaftlichen Theorie des "Neuinstitutionalismus":

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11.04.06

Rätselwort Kultur, Teil 2

Ja, Rayson, da kann man weitermachen!

Eigentlich sollte im zweiten Teil meines Gegrübels über Kultur die Relation von Gesellschaft und KULTUR thematisiert werden. Angesichts derAntwort von Rayson schalte ich den Teil über "Wissen" und "Praktiken" vor. Auch wenn ...

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09.04.06

Rätselwort Kultur, Teil 1

Eigentlich beschämend: Alle reden von Kultur, und keiner weiß, was damit gemeint ist. Es gibt da Ahnungen, das könnte was mit Goethe, mit Religion, mit Sitten und Gebräuchen zu tun haben. Doch schon diese Reihung der Begriffe, die angesichts ihrer Staubigkeit ein leicht genervtes, allergisches Niesen provozieren, zeigt, daß aktuell nach der heroischen Phase der Postmoderne ganz, wie die neuere, Kritische Theorie es befürchtete, die Lyotards und Derridas und Beaudrillards wohl wider Willen das ganz Konservative befördert haben. Indem sie im Paradigma "Kultur" herumeierten.

Das postmoderne Paradigma war's, ...

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