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06.09.07

Mit der Callas 'nen Sherry trinken ...

Nu isser hin. Ich trauer. Um den barocken Pomp in seiner Aura. Dieses Monument gegen den Schlankheitswahn, diese Stimme ... ich habe sogar die "3 Tenöre"-CD geliebt, heiß und innig. Am meisten dieses hyperkitschige "Dein ist mein ganz Herz, wo Du nicht bist, will ich nicht sein" (habe ich bei Youtube, ganz angemessen, nur solo gefunden). Man muß das nur im richtigen Zusammenhang hören ... schluchz ... na, neben dem, an die ich mich sonst so erinner, schön war's, z.B. auf die "Map" von Jasper Johns dabei gucken, dabei ergeben sich dann ganz andere Zusammenhänge ...

Na, und "Pavarotti & Friends", das kann man Giganten wie ihm sogar verzeihen. Ruhe sanft und geh sofort mal mit der Callas 'nen Sherry trinken. Jetzt darfst Du ja wieder.

16.08.07

The First Prisoner of Rock'n'Roll

Als Damon Albarn damals zu mir sagte (ha! heute mal auf die Kacke hauen!), "Late Elvis is influencial", habe ich das ja erst nicht verstanden.

Das geht nämlich allen am Anfang so, daß sie glauben, es sei der frühe, knackige Rock'nRoller, an den anzulknüpfen sei.

Pop- und Rockhistorisch war's der natürlich auch, der ästhetisch schwarz/weiß Dichotomien auflöste, der Musik gegen alle Schnulzen dieser Welt den Sex zurück gab und der als "White Trash" der eigentliche "Working Class Heroe" wurde, nicht etwa John Lennon, der sich dieses Label dann überstülpte. Aber der Lennon wußte ja auch, wem er ALLES verdankt.

Oder sie steigen ein, indem sie die legendäre, unerreichte, überrragende, nicht zu toppende Session ganz in Leder zum Comeback-Special '68 umwerfend finden, jene, die gestern auch auf Kabel 1 lief.

Aber wenn man den Elvis-Weg weiter beschreitet, dann ist einfach der fast clownesk gestylete Comic-Held Elivis, der Las Vegas-Elvis, der "Elvis On Tour"-King, dem die faltigen Muttis mit Strick-Mützen zujubelten, der lehrt, was Pop und Spiriitualität zusammenführt.

Viel intensiver, als jedes seiner nicht minder überragenden Gospel-Alben das je konnte (die er ja dennoch, ganz kurz vor Schluß auch, sich selbst transzendierend, auf die Bühne brachte - wer da noch Atheist bleibt, hat sie doch nicht alle). Als er langsam aus dem Leim ging, Banana Splits in sich hineinstopfte, sich mit Medikamenten derart zudröhnte, daß der Inbegriff des Homo Oeconomicus, sein Manager Colonel Parker, ihn mit dem Kopf in Eimer voller Eiswasser tunken mußte, damit er überhaupt in Fahrt kam- da war er zugleich auf rätselhafte Art über sich hinausgewachsen. Als er diese überdimensionierten Sonnenbrillen trug, Priscilla mit dem Karate-Lehrer durchgebrannt war und Elvis Musik über sich hinaus zu treiben vermochte, indem Kitsch er Sinn verlieh.

Er hat sich für uns geopfert. Ich habe zu ihm gebetet (kein Witz!), zu ihm geweint, zu ihm geschwelgt und stimme Madonna vorbehaltlos zu: Ohne Elvis bist Du nichts!

"He was the first Prisoner of Rock'n'Roll", ja, da, hat Jon Bon Jovi mal was Schlaues gesagt.Und hat als Inhaftierter Sinn gestiftet und mit Sinnlichkeit versehen .... Danke, Elvis, daß es Dich gab. Hätte Rick Rubin noch die Chance gehabt, mit Dir ein Spätwerk aufzunehmen - da hätte selbst Johnny Cash einpacken können.

In diesem Sinne: It's now or never! Wer sich dagegen wehrt, hat nicht gelebt.

06.07.07

Müßiggang als aller Laster Anfang?

Gehe flanieren Hanging around!

Ist ja spätetens seit den Situationisten programmatische Forderung derer, die meinen, jegliche nutzbringende Tätigkeit im Rahmen des Kapitalismus würde das System nur stützen.

Erinner mich noch gut an die Forderungen in APPD-Programmen, wo zu Zeiten der Teilung Deutschlands die Teilung Deutschlands gefordert wurde - in einen Zone derer, die unbedingt arbeiten wollen, und eine andere, in der man in Ruhe abhängen kann. Zyniker mögen behaupten, daß genau dieses Ziel ja längst erreicht sei. Und die Zone des Müßiggangs läßt sich dann von den Anderen finanzieren. Da Knappheit ja Preise bestimmt, graduell, gab's jüngst auch wieder die Forderung, daß gefälligst die Arbeitenden die Nicht-Arbeitenden deutlich besser dafür bezahlen sollten, daß sie ihnen keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt machen.

Irgendwie damit zusammhängen muß, daß im Umfeld der Hamburger Schule, anders als bei den Leipzigern, immer wieder Menschen vorgeworfen wird, daß sie mit Malerei, Musik oder ähnlichen Tätigkeiten Geld verdienen wollen. Hat der Diedrichesen neulich hier im Kunstverein verkündet (Link liefere ich nach, muß gleich zur Arbeit), haben Tocotronic, die können sich's ja auch leisten, gerade wieder im Rolling Stone beklagt, und das betont der Daniel Richter auch immer, daß er ja nicht zu malen begonnen hätte, um Geld damit zu verdienen.

Auf ihrem aktuellen Album scheinen Tocotronic das zum Programm erhoben zu haben, glaubt man der gestrigen DIE ZEIT.

"Warum, bitte schön, läuft diese Musik nicht im Frühstücksradio?Morgens, wenn die Moderatoren ihrem Auftrag nachkommen, den noch in Lohn und Brot stehenden Teil der Bevölkerung akustisch fit zu spritzen, wenn ein Heer der Schläfer sein Lager verläßt, um sich vor dem Spiegel mühsam in tagaktive, verantwortliche Gesellschaftswesen zu verwandeln - morgens also, inmitten dieser gigantischen Volksermunterungsveranstaltung, die sich Rundfunk nennt, wäre sie ein wirksames Gegengift.

Eine schöne Vorstellung, beim Rasieren Dirk von Lotzows Märchenonkelstimme zuzuhören, wie sie dem Müßiggang das Wort redetl. Eine erheiternde Idee, den Morgenkaffee zu Titeln namens "Sag alles ab" oder "Mein Ruin" zu schlürfen. "Mein Ruin ist mein Triumph, Empfindlichkeit und Unvernunft", werbefinanziert in den Äther hinausgeblasen, das wär' doch was."

Thomas Gross, Projekt Flausen, in: Die Zeit Nr. 28, 5. Juli 2007, S. 51


So, ich geh dann mal duschen ...

02.07.07

Es macht mich wild vor Wut wenn eine Burschenschaft durch mein Gemüsebeet marschiert ....

Dann mache ich doch gleich mal 'ne Tocotronic-Woche. Das neue Album erscheint ja am 6.7., und alleine schon der Vergleich Hamburger versus Leipziger Schule erschien mir doch recht lohnensreich im Vollzug des gestrigen Nachmittags. Außerdem habe ich da was aufzuarbeiten.

Klar, man hörte sich die an, hat sich mit denen irgendwie beschäftigt, hatte lauter Freunde, die Fans waren, ein Konzert habe ich auch mal gesehen - am Hafen war das und hatte irgendeine politische Bedeutung, welche, habe ich vergessen.

Bei dem Konzert damals bin ich fast eingeschlafen vor Langeweile. Hatte um den Dreh herum ein Interview mit Kim Franck, Sänger von "Echt", der Tocotronic als langweiligste Band der Welt bezeichnete. Gut, der ist bis heute nicht gerade der Knaller in Interviews und hat musikalisch auch nix mehr gerissen, seitdem er Franz Plaza oder wie der hieß verließ, aber damals hörte ich tatsächlich lieber "Echt" als diese ganzen mir verkopft erscheindenden Hamburger Bands. Fand Konzerte mit explodierenden Teenies einfach leidenschaftlicher als dieses Geschrammel.

Wahrscheinlich, weil ich Musik eher höre, um mich loszuwerden und mit Mitte 20 meine erste Midlife-Crisis hatte, die so richtig nie wieder versiegte. Wahrscheinlich war's einfach zu nah dran, und ich mußte erst mal 2 Jahre bloggen, um wieder halbwegs zu begreifen, was noch so alles in mir fortlebt nach all diesen Deformationen, die das ganz normale, kapitalistische Mediengeschäft so mit sich bringt. Wobei ich ja die Knef oder Element of Crime als ganz nah dran auch seit Jahrzehnten höre. Letztere freilich gerade mal so 2 Jahrzehnte.

Dann sitze ich neulich bei einer schier unglaublich leckeren Fisch-Lasagne mit Safran-Sauce in der Hamburger Neustadt mit jemandem zusammen, der eines der Tocotronic-Alben produziert hat, man quasselt über Musik, stundenlang, supernett war's, und dann wirft der ständig ein "Das ist genau wie bei Dirk von Lowtzow, der braucht das auch so, musikalisch!". Was mich dann doch frappierte.

