Papa Eisbär

Papa, wenn wir so viel Autofahren, dann schmilzt das Eis und die Eisbären Haben nix mehr zu futtern.

Sagt eine Vierjährige an der Hand ihres Vaters, als sie eben an meinem Glas Grauburgunder vorbei gehen, und zieht ein wenig in Richtung Strasse. Der Vater zieht ein wenig gegenan, sagt „Wir fahren doch gar nicht soviel Auto“ und checkt weiter seinen Blackberry.

Foto: Alois Staudacher, CC share-alike

Kiel Kopfbahnhof: Hier endet alles, oder es beginnt.

Kiels Bahnhof ist ein Kopfbahnhof. Das passt irgendwie. Die Kieler Förde legt ihre Stirn quasi an den Kopf des Bahnnetzes. Hier endet alles, oder es beginnt. Kiel ist Transformation.

Hier endet alles, oder es beginnt.

Ich bin früh dran, an diesem regnerischen Sonntag ist nicht viel los. Meine Fahrkarte habe ich schon und setze mich mit einem Eis von Giovanni auf die Bank auf Gleis 3. Schräg neben mir sitzt ein Mann, hinter mir eine blondierte Frau; beide um die 40. Sean, so stellt sich der Mann in holprigem Deutsch vor, will nach Hamburg, und er fragt Christine – so heißt die Dame – und mich, ob das hier das richtige Gleis ist. Ja, das ist es, erklären wir beinahe zeitgleich.

Es entsteht eine Pause, während wir uns noch ansehen. Sean dreht sich weg und beginnt leise zu weinen. Sein Vater sei vor drei Stunden gestorben, sagt er, nun müsse er schnellstmöglich nach Irland.

Sein Atem riecht nach ertränkter Trauer. Seine Augen sind rot unterlaufen. Christine erzählt, dass sie nach Dortmund will, ihre Mutter hat Krebs. Es geht ihr nicht gut. Aber Hoffnung hat sie. Das freut uns, wir nicken stumm. Etwas in mir möchte, dass ich aufstehe und weg gehe. Weg von dem Leid, als ob es ansteckend wäre. Oder weil ich nicht dazu gehöre, ich weiß es nicht. Das selbst erfahrene Leid ist schon zu verwittert, um im Anblick des frischen nicht unhöflich zu wirken, und das kommende eben noch nicht da. Glücklicherweise. Der Schmerz der anderen ängstigt mich, wie es da neben mir auf der Bank sitzt.

Ich ermahne mich zu bleiben, sage aber nicht viel; höre ihnen still zu. Sean fliegt über Hannover und hofft, seinen Flug noch rechtzeitig zu erwischen. Ich überlege gerade fieberhaft, was „Beileid“ auf englisch heisst, als beide aufstehen, um innerhalb der gelben Markierung ein wenig das Gleis runter zu rauchen. Ich nutze die Gelegenheit und schlendere das Gleis hoch in die Gegenrichtung. Leise wünsche ich ihnen eine sichere Reise.

Dann steige ich in den IC, vorbei an zwei wild knutschenden Paaren. Das Leid, das mich eben noch dunkel umwob, wird lichter. Plötzlich bricht der Himmel auf, als der Zug sich in Bewegung setzt. Als die runden grünen Hügel vor Kiel an mir vorbei ziehen, schicke ich einen sanften Gedanken an Sean: „Mein Beileid“, denke ich, „my heartfelt sympathy“.

 

Segeln auf dem Meer des Lebens, solange Winde gehn und wir stehn

Es war an einem Sommertag im Juli im Norden, genauer im Süden Dänemarks, im Hafen von Høruphav, als ich bei Regen, 17 Grad Celsius Luft- sowie Wassertemperatur, einem älteren Herren beim Anlegen half. Er segelte bei 8-9 Bft. eine kleine, aber stabile schwedische Albin in den Yachthafen im Flensburg Fjord in dem wir schon seit Tagen eingeweht waren.

Auf meine erstaunte Frage, wo er denn nun herkomme, antwortete er belustigt: ‚von Kagnæs gegenüber, ich hab da geankert.‘ – und auf meine 2. Frage, wie alt er sei; ’82. Ich liebe das Meer. Mein Boot und das Meer, und irgendwann ist Schluss. – Tut mir nur leid für die, die mich finden‘ … und dann lachten wir.

Heute, sieben Jahre später, und ich denke an den ollen Segel-Kamerad, helfe ich einem alten Mann in Strande anlegen. Engländer, schlo-weiße Haare und ein Boot, dass tatsächlich noch kleiner ist, als unseres. Er kommt aus England, über die Nordsee und den Kanal – und ich bete zu allem, was mir heilig ist, dass mir auch ein Segler-Abend beschieden sein wird … Auf See ein Fahrensmann … bis zuletzt.

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