„Es ist alles gut“.

Als ich den Raum betrete, in dem Du seit drei Wochen wohnst, atmest Du einen vorletzten Zug von dieser Welt.

Eine kurze Pause, die ewig erscheint, ich streichle Dir die Wange und sage das, was alle sagen, die beim Abschied zurück bleiben: „Es ist alles gut“.

Einmal wendest Du noch den Kopf, ein letzter Atem verlässt Dein krankes Haus. Ist es vorbei, nun? Ist es aus?

Ja. Du regst Dich nicht mehr. Das merke ich erst nach einer Weile, als nichts weiter passiert. Deine Hand ist noch ganz heiß. Ab und an, glaube ich, hebt sich Dein Brustkorb, doch in Wahrheit tut er das nicht.

Falls jemand fragt, es war halb zwei. Keine Ahnung, ob das wichtig ist, dass das jemand weiß.

Ich mache das Fenster auf und lasse frische Luft hinein und Dich hinaus.

Nach einiger Zeit kühlt Deine Hand merklich ab. Die selbst und so lange erzeugte Wärme verlässt Deinen Körper.

Es ist still. Beinahe. Nebenan guckt ein Todgeweihter RTL2, ansonsten ist es sehr still. Draußen begrüßt eine Amsel den Frühling.

Ich bleibe noch eine Weile neben Dir sitzen, singe ein Matrosenlied, das schon lange in unserer Familie wohnt; rund Kap Hoorn und wedder retour.

Es kommt lange niemand. Hier herrscht keine Eile, wozu auch. Du bist den Zwängen des Notfalls, der Zeit an sich entzogen; endgültig.

In Hamburg ist für heute kein Regen angesagt, es bleibt wohl trocken.

Du hast nicht das Recht zu glauben, was du willst.

 

Haben wir das Recht zu glauben, was wir glauben wollen? Dieses vermeintliche Recht wird oft als das letzte Mittel der absichtlich Unwissenden, der Person, die durch Beweise und wachsende Meinungen in die Enge getrieben wird, behauptet: „Ich glaube, der Klimawandel ist ein Schwindel, was auch immer jemand anderes sagt, und ich habe ein Recht darauf, es zu glauben!“. Aber gibt es ein solches Recht?

Wir erkennen das Recht an, bestimmte Dinge zu erfahren. Ich habe ein Recht darauf, die Bedingungen meiner Anstellung, die Diagnose meiner Erkrankungen durch den Arzt, die Noten, die ich in der Schule erreicht habe, den Namen meines Anklägers und die Art der Anschuldigungen usw. zu erfahren. Aber Glaube ist kein Wissen.

Überzeugungen sind fakultativ: zu glauben ist anzunehmen, dass etwas wahr ist. Es wäre absurd, wie der analytische Philosoph G. E. Moore in den 1940er Jahren sagte: „Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es regnet.“ Der Glaube strebt nach Wahrheit – aber er bringt sie nicht mit sich. Überzeugungen können falsch sein, nicht gerechtfertigt durch Beweise oder begründete Überlegungen. Sie können auch moralisch abstoßend sein. Zu den wahrscheinlichsten Anwärtern gehören: Überzeugungen, die sexistisch, rassistisch oder homophob sind; der Glaube, dass die richtige Erziehung eines Kindes „den Willen brechen“ und schwere körperliche Bestrafung erfordert; der Glaube, dass ältere Menschen routinemäßig eingeschläfert werden sollten; der Glaube, dass „ethnische Säuberung“ eine politische Lösung ist, und so weiter. Wenn wir diese moralisch falsch finden, verurteilen wir nicht nur die möglichen Handlungen, die aus solchen Überzeugungen hervorgehen, sondern auch den Inhalt des Glaubens selbst, den Akt des Glaubens und damit den Gläubigen.

