Flüchtige Ewigkeit

Heute gab es kein Morgenrot; der Himmel sandte keinen Hinweis gen Erde, dass er sich um was schert. Mit feuchten, grauen Fingern griffen mies gelaunte Wolken nach allem Lebendigen, saugten alle Energie aus mir heraus.

Ich betrat die Bodega gerade in dem Moment, als Du die Spülmaschine einräumtest, stoisch ruhig und mir abgewandt, umgeben von dieser Selbstverständlichkeit, die natürliche Schönheit ausstrahlt, mitten im Raum stehend, nicht aufdringlich aber unübersehbar.

In den Sekunden, die Du benötigst, Dich umzudrehen und mich mit Deinem offenen Blick fragend anzulachen, habe ich einen ganzen Film in mir durchgeschaut, in dem Dein blonder Zopf eine Hauptrolle spielt. Ich lächele schief und bestelle mir einen Café Solo.

Als Du mich nach meiner Meinung zu diesem Sauwetter fragst, legst Du den Kopf schräg  auf Deine Schulter und spielst unbewusst mit der Schleife Deiner Baristaschürze. Sekunden, die in meiner Erinnerung später zu Stunden gerinnen.

Ich trinke viel zu schnell und stelle meine leere Tasse auf den Tresen, lege ein paar Münzen dazu und nehme noch einen tiefen Blick und dieses vertraute Lachen mit auf den Weg.

Die Sonne hat Löcher in die Wolkendecke gerissen, als ich verliebt in den Moment auf die Strasse trete; einem anderen Leben entgegen.

Deine Lippen

Es gibt Lippen, die passen aufeinander und es gibt Lippen, bei denen ist jede Mühe vergebens.  Ihre Lippen passten auf meine, als wären sie dafür gemacht.

Voll umschloss ihre Oberlippe die meine, leicht angewinkelt, damit wir übereinander lagen, sie oben, während unten ein Hauch von Berührung nur zu spüren war. Nicht zu nass, nicht zu trocken. Die pure Verheißung.

Der Kuss ist so viel näher an der Seele, als alles andere. Der Mund bleibt das filigranere Instrument, dass ausserdem den Vorteil mit sich bringt, dass man während des Knutschens kein Dummes Zeug sprechen kann.

Als Iris meine Augen nach Absichten durchsucht, muss ich beinahe lachen. So frei von Hintergedanken war ich noch nie.  Als sie sich umdreht und nach unten geht, geht über dem Schloss gerade die Sonne auf.

Ich lächele ihr doof entgegen und bin kurz vor Glück betäubt, bevor der Entzug einsetzt.

Gleich gültig

Sie strahlte so viel Ruhe aus, dass einige schon Lethargie dahinter vermuten. Dabei war ihr jedes Gefühl gleich gültig, sie versuchte es zumindest. Die Wut und die Liebe, die glückliche und die unglückliche. Im Einklang mit der Pflicht, auch irgendwann den Müll runter zu bringen. Nicht auszurasten, wenn die Schraube vergniedelt und man nach dem Geständnis trotzdem weiter leben muss.

In einer Generation von Superheldinnen war sie eine Wohltat: Es zählte gleich, wenn ich sie küsste. Gleich viel, als wenn ich ihr von Ferne zulächelte. Oder nur an sie dachte, wie letzte Woche beim Geschirr spülen.

Love does not hurt …

Für den ganzen Tag war starker Regen vorhergesagt, den ein steifer Wind aus West von der Nordsee über meine Stadt fegen sollte. Bisher nieselte es nur, als ich einen Blick in den Baum vor meiner Terrasse warf, dessen Arme sich leblos in den grauen Himmel reckten. Es dauert bis nach Weihnachten, bis die letzte lebhafte Erinnerung an den vergangenen Sommer so verblasst, dass es mir schwer fällt, mir vorzustellen, wie dieser Baum mit vollem Grün aussieht.

Was, wenn jetzt immer Winter bliebe? „Love does not hurt …“ weiterlesen

Anweisungen an das Universum

Es ist eine tröstliche Vorstellung – und eine Erfahrung – dass die Dinge sich fügen, wenn man sie loslässt. Seine Wünsche delegiert. An einen Gott, an das Schicksal oder das große Ganze; an das Universum. Und wenn das Universum antworten könnte, dann klingt das in etwa so …

Gelegenheiten stehen vor Deiner Tür.
Neue Freunde sind auf dem Weg zu Dir.
Dringend benötigte Einfälle finden Dich.
Du hast eine weitere Chance.
Es wird heller.
Du fühlst Dich leichter.
Die Liebe wächst.
Bleib ruhig und bereite Dich vor.

Die Welt ist im Begriff, Dich zu erkennen.

Frei nach TUT.com

Geliebte Wut

Die Wut, von der er gar nicht sagen konnte, woher sie so plötzlich gekommen war, verzog sich aus seinem Bauch. Zurück blieb ein leichter Druck um seinen Magen, unmöglich war der mit Schmetterlingen zu verwechseln. Ob es am November lag, hatte er sich schon oft gefragt. Andere Menschen verliebten sich im Frühling, der passte viel besser zum Gefühl, als der verwesende Rest des Jahres, dessen Ereignisse wie Torf auf seiner Seele lagen.

Es war schon zehn Uhr vormittags und würde heute nicht mehr richtig hell. Tapfer wehrte er sich gegen den Drang, in die wohlige Tiefe seiner Melancholie einzusickern, die sich nun dort breit machte, wo die Wut Platz gemacht hatte.

Er blickte auf die Balkone gegenüber. Auf die Satelliten-Schüsseln, die alle auf denselben fernen Punkt ausgerichtet waren. Hinter ihnen flackerte kaltes Licht. Die Wiederholung der letzten Wetten dass ..? Sendung vielleicht oder eine türkische Soap Opera? „Geliebte Wut“ weiterlesen