Und dann lese ich heute morgen das hier, als erster Kommentar steht's da:

"Der hohe Anteil der Akademikerkinder an den Studierenden in Deutschland rührt m.E. von einer verwässerter Statistik her. Die meisten dieser sog. “Studenten” sind Studenten der Geisteswissenschaften, besonders viele Studierende sind Lehreramtsstudenten. Daneben gibt es natürlich noch die ganzen Gartenbauer und Sozialpädagogen etc. Das hat m.E. nicht viel mit einem Studium zu tun. Die wissenschaftlichen Anforderungen in diesen Fächern gehen gegen Null. In den Lehramtsfächern darf man. z.B. die Wikipeda oder MS Encarta zitieren. Lächerlich.

Wenn man die ganze pseudo-Studiengänge rausrechnen würde, sähe die Statistik wahrscheinlich ganz anders aus."

Und kotze natürlich erst mal quer über den Tisch. Hat der hier geschrieben, der mir stilistisch in seinen Blog-Einträgen eigentlich ganz gut gefällt. Schön schnodderig.

Wie Neo Rauch hört der die White Stripes, und noch 'n anderer Satz vom Staatsmaler fällt mir dazu ein: Daß, was die Leipziger Schule verbinden würde, doch einzig sei, daß dort "Qualität" geschaffen würde.

Und noch was ganz anderes erinniert mein frei flottierender Bregen: Daß Bushido die Typen, die er nicht abkann, als "schwule Studenten" bezeichnet. Verweichlichte Emo-Boys mit zotteligen Haaren und Gitarre vor dem weichen Bauchgewebe, intellektualisiert statt phallisch - also ungefähr so, wie Mark Steyn sich die dekadenten Alt-Europäer als solche vorstellt. Jene, die sich nicht mehr vermehren und nicht mehr kämpfen wollen. Kapitulation halt. Der Bushido meint da noch nicht mal sexuelle Orientierungen primär, und mit Analverkehr haben's diese Berliner Rapper ja eh. Nee, der meint wie Mark Steyn vor allem die Attitude.

Das bildet freilich alles einen dicken Brocken Scheiße, so einen, wie mein Hund ihn absondert, wenn er Verstopfung hat und sich lange immer wieder, immr wieder krümmt, bevor's plumpst: Diese Gesabbel über Pseudo-Studiengänge, über Leipziger "Qualität", Bushidos ausrasierter Hinterkopf und der Haß auf die "schwulen Studenten". Im Grunde genommen ist Bushido ein Neocon. Weiß nicht, ob Markus Oliver auch einer ist, aber der paßt auch sonst ganz gut zu Bushido - Zitat:

"Wenn man glaubt, es ginge nicht mehr weiter bergab, dann kommt garantiert ein neuer Tiefpunkt. So auch beim DSF. Unbedingt bitte einmal um 23:40 Uhr DSF einschalten. Da steht doch tatsächlich so eine Titten-Schlampe und preist ihr Verarschungs-Ratespiel an. Dabei sind die Brustwarzen ihrer Silikon-Titten zu sehen. lch fasse es nicht."

Na, und Bushido moderiert jetzt The Dome und krakeelt dabei rum wie dieser Box-Ansager, der eine zeitlang hip war - und daß ich Tocotronic nicht früher intensiver hörte, das liegt wahrscheinlich einzig dran, daß die Pop-Sauce, in der schon so lange ich schwimme, eben jene fettaugengetränkte ist, die auf den industriell gefertigten Neocon-T-Bone Steaks blubbert.

War's Degenhardt, der einst das Blubbern fetter Saucen besang?

Ich bin für ein Degenhardt-Revival, und Tocotronic sollten mal ein Album mit dessen Songs einspielen ...

30.06.07

Kapitulation, ohoho ...

Meine neue Hymne!

Das optimale Gegengift zu täglichen Streitereien mit Controllern und anderen Sadisten (sorry, Rayson, Du bist explizit ausgenommen, trotz dieser Überschrift einst, daß man irgendwem mit Kapitulation drohen solle), die nur tarnen wollen, daß hinter beheaupteter Ressourcenknappheit immer die Gier der Vorstandsgehaltsbezieher steht, für alle, die sich beruflich und lebensweltlich in der Diaspora fühlen, für alle, die über Broders Stil und Pointen lachen können, die Inhalte dessen, was er schreibt, aber zumeist, nicht immer, zum Kotzen finden - und außerdem als arg verspäteter Kommentar zu dieser Diskussion hier, einfach, weil der Pudel Club dort einmal an völlig falscher Stelle erwähnt wird, Diedrichsen aber mit dem Alter immer besser wird (hat Booldog da drüben zitiert vor numehr einem halben Jahr oder so):

"Dennoch ist der Restbestand einer Klassenverrats-Ethik als Ekel-Sperre gegen bürgerliche Parteien noch vorhanden. Und dieser Ekel lässt sich nicht wegdiskutieren, denn dahinter steckt das zuverlässige Wissen, dass ein Leben, das nicht auch gegen materielle Interessen gelebt wird, zum Sterben langweilig ist.(...) Denn das ist noch immer die albernste Konstante aller Herzblut-Renegaten, dass sie ihre Konversionen stets als wahnsinnig riskante Rebellion beschreiben müssen, gegen mächtige Gegner. Dabei haben sich sogar in der Zone der Republik, um die Dorn und Poschardt so kämpfen, in der Hauptstadt-Kultur nämlich, längst neokonservative Institutionen gebildet, wurden mit viel Verlags- und Elternknete Zeitschriften und kulturelle Treffpunkte gegründet. Langsam welkende, aber ganz unverarmte Pop-Jünglinge, gerne verschroben stolze Hamburger oder Münchner, bemühen sich im preußischen Exil um Eleganz-Darstellungen und das Eliten-Phantasma. Ihr Guru ist Christoph Stölzl. Vielleicht kriegen sie ihn ja als Kulturstaatsminister. Sein veronkeltes Dandytum sieht heute schon - Ästhetik des Vorscheins! - aus wie die Karikatur ihrer krampfbürgerlichen, reaktionären Zukunft."

23.06.07

Elvis' "Unchained Melody"

"Man muß Pop heute gar nicht mehr suchen: man bekommt ihn vielmehr permanent vorgesetzt, und man muß Pop auch nicht mehr verteidigen, außer vor dem notorisch-missionarischen Popverteidiger und Pop-Projektionspack, das in Pop immer noch Heilsbringerqualitäten projiziert, wie es die Bourgoisie einst auch mit ihrem Kunstbegriff tat. Von anderen Kultursystemen erwartet man auch nicht mehr die Rettung der Welt, von Filmen z.B., aber klar, man freut sich über gute Bücher, die gibt's ja auch noch. Aber in keinem dieser kulturellen Speicher- und Ausdruckssysteme wird im strukturellen Zusammenhang eine derartige latente kulturelle Theologie wie im Pop projiziert. Pop erscheint, wie einst die bürgerliche Kunst in bestimmten Zusammenhängen, immer noch wie eine schlecht sublimierte säkularisierte Religion und ist ebenfalls ranzig geworden."
Marcus Maida, Alles muß raus, in: Frauke Boggasch/ Dominik Sittig, ELEND, Zur Frage der Relevanz von Pop in Kunst, Leben und öffentlichen Badeanstalten, Nürnberg 2007, S. 29-30

Die Szene mit der öffentlichen Badeanstalt im Herrn Lehmann von dem Herrn Regener stoppte mich in der Lektüre des Buches. Weiß auch nicht warum: Habe das Buch dann nicht mehr weitergelesen, obwohl ich es eigentlich toll fand. Endlich mal 'ne West-Biographie, die in etwa einfing, womit ich auch als Nicht-Berliner was anfangen konnte, das Gegen-Buch zur "Generation Golf" und diesem ganzen Acessoire-Quatsch, so habe ich das gelesen. Wie ich Element of Crime sowieso toll finde. Weil sich bei denen die Frage gar nicht stellt, ob sie Pop sind oder nicht.

Die ist nicht relevant, weil sie auf ihre ureigene und ziemlich großartige Weise musikalisch und textlich etwas sagen. Und weil sie leiden unter dem Zwang zur Ironie und all dem Rumgeätze.

Deshalb möchte, glaube ich, Herr Regner von seiner oder seinem Liebsten gerne verhaftet werden, hart hat er es gern, singt er irgendwo auf einem Album, weil er dann endlich mal die Klappe halten kann und nicht unaufhörlich originelle Wortbilder ausstoßen muß, was er ja sonst so virtuos beherrscht.

Sind alles nur Vermutungen, aber man gönnt sich ja sonst nix, und ansonsten lese man den Text oben mal der Sparkassenangestellten in der Filiale eines Vorotes von Nürnberg vor. Die denkt, der Typ habe einen an der Waffel.

Was jetzt das beknacktest Mögliche aller Argumente war, das war Nannens "Lieschen Müller", ich schäme mich, und Blixa Bargeld hat trotzdem jahrelang nur Interviews zu einem Thema gegeben: Die Selbstreferentialität der Medien.

Hatten wir ja neulich unten schon, die Pop-Journalisten und ihre Selbstbezüglichkeit - kann mir wenigstens zugute halten, in allem, was ich bisher so produzierte, Pop fast immer als Symptom, Ausdruck und Katalysator für ganz andere kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen gelesen zu haben, deshalb darf ich auch gelegentlich den Anti-Popper spielen. Weil ich den Pop-Standpunkt selbst so selten eingenommen habe.

Wobei man jetzt Elvis Presley, Chuck Berry, Bo Diddley und so, der ollen Janis und solchen, schon noch eine gewissen Heilsmacht durchaus zusprechen darf. Die boten die Chance, sich mit dem eigenen Empfinden und dem eigenen Körper zu versöhnen. Seltsam, daß gerade Elvis und Janis mit ihrem dann so heftig umgingen.

Aber das ist eben das Jesus-Motiv, das ja völlig in Ordnung ist: Sie nahmen unsere "Sünden" auf sich, bis zum Exzess, und sind daran krepiert.