Solche Urteile können implizieren, dass der Glaube ein freiwilliger Akt ist. Aber Überzeugungen sind oft eher Geisteszustände oder Einstellungen als entschlossenes Handeln. Einige Überzeugungen, wie z.B. persönliche Werte, werden nicht bewusst gewählt; sie werden von den Eltern „geerbt“ und von Gleichaltrigen „erworben“, versehentlich erworben, von Institutionen und Behörden eingeimpft oder vom Hörensagen übernommen. Aus diesem Grund halte ich es nicht immer für bedenklich, einen Glauben zu haben, sondern es ist vielmehr die Aufrechterhaltung eines solchen Glaubens, die Weigerung, ihn zu bezweifeln oder abzulehnen, die freiwillig und ethisch falsch sein kann.

Wenn der Inhalt eines Glaubens als moralisch falsch beurteilt wird, wird er auch als falsch angesehen. Der Glaube, dass eine Rasse weniger als vollständig menschlich ist, ist nicht nur ein moralisch abstoßender, rassistischer Grundsatz; er wird auch als falsche Behauptung angesehen – wenn auch nicht von den Gläubigen. Die Falschheit eines Glaubens ist eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung, damit ein Glaube moralisch falsch ist; ebenso wenig ist die Hässlichkeit des Inhalts ausreichend, damit ein Glaube moralisch falsch ist. Leider gibt es in der Tat moralisch abstoßende Wahrheiten, aber es ist nicht der Glaube, der sie so macht. Ihre moralische Hässlichkeit ist eingebettet in die Welt, nicht in den Glauben an die Welt.

Wer bist du, dass du mir sagst, was ich glauben soll“, antwortet der Eiferer. Es ist eine irreführende Herausforderung: Es impliziert, dass die Bestätigung des eigenen Glaubens eine Frage der Autorität ist. Sie ignoriert die Rolle der Realität. Der Glaube hat das, was Philosophen eine „Mind to World“-Richtung der Anpassung nennen. Unsere Überzeugungen sollen die reale Welt widerspiegeln – und in diesem Punkt können die Überzeugungen verrückt werden. Es gibt unverantwortliche Überzeugungen; genauer gesagt, es gibt Überzeugungen, die auf unverantwortliche Weise erworben und beibehalten werden. Man könnte Beweise ignorieren, Klatsch, Gerüchte oder Zeugenaussagen aus zweifelhaften Quellen akzeptieren, Inkohärenz mit anderen Überzeugungen ignorieren, Wunschdenken umarmen oder eine Vorliebe für Verschwörungstheorien zeigen.

Ich will nicht auf den strengen Evidentialismus des mathematischen Philosophen William K. Clifford aus dem 19. Jahrhundert zurückgreifen, der behauptete: „Es ist falsch, immer, überall und für jedermann, irgendetwas zu glauben, wenn die Beweise nicht ausreichen“. Clifford versuchte, einen unverantwortlichen „Überglauben“ zu verhindern, bei dem Wunschdenken, blinder Glaube oder Gefühl (und nicht Beweise) den Glauben stimulieren oder rechtfertigen. Das ist zu restriktiv. In jeder komplexen Gesellschaft muss man sich auf das Zeugnis zuverlässiger Quellen, Expertenurteile und die besten verfügbaren Beweise verlassen können. Darüber hinaus, wie der Psychologe William James 1896 antwortete, müssen einige unserer wichtigsten Überzeugungen über die Welt und die menschliche Perspektive ohne die Möglichkeit ausreichender Beweise gebildet werden. Unter solchen Umständen (die manchmal eng, manchmal breiter in Jakobus‘ Schriften definiert sind), berechtigt uns der’Wille zu glauben‘ dazu, die Alternative zu wählen, die ein besseres Leben projiziert.

Bei der Erforschung der Vielfalt religiöser Erfahrungen erinnert uns James daran, dass das „Recht zu glauben“ ein Klima religiöser Toleranz schaffen kann. Jene Religionen, die sich durch erforderliche Überzeugungen (Glaubensbekenntnisse) definieren, haben Unterdrückung, Folter und unzählige Kriege gegen Ungläubige geführt, die nur mit der Anerkennung eines gegenseitigen „Rechts auf Glauben“ beendet werden können. Doch auch in diesem Zusammenhang können extrem intolerante Überzeugungen nicht toleriert werden. Rechte haben Grenzen und tragen Verantwortung.

