Na, Frau Brunotte, haben Sie eine Schwester namens Svea?
Das waren Zeiten, als wir zusammen Rommé spielten, die Svea, der Karsten und ich .... unsere Helden hießen damals Marc Almond und Georgette Dee und Jacques Brel, tatsächlich trafen wir uns Samstags immer zum "Alles nichts, oder?" gucken in einer Wohnung unweit des Kiez, wo aufgrund gelegentlichen Kakerlakeneinfalls dann "Rent to Kill" geordert werden mußte.
Ja, "Alles nichts oder?", Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder waren einfach großartig damals, und auch wenn ich Frau von Sinnen jetzt jahrelang nur schwer erträglich fand, seit der Broder immer über die herfällt, mag ich sie wieder und finde sie toll.
"Rent to Kill" war eigentlich das Überleitungsstichwort; in der gestrigen FR fand sich nämlich ein ganz spannender Text von Ulrike Brunotte. Spannend deshalb, weil die das Thema des "Helden" nicht einfach in islamische Lebenswelten externalisiert, sondern ZUGLEICH auch dort verortet, wo es am erfolgreichsten ist: In Hollywood.
Da macht jeder Drehbuch-Autor das ja ganz explizit, seitdem irgendein "Skript-Doktor" aus Versehen C.G. Jung las und dessen Konzept der "Heldenreise" als universal-mythisches Skript dann allen Plots implementieren half.
Der Held, der den "Ruf" hört, sich erst weigert, dann doch loszieht (ja, so ging's mir damals auch - wollte gar nicht da hin, wo ich jetzt noch bin, nö, wollte ja Philosophie-Professor werden, und dann nervte dieser Kumpel immer rum, komm, nur ein Praktikum, und ich folgte außerordentlich widerstrebend dem Ruf), auf den "Hüter der Schwelle" trifft (war die Sekretärin, damals, bei mir, die hat mich eingestellt) , den weisen, alten Lehmeister an seiner Seite (dem habe ich gestern immer zugeredet, er solle doch 'ne Stiftung gründen ;-) ... im Gegensatz zu Investoren sind Alt-Gesellschafter manchmal ja schon ganz schön großartige Typen), der Gestaltwandlern über den Weg läuft (allerlei Kollegen, die dann, wenn's um Konkurrieren ging, auf einmal Seiten zeigten, mit denen ich nie gerechnet hatte) und final dann vom Schwächling zum Helden reift (ja, tatsächlich, anfänglich überangepaßt und ängstlich, reifte meine große Klappe und die Lust zum Fight doch außerordentlich) , das vereint "Star Wars" mit "Spiderman" und noch ganz anderen Filme (und so manches Leben auch).
Frau Brunotte setzt den Akzent alleridings woanders:
"Der Entwürdigung mit Kampf zu begegnen, bildet, wie der Religionssoziologe Mark Jürgensmeyer festgestellt hat, immer häufiger den Hintergrund von Fällen religiöser Gewalt. Es geht um eine Art "symbolischen Machtgewinn von Männern", so Jürgensmeyers Resumée, "deren traditionelle sexuelle Rolle, ihre Männlichkeit, als gefährdet erscheint."
Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das paßt nämlich, sieht man jetzt mal von den im Text gewählten Extrembeispielen und der "religiösen" und auch ganz allgemeinen Gewalt ab und läßt das Ganze in ganz "normale" Sphären sacken, sowohl auf diese so imposant auftretenden Jungdeutschtürken zu (Stolz ist sexy!) als auch auf das, was der Che über seine
subkulturelle Verortung schreibt:
"In den 1990ern adaptierte man den Tarantinio-Schwarzenegger-Look, und es gab Plakate, die Arnie mit Pumpgun zeigten und dazu die Parole “Terminiert die herrschende Klasse”. So martialisch waren wir aber in der Realität nicht, eher eine abenteuerlichere Caritas."
Die Bissigen Liberalen sind leider gerade down, aber wenn ich mich richtig entsinne, wählt Rayson in seiner Antwort auf Che den ebenfalls typisch männlichen Individuierungs-Plot als seine Version der Heldenreise. Meine ich ganz unironisch, ist eben auch ein kollektives Skript, und so ganz ohne kommt man halt nicht aus - von nix kommt nix, und wer sich nicht bestimmen läßt, bestimmt sich auch nicht selbst.
"Der Entwürdigung mit Kampf zu begegnen" - das ist ja eine ganz gewaltige Formulierung. Da ist man wieder beim zentralen Thema, das wir drüben auch schon hatten: Das ist schon ganz schön gewichtig auch für übergreifende soziale Entwicklungen, diese Struktur.
Und "Kampf" hießt ja in aller Regel nicht diese extremistisch-terroristische Variante, die Frau Brunotte da beschreibt.
Mein ganze Berufsleben würde ich genau so auch zusammenfassen - in ekligen, teils menschenverachtenden Medienwelten den Objekten der Berichterstattung wie auch mir selbst als Akteur trotz alledem, trotz Kommerz und Macht und Hierarchien und all den Regeln des "Populären" eben die Würde wahren und stolz darauf zu sein.
Schade, daß diese Themen, wenn sie denn diskutiert werden, immer gleich diesen Terrorismus-Kontext aufmachen.
Auch so'n blödes, journalistisches Prinzip: Die Ausnahme beschreiben, das Andere, weil die Regel vermeindlich keinen Nachrichtenwert beinhalten würde. Völliger Quatsch: Von Hollywood lernen, das kann auch leben lernen heißen.
Und Männer auf Heldenreisen sind halt more sexy als jene, die den Kampf dann aufgegeben haben ... (so, und jetzt dürfen völlig zu Recht all jene in der Kommentarsektion sich aufregen, die mir dann zu recht erzählen wollen, das ich sonst immer das Gegenteil behaupte. Habe aber gestern schlicht und ergreifend mal wieder einen kleinen Sieg errungen ;-) ....).