Gerade Elvis, der ja nicht das Heroin sich in die Venen jagte, sondern eben all die Pfannkuchen, Cheeseburger und Banana-Splits sich einführte und Medikamente schluckte, ganz, wie die Stones das in Mother's Little Helpers besungen haben. Die ganz normalen "Sünden" also, "it's now or never", und sie führten dazu, daß bei den Live-Aufnahmen kurz vor seinem Tod er schon von irgendwo anders sang.

Diese späte Aufnahme der "Unchained Melody", da war er mit den "kleinen Sünden" schon so aufgefüllt, daß er singt wie niemand vor und niemand nach ihm. Wo er tatsächlich transzendiert - sich, die Welt, den Gesang, die Musik, einfach alles.

Ansonsten setze man in obige Passage mal einfach statt Pop andere Wörter ein: Markt, Demokratie, Eigentumsschutz, Ökologie, Ehe, Kinder, Gesundheit, Cheeseburger. Und erspüre dann, wie sich das jeweils anfühlt, während man das tut ... und am besten Elvis' "Unchained Melody" dabei auflegen. Oder die Live Aufnahme vom "Rauchhaus Song" aus dem Nachlaß von Rio Reiser. Oder seine Version von "This Boy, auch auf den "Rio Reiser am Klavier"-Alben drauf. Oder das neue Rufus Wainwright-Album. Oder die Callas, wenn sie Puccini singt. Oder Miles Davis' Soundtrack zu "Fahrstuhl zum Schafott". Oder ....

05.05.07

"Sich aus sich herauskaufen können wollen"

Ach, der Peter Wicke. Von dem habe ich ja mindestens genau so viel gelernt wie von jenen Professoren, bei denen ich studierte. Und das in einem gesellschaftlichen Feld, wo man ansonsten eher verlernt. Wo die Leute um so schlechter und kompromitierter arbeiten, je mehr Geld sie verdienen. Wo als "Erfolg" alles gilt, was sich massenhaft verkauft, ganz egal, wasses is. Wo irgendwann um '85 Design für Kunst gehalten wurde und irgendwelche depperten Iro-Träger schon '77 die Marketing-Offensive des Malcolm McLaren stützten, sich völlig betriebsblind ausgerechnet "Hippies" zum Feindbild wählten. Obwohl Iros, glaube ich, erst später kamen.

Derartige Beklopptheiten wirken bis heute, allein der Ostpunk tönt weiter in Unschuld - also nicht das, was draus wurde, sondern das, was vorher war. "Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne". Auch wenn Peter Wicke immer darauf insistiert, die dürfe man nicht heroisieren. Sehe ich anders. Was er aber im wesentlichen vertritt, weil's nervt, über den Weg des Ost-Punk andere Lebenswege in der Ex-DDR zu diskreditieren, den seinen z.B. Oder den von City.

Und das wirft dann die alte Frage nach dem richtigen Leben im Falschen auf, und genau zu dieser sagt Wicke in der ansonsten erschütternd uninspirierten und ratlosen neuen Spex (mein neuer Lieblings-Dummschwätzer ist ja nun Max Dax, dessen Editorial vor Phrasen trieft wie fettig glänzende Pommes an Ruhrpott-Imbißbuden, also wie so vieles, was aus Berlin so rüberdringt, und dann doch lieber das Original, die Ruhrpott-Imbißbude - das mag ich noch nicht mal mehr zitieren, dieses Geschwafel von Netzwerken, die Theweleit im modernen Fußball sieht, von zu definierenden Brüchen und Ozeanen der Gleichzeitigkeit - weiß gar nicht, wen der Broder mal "Herr der Binsen" nannte, aber der hat jetzt echt Konkurrenz bekommen):

"Das würde ich wieder auf diese konstruierte Form von Subjektivität beziehen: Das ist ein Versprechen der Kräfteüberschreitung. Das hat mit dem Widerspruch zu tun, dass auf der eine Seite die kapitalistische Zurichtung einwirkt und damit eine Begrenzung von Subjektivität: Man soll konsumieren und nichts anderes. Das wiederum ist nur möglich, wennn einem dazu die Grenzüberschreitung als Erfahrung versprochen wird. Diese Überschreitung taucht bei den Werbeversprechungen der Konsumwelt immer wieder auf. Sie suggeriert, dass wir uns dank solcher Erfahrungen aus uns herauskaufen können. Dabei wird die ganze Übung eigentlich nur veranstaltet, damit wir Gefangene unserer selbst blieben."
Interview mit Peter Wicke, "Es wird total asozial", in: Spex Mai/Juni 2007, S. 126

Es geht um die Madonna-Konzert-Maschinerie, aber das ist schnurz, das gilt ja generell.

Und was macht meine Generation? Geht da hin. Und die Bilder sind auch super, wirklich!, wobei man schon sehen kann, an welchem Punkt der Entwicklung in dessen Malerei der Stil zum Kalkül wurde. Und mir schwante auch, daß dies dem Künstler selbst auffiel und er auf einmal mitten hinein den ironischen Bruch pflanzen mußte, um sich vor der eigenen Entwicklung zu retten. Das ist der "wahre Heino", der in einem ganz auf magisch-hypnotisch gedrechselten Bild dann im Publikum die Zunge rausstreckt (sieht man in der Miniatur-Auflösung nicht, ist einer rechts oben). Und das ist schade, weil genau das ja das Drama des Punk ist: Das Expressive mutiert zum Effekt. Zur reinen Geste gegen vermeindliche Spießigkeit. Zur leeren Hülle.

Das ist auch bei neueren Bildern von Richter nur im Ansatz der Fall, glaube ich, wer weiß, vielleicht will er ja auch nur Käufer verarschen und lacht sich heimlich schlapp über das, was die dann über seine Bilder sagen und schreiben in Andacht.

Bei mindestens einem Bild war ich mir fast sicher, daß dem so ist, da war zu viel neongelb in die magisch-suggestive Bildmitte getropft, als daß das noch ernst gemeint sein konnte.

Soweit man die überhaupt sehen konnte, die Bilder bei all den da Rumtappenden - aber genau das oben von Wicke beschriebene "sich aus sich herauskaufen" ist ja Motiv jener, die sich einen Richter leisten können und dann abgeschnitten von jener Erfahrung, die gerade bei den früheren Malereien im 3. Stock des Museums der Gegenwart sich zeigt, großartig!!!, in jener Halle hausend sitzen, die Platz für ein 2,50 x 3,50- m Bild bietet und draufglotzen. Und diese Erfahrung bestimmt auch dann nicht machen, wenn sie es anschauen.

Aber gut, daß er wenigstens darauf verweist, der Daniel Richter. Auf Erfahrung, die jener im Madonna-Konzert diametral entgegensteht - und letztere ist dann Sujet. Ein Bild "Captain Jack zu nennen", wo Zombies auf einen Performer eindringen, das finde ich schon lustig, falls er überhaupt dieses eklige Dancefloor-Duo von einst meint mit "Captain Jack". Dann wär's das Bild zur "BRAVO-Super-Show".

Während all die Gesichter, die man auch Stadion immer sieht - extrem viele St. Pauli-Klamotten für eine Kunstveranstaltung - und die man schon früher im Subito sah, einen Herrn Diekmann (schreibt der sich eigentlich mit ck?) zwischen sich hindurchflanieren lassen und ihm noch nicht mal mehr an den Haaren ziehen oder Beschimpfungen um die Ohren hauen. Satte Resignation.

Da hat Herr Wicke sich aber mit jedem Satz mehr Wut bewahrt als auch nur eines der Gesichter in der Kunsthalle, meines eingeschlossen ... wir haben versagt. Nur die Goldenen Zitronen nicht. Die sind eben nicht die Toten Hosen geworden. Und Daniel Richter nicht Neo Rauch (der lief da natürlich auch rum, wenn ich denn richtig erkannt habe) - und das ist ja immerhin ein Hauch des Wahren in der verwalteten Welt.

11.02.07

Niemals den Eigennamen malen!

Panoptikum.jpg

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Damals. Ich war jung, ich war schön. Und stolz darauf, daß sie mir tatsächlich volle 20 Minuten geantwortet haben.

Ein Ruf als Interviewer-Fresser eilte ihnen voraus. In Köln habe ich mal in einem Hinterhof-Studio Neu-Ehrenfelds einen Kameramann getroffen, der gerade vom "Dreh" mit ihnen zurückkehrte. Völlig entrüstet stand er in der weißen Hohlkehle und berichtete von der in Tränen aufgelösten VIVA-Redakteuse ...

Unser London-Korrespondent bekommt Wutanfälle, erwähnt man ihren Namen: Ihn hatten sie auch einfach verrecken lassen. Redeten miteinander über Gemüse oder Trockenobst oder Lady Di, statt mit seinen Frage zu hantieren; verschlafene Sprüche wie "I'm still networking with the outer world" glitzerten da schon als freundliche Gesten.

Weiß auch nicht, warum's mit uns klappte. Die Promoterin rief am Vortag drei mal an, um mich zu warnen - ich solle mir keine Gedanken machen, wenn sie nicht antworteten. Ich solle sie auf keinen Fall nach Island fragen - da atmete ihr Sänger damals Klarheit und Mystik, den ganzen Zirkus kaum noch ertragend. Und es hätte bestimmt nix mit mir zu tun, wenn sie gemein würden, sagte die Promoterin.

Doch sie freuten sich sogar, als ich ihnen sagte, ...

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10.02.07

Liebeserklärung an Jan Delay!