Leider scheinen heute viele Menschen eine große Lizenz mit dem Recht zu glauben zu haben, indem sie sich über ihre Verantwortung hinwegsetzen. Die absichtliche Ignoranz und das falsche Wissen, die gemeinhin durch die Behauptung „Ich habe ein Recht auf meinen Glauben“ verteidigt werden, entsprechen nicht den Anforderungen von James. Betrachten wir diejenigen, die glauben, dass die Mondlandungen oder die Schießerei in der Sandy Hook-Schule unwirkliche, von der Regierung geschaffene Dramen waren; dass Barack Obama Muslim ist; dass die Erde flach ist; oder dass der Klimawandel ein Schwindel ist. In solchen Fällen wird das Recht zu glauben als ein negatives Recht proklamiert, d.h. seine Absicht ist es, den Dialog zu unterbinden, alle Herausforderungen abzulenken und anderen zu verbieten, sich in die eigene Glaubensverpflichtung einzumischen. Der Geist ist geschlossen, nicht offen für das Lernen. Sie mögen „wahre Gläubige“ sein, aber sie glauben nicht an die Wahrheit.

Der Glaube, wie der Wille, scheint grundlegend für die Autonomie, den ultimativen Grund der eigenen Freiheit zu sein. Aber, wie Clifford auch bemerkte: „Niemandes Glaube ist auf jeden Fall eine Privatangelegenheit, die sich nur um sich selbst kümmert“. Überzeugungen prägen Einstellungen und Motive, leiten Entscheidungen und Handlungen. Glauben und Wissen bilden sich innerhalb einer erkenntnistheoretischen Gemeinschaft, die auch ihre Wirkung hat. Es gibt eine Ethik des Glaubens, des Erwerbs, der Aufrechterhaltung und des Verzichts auf Glauben – und diese Ethik erzeugt und begrenzt unser Recht zu glauben. Wenn einige Überzeugungen falsch, moralisch abstoßend oder unverantwortlich sind, sind einige Überzeugungen auch gefährlich. Und darauf haben wir kein Recht.


Übersetzt vom Blogautor, Original von AEON, unter CC Lizenz by-na
Daniel DeNicola
ist Professor und Professor für Philosophie am Gettysburg College in Pennsylvania und Autor von „Understanding Ignorance: The Surprising Impact of What We Don’t Know (2017)“, der von der Association of American Publishers mit dem PROSE Award in Philosophy 2018 ausgezeichnet wurde.

Published in association with
The MIT Press
an Aeon Partner

Photo credit: PHOTOGRAPHY Toporowski on VisualHunt / CC BY

Aeon counter – do not remove

Resonanzboden

CC by visualhunt

Harmonien brauchen Resonanz. Wie Wellen, die sich an einem hellen Strand 🏝 brechen und ihr Dasein in einem charakteristischen Meeresrauschen vollenden, brechen sich die Töne unseres Wirkens, der Sound dessen, was uns widerfährt oder was wir selbst tun, an all den Kinken und Facetten unseres Lebens.

Vereinen sich zu einem einzigartigen Klang, der mit jedem Jahr voller und runder wird. ;)

Nu auf See …

Seenotrettungskreuzer – Photo credit: abbilder on Visual Hunt / CC BY-ND

Dieses Gefühl, wenn Gischt und Regen sich vereinen und vom Sturm getrieben, wie eiskalte Nadeln in das Gesicht stechen; einem den Atem raubend nur einen Wunsch zulassen: so schnell wie möglich hinein in den sicheren, ach irgendeinen Hafen, das kenne ich auch.

“Jetzt auf See und dann kein Schiff”

Und die Hochachtung ist kaum zu beschreiben, wenn man Geschichten von Männern liest, die freiwillig den anderen Weg gehen; vom sicheren Hafen in das klamme Inferno hinaus steuern, um anderen – vielleicht irgendwann auch mir – zu Hilfe zu eilen.

„Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie“

„Wie wundervoll das alles im Rückblick erscheint. Wie sehr man sich wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der Verachtung für den Kommerz überlebt hätte. Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie.

Das vielleicht interessanteste Merkmal der Zeit, die heute als die Sechziger Jahre etikettiert wird, war die Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. In diesem Sinne handelte es sich tatsächlich um einen utopischen Moment.“ (Susan Sontag)

An einem Nachmittag im Jahr 1966 begegnen sich Susan Sonntag und der Radiomann Jonathan Cott auf dem Campus von Berkeley zufällig und zum ersten Mal. 1978 treffen sie sich wieder; zu einem Interview, das legendär werden sollte. Erst in Sontags Pariser Wohnung, dann in ihrem Loft in New York. „„Die beiden Pole eines ausgeprägt modernen Empfindens sind Nostalgie und Utopie““ weiterlesen

Nick Hornby: Warum Vinyl-Platten wichtig sind – und was Wertschätzung damit zu tun hat

Mein erstes Importalbum: Ma Simba Bele – Unknown Cases. Importiert von Rocco Records in Hamburg und liebevoll angehört – immer wieder.

Nick Hornby, elder statesman der britischen Popkultur, hat dem Magazin „Reverb“ ein Interview gegeben, in dem es um Vinyl und das Besondere daran geht.

Interessanterweise beschreibt Nick Hornby am Beispiel des – immer noch nicht ausgestorbenen – Schallplattenalbum, was an der digitalen Welt derzeit im Argen liegt und wieso analoge Produkte uns den Dingen, die wir lieben wieder näher bringen.

Why is vinyl important?
I don’t think it’s important, really.

Nick Hornby: I skip tracks all the time, I listen to things for twenty seconds before deciding whether I like them

„Nick Hornby: Warum Vinyl-Platten wichtig sind – und was Wertschätzung damit zu tun hat“ weiterlesen

„Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen.“

„Mein Name ist Ernest Miller Hemingway Ich wurde am 21. Juli 1899 geboren. Meine Lieblingsautoren sind Kipling, O. Henry und Steuart Edward White. Meine Lieblingsblume ist Orchideen und Tigerlilien. Meine Lieblingssportarten sind Forellenangeln, Wandern, Schießen, Fußball und Boxen. Meine Lieblingsfächer sind Englisch, Zoologie und Chemie. Ich beabsichtige zu reisen und zu schreiben.“

Dies ist der erste Tagebucheintrag des neunjährigen Ernest Hemingway.

Schon als Kind können wir die Züge jenes direkten und vereinfachten Schreibstils erkennen, für den Hemingway bekannt wurde.

Erster Eintrag 1908 – vor 110 Jahren

Viele neunjährige Jungen haben Vorstellungen davon, was sie werden wollen, wenn sie groß sind, aber selten werden solche Visionen wahr. Im Falle von Hemingway hingegen schrieb und reiste er tatsächlich ausgiebig.

Die Unschuld des Tagebucheintrags ist weit entfernt von den Ereignissen, die sich 52 Jahre später ereigneten: nach einer langen Geschichte von Alkoholismus und psychischen Erkrankungen tötete sich Hemingway im Alter von 61 Jahren.

Ich habe meine ersten Schritte als Tagebuchschreiber als Heranwachsender getan, mit dem festen Wunsch, es Philippe Djian in Betty Blue gleich zu tun und ein Schriftsteller mit einem geschliffenen und unverwechselbaren Stil zu werden. Das viele Biertrinken hat mir auch gefallen.

Bevor das Wort „Blog“ oder „Weblog“ erfunden wurde, bevor alle Welt in Timelines schrieb, vertrauten die Menschen ihre Gedanken und Erlebnisse einem Tagebuch an. Einem „Journal“, wie es damals vornehm französisch hieß.

