Paket

Paket

Als ich in die linke Tasche meiner Jacke fasse, raschelt es. Ich finde drei Einwickelpapiere von mini Daims. Ich erinnere mich nicht, sie jemals gegessen zu haben.

Ich werfe sie gedankenverloren in den Mülleimer, dessen ausgefeilte Klappdeckeltechnik nach zehn Jahren aufgegeben hat. „Ich kann ich mich nicht erinnern“, denke ich kurz, wann das noch heil war. Ich habe mich eingerichtet in dem Verfall. Ist mir immer noch lieber so, als die Anstrengung, das alles, diese vielen Kleinigkeiten zu reparieren oder weggeschmissen zu erneuern. Ich kann das alles sehr gut verdrängen, sehe nur ein kurzes Leuchten hinter meinem blinden Fleck.

Ihr wäre das alles aufgefallen. Und es hätte sie gestört. Unentwegt hätte sie Erneuerung und Engagement gefordert. Nicht zu verteidigen, weil sie ja immer recht hatte – eigentlich.

Der Bote mit dem fiesen Lächeln klingelt. Ich höre das schon an der Art, wie die elektronische Signalgeberin sich quält. Selbst diese einfache elektronische Schalte mag ihn nicht, da bin ich sicher. „Können Sie ein Paket fuer Wumsikowski annehmen, aus dem 5. Stock?“, fragt er rhetorisch und fügt heute eine geheuchelte Erklärung hinzu: „sind nicht da, hab geklingelt“. Meine Klingel zwinkert mir zu und schüttelt mit dem Kopf, ’nee, hat er nicht‘, will sie mir damit sagen.

Seit Corona muss man immerhin nix unterschreiben, keinen Kontakt mit der weltweiten Logistikkette riskieren, die neben Plattfernsehern und Schnellschleifern auch alles mögliche andere durch die halbe Welt kutschiert. Nachdem ich die Tür geschlossen habe, sehe ich mir das Paket kurz genauer an. Es ist flach und ganz und gar mit braunem Packpapier verschlossen.

Da dringt nichtmal Knoblauchgeruch durch, denke ich. Und wer war nochmal Finja Wumsikowski? Hatte ich diese Frau jemals gesehen? Im Treppenhaus? Vielleicht beim Vorübergehen. Eher Vorüberhuschen. Irgendwie tauchen in den letzten Jahren immer neue Leute hier auf, die ganz selbstverständlich den Schlüssel im schweren Schloss an der Haustür umdrehen. Wo kommen die alle her? Und wohin verschwinden sie wieder? Hat sich das mal einer gefragt, ausser mir jetzt?

Ob ich das Paket einfach aufmache? Immerhin habe ich ja den Empfang gar nicht quittiert. Neugier breitet sich in meinem ganzen Körper aus, fliesst durch meinen Kopf und erregt mich. Ich schüttele das Paket, aber es bewegt sich nichts.

„Es gibt keinen Weg zurück“, denke ich kurz, als ich die Schere aus der Küche an das braune, glänzende Paketband ansetze. Und wie stumpf und verrostet sie ist – die müsste ich eigentlich mal wieder schleifen, denke ich noch, bevor sich aus dem Paket etwas Bahn bricht – direkt in mein Gesicht.

Photo credit: hombertho on VisualHunt.com / CC BY-NC-SA