Ich habe gestern Katja Ebstein gesehen. Hat irgendwas über Zirkus gesungen und war nicht ganz so gut bei Stimme wie damals, als sie beim Großen Preis der Europa-Visionen"Theater" intonierte. Nicht minder mickrig Milva. Richtig hohes Fistelgesäusel produziert die auf einmal - seitdem alle glauben, die Linke sei tot und Brecht-Gesang out, werden Stimmen einfach nicht mehr genug geschult.

Dann waren da noch Cindy und Bert, aus München, glaube ich, und beim Umschalten in der Werbepause stand in der N3-Sprechrunde eine Frau mit einer Frisur - Frisur? Darf man das sagen? Haarschnitt vielleicht? -, die ganz ähnlich der von Hilde Knef in den 60ern und 70ern war. Und am Keyboard, 'tschuldigung, an den Tasten stand Costa Cordalis - wußte gar nicht, daß der auch mal eine Musikgruppe namens "Alternative Arschlöcher" hatte.

Komischerweise nannte sich das Hilde-Cordalis-Duo jetzt "Zweiraumwohnung", die Ebstein schimpft sich neuerdings Mia, und die anderen Bandnamen da bei Raab kann ich mir nicht merken - ein paar NDW-Sternchen waren da, Bernd Clüver hat irgendwas von Lara gesungen, Adam & Eve gaben sich "jung und willig", Dunja Rajter hat co-moderiert,und Reinhard Mey hat ganz schön lange Haare bekommen.

Der gab Binsenweisheiten von sich, Variationen des Fehlfarbenschen "Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich kriegen kann, gefällt mir nicht" - "was man nicht bekommt, das will man haben, auch wenn man dabei sei Herz verliert", so hieß das gestern bei ihm, die große Erzählung des konsumorientierten Kapitalismus halt. Und der Typ, der damals "In der Mocca Milchbar"gesungen hat, der war auch da, nannte sich jetzt "Beatplanet", seit bald 20 Jahren dürfen die ja so heißen drüben, so anglizistisch, aber an den Mocca-Milchbar-Song können sich ja sowieso allenfalls Boche (wieso nennt der sich nicht eigentlich aufrecht "Schimpfwort für Deutsche" oder so?) oder Stefanolix erinnern. Oder Verleihnix.

So ein Mirnixdirnix aus Berlin ...

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07.01.07

"Das Gegengift ihrer eigenen Lüge"

So, dann eröffne ich hier mals einfach die Möglichkeit der Fortsetzung jener Diskussion, falls das überhaupt jemand will. Die war schon etwas abgerutscht. Und zwar mit dem Zitat folgenden Zitat:

"Sieht man heute allerorten, in Deutschland, in Prag, in der konservativen Schweiz, im katholischen Rom Jungen und Mädchen eng umschlungen über Straßen gehen und ungeniert sich küssen, so haben sie das, und wahrscheinlich auch mehr, aus den Filmen gelernt, welche die Pariser Lbertingae als Folklore verhökern. Will sie die Massen ergreifen, so gerät selbst die Ideologie der Kulturindustrie in sich so antagonistisch wie die Gesellschaft, auf die sie es abgesehen hat. Sie enthält das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen."
Theodor W. Adorno, Filmtransparente,´in ders.: Ohne Leitbild, S. 83, Frankfurt/M. 1967, erstmals erschienen in DIE ZEIT, 18.11. 1966 Schrieb Adorno also 12 Jahre nach "Rock Around The Clock", 10 Jahre nach Elvis' Durchbruch, 4 Jahre nach den "Schwabinger Krawallen", ein Jahr vor dem "Summer of Love". Im Jahr, als das "Revolver"-Album der Beatles erschien - inspiriert vom "Pet Sounds"-Album der Beach Boys. Ein Jahr zuvor skandierten die Rolling Stones "I Can't get no Satisfaction". James Brown hatte 1956 seinen ersten Hit mit "Please, Please, Please" und 1963 den großen Durchbruch, von den anderen Black Music-Künstlern aus Blues, Rock'n'Roll und Soul hier mal ganz zu schweigen. Aber Jazz-Hörer wollten laut Adorno ja auch nur marschieren ... armer Adorno, den Fehler hätte er wohl nicht machen dürfen, der wird ihm nie verziehen werden.

25.12.06

Mortalität

Ich trauer. Um den hier. Der trägt den Namen "Godfather" zu Recht - bis in alle Ewigkeit. Was haben wir dessen Werk zu verdanken! Unbeschreiblich ... Ruhe funky ... und Danke!!!!!!!!!!!!!!!!! Von Hirn, von Herz, von Hüfte kommend - Danke!

19.12.06

ICH WILL DISSONANZEN!!!

"Meine Theorie, daß alle musikalische Form sedimentierter Inhalt ist, muß für die Reproduktionstheorie fruchtbar gemacht werden. Aber das nächstliegende: die Reproduktion müsse den sedimentierten Inhalt erwecken, wäre viel zu grob. Einmal ist der Gehalt der Musik nicht jener Inhalt, sondern viel eher der Prozeß der Sedimentierung; und dann wäre sie jenes Inhalts auch gar nicht mächtig. Vielmehr müßte die Reproduktion, als ein Vollzug, der immanenten Historizität der Komposition – die selber ein kodifizierter Vollzug ist – habhaft werden; ja hier liegt eines der Zentralprobleme von Interpretation überhaupt."

Th. W. Adorno (2005): Zu einer Theorie musikalischer Reproduktion. Frankfurt a. M.

Diese allseits präsente Harmonie ist ja kaum zu ertragen. Alle haben sich lieb. Weihnachten ist schon seltsam - versucht man sowas in Familien, brennt nach dem zwölften Aquavit der Tannebaum. Wie war noch diese Böll-Geschichte mit dem "Frieden!"-Engel?

Wohin man auch hört - allseits akustischer Schleim: Im Radio, im Kaufhaus, im Fernsehen, beim Vorbeigehen auf Weihnachtsmärkten, solcher, der in Ohren dringt, Hirnwindungen verklebt und puderzuckert. Nein, Rayson und Balou, euren Dialog will ich damit wirklich (!) nicht vergleichen. Aber doch darauf hinweisen, daß Wert eben keine Frage der Verknappung, sondern der Erfahrung ist - z.B. jener von Musik.

Warum also keine Weihnachtstrommeln? Aber nein, anstatt in Euphorie und Ekstase sich im Schein des Wintersonnenwendenfeuers aneinander zu reiben und ein paar Hexen oder wenigstens Diktatoren zu verbrennen, sind jetzt selbst wirklich gern gemochte Gegen-Linke-Teilzeitfastpöbelblogger auf meine musikalische Linie eingeschwenkt. Wobei ich hier doch die Anekdote loswerden muß, daß eine werte Kollegin mal allen Ernstes behauptet hat, Johnny Cash könne man doch nicht hören, weil der für den Irak-Krieg gewesen sei. Das sind die Momente, wo ich die gebloggte Agitation gegen links auf einmal aus vollstem Herzen nachvollziehen kann ... aber in solche Wunden legt ja leider keiner den Finger.

Und anstatt angesichts des Werkes Johnnys des Großen kontrovers zu diskutieren, ob denn jene in St. Quentin, vor denen Johnny Cash einst Konzerte gab, völlig zu Recht eingekerkert wurden, weil sie ja am Eigentum Anderer sich vergriffen haben, oder ob's nicht wahlweise Opfer des Kapitalismus oder Rassismus oder von beidem sind, wofür ja einiges spricht, nö, nix da - darauf, daß man mit Glauben ja was anfangen könne, wenn man den Cash hörte, wird ausgewichen. Na, super, es weihnachtet. Langweilig. Heißen doch die drei Regeln für eine gute Dramarturgie: Konflikt, Konflikt, Konflikt, wenn man einen verdammt guten Roman schreiben will ...

Irgendjemand hat in Die Zeit mal behauptet, dieser Wiederaufgußvon Highway Oldies, die der Cash da reproduziere, sei einfach nur öde - dem stimme ich zwar nicht zu, aber sowas von gar nicht zu, ...

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22.11.06

Ich fühl mich heut so gestrig, so gestrig, ...

Moustaki.png

Foto: Lime Wire

... ich fühl mich heut so gestrig, so gestrig wie noch nie. Es ist einfach wunderschön, mal wieder Georges Moustaki zu hören. Muß so die Zeit gewesen sein, als ich auch die Unendliche Geschichte las, da ich die olle Platte aus dem Teak-Holz-Regal meiner Mutter zerrte und das hier mitsang:


"Nous prendrons le temp du vivre
d' être libre, mon amour.
Nous prendrons le temp du vivre,
tout est possible, tout est permis."

Aus der Erinnerung zitiert, deshalb bestimmt lauter Grammatik-Fehler. Aber es geht ja auch um's hören und nicht um's Siegen ... und wenn ich wieder bei Angelo Branduardi angekommen bin, darf man mich regressiv nennen.

19.10.06

Lauschen ...

"Der Opener "Paperback Bible" veranschaulicht das Arrangement des kompletten Albums. Eine dissonant wirkende Soundcollage leitet den Song ein, steigert sich und wird dann abgelöst von einem dezent gezupften Gitarrenlauf, zu dem sich schließlich die sonore, zerbrechliche Stimme des Sängers gesellt. Ganz unaufdringlich setzen die Streicher ein und sanft ertönt ein Piano. Alles ergänzt sich und steht gleichberechtigt nebeneinander. Wagner erzählt Geschichten, die ohne wirkliche Refrains – die die monotonen Harmonien der Songstrukturen gefährden könnten – auskommen."

Quelle: Laut.de

Wer hat hier mal in die Kommentare geschrieben, über Musik schreiben sei so, als würde man Architektur tanzen? Wenn ich das da oben lese, habe ich dafür volles Verständnis.