Photo credit: Franck Vervial on Visual hunt / CC BY-NC-ND

Podcasting mit Musik: wie tauglich ist die GEMA Podcast Lizenz

Ich podcaste seit einem Vierteljahr nun regelmäßig. Das Intro des 19:10 St. Pauli Podcast haben wir selbst komponiert und ansonsten die Werke anderer – wie schon beim Bloggen schmerzhaft gelernt – Stichwort Abmahnung – gemieden, wie das Weihwasser.

Dennoch: Musik und Podcast gehört irgendwie zusammen – so wie St. Pauli und Popkultur – und so kam schnell der Tag, an dem wir in unserem Podcast lizenzpflichtige Musik spielen wollten.

Wer in seinem Podcast Musik spielen will, muss Rechte einkaufen. Pauschal geht das bei der GEMA

Die Gema bietet schon seit über zehn Jahren einen speziellen Tarif für Podcaster an: Die Lizenz zur Nutzung des GEMA-Repertoires in Ihrem Podcast.

An diese Lizenz sind einige Bedingungen geknüpft, die ich im folgenden bewerten möchte… (Tim Pritlove hat die erste Version damals „angstgeladene Scheiße“ genannt, ist sie das immer noch?)

Bedingungen der Gema Podcast Lizenz:

  1. Musikstücke müssen an- und abmoderiert werden

    und zwar in der Form, dass man, wie die vielgehassten Radiomoderatoren meiner Jugend, wie Willem, in die Musikstücke hinein spricht. Ich vermute, dass damit vermieden werden soll, dass sich Hörer oder andere aus Podcasts die Musikstücke extrahieren.

    Fazit: Das ist gut machbar und passt zum Flow eines sprachegetriebenen Formates ganz gut. Fühlt sich beinahe, wie im Radio an – nennt mich Willem ;)

  2. Nur 50% des Musikstückes dürfen gespielt werden.

    Fazit: Das ist schon doof und der Ärger beginnt schon bei der Frage, „was ist denn genau die Hälfte eines Songs?“. Trotzdem, auch diese willkürliche Regel ist handlebar.

  3. Der Podcast darf nur unter zwei URLs angeboten werden.

    Fazit: Eine vollkommen unklare Regelung, die völlig außer Acht lässt, dass bspw. der MP3-Feed zwar genau eine URL ist, dieser aber bspw. bei Itunes oder Podcast.de unter anderen URLs abrufbar ist

  4. Laufzeiten/ Kosten pro Monat:

    LAUFZEIT 1 MONAT LAUFZEIT 2 MONATE LAUFZEIT 3 MONATE
    Intro/Outro, Euro 5,00 pro Monat 10 Euro 15 Euro
    Intro/Outro + 5 Songs je Monat, Euro 10,00 pro Monat 10 Euro 20 Euro 30 Euro
    Intro/Outro + 31 Songs je Monat, Euro 30,00 pro Monat 30 Euro 60 Euro 90 Euro

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann läuft die Podcast Lizenz der GEMA je Folge/Episode eines Podcast, d.h. ab VÖ solange, wie die Episode im Internet abrufbar ist. Das bedeutet aber, dass man mitnichten für 10 Euro eine Art Musikflatrate bekommt, sondern dass man je Episode, die GEMA-pflichtige Musik nutzt, zahlt. Das sind dann bei wöchentlichen Folgen schnell über 3.000 EUR Lizenzkosten im Jahr – und bleiben die Folgen online, geht das Zahlen munter weiter.

    Fazit: Für kleine Podcasts, die keine signifikanten Einnahmen generieren ist das eine echte Kostenfalle. Einzige Möglichkeit: die Podcast-Folgen nach Ablauf der Lizenz um die Musik bereinigen – so habe ich das gemacht. Ist aber ein Heidenaufwand.

  5. Die einzelnen Podcast-Folgen dürfen (inkl. Musik) nur 30 Minuten lang sein.
    Fazit: Willkürlicher Humbug. Ich kaufe eine Lizenz für fünf oder bis zu 31 Songs und darf die Folgen nicht länger als 30 Minuten lang werden lassen?

