Zurückbleiben bitte

„Zurückbleiben heißt Zurückbleiben“, bellt der Fahrer der U1 durch seine altersschwachen Lautsprecher. Ich bleibe vor Schreck stehen und verpasse so den Zug.

Traurig blicke ich den Waggons hinterher, als sie im Tunnel verschwinden. Ein unachtsam weggeworfenes Einwickelpapier wird gegen seinen Willen hinterhergesogen.

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Immerhin, den Zurückgebliebenen gehört nun für ein paar Minuten der ganze Bahnsteig. #ecriture #ecritureautomatique #munich #prosa

Aufstehverbot

Es ist ein nasskalter Tag, die Wolken hängen tief über den glänzenden Dächern der Stadt, als ich mich gegen Mittag aus dem Bett schäle. Das Herunterwerfen meiner Decke war schon eine Überwindung, das Heraussteigen aus der Mulde, in der ich die letzten 12 Stunden verbracht habe, ist eine Quälerei. Statt Tanzverbot sollte es am Karfreitag ein Aufstehverbot geben – ich würde mich daran halten. „Aufstehverbot“ weiterlesen

Alte Zöpfe

Kehraus, alles muss raus.

Das globalisierte Schweden wirft Bäume aus dem Fenster. Nadeln verkletten mein Haar, wie Konfetti bei der Einlaufparade. Alt ist das nun, was gestern noch lila strahlte. Raus damit; aus Herzen und Köpfen.

Nur meine Gärtnerin mahnt, 'lass die alten Blütenstände stehen, sonst wissen die Neuen nicht, wie sie sich entfalten sollen‘ – stoisch streben sie immer noch gen Himmel; halten liebevoll die Stellung, während der kalte Ostwind an ihnen zerrt.

Einsame Vorbilder, tapfere Platzhalter.

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Photo taken at: Wintergarten St. Pauli

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Stark

Die Kälte des Winters steckt noch in allem, trotzdem die Sonne heute morgen schon viel Kraft hat.

Die Muffigkeit verfliegt langsam und nun warte ich darauf, dass auch die Traurigkeit vergeht, die ich in den dunklen Tagen aufgesogen habe, wie Wolle den Kerzenwachs. ##

Eine kleine Meise klaut sich Stroh aus meiner Fussmatte. Ihr hellblaues Gefieder strahlt brandneu, sie weiss es nicht besser. Als sie mich erblickt flieht sie auf indirektem Weg zu Ihrem Nest.

Grün ist wieder eine Bewegung von unten, alles pocht vom Boden aus, heraus und auf sein Recht. Die frischen Triebe kümmern sich nicht um die Schönheit des letzten Sommers. Frische Liebe ist brutal und sie ist. Stark.

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Gleich gültig

Sie strahlte so viel Ruhe aus, dass einige schon Lethargie dahinter vermuten. Dabei war ihr jedes Gefühl gleich gültig, sie versuchte es zumindest. Die Wut und die Liebe, die glückliche und die unglückliche. Im Einklang mit der Pflicht, auch irgendwann den Müll runter zu bringen. Nicht auszurasten, wenn die Schraube vergniedelt und man nach dem Geständnis trotzdem weiter leben muss.

In einer Generation von Superheldinnen war sie eine Wohltat: Es zählte gleich, wenn ich sie küsste. Gleich viel, als wenn ich ihr von Ferne zulächelte. Oder nur an sie dachte, wie letzte Woche beim Geschirr spülen.

Love does not hurt …

Für den ganzen Tag war starker Regen vorhergesagt, den ein steifer Wind aus West von der Nordsee über meine Stadt fegen sollte. Bisher nieselte es nur, als ich einen Blick in den Baum vor meiner Terrasse warf, dessen Arme sich leblos in den grauen Himmel reckten. Es dauert bis nach Weihnachten, bis die letzte lebhafte Erinnerung an den vergangenen Sommer so verblasst, dass es mir schwer fällt, mir vorzustellen, wie dieser Baum mit vollem Grün aussieht.

Was, wenn jetzt immer Winter bliebe? „Love does not hurt …“ weiterlesen

Sterne ohne Maß

Maß halten ohne Punkte zu zählen, das ziemt sich. Ziel erreicht.

Die inneren Kontrolleure haben immer recht. Das war die Regel bis gestern. In mir ist genug Liebe für drei Kerle. Und wenn die Rauhnacht ihren schwarzen Mantel über die Stadt legt, will ich nichts mehr essen. Nichts trinken.

Der Mund bleibt trocken. Keine Wärme strömt aus Ottensen, selbst wenn Jahrtausende altes Licht auf die nassen Strassenn fällt.

Zuvieles ist zu ungeordnet. Keine Ruhe findet sie im Chaos meiner Welt. Weihnachten steht vor der Tür und bricht Dir das Herz. Du Witzbold willst es wissen? Geh dich umziehen.

Geliebte Wut

Die Wut, von der er gar nicht sagen konnte, woher sie so plötzlich gekommen war, verzog sich aus seinem Bauch. Zurück blieb ein leichter Druck um seinen Magen, unmöglich war der mit Schmetterlingen zu verwechseln. Ob es am November lag, hatte er sich schon oft gefragt. Andere Menschen verliebten sich im Frühling, der passte viel besser zum Gefühl, als der verwesende Rest des Jahres, dessen Ereignisse wie Torf auf seiner Seele lagen.

Es war schon zehn Uhr vormittags und würde heute nicht mehr richtig hell. Tapfer wehrte er sich gegen den Drang, in die wohlige Tiefe seiner Melancholie einzusickern, die sich nun dort breit machte, wo die Wut Platz gemacht hatte.

Er blickte auf die Balkone gegenüber. Auf die Satelliten-Schüsseln, die alle auf denselben fernen Punkt ausgerichtet waren. Hinter ihnen flackerte kaltes Licht. Die Wiederholung der letzten Wetten dass ..? Sendung vielleicht oder eine türkische Soap Opera? „Geliebte Wut“ weiterlesen