Höre hier gerade zum dritten Mal "Damaged", das aktuelle Album von Lambchop. Ich sehe dabei Landschaften und schwebe sanft durch Emotionen, nehme aber weiß Gott kein gleichberechtigt Nebeneinanderstehen von Instrumenten wahr. Fuck the Songstruktur - wie dieser Mann singt! Gott, ist das wunderschön. Musik hören ist Kontemplation. Sich ihr hingeben. Und ihr folgen ...

Überhaupt: Ein Lob des Lauschens ist an der Zeit und deshalb der Zeit gemäß. Nicht des Lauschens an der Wand, ist klar. Nee, ich meine das akustische Äquivalent zum Wittern beim Hund. Manchmal sitzt meine kleine, heißgeliebte Wuschelette einfach so da und schnüffelt in die Landschaft. Sowas meine ich. Aber zweckfrei. Offen. Nicht, um dann irgendein Karnickel zu jagen. Sondern, um danach anders zu sein als voher. Ein kleines Stück Erlösung zu spüren ... aus Nashville, nicht aus Panama.

Lambchop zu lauschen ist wie eine Reise. Sowas wie die Unendliche Geschichte: Man legt die CD ein und ist daraufhin in einer anderen Welt. Der stützt nicht die Gefühle, die man eh schon hat, der Herr Wagner, der entführt. Und von dieser Stimme und diesen Harmonien will man sich entführen lassen, ganz egal wohin ...

Ich achte da nicht auf den Text. Keine Ahnung, wovon der singt. Ich lausche ja. Das ist ...

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16.10.06

In the early morning rain

Manche Lieder begleiten mich. Wie gute Freunde begleiten sie. Jahrelang. Sind Heimat. Sind Vertrautes. Drängen sich nicht auf, sind einfach da, wenn ich sie brauche. Sind da. Und ich liebe sie. Liebe sie sehr. Sind Lieder, die mich morgens in den Arm nehmen und die tastende Bewegung in den Tag hinein erleichtern. Ihm einen Rhythmus geben. Gerade, wenn es Herbst wird.

Elvis' "Early morning rain" ist so ein guter Freund. Keine Ahnung, wie man diese Youtube-Dinger auf der Seite installiert. Ein Song, der frisch, feucht und grün riecht und dabei sanft in leiser Traurigkeit umschmeichelt. Das ist der Genuß des Stapfens durch Herbstlaub. Der legt mir immer vertraut ...

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13.10.06

The closest thing to crazy und mein Hund

Glaube muß sowas wie Musik sein. "He touched me" singen die ja immer, in Gospelkirchen. Oder auch einfach nur so. Um sexuelle Belästigung geht es dann ja gerade nicht. Auch nicht um dieses elektrisierende Gefühl, das die Berührungen von diesem oder jenem so anders macht als kumpelige Umarmungen. Trotzdem kann einen "etwas berühren", ohne daß einen jemand anfaßt. Na gut, angefaßt fühlen kann man sich auch. Aber darum geht es gerade nicht.

Berühren tut's einen, wenn man z.B. wie ausgekotzt vom freien Wirtschaftsleben morgens in der Küche sitzt, formlos, haltlos, ratlos, und wie jeden neuen Tag erst mal Nachrichten hören will. Und die Wettervorhersage. Um zu wissen, was man heute anziehen soll. Der erste Schritt des Tages ist schließlich der zu überlegen, wie man sich gegen diesen Tag nun wieder wappnen soll.

Und dann singt eine wundervolle Frauen-Stimme aus dem Radio "The closest thing to crazy". Sie geht unter der Haut spazieren, die Stimme. Kitzelt, streichelt, drückt auf's Tränenzentrum, wühlt genüßlich in Ereinnerungen, kneift und ergreift. Ja, ergreift.

Keine Ahnung, ob die credible ist oder sonstwas. Ob man bei gewichtigem Smalltalk mit Kunden sie anführen dürfte. Oder ob man das Statement, daß man diesen Song mag, gleich als Provokation verpacken müßte. So wie bei der Beichte, daß man manchmal heimlich Enrique Iglesias hört, die alte Schmachtbacke, und dann sehnt. Dann ist man für andere ja schlagartig der dicke, kleine Junge auf dem Schulhof mit der Brille, der gehänselt werden darf, wenn man sowas zugibt. Dann haben sie die Lizenz zur Überheblichkeit und zu ungezügeltem Sadismus. Wenn man sowas gesteht, muß man schon den Gegenschlag auf das folgende Gelächter vorbereiten, will man nicht untergehen ...

Aber der Song ist traumhaft, dieses "Closest Thing to Crazy". Satzfetzen vom Glück, das falsch sich anfühlt und die Nähe zu Irresein - da denkt man doch gleich an gestern abend. An die fahlen ...

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10.10.06

Wer die Rose ehrt ...

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Foto: David Austin-Roses

Wer die Rose ehrt, wer die Rose ehrt Der ehrt heutzutage auch den Dorn Der zur Rose noch dazu gehört Noch so lang, so lang man sie bedroht

Um den trauer ich wirklich: Klaus Renft. Für den pflanze ich zum Abschied virtuell eine Rose hier in's Blog.

Den durfte ich sogar mal treffen, zu Recherche-Zwecken mit ihm einen Kaffee trinken inmitten Berlins. Habe kaum etwas verstanden, weil er so stark sächselte. War dennoch ein Einblick in ein zugleich ungeheuer imposantes ...

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26.09.06

"Lay all your love on me"

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Komisches Gefühl, wenn des morgens von Mini-Disc "Get up, stand up" von Bob Marley aus den Boxen dringt.

Der erste Song aus dem Radio heute morgen war "Lay all your love on me" von ABBA, auch nicht schlecht - da habe ich sofort wieder das Gefühl kalter Herbstage und die Kompensation derer gespürt. Damals, '89. Diesen Blick auf den Schlachthof aus einer trashigen Altbauwohnung mit knatterndem und staubig stinkendem Heizlüfter habe ich vor meinem geistigen Auge gesehen und und mit meiner geistigen Nase gerochen. Da, wo neurotische Perser-Katzen schnurrten wie Staubsauger und ihre Köpfe gegen meine Waden rammten wie Stiere beim Stierkampf. All das in der WG, wo Matthias gar nicht wohnen wollte, aber als arbeitsloser Altenpfleger konnte er sich nix anderes leisten. Außerdem herrschte akute Wohnungsnot, die Kämpfe um die Hafenstraße waren gerade erst abgeebbt. Trotz des - wie viel war das damals noch, was man zum Arbeitslosengeld dazuverdienen durfte, 1989? 400 Mark? - konnte er sich keine eigene Wohnung leisten. Sein 400-Mark-Job, das war eine Sterbebegleitung des Arbeiter-Samariter-Bundes in einer Wohnung direkt an S-Bahn-Gleisen ... Nachtschichten.

Auch dieses Jahrhundertgewitter auf Mallorca fällt mir bei ABBA ein. Da hörte ich die ollen Schweden im Walkman, damals, als ich vor dem 3.Oktober 1990 in den Urlaub flüchtete ... da wollte ich nicht in Deutschland sein. "Lay all your love on me" und "Happy new year" inmitten eines Gewitters lauschen, das im Norden der Insel zu Evakuierung von Hotels führte, das hatte schon was.

Bob Marley hören im Jahre 2006, das ist irgendwie anders, weil man aktuell komplett den Überblick verloren hat, wer eigentlich für welches Recht gerade aufsteht. Bob Marleys musikalische Erben wollen Schwule umbringen, in Ungarn tummeln sich Bürgerliche und Rechtsradikale fröhlich vereint und berufen sich auf den Aufstand 1956 im Protest gegen eine sozialistische Regierung, die offen die Lüge erklärt. Na, und wer aktuell noch so alles Massendemonstrationen ...

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07.09.06

Lego-Steine oder: "Originalität kann einem ganz schön auf den Geist gehen"

Wer langweilige Fragen stellt, bekommt auch langweilige Antworten. Na ja, zum Teil wenigstens. Aber Sich-Einlassen ist für viele ja auch schon Freiheitsverlust im Zeitalter des Schizoiden.

Ein guter Titel ist, was man auf ein T-Shirt drucken kann, keine Frage - "Faust" ist so einer, "Gottes Werk und Teufels Beitrag" auch, oder "Modern Life is rubbish". "Sex'n'Pop" oder "Wirres Net" auch. Aber nicht alles, was gut ist, läßt sich auch auf T-Shirts drucken, die sonst niemand trägt.

Wer zudem nur noch in vermeindlichen Epochenschwellen denkt - "'68", "Punk" - und in Motti - "Jeder ist ein Künstler", "3 Akkorde und dann geht's los", "mit Formen und Normen brechen", der sollte auch keine Interviews führen. Der denkt wie ein Acessoire und merkt gar nicht, wie er auf Marketing-Schleimspuren ausrutscht. Es tut ihm nicht mal mehr weh.

Diedrich Diedrichsen scheint müde geworden zu sein. Wahrscheinlich wurde er während der öden Fragerei immer müder. Einen Köder nach dem anderen wirft er aus, und kein einziges Mal haken Maik Söhler und Michael Angele nach. Wahrscheinlich sind's Berliner.

Eher lakonisch der Rest-Groll Diedrichsens, den er bei den 39 Fragen der Netzeitung ausstößt. Die Interviewer nudeln nur ihr minderbemitteltetes Programm herunter. Deren Worte setzen sich zusammen wie Lego-Steine. Die verweisen auf nix. Stehen nur bunt rum. Dennoch und trotz alledem, Punk hatten wir ja hier (und nicht nur hier) gestern schon mal:

"Wer lief denn mit dem Wort Norm im Kopf rum? Man lief rum mit dem Bild von einem konkreten Arschloch im Kopf, dem man eins auswischen will. Nein, anarchisch trifft es nicht. Es gab einen guten Ton der Respektlosigkeit, man ließ sich nichts sagen und reagierte grundsätzlich aggressiv auf Autoritätspersonen, so was halt."

