Ach, der Peter Wicke. Von dem habe ich ja mindestens genau so viel gelernt wie von jenen Professoren, bei denen ich studierte. Und das in einem gesellschaftlichen Feld, wo man ansonsten eher verlernt. Wo die Leute um so schlechter und kompromitierter arbeiten, je mehr Geld sie verdienen. Wo als "Erfolg" alles gilt, was sich massenhaft verkauft, ganz egal, wasses is. Wo irgendwann um '85 Design für Kunst gehalten wurde und irgendwelche depperten Iro-Träger schon '77 die Marketing-Offensive des Malcolm McLaren stützten, sich völlig betriebsblind ausgerechnet "Hippies" zum Feindbild wählten. Obwohl Iros, glaube ich, erst später kamen.
Derartige Beklopptheiten wirken bis heute, allein der Ostpunk tönt weiter in Unschuld - also nicht das, was draus wurde, sondern das, was vorher war. "Wir wollen immer artig sein, denn nur so hat man uns gerne". Auch wenn Peter Wicke immer darauf insistiert, die dürfe man nicht heroisieren. Sehe ich anders. Was er aber im wesentlichen vertritt, weil's nervt, über den Weg des Ost-Punk andere Lebenswege in der Ex-DDR zu diskreditieren, den seinen z.B. Oder den von City.
Und das wirft dann die alte Frage nach dem richtigen Leben im Falschen auf, und genau zu dieser sagt Wicke in der ansonsten erschütternd uninspirierten und ratlosen neuen Spex (mein neuer Lieblings-Dummschwätzer ist ja nun Max Dax, dessen Editorial vor Phrasen trieft wie fettig glänzende Pommes an Ruhrpott-Imbißbuden, also wie so vieles, was aus Berlin so rüberdringt, und dann doch lieber das Original, die Ruhrpott-Imbißbude - das mag ich noch nicht mal mehr zitieren, dieses Geschwafel von Netzwerken, die Theweleit im modernen Fußball sieht, von zu definierenden Brüchen und Ozeanen der Gleichzeitigkeit - weiß gar nicht, wen der Broder mal "Herr der Binsen" nannte, aber der hat jetzt echt Konkurrenz bekommen):
"Das würde ich wieder auf diese konstruierte Form von Subjektivität beziehen: Das ist ein Versprechen der Kräfteüberschreitung. Das hat mit dem Widerspruch zu tun, dass auf der eine Seite die kapitalistische Zurichtung einwirkt und damit eine Begrenzung von Subjektivität: Man soll konsumieren und nichts anderes. Das wiederum ist nur möglich, wennn einem dazu die Grenzüberschreitung als Erfahrung versprochen wird. Diese Überschreitung taucht bei den Werbeversprechungen der Konsumwelt immer wieder auf. Sie suggeriert, dass wir uns dank solcher Erfahrungen aus uns herauskaufen können. Dabei wird die ganze Übung eigentlich nur veranstaltet, damit wir Gefangene unserer selbst blieben."
Interview mit Peter Wicke, "Es wird total asozial", in: Spex Mai/Juni 2007, S. 126
Es geht um die Madonna-Konzert-Maschinerie, aber das ist schnurz, das gilt ja generell.
Und was macht meine Generation? Geht da hin. Und die Bilder sind auch super, wirklich!, wobei man schon sehen kann, an welchem Punkt der Entwicklung in dessen Malerei der Stil zum Kalkül wurde. Und mir schwante auch, daß dies dem Künstler selbst auffiel und er auf einmal mitten hinein den ironischen Bruch pflanzen mußte, um sich vor der eigenen Entwicklung zu retten. Das ist der "wahre Heino", der in einem ganz auf magisch-hypnotisch gedrechselten Bild dann im Publikum die Zunge rausstreckt (sieht man in der Miniatur-Auflösung nicht, ist einer rechts oben). Und das ist schade, weil genau das ja das Drama des Punk ist: Das Expressive mutiert zum Effekt. Zur reinen Geste gegen vermeindliche Spießigkeit. Zur leeren Hülle.
Das ist auch bei neueren Bildern von Richter nur im Ansatz der Fall, glaube ich, wer weiß, vielleicht will er ja auch nur Käufer verarschen und lacht sich heimlich schlapp über das, was die dann über seine Bilder sagen und schreiben in Andacht.
Bei mindestens einem Bild war ich mir fast sicher, daß dem so ist, da war zu viel neongelb in die magisch-suggestive Bildmitte getropft, als daß das noch ernst gemeint sein konnte.
Soweit man die überhaupt sehen konnte, die Bilder bei all den da Rumtappenden - aber genau das oben von Wicke beschriebene "sich aus sich herauskaufen" ist ja Motiv jener, die sich einen Richter leisten können und dann abgeschnitten von jener Erfahrung, die gerade bei den früheren Malereien im 3. Stock des Museums der Gegenwart sich zeigt, großartig!!!, in jener Halle hausend sitzen, die Platz für ein 2,50 x 3,50- m Bild bietet und draufglotzen. Und diese Erfahrung bestimmt auch dann nicht machen, wenn sie es anschauen.
Aber gut, daß er wenigstens darauf verweist, der Daniel Richter. Auf Erfahrung, die jener im Madonna-Konzert diametral entgegensteht - und letztere ist dann Sujet. Ein Bild "Captain Jack zu nennen", wo Zombies auf einen Performer eindringen, das finde ich schon lustig, falls er überhaupt dieses eklige Dancefloor-Duo von einst meint mit "Captain Jack". Dann wär's das Bild zur "BRAVO-Super-Show".
Während all die Gesichter, die man auch Stadion immer sieht - extrem viele St. Pauli-Klamotten für eine Kunstveranstaltung - und die man schon früher im Subito sah, einen Herrn Diekmann (schreibt der sich eigentlich mit ck?) zwischen sich hindurchflanieren lassen und ihm noch nicht mal mehr an den Haaren ziehen oder Beschimpfungen um die Ohren hauen. Satte Resignation.
Da hat Herr Wicke sich aber mit jedem Satz mehr Wut bewahrt als auch nur eines der Gesichter in der Kunsthalle, meines eingeschlossen ... wir haben versagt. Nur die Goldenen Zitronen nicht. Die sind eben nicht die Toten Hosen geworden. Und Daniel Richter nicht Neo Rauch (der lief da natürlich auch rum, wenn ich denn richtig erkannt habe) - und das ist ja immerhin ein Hauch des Wahren in der verwalteten Welt.