Fazit: Podcasten mit Musik macht mehr Spaß, der Benefit rechtfertigt aber den Aufwand nicht, weder den zeitlichen noch den monetären. Danke GEMA :(

Podcast Learnings: (1) Die Reichweite entsteht im Long Tail

Nun ist es knapp drei Monate her, dass ich meinen ersten Podcast gestartet habe. Inzwischen sind wir bei Folge (5) und haben noch immer Lust. Während ich selbst das Podcasten also noch lerne, versuche ich so viele Erkenntnisse, wie möglich festzuhalten; Fakten, die mich erstaunen, Erfahrungen, die ich so nicht erwartet habe.

Reichweite meiner Podcasts

Obige Grafik zeigt die Reichweite der dritten Folge meines St. Pauli Podcast und soll stellvertretend für eine Erkenntnis stehen, die sich bei allen meine bisherigen Folgen so ähnlich zeigt:

Ein großer Teil der Podcast Reichweite kommt aus dem Long Tail: 43%

In der ersten Woche nach VÖ sind erwartungsgemäß die meisten Zugriffe zu verzeichnen (57%), davon 29% am ersten Tag. Allerdings ergeben die kleckerhaft erscheinenden Zugriffe seitdem, dass

  1. Podcast Folgen auch nach der Veröffentlichung immer mal wieder angehört werden
  2. Der Anteil am Long Tail, also der Zugriffe und Downloads nach der ersten Woche auf inzwischen erkleckliche 43% beträgt (Downloads & Streams)

Fazit: Podcast-Produktion für einen längeren Verwertungszeitraum scheint sich zu lohnen.

 

Was willst Du wirklich ..? – eine Übung

Wann vergisst Du alles um Dich herum? Und falls Deine Antwort lautet „’Der Bergdoktor‘ schauen, bis ich alle Staffeln auswendig kann“ oder „meinem Goldfisch Morsesprache per Wasserblasen-Furzen beibringen“: Worum geht es Dir dabei wirklich, was ist der Kern, den Du auf eine andere Tätigkeit übertragen könntest? …

so beschreibt Blogger Tim Schlunzig eine von sieben Fragen, deren Beantwortung mich näher an das bringen sollen, was ich im Grunde meines Herzens tun möchte.

Eine interessante Lektüre – und Übung, die man sich nicht durch skeptisches Nachdenken vermiesen lassen sollte.

Ich war auf jeden Fall von der Klarheit des Ergebnisses überrascht. Als ich anfing nachzudenken, was denn der Kern dessen sei, was mich die Zeit vergessen lässt, mich in den berühmten „Flow“ bringt, erschien ein Begriff in meiner inneren Timeline – genau einer: „Was willst Du wirklich ..? – eine Übung“ weiterlesen

Was ich lernte, als ich einen Podcast startete …

Ich bin seit über einem Jahrzehnt Blogger, genauer: ich schreibe seit 2002 in das Internet. In verschiedenen Formen und zu verschieden Themen. Vor gut zehn Jahren sind soziale Netzwerke dazu gekommen, vornehmlich Twitter und Facebook. Bei Youtube bin ich einfach nicht heimisch geworden, was auch daran liegen mag, dass ich nicht besonders telegen bin.

Podcasts habe ich lange gemieden

„Was ich lernte, als ich einen Podcast startete …“ weiterlesen

Do it like Puff Diddy – literalize yourself

diddy: „I did it again BREAKING NEWS!!!! MY NEW NAME IS LOVE OR BROTHER LOVE!!! Or NOTHIN!
HAPPY BIRTHDAY TO ME!!!“

Warum ich auf Facebook meinen Namen ändere

Die banale Ernsthaftigkeit mit der die meisten von uns ihr digitales Alter Ego pflegen, langweilt mich – ich langweile mich.