Grass! Chomsky! Beck! Kofi Annan! Punk war halt Pubertät, mit anderen Worten. Damals, mit 17, wollte ich Dichter werden und habe irgendwann geschrieben "Ich hoff ich pubertiere nicht mein ganzes Leben lang. Doch wenn ich manchen Alten seh, dann wir mir Angst und Bang." Das würde ich heute nicht mehr unterschreiben. Diedrichsen wohl auch nicht, die nächste Antwort ist im derzeitigen Zeitgeist schon im außerordentlich positiven Sinne pubertär:


"Für mich war die Punkzeit das letzte Mal, dass im großen Stil Klassengrenzen im Nachtleben abgeschafft waren. Das war interessant, intensiv, euphorisierend, bla!"

Dann kam die V.I.P.-Lounge aus dem Geiste des Punk, und Schluß war's mit der klassenlosen Gesellschaft. Ein Trauerspiel. Wie hieß noch diese italienische Kunstform mit dem konstanten Figuren-Repertoire, ...

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06.09.06

Ein bißchen Pophistorie

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Na gut, Typen, die so rumliefen wie die da oben, die waren schon außerordentlich Scheiße. Damals, in den Eighties. Trotzdem haben Briten wie Spandau Ballet es immer wieder geschafft, "Pop" die positive Konnotaion zu bewahren. Und dieses ganze Album, auf dem auch "Gold" drauf ist, ist einfach nur sensationeller Pop. Wunderschön, Musik zum Träumen - gut ist Pop immer dann, wenn er das Understatement der eigenen emotionalen Feigheit durchbricht und in diesem Durchbrechen neues Understatement findet, das Raum für Gefühle schafft. "Here comes the rain again" von den Eurythmics ist auch so ein Ding, oder "Stripped" von Depeche Mode.

Was z.B. die Amis - Ausnahmen wie Prince, Michael Jackson oder Madonna bestätigen die Regel - selten nur drauf hatten. Die sind dann gut, wenn sie Country, Soul und Folk ernst nehmen und deshalb umdeuten. Die Briten hingegen brechen durch die Ironie des Zitats und finden genau in diesem Bruch das Nicht-Authentische, das einzig Fühlen, Schmelzen, Euphorie und Leid und Leidenschaften ermöglicht durch gleichzeitige Distanznahme. Nur, daß Madonna dies bei "Like a virgin" und selbst dem zunächst so gar nicht diesem Motto nach-scheinenden "Ray of Light" auch schaffte, macht sie zur Pop-Göttin. In der E-Rotica-Phase war sie nicht verspielt genug, um Pop zu sein.

Was in Deutschland alles bis heute kaum jemand begriffen hat - außer vielleicht Hildegard Knef einst und Element of Crime und trotz allem auch Rammstein. Hierzulande glaubt man an Tiefsinn, wenn Kettcar uneindeutig rumschwurbeln (klar, ich liebe die auch heiß und innig, aber mit Pop haben die nix zu tun, eher mit Birkenstock auf Festivals in den frühen 80ern, wo Spliff dann als Headliner den Schlamm in Wallung brachten. Kettcar tarnen das lediglich ganz gut und sind genau deshalb super).

Das eigentliche pophistorische Desaster war ja House. Das hat Disco depotenziert und im Techno dann endgültig den Sinn von Rebellion geschluckt. Gut, es gab später Massive Attack oder Portishead und so, die wieder neuen Sinn ihm einhauchten, ansonsten blieb von Wundervollem wie Donna Summers "On the Radio" oder Boney M.'s "Sunny" oder Amit Stewarts "Knock on Wood" oder Curtis Mayfield und wie sie alle hießen, von jenen also, die die Sehnsucht von Underdogs ...


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01.09.06

Talk To God On The Telephone

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Sie werden verrissen werden. Vermute ich. Daß man sie schlachten wird wie Hausschweine auf den Altaren der "Popkritik", für dieses, ihr neues Album "Ode to Ochresy": Mando Diao.

Weil's ja stimmt, daß das ab Song 9 streckenweise wegsuppt, in's Alberne abdriftet, vor allem bei diesem Song 12, der ein wenig an "Komm wieder, wenn Du frei bist" von Tanja Berg erinnert. "Leilalei". Wobei Song 10 mit seinen überbordenden Streichern schon wieder herrlich schnulzig ist und Song 11 da weitermacht, wo das Album angefangen hat: Grandios. Aber auch da, am Anfang, liefert das Album wenig Neues.

Und genau das ist das so unendlich Großartige an Mando Diao - die haben begriffen, was an Songs wie Elvis' "Teddybear", an Eric Burdon seinen Aninmals und seinen War zusammen und an "Bat out of hell 1" gleichermaßen sensationell war und ist. Was diese 3 1/2-5 verbindet, was auch die Ramones atmen, ist das, worauf auch Maximo Park nicht verzichten wollten. Und das ist verdammt gut. Da gilt bis heute das Immergleiche, und daß das so ist, das unterscheidet Pop von Kunst. Ohne Elvis bist Du nix (Madonna).

Sophisticated im Rock'n'Roll ist Scheiße, man muß ...

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21.08.06

An was erinnert man sich, wenn man spätnachmittags im Büro Glen Gould Skrjabin spielen hört, obwohl man doch eigentlich die Goldberg-Variationen hören wollte, aber die sind auf der CD gar nicht drauf?

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"In einem Dialog von Oscar Wilde erfährt man, daß die Musik uns eine persönliche Vergangenheit offenbart, die uns bis zu diesem Augenblick unbekannt war, und die uns dazu bewegt, nicht erlebtes Unglück und und nicht begangene Schuld zu beklagen. Von mir möchte ich bekennen, daß ich weder "El Marne" noch "Don Juan" hören kann, ohne mich sehr genau an eine apokryphe, stoische und zugleich orgiastische Vergangenheit zu erinnern, in der ich herausgefordert und gekämpft habe, um schließlich stumm in einem düsteren Messerduell zu fallen."

Jorge Luis Borges, Geschichte des Tangos, in ders.: Die zwei Labyrinthe, München 1988, S. 240


29.03.06

"Death Funk is the next big thing!"

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Die Welt hat Recht: Donald Fagen-Alben sind etwas Kostbares. Nicht, weil nur alle 12 Jahre eines erscheint. Sondern, weil dessen Alben eigentlich immer und jederzeit veröffentlicht werden können, weil sie so zeitlos sind. Weil man nicht will, daß diese Musik wieder aufhört und man immer wieder die "Play-Taste" drückt. Weil selbst die einzelnen Songs ewig so weitergehen könnten, genau so, wie sie sind.

Weil sie Bilder von Bars und Taxifahrten durch nächtliche Großstädte erzeugen. Amerikanische Städte und Bars sehe ich beim Hören vor mir - Donald Fagen-Musik ist ein wenig wie wirklich große US-Spielfilme, die urbanes Leben lustvoll zelebrieren und dabei doch die Melancholie durch jedes Bild, jede Einstellung hindurchschimmern lassen.

Erinnere mich noch an ein Sylvester in Dänemark, sozusagen das Gegenteil amerikanischer Großstädte, '82/'83 muß das gewesen sein, als wird unaufhörlich das "Nightflight"-Album hörten und wie die Blöden "Ruby, Ruby" oder so ähnlich mitsangen. Deshalb denke ich bei der Musik auch immer an den Geruch von Kiefernholz, obwohl das gar nicht paßt. Die Musik als solche riecht eher nach Whiskey und Zigarrenqualm. Auch wenn ja letzterer in New Yorker Bars, im "Land der Freiheit", dann wohl verboten ist. Aber 'nen illegaler Club in irgendeinem Hinterhof-Keller, wo Donald Fagen und die Band dann jammen, das kann ich mir gut vorstellen. Auf roten Kunstleder-Barhockern sitzen und in der verspiegelten Wand hinter der Bar das Tanzen angetrunkener Paare verfolgen, den Zigarrenrauch schmecken und in einen verchromten Aschenbecher aschen. Und ganz im Moment versinken, einem dieser Momente, in denen man so ganz eins wird mit dem Jazzfunk-Groove und so eine dieser Inseln der Zeitlosigkeit erwischt, in der man nur einfach ist, weil die Musik einen durchdringt, und das reicht.

Steely Dan waren ja eh überragend, und dieses aktuelle Album von Donald Fagen ist es auch. Alleine schon, ...

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19.03.06

Stool Pigeon und das Farmer's Inn in Uetze

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Da geht man zu Saturn und schämt sich dafür, Saturn-Sampler zu kaufen, "Groove Edition" oder so - aber, die Gründe hierfür waren gute, denn da ist nicht nur das bis heute bis heute sensationell überragende "Brick House" von den Commodores mit drauf (leider nicht in der noch überragenderen Live-Version), sondern auch das göttliche "Stool Pigeon" von Kid Creole und seinen Coconuts. Das macht immer noch Mordspaß ...

Diese ganzen jungen Dinger, die sich ja nicht nur in der Blogosphäre rumtreiben, können sich an so zentrale und verbindende Ereignisse wie die Rockpalast-Nächte gar nicht erinnern. War's doch eigentlich auch eher ein Event ...

