Zeeeäeeeeng

Die Nachbarn hatten es sich angewöhnt, nur in den Pausen zu sprechen, so wie sich bei Menschen, die an Bahnstrecken leben, auch eine merkwürdige Gesprächskultur entwickelt, bei der das Gespräch kurz unterbrochen wird, wenn der 1200-Uhr-Zug nach Kopenhagen vorbei fährt oder einer der langen, nie enden wollenden Güterzüge, und dann nach Abklingen des Zuglärms genau dort weiter gesprochen wird, wo man vor Eintreffen des Zuges aufgehört hatte. Für Außen stehende ist das zunächst verwirrend, aber man gewöhnt sich schnell daran.

Diese Familie hatte sich einen sehr kurzen Intervall zugelegt, was der Holzfabrik hinter dem Zaun geschuldet war. Zeeeäeeng-Zeeeäeeng, bei kleinen Stämmen zweimal, bei großen ein lang gestrecktes Zeeeäeeeeng. Dazwischen kleine Pausen, in denen das geredet wurde, was Familien beim Essen so reden.

Wenn Gäste zu Besuch waren, saß man zusammen in dem weißen Zelt vor dem Haus. Die Zeit verging, und alle lachten. Mike war erst vor ein paar Wochen nach Bayern versetzt worden, und hatte eine kleine Wohnung in Spardorf bezogen. Bed & Breakfast. Das war ihm schon in Arizona zu Ohren gekommen, das Frühstück in Bayern war das beste der Welt. Und reichhaltig. So nahm er sein Fitnessprogramm wieder auf, obwohl ihm Laufen nie viel Spass gemacht hatte. ‚Runners High‘ war ihm noch nie begegnet, er fand das einfach nur öde und anstrengend. Nun aber, wo er eine so leckere Belohnung bekam, bayrisches Frühstück mit frischen Brezeln und Obatzda, wusste er wenigstens, wofür er sich quälte.

Schnell hatte er bei seinen morgendlichen Jogging-Touren Anschluss gefunden. Wachsame Augen aus alten Häusern hatten ihn stetig begleitet, bildeten eine Art Staffel, die ihn sozusagen übergab, an das nächste Paar Augen, wenn er gerade um eine Ecke bog. Ihm gefiel das.

Auf einem seiner Läufe war er dieser Familie begegnet. Das erste Mal lief der junge hübsche Haushund eine Weile neben ihm her, dann war der Zaun zuende und eine Frau lehnte sich über die Eingangspforte um ihn näher zu betrachten.

Am dritten Tag, es konnte ein Mittwoch gewesen sein, lud sie ihn ein. Auf einen Bohnenkaffee. Und als sie gerade bei der zweiten Tasse und eine Geschichte über gemeinsam aber getrennt erlebte Urlaube auf Hawaii sprachen, fing es nebenan zu schreien an; Zeeeäeeeeng, Zeeeäeeeeng.

Die Frau lächelte, und Maik lief ein Schauer über den Rücken.

Weiß

Weiß. Überall weiß.

Kein Schatten fällt, mit sechzig Watt strahlt weißes Licht aus einer weißen Lampe auf weiße Tapete. Den Strom beziehen sie aus roten Wasserfällen. Lokale Elektronen.

Und die rote Lampe des Rauchmelders prüft alle 360 Sekunden. Sich selbst, und dass es soweit klar bleibt. In diesem weißen Raum, made in China.→ weiterlesen

Leichtes Gepäck

Makadi Bay - Photo
Makadi Bay - Photo
Makadi Bay – (cc) RING2

Wenn ich reise, nehme ich mich mit – leichtes Gepäck also.

Wenn ich ankomme und mich umsehe, wird alles mehr, aufgefüllt mit Düften, die von Land herüber wehen, von Gesichtern, die lachen, forschen, verlangen. Fremdartige Boote, weisse Möwen, grelle und wunderschöne Seelichter – und Gesichter: Von berühmten Städten, verwunschenen Stränden und vergessenen Plätzen.

Aber schwerer wird es nicht.

Gefallen

Als ich fiel, konnte ich für eine kleine Weile entscheiden, worauf ich fallen wollte. Die Hände hatte ich tief in der Tasche meines langen Mantels vergraben, als ich stolperte. Nun blieb mir noch die Wahl auf den Knien zu landen, auf der Nase oder … ich riss mein Kinn nach oben und rummste mit dem unteren Teil meines Kiefers über die vom Regen nassen Kanten der Waschbetonplatten.

»Will I ever fall in Love again«, sang ich, als ich Blut triefend in die Küche meiner Gastgeberin kam. „Hej“, dachte ich, „was für ein Glück, dass Dein Vater Zahnarzt ist“. Ich war benebelt vom Sturz, die körpereigenen Schmerzmittel wirkten aber noch und so fühlte ich mich erstaunlich gut. Ein wenig dun, aber wenn ich ehrlich war umfing mich eine merkwürdige Hochstimmung.

»Dich schmeiß ich weg«, sagtest Du gerade zu einem Dutzend ausgeblühter Tulpen und ich wurde schlagartig traurig. Ich fiel von einem Gipfel in ein dunkles Tal. Auch die Musik aus dem Küchenradio konnte mich nicht wieder beruhigen, wie es deine DJ-Sets von Ibizaradio sonst immer taten.

Ich hatte Durst, unendlich großen Durst. Als ich mein Kinn befühlte, konnte ich die Hautlappen fühlen, die unter der Schwellung auseinander klafften. Ich trank den „Guten Morgen Tee“, den Du mir gemacht hast und fing an, Dich aufrichtig zu hassen.

Prosa User

Ich mag Prosa und ich mag Privatheit. Um beides zusammen zu bekommen und um Herrn Facebook es nicht allzu leicht zu machen, meine ganzen Daten zu lesen, auszuwerten und sie mir wieder zurückzuschicken in Form von Werbung, werde ich meine Postings hier ein wenig prosaischer machen.

Das klingt dann ein wenig übertrieben, unglaubwürdig, albern-doof, skurril verliebt, hoffentlich an Stellen einfach und zu komplex zugleich; und es ist ganz bestimmt nicht echt.

Es wird mir hier sonst zu langweilig zwischen Postern, Fotos, Statements, Zitaten, und Mittagessen.

Danke.