Ich blogge nun seit 2003 und bin seit Juli genau zehn Jahre bei Facebook. Ich habe die sozialen Medien kommen gesehen und habe mich in ihnen niedergelassen. Dabei ist mir schon früh aufgefallen, dass ziemlich schnell alles Interessante aus meinem Leben und meinem Wahrnhemen erzählt ist. Bereits 2006 habe ich mich – damals noch bezogen auf das Phänomen Blog – mit einem Grimme-Preis-bewehrten Freund darüber unterhalten, wie man der Falle der Profanität entkommen kann.

Mehr Fantasie, mehr Stil, mehr Prosa

Er sagte mir damals, „dass sich die Blogosphäre weiter literarisieren müsste. Weniger bierernste Recherche (das kriegt man als Blogger sowieso selten hin), Nachgeplapper und Befindlichkeit. Mehr Fantasie, mehr Stil, mehr Prosa.“

Als ich heute im ZEIT Magazin Online einen Text über Puff Diddy, aka Daddy, aka Brother Love las, erkannte ich einen Ausweg.

„Das Prinzip, sich auch mal einen neuen Namen zu gönnen, wenn man spürt, dass man nicht mehr derselbe ist, der man gestern noch war, überzeugt uns total.“ – Peter Dausend im ZEIT Magazin

Ich habe es Brother Love gleich getan und meinen Namen auf Facebook geändert. Ich heiße dort nun „Erik Ilih“, Ili ist hawaiianisch und heißt auf deutsch „Haut“. Das „h“ habe ich, wie bei meinem Taufnamen dran gehängt.

Warum?

Ich erhoffe mir dadurch zweierlei:

  1. Innere Freiheit: ich habe mir – privat und beruflich – einen Ruf erworben. Grundsätzlich halte ich es zwar mit meiner Großmutter, die mir oft auf Platt riet: „Mok wat de wülls, die Lüt snack doch“; trotzdem will ich doch vermeiden, dass Menschen irritiert werden durch das, was ich schreibe. Dies unter einem Pseudonym zu tun macht freier und den Absender klarer – eine Kunstfigur.
  2. Äußere Freiheit: ich pflege meine beruflichen Kontakte über XING und Linked.in. Letzteres ist Drehpunkt meiner beruflichen Postings. Dies will ich stärken. Also gerne dort vorbei schauen.

Mein Mittel der Wahl: Camp

Um mein digitales Ego zu literarisieren, wähle ich die Form des „Camp“. Susan Sontag, amerikanische Publizistin, schreibt dazu: „(Im Camp) muss eine gewisse Theatralik, Leidenschaftlichkeit und Verspieltheit sichtbar werden; Camp-Ironie ist auch überwiegend auf sentimentale und liebevolle Weise ironisch, will die erwählten Gegenstände, Personen und Kunstwerke nie nur vorführen oder der Lächerlichkeit preisgeben. Ferner entsteht gute campy Kunst eher naiv und unfreiwillig“.

Das klingt nach viel Freiheit und weniger Langeweile. So kann ich ganze Winter auf Mallorca verbringen, mit Wolle Kubicki über Weißwein streiten oder einfach theatralisches Pathos spinnen – ohne dass ihr euch allzu sehr wundern müsst. :)

I did it again BREAKING NEWS!!!! MY NEW NAME IS TRIK OR Tricky RIK!!! Or NOTHIN!
HAPPY BIRTHDAY TO ME!!!

 

Gefällig 1.500 Stück gute abgelagerte Cigarren

Herrn Paul Koegel. Magdeburg !
Remscheid, 11. Mai 1869

Senden Sie mir gefl. (gefällig) wieder sobald als möglich:
1500 Stück gute abgelagerte Cigarren „Flor de Ynes“
wie erhalten á Thr (Taler) 22 pro mille (lat.: je Tausend)
500 Stück do (dito, ebenso) Rio Sella á Thr 18 ײ ײ
Ihrer gefl. Versandtsanzeige entgegensehend,

Zeichnet in aller Achtung
A Mannesmann

Adam: „OMG it’s Friday“

Freitag

Ich kann nichts daran ändern, die Namensgebung geht unaufhörlich weiter. Ich hatte einen so schönen Namen für dieses Gelände; er war hübsch und melodisch – Der Garten Eden.

