Immerich

All die Zeit mit Dir, mit euch, die ist wichtig für mich. Es ist mein Leben.

Nun aber sitze ich hier allein, schaue in den dunkelblauen Himmel – es ist kalt, wie auf der Ostsee im September, wenn die Sonne der fallenden Kühle Platz macht – ich fühle mich unvollständig, ja, ich habe sogar ein schlechtes Gewissen.

Ein silberner Wagen kommt die Straße hinauf gefahren als wollte der Fahrer zur mir, ein Windhauch schlägt kühle Luft in meinen Nacken. Der Südstern strahlt mir entgegen, fordert mich auf, ihm zu folgen.

All das passiert ohne dich. Es passiert nur mir. Und als wäre es eine zu enge Jacke, streife ich das Gefühl ab, die Schuld, dass ich das alles alleine erlebe.

Danke Teju

Lieber Teju Cole,

danke für Dein Buch „Open City“… nicht nur für die Spaziergänge  durch NYC, das könnten auch andere Amerikaner erzählen, nicht so kontrastreich und auch nicht mit Deiner Perspektive. Was mich aber besonders beeindruckt, ist Dein scharfer Blick auf das winterliche Brüssel, der den Schrecken von Paris vorausahnend, den Rassismus europäischer Form so lebendig beschreibt.

Das hätte ich von einem amerikanischen Autor nicht erwartet.

Wie schaffst Du diesen tiefen Blick ins Jetzt dieser Welt? Ich bin beeindruckt, wenn ich Dich lese. Tief.

Eben im Fahrstuhl

Ich komme heute morgen sehr zeitig ins Großraumbüro in dem verlassenen Gebäude in München, das so wirkt, als hätten Unternehmensberater es in instantbesetzt. Der Steuerbord-Fahrstuhl am Mitarbeitereingang funktioniert schon seit einem halben Jahr nicht mehr. Das Schild, das eine „routinemäßige Wartung“ anzeigt, beginnt an den Seiten schon Wellen zu schlagen. Heute ist dann noch der backbord ausgefallen: wenn man ihn betritt, schließt er – beinahe – und ruckelt dann wieder auf. Immerhin, ich kam noch hinaus. Es kursieren Gerüchte über verhexte Fahrstühle, die vornehmlich externe Mitarbeiter anfallen und manche für Stunden gefangen halten. Ob ungewartete Fahrstühle ein Eigenleben entwickeln und sich gegen die Menschen wenden, die sie Trägern gleich hochschleppen müssen? Ich glaube es beinahe.

Der Fahrstuhl am anderen Ende des sehr langen Ganges mit den obskuren Flecken auf dem Boden funktionierte dann. Mit mir stieg ein weiterer Mann ein, kürzer als ich, dunkle Haare, in der einen Hand einen Cappuccino Togo und in der anderen ein DELL Notebooktasche – es ist Dienstag, da belibt der Rollkoffer im Ibis.

Wie es sich in Fahrstühlen gehört, schauen wir in verschiedene Richtungen. Da die Fahrstühle hier aber verspiegelt sind, ist das nicht immer ganz einfach. Nachdem sich unsere Blicke aus Versehen zweimal begeneten, steigt er im Vierten aus; ich fahre in den Fünftfen – und überlege kurz, den Rest zu laufen, will es mir aber mit dem Fahrstuhl nicht verscherzen. Nachher nimmt er es mir übel, dass ich ihn dann sinnlos in das nächste Stockwerk beordert habe und nimmt mich nächstes Mal doch gefangen.

„Routinemäßige Wartung“

Der aussteigende Mann grüßt kurz, ich grüße mit einem „Moin“ zurück, hänge noch spontan ein „hab einen schönen Tag“ dran. Der Mann, beinahe schon durch die Tür, dreht sich um und schaut entgeistert, so als hätte ich etwas Ungehöriges gesagt.

Ein paar Stunden später treffen wir uns im Vierten kurz wieder – auf Klo (da gehe ich immer in den Vierten, denn auf der fünften Etage sind alle WCs defekt oder werden seit einem halben Jahr „routinemäßig gewartet“) – da lächelt er kurz und murmelt: „dir auch einen schönen Tag“. Zum Glück hat das außer mir keiner gehört. 😉

Aux Armes, Töchter von Elysion

Ich wundere mich. Darüber, dass nach der Attacke der Terroristen nun wieder Flaggen gepostet werden, Nationalflaggen. Gestern die französische, heute die belgische.Man verstehe mich nicht falsch, ich liebe die Marseillaise, die Version von der Piaf besonders, und Struppi kann ich auch gut leiden. Aber waren das nicht Angriffe auf uns alle?, ob Deutscher, Brite, Türke oder Bulgare?

Ich zögere, einzustimmen in den Chor derer, die fragen, wo unsere Batches waren, als in Istanbul Bomben explodierten, genauso nebenan, wie Tel Aviv. Auch wenn die Frage berechtigt ist.

Ich suche das Verbindende und finde es. In der Vergangenheit, in der Europäer im Terror zuversichtlicher wurden, bei jedem Abwurf deutscher Bomben trotziger. Ich nehme mir ein Beispiel, an mutigen Israelis, die Tag für Tag Tram fahren. An syrischen Neudeutschen, die NPD-Kader bergen, an den Carsi Ultras, die gegen Erdogan aufbegehrten.

Ich verachte De Maizière. Und bleibe ein Grundrechtspatriot. Aux Armes, Töchter von Elysion: Lasst unsere Solidarität unsere Hymne und Umarmungen unsere wirksamste Waffe sein.

Mehr solche Flashmobs!

Hab ichs verdorben?

»Die Arbeit am Verdorbenen hat erhabenes Gelingen.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Vor dem Ausgangspunkt drei Tage,
nach dem Ausgangspunkt drei Tage.« IGING – GU

Süße reife Feigen, verbotene Frucht.
Der Fahrtwind der Flucht umweht uns, ich lege meinen Kopf in deinen Schoß.
Als ich mich darin verliere, ziehst du los.

Hab ich es verdorben? Die Ansprüche, die Schneewittchen an uns stellt, seit Ewigkeiten, sie passen mir nicht mehr. Laut ruft die Erkenntnis in meinem Kopf: Es gibt keine Prinzen.

Bei dir gerinnt die Zeit, alles duftet um uns herum. Ich möchte bleiben.

Als ich endlich erwache bin ich auf See. Kein Land in Sicht. Die Venus geht im Westen auf, trotzt ein klein wenig dem Ostwind.

Und ganz langsam verfliegt dein Duft, der mich so lange umfing.

Anweisungen an das Universum

Es ist eine tröstliche Vorstellung – und eine Erfahrung – dass die Dinge sich fügen, wenn man sie loslässt. Seine Wünsche delegiert. An einen Gott, an das Schicksal oder das große Ganze; an das Universum. Und wenn das Universum antworten könnte, dann klingt das in etwa so …

Gelegenheiten stehen vor Deiner Tür.
Neue Freunde sind auf dem Weg zu Dir.
Dringend benötigte Einfälle finden Dich.
Du hast eine weitere Chance.
Es wird heller.
Du fühlst Dich leichter.
Die Liebe wächst.
Bleib ruhig und bereite Dich vor.

Die Welt ist im Begriff, Dich zu erkennen.

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