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18.03.06

Neil Diamond, 12 Songs: What a beautiful Noise

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Das Duell kann er gar nicht gewinnen. Deshalb ist ungerecht, es überhaupt zu erwähnen. Obwohl das natürlich alle Kritiken tun. Und allein deshalb ist es schon mutig, daß Neil Diamond sein Album "12 Songs" von Rick Rubin hat produzieren lassen. Rick Rubin, der Johnny Cash mit seinen "American Recordings" in jene Sphären beförderte, die Worte gar nicht mehr erreichen können. Jene Sphären halt, in denen dann wahre Spiritualität verortet ist. Diese Spiritualität, von der Mullahs und Päpste in ihren Regelwerken nur träumen können ... Cash konnte sie sogar singen.

Habe neulich wieder das Original von "One" im Radio gehört - Cash hat sich den Song mit Rubins Unterstützung so nachhaltig angeeignet und umdefiniert und ins Nirvana transzendiert, daß Bonos Hymne, von ihm selbst gesungen, nur trivial und billig dagegen scheint. Ist "Solitary Man", das Cash da auch in die Form der Ewigkeit gegossen hat, nicht ein Song von Neil Diamond?

Natürlich kann der damit gar nicht mithalten können. Der späte Cash - das ist eben so weit schon "drüben", da kann jemand so ungebrochen Vitales wie Neil Diamond bei aller Dezenz und allem Understatement in Gesang und Arrangement nur winzig gegen wirken. Die Musik paßt schon zu einem Nachmittag, da ...

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09.03.06

Donna Summer, live 1999

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Eines vorweg: Ich persönlich finde die Arctic Monkeys einigermaßen langweilig. Ganz nett, aber auch nicht allzu spektakulär. Aber das ist ja egal, was ich da finde. Habe sie auch nicht live gesehen, und der allseits diskutierte taz-Artikel über Musik-Blogs gefiel mir auch gut. Na, und der CD-Aufdruck oben ist eh super, weil in der Tat das Rauchen mittlerweile aktiver Widerstand geworden ist und auch mich die Sehnsüchte nach Volkserziehung und Volksgesundheit mal niederschmettern, mal machen sie mich aggressiv.

Aber nach Jahren des Gitarren-Bands-Hören setze ich jetzt wieder ganz auf Donna Summer, live 1999. Suche sogar die Lyrics von "On The Radio" im Netz, weil gestern inmitten eines angenehm verqualmten ICE-Waggons des Songs wundervolle Mischung aus Traurigkeit und Euphorie mich abgrundtief hinein ins Lied sog. Weil ich dannn innerlich einmal mehr Architektur tanzte und mich ganz auflöste in dieser so wundervollen Stimme, im geraden Disco-Beat, in dieser ultimativen Sehnsucht nach dem Mehr.

Ich versuchte dann, den Text zu verstehen. Verstand ihn aber nicht. Machte nix. Genoß dieses Feeling, so frei von aller Attitude. Frei von allem, was auch nur im entferntesten als sophisticated gelten könnte. Mich befiel diese wundervolle Zeitlosigkeit, die mich früher immer nachts um 4 in der "Wunderbar" erwischte, wenn Udo Jürgens' "Ich weiß, was ich will" aufgelegt wurde - dieser Schwebezustand des Sicheinlassens, diese so seltsame, emotionale Klarheit, die sich bei all den Gitarrenbands so richtig nur bei Mando Diao finden läßt.

Nachdem schon meine ganz und gar Disco- und House-sozialisierten Kollegen stolz verkünden, sie würden immer mehr Gitarrenmusik hören, kann ja irgendwas nicht stimmen. Vielleicht war Madonna ja doch visionär mit ihren Aerobic- und Dancefloor-Visionen?

Nun versuche man mal, einen Artikel über ein Donna-Summer-Live-Album von 1999 in irgendeinem Feuilleton ...


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04.03.06

Was hat das noch mit uns zu tun?

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Streicher-Schmelz und rauchige Bläser, und diese Stimme, die so karg in Tiefen wühlt ... "Deine Augen folgen mir/ irgendetwas denkst Du Dir./ Sind es Wünsche/ ist es mehr?/ Was auch immer in Dir vorgeht/ freut mich sehr!/ Illusionen Illusionen, sind das schönste auf der Welt", und die Piroschka-Geige im Hintergrund singt wie ein Nachhall von Zarah Leanders Puszta-Träumen und hält so die Erinnerung an Sinti und Roma, somit die Wurzel all unserer Folklore wach ... und zugleich jene an Zeiten, in denen die Leander ihre Puszta-Träume aufnahm und was da mit Sinti und Roma geschah.

Eine großartige Compilation, auf die das Cover dort oben verweist. 5 Jahrzehnte Hildegard Knef, in einer CD-Box verstaut mit dem Titel "Ich bin den weiten Weg gegangen". Dachte immer, ich ...

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17.02.06

Gitarreske Tauschwertlehre

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Manchmal hat man ja das Bedürfnis, den potenziell nächsten Hype auch mal frühzeitig gehört zu haben. Bei den Libertines war's mir einst gelungen, obwohl ich damals doch irrte: Völlig begeistert war ich, bin ich heute noch, von deren Debut-Album , da die Frische und der unterproduzierte Rotz-Spirit der Independant-Mucke, mit der ich aufgewachsen bin, unter den Bedingungen des neuen Jahrtausends reformuliert sich fand. Ich behaupte übrigens, daß der Stil, in dem man schreibt, sich im Falle des Schreibens über Musik nie dem Sujet anähneln darf. Dachte dann aber - bei den Libertines - auch gleich, daß, wenn ich sowas finde und empfinde und toll finde, diese Band bestimmt sonst niemand hören will. Weit gefehlt.

Den We Are Scientists, durch die britischen Musikmagazine zum kommenden Hype erklärt, würde ich hingegen sehr viele Hörer prophezeien. Da ist mir nämlich schon ...

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15.01.06

Gerade mal wieder auf 'ner Georgette Dee-CD gehört:

Georgette.jpg

(Quelle:www.georgettedee.de)

Der Kapitalismus, das ist nicht der Sieger.
Viel schlimmer als das: Er blieb einfach über.
Als Drache der fintersten Kategorie
Liegt er stinkend über der Demokratie.

Georgette Dee, Jung Siegfried, auf der CD "Drachenland", Viellieb Records 2001

23.12.05

Gut ist, was sich verkauft

Da begibt man sich auf die Suche nach Weihnachtsgeschenken, und für pubertäre Nichten, die sowas wie Top of the Pops und BRAVO TV heiß und innig lieben, bieten sich dann ja die zugehörigen Sampler an ..

So nimmt man die Dinger in die Hand und erstarrt: Auf beinahe jedem, ob The Dome oder VIVA Comet, ist entweder Fler oder Bushido vertreten. Einfach so, versteckt zwischen Sarah Connor, US 5 und Silbermond. Ich könnte kotzen.

Das ist in etwa so, also würde man in eine Sammlung mit Poesie-Album-Sprüchen Auszüge aus "Mein Kampf" integrieren. Selbst wenn man im Falle Bushido noch streiten kann, bei Fler geht das nun wirklich nicht mehr. Albern ist's mit Sicherheit, Teenies bestimmte Musik verbieten zu wollen. Aber zwischen dieses ganze Charts-Geleier nun so einen Dreck zu schummeln und damit noch breitenwirksamer zu machen und zudem auch noch zu verharmlosen - das belegt doch nur, daß "der Markt" im Gegensatz zu all dem Müll, den Liberale so denken, noch die haarsträubendsten Dinge hervorbringt, fördert und legitimiert, wenn sie sich denn verkaufen. Armes Deutschland ...

15.12.05

Katharina, die blinde Staatsanwältin

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Ja, er war wieder großartig. Eine Reise in die Gegenwelt - Sänger wie Klaus Hoffmann sind ja viel gegenweltlicher als alle Underground-Philosophien-, - Bands und - Theoretiker zusammen.

Seltsam war nur das Rauchen vor der Halle. Vollmondbeschienen und klirrend kalt war's. Berührt eh befremdlich, ....

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13.12.05

Keep it uncool!

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Ja, über Liedermacher lästern, das macht sich ja immer wieder gut. Ein Evergreen. Da bündeln sich dann ästhetische Ressentiments, da will jeder, der gegen Wader, Wecker usw. stänkert, im wesentlichen sagen: Ich bin so cool, die brauch ich nicht, und findet sich dann mit simpelsten Mitteln - der Abgrenzung - einfach besser, buchstäblich besser ....

Mag Wecker auch dazu neigen, die Attitude der späten 70er heute eher zu karrikieren denn fortzuschreiben - für den hier gilt das nicht: Klaus Hoffmann. Ganze Welten läßt der Mann entstehen, hat's mit Bravour geschafft, auf die sichere Seite des Chansons sich zu retten. Immerhin begann er einst auch mit Jacques Brel-Adaptionen - und entführte in's Land des Feuervogels. Ich fühl mich da heut noch wohl. Auch wenn er ...

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08.12.05

The Fugees und die Babyshambles

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Na gut, ich nehm's zurück. Das mit der Süddeutschen als dem wahren Fachblatt für Irrelevanz. Klar, täglich steht auch dort viel Wortmüll, aber das hier ist toll. Da möchte man den ganzen Artikel zitieren, es seien aber doch nur die folgenden Sätze:

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02.12.05

Von wegen: "Das will keiner lesen!"

Da freut sich der Mensch. Summt fröhlich vor sich hin - Lieder von Dosenfischen, die sich lachend in's Meer stürzen, fühlt sich nervous & blue und trauert um Hunde, die ganze Schiffe enzücken und dann über Bord gehen, "eben noch lustig, und jetzt schon fort".

