Nick Hornby: Warum Vinyl-Platten wichtig sind – und was Wertschätzung damit zu tun hat

Mein erstes Importalbum: Ma Simba Bele – Unknown Cases. Importiert von Rocco Records in Hamburg und liebevoll angehört – immer wieder.

Nick Hornby, elder statesman der britischen Popkultur, hat dem Magazin „Reverb“ ein Interview gegeben, in dem es um Vinyl und das Besondere daran geht.

Interessanterweise beschreibt Nick Hornby am Beispiel des – immer noch nicht ausgestorbenen – Schallplattenalbum, was an der digitalen Welt derzeit im Argen liegt und wieso analoge Produkte uns den Dingen, die wir lieben wieder näher bringen.

Why is vinyl important?
I don’t think it’s important, really.

Nick Hornby: I skip tracks all the time, I listen to things for twenty seconds before deciding whether I like them

Seine Erkenntnisse haben nur am Rande etwas mit der Platte an sich zu tun, das betont er ganz zu Beginn. Die Vinylscheibe ist nur ein Träger. Was sie so besonders macht sich andere Dinge:

  1. Besitzen vs. Subscription

    Es sind paradiesische Zeiten für Musikliebhaber. Wer ein Iphone bedienen kann, hat per Spotify (oder Deezer oder Tidal) Zugriff auf beinahe jedes jemals veröffentlichte Stück Musik.

    „You can’t own the music on Spotify. Everyone has the same—namely, everything—despite attempts to personalise the new platforms. Vinyl offers a way of distinguishing yourself from those who care less than you do.“

  2. Interior Design: Ein Plattencover zeigt auch ein Stück Persönlichkeit

    Klar, gut und liebevoll kuratierte Playlisten sind ein moderner und digitaler Ausdruck meiner Persönlichkeit. Der Nachteil: sie passen so schlecht in das Interior Design meiner Wohnung. Eine Plattensammlung sagt viel mehr: „Seht her, hier wohnt ein Musikliebhaber. Das schafft eine Playlistsammlung nicht.

    „People want to own what they love, and to demonstrate that they love it.“

  3. Wertschätzung für Künstler

    Wir skippen Tracks viel zu schnell. Kurz anhören, schon kommt das Nächste. Musikstücke, auf die man sich einlassen muss, haben es da schwer. Der Tellerrand wird zu einer unüberwindbaren Grenze. Ein Zaun aus unserem bisherigen Geschmack und dem Mainstream. Nick Hornby kauft sich auch deswegen Alben, weil er den Künstlern seine Zeit, eben die mindestens 20 Minuten schenkt, um ein Album anzuhören

    „So I decided that whenever I fell in love with an artist or an album, I would do them the courtesy of spending some decent money on their work, sitting in a room and listening to it properly, over the course of twenty minutes or so. It’s stopped my endless skid over the surface of things.“

  4. Teezeremonie 2.0

    Wichtige EP meiner Jugend: Prince „Let’s Pretend We’re Married“
    vom Album „1999“
    Label: Warner Bros. Records Erstveröffentlichung: 23. November 1983

    Das Heraussuchen eines Albums, das Herausnehmen und das Auflegen. Das Zurücklehnen und das Sich-einlassen auf die Choreografie, die Label und Künstler in das Album gelegt haben. Das ist eine Zeremonie, die aus dem Musikhören wieder eine Aktivität machen. Eine Teezeremonie der Moderne also.

Ich habe noch ein paar Lieblingsplatten im Keller – zusammen mit dem DUAL Plattenspieler meiner Eltern. Mal sehen, vielleicht finde ich genug Muße, das „Albumhören“ wieder zu erlernen.

 

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Paul Coehl
Autor, Blogger und ewig unterwegs

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