Insgeheim nenne ich es noch weiter so, sage es aber nicht mehr laut. Das neue Geschöpf sagt, daß es hier nur Wald, Felsen und Landschaft gibt, und daß es deshalb keine Ähnlichkeit mit einem Garten hat. Es sagt, daß es wie ein Park aussieht und daher ein Park ist.

Deshalb muß es – natürlich ohne meine Zustimmung – in Niagara Wasserfall Park umbenannt werden. Das erscheint mir ganz schön willkürlich. Und schon steht da ein Schild:

Betreten des Rasens
verboten

Ich fühle mich nicht mehr so glücklich wie früher.

 

 

 


Aus:

Auszüge aus Adams Tagebuch
Mark Twain

Aus dem Originalmanuskript übersetzt 2003 von Arno Niemer
Quelle: Gutenberg SPIEGEL

Rotorblätter in der Nacht

Aufruf zur G20 Demo – abblätternd. L: Altona

Bekenntnis eines G20-Feiglings

Der Hubschrauber, der letze Nacht über mein Haus flog, hat mich erschreckt, hat mir die Tage vor und an G20 wieder ins Gedächtnis rotiert. Eine Minute nur stand er über unserem Dach, so wie die drei Polizeihubschrauber Anfang Juli die ganze Nacht. Dann – nach einer kleinen Ewigkeit – flog er weiter; vermutlich, um einen Schwerverletzten ins nahe Altonaer Krankenhaus zu fliegen.

Eine gute Sache also, dieser Hubschrauber. Eigentlich; aber seit dem Scholzschen „Fest der Demokratie“, als sich die Kanzlerin in Tateinheit mit dem Hamburger Bürgermeister einen Haufen von Chaoten und Despoten in die Stadt ein- und sich von der Polizei unbehelligt eine organisierte und spontane Wut entlud, führen alltägliche urbane Geräusche zu einer anderen biochemischen Reaktion, als vorher. „Rotorblätter in der Nacht“ weiterlesen

Jedes Mal, wenn es wärmer wird, vergessen meine Nachbarn über mir die Grundlagen der Physik.

tl; dr Balkonpflanzen gießen ohne Rücksicht ist asozial!


Es sind die ersten schönen Tage des Jahres, auch zum Feierabend ist es noch warm. Da beschleicht den Homo Metropolis eine Panik, die ihn alle Regeln der Höflichkeit und auch die der elementaren Physik (6. Klasse) vergessen lässt: Die Balkonpflanzen könnten sterben, wenn ich sie nicht sofort gieße, ach was übergieße, die armen Dinger; und mit dem groben Ausflussstück werden literweise Liebe und Zuneigung ausgeschüttet.

Die landet dann bei mir auf dem Schoß, auf der Schulter oder dem Abendbrot und ganz ehrlich?, ich finde das nicht mehr witzig, nicht tolerabel und echt asozial. Da wird auf Hinweis noch nicht einmal runtergeschaut, um sich zu entschuldigen. Geschweige denn vorher!

Ich habe meinen Nachbarn ganz oben (für die drunter gilt: je weiter oben desto rücksichtsloser; als wäre das eine Art Naturgesetz?) und den anderen Balkonpflanzenretter heute einen Brief geschrieben.

 

Im Wortlaut:

Liebe Nachbarn,

vielen Dank, aber ich hatte schon geduscht.

Ich weiß, es fällt jedes Jahr von Neuem schwer, sich an den Physikunterricht zu erinnern – Wasser fällt von oben nach unten – und da wohne ich.

Gießen ohne Rücksicht ist asozial!

Autogramm

Eben bei Tengelmann in München Moosach: ich bezahle meinen Einkauf mit EC-Karte. Als die Kassiererin routiniert den Bon und den EC-Beleg aus dem kleinen Drucker zieht, sagt sie, „Hier bitte noch ein Autogramm“.

„Für wen?“, lautet meine Antwort, während ich sie anlächele.
„Fur Michi“, sagt sie und lächelt zurück. :)