Freut sich, daß im so staatstragenden Umfeld von DIE ZEIT, wo neuerdings Eurabia-Phobiker Massen-Psychosen vorbereiten, das wahre Leben sich findet: "Und da sind wir nun. Das Leben von Rockmusikern ist ereignisarm und höchst ergebnisoffen. Guter Stoff für Blogs sieht anders aus."

Von wegen. Ist doch der Grund für fast alle Blogs Ereignisarmut (Ausnahme: Der hier!) im eigenen Dasein, genau das kultiviert der Blog (das Blog? Habe ich auch noch nicht begriffen... ) dann als neue Kunstform, behaupte ich mal. Deshalb surft man ja stundenlang auf der Suche nach dem nächsten Aufreger durch's Netz (weil man ja auch die wirklich wichtigen Ereignisse des eigenen Alltags eh niemals im Blog formulieren würde, viel zu gefährlich, den Job und die Freunde braucht man ja). Genau deshalb bloggen so viele ja vorzugsweise über das Bloggen.

Also: Nochmal Freude, darüber, daß Sven Regener jetzt bloggt. Dann ist man zum Glück nicht mehr auf so dramatisch schlecht geführte Interviews auf der selben Homepage angewiesen ...

30.11.05

Nich' immer nur Pop, Leude!

"Von Tokio Hotel aus (ja, nochmal) trifft man mitten in die aktuelle Situation von Pop und Politik, denn von da aus kann man nachdenken: Über die Rolle des Zeichens, das jetzt endgültig auf der anderen Seite angekommen scheint, was - kein Grund zur Trauer - nicht heißt, dass es von da nicht irgendwann seinen Weg zurückfinden könnte... " (Existenzielles Besserwissen)

Merke: Ohne Diedrichsen kommt man schon mal gar nicht aus, und sei's auch nur, um wie Herr Porschardt sich ...

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Maximo Park - mal'n Hype zu Recht!

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Morgendliches Erstaunen: DIE ZEIT schreibt Vernünftiges über Popmusik! War ja auch erst gegen Maximo Park, weil die SPEX die so hochjubelte. Dann hörte ich sie und war wider Erwarten begeistert. Und sie provozieren zudem Fragen wie die Folgende:

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14.11.05

Jeff Buckley hören!

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Sein Album "Grace" habe ich sooooo geliebt und liebe es bis heute. Samstag dann zufällig am "live a l'Olympia"-Album vorbeigelaufen und es gekauft. Ohne Worte - das ist mehr als Musik. Insbesondere der erste und die letzten beiden Songs - "Lover, you should have come over", "Hallelujah" und "What will you say". Ein Beleg dafür, daß Spiritualität seit Bach von den institutionalisierten Konfessionen in die Musik emigriert ist und da auch hingehört. Und daß sie in der Politik rein gar nichts zu suchen hat ...

Kein Wunder, daß der Fluß sich diesen wundervollen Jungen geschnappt hat und ihn gar nicht mehr hergeben wollte ...

13.11.05

Liebe Madonna!

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(Quelle: Frankfurter Rundschau, 12.11. '05, S.17)

Du hast uns doch so lange so viel Spaß gemacht. Hast mit Über-Alben wie Ray of Light, der Arbeit mit Massive Attack oder auch Wunderwerken wie You'll see und Take A Bow gezeigt, daß Du auch richtig große, mythische, unvergängliche Musik liefern kannst. Daß Du mehr bist als eine, die auf der Klaviatur der Images den Rachmaninow spielt. Daß Du über so perfekte Chart-Nummern mit Spaßfaktor und Evergreen-Appeal wie Like a Virgin oder La Isla Bonita hinauszuwachsen vermagst. Als Elder Stateswoman der globalen Pop-Nation könntest Du doch auch einfach nur noch repräsentieren und uns alle in der wohligen Erinnerung Deiner Größe belassen.

Und was machst Du stattdessen? Samplest Songs, denen Du mit dem, was Du hinzufügst, nicht mehr gewachsen Dich zeigst. Quatscht von Föhnwellen und Jane-Fonda-Fitness und recyclest variiert das Credo der "Foosteps on the Dancefloor". Glaubst auch noch, wenn Du dann etwas dramatisierend eine Prise "Confessions" hinzufügst wie Chili-Pulver in Mikrowellenpampe, suggeriere das Tiefe und Spaß zugleich. Ist aber nicht so. Sind Discokugeln, wie Teenies sie in Läden wie dem "Dom" kaufen.

Seit Wochen höre ich immer wieder dieses "Gimme me a man after midnight"-ABBA-Sample aus dem Nachbarbüro, freue mich kurz und denke an gute alte Zeiten, als die Tuc Tuc-Parties in der Oelkers-Allee noch fast ein gesellschaftliches Ereignis waren. Und dann geht Dein Song los, und ich rutsche emotional prompt in Zeiten von 2Unlimited, in Endschnitte von BRAVO TV, als Euro Trash-Acts die halbe und doch zentrale Wahrheit dieser ganzen House- und Club-Sauce verkündeten. Und trauere ... ich hätte Dich lieber einfach nur in guter Erinnerung behalten ...

30.10.05

Tracklist Sonntag nachmittag

1.) Rio Reiser - This Boy. Ohne Worte. Als hätte sich Rio Reiser an einem nebligen Nachmittag im November '84 unsterblich in Georgette Dee verliebt. Wahrscheinlich irgendwo bei Celle. In Uetze z.B., oder Schillerslage. Toll
2.) Kettcar - Tränengas im High-End-Leben. Ich liebe diese Band ja auch. Auch wenn mir diese Mischung aus bedeutungsschwanger und abgeklärt, ja, die Suggestion von Alterweisheit tierisch auf den Geist geht. Trotzdem toll.
3.) Die Sterne - Das Weltall ist zu weit (und der Rest ist schon verteilt). Die kann ich ja nicht ausstehen, vielleicht, weil sie so sympathisch sind. Aber der Song ist gut.

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Girls, Girrls, Grrrls

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Quelle: Rolling Stone 11/05

Man kann den Rolling Stone gar nicht genug rühmen für die beiliegenden CDs. Da kann die Konkurrenz schlicht einpacken, ob Spex oder Visions, egal. Oft guter Überblick über Neuerscheinungen - und dann die RARE TRAX, da finden sich immer wieder Perlen, alles ist liebevoll zusammengestellt. So auch die aktuell "Female Fronted Post Punk: Girls, Girrls, Grrrls." Suuuuuuuper! Daß ich ...

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28.10.05

Too schei-schei ...

Also jetzt nicht etwas "Scheiße", sondern "Shy". Aber Rio Reiser in seiner so traumhaften Version des ollen Kajagoogoo-(oder waren es Talk Talk?) Hits singt das rein phonetisch so wie da oben geschrieben. Habe wieder mal Jahre zu spät mir die "Rio Reiser am Klavier"-CDs zugelegt - und bin einfach nur hin und weg. Morgens dürfte das man das einfach nicht hören, dazu ist's viel zu intensiv. Wie ungeheuer wichtig dieser Mann für alle deutsche Rock- und Popmusik ...

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15.10.05

Tracklist Samstag nachmittag

1.) Eels - To lick your boots. Ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber genau darüber singt der da ja auch in diesem Song. Der Song ist einfach schön, rein musikalisch.
2.) Hard-Fi - Tied up too tight. Kann ja mal vorkommen und bleibt ein wenig bei dem, was Eels da textlich vorgegeben hat. Ist nach Eels so richtig "ALLESwollen" statt Abgeklärtheit. Toll. Nein, ich schreibe heute nicht mehr über Fußball. Nein, ich schäme mich auch nicht mehr, nicht in Kiel zu sein. Nein, solange dieser Trainer bei uns Trainer bleibt, komme ich noch nicht mal mehr auf den Gedanken, ein Auswärts-Spiel zu besuchen. Daß Lübeck sich ausgerechnet von den hellblauen Leverkusenern hat verprügeln lassen, tröstet mich auch nur wenig.
3.) The Free Designs - I found love. Diese gesammelten musikalisch ...

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04.10.05

Element of Crime hören

Ist ja sowas, wie, naja, Weihnachten, nur eben alle paar Jahre wieder. Schönes Ritual, das im besten Fall warm ums Herz stimmt. Und vertraut. Neues Element of Crime-Album hören. Weiß noch, als "Damals hinterm Mond" erschien, das erste, deutschsprachige Album der Band. Und ich Woche um Woche nur noch dieses Album hörte. Und immer dachte "Das bin ich!", was ja falsch war und trotzdem stimmte. "Ein völlig nutzloser Mensch ist verliebt", "Mach das Licht aus, wenn Du gehst", "Ein Dosenfisch stürzt sich lachend ins Meer". War die Zeit, als allseits Dance und Party jede Melancholie mit tiefer Ächtung belegte. Als jedes Nachdenken mit einem "Spaßbremse" belegt wurde - für 'nen Philosophie-Studenten war das alles schlicht unverständlich, fremd, Exil. Als alle Ecstasy in sich hineinstopften und ich ...

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25.09.05

TRACKLIST Sonntag nachmittag

1.) Joan Baez, Myths - ja, kotz nur, liebe Gemeinde. Wundervolle Honigsüße, die Sonnenschein erst zu sich selbst kommen läßt. Und Bilder aus 50er-Jahre Western vorm inneren Auge aufscheinen läßt, genau die Welt also, die Joan Baez zu überwinden trachtete. Dieser wundervollen Frau haben gerade jene, die am meisten sich über sie erheben wollen, am allermeisten zu verdanken.
2.) Elvis Presley - Help me make it trough the night, das schmalzt noch goldener. So was durfte nur er, und weil er es durfte, ist in seiner Stimme Gott.
3.) Kelley Stolz, Prank Calls - da wippt man mit ...

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